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Full text of "Literarische Fehden im vierten Jahrhundert vor Chr: Chronologie der platonischen Dialoge der ..."

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Literariscie FeMen 



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vierten Jahrhundert vor Chr. 



Von 



Gustav Teichmüller, 

ordciitlichom ProtVusor der riiiludiiiihic in Dorput. 



Zweiter Band. 

Zu Platon'8 Schriften, Leben und Lehre. 
Die Dialoge des Simon. 



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Breslaii. 

Verlag von Wilhelm Koebner. 

1884. 




Literarische Fehden 



im 



vierten Jalirhundert vor Clir. 



Von 



Gustav Teichmüller, 

ordentlichem Profeitor der Philosophie in Dorpat, 



Zweiter Band. 



Zu Platon'8 Schriften, Leben und Lehre. 
Die Dialoge des Simon. 




Breslau. 

Verlag von Wilhelm Koebner. 



1884. 



\ 



Vorrede. 



liachdem ich den ersten Band dieses Buches yoUendet 
hatte ; wandte ich mich Arheiten aus dem G-ehiete der Specu- 
lation zu und schrieh die „Neue Grundlegung der Metaphysik" 
(oder über die „Wirkliche und scheinbare Welt"). Die Philo- 
sophie unserer Zeit ist nämlich seit dem Niedergang der Hegel- 
schen Speculation so plebejisch geworden, dass sie sich grössten- 
theils von dem bei der Kantischen Erndte abgefallenen 
positivistischen Stroh, welches ein Oomte und Spencer als Gross- 
händler vertrieben, zu ernähren beliebt und sich noch etwas 
darauf zu Gute thut, auch die sogenannten Resultate der Natur- 
wissenschaften, d. h. die dilettantischen Versuche einiger Natur- 
forscher in der Philosophie, sich anzueignen. Statt mit Piaton 
an den goldenen Tischen der Götter zu leben und mit Kant 
den empirischen Wissenschaften vom Olymp herab Gesetze zu 
geben, lassen sie sich, wie Bettler, von ihren Clienten füttern 
und beschützen. Ich habe deshalb versucht, der Philosophie ihre 
Hoheitsrechte und ihre königliche Würde wiederzuerobern, indem 
ich die Principien feststellte, auf denen sie ruht, und ihr eigen- 
thümliches speculatives Denken aus der schmählichen Abhängig- 
keit von den Spiegelbildern der sogenannten Erfahrung befreite. 
Da die philosophische Forschung sich aber immer an ihrer 
eigenen Geschichte orientiren und controliren muss und Piaton 
unter allen früheren die würdigste Stellung eingenommen und 
bis auf unsere Zeit hin die tiefsten Denker sich unterworfen 
hat, so ist man stets gezwungen, sich mit ihm zu beschäftigen, 
auch wenn man neue Lösungen für die Bedürfnisse der Gegen- 
wart finden und die Philosophie in ihrem Besitzstand erweitern 



II 

will. Die Platonische Frage ist jedoch jetzt in ein neues Stadium 
getreten. Um nämlich seine Lehrsätze und die Entwickelung 
seiner Gedanken vollkommen zu verstehen, muss man noth- 
wendig die chronologische Reihenfolge seiner Schriften und ihre 
Beziehungen zu den Parteien seiner Zeit wieder auffinden. Da 
ich nun mit dem ersten Bande meiner „Literar. Fehden^' diesen 
Versuch gemacht und seitdem von Freunden und Gegnern 
mancherlei Fragen und Aufforderungen an mich gelangten, so 
drängte ich für einige Zeit wenigstens die Speculation wieder 
zurück, um die angefangene historische Arbeit fortzuführen, 
stand der Wenn ich jetzt auf diesen zweiten Band hin- 

Arbeit. blicke, 80 kann ich in dem wirklichen Beichthum 

der Funde kein besonderes Verdienst meiner Arbeit erblicken; 
denn obgleich die so langdauernde Piatonforschung bisher bettel- 
arm an Funden gewesen ist, so war doch durch meine Literar. 
Fehden ein neuer Gesichtspunkt gegeben, von welchem aus die 
Platonischen Werke sich wieder als terra virgo zeigten, so dass 
jeder unbefangene Blick einen neuen Fund darbieten musste, 
weshalb ich auch meinte, den jüngeren Kräften, die vielleicht 
scharfsichtiger und glücklicher sind, ein vivat sequens zurufen 
und ihnen die Krönung des Ganzen überlassen zu können. Es 
ist in der That jetzt schwer, nichts Neues zu finden, obgleich 
man auf einem alten und so oft durchackerten Boden sucht; 
denn er ist ja nun durch viele deutlich sichtbare Wege mit den 
Gebieten der gleichzeitigen Autoren in Verbindung gesetzt, so 
dass er in seiner neuen Configuration die Fundörter gewisser- 
massen chartographisch aufzeigt. Die Schwierigkeit besteht 
jetzt aber doch nicht blos in der Mühe des Einsammelns und 
in dem Aufwand von Zeit, das Gefundene zu reinigen und ge- 
hörig zu beschreiben, sondern es bedarf immer, wenn man mit 
Piaton zu thun hat, einer hohen Gesinnung, eines philosophischen 
Geistes und einer Methode mit feinfühligen Reagentien. Doch 
kann ich versichern, dass solche Entdeckungsreisen auf scheinbar 
ganz bekanntem Boden nicht nur sehr unterhaltend sind wegen der 
vielen Ueberraschungen, sondern dass sie auch für die Geschichte 



m 

der Literatur, der Philosophie und überhaupt der'Cultur im vierten 
Jahrhundert noch eine grosse und reiche Ausbeute versprechen. 
In meinen früheren Arbeiten zur Feststellung 

^ Methode. 

des Platonischen und Aristotelischen Systems und 
ihres Verhältnisses hatte ich natürlich auch oft Veranlassung, 
Zeller zu berücksichtigen; denn ich stimme Dittenb erger 
durchaus bei, dass man sich zur vorläufigen Orientirung 
über den gegenwärtigen Stand der Forschung zuerst an 
das grosse und ausgezeichnete Werk von Zeller wendet. Wenn 
ich aber auch in einer besonderen Schrift („die Platonische 
Frage") Zeller's Auffassung als völlig ungenügend zum Ver- 
ständniss Platon's nachgewiesen habe, so hindert dies mich nicht 
im Geringsten, seine sonstigen Verdienste anzuerkennen, und ich 
empfehle meinen Zuhörern zur Einfährung in die Forschung 
immer Zeller's Werk als das beste, wie für die Literaturangaben 
und wegen der Kürze des Eeferats das ausgezeichnete Buch 
"von Heinz e (Ueberweg). Die principiellen Mängel der Zeller- 
schen Geschichte der Philosophie werden jetzt aber auch schon 
"von den Kennern auf diesem Gebiete überall aufgewiesen: ich 
erinnere nur an die interessante und sehr belehrende umfassende 
-Beurtheilung von Boutroux und an die Vorrede des geistvollen 
"Werkes von Benn. Mir liegt hier nur daran, den gänzlichen 
Mangel einer Methode bei Zeller anzumerken. Er gebraucht 
xiatürlich mit geübter Hand das allgemeine Handwerkszeug der 
Oelehrten, aber ohne die künstlerische Leitung einer von höheren 
Gesichtspunkten aus vorgeschriebenen Methode. Bei der Er- 
forschung des Systems wandte ich die comparative Methode 
xnit unbeschränkter Perspective an, indem ich nicht nur 
füe früheren, sondern ebenso auch die späteren Philosophen bis 
Huf unsere Zeit zur Vergleichung heranzog, wodurch der Athana- 
Bianismus Platon's und die fast völlige Abhängigkeit des Aris- 
toteles in's Licht trat.*) Bei Erforschung der Dogmen der älteren 



*) Die unbefangenen Erklärer des Aristoteles erkennen dies gleich 
an, so z. ß. Edwin Wallace, Aristotles Psychology, 1882, p. XXXVI. 



gnechischen Philosophen benatzte ich auch die orientalischen 
Weltanschauungen zur Vergleichung, wobei Herakleitos, ent- 
sprechend den neuerdings auch für die Kunstarchäologie immer 
mehr hervortretenden Motiven, in Abhängigkeit von ägyptischen 
Einflüssen gerieth.*) 



*) So willkommen mir jede neue Forschung ist, so versage ich doch 
meine Stimme solchen Versuchen, wie L. v. Schroeder einen in seiner 
Brochure „Pythagoras und die Inder" eben unternommen hat. Denn 
solche Yergleichungen können nur bei völliger Sachkenntniss Aussicht auf 
Erfolg haben, während der Verfasser hier mit fremden Augen sieht, wenn 
er die Prämissen seines ßeweises feststellt. Für den Obersatz hätten der 
Begriff und die Arten der Seelenwanderungslehren wissenschaftlich erörtert 
werden müssen; denn die pantheistische ägyptische Form ist nicht nur 
von der mythisch individualisirenden indischen ganz verschieden, sondern 
es giebt auch gar keinen sachlichen Grund, weshalb die Seelenwanderungs- 
lehren der anderen, mit den Griechen im Verkehr gestandenen Völker 
unberücksichtigt bleiben sollen. Für den Untersatz wäre aber ernsthaft 
zu untersuchen gewesen, ob Pythagoras auch nachweislich eine von jenen 
Lehren und speciell die indische vorgetragen hat. Denn die Geschichten 
von dem bekannten Lügner Herakleides Pontikos aus der Zeit Alexander's 
des Grossen, wo die Griechen schon in Berührung mit Indien getreten 
waren, darf man nicht als lautere Quelle für die Zeit des Pytha- 
goras benutzen. Auch steht entgegen, dass bei dem angeblich Pythago- 
reischen Empedokles die Seele ein blosses Verhältniss (Xoyos) und die Seelen- 
wanderung pantheistisch und materialistisch ist, wie bei Moleschott und 
Büchner; in Platon's Phaidon sind ebenso die Pythagoreer gegen Un- 
sterblichkeit im individuellen Sinne und erklären die Seele für eine Har- 
monie. Ich wünschte also erst die Beweismittel kennen zu lernen, wodurch 
den> Pythagoras die speciell indische Seelenwanderungslehre zuerkannt 
werden dürfte; denn auch die allgemeinen Zahlen als Pythagoreische 
Principien, von denen Schroeder redet, sind doch das gerade Gegentheil 
von einer mit individuellen, sich umwandelnden Seelen operirenden Physik, 
und wenn Aristoteles jene Seelenwanderung bekämpft, so vermisst er 
individuelle Principien, auf deren Energien seine Generationslehre beruht, 
während die pantheistische Umwandlungslehre keine individuelle und 
specifische Form erklären könne. Auch fehlt in den Nachrichten über 
Pythagoras das indische Colorit des Daseinsschmerzes, der Wiedergeburts- 
angst und der Weltflucht, die uns Schroeder nach Deussen und Oldenberg 



Bei der speciellen Frage der Chronologie der Platonischen 
Dialöge, die uns hier beschäftigt, verfährt Zeller nach subjectivem 
Ermessen, indem er blos begutachtend und auswählend die 
Resultate der yerschiedenen früheren Forscher sich aneignet und 
ein synkretistisches Ganzes zusammenstellt. Wenn von einem 
leitenden Gesichtspunkt und einer Methode dabei die Rede sein 
soll, so dreht es sich nur um das Princip der Majorität; 
denn was die meisten und die angesehensten Forscher überein- 
stimmend gesagt haben, das gilt ihm als wahr. Dies Princip, 



schildert; wir haben vielmehr mit grossen praktischen Staatsmännern, 
Generalen und Gelehrten zu thun, die nicht als Bettler und Büsser die 
Welt durchirren, sondern einen politisch mächtigen und höchst vornehmen 
Kreis von welterfahrenen Männern bilden und ihre wissenschaftliche Geheim- 
lehre von dem, was dem Volke zu glauben gut ist, genau unterscheiden. 
So fehlt also bis jetzt die ganze Grundlage eines Beweises. — Was zweitens 
die geometrischen Sätze betrifift, so scheint mir Gantor Recht zu 
haben, der die Abhängigkeit der indiscfain Geometrie von der griechischen 
für „unzweifelhaft" hält. Schroeder hätte hier eine gründliche, chrono- 
logische Abhandlung geben müssen, statt mit Wahrscheinlichkeiten und 
blossen Meinungen umzugehen. Wir haben es ja erlebt, wie Weber 
namentlich die angeblichen Entlehnungen Homer's und Anderer umgekehrt 
hat, und es ist noch keine auch für das nächste Jahrzehnt ganz vertrauens- 
würdige Chronologie der hier in Betracht kommenden indischen Literatur- 
werke bekannt geworden. Und selbst wenn einige Werke einem bestimm- 
ten Jahrhundert mit voller Sicherheit zugeschrieben werden müssen, so 
fehlte wieder ein Beweis, dass die tradirten Capitel desselben ihm auch 
alle ursprünglich angehört hätten. Wenn jetzt selbst die orthodoxesten 
Theologen beträchtliche Einschiebungen in die Evangelien aus späterer 
Zeit zugeben, so bedarf es noch recht vieler Arbeit, um die absolute Inte- 
grität indischer Bitual-Sammelwerke zu beweisen. Und selbst wenn dies 
feststünde, so wäre nicht ex silentio zu sohliessen, dass die Aegypter nicht 
ähnliche Eitualbedürfnisse gehabt und die Aufgaben in derselben natürlichen 
Weise gelöst hätten. Wenigstens klingt doch kein Laut von den indischen 
Vorstellungen über die welterschaffende Macht des Opfers und dergleichen 
durch die Pythagoreischen Fragmente. Kurz, ein Beweis, der strengeren 
wissenschaftlichen Bedürfnissen genügen könnte, ist von Schroeder nicht 
geliefert. 



VI 

das in politischen Versammlungen brauchbar ist, um eine Willens- 
einigung herbeizuführen, beweist für Forschungen nur den Mangel 
an sachlichen Gründen und die Unselbständigkeit der Ueber- 
zeugung des Forschenden; denn ein einziger sachlicher Grund 
lässt*ja Billionen von Meinungen gewöhnlicher und angesehener 
Gelehrten und Laien in die Höhe schnellen, und wer beim 
Forschen immer nach rechts und links sieht, ob er auch in dem 
Fahrwasser sei, in dem die Anderen segeln, der zeigt damit nur, 
dass er selber den Weg nicht weiss und darum nicht berufen 
ist, durch Erkenntniss der unwandelbaren Gestalt der Natur 
und der Geschichte Andere zu leiten. 

1. Die speeieiie Darüber habe ich schon in der Vorrede zu 

Methode. meiner Metaphysik gesprochen, auf die ich ver- 

weise, und ich will hier nur bemerken, dass man bei der 
Forschung immer einer speciellen und einer universellen Methode 
zu folgen hat. Die specielle Methode ruht hier auf der 
Definition des Kunstcharakters der Platonischen 
Dialoge, der zum ersten Mfctle in diesem Buche festgestellt ist. 
Als charakteristisch für die daraus abgeleitete Methode hebe 
ich hervor , dass hier zum ersten Male sowohl die Biographie 
Platon's, als auch die Chronologie der Dialoge principiell auf 
die Interpretation der Dialoge selbst zurückgeführt wurde. Die 
Zeugnisse der alten Autoren dienen mir nur zur Confirmation, 
nicht als Prämissen oder sogenannte Quellen. Zur Confirmation 
habe ich zuerst principiell auch den Werth der Anekdoten 
anerkannt, die von den bisherigen Forschem als werthloser 
Klatsch bei Seite gelassen waren, obwohl keiner von ihnen nur 
einmal im Stande gewesen wäre, eine exacte Definition von dem 
Wesen der Anekdote zu geben, ich meine keine ungefähre Be- 
schreibung, wie sich derlei in den Handbüchern über Aesthetik 
findet, sondern eine strenge Definition in zwei Wörtern, von 
denen das eine das genus proximum, das andere die specifische 
Differenz enthält, wie eine solche stramme Form als exacter 
Ausdruck der dialektischen Schärfe einem wahrhaften Philo- 
sophen allein ansteht. Bald nach dem ersten Bande meiner 



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„Lit. Fehden" erschien aber eine gleichzeitig verfasste Arbeit 
von Dittenberger, die von einem riesigen statistischen 

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Material über den Platonischen Sprachgebrauch, das sie in petto 
behielt, einige glänzende Proben zum Besten gab. Den un- 
ermesslichen Werth solcher Materialsammlung sollte Niemand 
leugnen, da sie, wenn sie nur erst vollständig publicirt wäre, 
jiach allen Seiten hin fruchtbar werden müsste; für unsere 
Frage kommt aber Alles an auf die Kritik ihrer Verwendung 
und auf den Geist, durch welchen sie überhaupt lebendig ge- 
macht wird. Nach beiden Seiten hin hat Dittenberger die 
schönste Besonnenheit und den feinsten Scharfsinn an den Tag 
gelegt, obwohl er nach meinem Urtheil etwas zu viel auf die 
Proportionalzahlen für die früheren Dialoge zu geben scheint, 
da die accidentellen Umstände doch nur bei grossen, zusammen- 
stimmenden Massen eliminirt werden können. Dittenberger's 
statistische Methode confirmirt nun im Grossen und Ganzen 
meine Besultate. Da diese Statistik aber überhaupt nur eine 
Semiotik enthält, so muss der Werth der Zeichen, wo sie directen 
-Zeugnissen widersprechen, im Einzelnen discutirt werden, sofern 
beim Sprachgebrauch Willkür, Kunst, Accidenz und natürliche 
INothwendigkeit sich mischen. 

Ausser der speciellen Methode muss man aber g. universelle 
einer universellen heuristischen Methode Methode, 
folgen, welche die bisherige Logik noch nicht kennt. Die 
^Aristotelische und die neuere sogenannte formale Logik basirt 
<äie Schlussfiguren auf das Princip der Quantität. Dadurch ent- 
stehen die vielen Fehler*) und unnützen Spitzfindigkeiten dieser 
XiOgik, die zuweilen den Eindruck macht, für die eigentliche 
Forschung überflüssig zu sein. Die zu meiner Metaphysik 
Xind Erkenntnisstheorie gehörige Logik ordnet die Figuren in 
^iner neuen Weise und zum eigentlichen Gebrauch für die 
Forschung und Kritik. Die erste Figur beruht auf dem Wesen 



*) Einen solchen Fehler habe ich z. B. an dem wichtigsten Princip 
d^er formalen Logik (im ersten Bande der Liter. Fehden S. 64) nachgewiesen. 



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des Gesetzes und benutzt daher als Identitätsfigur das 
Princip der Identität und Quantität. Die zweite Figur beruht 
auf dem zweiten Vorgänge des Denkens, auf der Entgegen- 
setzung, und benutzt daher das Princip des Widerspruchs als 
Oppositionsfigur. Die dritte Figur bildet die universelle 
heuristische Methode und beruht auf dem von mir sogenannten 
Princip der Coordination. Ich nenne sie den Syllogismus 
investigatorius. Obgleich die systematische Erörterung der 
Logik an einen anderen Ort gehört, will ich mir doch erlauben, 
diese Methode durch ein paar Beispiele zu illustriren. Zuerst 
den fehlerhaften Gebrauch der Figur. Es soll der Zusammen- 
hang zweier Dinge, deren Coordination man nicht kennt, erforscht 
werden. Nun schliesst z. B. North: Gewisse Dialoge eines 
unbekannten Autors sind in dorischem Dialekt verfasst; die 
Fragmente der Pythagoreer sind in dorischem Dialekt verfasst; 
also gehören jene Dialoge zu den Fragmenten der Pythagoreer. 
Hierbei ist gar nicht untersucht, ob der Dialekt nicht ein 
Accidens für die Dialoge ist. Aehnlich schloss Boeckh: 
Der Minos handelt Ttegt vo^ov gemäss der zweiten Ueber- 
schrift dieses Dialoges; der Schuster Simon hat nach dem 
Katalog bei dem Laertier einen Dialog Tteqt vofiov ge- 
schrieben; also ist Simon der Verfasser des Minos. Dabei 
wird nicht beachtet, dass dieser Gegenstand ein Commune, dass 
der Dialog eine Becension ist und dass Simon ein Aristokrat 
und ein Mann von tiefer Einsicht und hoher Gesinnung 
gewesen wäre, wenn er hätte den Minos schreiben können. 
Im Gegensatz zu dieser unlogischen Anwendung der dritten 
Figur*) erlaube ich mir die heuristische Methode zu 



*) Die gemeine, seit Aristoteles giltige Logik macht den medius in 
der dritten Figur zum Subject, in der zweiten zum Prädicat, was sehr 
lächerlich ist, da in der zweiten Figur wegen der Verneinung von keiner 
Unterordnung unter ein Allgemeines die Rede sein kann. Die grammatische 
Wortstellung ist völlig gleichgiltig, da überhaupt blos ein S u. P in Be- 
ziehung zu einem irgendwie gemeinschaftlichen dritten Punkte M ihrer 
functionellen Coordination nach bestimmt werden sollen. 



IX 

exemplificiren. Zunächst dreht sich's um Feststellung des 
Gresichtspunktes ; denn bald sucht man die sogenannte Cau- 
salität y bald Identität j bald Zugehörigkeit , Gleichzeitig- 
keit u. s. w. Da man nun etwa bei den Jia^^eig eines 
unbekannten Verfassers diesen Verfasser in's Auge fasst, so 
dreht sich's um Identität. Demgemäss kommt es jetzt zweitens 
darauf an, das gegebene Object, also die Dialoge, durch so viel 
Strahlen als möglich zu schneiden, um möglichst viel Beziehungs- 
punkte vor Augen zu haben. So achten wir auf die Capitel- 
überschriften, auf den Stil und seine einzelnen Eigenschaften, 
auf die vorgetragene Lehre, auf die Beziehungen dieser Lehre 
zu* den bekannten Lehrsätzen der griechischen Philosophen, auf 
die einzelnen Termini, auf das Fehlen zu erwartender Termini, 
auf Zeitbestimmungen, auf Nennung von Personen und Sachen, 
auf Anspielungen u. s. w. Durch den Inhalt * der Lehre wird 
das Feld der Möglichkeiten gleich auf das kleine Gebiet der 
Skeptiker und Eristiker eingeschränkt; durch den Friedens- 
schluss des peloponnesischen Krieges als jüngstes Ereigniss wird 
sofort ein Sokratiker kurz nach Sokrates Tode determinirt; 
durch die Capitelüberschriften wird die üebereinstimmung mit 
den Titeln der Dialoge des Simon dargeboten. Also ist jetzt 
typothetisch Simon = P. Nun müssen wir versuchen, den 
identischen Punkt P ebenso durch möglichst viel Strahlen zu 
zerlegen. Wir verfolgen also alle Nachrichten über Simon, die 
2ahl und Benennung seiner Schriften, die Zeit, wann sie ab- 
gefasst sein sollen, seine Parteistellung, seine freundschaftlichen, 
öeine feindlichen Beziehungen, den Ort, wo er sich aufhielt, 
Seine Beschäftigung, seine auswärtigen Beziehungen u. s. w. 
"Wenn nun alle diese Strahlen immer durch die in den anonymen 
XDialogen gefundenen Beziehungspunkte gehen: so muss noth- 
"Wendig Simon als Centrum derselben betrachtet werden, und 
"Wir werden nach der dritten Figur Simon als den Verfasser der 
5i.nonymen Dialoge erschliessen. Sollten aber einige Beziehungen 
^icht zutreffen, so werden sie ebensoviel Instanzen bilden, und 
die Probabilität wird nach der Zahl und Wichtigkeit der 



X 

Instanzen abnehmen. Einige sind nämlich Instanzen derartig, dass 
sie die Hypothese nicht vernichten, ich meine, wenn sie Acci- 
dentelles betreffen und durch irgend welche annehmbare zu- 
fällige umstände erklärt werden können; in keinem wesentlichen 
Punkte darf aber eine Instanz stattfinden. In unserem Falle 
ist auch nicht ein einziger Beziehungspunkt vorhanden, der 
gegen die Autorschaft Simon's geltend gemacht werden könnte, 
mit Ausnahme des dorischen Dialekts, für welchen sich aber 
ein probabler Beziehungsgrund von selbst darbietet. 

Nach dieser heuristischen Methode sind nun 
Resultate. in meinen „Literar. Fehden" die Dialoge Platon's 
der Dialoge. untersucht , um durch die Coordinationen mit den 
Schriften gleichzeitiger Schriftsteller und mit Zeit- 
ereignissen oder bekannten Thatsachen aus Platon's Leben ihre 
Reihenfolge und Abfassungszeit festzustellen. Alle die grossen 
und wichtigen Dialoge konnten auf diese Weise bestimmt werden, 
diejenigen aber, welche ich hier einfach weggelassen habe, sollen 
damit nicht etwa als unecht oder unwichtig verdächtigt sein, 
sondern bleiben nur für eine spätere Gelegenheit vorbehalten, 
weil das Buch schon zu sehr anwuchs und andere Arbeiten vor- 
läufig wieder für mich an die Reihe kamen. Ich hoffe, man 
wird mir verzeihen, dass ich nicht um der regelrechten Voll- 
ständigkeit willen die Publication dieses Buches unterliess. 
Man möge nur jeden Theil desselben als Fragment betrachten 
und das Ganze als eine blosse Sammlung; sobald die noch 
fehlenden Stücke durch mich oder Andere ergänzt sind, so werden 
sich schon geschickte Hände finden, die ein schönes künstlerisches 
Werk aus den Fragmenten herzustellen wissen. Meine Absicht 
war nur, das Princip für die ganze Platonische Frage in's 
Reine zu bringen und eine sichere Methode für die Erforschung 
der Reihenfolge der Dialoge festzustellen. Dass meine ganz 
durchsichtige und schlichte Arbeit denjenigen Gelehrten, welche 
sich schon seit langer Zeit in ihre künstlichen und dunklen 
CoDstructionen eingesponnen haben, nicht willkommen sein wird, 
ist selbstverständlich, und es kann mir ihr Missfallen nur erfreulich 



sein, weil das Neue und Wahre ja von dem Alten und Falschen, 

das sich gerichtet fühlt, befehdet werden muss; wie aber mein erster 

Band, den ich nut dem Motto %oiva ta twv {pikwv entliess, 

wirklich Freunde gefunden hat nicht nur in Deutschland, sondern 

auch in Frankreich, England und Italien, so hoffe ich, wird auch 

diesem zweiten Bande bei den echten Freunden Platon's Gehör 

und Zustimmung nicht fehlen. Die verbissenen Anhänger der 

alten Meinungen werden freilich in ihrem selbstgewählten 

Gefangniss sitzen bleiben und immer ihr eingelerntes altes Lied 

pfeiffen; die lebenskräftigen Forscher aber werden mit mir 

weiter arbeiten und immer neue Harmonien entdecken, bis das 

ganze Leben und Denken Platon's aus den Dialogen selbst offen 

zu Tage gebracht ist. 

Zu den Resultaten meiner Arbeit rechne ich 

a»iich die strenge Definition des Kunstcharakters der 

i^latonischen Dialoge. Piaton gab nicht rein objective Dramen 

zum Besten, sondern blieb sich immer bewusst, dass er der Dichter 

und Theaterdirector war, der seine Personen reden liess, was er 

ipv^ollte, auch wenn dies historisch in ihre Rollen nicht hinein- 

p^fcsste, sondern nur der Platonischen Gegenwart galt. Darum 

ixx-iiss man sich abgewöhnen, die Rollen zu objectiv zu fessen, 

U-xxd muss vielmehr das Ganze immer auf das schöpferische 

O^ntrum, d. h. auf Piaton selber beziehen, der beliebig diese 

<>cier jene Form zur Mittheilung seiner eigenen Gesinnung be- 

i^"t:»tzte. Man wird darin eine Aehnlichkeit mit Shakespeare 

fi-^»^den, der z. B. in seiner grandiosen Tragödie Hamlet die Rolle 

d^s Prinzen benutzt, um seine Theorie über die Aufgabe des 

■L Ixeaters vortragen zu lassen, den Schauspielern Verweise und 

■^ Ölleitung zu geben, den Geschmack seiner Zeit, die sich an 

^iuderschauspielen ergötzte, kräftig zu geissein und dem ganzen 

^vitlikum zu sagen, dass er das Urtheil eines einzigen Einsichts- 

^c^Uen über den Beifall des vollen Schauspielhauses stelle (Act III. 

°^- 2 und IL 2.). Wenn diese Parabase nun etwa geschickt 

S^Uug in die objectiven Umstände der Scene eingewebt zu sein 

^^teint, so kann doch sonst auch leicht genug gesehen werden, 



xn 

dass er seine Personen nicht nur gebührend idealisirt, um uns 
nicht auf die Geschworenenbank zu versetzen und mit den eklen 
Motiven gemeiner Verbrecherseelen zu unterhalten, sondern dass 
er auch ordinären Rollen seinen reichen philosophischen Geist, 
fast möchte man sagen gegen das Gesetz der Kunst, einhaucht. 
So z. B. ist die Selbstironie, welche der König (I. 2) statt seines 
Narren aussprechen muss, Shakespeare'scher Humor, nicht aber 
im Stile des Mörders gehalten, und ebenso athmen die philo- 
sophischen Betrachtungen des Königs (IV. 7) über das Ver- 
hältniss von Zeit und Liebe und über Wollen und Ausführung 
Shakespeare'schen Geist und machen den Bösewicht bedeutender 
und geistvoller, als er im Verhältniss zu seinen Thaten sein 
dürfte. Shakespeare ist sich aber vollkommen bewusst gewesen, 
dass die Weisheit und geistige Schönheit, die er so ver- 
schwenderisch ausstreut, eigentlich nicht zur Rolle gehörte, 
weshalb er häufig genug mit den Worten abbrechen lässt: doch 
zur Sache oder: schon zu viel hiervon (III. 2 Hamlet über den 
besten Menschen). Aber nicht nur in den Parabasen und in 
dem verschwenderischen Gebrauch seines Geistes gleicht Shake- 
speare dem Piaton, sondern auch in dem nur den höchsten 
Genien der Menschheit eigenen Humor. Der zierliche und 
philisterhafte Isokrates, der trockene und praktische Lysias zeigen 
keine Spur von humoristischem Genius, Aristipp und Diogenes 
haben eine Art von Galgenhumor, indem sie das Niedrige und 
Tn würdige ihres Lebens durch frechen Witz mit der Höhe ihrer 
Ansprüche in Gleichung setzen; aber nur Piaton hat den echten 
Humor, wenn er die Idee mit ihrer Erscheinung spielend aus- 
gleicht und die tragische wie die komische Seite der Auffassung 
bald gesondert, bald vermischt zur Darstellung bringt, in sich 
selbst aber immer die Versöhnung wenigstens ahnen lässt. Wenn 
Hamlet über seinen ermordeten, unter dem Boden redenden 
Vater spottet und ihn witzig „alter Maulwurf" u. dgl. nennt, so 
wird dem Komischen dieser kindischen und volksthümlichen 
Erscheinungsweise Genüge geleistet, das Tragische und Wahre 
Öer Scene aber doch zu yoUem Ausdruck gebracht. Aehnlicb 



XIII 

stellt sich tlatoü. Die Welt ist ihm so, wie die Kinder sich 
ihr Spielzeug wünschen, zerbrechlich und in allen Theilen be- 
weglich und doch immer heil und fest. Die Menschen sind ihm 
Marionetten, die an den Drähten ihrer Leidenschaften gezogen 
und zu den verschiedenen Handlungen genöthigt werden, und 
doch ist ihm das Leben die heiligste Angelegenheit und Gott 
unschuldig an der Sünde. Die Menschen sitzen in einer dunklen 
Höhle und rechnen mit Schatten, verlachen aber den, der aus 
dem Licht der Begriffe kommt, ihnen die Wahrheit sagt und 
die Nothwendigkeit dieser Verkehrung der Welt erkennt. Die 
Seele ist mit Schmutz und Seetang bedeckt, hässlich und werth- 
lo8 dem Anblick, in ihr wohnt aber doch die Gottheit, und sie 
kann immerdar durch die Dialektik die Himmelfahrt halten u. s. w. 
Interessant ist, dass Piaton ganz ähnlich wie Shakespeare den 
Mythus benutzt. Immer lässt er fühlen, dass der Mythus das 
Volksmässige und Kindische an sich hat, er ist ihm „Altweiber- 
gewäsch", „kein Vernünftiger wird so etwas glauben" u. s. w. ; 
und doch weiss er gerade in diesen Fabeln die höchste Wahrheit 
zur Darstellung zu bringen, indem er einen verborgenen ethischen 
und philosophischen Sinn darin entdeckt oder dadurch ausdrückt. 
Er will keine euhemeristische und keine rationalistische physika- 
lische Erklärung der Mythen, sondern sie sind ihm Poesie und 
Schöpfungen begeisterter göttlicher Naturen, die aber nicht 
wissen, was sie singen und sagen. Nur der Dialektiker versteht 
die Wahrheit und weiss die Mythen auszulegen und das Alberne, 
Schlechte und Menschliche darin von dem Göttlichen und Heiligen 
zu sondern. Um die Grösse Platon's in dieser Auffassung ganz 
zu ermessen, muss man ihn mit einem grossen modernen Denker, 
etwa mit Pascal, vergleichen. Pascal unterwirft die göttliche 
Vernunft ganz der Offenbarung und ist so kraftlos, dass er der 
Wissenschaft nur das Gebiet desjenigen Erkennens einräumt, 
welches die Menschen in Platon's Höhle betreiben, nämlich die 
Brfahrungserkenntniss , wozu noch die Geometrie kommt; die 
eigentliche Wissenschaft aber, welche keine Voraussetzungen 
duldet, hält er für unmöglich, indem er ausdrücklich alle die 



XVI 

möchte ich nun eine Muthmassung aussprechen. Lassen wir 
zunächst die Briefe rein praktischer Männer, die sie in Privat- 
und Staatsangelegenheiten schreiben mussten, bei Seite, so können 
wir als zugestanden wohl voraussetzen , dass eine literarische 
Kunstgattung erst ausgebildet werden kann, wenn die Literatur 
überhaupt erst in Bltithe gekommen ist und von bedeutenden 
Männern gepflegt wird. Man wird deshalb ungefähr auf das 
Platonische Zeitalter hingewiesen, in welchem auch der Buch- 
handel und die literarischen Interessen erst in Schwung kamen. 
Wäre nun das literarische Interesse jedesmal auf eine Stadt be- 
schränkt gewesen, so hätte sich der Brief als Stilgattung nicht 
ausbilden können. Da wir aber sehen, dass in dieser Zeit das 
Bildungsbedürfniss alle mit hellenischer Cultur in Beziehung 
tretenden Städte und Länder ergreift, die sich beeilen, ihre 
Söhne zur Schulung nach Athen zu senden oder Athenische 
Gelehrte für grossen Lohn zu sich zu berufen: so ist nichts 
natürlicher, als dass sich auf räumlich weit von einander ge- 
trennten Punkten Freundschaften und enge literarische Be- 
ziehungen herstellen. So wurde z. B. namentlich durch den 
Hof des älteren Dionysios, wo der königliche Dichter und 
Sophist den freigebigsten Gastfreund Athenischer Gelehrten 
spielte, eine enge literarische Gemeinschaft zwischen Athen und 
Syrakus hergestellt, und es lässt sich gar nicht denken, dass mit 
der Ankunft eines Athenischen Gelehrten in Syrakus plötzlich 
alle Erinnerung und alles Bedürfniss der Mittheilung in Bezug auf 
seine früheren Athenischen Freunde erloschen wäre und um- 
gekehrt. Also muthmasse ich, dass die literarisch so regsame 
und an Witz und Geist so blühende und schöpferische Zeit 
nach dem Tode des Sokrates auch den eigentlichen Anfang der 
Briefliteratur gemacht habe. Die Bedingungen für den Zweck 
und das Bedürfniss dieser Stilgattung waren alle vorhanden, die 
literarische üebung und die geistigen Kräfte fehlten nicht: 
weshalb sollten also Briefe in diesem Zeitalter gefehlt haben? 
Dass nun alle überlieferten Briefe dieser Zeit echt seien, wäre 
lächerlich zu behaupten; dass einige darunter aber echt sein 



Inhalts - Verzeichniss. 



Erstes Capitel. 

Die Platonische Frage. Der neue Standpunid und die neue Methode. 

Die früheren Methoden 3. 
§ 1. Das Platonische System und di« neue Methode zur Fest- 
stellung desselben 6. 
9. Der neue Gesichtspunkt zur Auffassung des Piatonismus 5. 
b. Die neue Methode zur Feststellung des Systems 8. 

1. Erklärung durch perspectivische Auffassung des Aristoteles 9. 

2. Erklärung durch perspectivische Auffassung überhaupt 10. 

3. Erk^ung durch ein umfassenderes speculatives System 11. 

§ 2. Die Platonischen Schriften und die neue Methode zu ihrer 
chronologischen Bestimmung 18. 
Der Fehler der früheren Auffassung 13. 
Der Kunstcharakter der Platonischen Dialoge 14. 
Benutzung der Anekdoten und der Verleumdungen 16. 
Das persönliche Leben Platon's in den Dialogen 16. 
Begründung der Methode 17. 

Als Beispiel die chronologische Bestimmung des Georgias 18. 
Anderes Beispiel, Lysias' erotische Rede 20. 
Drittes BeispieL Sophistes und Parmenides 23. 
Benutzung der sprachlichen Kriterien 25. 



Zweites CapiteL 

Z«r Chronologie von Platon't Charmides. 

Vier Indicien 20. 

1. Die Pflege der Seele 29. 

2. Die Kunst, unsterblich zu machen 30. 

3. Die coHpqocvvfi als Lehre vom Zukünftigen und von [der Glück- 
seligkeit 31. 

4. Die Silbenstecherei und Prahlerei 32. 



Anfang der Schule vor dem Erscheinen „des Staates" 37. 
Die Schüler vor der Schale 37. 
Die Schülerinnen 39. 

Platon's Zeugniss für die Originalität seiner Weibergemeinschafts- 
idee 40. 



Drittes Capitel. 

Xenophon's Memorabilien und Platon's erste Dialoge. 

Isokrates als Yertheidiger des Hippias gegen Xenophon 43. 
Boeckh's Standpunkt aufzugeben 43. 
§ 1. Platon's Nichterwähnung 44* 
§ 2. Die Beurtheilung von Platon's Bruder ölaukon 46. 

Xenophon macht Glaukon lächerlich 46. 

Piaton kommt seinem Bruder zu Hilfe 47. 

Der neue moralische Standpunkt Platon's von Olaukon vertreten 48. 
§ 3. Platon's Protagoras und die Memorabilien 60. 

Platon's Verhältniss zu den Sokratikern 51. 

Der von Xenophon excerpirte Prodikos bei Piaton eine komische 
Figur 51. 

Der Paralogismus bei Xenophon von Piaton im Protagoras auf- 
gedeckt 52. 

Der Paralogismus des Xenophon durch eine Analogie persifflirt 55. 
§ 4. Beurtheilung des Kritias 57. 

Kritias bei Xenophon 57. 

Platon's Stellung dazu 58. 

Kritias im „Charmides" und „Protagoras" 60. 
§ 5. Gharmides bei Xenophon und bei Piaton 61. 

Platon's Verwandte in Xenophon's Memoiren 61. 

Wie Xenophon den Charmides behandelt 62. 

Was Piaton daran missfallen musste 63. 

Piaton corrigirt das Bild 64. 

Widerspruch Xenophon's in der Anpassung des Charakters des 
Gharmides 66. 

Zweite Correctur Platon's 66. 
§ 6. Platon's „Charmides" ist eine Recension 66. 

Zur Methode der Untersuchung 68. 

1. Diagnose durch Palpation der Beziehungspunkte 68. 

2. Xenophon folgert aus der Selbsterkenntnisse dass man sich auf 
seinen Beruf beschränken müsse 70. 

3. Piaton zieht noch andere Stellen der Memorabilien an 70. 

4. Bei Xenophon wird das Wissen zum Mittel und das Ghite 
äusserlich 71. 

Platon's Kritik 73. 

5. Die Unfehlbarkeit bei Xenophon 74. 

' Piaton reproducirt das Räsonnement, um es zu widerlegen 74. 

6. Platon's Stellung zu Xenophon 74. 



k 



XYTi 

»nnten, möchte sich schwer bestreiten lassen. Und dass die 
hten Briefe auch anders beschaffen sein werden, als manche 
elehrte modemer Zeit meinen, wie sie sein mtissten, das 
tlte ich fiir sehr wahrscheinlich; denn wenn wir die Pla- 
nischen Dialoge nicht hätten, so würden auch wunderliche 
inge zusammenconstruirt werden, die mit den wirklichen wenig 
ebnlichkeit haben könnten. Ich möchte mich deshalb gegen 
e übertriebene Skepsis etwas skeptisch verhalten. Meinetwegen 
ögen auch die Briefe bei der üeberlieferung nach Bedürfniss 
ler Neigung verkürzt, verstümmelt, verfälscht und verdorben 
in ; es ist aber immer wahrscheinlich , dass mancher gute und 
jlite Rest geblieben oder in spätere Nachahmungen einfach 
.xiübergenommen ist. Wenigstens werde ich es mir nicht nehmen 
.ssen, die Briefliteratur mit allem Vorbehalt der Notheuse und 
Iritik in meiner Weise als symptomatisch und perspectivisch zu 
enutzen. 

Nur ungern verlasse ich jetzt für einige Zeit 

. . Epllogus. 

lese historischen Untersuchungen, da sie so viele 
äiche Aufschlüsse brachten und nur ein kleiner und, wie ich 
laube, sehr ergiebiger Rest von Problemen in den übrig ge- 
tsaenen Dialogen zu lösen bleibt. Bei der Kürze des mensch- 
chen Lebens muss man aber, so lange man seine Kräfte noch 
ttf der Höhe fühlt, die grösseren und schwierigeren Aufgaben 
bemehmen, und so wende ich mich wieder der Speculation zu 
*id gedenke demnächst von meinen Arbeiten die philosophische 
'Geologie und Religionsphilosophie abzuschliessen und heraus- 
^geben. 

Das Bild des göttlichen Piaton, wie es uns jetzt vor Augen 
^hi, kann jedem wahrhaften Philosophen zum Trost gereichen; 
^nn wie gross auch der Enthusiasmus und die Liebe war, die 
^ zu Zeiten bei Schülern und Freunden fand, und wie bedeutend 
^ch einzelne Anerkennungen, die von mächtigen Herrschern 
^sgingen, sein Ansehen und seinen Ruf bei seinen Zeitgenossen 
^lichten: so war sein ganzes Leben doch ein fortwährendes 
kämpfen und mit wenigen Ausnahmen eine Reihenfolge von 



xvni 

misslungenen Versuchen. Alle seine Dialoge zeigen uns den 
Kampf gegen seine verbissenen Gegner, die als Redner, Dichter, 
Staatsmänner oder Philosophen Witz und Spott, Verleumdung 
und Verdächtigung, Handlungen und Gründe gegen ihn auf- 
bieten, um seine überlegene Persönlichkeit in den Staub zu 
ziehen. Bei seinen praktisch -politischen Versuchen muss er es 
erdulden, als Sclav verkauft zu werden, später wieder wurde er 
fast von einer meuterischen Söldnerbande umgebracht und ent- 
ging kaum noch dem von allen Seiten drohenden Tode, wie sein 
Lieblingsschüler als Held und Herrscher durch Mörderhand fiel. 
Aber auch am eigenen Herde warteten seiner schmerzliche Ent- 
täuschungen. Der begabteste seiner Schüler fällt von ihm ab 
und tritt in Schriften „der Wahrheit zu Ehre" mit einer Phalanx 
wohlgewappneter Gründe gegen ihn auf, um einer weltlicheren 
Gesinnung den Sieg auch auf dem Felde der Wissenschaft zu 
erringen. 

So musste Piaton durch seine Erfahrungen es besiegeln, 
dass das Leben für die ecclesia militans bestimmt ist, und als 
Vorbild erscheint uns seine unbeugsame Tapferkeit, mit welcher 
er, ich möchte sagen, einer Welt gegenübertritt, und der Frieden 
seines in sich ruhigen göttlichen Gemüthes, wie auch der olympische 
Humor, in welchem sich schliesslich sowohl seine eigenen bittersten 
Ausfälle, als auch der Eindruck, den die Feindseligkeiten auf 
ihn machten, harmonisch ausgleicht. Die gemeine Gesinnung 
muss ja immer dem Göttlichen feind sein, und der Philosoph 
hat jederzeit Zuflucht in dem himmlischen Königreiche (Plat. 
Pol., p. 517 B), wo das Gute und die Freiheit unerreichbar 
und unbesieglich wohnt. 

Wo SU, am estländischen Strande, Juli 1884. 



§ 2. Der „Staat<< 182. 

Die einzige für carnivorische Diät sprechende Stelle 182. 

Piaton will im „ Staat ** eine rein vegetarische Diät 186. 

Die anderen Dialoge geben keine Antwort auf unsere Frage 188. 
§ 3. Der Timaios 188. 

Der Timaios will nur vegetarische Diät 188. 
§ 4. Die „Gesetze** 190. 

Die „Gesetze** verordnen eine gemischte Kost 190. 
§ 5. Resultat und Confirmationen 194. 

Resultat 194. 

Indirecte Confirmationen aus den Dialogen 195. 

Aeussere Confirmationen 198. 



Siebentes Capitel. 

Uebersetzung der Scbusterdialoge. 

Vorrede 203.*) 
Eines Ungenannten ethische Disputationen dorisch verfasst. 
Erste Disputation. Ueber Gutes und Uebles 205. 

jioyos (Thesis) 205. 

^Avrlos Xoyos (Antithesis) 206. 
Zweite Disputation. Ueber das sittlich Schöne und Hässliche 207. 

Myos 207. 

l/4fnioe Xoyog 210. 
Dritte Disputation. Ueber das Gerechte und Ungerechte 211. 

Myoe 212. 

Avriog Xoyos 213. 
Vierte Disputation. Ueber Wahrheit und Falsches (oder zweite Ab- 
* handlung über das Gerechte oder über die richterliche Ent- 

scheidung?) 214. 

Aoyoe 214. 

ltivTÜ)s Xoyos 215. 
Fünfte Disputation. Vom Seienden? 216. 

Myos 216. 

^Avrios Xoyos 217. 
Sechste Disputation. Ueber die Weisheit und Tugend, ob sie lehr- 
bar ist 218. 

Aoyos aus Platon^s Frotagoras 218. 

Simonis Kritik 220. 



*) Soeben kommt mir die Zeitschrift Hermes (Band 19, Hest 3, 1884) 
zu Gesicht, worin von H. Schanz eine exacte Untersuchung der hand- 
schriftlichen Quellen der JiaXe'Seis nebst zahlreichen Conjecturen dargeboten 
wird. Indem ich sehr bedauere, dass diese so werthvoUe Arbeit mir nun 
für meine Uebersetzung verloren gegangen ist, so kann ich mich doch 
freuen, dass manche meiner Conjecturen durch handschriftliche Unter- 
suchung confirmirt worden sind. Dorpat, 11. September 1884. 



Siebente Disputation, üeber die .Volksredner 221. 

Thesis 22 1. 

Kritik Simonis 211. 

Thesis 222. 

Kritik Simonis 222. 
Achte Disputation. Von der Wissenschaft 222. 



Zur Chronologie der Platonischen Dialoge. 

Erste Periode. 
Bis zur Begründung der Akademie. 

§ 1. Medicinische Studien 227. 
§ 2. Die Reisen 231. 

Die ägyptische Heise fällt vor 393 a. Chr. 232. 

Diese grosse Reise fällt auch vor den Gharmides 234. 

Reise nach Kyrene aufzugeben 235. 
§ 3. Gharmides 237. 
§ 4. Frotagoras 238. 
§ 5. Staat erste Hälfte 239. 
§ 6. Euthydem 240. 

1. Der Redenverfertiger 241. 

2. Wie Piaton den Isokrates charakterisirt 242. 

3. Isokrates als ein Mann dritten Ranges 243. 

§ 7. Die Reise nach ünteritalien und Syrakus und die zweite 
Hälfte des Staates 244. 

Judicien der Reise im 7. und 9. Buche des Staates 244. 

Der terminus tpvüts hat keine chronologische Brauchbarkeit 244. 

Polemik gegen Isokrates im sechsten Buche des Staates 246. 

Anspielung auf Dionysios I im sechsten Buche des Staates 246. 

Es liegt keine Anspielung auf den längst verstorbenen AUdbiades 
vor 250. 

Auch an den jüngeren Dionysios ist nicht zu denken 251. 
Genauere Auslegung der Stelle 252. 

1. Zeit der Reise nach Vollendung des fünften Buches des Staates 252. 

2. Vorgeschichte des Dionysios berührt 253. 

3. Die politischen Hoffnungen des Dionysios 254. 

4. Schwierigkeit und doch Möglichkeit, den Dionysios zu gewinnen 254. 

5. Die Intriguen der verdrängten Partei 255. 

6. Das Motiv des Bruches mit dem Tyrannen spiegelt den Inhalt der 
ersten Bücher des Staates ab 256. 

7. Hoffnung auf Dion und den jungen Dionysios 257. 



§ 7. Die alte und die neue Auffassung von Platon's Persön- 
lichkeit und Schriftstellerei 75. 

Flaton's Uebermoth und die früher herrschende falsche Apologetik 76. 
Piaton als Compilator 80. 

Piaton zerkratzt als Krähe dem Sokrates das Haupt 81. 
Perspectivische Betrachtungsweise 81. 
Der Traum des Sokrates und seine Auslegung 84 
Wie Piaton yn „Staat** die Forderungen des Xenoph. Sokrates 
verachtet 87. 
Die angeblichen Briefe Xenophon's 90. 

Symptomatische Benutzung der Briefe zur Confirmation 90. 

1. Charmides, Protagoras und Staat erste Hälfte 92. 

2. Staat zweite Hälfte 93. 

3. Theaitetos 94. 
Die Gegner Platon's. 



Viertes Capitel. 

Die Scbusterdialoge des Simen. 

§ 1. Simmias von Theben (Friedrich Blass) 97. 

Gegengründe 98. 

Erste Instanz. Die Büchertitel 98. 

Zweite Instanz. Der Charakter des Simmias 98. 
§ 2. Der Thessalier Miltas auf Cypern (Theodor Bergk) ^>9. 

Zur Kritik. 1. Methode 100. 

Die Abfassungszeit 101. 

Der Aufenthaltsort 101. 

Der Eigenname 104. 

Der dorische Dialekt 104. 

Die Beziehung zu Piaton 104. 
§ 3. Simon, der philosophische Schuster, und seine Dialoge 105. 

Piaton spielt im Theaitetos auf den Schuster Simon an 105. 

Die Partei Stellung Simon's 106. 

Anonyme Dialoge 108. 

umfang der Dialoge 109. • 

Titel der Dialoge 110. 

JSkdtixoI 8taXoyoi 113. 

Name des Verfassers 117. 

Piaton und Simon. Zeit der Abfassung 119. 

Ob Piaton auf die Angriffe Simonis replioirt hat 197, 

Der dorische Dialekt 129. 



Fünftes CapiteL 

Platon'9 Untterblicbkeitsiehre. 

stand der Frage 135. 
§ 1. Vorgänger: Hegel 138. 
§ 2. Fanätius 140. 

Wenn Cicero die einzige Quelle wäre, hätte Fanätius den Fhädon für 
echt gehalten 141. 

Zur Interpretation des Cicero ist eine Främisse zu ergänzen 142. 

Bericht des Asklepios über Fanätius 143. 
§ 3. Benn 145. 
§ 4. Zeller 148. 

Wiedererinnerung 148. 

Dereinstige Vergeltung 149. 

Flaton's Aufgabe 150. 

Didaktische Accommodation 151. 

Fraktische Accomodation 151. 
§ 5. Buggiero Bonghi 153. 

Orthodoxie und Dialektik 153. 

Aufstellung der principiellen Frage 154. 

Behandlung der Religion. Em Beispiel 157. 

Discussion über das Becht einer dialektischen Darstellung der 
Flatonischen Lehre 159. 
§ 6. Der Begriff der Fersönlichkeit 161. 

Indicienbeweis aus dem Charmides 161. 

Heinrich von Stein 164. 
§ 7. Vergleichung der unphilosophischen mit der philo- 
sophischen Interpretation 166. 

A. Die unphilosophisohe Interpretation 166. 

1. Activa 167. 

2. Fassiva 167. 

B. Die philosophische Interpretation 169. 

Methode 169. 

Die Unsterbliohkeitsfrage 173. 

Hypothese einer Entwickelungsgeschichte Flaton's unhaltbar 176. 

Aristoteles yerndsst ein Frincip des Individuellen bei Flaton 177. 



Sechstes CapiteL 

Platon's DiiL 

§ 1. Die Aufgabe 179. 

Steinhart und die Legende 180. 

Frincip für die Benutzung der Dialoge 182.*) 

*) Ich trage hier nach, dass Flaton selbst dies Frincip fordert: Minos, 
p. 320 B ov yaq Ttov, münsg ye tpavXog av&Q(07toe, o Mlvms ivogutß fiev fte^j 
dTfoisi 8e aXka naq a ivofulCßv, 



Zweite Periode. 

Von der Begründung der Akademie bis zur Anicunft des Aristoteles. 

§ 1. Die Begründung der Akademie 387 a. Chr. 261. 
§ 2. Das Symposion 384 a. Chr. 262. 

Ob das Symposion ein classisches Vorbild sein soll 262. 

Streit mit Lysias und Isokrates 266. 

Zeitbestimmung der Synegorien des Lysias 269. 
Das Programm der Akademie und Lysias' erotische Rede 270. 

1. Das Programm der Akademie 270. 

2. Die polemischen Beziehungen zwischen Lysias und Piaton 271. 

3. Warum die Keplik des Erotikos auf das Symposion unbemerkt 
blieb 272. 

4. Der Erotikos des Lysias war ernst gemeint, und Piaton verachtet 
den Lysias 274. 

Platon's Choregie 276. 

Xenophon's Symposion 281. 
§3. Der Phaidon 287. 

Platon's Selbstbewusstsein 287. 
Die Physik der Erde und der ünterweltsmythua 287. 

Platonischer Humor 287. 

Physik der Erde; die drei Gesetze 290. 

Piaton ist Urheber dieser Theorie und sagt es selbst 294. 

Der Pyriphlegethon und die Physik 296. 

Platon's Humor Grund des Hissverstehens 296. 

Piaton als empiriseher Naturforscher 297. 
Confirmation durch Aristoteles 299. 

Prüfung einer Instanz von Benn 300. 

1. Originalität der physischen Theorie Platon's 304. 

2. Wissenschaftliche Theorie und nicht Mythus 304. 
Der Phaidon folgt auf das Symposion 339. 

§ 4. Der Theaitetos. 

A. Di e Stilveränderung 309. 

Th. H. Martin und Schanz 310. 

Schanz 310. 

Eukleides 311. 

Das stilistische und sprachliche Kriterium 317. 

Statistische Controle 320. 

Prosopopoiie 320. 

Die Motive der Dialoge 322. 

B. Zur Chronologie des Theaitetos 323. 

a. Bergk's Methode 323. 

1. Bei der Datirung des Theaitetos 325. 

2. Bei der Datirung des Euthydemos 326. 

b. Bergk's und Rohde's Datirung des Theaitetos 328. 

Bergk's Hypothese 328. 
Rohde 329. 



c. Neue Hypothese 330. 

Philistos Enkomion auf Dionysios 331. 
Philistos und Piaton bei Dionysios 333. 
Bergk's Hypothese. Der Chabrias-Process 338. 
Neue Hypothese 339. 
Drei chronologische Zeichen 341. 
Die übrigen Anspielungen 343. 
§ 5. Menon 347. 

Kritik der Argumente Ghiappelli's 347. 
Nachweis einer Anspielung auf den Theaitetos 349. 
§ 6. Euthyphron 354. 
§ 7. Phaidros ^56. 
§ 8. Gorgias, Timaios, Philebos 357. 



Dritte Periode. 
Die Aristotelische Zeit. 

§ 1. Parmenides, Sophistes, Politikos 358. 

Platon's Studenten in Athen 358. 

Piatonerklärung der Hinkenden 360. 
§ 2. Die Gesetze 363. 

Epilogus 365. 



Erstes Capitel. 



Die Platonische Frage. 
Der neue Standpunid und die neue Methode. 

Die wichtigsten und interessantesten Probleme der Ge- 
schichte des menschlichen Geistes bewegen sich um zwei Ereig- 
nisse , die den grössten Einfiuss auf die Entwickelung der 
Menschheit ausgeübt haben, um das Christenthum und den 
Piatonismus. Das Christenthum ist die wichtigste Angelegenheit 
aller europäischen Völker geworden und betriflFt Jung und Alt, 
Mann und Weib, den einfachen Mann und die höher Gebildeten. 
Der Piatonismus hat eine beschränktere Bedeutung, da seine 
ethische Macht vom Christenthum überstrahlt und sein Ver- 
ständniss unmittelbar nur Wenigeren möglich ist. Mittelbar 
hat er aber als die eigentliche Epiphanie des philosophischen 
Geistes die Denkformen und Gedankenwege geliefert, in denen 
sich das Denken aller Gebildeten bewegt und worin ihr Antheil 
an lebendiger Vernunft besteht. So viel höher nun die ver- 
nünftigen Elemente des geistigen Lebens als die äusseren Be- 
ziehungen der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung und als die 
persönlichen , gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse 
stehen, so viel wichtiger und interessanter sind die Probleme, 
die sich an den Piatonismus anschliessen, als die Fragen der 
Entwickelung der Industrie, der Sitten, der Rechts- und Kriegs- 
geschichte, obgleich alle diese Fragen natürlich, weil sie die 
Voraussetzungen jener höheren Aufgaben bilden, um desto noth- 
wendiger und für desto weitere Kreise die wichtigsten sind. Nur 
das Christenthum hat den Vorzug, dass es als Angelegenheit 
des Lebens für Alle und zugleich als Gegenstand der Wissen- 
schaft für den kleinen Kreis die höchste Frage bildet. 

Da nun ein so wichtiger Lebensinhalt nicht wie manches 
äussere Gut in Eigenthum übergehen und mit geringer Mühe 

1 



erhalten werden kann^ sondern ein immerwährendes Arbeiten 
verlangt, um sich vor Verderbniss und Verdunkelung zu schützen, 
so besteht zwischen Christenthum und Piatonismus auch die 
Aehnlichkeit, dass diese beiden Lebensmächte die Reinheit und Voll- 
kommenheit ihres Wesens immer nur durch Rückgang auf die 
ursprünglichen Quellen gewinnen, weshalb Bibelforschung und 
Studium der Platonischen Dialoge für beide in gleicher Weise 
nothwendig sind. Auch darin besteht eine Aehnlichkeit, dass 
diese Quellenforschung sich nicht blos auf den Lehrinhalt 
beziehen kann, sondern die Echtheit der Bücher und der ein- 
zelnen Theile derselben, den Zusammenhang der Bücher unter- 
einander, ihre Reihenfolge, Zeit und Ort, Form und Motive 
ihrer Abfassung, die Gesinnung, die Bildungsstufe und die 
gesellschaftUchen Verhältnisse ihrer Leser und die historischen 
und literarischen Voraussetzungen dieses ganzen Schriftencom- 
plexes umfasst. 

Was uns aber besonders interessirt, das ist die Wahrnehmung, 
wie sowohl die Bibelforschung als das Studium der Platonischen 
Dialoge ihre Richtigkeit und ihre Erfolge nicht allein durch 
die mehr äusserlichen Mittel der historischen Kritik und Com- 
paration gewinnen, sondern immer zugleich von dem Gesichts- 
punkte abhängen, der in dem Geist und Leben des Christenthums 
und des Piatonismus ruht; denn von der Wahrheit und Kraft 
dieser lebendigen Geistesmacht hängt schliesslich das Urtheil 
über den Werth und Erfolg aller Einzelforschungen ab, deren 
Sinn und Reiz ja auch nur durch den Werth dieses Mittel- 
punktes bestimmt wird. Um den Werth des Christenthums und 
des Piatonismus würdigen zu können, dazu gehört aber in dem 
Forschenden eine entsprechende Ausbildung der Gesinnung und 
der Erkenntniss, weshalb je nach dem philosophischen Stand- 
punkte des Forschers auch sein Gegenstand im Werthe sinkt 
oder steigt, jenachdem er fähig ist, die Grösse des ihm gegen- 
überstehenden Geistes in sich aufzunehmen. Es kommt aber 
hier der Unterschied zwischen der Forschung über das 
Christenthum und den Piatonismus heraus, sofern das Christen- 
thum einen Gehalt hat, der nicht überboten werden, dem der 
Forschende sich immer nur möglichst annähern kann, während 
der Piatonismus zwar über unzähUge niedrigere Standpunkte 
hinausragt, aber doch nur eine Vorstufe der höheren christlichen 
Weltauffassung bildet. Deshalb können Diejenigen, welche auf 



dem Standpunkte von Locke, Kant oder dem Positivismus 
stehen und also der Platonischen Geistesfülle weit untergeordnet 
sind, Platon's Werke ebenso wenig gemessen und verstehen, wie 
Kurzsichtige eine grosse und schöne Aussicht. Diejenigen aber, 
welche wie die Neuplatoniker und die Platoniker der Renaissance, 
die Idealisten unseres Jahrhunderts, wie Sohleiermacher, 
Schelling und Hegel und die modernen Platoniker in Italien, 
sich zu ihrer Weltauffassung erst auf den Flügeln Platonischer 
Gedanken erhoben haben, werden zwar natürlich tief eindringen 
in den Geist des Piatonismus; dennoch bleibt ihnen das volle 
Verständniss verschlossen, da sie blos innerhalb des schönen 
Gebäudes verharren und keinen Standpunkt besitzen, von dem 
sie auch das Ganze überblicken und nach seiner Lage und 
Höhe im Verhältniss zu Grösserem und Herrlicherem beurtheilen 
können. Die Erkenntniss der Fehler und des Abstandes von 
der Wahrheit, die allein genügt, gehört zu dem vollen Ver- 
ständniss jeder untergeordneten Entwickelungsstufe. 

Wenn wir nun an der Piatonforschung mit- 
arbeiten und in dem Verständniss der Quellen '^MethodelT" 
einen Fortschritt machen wollen, so müssen wir 
die früheren Methoden überblicken. C. Fr. Hermann dachte 
die eigene innere Entwickelung Platon's und die Beziehungen 
zu seiner Zeit zum Ausgangspunkte zu nehmen, um die Reihen- 
folge und den Inhalt der Dialoge zu erklären. Vortrefflich! 
Aber leider ein Versuch, wie wenn wir die Erde vom Monde 
aus betrachten wollten; denn eine Biographie Platon's giebt es 
nicht und was wir über seine Entwickelung und seine Beziehungen 
zu den Zeitgenossen wissen müssen, das kann erst aus dem 
Verständniss der Dialoge und ihrer Reihenfolge und ihrer Ab- 
fassungszeit abgeleitet werden. 

Daher ist der vorhergehende Versuch Schleiermacher's 
und seiner Nachfolger Susemihl, Michelis u. A. richtiger, die 
Dialoge gründlich zu studiren und aus dem mehr oder weniger 
ausgearbeiteten Inhalt des darin gefundenen Lehrsystems die 
Entwickelung Platon's und die Reihenfolge der Dialoge zu be- 
stimmen. Dabei werden dann natürlich, wie sich von so ge- 
übten Gelehrten von selbst versteht, auch alle die Hilfsmittel 
benutzt, welche die ausgebildete Kunst der Kritik durch Be- 
merken der Unterschiede des Stils, gelegentlicher chronologischer 
Fingerzeige, Anspielungen u. s. w. darbietet. Allein dennoch 



hat diese Methode keine hrauchharen Resultate geliefert, weil ja 
zur Leitung des Urtheils ein bestimmter Standpunkt des Forschers 
nothwendig ist. Blosse Unbefangenheit ist Urtheilslosigkeit. 
Wer ein logisches oder historisches Urtheil fällen will, muss 
schon eine bestimmte Erkenntniss des Allgemeinen oder des 
Besonderen besitzen. Darum kommt bei dieser Methode Alles 
auf die Meinung und Einsicht der Forscher an, die sie aus 
ihrem Studium der Dialoge gewonnen oder von aussen mitge- 
bracht haben. Nun finden wir z. B. Schleiermacher ganz 
in der Romantik befangen, als drehte sich bei Piaton Alles um 
Production zeitloser Kunstwerke und als wollte er den göttlichen 
ihm verliehenen Weisheitsschatz in kunstmässig organischer 
Gliederung allmählich im Laufe seines Lebens zur Welt bringen. 
Dabei fehlte aber jeder Begriff von einem solchen Kunstwerke 
und seinem Gattungscharakter, und musste fehlen, weil wissen- 
schaftliche Arbeiten und solche Disputationen, wie sie die Pla- 
tonischen Dialoge enthalten, keiner irgendwie bekannten poe- 
tischen Kunstform untergeordnet werden können; wie auch 
andererseits die organische Ausarbeitung des ganzen Dialogen- 
complexes nach dem Vorbilde der fötalen Entwicklung eine 
romantische Chimäre ist. 

SusemihPs „Genesis" hat einen anderen Fehler. Er 
hat aus seinem Studium Platon's die Meinung gewonnen, die 
höchste Platonische Erkenntniss sei die Ideenlehre, und so müsse 
nach dieser die Entwickelung und Ordnung der Schriften be- 
stimmt werden. Aehnlich Michelis. Allein diese Meinung ist 
ungefähr so, wie wenn man meinte, das Wesen der Locomotive 
sei der Dampf. Den wollen wir ja gern gebührend schätzen, 
allein er muss doch producirt, eingefangen und zur Arbeit an- 
gehalten werden und es muss auch noch ein Wagen da sein, der 
durch jene Arbeit in Bewegung kommt. So sind die Ideen 
auch in anderer Beziehung ein blosser Dampf, wenn sie nicht 
in dem mütterlichen Boden der Welt wurzeln und das immer 
Werdende durch ihre Anwesenheit (Parusie) gestalten und zu 
Dasein und Wesen bringen und wenn sie sich nicht in dem 
Vernünftigen selber verstehen, Geist und Leben werden und 
sich nicht durch ewige Vereinigung (^/.OLvoyvia) mit dem Princip 
der Bewegung zu einem sich selbst bewegenden, sich selbst er- 
haltenden und sich selbst in sich vollendenden, lebendigen, voll- 
kommenen und seligen Wesen machen. Die Ideenlehre 




Susemihl's ist ohne dieses Leben, ohne den Geist ausgedacht und 
kann deshalb von Piaton ebensowenig Rechenschaft geben, wie 
man die Locomotive mit dem blossen Begriff vom Dampfe nicht 
erklären kann. 

Die Arbeiten Zeller's haben nichts Eigenthümliches. Als 
grosser Gelehrter bringt er die Forschungen der übrigen zu- 
sänmien, recensirt vieles Einzelne mit klarem Verstände und 
giebt dadurch mancherlei einzelne Berichtigungen ; aber es fehlt 
ihm die Kraft, für das Ganze einen neuen leitenden Gesichts- 
punkt zu finden und die von ihm behandelten Schriftwerke und 
ihre Autoren mit anschaulicher Lebendigkeit aufzufassen. Wenn 
dies nun schon überall sich fühlbar macht, so ganz besonders 
bei seiner Darstellung Platon's, dessen philosophisches Genie 
wegen seines grossen Eeichthums schwer verständlich wird und 
dem Leser zur Durchwanderung seiner vielverschlungenen Wege 
den Ariadnefaden nicht selber in die Hand giebt. Auch ist 
kaum ein Philosoph zu nennen, der so reichlichen Gebrauch von 
metaphorischem Ausdruck gemacht hat. Darum ist die für 
andere Aufgaben so hervorragende Begabung Zeller's zur Dar- 
stellung Platon's am wenigsten geeignet und wir können bei 
ihm auch kaum eine Ahnung von Platon's Geist und Philosophie 
gewinnen. Er stellt mit chronikenhafter*) Treue die verschiedenen 
Aussprüche Platon's nebeneinander, ohne uns in die Dialektik 
einzuführen, und reiht Bild und Sinn des Bildes, Orthodoxie 
und dialektische Erkenntniss unterschiedslos aneinander, ohne 
sich durch die Widersprüche und durch das ,ov awtfdeiV Platon's 
stören zu lassen und ohne für sich selbst das Bedürfniss zu 
fühlen, sich einmal einen so wüsten Kopf, wie Piaton nach seiner 
Darstellung hätte sein müssen, anschaulich vorzustellen und dies 
trostlose Bild mit der grandiosen dialektischen Kraft, die aus 
den Dialogen blitzt, zu vergleichen. 

§ 1. Das Platonische Systen\ und die neue Methode zur 

Feststellung desselben, 

Soll die Platonforschung von der Stelle kommen, 

a. Der neue 6e- 

80 muss vor Allem ein wahrer Begriff seiner Sichtspunkt lur 
Lehre gewonnen werden, der als ein neuer Auffassung des 

r\ ' t ± li Art 1 i.ii'x T Platonlsmus. 

besieh tspunkt unsere Aufmerksamkeit leiten und 



*) Vergl. meine „Platonische Frage. Streitschrift gegen Zeller" 
(Perthes, Gotha 1876) S. 61. 



die leicht verwirrende Mannigfaltigkeit und spielende Sorglosig- 
keit der Platonischen Ausdrucksweise einheitlich deuten und zu 
einem mit sich zusammenstimmenden Bilde zur Auffassung bringen 
könnte. Mit dieser Aufgabe war ich früher, besonders in meinen 
„Studien zur Geschichte der Begriffe", beschäftigt. Es zeigte 
sich mir, dass Piaton 's Lehre nur verstanden werden könne, 
wenn man den ungebührlich vernachlässigten Begriff der 
Methexis, Parusie*) und Koinonie in die Mitte stellte; denn da 
Piaton wie jeder Philosoph die Welt erklären und geistig „er- 
zeugen" will, so müssen die analytisch gefundenen Elemente der 
Form und der Bewegung für sich ohnmächtig und werthlos 
sein, bis man sie wieder hochzeitlich verbunden und im Sohn 
zur Frucht getrieben hat. Die in den Ideen gefundene Form 
als Natur und Wesen der Welt ist deshalb nothwendig, sowohl 
transscendent als immanent.**) Immanent, weil alle Er- 
scheinungen ihr Sein in diesem Wesen haben, transscendent 
aber doppelt, sowohl weil die Erscheinungen dem Entstehen und 
Vergehen preisgegeben sind, während das Wesen unentstanden 
und unvergänglich bleibt, als auch weil die Ideen durch die 
Vernunft erkannt werden und sich von dem Sinnlichen und 
Vielen reinigend und ablösend zum Selbstbewusstsein im Geiste 
kommen. Aber auch in dieser Erfassung der Wahrheit ist das 
subjective Element der Bewegung als Leben vorhanden, wie 
ebenso in der Welt der Erscheinungen die Form immer in 
einem aufnehmenden mütterlichen Princip zur Anwesenheit 
(Parusie) gelangt. Wie nun die Dinge in ewigem Kreislaufe 
sich gegensätzlich wiedererzeugen oder sich durch Besamung 
und Nachkommenschaft erhalten, so hat auch die erkannte 
Wahrheit und die rechte Gesinnung sich fortzupflanzen durch 
sorgfältige Erzeugung, Erziehung und Unterricht, so dass bei 
diesem Fackellauf des Lebens die physische, religiöse imd sitt- 
liche Liebe das Gute durch die richtige Ordnung des Ganzen 
erhält und es in der Weisheit und Tugend als göttliches und 
ewiges Leben zu einem gegenwärtigen Dasein und Besitz bringt. 



*) Vergl. meine „Geschichte des Begriffs der Parusie** (ßarthel, 
Halle 1873) und „Platonische Frage" S. 83. 

**) Vergl. meine „Studien zur Geschichte der Begriffe" (Baer, Frank- 
furt 1874) S. 246. 



Wenn wir deshalb das Platonische System im Ganzen 
charakterisiren wollen, so müssen wir es unzweifelhaft als hylo- 
zoistisch und pantheistisch bezeichnen/ da die dualistischen 
Principien durch den H!auptbegriff der Methexis und des Lebens 
zu dem lebendigen G-anzen der Substanz (ovaia) vereinigt sind 
und Piaton die Welt durchaus als lebendiges Wesen (Ct^ov) 
auffasst.*) Da aber die Platonische Welt kein starres Ganzes 
bildet, sondern die in der Natur vergrabene Ideenwahrheit durch 
den Menschen zur Erinnerung gebracht werden und zur Erlösung 
und Bejfreiung von der Verworrenheit des sinnlichen Lebens und 
von dem Bösen dienen und demgemäss zur Philosophie und zur 
Ordnung des Staatslebens führen soll, so ist der ethische Charakter 
fast die hervorragendste Seite des Piatonismus und man könnte 
ihn, da die Dialektik in den Dienst des Ganzen tritt, mit Recht 
auch eine Erlösungslehre nennen. Denn die Philosophen sind 
sowohl in dem früh geschriebenen „Staate" die Erlöser (aarvrJQeg) 
der Gesellschaft, als sie auch in dem letzten Werke Platon's, 
in den „Gesetzen", noch dieselbe Rolle in der nächtlichen Ver- 
sammlung der Greise spielen, und so sehr auch in einzelnen 
Schriften sorgfältigste Naturbeachtung und mit leidenschaftUchem 
logischen Enthusiasmus geführte dialektische Untersuchung der 
Begriffe hervortreten, so bleibt doch der Grundton in allen 
Dialogen, dass die zur Weisheit gelangten goldenen Naturen als 
göttliche Männer {d-eioi) wegen ihrer Verwandtschaft mit dem 
göttlichen Princip der Welt oder mit Gott zur Herrschaft über 
die Welt und zur Erlösung berufen und auserwählt sind. Und 
diese Platonische Liebe, die zur Weisheit aufwärts und 
kyklisch wieder zur Erlösung abwärts führt, ist der Grund- 
charakter des Piatonismus. Wegen der beständigen Rücksicht 
Platon's auf eine der immanenten Weltordnung entsprechende 
Ordnung der Gesellschaft könnte man sein System auch als 
Lehre vom königlichen Gottesstaat bezeichnen, oder da in 
diesem Alles abhängt von der Vernunfterkenntniss des ewigen 
Wesens der Dinge, der entsprechend die Bewegung der Dinge 
continuirlich und unaufhörlich fortdauert, während zugleich das 
Leben der Welt in dieser Erkenntniss des Ewigen zu seinem in 
sich abgeschlossenen und wieder Princip der Bewegung werdenden 



Timaeus p. 30 B, 92 £. 



8 

Ziele gelangt; so könnte Platon's System auch passend als 
Lehre vom ewigen Leben bezeichnet werden, nicht in dem 
äusserlichen Sinne, wie bei den Ionischen Physiologen, weil das 
Werden der einzelnen Dinge im Entstehen und Vergehen un- 
anfanglich und unvergänglich ist, sondern in der mystischen Be- 
deutung, weil ein zeitloses und durch seine Natur ewiges Wesen 
unberührt vom Wechsel der Dinge in dem vernünftigen Qeiste 
zur Anwesenheit und Wirklichkeit gelangt. 

Diese neue Auffassung des Piatonismus, die ich hier in 
kurzem TJmriss gebe, hatte ich mit verschiedenen Ausdrücken, 
als athanasianisch, hylozoistisch*), pantheistisch u. s. w. charak- 
terisirt. Zell er, dem die Fremdartigkeit des Gesichtspunktes 
im Verhältniss zu den herrschenden Auffassungen anstössig war, 
zog im Gefühl, damit schon die Widersinnigkeit aufzudecken, 
besonders den Ausdruck Hylozoismus hervor. Allein ich 
bleibe bei dem Ausdruck; hat doch Piaton selbst den frommen 
Thaies und die Beseelung der Welt durch das Göttliche als 
seine eigene Auffassung anerkannt. Das sind eben die Grund- 
linien, die Piaton mit den früheren theilt, wenn er sie auch mit 
einem so grossartigen Gemüthe und einem so geschulten Ver- 
stände ausgeführt und ausgefüllt hat, dass man bei oberfläch- 
licher Betrachtung die Verwandtschaft nicht mehr erkennt. 
Spielmann dagegen bezeichnete zustimmend die neue Auf- 
fassung als den Pantheismus Platon's, was durchaus richtig ist, 
aber natürUch auch nur einen Gattungsbegriff giebt, da der 
Pantheismus geschichtlich in vielen verschiedenen Formen vor- 
handen und bei Piaton eben nur der Platonische Pantheismus 
wirklich ist. Chiappelli, der die von der Akademie in Florenz 
gestellte Preisaufgabe, den neuen Standpunkt zu beurtheilen, 
löste, wählte ebenfalls den Ausdruck Pantheismus. 

Da der neue Gesichtspunkt, von welchem aus 
Methode zur die bekannten Platonischen Lehren alle eine neue 
Feststellung des Beleuchtung empfangen und sich zu einem ein- 
stimmigen und verständHchen Gemälde gliedern, 
natürlich ein ganzes Heer von Gegnern und nur wenige Freunde 



*) Y^rgl, z. B. meine Piaton. Frage S. 83 „Hierdurch kehrt Plato 
zum Hylozoismus zurück, aher nicht in der naiven Weise der lonier, 
sondern nach dem Durchgang durch den Dualismus" ff. 



fand, da ja die vis inertiae im Gebiete des geistigen Lebens als 
Gewohnheit eine ebenso unumschränkte Macht wie im Kreise 
der Naturerscheinungen hat und noch viele Motive immer mit- 
wirken, um zu verhindern, dass ein einmal in Besitz genommener 
Standpunkt, von dem aus sich Manches, wenn auch nicht Alles 
erklären lässt, aufgegeben werde: so muss ich mich ruhig darein 
finden, einige selbständige Köpfe, die mir durch eigenes Studium 
von selbst entgegengekonmien waren, befriedigt zu haben*), und 
das üebrige der Zeit, die Alles zurechtstellt, zu überlassen. 
Der vielen Missverständnisse wegen aber will ich hier auch noch 
das Eigenthümliche der Methode hervorheben, die ich zur Er- 
gänzung der früher schon herrschenden hinzufügte und die 
mich zu dem neuen Standpunkte führte. 

Man hatte bisher Piaton immer in Gegen- 
satz zu Aristoteles gestellt, weil dieser in allen ^- Efwa^""« 
Schriften ein ziemlich heftiges Pelotonfeuer gegen tivische Auf- 
Piaton eröffnete, auch suchte man ausserdem für fassungdesAri». 
die Entwickelung Platon's eine Erklärung nur in 
seinen Vorgängern. Von dieser Betrachtungsweise wandte ich 
mich ab. Da ich überhaupt für die Geschichte der Philosophie 
die Forderung geltend machte, die für die anderen Wissenschaften 
schon lange gilt, nur das Neue bei den in der Geschichte auf- 
tretenden Philosophen herauszufinden und das tradirte Gut ihren 
ersten Producenten zuzuweisen: so lag mir daran, bei Aristoteles 
das Neue herauszuschälen, und so fand ich, dass er fast seinen 
ganzen Lehrgehalt dem Piaton entlehnt hat. Die Vergleichung 
der bei Aristoteles handbuchmässig abgelagerten Begriffe mit 
den bei Piaton noch gleichsam am Baume hängenden und 
duftenden Früchten gab eine reiche perspectivische Erkenntniss. 
So zeigte sich z. B. die Entelechie als abgelagerte und mit einer 
etymologischen Etiquette versehene evSeUxeicc, entsprungen aus 
der 'KivrjOig im Unterschied von der cpogä,'^'^) So gingen auch 



*) So freue ich mich besonders über die Zustimmung von H. v. Kleist, 
^em Kenner Plotin's, der sich über meine „Literarischen Fehden" in den 
„Philosophischen Monatsschriften" XX. Band, 1. Heft 1884, Seite 46 ff. 
ausgesprochen hat. 

**) Vergleiche meine Aristotelischen Forschungen Band III, Seite 95 ff. 
^nd meine Literarischen Fehden I, Seite 210. 



10 

alle Grundbegriffe der Metaphysik und der Nikomachien in 
Platonisches Eigenthum zurück.*) 

Zweitens war mir durch meine eigene Meta- 
durch perspec- physik die Betrachtungsweise geläufig, dass die 
tivische Betrach- Causalität und die Zeit überhaupt nur eine per- 

spectivische Auffassungsform bilden und dass mit- 
hin die Coordinationen, in denen wir das Geschichtliche auffassen, 
ebensowohl von den Wirkungen, wie von den Ursachen ansetzen 
können, um zur Determination jedes beliebigen Punktes in dem 
geordneten Ganzen zu führen. Ich verfolgte deshalb die Vestigien 
Platon's in den Barchenvätern und bei den Neueren und stiess 
auf viele Begriffe, die sich ein machtvolles Gebiet erobert hatten 
und doch entschieden Platonisch waren, obschon die bisherigen 
Darstellungen Platon's davon so gut wie ganz schwiegen. Durch 
diesen Blick aus der Feme zeigten sich die Umrisse der 
Platonischen Lehre in einem neuen Lichte und die nähere Be- 
trachtung ergab dann, dass sich nach diesen Gesichtspunkten das 
Ganze viel leichter gliederte, die Probleme verständlicher, die 
Entwickelungen der Gedanken und Schriften durchsichtiger und 
einstimmig wurden. Wenn man dann die perspectivische Be- 
trachtung weiter verfolgt und nicht blos, wie bisher üblich, bei 
den nächsten Vorgängern Platon's stehen bleibt, so zeigt sich 
Piaton als ein deutlich bestimmtes Centrum von Ooordinationen, 
das seine Beziehungspunkte in die Vergangenheit wie in die 
Zukunft wirft und von allen Seiten Licht empfangt und giebt. 
Das ist der neue Weg, den man jetzt noch hier und da zu ver- 
dächtigen sucht, der aber durch die Natur der Sache sein Becht 
behaupten wird. Es wäre ja läöherlich, wollte man die späteren 
Gedankenweisen unmittelbar auf Piaton übertragen ; aber man 
darf die Motive dafür aus Piaton ableiten. 

Betrachten wir z. B. die Streitigkeiten der Kirche über 
den Patripassianismus , so bemerkt sich leicht, dass bei dea 
Streitschriften darüber nicht das einfache religiöse Bewusstsein 
interessirt ist, welches sich in den Vorstellungen von Vater undl 
Sohn ergeht und deshalb wohl Mitleid mit dem Sohne^ 
aber nicht Mit-leiden des Vaters im Sohne gefunden hätten 
da der Unterschied der göttlichen Personen für die Vor-- 
Stellung nicht verschwinden kann. Wenn es sich also fragt, i 



*) Vergleiche meine Neuen Studien zur Geschichte der Begrifft 
Band UI, Seite 438 ff. 



11 

welcher Weise der Vater in dem Sohne ist und wiefern die 
menschlichen Schicksale, z. B. die Kreuzigung, den Vater 
selbst treffen, so ist klar, dass es sich um eine philosophische 
Speculation handelt. Nun führen die gebrauchten Termini un- 
mittelbar auf Piaton zurück; denn die Parusie, die Methexis 
und das ana&ig, auch Vater und Sohn in metaphysischem 
Sinne sind Platonische Begriffe und die ganze Frage zeigt sich 
uns nun gleich als die Hauptfrage des Piatonismus, sofern die 
Idee als transscendent, ewig und unveränderlich dennoch in dem 
Entstehenden und Vergehenden das Wesen bildet durch seine 
Anwesenheit, (Parusie) und daher die Frage des Parmenides, 
wie das Einzelne mit seinem Wesen eins und verschieden, das- 
selbe immanent und transscendent sei, nothwendig entstehen 
musste. Darum bekommt die Piatonerklärung und speciell die 
Interpretation des Parmenides ein Licht durch die dogmatischen 
Streitigkeiten der christlichen Kirche und diese werden durch 
die Platonischen Disputationen verständlich. Geht .man dann 
weiter zurück, so begegnet man der Apathie des Anaxagoreischen 
vovg im fünften Jahrhundert und findet Spuren des Problems 
auch im sechsten vorchristlichen Jahrhundert bei Heraklit, so 
dass sich in der ganzen zusammengeordneten Reihe nun gerade 
bei Piaton ein Brennpunkt zeigt, in welchem die früheren 
Strahlen zusammenlaufen, während sich die hier concentrirte 
Kraft als Gluth und Licht an die Speculation der Patres mittheilt. 

Drittens muss ich sagen, dass mir Vieles in 
Piaton erst klar wurde, als ich selbst zu einem ®- Erklärung 

durch 6in um« 

eigenen metaphysischen Standpunkte gelangt war. fassenderes 
Es besteht nämlich in der Forschung gar kein «pecuiatNe« 
rechtmässiger Zwang, blos die analytische Methode 
anzuwenden, um z. B. die Lehre Platon's im Ganzen und im 
Einzelnen festzustellen; man darf vielmehr auch, sobald durch 
Analyse- einige Grundbegriffe feststehen, sofort von einem über- 
greifenden System aus die Stellung dieser Grundbegriffe mit 
ihren Coordinationen überschauen und bekommt dann ein schnelles 
Verständniss für die Platonische Arbeit und sieht den Grund 
ein, weshalb ihm diese oder jene Probleme die wichtigsten sein 
mussten und weshalb er dies oder das schlechterdings nicht auf- 
lösen konnte. 

Wenn z. B. Piaton die Identität der Ideen einerseits und 
d»8 abstracto Anderssein oder das immer Werdende oder die 



12 

Bewegung andererseits zu seinen Principien macht, so kann er, 
wenn er sie auch in der Substanz"") mischt, doch niemals die 
Methexis oder Parusie und Koinonie verständUch machen, soa- 
dem es muss ihm dieser wichtigste Begriff nur empirisch gegeb^ 
sein und für die Speculation ein blosses Postulat bleiboD, 
weil er in seinem Ansatz nur allgemeine Principien hat, wahrend 
der Begriff der Methexis, um begreiflich zu werden, individuelle 
und nicht physische, sondern metaphysische Principien fordert 
Mithin werden durch diese synthetische Methode einer speculativen 
Interpretation von vornherein eine Menge von Schwierigkeiten 
des Platonischen Systems erschlossen und dadurch der analytischen 
Betrachtung sogleich Licht und Ziel gegeben, während die 
Analyse allein innerhalb der Platonischen Dunkelheit und 
Schwierigkeit rathlos stecken bleiben musste. 

Ein anderes Beispiel sei die Unsterblichkeitslehre. Es hegt 
auf der Hand, wenn man die Platonischen Principien nach 
analytischer Methode heraushebt, dass daraus niemals eine Un- 
sterblichkeit individueller Seelen folgen kann und also nach der 
Intention des Systems auch nicht folgen soll. Gleichwohl scheint 
die Analyse bei einer beträchtlichen Menge von Bäsonnements 
in den Platonischen Dialogen in diese Aufgabe verwickelt 
Sobald man aber die Widersinnigkeit dieser Lehre für Piaton 
durch Vergleichung mit einem höheren metaphysischen System, 
in welchem die Principien für diese Lehre gegeben sind, ein- 
sieht und den logischen Ort für den Platonischen Begriff des 
Seins durch eine umfassendere metaphysische Topik determiniren 
kann: so erhält die Analyse ein neues Licht und unterscheidet 
leicht die orthodoxe Ausdrucksweise von den Linien der Dia- 
lektik und begreift sowohl den Schein der Lehre und die Ab- 
sicht dieses Scheins, als den wahren Sinn derselben. Eine solche 
Hilfe von Seiten eines metaphysischen Systems, wie sie hier als 
zulässig und nützlich gefordert wird, ist aber nicht zu verwechsehi 
mit einer Construction im HegeFschen Sinne ; denn das Hegersche 
System hat sich aus Piaton selbst entwickelt und bleibt in den 
Grenzen der Platonischen Anschauung wesentlich eingeschlossen; 
darum schieben sich die modern modificirten Begriffe den an- 
tiken unter und verwischen das originelle Gepräge und störexi 



*) Die ovixia bedeutet bei Piaton sowohl die causa formalis (Idee), al^ 
die sogenannte concreto Substanz der wirklichen Einzeldinge (to tv/ifUMrop)' 



13 

• 

die exacte Analyse. Auch verlangt Hegel eine dialektische Ent- 
wickelung der Systeme und muss deshalb die Autoren in das 
Prokrustesbett legen, um seinen Plan durchfuhren zu können, 
während ich der historisch exacten Analyse das unbe- 
dingte Vorrecht auch bei Erklärung der philosophischen 
Autoren einräumen und ihr nur in derselben Weise durch die 
philosophische Speculation zu Hilfe kommen will, wie bei 
mathematischen Autoren die Interpretation durch eine über- 
greifende mathematische Bildung des Interpreten wesentlich 
gefordert wird und zuweilen allein an's Ziel gelangen kann. 

§. 2. Die Platonischen Schriften und die neue Methode 
zu ihrer chronologischen Bestimmung. 

Wenn es sich nun zweitens um die chronologische Ordnung 
der Platonischen Dialoge und um ihre Echtheit handelt, so 
muss der neu gewonnene Lehrbegriflf als leitender Gesichtspunkt 
gegenüber den früheren einseitigen Auffassungen einen grossen 
Vortheil zur Gruppirung der Schriften nach dem inneren Kri- 
terium der Ausbildungsstufe des Lehrgehaltes darbieten. Da 
aber dieser Gesichtspunkt allein schwerüch zur Lösung der ver- 
wickelten Aufgabe genügen könnte und da alle die von den 
früheren Forschern angewandten Hilfsmittel der höheren Kritik 
kein auch nur einigermassen befriedigendes Resultat ergeben, 
versuchte ich einen zweiten Hebel anzusetzen durch eine neue 
Methode. Diese ist mir von den vielen Vertretern des alten 
Standpunktes natürlich ebenso missverstanden und missdeutet 
und befehdet, wie die neue Auffassung des Lehrbegriffs; allein 
mir gilt schon lange als Motto der schöne Platonische Spruch: 
„Das Wahre kann nicht widerlegt werden"*), und so tröste ich 
laich leicht über den Widerspruch, der von Seiten anderer 
Naturen und von alten festgewurzelten Meinungen aus mir noch 
entgegentreten muss. Ich ergreife aber die Gelegenheit, die 
neue Methode nochmals darzulegen. 

Nachdem nämhch mit einem unendlichen Fleiss 
^nd einer grossartigen Gelehrsamkeit Platon's Dia- ^^' *"«*»'•' **•' 

1 Tili! . 1- nf>. früheren Auf- 

woge durchackert und, wie es schien, alle Spuren fassung. 

aufgefanden waren, die etwa zu einer chrono- 



*) Gorg. p. 473 ß. ov Srjra, <3 IloJXe, aXX dSvvarov» ro ya^ alrjd'is 



14 

logischen Bestimmung der Dialoge oder zum Nachweis ihrer 
Beziehung aufeinander dienen konnten: so blieb die Mühe doch 
umsonst, da nur in wenigen Fällen eine annähernde Sicherheit, 
wie z. B. bei dem Symposion erreicht werden konnte. Worin 
aber lag der Fehler, der die Mühe vereitelte, und wie könnte 
man helfen? Es ist mit einem Blicke klar, dass der Fehler 
in der Vereinzelung und vorausgesetzten Beziehungslosigkeit des 
Platonischen Schriftencomplexes liegt; denn was in sich als 
Kunstwerk abgerundet dasteht und nicht mit der umgebenden 
chronologisch bestimmten Welt der Ereignisse verwachsen ist, 
das kann in seiner zeitlosen Beschaffenheit auch nur durch 
irgendwelche Spuren, wie gerade z. B. im Symposion, in Be- 
ziehung zu der Zeit gesetzt werden. 

Sollte deshalb hier geholfen werden, so musste 
Der Kunst. man vor Allem das romantische Vorurtheil zer- 
piatonlschen' brechen, als ob Piaton als Künstler unbekümmert 
Dialoge. um die Welt aus sich heraus zu seinem Vergnügen 

oder durch irgendwelche geniale Wehen getrieben 
seine Dialogen geboren hätte. Vielmehr musste man den Hebel 
draussen auf chronologisch fest bestimmtem Grund und Boden 
ansetzen und einen Dialog nach dem andern dann aus seiner 
falsch angenommenen künstlerischen Vereinzelung herausreissen. 
Dieser Arbeit unterzog ich mich und das ist das Neue meiner 
Methode. Es ist ja selbstverständlich, dass zu diesem Zwecke 
alle die von den früheren Forschem angewandten Mittel der 
Kritik ebenfalls benutzt werden mussten; denn diese bilden das 
allgemein gebrauchte Handwerkszeug; allein wie ein Maler zwar 
alle die Farben und Pinsel verwendet, die den Anderen schon 
bekannt und von ihnen schon gebraucht waren, und dennoch 
ein eigenes und neues Gemälde hervorbringt, so ist doch trotz 
der allgemein bekannten Mittel der Kritik durch meine Arbeit 
auch eine ganz neue Totalanschauung von den Platonischen 
Dialogen hervorgerufen und eine neue Methode gezeigt, daa 
chronologische Problem zu lösen. Denn, um von dem Bild ztar 
Sache überzugehen, so ist der neue Weg in der Auffassung d&^ 
Dialogen als Streitschriften gelegen. Die Streitschri-'^^ 
ist ihrer Natur und ihrem Motiv nach auf etwas auss^"'^ 
Vorhandenes bezogen und so sind die Dialoge, wie das (^-^ 
Literaturgeschichte fordern muss, wieder in die Eeihe der a^^ 
gemeinen Verkettung geistiger Ereignisse eingefügt. Es :^^ 



15 

darum zwar recht interessant, wenn z. B. Boeckh mit unend- 
licher Mühe den Zeitpunkt festzustellen sucht, welcher von 
Piaton für die erdichtete Unterredung im „Staat" angenommen 
ist*), und wenn er hier wie sonst bemüht ist, die Anachronismen 
zu entfernen, die der schönen künstlerischen Conception Eintrag 
thun könnten; allein für uns muss die ganze künstlerische Cho- 
regie nur eine hübsche Nebensache sein, da Piaton nicht Künstler, 
sondern Politiker, Pädagog und Forscher war und die Be- 
gleitung der Grazien ihn nicht hinderte, seine praktischen oder 
wissenschaftlichen Zwecke rücksichtslos zu verfolgen. Wenn 
man deshalb nach dem früheren Standpunkt der Auffassung der 
Dialoge trotz der reich gespendeten Bewunderung es nicht ver- 
mocht hat, den Kunstcharakter der Dialoge zu bestimmen, 
so ergiebt sich derselbe leicht aus der neuen Betrachtungsweise ; 
denn die Seele und da« Nervensystem des Dialogs ist die 
Wahrheit, welche Piaton gefunden hat und lehren will; das 
Knochengerüst und die Muskulatur ist die Polemik gegen die 
Schriften oder gegen die praktische Wirksamkeit einflussreicher 
Männer, deren Ansehen er niederschlagen will; die Bekleidung 
des Ganzen ist künstlerisch gewoben aus geistreichen Erinnerungen 
an Sokratische Gespräche oder aus erfundenen Begegnungen be- 
deutender Männer der jüngsten Vergangenheit. Zu diesem 
Kunstcharakter, der seiner Gattung nach der einer Streit- 
schrift**) und zwar in der Form eines erzählten oder dra- 
matischen Gesprächs ist, gehört nun wesentlich der Contrast 
dieser beiden zusammengemischten Elemente, welcher die spe- 
cifische Differenz bildet. Es kann nicht fehlen, dass ein 
solcher Centaur an Widersprüchen und Unmöglichkeiten leiden 
muss; denn die künstlerische Form lässt wie bei einem histo- 
rischen Boman möglichste Objectivität und historische Correct- 
heit erwarten, der Charakter der Streitschrift aber erfordert, 
dass die dramatis personae vielmehr einen in Platon's Gegen- 
wart fallenden Streit ausfechten und daher möglichst viel Züge, 
die ihnen objectiv gar nicht zukommen, annehmen. Dieser Con- 
trast spiegelt sich deshalb in dem Platonischen Humor, von 



*) Boeckh. De tempore quo Plato Rempublicam peroratam finxerit, 
^issertatio I (1838/39), dissertatio 11 (1839), dissertatio III (1840). 

*♦) Natürlich sind ein paar Dialoge, wie Timaeus und Gesetze aus- 
S^i^ommen. 



16 

dem gerade die Centaurengestalt herrührt, und in seiner Ironie; 
denn Sokrates muss eben sagen, was Piaton will und nicht, was 
Sokrates wirklich dachte und sagte, und die Gegner wie Gor- 
gias, Polos, Protagoras, Euthydem, Thrasymachus u. s. w. 
müssen sagen, was ihnen selbst nachtheilig und lächerlich ist, 
und nicht, was die unter dieser Maske verborgenen ingrimmigen 
Gegner Platon's gern eingeworfen haben würden. Darum gehört 
der Humor, die Ironie, der Anachronismus und die Allusion 
wesentlich zum Kunstcharakter der Platonischen Dialoge und 
der Anachronismus ist weder ein Fehler, noch ein zufälliger Reiz. 

Während von dem früher herrschenden Stand- 
Anekdoten und punkt aus der sogenannte Anekdotenklatsch und 
<*«•' die giftigen Anklagen der Feinde Platon's ent- 

Verleumdungen. j •. i cii.n i. • -i. 

weder mit vornehmem Stillschweigen übergangen 
oder mit Entrüstung abgewiesen wurden, so müssen uns, da wir 
in den Dialogen Platon's Kampf mit seiner Gegenwart abgespiegelt 
sehen, ein Theopomp, ein Hegesandros und koJ)flose Leute wie 
Diogenes Laertius und Athenäus goldwerth sein, weil sie per- 
sönliche Beziehungen, Hass und Lüge der Platonischen Gegen- 
wart aufbewahrt und dadurch sonst verloren gegangenes Licht 
durch ihre Spiegelung gerettet haben.*) Zum Verständniss eines 
Charakters gehört wesentlich auch die Einsicht in die Miss- 
verständnisse und den Hass, den er bei Gegnern finden musste. 
Wenn wir Kleineres mit Grösserem vergleichen wollen, so finden 
wir auf dem Gebiete der Forschung über das Christenthum die- 
selbe Werthschätzung, die allen feindseligen Vestigien bei Tacitus, 
Lucian, oder den erhaltenen Einwürfen des Celsus und Porphyrius 
u. A. erwiesen wird. 

Das persBniiche ^^® ^^^ Platon in seinen frühesten Dialogen 

Leben Platon's sich gleich persönlich in dem vollen Glanz seiner 
in den Dialogen. 51^^^^^ ^ ß im „Charmides", vorstellte und die 

geschmähten Mitglieder seiner Familie vertheidigte und idealisirte, 
wie er sich im „Protagoras" gleich als einen Aristokraten zeigte, 
der die vornehme Gesellschaft in Athen als ein Zugehöriger ir^ 
leichtem Ton behandelt, so wollte er auch seine Freunde, wi^ 
Theages, Theätet, Protarchos u. A. mit Namen verewigen; seii^^ 
Feinde aber steckte er häufig in Masken, um sie rücksichtslos^^ 



*) Vergleiche die Beispiele der Verwerthung solcher Indicien in die^^' 
Schrift. Nachweise im Index s. v. Heffesandros. 



1? 

lächerlich machen zu können; denn er wurde nicht mit Unrecht ein 
neuer Archilochus genannt; Einige jedoch griff er auch mit Namen 
an, wie Lysias und Isokrates ; doch immer in einem Ton, der bewies, 
dass sie nicht blos an Talent und Charakter, sondern auch ge- 
sellschaftlich unter ihm standen. Seine persönlichen Erinnerungen 
wob er in die Einkleidung der Dialoge künstlerisch ein, wie z. B. 
viele seiner Erinnerungen aus Aegypten, die Begegnung mit dem 
Tyrannen Dionysius I. und auch die interessante Excursion, die 
er auf der Reise nach Aegypten auf Kreta gemacht hatte, wo 
sein Schiff landete und ihm die Zeit liess, die Idäische Grotte 
als Tourist zu besuchen. Was er in den „Gesetzen" p. 834 er- 
zählt, dass man in Kreta nur wenige Pferde hat und Niemand 
einen Wagen braucht, wie femer, wenn er die Greise den weiten 
Weg von Onossus nach der Grotte zu Pusse machen lässt und 
dabei mit Genauigkeit die schönen Wiesengründe und herrlichen 
Cypressenhaine auf diesem Wege erwähnt, das spiegelt natürlich 
Alles Reiseerinnerungen ab und giebt uns manchen Blick in sein 
persönliches Leben und seinen Umgang. 

Das Recht zu diesem neuen Gesichtspunkt, der Begründung der 
eine neue Methode in der Untersuchung der Dialoge Methode, 
begründet und neue Handhaben zu ihrer chronologischen Be- 
stimmung liefert, braucht nun erstens kaum bewiesen zu werden*) ; 
denn dieser Gesichtspunkt ist so fruchtbar und liefert sofort so 
viele neue und zusammenstimmende Aufschlüsse, reimt sich auch 
so einfach mit den Nachrichten über das persönliche Leben 
Platon's und seine bis zum Tode fortgesetzten Aspirationen auf 
politischen Einfluss und auf persönliche Leitung der edlen Jugend 
in Athen, dass die nicht schon vorher eingenommenen Kenner 
und Preunde der Platonischen Literatur ihn ohne Beweis 



♦) Ich freue mich daher der Zustimmung voq Pelice Tocco, der 

meine Literarischen Fehden in der Zeitschrift Cultura, Anno I, No. 4. recen- 

sirt hat und nach einer Darlegung der Punkte, worin er von mir abweicht, 

schliesst: Accetto dal Teichmüller che i primi cinque libri della Repubblica 

siano anteriori alP Ecclesiazuse- Accetto che il Fedro non sia il primo 

dialogo platonico, e sottoscrivo alla critica che egli fa dell' Usener. Accetto . 

che i criterii estrinseci vadano innanzi agl' intrinseci, quando si debba de- 

terminare la successione dei dialoghi. Riconosco che il migliore cri- 

terio si possa ricavare dalle polemiche, che non furono rare nel 

mondo classico, come non sono oggi. 

2 



i8 

. ■ 

Willkommen heissen müssten. Trotzdem habe ich in meineÄ 
„Literarischen Fehden" genügende Kennzeichen angeführt, um 
den polemischen Charakter der Dialoge zu bestimmen. Die 
polemischen Wechselbeziehungen zwischen dem Protagoras, Eu- 
Ihydem, Staat, Phaidros und Gesetzen einerseits und den 
Sophisten, det Helena, dem Busiris, Panegyrikus und Pana- 
thenaiküs von Isokrates andererseits liegen oflfen zu Tage ; ebenso 
die Polemik des Phaidros gegen Lysias Liebesrede; ebenso 
die Polemik zwischen Staat und Ekklesiazusen und die Polemik 
zwischen Aristoteles und Piaton. Zu diesen Zeichen kommen 
nun in diesem Buche noch neue Nachweisungen über die Be- 
ziehungen zwischen Xenophon und Piaton, Simon und Piaton, 
und eine Menge gelegentlicher kleiner Bemerkungen. 

Da die Rivalität zwischen Piaton und Isokrates 

chronologische nachgewiesen ist, so hat man durch die leichter zu 

Bestimmung des datirenden Isokrateischen Schriften eine Handhabe 

zur Chronologie der Platonischen Dialoge. In der 
Auffindung dieser Beziehungen hat man eine interessante und 
überaus fruchtbare Aufgabe. Wenn man z. B. bedenkt, dass 
dem Isokrates, wie er klagt, schon lange die feinsten Jünglinge 
abspenstig gemacht wurden, die sich lieber zu den sogenannten 
Philosophen begäben *), um die Spitzfindigkeiten und Kunststücke 
des Parmenides, Melissus und Gorgias zu bewundern, statt bei 
ihm praktische Staats- und Redekunst zu erlernen; wenn er 
klagt, dass man ihm Pleonexie und seinen ehrlich erworbenen 
Reichthum öffentlich vorwerfe, weshalb er ja zu der Choregie 
oder dem Vermögenstausch verurtheilt sei: so kann man nicht 
umhin, diese Vorwürfe und Anklagen mit dem bittersten sittlichen 
Entrüstungsbeigeschmack bei Piaton im „Gorgias" zu finden und 
anzunehmen, dass es eben der Einfluss Platon's und seiner 
Freunde war, welcher ihm die Schüler entzog und seine Ver- 
urtheilung indirect herbeiführte. Nichts war deshalb natürlicher, 
als dass Isokrates in der Rede über den Vermögenstausch nicht 
blos seine Rhetorik von dem Vorwurf der Schmeichelei zu 
reinigen und als eine höchst nützliche und mächtige Kunst 
hinzustellen suchte und dagegen die Gesinnung seiner Pla- 
tonischen Gegner als antidemokratisch verdächtigte und als 



') neQi avTiSoaecos 269, 286. 



19 

verleumderisch und menschenfeindlich brandmarkte*), 
sondern dass er auch sein persönliches Leben der moralischen 
und religiösen Wucht gegenüber, mit dem Piaton im „Gorgias" 
seine Redeschule erdrückte, als ein moralisches und gottesfürchtiges 
und gottgeliebtes auszumalen sich bemühte, dagegen wohl auch 
mit Hinblick auf den Neffen Platon's, Speusippus, die Sitten der 
Philosophen als skandalös bezeichnete. Dies im Einzelnen nach- 
zuweisen, ist hier nicht der Ort; allein es genügt vor der Hand, 
die Beziehung und die Aufgabe anzudeuten. Die chronologische 
Bestimmung des „Gorgias" ist aber durch die Antidosis noch 
nicht gegeben, weil Isokrates ausdrücklich eine lange Zeit {tvoXvv 
XQovov) als verstrichen angiebt; dagegen enthält die Rede an 
Nicocles die nächste Replik, und da die detaillirten 
Schilderungen des Macedonischen Hofes natürlich nicht, wie 
Athenäus meint, gegen den längst begrabenen Archelaos ge- 
richtet sind und auch keine an einem Beispiel durchgeführte 
Declamation über die Schlechtigkeit der Fürsten im Allgemeinen 
sein kann, sondern als warnende Erinnerung in Bezug auf die 
Verbindung der Griechen mit Amyntas für die Gegenwart be- 
stimmt sind (denn dass Piaton seine Beziehungen auch zu 
Macedonien hatte, sehen wir aus dem Briefe des Speusippus bei 
Athenäus 506 e.); so schliesse ich, dass der Gorgias ungefähr 
um 375 verfasst wurde und dass die Rede an Nicocles zunächst 
auf diesen Dialog anspielt**). 



*) Bei perspectivischer Betrachtung ist es ganz natürlich, dass Piaton 
für seine Gegner als Svofievi^e, y&ove^6s, <pil68oSoe und seine Schüler, wie 
er, als tv^ovvmcoI und Sidßoloi erscheinen mussten. Bei Athenaeus ist diese 
Auffassung allein vertreten. 

**) Isoer. JJqos NixoxXsa 4. "ßare jtoXXove afufiaßrireXv^ Ttore^ov eariv 
aStov elsa&cu %ov ßiov raw iStansvovroiv fUv dTtteixcag 8e nftatrointovy ? tav 
tatv rv^awsvovraw, orav fiep ya^ anoßXixpcoaw eis ras ri/uag xai rovs TtXov- 
rovs xal rag BwaaxeiaSy iao&eove anames vo/jU^ovoi tovs iv raie /lova^x^aie 
opras' ijteiBav 8i ivd^fitid'oKSi lovs <p6ßovs xtxi rohg xivSvvovs, xai Sie^iovree 
o^aftxi T<we fiev vy' lov ^nrra X^^ die^&a^fidvovg, rovg 8* eig zovg oixeiardrovg 
i^afia^eiv rjvayxaff/iepovg, roig 8^ cLfAtporeQa ravra avftßeßrpcora, Ttdhv oncoaovv 
iv^ Tjyovvrai XvffirslsXv /laXXov ^ fieta roiovTtov av fi^oQcäv 
andarjg rrjg l/iaiag ßaffiXeveiv. Diese letzte Wendung schliesst sich 
genau an Platon's Gorgias p. 471 0. an, wo es heisst: ad'Xuorarog icn 
ndvrcav MaxeSovcDVf L}X avx etiSatfioveararogf xal iffafgä'(mvoffrig*A&i]va£(or 
ano oov aq^dfievog 8eScLiT av dXXog vffruxovv Max686v(ov yeveff&at 
fidXXov fi^AqX^^^^^' ^^ vergleichen ist dann noch p. 525 D, ff. 

2* 



20 

Anderes Beispiel, "^^ möge erlaubt Sein, hier ebenso in aller £ürze 

Lysias erotische und mit Verzicht auf reichere Begründung ein 

"•^•- anderes Beispiel vorzuführen, weü sich dabei einige 

eigenthümliche Charaktere der Methode anschaulich zeigen lassen. 
Wenn Blass (Attische Beredtsamkeit I, Seite 339) die Liebes- 
rede des Lysias vor die Anarchie setzt, so scheint ihn dazu nur 
die Fiction der Scene im Phaidros des Piaton veranlasst zu 
haben. Allein nach unserer Methode müsste gerade eine solche 
correcte Zusammenstimmung der Zeit schon verdächtig sein, 
weil der Anachronismus ein wesentliches Element in dem Kunst- 
charakter der Platonischen Dialoge bildet, welche, weil sie keine 
Erinnerungen wie die Xenophonteischen sein wollen, durch der- 
artige Widersprüche nicht verunstaltet, sondern gerade, weil die 
Platonische Gegenwart hinter den durchsichtigen Coulissen der 
Scene erscheint, nur desto reizvoller werden. *) 

Wenn Piaton im Phaidros, der aller Wahrscheinlichkeit 
nach, wie ich gezeigt habe, ungefähr 379 oder 380 geschrieben 
ist, gegen die Liebesrede des Lysias eine Streitschrift verfasst, 
so kann die zu recensirende Schrift unmöglich schon vor der 
Anarchie, sondern muss nicht lange Zeit vor dem Phaidros er- 
schienen sein. Ein genügendes Zeichen für diese Annahme ist 
eine Zeitdetermination, welche Piaton selber giebt; er nennt den 
Lysias nämlich den gewaltigsten der gegenwärtigen Schrift- 
steller. **) Es ist einerlei, ob Piaton in dies Urtheil seine Ironie 
eingemischt hat ; denn jedenfalls wollte er damit die herrschende 
Meinung über ihn bezeichnen. Vor der Anarchie konnte aber 
für Lysias ein solches Urtheil unmöglich schon gelten und nach 
dem Panegyrikus des Isokrates nicht mehr. 

Da nun immer Schrift und Gegenschrift der Zeit nach' an- 
einander gekettet sind, so dürfen wir auch für die chronologische 
Bestimmung der Schrift des Lysias die Zeitbestimmungszeichen 
der Gegenschrift benutzen. Nun deuten im Phaidros***) die 



*) Der Gewährsmann des Athenäus (man sieht hier nicht genau 
welcher) hat die "Widersprüche in den Platonischen Fictionen wohl erkannt, 
aber die Nothwendigkeit derselben aus dem eigen thümlichen Kunstcharakter 
der Dialoge nicht begriffen ; er zählt einige Widersprüche auf und sagt 
dann Athen. Deipn. 11, 506 noXXa ^ sori xod aXXa Xiyeiv neQi avrav xai 
Bsixvvvai (he i^Ttkatrs rwe SiaXoyove. 

**) Phaedr. p. 228 Ssivoraroe cav tcöv vvv yqanpeiv. 
***} Ibid. p. 229 0. oi aofoL 



21 

„Klugen", welche die Mythen (/wd'olÖYi^iÄa) allegorisch und natura- 
listisch auslegen, offenbar auf Antisthen es hin, der denn auch 
ganz deutlich als „ein gewaltig Kluger und als Mann der Arbeit 
und als kein besonders glücklicher Mensch"*) charakterisirt und 
dessen Philosophie als eine „bäuerische Weisheit" **) hart, aber, 
wenn man Aristoteles Zustimmung bedenkt, gebührend be- 
zeichnet wird. Da nun die Schriftstellerei des Antisthenes erst 
nach Sokrates' Tode zu blühen beginnt, so befinden wir uns 
also bei diesen Anspielungen sicher im vierten Jahrhundert. 
Durch die Beziehung jener Stellen auf Antisthenes können wir 
nun aber auch wieder neue Anhaltspunkte finden. Wir wissen 
nämlich, dass Antisthenes mit seiner Sippschaft im Piräus von 
Piaton im „Euthydem" abgefertigt wurde und seinerseits den 
Piaton als von Hochmuthswuth (reTvqxofx^vov)***) befallen 
bezeichnet und bei einem angeblichen Krankenbesuch bei Piaton 
bedauert hatte, dass dieser seine Wuth (rvqpoy) nicht mit aus- 
gebrochen habe. Auf diese persönlichen Angriffe gegen sich 
antwortet Piaton in Phaidros in einer Anspielung auf seinen 
persönlichen Charakter: „ich untersuche ja auch mich selber 
genau, ob ich solch' eine Bestie bin, die noch hinterlistiger und 
wüthender (ßSilov STtire'd'Vfxfxevov) als Typhon ist, oder ob 
ich ein sanfteres und schlichteres Wesen bin und Antheil an 
einer göttlichen und wuthlosen (artJqpoi;) Natur empfangen 
habe." Phaedr. p. 230 (Tkottw ov rcnka a%K ifxavrov, eYrs ri 
dTjQiov TVYxävit) Tvcpwvog TtoXvTtXoKcireQOv tkxi /xälXov STtLre- 
d-vfxfxivov, iire rj^BQwreQov re xai aTcXovareQOv J^wovj d'eiag rcvbg 
Hat arvcpov fxoiQag cpvaec fi&pixov. Die dreimalige Wiederholung 
des Tvq)og und die Herbeiziehung der Delphischen Aufforderung, 
sich selbst zu erkennen, deuten entschieden auf eine persönliche 
Beziehung hin, welcher Sokrates iin Namen Platon's Ausdruck 
geben muss. Mithin müssen wir bis in's zweite Jahrzehnt des 
vierten Jahrhunderts herabgehen, in welchem die Kampfara 



*) Ibid. 229 D. Xiav 8eiv6v xai imnovov nai ov Ttdvv evrvxovs avS^oe. 
Der Ttovoe ist Proprium für Antisthenes und die anderen Merkmale sind 
ebenso zutreffend. 

**) Ibid. 229 E ay^oixtp Tivi aofiq x^ft5^«/0€. Aristot. Metaph. 8. 1024 
b. 32 "^vria&evTjs (pero evi^&tos xtL Ibid. rj 1043 b. 24 ol l^vriff&evetoi xai 
oi WTcoe analBevrot. 

*♦*) Diog. Laert. VI. 7. 



82 

zwischen Antisthenes und Piaton erst in literarischen Producten 
begann. 

Dass nun Piaton, wenn er den Lysias angreifen will, gleich 
das ganze ihm feindliche Nest im Piräus mit aufstört und 
also mit dem eben erwähnten Geplänkel gegen Antisthenes be- 
ginnt, kann nur als natürlich und zweckentsprechend betrachtet 
werden. Wie er aber im „Euthydem" den Lysias schon geneckt 
hatte, so wäre zu erwarten gewesen, dass Lysias seinerseits auch 
zu irgend einer Replik gegen Piaton sich veranlasst gesehen 
hätte. Dies scheint man nun bisher übersehen zu haben, dass 
Lysias in seiner Liebesrede in der That eine Streit- 
schrift gegen Piaton verfasst hat und zwar gegen die Kede 
des Pausanias im Symposion, deren Gesichtspunkte er alle be- 
rührt, um nachzuweisen, dass nicht, wie Piaton meine, der 
wahrhaft Liebende ein Recht auf Anerkennung und Gegenliebe 
habe, sondern umgekehrt der Nicht-Liebende. Wenn es sich 
dabei um das weibliche Geschlecht drehte, so könnte man ruhig 
sagen, dass Lydias ebenso wie Hegel der Vemunffcheirath das 
Wort reden wollte gegen die heissen Forderungen der erotischen 
Passion; allein da es sich um Knaben als Ttaidv^a dreht, so 
verhält sich die Sache gerade umgekehrt. Es herrscht bei Be- 
handlung dieser sittlichen Frage hier bei Lysias offenbar derselbe 
sophistische Geist, den Piaton in der Figur des Dionysodor*) 
bei theoretischen Fragen blossgestellt hatte, und wenn wir mehr 
über Lysias persönliches Leben wüssten, so würde man sich 
nicht wundern, dass der skeptische alte Herr, der mit Antis- 
thenes, dem Eristiker, freundschaftlich verkehrte und dessen 
Bruder Euthydem als Sophist und Erfinder von Trugschlüssen 
bekannt war, auch den Piaton einmal bei einer geselligen Zu- 
sammenkunft mifc einigen sophistischen Neckereien habe auf- 
ziehen wollen. Man lässt sich nur durch die Maske des Sokrates 
täuschen und versetzt gar zu ehrbar immer den Schauplatz der 
Dialoge in das fünfte Jahrhundert, während man doch nur mit 
Piaton und seiner Gegenwart zu thun hat. Nur unter dieser 



*) Wenn Tocco 1. 1. meine Combination nicht büligt, so dient ihm 
nur das argumentum ex silentio. Allein wenn man bedenkt, wie spott- 
wenig wir über die Lebensverhältnisse der bedeutendsten Männer dieser 
Zeit wissen, so berechtigt gerade das silentium zu allen Combinationen, 
die ein Licht auf das Dunkel dieser Verhältnisse werfen. Dass man freilich 
nur mit Hypothesen zu thun hat, muss in Erinnerung bleiben. 



Voraussetzung wird es ganz begreiflich, dass Piaton die gegen 
ihn selbst gerichtete Schrift, die er widerlegen will, in seinen 
Dialog aufnimmt. 

Demgemäss können wir nun die Liebesrede des Lysias, die 
als ein offener Brief an Piaton betrachtet werden kann, chrono- 
logisch ziemlich genau bestimmen. Sie muss zwischen Sym- 
posion und Phaidros, also zwischen 385 und 380 fällen. Dass 
sie nicht von einem jungen Manne herrührt, zeigt ihr Sinn und 
Inhalt aufs Deutlichste; sie passt für einen alten Herrn, der* 
nicht besonders gottesfürchtige Absichten und Ansichten hat. 
Ebenso sind auch die erotischen Ergüsse des Isokrates in der 
Helena im Stil und Charakter eines alten Herrn, und Platon's 
Symposion, wie schon früher der „Staat", nahm Act von dieser 
gemeinen Gesinnung. Platon's Liebesreden aber athmen überall 
die Wärme und den Idealismus einer unsterblichen Jugend und 
haben hier auch wirklich den Yortheil grösserer Jugendlichkeit 
des Verfassers vor seinen beiden Widersachern voraus. 

Ich möchte nur noch ein Beispiel geben, wie 
Drittes Beispiel, auch kühne Combinationen nicht verwerflich sind, 
^trmentdw"** ^^ lange man nichts Besseres an die Stelle zu setzen 

hat und wenn man nur den logischen Werth eines 
so gewonnenen Besultates als einer blossen Hypothese nicht 
aus den Augen verliert. Hypothesen dienen aber später oft zur 
Aufflndung der natürlichen und sicher zu erkennenden Zusam- 
menhänge. Hier sollen nun blos solche Combinationen kurz 
vorgeführt werden; die gründliche Erörterung verspare ich für 
eine andere Gelegenheit. 

Der „Sophistes^ also zeigt p. 217 C. deutlich an (indem 
Sokrates sagen muss, er wäre als junger Mann bei den schönen, 
in kurzen Fragen und Antworten verlaufenden Reden des sehr 
alten Parmenides zugegen gewesen), dass der Parmenidesdialog 
von Piaton früher geschrieben wurde. Wenn Stallbaum (Proleg. 
p. 54) in dieser einfachen Bückweisung vielmehr eine vorläufige 
Annonce sieht (tamquam sermonem mox proditurum), so wird 
wohl kein aufrichtiger Leser darüber zweifelhaft sein, was eine 
künstliche und was eine natürliche Interpretation ist. 

Wann aber ist der Parmenides verfasst? Ich habe schon 
früher vermuthet und Tocco war auf denselben Gedanken ge- 
kommen, dass der Tyrann Aristoteles dem Namen des jungen 
macedonischen Lieblingsschülers zu Gefallen als dramatis persona 



24 

eingeführt sei, wie man ja Aehnliches in modernen Schriften 
häufig findet. Dadurch wäre sofort hypothetisch festgestellt, 
dass der Dialog erst nach dem Archontat des Polyzelos, also 
nach 367 a. Chr. (Clinton), verfasst ist. 

Aber wie viele Jahre später? Um dies zu bestimmen, 
bedürfen wir einer neuen Combination. Dazu benutze ich die 
Mittheilung des Diodor*), dass um die Zeit des Cephisodor 
Aristoteles schon bemerkenswerth als Philosoph gewesen sei. 
'Da diese Zeit für Aristoteles ungefähr das zwanzigste Lebens- 
jahr bedeutet, so würde die Angabe sehr unzuverlässig oder 
fast unsinnig zu nennen sein, wenn nändich Aristoteles sich 
durch eigene Leistungen schon sollte auf die Höhe der Zeit 
gehoben haben. Doch würde selbst dieses nicht ohne Beispiel 
sein, da uns die Lebensgeschichte Leibnitzens doch ziemlich das 
Gleiche zeigt, sofern man nicht die Welt, sondern eine Stadt 
als Schauplatz nimmt. Aristoteles könnte ja immerhin, nach- 
dem er sich schon daheim mit den bereits erschienenen Plato- 
nischen Dialogen bekannt gemacht und dadurch ein Verlangen 
nach seinem weiteren Unterricht gewonnen hatte, zu Piaton als 
ein frühreifer Mann gekommen sein. Nehmen wir dann hinzu, 
dass er gewissermassen von dem königlichen Hof zu Macedonien 
geschickt war und sich gewiss, wie auch der Schmuck oder die 
Pracht seiner Kleidung immer erwähnt wird, in glänzenden 
Vermögensverhältnissen befand, so konnte es kaum fehlen, dass 
er in dem neugierigen und eitlen Athen sofort eine allgemeine 
Aufmerksamkeit erregte. Trotzdem möchte ich glauben, dass 
er als Philosoph nur erkannt werden konnte, wenn ihn Piaton 
selbst auf das Piedestal hob. Nehmen wir nun die obige Hypo- 
these an, dass im Parmenidesdialog der junge Aristoteles von 
den Zeitgenossen auf den Stagiriten gedeutet wurde, so musste 
er nach dem Erscheinen des Dialogs überall als Philosoph gelten. 
Und wenn man bedenkt, welche ausserordentliche Schwierigkeit 
dieser Dialog hat und welche Aufmerksamkeit und Ausdauer 
dazu gehört, um ihn bis zu Ende zu lesen, so kann man die 
Anekdote verstehen, wonach alle Zuhörer Platon's bei der 



*) Diod. XV, 76. vTvijqiav xara rovrovs rovg XQovavg avd^sg a$iOi /Mfi^pa^g 
ital l/i^ffToreXrjg b ytlooofog. Die Zeit bezieht sich auf das Archon- 
tat des Cephisodor. nach Clinton 366 a. Chr. 



Yorlesung dieses Dialogs fortgegangen wären, während nur Aristo- 
teles bis zu Ende ausgeharrt hätte.*) Ob dies nun so vorge- 
kommen ist, muss uns gleichgiltig sein, da wir ja sehen, dass 
er im Dialog wirklich als Antwortender bis zu Ende figurirt, 
woraus die Entstehung der Anekdote leicht begreiflich wird, 
während sein [phrentitel als vovg es wiederum verständlich macht, 
dass ihm Piaton diese bedeutende Rolle als dramatis persona 
zuweisen konnte. 

Wenn man nun diese Combinationen zur Begründung einer 
Hypothese zusammenfasst, so ergäbe sich als Jahr der Abfassung 
des Parmenides etwa 366 oder 365 a. Chr. Wie viele Jahre 
später aber der Sophistes geschrieben sei, das müsste erst 
wieder durch andere Combinationen oder Judicien festgestellt 
werden. 

Wenn Dittenberger in seiner schönen und 
lehrreichen Abhandlung „Sprachliche Kriterien für Bemitzung der 
die Chronologie der Platonischen Dialoge" (Hermes "^Kriterien. 
1881 S. 321 ff.) die von Piaton gebrauchten Partikel 
statistisch behandelt und darnach die Dialoge in Gruppen 
sondert, je nachdem gewisse Partikeln gar nicht, oder selten 



*) In der Anekdote wird der Dialog als ne^ V^/^ff bezeichnet und 
man hat deshalb an den Phaidon gedadit, was offenbar recht verkehrt ist, 
weil ein so saftiger Dialog keine so grosse Ausdauer verlangt. Ich möchte 
aber darum doch die Bezeichnung bei Diogenes nicht verwerfen ; denn der 
Inhalt des Farmenides kann sehr gut auf die Seele, nämlich der Welt, 
bezogen werden. Die Substanz der Welt ist die Seele nach Piaton und 
zu dieser gehören ja auch unsere Seelen als Theile mit. Wenn deshalb 
verlangt würde, den Dialog nach seinem Inhalte zu benennen, so würde 
ich die von Grammatikern eingeführte Benennung Tte^i iSeatv entschieden 
verwerfen, da das Gegenstück der Ideen, ra noXld, mit demselben Recht 
als Titel figuriren könnte. Da aber die ov<ria dem Vielen zukommen und 
das Viele eins sein soll(z. B. p. 144 B. iTtl ndvxa aqaTtoXXa ovra rj ovaia 
vevefifjrai 9ttü ovBePoe anoatarBi röov orrcov, ovrs tov fffwcqotdrov ovre rov 
fuyiarov. Und 144 E ov fwvov aQa to ov iv noXkd eattv, äXXa xcd avro ro 
%v vno Tov ovros Biaveve/irifievov noXXa arayterj alvat); so konnten Platon 
nnd seine Schüler den Gegenstand des Dialogs nur als das Wesen der 
Welt oder die Seele bezeichnen; denn in der Seele kommt das Wesen 
der Welt zur vollen Erscheinung und Selbsterkenntniss. Es braucht 
also gar keine Verwechselung des Titels bei der Anekdote angenommen 
werden. 



26 

oder häufig gebraucht werden: so ist ein solches Ejiterium 
gewiss von jedem Freunde der Piatonforschung willkommen zu 
heissen. Es liegt aber auf der Biind, dass dieses Mittel wie 
eine gute Waffe erst eines Schützen bedarf, der es in Gebrauch 
ninmit und ihm Bewegung, Bichtung und Ziel giebt; denn um 
Nutzen aus dem statistischen Material zu ziehen, muss man den 
Grund angeben können, wiefern ein bestimmter Partikelgebrauch 
positiv mit etwaigen bestimmten Zeitverhältnissen zusammen- 
hängt und negativ, dass die Frequenz der Partikeln nicht durch 
den besonderen Charakter jedes Dialogs bedingt sei, oder nicht 
andere zufallige und nicht mit der Zeitbestimmung coordinirte 
Ursachen habe. Man sieht also, dass der Sprachgebrauch eine 
Waffe ist, die ohne Schützen kein Ziel treffen kann. Dies hat 
Dittenberger nun natürlich nicht ausser Acht gelassen, vielmehr 
mit grossem Scharfsinn gerade die Partikeln aus der Gonver- 
sationssprache der sicilischen Dorier hervorgehoben und die 
sicilischen Reisen Platon's zu dem Gesichtspunkt gemacht, 
nach welchem man aus dem statistischen Material Schlüsse 
ziehen könnte. Darum müssen seine Resultate im Ganzen von 
Gewicht sein, was ich nicht so leicht einräumen würde, wenn 
nicht die von ihm gewonnene Gruppirung meistens mit der An- 
ordnung der Dialoge, die mir aus anderen Gründen für wahr- 
scheinlich gilt, übereinstimmte. Besonders beachtenswerth ist 
dabei, dass der Parmenides im Gegensatz gegen die herrschende 
Meinung und im Einklang mit meiner Auffassung in die letzte 
Gruppe IIb kommt und dass ebenso Theätet und Phaidros 
in die zweite Gruppe geschoben werden. Was aber die 
Gruppirung von I und IIa betrifft, so erkennt man wohl, dass 
der von Dittenberger hervorgehobene Gesichtspunkt doch im 
Ganzen keine bestimmte Determinirung gewähren kann; denn 
wie ein Aufenthalt in Syrakus, so kann auch ein inniger Ver- 
kehr mit Syrakusischen Schülern in der Akademie oder ein 
eifriges Studium dorischer Bücher, wie des Philolaos und dergl. 
seinen Stil beeinflusst haben, und es giebt ja viele Umstände, 
wodurch der Gebrauch gewisser Partikeln in unserer Sprache 
häufiger oder seltener werden kann. Ich glaube daher nicht, 
dass durch die Statistik des Sprachgebrauchs allein sich irgend 
ein Piatonforscher bewegt fühlen könnte, eine bestimmte, nach 
wachsender oder abnehmender Frequenz gewisser Partikeln 
geordnete Reihenfolge der Platonischen Dialoge anzunehmen. 



27 

Der Grund für diese mangelnde Ejraft zu überzeugen liegt in 
der Blindheit des Kriteriums, oder, wenn wir die Sache subjectiv 
wenden wollen, darin, dass wir mit verbundenen Augen, ohne 
nöthig zu haben, den Inhalt der Dialoge zu kennen imd 
zu beurtheilen, uns von einem Gesichtspunkt als Führer, der 
auch über die Sache selbst nichts angiebt, zu einer wichtigen 
und über die bedeutendsten Fragen entscheidenden Handlung, 
zu einem Votum über die ganze Entwickelungsgeschichte Pia- 
ton's, d. h. zur Anordnung seiner sämmtlichen philosophischen 
Arbeiten entschliessen sollen, wozu man bisher viel Verstand und 
Kenntniss nöthig zu haben glaubte. Für jede wissenschaftliche 
Entscheidung sind Gründe massgebend und zwingend. Nun 
sind die Gründe immer constitutiv oder consecutiv. Constitu- 
tiv aber für den Gedankeninhalt, Zweck, die Composition und 
Form eines Dialogs ist der Gebrauch dieser oder jener Partikel 
nicht. Also betrifft das Dittenberger'sche Kriterium nur con- 
secutive Gründe. Allein diese sind entweder Propria oder 
Accidentia, und es käme nun darauf an, nachzuweisen, dass der 
Sprachgebrauch ein proprium bildete und kein accidens. Es 
ist aber schwer auszumachen, dass ein Schriftsteller, der sich 
irgendwo aufhält, von dem Localdialekt nothwendig immer Einiges 
aufnehmen und dieses dann, auch wenn er den Ort wechselt, 
immer festhalten oder vielleicht auch immer häufiger anwenden 
muss. Wenn diese Nothwendigkeit nicht bewiesen werden kann, 
ist Dittenberger's Kriterium kein Proprium und also kein 
TeKfirjQiov im Aristotelischen Sinne, d. h. kein unfehlbares 
Zeichen, sondern nur ein accidens. Der accidentelle Charakter 
dieses Kriteriums zeigt sich auch darin, dass für dasselbe nicht 
blos Eine Ursache denkbar ist, sondern viele und ganz zu- 
fallige; denn es können mancherlei Umstände Piaton zur unbe- 
wussten Assimilation gewisser Partikeln veranlasst haben. Mithin 
bleibt dem Kriterium nur eine gewisse Probabilität, die ja 
in Gebieten^ wo viele Bedingungen durcheinander wirken, die 
höchste etwa einzuräumende Stufe der Gewissheit bildet. Unter 
diesen Umständen scheint mir Dittenberger's Kriterium nicht 
etwa eliminirt werden zu müssen, sondern ich schätze es, wie 
jedes Zeichen, und verfolge es mit grosser Aufmerksamkeit 
und mit Interesse; aber ich glaube, dass sein wissenschaftlicher 
Gebrauch sich nur zur Confirmation eignet. Wenn die 



28 

Anordnung der Dialoge nach dem Zwecke und Inhalt der Com- 
position und demgemäss nach dem Yerhältniss zu den Schriften 
anderer Verfasser und zu den Zeitereignissen versucht ist, dann 
wird man immer durch Dittenberger's Kriterium entweder eine 
Confirmation gewinnen, welche die Probabilität der Annahme 
steigert, oder eine Instanz erfahren, die durch einen plausiblen 
Grund erst beseitigt werden müsste. 



Z^vvreites Capitel. 



Zur Chronologie von Platon's Charmides. 

Wenn wir auch nicht überall ein bestimmtes Jahr für die 
Datirung der Platonischen Dialoge festzustellen vermögen, so 
ist es doch schon kein geringer Gewinn, mit Sicherheit das Zeit- 
verhältniss zu anderen chronologisch schon bestimmten Schriften 
aufzufinden. So möge es uns hier genügen, die Beziehung des 
Charmides zu der Sophistenrede des Isokrates festzu- 
stellen. ^ 

Dass Isokrates auf den Protagoras des Piaton zurückblickt, 
haben schon Andere bemerkt; wir können aber auch leicht er- 
kennen, dass er ebenso den Charmides im Auge hat. 

Vier Indiciei\. 
Wenn Isokrates § 8 abschUessend sagt*), dass 
man die Arbeiten der Sophisten, welche Anspruch ^*der*seeiT 
auf Wissenschaft erheben, für Geschwätz und Mikro- 
logie und nicht für eine Pflege der Seele halten müsse, so 
zielt er offenbar auf Einen hin, der diesen Anspruch erhoben 
und den bestimmten Ausdruck „Pflege der Seele" gewählt hatte. 
Nun finden wir im Charmides das Gewünschte. Denn in der 
schönen und geistreichen Einleitung, wo Piaton den Thracier 
Zalmoxis einführt, tadelt er die Griechen, dass ihre Aerzte 
glaubten, man könne einen Theil des Körpers heilen, ohne auf 
das Ganze Rücksicht zu nehmen, und betont nachdrücklich, dass 
sie überhaupt nicht wüssten, was man zu „pflegen" {sTttfxiXeiav 
Tcoieiad^ai) habe, und dass Alles von der Seele anfange, die 



^ De soph. § 8 vofiitfivaiv iSoXeax^^'*^ ^*^ fUHQoXoylav aXX ov rrje 
tpvxv^ ^^if^e'Xeiav elvai rog roiavtas Biatqißdg, 



30 

durch Besprechungen, d. h. durch schöne Reden, geheilt werden 
müsse.*) Durch die Bemerkung, dass alle Güter und Uebel 
für den Leib sowohl, wie für den ganzen Menschen von dem 
Zustande der Seele abhängen und dass diese durch schöne Beden 
gepflegt werden müsse, zieht er offenbar nicht sowohl die Aerzte, 
als vielmehr die Redner und Professoren der Redekunst, 
wie den Lysias und Isokrates, mit heran, um ihnen zu sagen, 
sie verstünden Alle ihre Aufgabe nicht, da sie blos einzelne 
Fertigkeiten lehrten, aber nicht die Tugend als Quelle alles 
Heiles für den Staat erstrebten. Es ist darum sehr verständ- 
lich, dass Isokrates sich durch Platon's Kritik verletzt fühleiL 
musste und dem jüngeren Manne eine schnöde Abfertigung zu — 
Theil werden Hess. 

So verstehen wir denn auch die sonst etwasHB 
2. Die Kunst übertriebene Aeusserung des Isokrates, als wenoHH 
""mMhen!'" »icht viel daran fehlte, dass sein Gegner sein^ 

Schüler „unsterblich zu machen" verspräche.**]lS 
Da dies nämlich doch wohl Niemand kann versprochen habend 
und Isokrates auch nur eine Folgerung gezogen zu haben scheint^^^ 
so werden wir irgendwo einen festen Beziehungspunkt für die» 
seltsame Anspielung suchen müssen. Ein solcher bietet sidm^ 
aber gleich von selbst dar, wenn wir den Charmides aufschlagen- 
und die Stelle vergleichen, wo Piaton in der Anknüpfung an den 
Zalmoxis das Programm seiner Bemühungen darlegt. Denn von 
den Aerzten des Zalmoxis führt er gerade dies an, dass sie, 
wie man sagt, auch „unsterblich machen" können.***) Da 
Piaton sich nun im Uebrigen die Forderung der Thracischen 
Aerzte aneignet, die Seele zu heilen und dadurch dem ganzen 
Menschen das Heil zu verschaffen, so war für Isokrates eine 
genügende Veranlassung geboten, um in völlig verständlicher 



*) Charmid. p. 156 £ ovSe amfia avev ^XV^* aXla tovto xcd atzutv 
tiri Tov diayevysiv Tove Ttaqa röis "Elkkriaiv iar^ovg ra TtoXXa voarifiara, ort 
ro *6Xoif ayvooiev ov 8doi ttjv inifiiXeiav noteXad'ai,, ov firj xaXcas f^^^' 
roi aBvvarov bXtj ro fid^os sv k'xsiv. jidvra ya^ i'<y>rj in trjs y/vjf^s otQfjaja&ai 
xai T« 'xctxa xai ra aya&a t(^ acSfutri xal Tiaf^i rt^ av&qtOTtq^, — — d'e^' 
nsvea&ai Be xr^v rffv^i]^ fy^ inopBals Ti<fC' ras ^ ine^Bas Tavrcts xovs 
Xoyovs elvai rove xaXovg, 

**) De soph. § 4 fiovov ovx ad'avdrovg vni<FxvövvT€u Tovg awovras 
7ioiri<feiv, 

*♦*) Ghann. p. 156 D raw ZaXftoSiBoe iaiQtov, ot Xiyovxou xai ana' 
d'avarl^eiv. 



31 

II III ■ - 

Anspielung zu sageü, es fehle nur noch die Versprechung, die 
Schüler auch unsterblich zu machen. 

Wenn Piaton aber auch die Kunst, „unsterblich zu machen", 
erwähnt, so darf man dies nicht als eine zufallige Notiz be- 
trachten, die ihm unter die Feder gelaufen wäre, da er gerade 
von den Thracischen Aerzten sprach, sondern es lag sicherlich 
dem genialen Manne schon die später so bestimmt aus- 
gearbeitete Lehre von der Unsterblichkeit und dem ewigen Leben 
des Philosophen im Sinne und wir empfangen hier nur wie ein 
seltsames Gerücht, was später in glänzender Klarheit wissen- 
schaftlich bewiesen wird. Es ist darum interessant, dass Iso- 
krates schon so früh von dieser Platonischen Lehre Act nimmt. 
Dass aber auch hier im Charmides ebensowenig wie in den 
späteren Dialogen an eine persönliche Unsterblichkeit zu denken 
sei, wie dies überhaupt nur solchen, denen für die von Piaton 
80 reich verwendete allegorisch-mythische DarsteUungsweise der 
Begriffe noch die Kategorie oder die Energie der Durchführung 
fehlt, scheinen mochte, das sieht man gleich hier, wo er un- 
mittelbar vor der Erwähnung der Unsterblichkeitskünste in seiner 
geistreich spielenden Rede sagt, Sokrates sei durch die Schön- 
heit des Charmides wie ein Reh beim Anblick des Löwen dem 
Loose des Todes verfallen, nachher aber, als er gelobt wurde, 
allmählich ermuthigt und wieder aufgelebt (ave^coTcvQOVfxrpf). Wer 
an dem Spiel der Metaphern keinen Geschmack findet und Alles 
mit philisterhaftem Ernste auffassen will, der muss dem Ver- 
ständniss Platon's Valet sagen; denn wie Piaton im Jahre 380 
im Phaidros als Achtundvierziger die philosophische Darstellung 
als ein passendes Spiel bezeichnet*), so nennt er auch noch am 
Ende seines Lebens, was Bergk sehr gut gegen Bruns hervor- 
hebt**), die Unterhaltungen der Greise über die Gesetze ein 
vernünftiges Spiel des Alters. 

Eine dritte Beziehung kann noch angegeben 
werden. Isokrates hält sich nämlich darüber auf, ^' '**®, 

dass die Eristiker versprechen, das Zukünftige AisUhn^^om 
(ra (.lillovra) vorauszuerkennen, und die jungen zukünftigen und 
Leute zu lehren, was man thun müsse, um glück- ^^^^enakeir'*" 
lieh zu werden, und dass sie Tugend und Weisheit 



*) Vergl. meine Literar. Fehden S. 68. 

*♦) Fünf Abhandlungen zur Gesch. d. griech. Phil., herausg. v. Hin- 
richs, S. 114. na^iv naiSiav n^eaßvrixr^v (Ko^Qova (Legg. 685 A). 



32 

überliefern wollen. Er spottet darüber, weil dies über die 
menschliche Natur hinaus ginge und Homer, der den Ruhm 
des Weisesten genösse, schon gezeigt habe, dass die Götter für die 
Menschen die Zukunft bestimmten.*) Die Weisheit {aa)q)Qoavvrj), 
über welche Isokrates spottet, ist aber gerade der Inhalt von 
Platon's Charmides, und dieser wird gerade als ein solcher 
Jüngling (rovg veurveqovg) dargestellt, der dem Sokrates, d. h. 
Piaton, übergeben werden soll. Wenn nun auch l^laton in dem 
Dialog nicht zu positiven Resultaten kommt, so ist doch ersicht- 
lich genug, dass Alles, was Isokrates vorbringt, in der That nach 
Sokrates und der übrigen Gesprächsgenossen Meinung von der 
Weisheit (aiocpQoavvrj) geleistet werden müsse, so dass die be- 
stimmten Ausdrücke des Isokrates dort alle vorkommen, wie 
z. B., dass die Weisheit auch der Mantik vorstehe und wir also 
eine Wissenschaft des Zukünftigen {eTciOTrifiriv tov f^iHovcog) 
hätten und demgemäss wüssten, was zu thun sei, um glückselig 
zu werden {evdaifxovöi^ev), und dass sie die Wissenschaft vom 
Guten sein müsste.**) 

So bleibt nur viertens übrig, auch die schein- 
4. Die Silben- bare Berechtigung des Isokrates nachzuweisen, die 
"Trahierer** Platonische Schule so schnöde abzufertigen. Denn 

dass er gerade auch den Charmides mit im Auge 
hat, kann man zwar nicht aus der Bezeichnung (§ 1) tcjv tzb^ 
Tag BQcdag diaTQißovTiov und (§ 8) ov Ttjg xpvxfß €7tifi€Xeuxv 
eivai Tag TOuxvTag dtaTQißdg schliessen, obgleich der Charmides 
sofort damit beginnt, den Sokrates €7tt Tag ^vi^eig ötaxqtßag 



*) Isoer. de soph. § 2. olficu ya^ anaaiv slvou (pave^ov *6ri tol fieXXovrcCr 
TiQoyiyvcjffxeiv ov rrje rjfiere^as ^vaeois iffriv. — neiqaytnai Tteld'siv tovs 
vecozeQovs cos, rjv avrdie TtXrjaid^coffiVf a re Ti^axreov iarlv eiffovrai xai 
Sia ravTTjsTTjg intffr^fiijs evSai/tiovee yevi^aovrcu. xal rijhxovrcop ayad'iä v 

avTOvg $i8afficdXov€ xal tcvqIovs xaraari^ffamee . avfuataaav Si rrjv a ^errjv 

xai Tip^ evSaifiovlavTOve Se rrjva^sTrjv xal ttjv ff aff>^oovvrj v ive^a^Ofiärovs, 

**) Charm. p. 173 0. xai rrjv fiavrixrp/ elvai ^w^togi^ffcofisp iTtiarrjfitjp 
rov fieXXovrog i'aead'cUf xal Tt^v (TtofpQoavvTjv, «vr^s iniGTarovaaVf rovg 
fii-p aXatfivag anorqijieiv, rovg di atg aXijd'cüg fidvreig xa&iardvai rjfiiv n^otpi^reig 

riav fieXkovrofv. ori ^ kniarrjfwviog av n^drrovreg ev av TtQarrofiev 

xal svSaifiovoXfisv , rovro $8 ovno) Swdfied'a fta&eXv. Dazu gehöre noch 
die Wissenschaft vom Q-uten. P. 174 r68e Srj äri nqoanod'a}, rlg avrov rciv 
imarri(i(öv noiai evdaifiova; — — C. fuag ovaijg ravrtjg fwvov rifi nsqi 
ro ayad'ov re xal xomov (iTttarr^firjg), 



33 

zu schicken; denn dieser terminus diavQißtj ist keine für Piaton 
eigen thümliche Bezeichnung. Gleichwohl mag auch diese 
üebereinstimraung mit ziehen, da sie an die oben Seite 29 er- 
wähnte Wendung eTtifxiXeta Tvfi ipvx^jS angeschlossen ist, die hier 
eben als charakteristisch gelten muss. Dagegen ist der 
Inhalt des Charmides doch derart, dass er von einem nicht 
sympathischen Leser mit Isokrates sehr wohl für Geschwätz und 
Silbenstecherei {adoXea%iav xat fiiy,Qoloyiav § 8) erklärt werden 
konnte. Hat Isokrates nicht scheinbar Recht, hier blos eine 
Aufmerksamkeit auf die Widersprüche in den Worten zu 
sehen, während der Blick sich von dem Leben und der Ge- 
schichte des Staates abwende?*) In dem Charmides und Prota- 
goras des Piaton ist, wenn man nicht als Philosoph urtheilt, 
sondern einer Begabung, wie der des Isokrates, gerecht wird, die 
für dialektische Untersuchung der Begriffe ungeeignet war und 
nur Resultate und die Hörer packende Wahrheiten forderte, der 
Inhalt vrirklich eristisch, weil es gar nicht in der Absicht 
Platon's lag, zu einem positiven Resultate zu kommen. 

Zugleich aber erkennt man auch sofort in den ersten Worten 
des Isokrates die Veranlassung zu seiner Kritik : es ist die gross- 
artige Zuversicht und, wenn man die Gegner hört, die prahlerische 
Arroganz **), mit der Piaton auftritt und die bisherigen Grössen 
ironisch durchhechelt und in Verachtung bringt. Wem könnte 
es entgehen, dass der ganze Charmides von dem siegreichen 
Gefühle getragen ist, Piaton wisse allein, was Weisheit {ao)q)Qoavvrj) 
sei und vermöge die Wissenschaft vom Guten zu lehren utid 
die Seelen zu pflegen und ihnen, wenn sie gutgeartet sind, 
Tugend und damit innere und wahre Glückseligkeit zu ver- 
schaffen! Das Alles aber lehrt er erst im „Staate" ein paar 
Jahre später; hier schwingt er nur wie im Spiel das 
Schwert der Kritik und zeigt die Widersprüche und die Rath- 
losigkeit der herrschenden Meinungen der Gelehrten***) und des 



*) Isoer. de soph. § 7 xai rag ivavricjffeig ini fiev tmv Xoycov ir^QOvvTae, 
ini Bi Twr iqyfov firi xa&o^o)vras. 

**) Isoer. de soph, 1. fieC^ovs TtoisXffS'ai tcls vnoaxdaeig dfv efieXkov 
smrekelv. — o* rolfiojvree Xiav ansQiax&jiroye aXa^ovevetrd'ai, 

***) Auch des Sokrates; denn auch dessen „Selbsterkenntniss" wird, 
wie sie Kritias in der Xenophonteischen Auslegung vorträgt, vernichtet. 
Vepgl. darüber das Nähere weiter unten. Susemihl (Genetische Entw. I.) 

3 



34 

Volkes. So ist denn der ganze Glanz der Kraft über den 
Dialog ausgegossen, der Unendliches verspricht und doch, wie 
Tsokrates gewissermassen mit Recht sagt, noch nichts fertig 
bringt. Dazu kommt, dass Piaton hier auch ebenso wie später 
im Staate*) sich selbst in dem Ruhm seiner Familie sonnt 
und so sich in schönem Rahmen selbst verherrlicht. Denn wie 
kann man es nur verkennen, dass er den Kritias, wenn er auch 
im Dialoge den Kürzeren zieht, doch gewissermassen gegen die 
demokratische Verurtheilung als einen bedeutenden Mann erhebt 
und seinen Oheim Charmides im Zauber der Jugendschönheit 
verewigt. Es fragt sich, lässt er den Sokrates sagen, ob der 
Charmides, den Alle wie ein Götterbild anschauen, um dessen 
Umgang sie sich streiten, in dessen Nähe sie berauscht und ver- 
wirrt werden, auch der Seele nach so vollkommen geartet sei^ 
und er fügt gleich hinzu: „Freilich ziemt sich das, o Kritias^ 
da er ja aus euerem Hause stammt".**) Und sofort wird 
ihm dann in hohem Grade die Kalokagathie zugesprochen und 
die philosophische und dichterische Anlage, die als schöne» 
Erbe ja durch die Verwandtschaft mit Solon ihm zugeflossen 
sei. ***) Wer sieht nicht , dass Piaton , wenn er dies schreibt^ 
dabei an sich denken musste, da er ja sich selbst dadurch auch 
als Erben der Solonischen Gaben hervorhebt und sich dabei 
natürlich nicht nur seiner philosophischen, sondern auch seiner 
dichterischen Kraft bewusst sein musste. -j") 



S. 30) hat von dem polemischen Charakter des Dialogs keine Ahnung und 
nimmt entsprechend der früher bei der Interpretation Platon's herrschenden 
gutmüthigeu Naivetät an, dass Piaton hier dem Vorgange des Sokrates 
gefolgt sei, mit Hinweis auf den damit übereinstimmenden Xenophon 
(Mem. III, 9, 4). 

*) Vergl. die Nachweisung in meinen Literarischen Fehden S. 54. 
**) Gharm. p. 154 E. ei ri]v yw^riv rvyx^vsi ev ne^vTccos. n^dnei Bt 
Tiov, (o K^iTia, TOiOVTOv avTOv elvai ttjq ye v/iere^ag ovra otxiae. 

***) Ibid. 155 TovTO fiiv noQQOi&ev v/ilr cb xaAor vitd^x^*' f^no t^s 
^oXojvos avyyevtCas, 

f) Diese und die folgende Bemerkung sind es, wodurch ich auch 
wieder von der Auffassung Heinrich von Stein's abweiche, der sonst 
mit dem Scharfblick der Liebe Vieles in Piaton so schön erklärt und ihn 
auch von dem höheren christlichen Standpunkt, wenn auch nicht speculativ 
genug, doch mit schlichtem Grad sinn und gesundem Gefühl gerecht be- 
urtheilt hat. Heinrich von Stein glaubt (Sieben Bücher zur Geschichte des 
Piatonismus I, Seite 76) bei Piaton eine Bescheidenheit voraussetzen 



36 

Noch deutlicher und mächtiger tritt dies an der zweiten 
Stelle hervor, die ja auch die Genealogien der Biographen 
Platon's unterstützt oder gar ihnen zur Quelle gedient hat, ich 
meine p. 157 D. Denn dort rühmt er wieder die Schönheit 
seines Oheims Charmides und seine Besonnenheit (acocpQoavvrj), 
wodurch er alle seine Zeitgenossen übertreffe, und erklärt diese 
Vorzüge vor allen übrigen für natürlich, da man ja nicht leicht 
von den Zeitgenossen irgend einen in Athen namhaft machen 
könne, der aus der Verbindung von zwei so edlen Familien ent- 
sprossen sei. Denn nach der väterlichen Seite sei ja die 
Familie des Kritias, des Sohnes von Dropides, sowohl von 
Anakreon, als von Solon und von vielen anderen Dichtern ge- 
priesen als hervorragend an Schönheit und Tugend und der 
übrigen sogenannten Glückseligkeit ; nach der mütterlichen Seite 
wiederum soll Niemand auf der Erde für einen schöneren und 
stattlicheren Mann gehalten sein, als des Charmides Oheim 
Pyrilampes, so oft er auch an den grossen König oder sonst wohin 
als Gesandter geschickt wurde, und die ganze Familie stehe der 
väterlichen in keinem Stücke nach. Da er aber von so herr- 
licher Abkunft wäre, sei es natürlich, dass er in allen Be- 
ziehungen die erste Stelle einnehme. Und Piaton hat noch nicht 
genug an dieser Herrlichkeit; er lässt den Sokrates hinzufügen: 
„An Schönheit, o lieber Sohn Glaukon's, scheinst Du mir keinem 



zu müssen, die ihn veranlasst habe, sich und seine persönliche Stellung 
nirgends (mit Ausnahme der beiden Stellen in der Apologie 34 a, 38 b 
und im Phaidon 59b) zu erwähnen und weist auch auf die Objectivität 
des Kunstwerkes und die unerlässliche Illusion hin. Ich bin weit davon 
entfernt, den Werth dieser ethischen und ästhetischen Gesichtspunkte zu ver- 
kennen; aber ich glaube doch gegen dieses würdige Bild von Piaton, welches 
H. von Stein seit Schleiermacher wohl am feinsten erfasst hat, meine neue 
Zeichnung vertreten zu müssen. Ich sehe Streitschriften in den 
Dialogen und fordere für den auch von den Früheren erkannten Humor 
als eine eigeneKunstgattung das Recht, die für andere Kedegattungen 
obligate Objectivität überall durch Allusionen zu durchbrechen und die 
unmittelbarehistorische Q-egenwart Platon's und auch seine per- 
sönlichen Verhältnisse beliebig einzuschieben und je nach Wunsch 
durch Anachronismen, Parabasen und Maskeraden der Inter- 
looutoren die von Piaton beabsichtigten praktischen Zwecke der Ver- 
nichtung seiner Gegner und der Begründung einer mächtigen auf das Gute 
gerichteten conservativen Partei unbekümmert um die ästhetischen Normen 
der Dichter mit souveräner Freiheit durchzuführen. 

3* 



36 

Deiner Vorfahren Schande zu machen ; wenn Du aber auch für 
Besonnenheit (acocpQoavvrj) und die übrigen Vorzüge (qnkoaoqxyg), 
die Kritias an Dir gerühmt hat, die rechte Begabung hast, so 
hat Dich, lieber Charmides, glückselig (ficr/.aQcov) die Mutter 
geboren." 

Diese ganze Stelle mit ihrer detaillirten historischen und 
panegyrischen Ausführlichkeit ist für den angeblichen Zweck 
des Dialogs, über den Begriff der acocpQoavvtj zu räsonniren, voll- 
ständig überflüssig. Sie hat nur einen Sinn, wenn man den 
persönlichen Antheil, den Piaton an der Verherrlichung seiner 
Familie nehmen musste, in's Auge fasst. Und da wird doch 
Niemand verkennen, dass jeder Leser in Athen gewusst habe, 
der Verfasser des Dialogs sei der Neffe des so hoch gerühmten 
und mit einer Seligpreisung gekrönten Mannes und stamme auch 
von diesen beiden grossen Häusern ab und mache auch auf Be- 
sonnenheit und Philosophie Anspruch und müsse auch nach 
seiner eigenen Folgerung für den ersten seiner Zeit gehalten 
werden. Unter diesem Gesichtspunkt verstehen wir vollkommen 
die Stimmung des Isokrates. Dass Piaton sich selber rühmt, 
nahm ihm kein Grieche übel, die es vielmehr für Mikropsychie 
gehalten hätten, wenn einer das Rühmliche seiner Abkunft unter 
den Scheffel gestellt haben würde. Sie ehrten vielmehr solchen 
Stolz und bedauerten nur heimlich mit Neid, dass sie nicht 
auch solche Vorfahren herzählen konnten; denn so sehr Lysias 
und Isokrates sich auch selbst zu rühmen pflegen, so konnte 
doch die Erwähnung einer Schilderfabrik und Flötenfabrik ihrer 
Väter ihnen keinen Glanz verleihen. Isokrates merkt deshalb 
sofort, dass er hier mit einem Manne von grossen Ansprüchen 
zu thun und eine gefährliche Concurrenz zu fürchten hat, und 
wendet sich sofort zum Angriff gegen dieses neue Schul- 
haupt (pl 7taidev€Lv eTtcx^iQovvzeg). Zu diesem Zwecke brauchte 
er nur die an's Licht getretenen Leistungen Platon's der Kritik 
zu unterwerfen und darin eine unbesonnene Prahlerei nachzu- 
weisen, die ihn bei den Ungelehrten in üblen Ruf brächte und 
es rathsamer erscheinen liesse, ohne Bildung den Vergnügungen 
nachzugehen, als sich der Philosophie zu befleissigen. Auf diesen 
Eingang, der sofort gegen Piaton einnehmen muss, folgt dann 
die Erörterung der oben besprochenen Prahlereien mit Tugend, 
Glückseligkeit und Unsterblichkeit, und man muss dem Isokrates 
zugestehen, dass ihm die Kunst, das Grosse klein und das Kleine 



37 

gross erscheinen zu lassen, nicht mangelt, vorausgesetzt, dass 
man ihn allein hört; wenn man aber Platon's Dialoge daneben 
hält, so versinkt allerdings sofort seine dem Scheine dienende 
Schwäche vor der tiefen Kraft und Liebe Platon's in den ihr 
gebührenden Schatten der Unbedeutenheit. 

Anfang der Schule vor der Organisation der Akademie. 

Wenn ich hier den Piaton ohne Weiteres als 
Schulhaupt bezeichne, so bin ich mir wohl bewusst, *^' det^sciuie*"' 
dass man den Anfang der Schule erst in das 
Jahr 387 setzt.*) Allein diese spätere Stiftung einer „religiösen 
Innung" mit staatlich garantirten Rechten hat nicht den min- 
desten Einfluss auf die Behauptung, dass Platon's Schule viel 
älter ist. Denn nicht einmal der Einfall, eine Schule in dem 
Rahmen des Athenischen Rechtslebens zu begründen, konnte dem 
Piaton kommen, wenn er nicht schon eine Schule, d. h. Schüler 
hatte. Die Schüler machen die Schule und nicht umgekehrt. 

Nun sind wir befugt, anzunehmen, dass Piaton sofort nach 
dem Tode des Sokrates einen engeren Kreis aus den von diesen 
gesammelten Elementen auszuscheiden und sich an ihre Spitze 
zu stellen versuchte, was ihm aber missglückte, weil er noch 
nicht Autorität genug gewonnen hatte.**) Es ist aber gar keine 
Frage, dass Piaton, den seine Verwandten in die politische 
Carriöre zu ziehen suchten, der aber dieser Versuchung wider- 
stand, seiner von politischen Plänen und pädagogischen Instincten 
erfüllten Seele in seinem Verwandten- und Bekanntenkreise 
Luft verschafft habe. 

Piaton war, wie uns seine Dialoge sicher schliessen lassen, 
nicht zum Gelehrten im engeren Sinne und nicht zum praktischen 
Staatsmann geschaffen, sondern hatte die Natur eines Philo- 
sophen und Missionärs und Pädagogen. Wenn er sich lange 
Zeit über seinen wahren Beruf täuschte, so kann das bei einem 
jungen Mann, der sich seiner Verwandtschaft mit Selon bewusst 



*) Die letzte schöne und inhaltsreiche Arbeit, die ich darüber gelesen, 
ist von H. Usener „Organisation der wissenschaftlichen Arbeit*', Preuss. 
Jahrbücher Januar 1884 S. 4 ff. 

**) Hierüber das Nähere weiter unten. Vergl. Index s. v. Hegesandr os. 



38 

und durch seine gesellschaftliche Stellung zu den höchsten An- 
sprüchen berechtigt war, nicht Wunder nehmen. Und in ge- 
wissem Sinne hat er ja seine politischen Pläne auch zeitlebens 
gehegt, da noch sein letztes Werk einer ausführlichen Gesetz- 
gebung gewidmet ist. Er erkannte aber bald, dass für seine 
königliche Natur nicht eine irgendwie untergeordnete Stellung 
im Staate erträglich sei. Darum ging er darauf ein, einen 
Alleinherrscher oder auch die mächtigsten Persönlichkeiten des 
Staates zu berathen, d. h. er suchte seine politische Ueberzeugung 
durch pädagogische Thätigkeit zu verwirklichen. Bei Dionysios 
hätte er, wenn die Leidenschaften dieses Tyrannen nicht zu 
stark gewesen wären und wenn die eifersüchtige, um ihren Ein- 
fluss gebrachte Partei nicht gesiegt hätte, eine weit grössere 
Bolle spielen können, als ein Badowitz, Bunsen, Stahl und andere 
praktische Philosophen unserer Zeit. Er wollte die Seele, der 
geistige Ursprung der Bewegung sein und nicht Minister oder 
Organ der politischen Action. Durch das Misslingen seiner 
Pläne erkannte er die Nothwendigkeit, sich erst eine reale Macht 
durch einen zahlreichen Schülerkreis zu verschaffen, da er ohne 
eine grosse und mächtige Partei, ohne einen festen Preund- 
schaftsbund keine sichergestellte Wirkung ausüben konnte. Dies 
wird uns im siebenten Briefe von ihm selbst oder nach seinen 
Memoiren völlig glaublich überKefert. Piaton hätte aber nicht 
einmal den Gedanken zu einem solchen Plane, junge Männer 
zu Freunden heranzuziehen, fassen können, wenn seine ganze 
Natur nicht auf Mittheilung angelegt, wenn er nicht Missionär 
und Pädagog seiner natürlichen Begabung nach gewesen wäre. 
Wir müssen uns daher Piaton gar nicht anders denken, als 
immer im Kreise von jungen Freunden, die er durch sein Ge- 
spräch fesselt und leitet und zu seiner Gesinnung erhebt, d. h. 
Piaton musste immer Schüler und also eine Schule haben, wenn 
sein Einfluss und seine Belehrung und Erziehung auch nicht 
gleich der wohlüberlegten Organisation theilhaftig sein konnte, 
die er durch viele Erfahrungen allmählich ausbildete. 

Wenn Isokrates daher von Denen spricht, die zu erziehen 
unternehmen*), so braucht man nicht etwa schon die Eröffiiung 
der Akademie vorauszusetzen; Isokrates hatte vielmehr volles 



*) De Bophi 1. 1. Oft TtruSsvstv inixst^ovvree. 



39 

Recht so zu sprechen, nachdem er den Frotagoras und Char- 
mides gelesen; denn in diesen Dialogen sieht man ja aufs Deut- 
lichste, wie Piaton von vornehmen Jünglingen und älteren 
Männern als Erzieher und Lehrer gesucht und geliebt wird und 
es wird doch wohl Niemandem mehr einfallen, alles dies als 
blosse Memorabilien auf den todten Sokrates zu beziehen. 
Sokrates hatte sterbend die Fackel der Weisheit dem Piaton 
überreicht und dieser erhielt sie zeitlebens in hellem Glänze und 
überreichte sie sterbend seiner Schule, die sie Jahrhunderte 
lang brennend erhielten und von Hand zu Hand gehen Hessen. 
Alles, was Piaton in diesen Dialogen von Sokrates erzählt, ist 
wohlverstanden für ihn selber giltig. Er ist ein Schulhaupt 
gewesen, ehe ihn Isokrates angriff, der ihn ganz treffend als ein 
solches bezeichnet. 

Ich möchte nur noch auf einen Punkt auf- 
merksam machen, den man, wie mir scheint, über- **'• 
sehen hat. Da Piaton nämlich ungefähr die Hälfte 
seines „Staates^ schon vor den Ekklesiazusen des Aristophanes 
veröffentlichte und die Gleichstellung der Weiber darin einer 
der auffallendsten Züge war, so schliesse ich, dass er schon 
ganz firüh auch im Kreise edler Atheniensischen Frauen und 
Jungfrauen Anhänger gefunden haben muss. Ich schliesse dies 
nicht aus der Persifflage von Seiten des Aristophanes, obgleich 
auch diese Verdrehung auf das wirkliche Sachverhältniss hin- 
deutet. Piaton konnte sich aber unmöglich einem leeren und 
schulmeisterlichen Räsonnement über gleiche Anlagen von Männern 
und Frauen hingeben und daraus abstracto Postulate ziehen; ihm 
erwuchsen vielmehr seine pädagogischen und politischen Grund- 
sätze aus seiner lebendigen Erfahrung, deren Spuren man überall 
in seinen Dialogen findet. Hätte Piaton nicht schon früh ver- 
ständnissvolle Schülerinnen gefunden, so hätte er auch nicht 
schon damals jene originelle Untersuchung in seinen „Staat" 
aufnehmen können. Wir müssen daher schliessen, dass die von 
Diogenes Laertios aufgezählten Schülerinnen oder ähnliche 
andere aus seinem Verwandten- oder Freundes -Kreise seinen 
Gesprächen folgten und seine Gesinnung theilten, wie ja bei den 
Pythagoreern und den Dörfern überhaupt, mit denen Piaton 
von jeher sympathisirte , die Frauen schon längst eine freiere 
Stellung besassen und oft einen beherrschenden Einfluss auf 
den Bath der Männer ausübten. Auch ist nach der Darstellung 



40 

des Plutarch im Leben des Dion und Timoleon nicht zu zweifeln, 
dass Platon bei den edlen Frauen des Hofes von Syrakus An- 
hang und Unterstützung fand ; wie seine Dialogen ja auch durch 
das blosse Lesen bis heute immer bei Frauen Anklang gefunden 
und nicht wenige berühmte Schülerinnen seiner Lehre gewonnen 
haben. Wenn wir uns diese nothwendig vorauszusetzenden 
Beziehungen zu höher gebildeten, edlen Frauen deutlich vor- 
stellen, so erhalten wir ein anziehendes Bild von dem Kreise, 
der sich um Platon gebildet hatte, ehe er den Staat schrieb, 
und wir werden demgemäss es begreiflich und ganz natürlich 
finden, dass er, gestützt auf seine Erfolge und als einen Tribut 
für die ihm dargebrachte Verehrung, die Dorischen Zustände 
idealisirte und den Frauen ein Enkomium schrieb, wofür er den 
Spott des Aristophanes erntete, der auch sicherlich keine blos 
literarische Parodie war, sondern wirkliche Zustände der 
Athenischen Gesellschaft und speciell des Platonischen Kreises 
aufs Korn nahm und dadurch sein Salz gewinnen konnte. 

Um für diese Thätigkeit Platon's und die 
piaton's Zeug. Reihenfolge seiner Dialoge feste Daten zu gewinnen, 
Originalität prüfte ich in den „Literarischen Fehden" die Be- 
seiner Weiber- ziehung des „Staates" zu den Ekklesiazusen noch 
idee. " einmal genauer, nachdem durch Zeller, Suse- 
mihl u. A. der unbefangene Eindruck, den die 
Gelehrten früher von der polemischen Beziehung der Komödie 
auf Platon's Gesellschaftsconstruction empfangen hatten, durch, 
abstractes ßäsonnement ohne jede anschauliche Auffassung der 
Quellen getrübt und verwirrt war. Es stellte sich bei der Be- 
achtung im Einzelnen heraus, dass Aristophanes vielfach wort- 
getreu die Platonischen Conceptionen wiedergiebt, wie auch, dass 
Aristoteles ausdrücklich die Originalität und Priorität der Pla- 
tonischen socialen Erfindung anerkennt. Ich freue mich zu- 
sehen, dass Chiappelli in seiner für diese Frage wichtigen^ 
Arbeit „Le Ecclesiazuse di Aristofane e la Repubblica di Piatone" 
(Torino, Loescher 1882) nach einer neuen sorgfältigen Prüfung- 
meine Resultate annimmt und durch weitere Bemerkungen er- 
gänzt und verificirt.*) Zu einer solchen Verification will ich 



*) Wenn Chiappelli mir in seiner Arbeit die Ehre erweist, als Neben- 
titel die Bezeichnung meines Buches anzunehmen: „Polemica letteraria 
nel IV sec. avanti Christo", so freue ich mich, die von mir erwartete 
Fruchtbarkeit der neuen Betrachtungsweise hier schon an einem schönen 



41 

einen nenen Zengen aufinifen. Wer könnte uns wohl besser 
sagen, ob Piaton die Gleichstellung der Weiber im Staate selber 
ausgedacht, oder sie von Protagoras herübergenommen oder sie 
nach Aristophanes ausgearbeitet habe, als Piaton selbst! Also 
soll Piaton uns Zeugniss ablegen! Aber wie können wir ihn 
citiren? Das ist nicht schwer, da er zeitlebens schrieb und 
immer Gelegenheit nahm, auf seine früheren Arbeiten zurück- 
zuweisen. Wir brauchen daher nur die Stelle zu suchen, wo er 
seine neue Staatsordnung recapitulirt, so kann es kaum fehlen, 
dass wir ein Wort über unsere Frage finden werden. Wir 
müssen also den Timäus aufschlagen. Ehe er dort seinem von 
ilim immer beschützten und gleichsam in seiner Ehre geretteten 
Oheim Kritias das Wort ertheilt, um Platon's ägyptische Re-, 
miniscenzen als von dem gemeinsamen Stammvater Selon her- 
rührend vortragen zu lassen, muss Sokrates selbst den Inhalt 
des Platonischen Staates recapituliren. 

Dass dieser Inhalt des „Staates" nun sein Eigenthum sei, 
deutet Piaton gleich dadurch an, dass er diesen Dialog als eine 
Bewirthung mit Reden bezeichnet (p. 17 B. x^^S VTto oov ^evio- 
^evTwv). Man bewirthet aber seine Freunde nicht auf fremde 
Kosten oder mit gestohlenem Gut. Von ihm selber rühren die 
Reden her (Ibid. x^^S ^ov tüv V7t Ffiov qrjd-evd^cov Ijoyiav 7C6Qi 
TcoXiTelag), Er deutet aber auch die Neuheit und das vom Her- 
gebrachten und schon Gehörten Abweichende, was Aristoteles 
und Aristophanes das '/.aLvavöfxov nannten, selber an, indem er 
sagt: „Wie aber, erinnert ihr euch auch an die Ordnung der 
Kinder erzeugung? oder ist das ja wegen der Neuheit leicht 
behältlich*)?" Wir haben hier also Piaton selber als Zeugen 
für die Neuheit seines Einfalls; denn wenn diese politische 



Beispiele constatiren zu köunen. Es thut nichts zur Sache, dass Chiappelli 
in manchen Punkten von meinen Hypothesen abweicht. Denn in der 
historischen Forschung ist ja keine certitudo mathematica zu erreichen und 
es handelt sich nur um Vermehrung der Mittel zur Forschung, um neue 
Gesichtspunkte zur Stellung von Problemen und um eine neubegründete 
Hoffnung, durch Arbeit das Ziel, an dessen Erreichung man verzweifelte, 
dennoch auf anderen Wegen zu finden. Einige der neuen Combinationen 
Chiappelli's in dieser Arbeit werde ich weiter unten prüfen. 

*) Timaeus p. 18 C rj twxo [xev Sia triv arid'eiav tcbv kexO'Bvttov 
^^fivrjfwvevroVf ort xoivä ra tcov yafMOv xal jatv naiBcav Ttaav andvrtoy 



42 

Erfindung (el'QTjfja bei Aristophaues) sich blos von dem Zuscbn 
der Athenischen Gesellschaft entfernt hätte, aber schon v 
einem berühmten Gelehrten wie Protagoras vorgetragen wäi 
so würde es doch lächerlich gewesen sein, dass Piaton die Leicl 
behältlichkeit seiner neuen politischen Ordnung durch ihre ü 
gewöhnlichkeit motivirte. Es kann also auch nach diese 
Selbstzeugniss Platon's über sich keinem Zweifel mehr unt( 
liegen, dass die immer im Alterthum an Platon's Namen a 
geknüpfte und mehr getadelte als gelobte Lehre von der Gleic 
Stellung der Weiber im Staate und die Weiber- und Kind( 
gemeinschaft wirklich von ihm aufgebracht und dass mithin n 
Piaton und kein Anderer von Aristophanes karrikirt ist. 



Drittes Oapitel. 



Xenophon's Memorabilien und Platon's erste Dialoge. 

In einem früheren Buche*) habe ich durch 
e aufgefundene Anspielung, die keinen Zweifel tookrates als 
rig lässt, bewiesen, dass Xenophon's Memorabilien verthewiger des 
rch die Sophistenrede des Isokrates angegriffen xenophon. 
rden, also vor dieser geschrieben sind. Ich will 
3r nur hinzufügen, dass sich Isokrates durch die persifiSirende 
ihandlung des Hippias von Seiten des Xenophonteischen 
>krates um so mehr zum Zorn gereizt fühlen musste, als er 
die Tochter oder Wittwe des Hippias zum Weibe nahm.**) 
ie Vertheidigung des Hippias, welche Isokrates übernahm, 
ire daher, wenn er damals schon geheirathet hatte, eine oratio 
domo gewesen. Jedenfalls aber können wir daraus auf 
le nähere Verbindung desselben mit Hippias' Familie schliessen 
d begreifen, wie dem Isokrates auch die spöttische Behandlung 
s Hippias in Platon's Protagoras verdriesslich gewesen sein 
ISS, da ja dort die Sokratische Wissenschaftlichkeit überall 
r blos auf Meinungen ruhenden Bedefertigkeit als weit über- 
jen erscheint. 

Die persönlichen Verhältnisse der Philosophen 
id zwar im Vergleich mit ihren die Welt er- B©eckh'8 stand- 
ichtenden Gedanken eine untergeordnete Sache; aufiu9eb6n. 
[ein die Philosophen waren auch Menschen, und 
inn man die Abfassungszeit ihrer chronologisch unbestimmten 



*) Liter. f*ehden im vierten Jahrhundert vor Christo, S. 84 f. 
**) Westermann Vitar. Script, p. 253 ywatxa S* rjydyero nXa&dvrjv riva, 
tiov rciv ^ro^oe aTtoyewcD/tevrjv, Sauppe hält die Tochter für richtig. 
) Literatur über die Frage bei Blass Att. Beredtsamkeit 2, S. 64, der 
' Ehe auf „spätestens 380" ansetzt. 



44 

Schriften erörtern will, so hat man auf ihre menschliche Seite 
Rücksicht zu nehmen. Ich glaube darum mit Recht einen Weg 
gesucht zu haben, der uns aus dem von Schleiermacher und 
seinen Nachfolgern rathlos durchirrten Labyrinthe herausführt; 
die Platonischen Dialoge müssen als Streitschriften betrachtet 
und die persönlichen Beziehungen und die literarischen Gegen- 
sätze, kurz die historische und menschliche Seite, zum Ausgangs- 
punkte genommen werden. In diesem Sinne können wir nun 
auch Platon's Verhältniss zu Xenophon mit grossem Vortheil 
ausbeuten. Denn so ehrlich und brav auch die Gesinnung 
Boeckh's ist, wonach er allen Streit und jede Eifersucht 
zwischen so grossen Männern, wie Xenophon und Piaton, weg- 
disputiren will *), so kann doch eine gewisse Naivetät bei solcher 
Beurtheilung der Menschen, die sich durch die Jugendlichkeit 
des Verfassers**) erklärt, nicht verkannt werden, und wir dürfen 
auf keinen Fall eine solche Annahme als Interpretationsprincip 
gelten lassen. 

§ 1. Platon's Nichterwähnung. 

Nehmen wir nun die Memorabilien Xenophon's und schlagea 
zuerst die Stelle auf, wo er bei der Vertheidigung des Sokrate^ 
gegen die Anklage, er habe seine Schüler verdorben, diejenigeiB^ 
namhaften Schüler aufführt, die sich durch ihre Trefflichkeit im pri^ — - 
vaten oder politischen Leben auszeichnen und einen Beweis für dem- 
Werth des Lehrers bilden. Da werden wir natürlich den Platoa^ 
finden ! Weit gefehlt! Kriton, Xairephon, Xairekrates, Simmias,^ 
Kebes und Phaidon oder Phaidondes werden genannt ; Piaton aber^ 
sinkt in den Schatten des „und Andere".***) Es ist ja wahr, 
Xenophon hat hier nichts positiv Böses über Piaton gesagt; 
aber so darf man nicht über die Beziehungen zwischen den 
Menschen urtheilen, wenn man ihre freundlichen oder unfreund- 
lichen Gesinnungen erforschen will. Man besinne sich doch 



*) Kleine Schriften IV Disputatur de simultate, quae inter Platonem 
et Xenophontem intercessisse fertur p. 30 fin. Quare desinant iam opti- 
morum gravi ssimorumque virorum illudere famae, ac seqaioris aevi Grae- 
culis sophistis ista relinquant molesta convicia, iis, qui dicunt, quam quibus 
dicuntur, plus afferentia dedecoris. 

**) Die Arbeit Boeckh's ist 1811 publicirt und wahrscheinlich noch 
früher geschrieben. 

***) Memor. I, 2, 48. tcai akloi. 



etwas darauf; wie wohl Piaton über sich selbst urtheilte, wie er 
sich selbst überall als den „göttlichen^ (^elog) in seinen Schriften 
qualificirte*)^ wie er der Meinung war, allein fähig zu sein, als 
Schulhaupt die Philosophie zu vertreten**), wie er verlangte, 
man solle ihn um die Gnade bitten, an die Spitze des Staates 
zu treten und sich der für ihn lästigen politischen Geschäfte zu 
unterziehen***), wie er sich demgemäss auch gegen den sonst 
von anderen Sokratikern umschmeichelten Dionysius I. benahm ; 
wenn man dies und alles Dergleichen erwägt, so muss sofort 
jeder Zweifel schwinden, als hätte Piaton es vertragen können, 
so „mit Anderen" in den Schatten zu treten. Hier heisst es, wer 
nicht mein Freund ist, der ist mein Feind: die Geringschätzung, 
wenn sie sich auch durch keinen Tadel documentirt, ist eine 
Beleidigung für Jeden, der Grosses von sich hält, und es gäbe 
wohl nicht leicht einen Menschen, der von sich grösser gedacht 
hätte, als Platon.-{-) 

Wenn nun Einer Erinnerungen des Sokrates schreiben konnte, 
ohne Piaton zu rühmen, Piaton sage ich, ohne dessen Dialoge 
Sokrates unter den übrigen Sophisten der Zeit verschwunden 
sein würde, so kann ein solcher Historiker die Bedeutung des 
jungen Mannes nicht verstanden haben oder muss ihm unfreund- 
lich gesinnt gewesen sein. 

Dass er aber die Bedeutung Platon's verstanden und 
um sein näheres Verhältniss zu Sokrates gewusst hat, merken 
wir leicht aus der einen Stelle der Memorabilien, wo er 



♦) Vergl. meine Literar. Fehden S. 205, 208, 213, 215 
**) Ebds. S. 124 f. Hierzu vergleiche noch die hübsche, aber von 
"^egesandros böse gemeinte Anekdote bei AthenHus 11, 507 b. TTagexdXei 
(W^rtov) /irj ad'vfisiv altova (die übrigen Sokratiker), (Oi Ixavbs avrbe etrj 

***) Staat p. 489 Ttdvra rov doxead'm Seofterov iTti rng rov doxeiv 
^^^fifiipov d^gag ievai, oh rhv aQXOi'xa Selaif'ni tcov dgxouhviov «(»/fix 5*«* ov 
***' TJ aXijd'eiq ri oysXog tj. 

t) Ich erwähne nur kurz, dass Piaton bei einer ganz ähnlichen 

^^ranlassung sich nicht vergisst, sondern zuerst seinen älteren Bruder 

-^^eimantos, dann sich selbst als gegenwärtig nennt (Apol. 34 a oSe 8e 

^^ei/iavzos, o ^y4g£aTa)vog , oh aSshpog ovrooi Illdroyv) und dass ersieh 

'^^eder und zwar in erster Stelle als Rathgeber des Sokrates in 

»einem Processe und als Bürgen für die Geldbusse hervorhebt. (Apolog, 

^ B nldroov Be oSf^ m dvSgsg ^Ad'rjvaXot, Tcai Kgircov x. t. X.) 



j46 

Platon's Bruder eine lächerliche Rolle spielen und Sokrates dem 
Charmides und Piaton zu Gefallen als Ketter auftreten lässt.*) 
Die Stelle lässt errathen, dass Piaton ähnlich wie Charmides 
eine beachtenswerthe Persönlichkeit und doch wohl, wenn sein 
Name ohne alle weitere Bestimmung die Abkunft oder 
Beschäftigung betreffend aufgeführt wird, auch recht 
bekannt gewesen sein muss. Je unzweifelhafter aber hier Piaton 
plötzlich als eine illustre oder wenigstens als eine allen Lesern 
bekannte Persönlichkeit in's Licht tritt, um so räthselhafter 
muss das Schweigen sein, das in dem ganzen Buche über ihn 
beobachtet wird; es sei denn, dass uns die Annahme einer Riva- 
lität oder einer unfreundlichen Gesinnung den Schlüssel des 
Räthsels liefern dürfte. 

§ 2. Die Beurtheilung von Platon's Bruder Glaukon. 

um dies nun gründlicher einzusehen, wollen wir einmal unter- 
suchen, wie Xenophon, wenn er den Piaton auch bei Seite lässt, 
mit der Familie desselben umgeht. Also zunächst, was er zählt 
Xenophon macht ®^ ^^^ seinem Bruder Glaukon? Ich kann 
Glaukon dies nicht besser berichten, als wenn ich Steinhart 

licheriich. j^g ^^^ l^gg^^ ^^^ darübor mit vollkommener 

Unbefangenheit berichtet, da er in seiner Gutmüthigkeit gar 
nicht bemerkt, was daraus für die Beziehungen zu Piaton folge^^ 
muss. Er sagt*): „Bei Xenophon ist Glaukon ein eitler, rot- 
witziger junger Mensch, den es drängt, eine Rolle in der Politik 
zu spielen und sich auf der Rednerbühne hören zu lassen, v^"^ 
der man ihn herunterlacht und fast herunterwerfen muss ; dat*®^ 
aber zeigt er, als Sokrates ihn in die Schule nimmt, in i^^ 
ABC der Staats-, Kriegs- und Pinanzwirthschaft eine ka*«^ 
glaubliche Unwissenheit." So klar Steinhart dies nun auch e>^^ 
gesehen hat, so fällt ihm doch gar nicht ein, dass es dem Plafc^' 
ebensowenig wie irgend einem Menschen sehr angenehm si 
konnte, wenn der eigene Bruder öffentlich lächerlich gema< 
wurde. Steinhart stimmt vielmehr harmlos dem von Böckh „i 
das Ueberzeugendste" geführten Beweise bei, dass gar kein Grur^ 
zur Annahme einer unfreundlichen Gesinnung zwischen beid< 



*) Memorab. Ifl, 6, 1. ^cox^arrjs Se, evvovg wv avrt^ (sc. t4> Pkanrnto — ^ 
8id re XaQ/jUSrjy rov PXavxanfoe xai Sia IlXdrtova, fwvoe ^avffsv, 
*♦) Leben Platon's S. 44. 



47 

grossen Männern vorhanden sei.*) Wollen wir hören, wie Piaton 
sich dagegen benimmt. 

Fangen wir mit dem Sprichwort an, das 
Piaton im Staate mit einer gewissen Nachdrück- Piaton kommt 
lichkeit auf seine Brüder anwenden lässt, indem er '^'"u^HHfc^*'^ 
dem Adeimantos seinen Bruder Glaukon zu Hilfe 
schickt: „Dem Manne doch helfe sein Bruder!"**) So ist 
auch Piaton dem Glaukon zu Hilfe gekommen und hat das 
schmähliche Bild, welches Xenophon von dem Jüngling ent- 
worfen hatte, wieder ausgelöscht und ein wahres Enkomium auf 
ihn geschrieben. Bei Xenophon hatte Sokrates den Glaukon 
zur Arbeit getrieben, um sich angesehen, geehrt und be- 
rühmt zu machen.***) Da Xenophon dem eitlen jungen Menschen 
selbst gar keine höhere Gesinnung zugeschrieben hat, so war 
eine Ermahnung mit solchen Motiven ja auch wirklich sehr 
passend und überzeugend. Glaukon ist aber Platon's Bruder 
und dieser fühlt sich veranlasst, eine edlere Natur in Glaukon 
herauszukehren. Er lässt bei der Unterredung des Glaukon 
mit Sokrates über die Gerechtigkeit und das Herrschen den 
Glaukon zuerst die Xenophonteischen Gedanken vertreten, als 
wenn man blos herrschen wollte, entweder um sich zu bereichern, 
oder um geehrt zu werden.^) Dann aber zeigt ihm Sokrates, 
dass es eines edlen Menschen unwürdig sei, nach Geld oder 
Ehre zu streben, und dass die feineren Naturen einen höheren 
Gesichtspunkt haben, als die Xenophontheischen.-|~|-) Die Guten 
wären überhaupt nicht ehrgeizig und hielten es für hässlich, 



♦) Ebds. S. 95. 

**) Staat p. 362 D to Xsyo/ievov, aSeXfos olvSqI naQeirj 

***) Memorab. III, 6. 2yOvofiaarbg earj TtavTaxcn^TtegißkeTtros 

'^ari. III, 6, 3, tintQ t i fia a d" a i ßovkei. 18 et, ovv inid'vfiels evSox.ifieZv 
"TS xai d'av/Lidt^ea&ai iv rri TtoXei, tceiow Tcarß^yaffaad'ett d)e fmkiara ro 

•j") Staat p. 347 fua&ov Selv vnd^x^^^ '^^^^ fieXkovciv iS'eXriasiv a^/c*»', 
^ a^yvQiov ri rifiriv, t} ^r^fjUar, iav fii] d^xfl» Uöjg rovro Xeyets, (a ^mxQares; 
"^'fpri o rkaviuov Tovg fiBv yd^ $vo /ua&ohg yiyvcoaxo}' rr]v $e ^fiiav — — ov 
SwTjxa, Vergl. Xenoph. Memor. III, 6. 4 TtXovatcareQOv avrov noieiv — 
^rkovatatre^av noiriaai — 7. oltzo noXefiiiov rrjv noXiv TtXovri^w. 

•}••}•) Ibid. B. Thv rmv ßskriarcov d^a jtiiad'ov ov ^vvieiSf Si ov d^x^^^^*'*' 
oi hcuucäcraroif orav id'skcoaiv dox^iV rj ovx otad'a, oti to tpiXonfiov re 
^(d fiXd^yvqov elvai oveiBoe Xsyerai re xai Mariv; 



_ 48 

freiwillig nach Herrschaft zu streben. Dies betont Piaton mit 
dem grössten Nachdruck und fügt hinzu, dass nur die grösste 
Strafe, die darin bestehe, sonst von einem schlechteren Manne 
beherrscht zu werden, sie dazu treiben könnte, ihrerseits sich um 
die Herrschaft zu bemühen.*) Man kann sich demgemäss vor- 
stellen, wie Piaton über Xenophon dachte, der als Söldner nach 
Asien gezogen und mit grossen ßeichthümem zurückgekommea 
war, und wie wenig er erfreut sein musste, seinen Bruder von 
einem solchen Manne lächerlich gemacht und belehrt zu sehen.**) 

Piaton ertheilt deshalb seinem Bruder Glaukon 
Der neue nun eine Bolle, wie sie herrlicher nicht gedacht 
standpunkt'^Pia- werden kann ; er lässt ihn die berühmte Geschichte 
ion'8 von von dem Bing des Gyges erzählen, der durch seine 
^'^reten**"^' unsichtbar machende Kraft jede ungerechte Be- 
friedigung der Leidenschaften ermöglichte, und von 
Sokrates dann den Beweis fordern, dass die Gerechtigkeit an 
und für sich begehrenswerther sei, als die Ungerechtigkeit, auch 
wenn der Gerechte den Schein gegen sich habe und von den 
Menschen nicht blos nicht wegen seiner Gerechtigkeit geehrt, 
sondern verkannt und beleidigt, gefesselt, gegeisselt, gefoltert, 
geblendet und gekreuzigt werde.***) Platon's Brüder, Glaukon 
und Adeimantos, die Söhne des Ariston, wenden sich hiermit 
gegen Xenophon, Isokrates und überhaupt gegen die ganze 
das damalige Staatsleben beherrschende Richtung und verlangen 
die Gerechtigkeit nach ihrem inneren und eigenen Werthe beur- 
theilt zu sehen und nicht blos nach dem daraus entstehenden 
guten Buf und dem Schein und der Macht und Ehre, die aus 
der Meinung Anderer dafür den Gerechten zufliesst.-}*) Dass 
man sich aber nicht einbilde, die Brüder des Piaton wollten 
hier die Ungerechtigkeit vertreten und nur den Schein und di 



*) Ibid. B. ouTfi /(>?7^«Tft>f' ^Wx« id'eXovaiv ao^eir oi ayad'oi c/Ltb t«,«f^^^ 
8ie wollen weder fuad'onoiy noch yXinraij noch ^iXoTtfun. sein. 

**) Memorab. III, 6. l oVBsU riSvvaro Ttavacu {r^ifxatva, Tov^AgCarmvi^ "^ 
skKofABVov re nno rav ßrjfiaTOs ycctl TcaraydXaarov ovra. 
***) Staat II, p. 350—362. 
-J-) Xenoph. Memor. II, 6. 39 ^Ak)M, avmofiGnarri rs xai aa^aXeoTd'* 
xal xalliarri bSog, co K^iroßovXe, " ri av ßotXrj SoxeXv ayad'os etvat, icv 
xcU yevead'ai ayad'ov TceiQo.ad'ai Das Ziel ist also das Scheinen; di 
Sein aber nur Mittel und Weg. Plat. Staat p. 362 xaX yvdusexai,, oti c 
elvai SixouoVf aXXa SoxeXv Sei id'tXBiv. Ebenso p. 363. 



49 

Meinung der Menschen als Ziel hinstellen und würden von 
Sokrates zurechtgewiesen, dafür hat Piaton wohl gesorgt; denn 
er lässt seinen Bruder Glaukon vorsorglich sagen: „wenn es 
auch etwas bäuerisch klingt, so glaube nur, das» nicht ich 
dies sage, sondern die, welche die Ungerechtigkeit der Ge- 
rechtigkeit vorziehen".*) Und er lässt ihnen, ich möchte sagen 
im Gegensatz zu den Xenophonteischen Erinnerungen, noch aus- 
drücklich von Sokrates ein Zeugniss ausstellen. Nachdem nämlich 
Platon's älterer Bruder noch gesagt hatte, dass sein und seines 
Bruders Bede von der Wahrnehmung ausgegangen wäre, dass 
alle Lobredner der Gerechtigkeit von den Zeiten der 
Heroen an bis auf den heutigen Tag niemals aus anderen 
Gründen die Ungerechtigkeit getadelt und die Gerechtigkeit 
gelobt hätten, als wegen der guten Meinung der Menschen und 
wegen der Ehren und Geschenke, die sie als Lohn brächte**), 
dass er selber aber den eigenen Werth der Gerechtigkeit aner- 
kannt wissen wolle, da antwortete Sokrates, der schon immer 
die Natur des Glaukon und Adeimantos bewundert 
hatte und über diese Rede besonders entzückt war: „Nicht übel 
hat auf Euch, „Ihr Söhne jenes Mannes, der Liebhaber des 
Glaukon den Anfang seiner Elegie gedichtet, nachdem Ihr euch 
in der Schlacht bei Megara ausgezeichnet, „Söhne des Ariston, 
des herrlichen Mannes göttlich Geschlecht*'.**) Hierdurch ist 
also der Eindruck, den Xenophon's Erzählung von Glaukon 
macheu musste, ausgelöscht und statt des eitlen und aufgeblasenen 
Menschen, den man von der Rednerbühne herunterzerren und 
auslachen muss, hat man nun eine der edelsten Naturen vor 
sich, die eine reinere und höhere Moral vertritt, als sie seit der 
Heroenzeit bis auf Piaton hin jemals geahnt war. 

Nimmt man nun hinzu, wie Piaton den Xenophon auch an 
dem anderen Orte zurechtweist, wo Xenophon als höchste Moral 



*) Staat p. 361 E xav ay^oixore^coe XeyrjTai, urj ifii oi'ov keyeiv. 
**) Staat p. 366 E ano rcov ^| «^/^s tj^iocov a^^d/uevot x. r. X. Hierin 
ist Xenophon eingeschlossen ; denn Piaton vindicirt diese Lehre offenbar 
sich selbst. Hätte aber auch Sokrates solches schon gelehrt, so hätte 
wenigstens Piaton es zuerst verstanden und in Schriften niedergelegt 
ocioy Xoyoi XeXeififiepoi, 

***) Ibid. p. 367 E xaHyon {^(ax^dri^s) axovaas asi fiiv 8rj rrjv ^vatv 
lov re rkavxcjvos xai rov ^ASsifidvr ov rjydfArjv xrX. Und p. 368 
^ rexfialQOfiai 8e ix tov aXXov rov vfisrdQov XQOTtov, 



60 

es tinstellt, seinen Freunden Gutes und seinen Feinden Böses 
zu thun*), so kann man kaum umhin, eine stillschweigende 
Polemik des Platon in dieser Ehrenrettung seines Bruders 
gegen Xenophon anzuerkennen. Es ist demgemäss selbstver- 
ständlich, dass die Memorabilien vor dem Staate herausgekommen 
sein müssen. 



§ 3. Platon's Protagoras und die Memorabilien- 

Clinton setzt, wie mir scheint, mit vollem Recht Xeno- 
phon's Arbeiten an seiner Geschichte in die erste Zeit des Auf- 
enthaltes in Scillus, also in das Jahr 394, indem er den An- 
gaben des Diogenes Laert. II, 52 Glauben schenkt. In meinen 
Literarischen Fehden S. 86 habe ich nun darauf hingewiesen, 
dass in diese Zeit auch die Memorabilien fallen müssen, und ich 
halte es für sehr natürlich, dass Xenophon, der von dem 
Athenischen Volke verbannt war, zunächst keine bessere Be- 
schäftigung finden konnte, als sich an dem Vorbilde des Sokrates 
zu trösten, dem ja Schlimmeres widerfahren war. In dem Bilde 
dieses tadellosen Mannes, dessen treuer und unverächtlicher 
Schüler und Nachahmer er sein wollte, konnte er gewissermassen 
auch von sich die schönste Lobrede und Vertheidigung schreiben; 
denn wer so wie Xenophon in den Memorabilien alle Tugenden 
erklären und empfehlen, alles Schlechte durch Ueberredung ab- 
wenden und Recht und Unrecht in das Licht stellen konnte, 
der musste ein guter und begehrenswerther Bürger sein; ein so 
der Sache gewachsener Biograph und Apologet war gewisser- 
massen ein zweiter Sokrates und der Schluss der Memorabilien 
ist wohl zugleich ein deutliches avis au lecteur, um den Xeno- 
phon nach demselben Mass zu beurtheilen. 



*) Vergl. meine Literar. Fehden im vierten Jahrhundert I. S. 22. Zu 
der dort citirten Stelle der Memorab. vergl. noch lib. IL 3. 14 xai /«;r 
TtXeiarov ye Soxei avriq innivov a^iog elvai, os av ^d'dvT] rovs fiev TtoXsutovg 
xaxcjg Ttoicöv, rovi Se filovs evsQyerwv, wo, wie dort die ix^Q^^y ^^^ noXe'ftiot 
eingeschoben sind. Das Allgemeine „die Gegner" hat Xenophon nicht und 
geht auch die Frage nicht durch, ob dies immer die xaxoi und favXoi sind 
und ob man diesen immer Böses thun müsse oder dürfe. Chiappelli (Le 
Ecclesiazuse di Aristofane p. 112) erkennt meinen Nachweis der Allusion an. 



61 

Wenn man sich nun fragt, wie wohl Piaton 
über die Memorabilien geurtheilt haben würde, so Piaton's 

kann er, wie ich glaube, darin im Ganzen nur eine dersokratfkern 
löbliche Bemühung gesehen haben, die Erinnerung 
an Sokrates als an einen Tortrefflichen Mann zu befestigen und 
viele wichtige und merkwürdige Aussprüche desselben zur all- 
gemeinen Nachachtung zu empfehlen. Wir dürfen aber nicht 
vergessen, dass Piaton von dem grossen Bekannten -Kreise des 
Sokrates nur einen kleinen Freundeskreis für sich festhielt (ich 
denke an Eukleides, Simmias, Kebes, Phaidon), die Anderen aber 
entweder als Feinde betrachtete, wie den Antisthenes, Lysias, 
Euthydem und Aristipp, oder doch als solche, die unfähig 
wären, die Tiefe des Sokrates zu würdigen und eine höhere 
philosophische Einsicht zu gewinnen.*) Zu diesen letzteren 
musste er den Xenophon rechnen. Deshalb erwarte ich in seinen 
frühesten Dialogen zwar keine offene Polemik gegen diesen, aber 
doch gelegentlich eine ironische Berücksichtigung, wobei die 
Unfähigkeit desselben in der Philosophie einem Jeden hand- 
greiflich wird. Wir wollen dies an ein paar Beispielen ver- 
folgen. 

Bei Xenophon z. B. ist Sokrates so armselig, 
was wahrscheinlich nicht dem Sokrates , sondern ^^^ *•" '^«".<>" 
dem Xenophon selbst auf die Rechnung zu setzen prodikus bei 
ist, den Herakles des Prodikos zu reproduciren, '*!**"" ®'?® 
und damit füllt Xenophon fast ein ganzes Capitel 
seines Buches aus. Hätte er, wie Piaton an die Rede des 
Lysias, daran eine eingehende Kritik geknüpft, so hätte 
Niemand etwas Anstössiges daran finden können ; so aber heisst 
es nach Horaz: adsuitur pannus late qui splendeat. Piaton 
behandelt den Prodikos nicht so unfreundlich, wie die anderen 
Sophisten. Er scheint seine etymologischen und lexikographiscben 
Bemühungen für unschädlich zu halten ; aber er citirt ihn doch 
immer nur, um sich über ihn lustig zu machen. Im Protagoras 
bringt die tiefe Stimme des Prodikos ein solches Dröhnen {ßo^ißog) 
im Hause hervor, dass man die Worte nicht deutlich hören 
kann (p. 316); nachher macht er zwar eine Menge Distinctionen 



*) Athenaens 11. 507 b. und c. aal ro xa&okov Tvaai röis ^(ox^drovs fia&i^rals 
inefvxei fiijTQviae ^jfßw Sid&Effiv. Diese böse Bemerkung Hegesander's ist 
vom Standpunkte des Gegners, also perspectivisch betrachtet, ganz natürlich. 

4* 



52 

zwischen synonymen Wörtern; aber es erweist sich, dass air 
dies für die aufgeworfene Frage völlig gleichgiltig ist. Ebenso 
meint Sokrates im Charmides, er hätte zwar von Prodikos 
unzählige ((avqio) solcher Wortunterscheidungen gehört, er wolle 
ihm (dem Kritias) es aber ganz überlassen, nach Belieben 
seine Ausdrücke zu wählen, und es käme blos auf den Sinn 
und BegriiF an, den er damit verbände und der geprüft werden 
sollte p. 163 D. Wenn er ihn im Phaidros p. 267 B lobt, so 
geschieht das nur, um sein Zeugniss gegen Isokrates zu benutzen, 
der im Panegyrikos es als seine Kunst hingestellt hatte, kleine 
Dinge gross und grosse klein erscheinen zu lassen und über 
jede Sache lang und kurz sprechen zu können. Da dies, wie 
Piaton bemerkt, nicht erst Isokrates, sondern schon Tisias und 
Gorgias gelehrt hätten, so lässt er den Prodikos darüber lachen 
und als das Richtige das passende Mass aufstellen. Im Uebrigen 
gilt er dem Piaton auch als einer der gewinnsüchtigen Professoren, 
die ihre Belehrungen nach dem Masse des Honorars abmessen 
und für ihre Weisheit viel Geld zusammengebracht hätten. 

Wenn daher Piaton von Theopomp und Hegesander bei 
Athenaios der Schmähsucht und des Neides und der Eifersucht 
beschuldigt wird*), so muss man sich darüber weder verwundern, 
noch mit Steinhart darüber entrüsten; es ist dies vielmehr ein 
perspectivisch richtiges Bild von Piaton; denn ein Gegner, 
der Platon's Standpunkt nicht theilte und seine Grösse nicht 
fassen konnte und wollte, musste gewissermassen so urtheilen. 
Sind es doch nur ein paar Namen, die Piaton mit Liebe und 
Achtung nennt; alle übrigen, die von seinen Zeitgenossen 
gepriesen werden, gelten ihm als schlecht oder lächerlich. Piaton 
duldete keine anderen Götter neben sich. Wie soll man sich 
da wundern, dass er für schmähsüchtig gehalten wurde. Wird 
doch selbst der harmlose Prodikos, der von Xenophon bewunderte 
und excerpirte Lobredner der Tugend, bei Piaton nur zu einer 
komischen Figur! 

Ein anderes Beispiel. Es muss auffallen. 

Der weshalb Piaton im Protagoras p. 349 D — 351 

be^xenophon ^ ^^^ Sokrates gegen den Sophisten mit einem 

von piaton im Beweise auftreten lässt, der doch von diesem mit 

'*'^"*gedeckt *"*' richtiger Logik als fehlerhaft zurückgeschlagen wird, 

so dass hier Piaton auf der Seite des Protagoras 

*) Athenaeus U. 507. b. 



63 

zu stehen scheint oder den Sokrates als ungeschickt hinstellt. 
Ich weiss wohl, dass dieser p. 360 seinen Satz doch durchficht, 
aher mit anderen Q-ründen und zugleich so, dass er mit seinem 
Gregner die Thesis getauscht zu haben scheint. Was aber bei 
dem ersten Beweise von Protagoras widerlegt wurde, das bleibt 
widerlegt, und es ist doch wunderlich, dass sich eine solche 
Abfertigung des Sokrates in einem Dialoge, in welchem er als 
Meister der Dialektik erscheinen soll, vorfinden könne. Wenn 
sich nun aber zeigte, dass das hier Widerlegte von einem 
anderen Sokratiker dem Sokrates in den Mund gelegt wird, so 
würde Alles in Ordnung sein. Piaton hätte dann blos ange- 
merkt, dass dieser Sokratiker sich nicht recht auf Dialektik 
versteht und dass die Sache von einem besseren Kopfe in 
Ordnung gebracht werden müsse. Kurz gesagt, das ganze 
fragliche Bäsonnement findet sich ausführlich bei 
Xenophon, und wenn Theopomp aufmerksamer gewesen wäre, 
so hätte er bei Piaton auch ein Plagiat aus den Memorabilien 
anführen können; wir aber würden in diesem, wie in den 
anderen sogenannten Plagiaten nur die bei jeder Satyre und 
bei jeder Kritik unvermeidliche Anführung der zu wider- 
legenden Lehren des Gegners sehen. Man schreibe einmal 
eine Kritik, ohne die Ansichten, die man kritisiren will, irgend- 
wie anzuführen! Dem Piaton muss man einräumen, dass er 
des Antisthenes, Xenophon, Aristipp, Isokrates, Lysias und 
Anderer Werke auf die allerfeinste Art vorführt, um mit ihnen, 
wie die Katze mit der Maus, sein geistreiches und zuweilen 
grausames Spiel zu treiben. Man spricht immer von Platon's 
Schriften als Kunstwerken, aber man hat bis jetzt noch nicht 
gezeigt, welche Gattung von Kunstwerken dies sei, und da ist 
es denn natürlich, dass man den Massstab auf gut Glück von 
der Tragödie oder einer anderen Gattung der Poesie entlehnt, 
um Forderungen geltend zu machen oder Lob zu ertheilen, wo 
man doch in der That aus vollständiger Unkenntniss des dem 
eigenthümlichen Kunstcharakter Platonischer Dialoge zugehörigen 
Stils rathlos umherirrt und in's Blaue zielt.*) 



*) Dagegenist Alois Spielmann anzuerkennen, der in seiner Schrift 
über den Gharmides schon 1875 mit Besonnenheit S. 70 sagt: „In unbe- 
fangener Würdigung solcher Thatsachen (d. h. Mängel der Composition 
des Phaidros, von £onitz gezeigt) und mit dem bescheidenen Geständniss 



54 



Ich will nun, um meine Behauptung zu belegen, in zwei 
parallele Colonnen die Xenophonteischen und die Platonischen 
Stellen nebeneinander abdrucken lassen, damit man sich über- 
zeuge, dass hier nicht blos derselbige Gedankengang, sondern 
zuweilen derselbige Wortlaut vorliegt. 

Der Gedankengang ist folgender: 1. Die Tapferkeit gehört 
zu dem sittlich Schönen und ist also eine Tugend. 2. Zur 
Ausübung von tapferen Handlungen ist das Verstehen und 
Kennen der Umstände erforderlich. 3. Wer ohne dies muthig 
ist, ist verrückt. 4. Die Muthigen sind die Tapferen. 5. Also 
sind die Wissenden, welche sich auf die Sache verstehen, die 
Tapferen und die Tapferkeit ist Wissenschaft oder Weisheit. 



Xenophon 

Memör. IV. 6, 10. 'Avdqiav 
de, (ü EvdvötjfAB, aq<x tcSv 

KaXkiOTOv ixev ovv iywye, ecpr^. 
Ibid. u4q^ ovv doY£i aoi Ttgig 
Ta ÖEivd T€ Kai eTtLTUvövva 
yiffflOL^ov elvai %o äyvoeiv 
avTa; irMaxa y, ecpr]. 

Ibid. Ol, aqa /irj q)oßov^evoL 
Tcc rocavTa öia %b fxri eiöevai 
TL eatiVy ov% avdgeloi elai; 
Nij zfCy ecpYj. TtoXXoi yaQ av 
ovTco ye rcov liaivoiiivmv ycal 
Twv deilcSv avÖQUOi elev. 



Piaton 

Protag. p. 349 E. OiQe dtj, 
Tipf aQerijv Y,aX6v tc qjjg 
eivat ; 

KdXliatov fxev ovv, eq>rj. 

Ibid. p. 350 Ol hviortj- 
fxoveg rwv fxrj e7tLaTa/,iev(ji)v 
d^aQQaXeciveQoi eiat /^ai avxol 
eavTCüVf ercudav ixad^waiv, rj 
Ttqiv fAa-d-eiv, 

Ibid. 350 B. "H(Jr; de Tcvag 

SCOQCTKag TtdvTCJV TOVTCOV 

dveTtiaTt'iiiovag ovrag, d^aq- 
qovvcag öe Ttqog e%aoxa xov- 
Tcov; — Omovv ol d-aqQakaoi 
ovxoi '/>ai dvÖQeXoi eloiv; 
u^laxQOv iievc av eYrj yj dvöqeia • 
eTtei ovToi ye f,iaiv6(ievoL 
eloiv. 



dass wir jetzt nicht mehr alle Veranlassungen und Motive zu 
ermitteln vermögen, welche Piaton bewogen haben, manche 
Einzelnheit ausführlicher zu behandeln, als wir es im Hinblick auf die 
Einheit der künstlerischen Darstellung 'für wünschenswerth erachten, 
können wir unbedenklich zugeben, dass die Einleitung des Charmides, 
ähnlich der des Laches, im Verhältniss zum Haupttheil zu umfangreich 
sei, ohne eine specielle Rechtfertigung derselben zu unternehmen.^ 



55 



Ibid. riidg ovv Xsyeig tovg 
ävÖQelovg; ovxt '^ovg d^agg- 
liovg elvac; Kai vvv y, tcpiq, 

— C. d'aqQoXewTaxoi de ovteg 
ävdQeioTccTOi ; 

Ibid. 349, E. TtoTSQOv rovg 
ävÖQeiovg d^qqaXaovg Xsyug; — 

— 350 A. -d^aggalaog. TTore- 
QOv öiOTL STrloTavtac ?y dt 
aXko Ti; ^'Otc STtlatavtac, 
C. Ol aocparcaroi ovxoi y^al 
&CLQQakewTaToi elaiv. — xai 
xara tovtov tov "koyov 'fjaoq)ia 
av avoQEia eirj. 



Ibid. Idg ovv xovg f4€v äya- 
•d-oi'g 7tQog tcl deiva "A.al btci- 
'Mvdvva ovrag (d. h. kurz gesagt 
rovg d'aqqakiovg) avögeiovg 
fjyrj elvai, Tovg de xontot'g dei- 
^ovg; Ilaw fiiv ovv, eq)rj. 

Ibid. 11. Idqa ovv o\ fxrj 
SvvdfAevoi y.aX(JSg xq/i'fj^mj Xaa- 
oiv, (og dei, xqrfid^ai; ov drjTiov 
ye, eq)r], Ol aqa eidoTeg, wg 
dei, xQ^O'd-aL, ovtoc aal dvvav- 
rai. — Ol f.iev aga eTCiaxa- 
fxevoL Tolg deivolg re y^ai Itzi- 
Mvövvoig %aX(jSg xqriod^aiy av- 
dgeiol eioiv. Ibid. 7 iTtiarij/xr] 
aga aoq)ia saTiv. Ibid. III. 
9. 5 dr/^aioGvvTj ^al fj allrj 
Ttäaa ageui] ooq)ia iariv. 

Das Interessante besteht nun darin, dass Protagoras dem 
Sokrates einen logischen Fehler nachweist; denn die Tapferen 
seien zwar muthig, aber nicht alle Muthigen tapfer.*) Piaton 
kannte also schon das logische Gesetz der Oonversio per accidens 
wenigstens in seiner Anwendung und benutzte es, um Xenophon's 
Gedankengang als fehlerhaft hinzustellen. Er selber rettet zwar 
den Sokrates durch eine neue Schlusskette aus der Klemme; 
den Xenophon aber lässt er darin sitzen. 

Aus diesen logischen Betrachtungen ergiebt 
sich auch von selbst, dass das Zeitverhältniss der 
Memorabilien zu dem Platonischen Protagoras nicht 
etwa umgekehrt werden kann. Und man möge nur 
mehr in's Detail gehen, so findet man noch 
mancherlei Anspielung. Ich will nur noch eins 
hervorheben. Es ist nämlich auflfällig, das Protagoras bei Piaton 
seine Abfertigung des Sokrates noch durch eine ausführliche 
Analogie unterstützt, indem er spöttisch zeigt, dass Sokrates 
mit seiner Logik auch beweisen könnte, die Weisheit (aoqp/a) 
sei physische Kraft {layivg). Als Mittelbegriflf führt er dazu das 



Der 

Paralogismus 

des 

Xenophon durch 

eine Analogie 

persifflirt. 



*) Ibid. p. 350 C. und 351 &are av/ißaivei tovs /uiv avd^siove d'a^ga- 
leovs elvai, firi fiaptoi rove ye d'a^Qaläove avBQsiovs Tidvras. 



56 



Können oder Vermögen (SwctTot elvai) ein. Blickt man nun 
auf Xenophon's Gedankengang zurück, so war es grade das 
Können (ei dwdfievoi), welches ihm den Schluss vermittelte. 
Und grade in diesem Worte steckt eine von ihm übersehene 
Amphibolie, die Piaton durch Protagoras an die grosse Glocke 
hängt. Um nicht durch ein gleichlautendes Wort geäflft zu 
werden, thut man gut, die drei termini des Schlusses, der durch 
die doppelte Bedeutung des medius eine quaternio terminorum 
enthält, sowohl bei Xenophon als bei Piaton genau zu verfolgen. 
Ich stelle sie parallel nebeneinander. 



Xenophon. 

1. Die Tapferen (major) sind 
Die, welche sich in Gefahren 
richtig benehmen können. 
(Medius ist hier das prak- 
tische Können.) 

II. 6, 10 Idya&ovg ngog tcc 
deiva xai envuvdvva (i. Q. av- 
dqeiovg) voiAiCßig aXkiwg zcvag 
?y Tovg dvvafiivovg (medius) 
avtölg KaXcSg xqrpd-ai; Oi;x, 
aXka rovTOvg. 

2. Die dieses können, sind 
(in einer anderen Bedeutung) 
Die, welche sich darauf ver- 
stehen; denn Jeder benimmt 
sich so, wie er meint, dass 
man es thun müsse. II. 6, 11. 
^Q^ ovv ?x«flrrot /^wvra«^ vjg 
oiovrat deiv; Ilwg yaq aXXwg; 
^qa ovv Ol fit] dvvaiievoi 
'^ahjjg xQfj(J'9'cct, IVaatr, wg öel 
XQTJad^ai; @v drjTiov ye, i'q)rj. 

3. Gleichsetzung der beiden 
Bedeutungen. Ol äqa eido- 
Teg, (ig dei %qi]ad^ai, ovxoi xal 
övvavtat; Movoc yc, €q)r^. 

Dies ist ein Trugschluss, 
weil das praktische Können 
eine andere Natur hat, als 



Persifflage bei Piaton. 

1. Die physisch Starken 
(major) haben eine gewisse 
Kraft (medius). Protag. p. 
350 D. 7tQÜT0v füiv yag el ovtio 
l.i€Tid)v €Q0i6 [iie el Ol laxvQoi 
(major) dvvaroi (medius) eioij 
q)aii]V av. 



2. Die zu ringen ver- 
stehen, sind kräftiger (in 
einer anderen Bedeutung), 
als die es nicht verstehen. 
Ibid. E. BTteira ei oi stci- 
OTOLiievoL 7tahxieiv dvva- 
TiiteQoi eioi tmv fiij eTtiara- 

l.lSV(OV. 



3. Protest des Prota- 
goras gegen die Amphi- 
bolie; denn Kraft und phy- 
sische Stärke sei nicht einerlei. 
^EycS Ö€ ovda/dov oid^ evrav-d^a 
oftoloyiS tovg dvvatovg laxv- 
Qovg eivaiy tovg ixevcoi iaxvQovg 



57 



das Können im Sinne 
AVissen. 



von 



01? 



4. Die Tapferkeit ist Wissen- 
schaft. Vergl. oben S. 55. 



dwarcvg' ov yäQ tavxov 
eivai dtvaiiiiv te luxt iaxvv 
z. r. X, Das Synonymon diva- 
fiig hat die weitere Bedeutung. 
4. Ibid. kiyeiVy (og -Mxtct tijv 
ifAtpf of^oXoyiav fj aoq>ia iatlv 

iaxvg* 



Ich glaube, es kann keinem Zweifel unterliegen, dass diese 
von Protagoras beigebrachte Analogie, wodurch er des Sokrates 
Schlussfolge persifflirt, aufs Haar auf den Xenophonteischen 
Gedankengang passt. Es scheint mir darum hier eine weitere 
Allusion zu liegen, obwohl ich nicht leugnen will, dass damit 
zugleich noch nach anderer Seite Hiebe ausgetheilt werden. 
Denn der ganze von jugendlicher Kraft und Uebermuth strotzende 
Dialog ist ja dazu bestimmt, das Ungenügende der bisherigen 
Philosophie zu zeigen und den Staat, wo Piaton selbst dogmati- 
sirt, polemisch vorzubereiten. 

§ 4. Beurtheilung des Kritias. 

Kritias, Sohn des Kallaischros, wird von den Historikern 
als einer der habsüchtigsten, grausamsten und ungerechtesten 
Menschen geschildert und selbst Gurt ins, der seinen Charakter 
mit gewohnter Meisterschaft zeichnet, indem er seine ganze Ent- 
wickelung mit psychologischem und ethischem Peinsinn darlegt, 
kommt zu dem Resultat, dass „der eitle Schöngeist zu einem 
Verbrecher wurde, welcher sich zuletzt vor keiner Schlechtigkeit 
scheute'*.*) 

Das mag nun Alles so richtig sein. Uns interessirt aber 
mehr die Frage, wie Piaton sich zu diesem seinem nahen Ver- 
wandten stellte, denn Kritias war der Vetter seiner Mutter. 
Doch auch dieses interessirt uns erst in zweiter Linie; wir 
wünschen aber zu wissen, wie Piaton sich im Gegensatz zu dem 
Urtheil des Xenophon über Kritias äusserte. 

Xenophon hat, da er in den Memorabilien 
des Kritias erwähnen musste, kein anderes xenophon.' 
Interesse, als den Sokrates von dem Vorurtheil 
zu reinigen, als müsse er an den Verbrechen des Kritias, 



*) Griech. Gesch. II. S. 787. 



58 

seines Schülers, mitschuldig sein. Er erklärt daher ohne 
Umstände den Kritias für den habsüchtigsten und gewalt- 
thätigsten unter den Tyrannen*), meint aber zur Ent- 
schuldigung des Sokrates, dass Kritias diesen nur so lange als 
Lehrer benutzt habe, bis er glaubte, genügend für die Politik 
ausgerüstet zu sein, dann sei er in's praktische Leben über- 
gegangen. So lange, wie er mit Sokrates Umgang gehabt habe, 
sei er besonnen gewesen {a(joq)QovEtv), nachher aber, namentlich 
in Thessalien, verdorben, und als später Sokrates in Gegenwart 
Vieler ihn wegen seiner Liebe zu dem schönen Euthydem mit 
dem Schweine verglichen habe, das sich an einem Steine zu 
reiben liebe, so sei dieser zu solchem Hasse übergegangen, dass 
er und Oharikles als Gewaltherrscher ihm den Unterricht junger 
Leute ganz verboten hätten. 

Es ist anzunehmen, dass dies Alles wahr ist; 
''*'*"dKu'"""' ^s musste aber für Piaton und seine EamiUe in 

höchstem Masse peinlich sein, dergleichen zu lesen 
und in so rücksichtsloser Nacktheit öffentlich ausgestellt zu 
sehen. Doch was konnte Piaton thun ? Vorzüglich da er selbst 
mit seinem Verwandten, als er noch an der Spitze des Staates 
stand, nicht zusammengehen mochte. Denn in einem vertrau- 
lichen Briefe an seine Freunde in Syrakus, dessen Echtheit zu 
verdächtigen man keinen hinreichenden Grund angeführt hat, 
setzt er als Greis seine persönliche Lage in jener schlimmen 
Zeit auseinander. Unter den dreissig Autokratoren befanden 
sich einige Verwandte und nähere Bekannte von ihm, die ihn 
zur politischen Thätigkeit heranziehen wollten ; er habe nun 
auch Neigung dazu gehabt, weil er gehofft, sie würden die 
Regierung des Staates, die sie nach der früher immer getadelten 
Epoche ungerechter Verwaltung übernahmen, zur Gerechtigkeit 
führen. Da sie aber durch ihr Benehmen die frühere Zeit als 
eine goldene erscheinen Hessen, so habe er sich von dem öffent- 
lichen Leben abgewendet.**) 

Bei solchen Gesinnungen hätte also Piaton unmöglich den 
Kritias vertheidigen können ; er war auch viel zu gross, um sein 
Urtheil verbergen zu wollen; er konnte aber doch etwa ein 



*) Memorab. I. 2, 12. Koitias fiBv yaQ ratv ev rfj ohya^x^^ Ttavtatv 
TiXeovexTixioraToe rs xni ßiaiorarog tytveTO, 
*») Epist. Z. p. 324 D. 



59 

Jahrzehnt nach dem nicht unehrenhaften Tode des Kritias im 
Bürgerkriege das Bild des Verwandten ausmalen, wie er vor 
der schrecklichen Zeit gewesen und es so der Erinnerung über- 
liefern. Und dies ist nun das Auffallende, dass Piaton es nicht 
überhaupt vermeidet, den Kritias zu erwähnen, sondern ihm 
auch noch in seinen späteren Schriften, im Timäus und im 
Kritias, wegen seiner Verwandtschaft mit Solon als Vermittler 
der ägyptischen Mythen eine nicht unbedeutende, ja eine sehr 
ehrenvolle Rolle in seinen Dialogen zuweist*) und ihn grade 
in seinen frühesten Schriften, im Charmides und Protagoras, 
mit einer gewissen Sorgfalt charakterisirt und hervorhebt. 
Ich erkläre mir das nioht etwa aus der vermeintlichen 
Pflicht, der fingirten Handlung des Dialogs entsprechend 
historisch getreu Alles in seiner Erinnerung Befindliche abzu- 
spiegeln oder aus einer vorgeblichen rein künstlerischen Absicht; 
denn erstens sollen die Dialoge nicht Geschichte, sondern 
philosophische Untersuchungen sein, und es würde, was etwa 
hier Kritias betrifft, kein Mensch den geringsten Anstoss daran 
genommen haben, wenn z. B. im Protagoras die Erwähnung 
des Kritias gänzlich fehlte; denn diese privat-gesellschaftlichen 
kleinen Dinge gehören nicht in die Geschichte, weil durch ihr 
JFehlen oder Hinzukommen an den Ereignissen nichts geändert 
wird. Was aber die Kunst betrifft, so muss man den 
künstlerischen Genius schlecht verstehen, um nicht zu wissen, 
dass der Künstler seine Absichten auf tausend verschiedene 
"Weisen erreichen kann und dass Rafael auch beliebig ein 
J^enster der Stanzen in sein Gemälde einschaltet. Die Kunst 
silso hat die Erwähnung des Kritias nicht herbeigeführt, da ja 
schon die Wahl des Themas selbst ganz freistand und kein 
-Auftrag eines bestimmten Motives vorlag. Mithin bleibt nur 
übrig, dass Piaton persönliche Gründe hatte, um grade dieses 
Thema zu wählen und grade diese Personen auftreten zu lassen. 
TJnd da brauchen wir, glaube ich, eben nicht weiter zu suchen. 
Wenn wir doch wissen, dass er als Verwandter ein Interesse 



*j Dies hat man schon allgemein angemerkt, vergl. Groen van 
Prinsterer Prosop. Plat. p. 139 Contra habetur honorificentissime in 
Timaeo et in Dialogo, qui ipsius inscriptus nomine est. Bahr, Pauly 
Realenc. II p. 761, „die besondere Achtung, in welcher auch bei Piaton 
der geistreiche Mann stand'^. 



60 

daran haben musste, das schnöde Bild, welches Xenophon 
schonungslos ausgemalt hatte, durch eine schöne Erinnerung 
auszulöschen. 

Wie wir sahen, stellt Piaton den Glanz seiner 
Kritiat im „char- Familie Überall dem Leser vor Augen. So muss 

„Prottoortt". ®® ^^ ^^^^ ®^^® Genugthuung sein, im Protagoras 

den Kritias mit dem Bilde des Alkibiades zu ver- 
einigen (p. 316 A und 317 E), da Alkibiades trotz seiner Ver- 
gehungen an dem Athenischen Staate nach des Isokrates TJrtheil*) 
doch eine der herrlichsten Erscheinungen der griechischen Ge- 
schichte blieb. Den Alkibiades stellt Piaton dann als parteiisch 
für Sokrates hin, den Kritias aber als scheinbar gerechter, da 
er im Interesse des gemeinschaftlichen Gesprächs zwischen 
Protagoras und Sokrates vermitteln will und von Prodikos dafür 
gelobt wird, dass er die Gerechtigkeit nicht auf Gleichheit, 
sondern auf den Vorzug des Gelehrteren begründe. Obgleich 
Piaton nun dadurch den Kritias zu den Sophisten schiebt und 
ihm einen gewissen Makel anhängt, so giebt er ihm doch wie 
dem Alkibiades eine gesellschaftlich glänzende Stellung und be- 
handelt ihn jedenfalls mit Auszeichnung. Im Charmides aber 
tritt Kritias als entschiedener Freund des Sokrates auf. Es 
kann natürlich nicht fehlen, dass ihm dieser daselbst nachweist, 
er suche eine Bildung ohne rechte Erkenntniss des Guten und 
Bösen und könne deshalb wahres Glück nicht erreichen; trotz- 
dem aber will Piaton doch das Bild des Kritias in der Er- 
innerung festhalten, wie er in nicht unedler Liebe zu seinem 
Mündel Charmides diesem die treueste Anhänglichkeit an So- 
krates anräth, ja sie ihm mit seiner ganzen Autorität anbefiehlt. 
Es fehlt hier eine directe Bezugnahme auf Xenophon, aber 
es fällt doch, meine ich, in die Augen, dass im Gegensatz zu 
dem Schweinischen (tJtxdv)**), was Xenophon dem Kütias im 
Umgang mit schönen Jünglingen angehängt hatte, hier ein edles 
Verhältniss und eine würdige vormundschaftliche Fürsorge und 
die volle Anerkennung des Sokrates von Seiten des Kritias ver- 
ewigt wird. Ich meine darum zwar nicht, durch diese Parallele 
etwas über die Chronologie beider Schriften beweisen zu können, 



*) Vergl. meine Literar. Fehden S. 121. 
♦*) Memorab. I. 2, 30. 



61 

glaube aber, wenn die Priorität der MeL^orabilien aus den 
anderen Judicien sichergestellt ist, in dieser Behandlung des 
Kritias von Seiten Platon's die passendste Reaction zu sehen, 
die ein Schriftsteller, der die Wahrheit liebt und etwas auf das 
Ansehen seiner Familie giebt, überhaupt an's Licht treten lassen 
konnte. 

§ 5. Charmides bei Xenophon und bei Piaton. 

Xenophon hat in seinen Erinnerungen noch 
einen anderen Verwandten Platon's aufs Tapet piaton's Ver- 
gebracht, den Ohannides. Dieser war ein Sohn *'*"*'*• '*^ 
Glaukon's, des Bruders von Platon's Mutter. Wenn Memoiren, 
nun heutzutage Memoiren herausgegeben werden, 
so erregt natürlich die Erwähnung noch Lebender, oder der 
nächsten Angehörigen von noch lebenden angesehenen Leuten 
immer die grösste Aufmerksamkeit nnd bringt die entsprechenden 
Affecte hervor. Das liegt in der menschlichen Natur und kann 
deshalb zu Platon's Zeit nicht anders gewesen sein. Es ist 
daher gewiss, dass die Veröflfentlichung von Xenophon's Memora- 
bilien für Platon's Familie ein Ereigniss sein musste. Piaton 
selbst kam am Glimpflichsten weg, insofern er so gut wie ganz 
übergangen war, was doch, wie wir sehen, zugleich auch als 
eine Kränkung aufgefasst werden musste. Kritias aber und 
Glaukon, Platon's Bruder, waren, der eine in ein schlimmes, 
der andere in ein lächerliches Licht gestellt und der Oheim 
Platon's, Charmides, auch an der schwachen Seite gepackt und 
ein ganzes Kapitel hindurch besprochen. Dies letztere müssen 
wir nun noch genauer erörtern. 

Die sehr interessante Frage, woher Xenophon alle diese 
vertraulichen Mittheilungen erhalten hat, können wir leider nicht 
beantworten. Denn es ist wohl wenig glaublich, dass Sokrates 
solche beichtväterische Ermahnungen immer, wie bei Kritias, 
den er beleidigen und durch das Urtheil der Gesellschaft zwingen 
wollte, nur in Gegenwart vieler Zeugen {aXhov TtoXXaiv Tcagorvcov 
Mem. I. 2, 30) vorgetragen habe.*) Ich denke mir also, dass 

*) So z. B. sagt Xenophon selbst, dass Sokrates zum Euthydem ab- 
sichtlich allein ging, Mem. IV 2, 8 fiovos ijAd'er eis rb rjvionoieiov. Dies 
ganze lange Gespräch kann also nur von Sokrates wiedererzählt sein. 
Dagegen erwähnt Xenophon, dass er bei einem anderen Gespräch zugegen 
war (IV. 3, 2). 



62 



Xenophon's Erinnerungen zu einem nicht geringen Theile auf 
Sokrates Erzählungen beruhen, der wahrscheinlich nicht immer 
dialogisirte*), sondern lieber frühere Gespräche, die in der 
Erinnerung ästhetisch und logisch schöner und wirksamer aus- 
gewachsen waren, zur Belehrung in zusammenhängendem Vor- 
trage wieder zum Besten gab. Bei solchen Wiedererzählungen 
mag er nicht immer die nöthige Discretion beobachtet und 
daher Manchen beleidigt haben. Es fragt sich aber, ob die 
Veröffentlichung dieser Gespräche durch den Buchhändler in 
seinem Sinne gewesen wäre, und ich möchte eine solche Rück- 
sichtslosigkeit lieber dem Xenophon zuschieben. Man könnte 
freilich meinen, es hiesse den Charakter der damaligen Zeit 
und besonders des demokratischen Athen arg verkennen, wenn 
man den Zeitgenossen Piaton 's so zarte Nerven zuschreiben 
wollte. Diesen Einwand erkenne ich a^ber nicht an; denn die 
Zügellosigkeit der alten Komödie konnten die Athener nicht 
mehr vertragen, und wir sehen auch, wie sowohl Sokrates als 
Piaton sich darüber beschwerten. Ferner sind ja alle Anek- 
doten aus jener Zeit voll von Beispielen, wie auch im Privat- 
leben ein kränkendes Wort oder eine bewiesene Geringschätzung 
sofort zu dauernden Zwistigkeiten führte, wie denn doch auch 
die Hinrichtung des Sokrates auf den Hass zurückgeführt wird, 
den seine kränkenden Worte hervorgerufen hätten. Und endlich 
braucht man nur den Isokrates zu lesen, um sich zu überzeugen, 
wie empfindlich ihn jeder Tadel berührte und mit wie grobem 
Geschütz er darauf antwortete. Ich glaube also, dass man eine 
moralische Empfindlichkeit in modernem Sinne bei den feineren 
Athenern dieser Zeit voraussetzen darf und ganz besonders bei 
Piaton, der 'die persönlichen Beziehungen mit einer so aus- 
nehmenden Zartheit behandelt und dessen feines Gefühl von 
den Biographen als eine besondere Auszeichnung gerühmt vdrd. 

Nun erkennt Xenophon zwar den Oheim Pla-- 
Wie Xenophon ton's, Charmides, als einen bedeutenden (a^ioXoyov) 
"''behSr ^^^^ a^ ^^^ gesteht ihm auch viel grössere Fähig- 
keiten für die Staatsgeschäfte zu, als den damals 



*) aöttinger gelehrte Anzeig. Stück 24. 15. October 1879 S. 1323. 
Chiappelli (La Cultura 1. Decembre 1882 p. 142) stimmt mir in dieser An- 
nahme zu. 



63 

am Ruder befindlichen Staatsmännern, die Art aber, wie er den 
Sokrates ihn wegen seiner Zurückhaltung von der praktischen 
Politik katechisiren lässt, ist doch nur für das Bild eines Knaben 
oder Jünglings passend, dagegen beleidigend für einen so 
bedeutenden Mann, wie er ihn schildert. Oharmides, der als 
einer der zehn Oligarchen im Peiraieus mit Kritias zugleich 
einen ehrenhaften Tod im Kampfe für seine Partei erlitten 
hatte*), musste als „eine edle und von tiefer Weisheitsliebe 
ergriffene'***) Persönlichkeit unfehlbar bei seinen Verwandten 
in hohen Ehren stehen und gehörte sicher in den Schmuckkasten 
der Familienchronik. Xenophon lässt ihm nun von Sokrates 
klar machen, dass er eigentlich „weichlich und feige" wäre, 
wenn er sich vor dem Volke aufzutreten scheue, und dass die 
von ihm angeführte, den Menschen angeborene Schamhaftigkeit 
und Furcht verkehrt wäre; denn er fürchte sich blos, in der 
Volksversammlung ausgelacht zu werden, während er doch vor 
Staatsmännern in Privatgesellschaften ungescheut seine Meinung 
sage, und wenn er meine, das Volk verlache eben vieles Rich- 
tige und Gute, so sei das auch im Privatgespräch der Fall und 
wie er dort Meister würde, müsse er es auch über die Schuster, 
Schmiede und Krämer werden. Er müsse „sich nicht selbst 
verkennen" und deshalb sich den Staatsgeschäften widmen, wozu 
er ausgezeichnet befähigt sei.***) 

Diese Ermahnung ist nun zwar im Ganzen 
schmeichelhaft, weil sie eine sehr gute Meinung WasPiaton 
von den Verdiensten des Oharmides voraussetzt. ***'^*mM^e*"*" 
Trotzdem konnte Piaton und seine Familie unmög- 
lich damit zufrieden sein. Verletzen mussten die der Zurück- 
haltung untergelegten Motive, da Feigheit, Weichlichkeit, Furcht, 
ausgelacht zu werden, und Nichterkenntniss seiner eigenen Kraft 
auf jede Weise schlechte oder untergeordnete Eigenschaften 
sind. Plump war doch auch die Ermahnung; denn ein Jüng- 
ling könnte solche Worte wohl mit Nutzen hören, um sich viel- 
leicht noch auf Volksberedtsamkeit zu legen ; ein ausgezeichneter 
Mann aber, der durch sein Urtheil schon die ep vogue seienden 
Staatsmänner übertrififtf), dürfte doch seine Natur auch besser 

*j Xenoph. Hell. 11 4, 19. 
**) E. Curtius öriech. Gesch. II 789. 
***) Memor. III 7. 
-|*) Memor. HL 7, 1 TtoXXc^ SwanoreQov totv xa nolntxa rore Tioarrov 
Tiov und ebendas. 8. 



64 

verstehen und würde schon wissen, dass ein Metternich auf der 
Bühne Danton's nicht solche Rolle spielen könnte, wie im 
Oabinet. Auch blieb z. B. Isokrates bei seiner Zurückhaltung, 
obgleich er die Memorabilien gelesen, weil seine Natur sich 
durch dies Räsonnement nicht änderte, und auch Piaton ver- 
zichtete auf die Rednerbühne, weil er einsah, dass das Volk 
durch Erregung von Affecten überredet und nicht durch Dialektik 
gefuhrt werden will und dass in dem Meere solcher gährenden 
Stimmung, wie sie der Leidenschaft und den blinden Meinungen 
des Volkes eigen ist, nur eine andere Natur gut schwimmen 
könne, als die seinige, während er sich die Privatunterredung 
mit hervorragenden Männern vorbehielt. Endlich ist das ganze 
Räsonnement auch seicht, weil die dabei massgebenden Ge- 
sichtspunkte nur ganz oberflächlich verstanden sind und sich 
gleich durch ein paar Querfragen verwirren würden. So ist 
das ganze Capitel weder des Sokrates, noch des Charmides 
würdig, was von einem nahen Verwandten des Charmides, der 
sich noch dazu in demselben Falle wie Jener befand, 
gewiss mit aller Stärke gefühlt wurde. Ich verstehe darum das 
Motiv, das Piaton treiben konnte, das Bild seines edlen Oheims 
in ein anderes Licht zu setzen und das Ungenügende des 
Xenophonteischen Sokratismus darzulegen. 

Es ist nun sehr unterhaltend und belehrend, 

Piiton wie Piaton seine Aufgabe löst, und wir werden 

^^^Biid **"* sehen , wie viele neue Aufschlüsse sich ergeben, 

wenn man aus diesem Gesichtspunkte den Dialog 
betrachtet. Denn dass Piaton den Charmides als Jüngling, 
Xenophon ihn als Mann einführt, das hat man schon allgemein 
bemerkt; allein Steinhart und Andere bemühen sich blos, die 
Uebereinstimmung in der beiderseitigen Charakterschilderung 
herauszufinden. [So z. B. auch Schleiermacher, der in der 
Einleitung S. 8 sagt: „Der Charakter des Charmides ist auf- 
fallend derselbe, wie ihn Xenophon darstellt, so dass diese Ver- 
gleichung keine schlechte Bürgschaft ist für die mimische Wahr- 
heit unseres Schriftstellers", ohne sich zu fragen, warum Piaton 
diesen Altersunterschied gewählt und warum er überhaupt einen 
Dialog mit diesem Inhalt geschrieben.] Was aber nach unseren 
Voraussetzungen sofort klar ist, das sagt Piaton noch aus- 
drücklich, nämlich dass das von Xenophon aufgebrachte 



_ 65 

Motiv der Scham oder sittlichen Furcht (alöcog)*) nur 
für einen Jüngling passend und schön sein könne.**) 
Deshalb führt Piaton seinen Oheim in den ganzen Zauber dieser 
jugendlich bescheidenen oder ehrfurchtsvollen Haltung ein und 
stattet ihn zugleich mit allen Gaben der Schönheit und geistigen 
Kraft aus, um die pietätsvolle Haltung und das feine sittliche 
Gefühl des jungen Mannes desto schöner erscheinen zu lassen. 
Piaton verfehlt aber nicht, die nöthige Tapferkeit ***) und auch 
einen kleinen Zug von schalkhaftem Humor dem Charakter bei- 
zumischen, woraus man in seinem Benehmen gegen Kritias er- 
kennen kann, däss aus dem Jüngling ein selbstbewusster Mann 
werden müsse. Alles Verletzende und den Charakter Herab- 
setzende, wie Feigheit und Weichlichkeit, ist also von Piaton 
auf das Sorgialtigste aus dem Bilde entfernt und wir haben den 
reinsten Spiegel sittlicher Jugendschönheit vor Augen. Denn 
er hat auch nicht einen im Winkel erzogenen schüchternen 
jungen Mann gemeint, der bei jeder Anrede erröthet und sich 
in seinen Gedanken verwirrt, sondern er lässt ihn in grosser 
Gesellschaft von Kameraden sicher auftreten, die ihm Alle mit 
einer gewissen Ehrerbietung huldigen, und Piaton kehrt mit 
feiner Ironie das Xenophonteische Bild um ; denn- er giebt der 
edlen Erscheinung des jungen Mannes eine solche Macht, dass 
die anwesenden reifen Männer vielmehr von Furcht und Scheu 
ergriffen werden und dem Sokrates sich die Gedanken verwirren, 
die er bei ihm anbringen wollte. [Wer keinen Sinn für Humor 
und für die Feinheit und Grösse der Platonischen Gesinnung 
hat, der muss wie Athenaeus denken und diese Darstellung 
des Charakters des Sokrates für verleumderisch und für wider- 
sprechend halten. Lib. V 187 E Ttoiel yaQ avrbv (rov ^oKQdrrp^) 
äavfdqxjivcog ttots iiev ayionodtviwvta xai ixedvaY.6i.iBvov xtp tov 
Ttatdog equrti -ml ytvdiievov e^eöqov xat '^aS^dTceq veßqbv vtcO' 
TteTtTümöva Xsovtog aX'^fj, cifia de '/.aracpQOvelv cprfli T^g WQag airov.] 
Aber freilich ist der Pöbel der Volksversammlung nicht in 
Sicht und es handelt sich nur um die aristokratische Gesell- 
schaft von Athen. 



*) Xenoph. liemor. III, 7, 5 aiScae xai <p6ßo€ — aibov/AevoSy (poßov- 
fuvos — 6. cdaxwel 7. SeSicoe. — Piaton. Charmid. p. 160 B. aiaxvvta&ai, 
aiaxwTfiXos, aiScJS. 

**) Charmid. p. 158 C xal ya^ ro aiaxvt'rrjXov avrov ttj r]Xixiq ^nQexpsv. 
***) Ibid. cnm ayswoäs, 

5 



66 

Wir wollen nun weiter sehen, wie die Plumpheit 
xw"phI)nTin ^^^ Seichtigkeit von Xenophon's Charakterisirung 
der Aufffastung durch die Gegenschrift zu Tage tritt. Sokrates Sache 

dM chirmWeV* ^^^ ®^ ^^^^ immer, allen Motiven auf den Grund zu 

kommen und das „was es ist" von jedem Dinge zu 
erforschen. Hier bei Xenophon begnügt er sich aber mit solchen 
beleidigenden Prädicaten, wie feig, weichlich, furchtsam, um des 
Charmides Handlungsweise zu erklären. Wenn damit der Grund 
gefunden sein soll, so mussten diese Eigenschaften in der Natur 
liegen, was er auch seinen Charmides äussern lässt.*) Allein 
in diesem Falle wäre auch das beste Räsonnement darüber 
ebenso überflüssig gewesen, wie der Versuch, einen Neger weiss 
zu waschen. Kam es aber, wie es durch das folgende Räsonnement 
scheint, blos auf richtige Erkenntniss der Welt und seiner selbst 
an, so war Charmides Zustand nicht Feigheit, sondern blos Un- 
wissenheit. Es ist daher einleuchtend, dass uns das Oharmides- 
Capitel des Xenophon über den Grund des Charakters und das 
Wesen des Sache, um die es sich handelt, nicht nur keine Auf- 
klärung giebt, sondern nur durch die sich widersprechenden 
leitenden Gesichtspunkte verwirrt. 

Zweite Correctur Das Erste, was Piaton vornimmt, ist daher, 

piaton'8. durch Zeugniss**) feststellen zu lassen, dass die 
eigenthümlichste und hervorragendste Eigenschaft des jungen 
Charmides die Besonnenheit ((Twqppont'vjj) sei, also keine 
natürliche Furcht und Schwäche, wie bei Xenophon, sondern 
eine Tugend, wie dies ja auch nach seiner Abstanmxung von so 
herrlichen Männern väterlicher und mütterlicher Seite sich wie 
von selbst verstehe. 

§ 6. Platon's Dialog ist eine Recension. 

Um dann den weiteren Gang des Platonischen Dialogs zu 
verstehen, müssen wir Xenophon's Memorabilien vergleichen; 



*) Memorab. III. 7. 5. aiSoi Se xal (poßov , k'tprij ovx o^qg i/Äffvra 
avd'^tmtoig ovra. 

**) Gharmid. p. 157 D bv roivw la&ty ori nleiarov doxst aoHpQoviiirarog 
etvai ToJv vwi. p. 158 D tav fiev yaq firj ^co etvai üwtpqtaVf afta fiiv aronor 
avrov xad' eavrdv roiavra Xiyeiv, atia 8e xnl Kotrlav rovSe ipst^S^ imBeiifO 
xal aXXöve noXXove, oh Boxca elvai acoipQcav. 



67 

^ 

denn obwohl es mir als wahrscheinlich gilt, dass Piaton den 
Elritias zum Q-esprächsgenossen in unserem Dialoge machte, weil 
dieser in seinen sophistischen Schriften sich in ähnlicher Weise 
wie hier bei Piaton geäussert hat, so muss uns doch bei dem 
Verlust seiner Schriften diese Beziehung als eine jetzt un- 
controlirbare zurücktreten gegen den Vergleich mit den 
Memorabilien. Es ist mir aber sehr wahrscheinlich, dass Xeno- 
phon, wie er von Prodikos den Herakles recapitulirte, so auch 
hierin bei Kritias gelernt habe; denn es entspräche ganz der 
Darstellungsweise des Piaton, den Autor an seine Quelle zu er- 
innern, wie er ja auch des Antisthenes ^AXi^eia mit der Prota- 
goreischen recensirte. Jedenfalls finden wir bei Xenophon ge- 
nügende Beziehungspunkte, um darin die Motive für die 
Composition des Platonischen Charmides zu erkennen. Es ist 
überhaupt wunderlich, wie über Platon's Dialoge geurtheilt 
wird. So meint z. B. auch Schleiermacher den Euthyphron 
beinahe für unecht erklären zu müssen, weil dieser Dialog, wie 
er sagt, ein „dialektisches Uebungsstück" enthielte und eine 
„Q-elegenheitsschrift" sei, als wenn Piaton nicht auch genug 
Veranlassung zu dergleichen gehabt haben könnte. Es ist die 
reine Komantik, bei Piaton immer das Ideal der „blauen Blume", 
die zwecklose Poesie einer Kunstschöpfung zu suchen. Piaton 
wollte durchaus einen praktischen Einfluss auf seine Zeit- 
genossen; davon legen alle seine Dialoge Zeugniss ab. Einen 
solchen Einfluss konnte er nur haben, wenn er die herrschenden 
Ansichten zum Gegenstand seiner Untersuchungen machte und 
darin das Wahre und Falsche genau schied und die Abwege 
und den richtigen Weg zeigte. Ganz besonders aber war es 
nothwendig, die Autoritäten, die man bewunderte, denen man 
gläubig Gehör und Herz schenkte und die eine falsche oder 
leere Weisheit verbreiteten, diese niederzuschlagen oder mit 
Ironie ihre Blosse zu zeigen. Darum ist es ganz in der Ordnung, 
dass viele Dialoge Platon's blos kritisch sind, blosse „Recensionen", 
wie wir dies heute nennen. Er brauchte gar nicht nach unserer 
Weise den Titel des recensirten Buches mit Angabe der Seiten- 
zahlen, des Verlags und Datums und dergleichen genau vor- 
zuführen; es genügte, wenn die Leser merkten, wer gemeint sei, 
und wir wissen z. B. durch Isokrates, dass er sich von Piaton 
getroffen fühlte, wie auch Antisthenes und Andere den scharfen 
Stachel der Platonischen Kritik empfunden haben. In diesem 



68 

Sinne wollen wir nun auch hier untersuchen, ob der Charmides 
uns nicht eine Recension des Xenophonteischen Sokratismus 
liefert. Dass bei einer Recension kein positives Resultat ge- 
wonnen zu werden braucht, versteht sich von selbst ; denn welcher 
Recensent hält sich für verpflichtet, an die Stelle der äSif- 
gedeckten Mängel immer eine eigene sachliche Leistung zu 
stiften. Ist es nicht genug, wenn man das Unkraut ausraufl; 
und den Platz frei macht für die gute Saat? Und Piaton that 
sogar mehr, er giebt immer auch schon die Saat; nur zeigt er 
sie noch nicht in den Aehren aufgeschossen oder gar in den 
Scheunen aufgespeichert. Insofern dienen diese kritischen 
Dialoge zur Vorbereitung für die eigenen Arbeiten systematischen 
Charakters. 

Soll von einer Kritik die Rede sein, so müssen 
Zur Methode der natürlich die Lehrmeinungen, welche geprüft werden, 

Untersuchung. . ^ . ^ ^_ , , twt • x 

m dem recensirten Werke vorkommen. Nun weist 
uns der Titel des Dialogs auf das Capitel bei Xenophon hin, 
wo derselbe Charmides sich mit demselben Sokrates unterredet. 
Dort aber werden wir insofern gleich orientirt, als die Spitze 
der Sokratischen Ermahnung bei Xenophon die Selbsterkenntniss 
enthält, die auch die Spitze unseres Platonischen Dialogs bildet. 
Da Piaton diesen Gedanken aber gründlich durchschütteln will, 
weil Xenophon seinen Oheim Charmides glaubte belehren zu müssen, 
so durfte Piaton sich mit dem kleinen Capitel nicht begnügen, 
sondern sah sich genöthigt, auch sonst noch nach der etwaigen 
Weisheit Xenophon's zu suchen, um zu hören, was er etwa von 
dieser Erkenntniss zu sagen wisse. Wir haben deshalb noch 
einige andere Capitel zu Hilfe zu ziehen, um die Anspielungen 
Platon's zu verstehen. Erst wenn hierbei immer das recensirte 
Werk mit den Ausdrücken in der Recension übereinkommt, 
werden wir die Ueberzeugung von dieser literarischen Beziehung 
gewinnen. 

Um nun die Beziehung richtig zu diagnosticiren, 

1. Diagnose wenden wir bei einem Object, das sich gleichsam 

durch Palpation schon durch Tastsinn bestimmen lässt, eine Art 

punicte. Palpation an, d. h. wir befingern die hervorragenden, 

deutlich umschriebenen und ohne viel Verstand 
wahrnehmbaren Theüe des Untersuchungsobjects. Da stossen 
wir sofort bei Xenophon auf vier prominente Ausdrücke. 



69 

Erstens auf die Selbsterkenntniss*); denn sich selber zu er- 
kennen , wird dem Charmides an's Herz gelegt. Also müsste 
diese Selbsterkenntniss auch in Platon's Dialog die Hauptrolle 
spielen ; wenn die Beziehung zutrefifen sollte. Doch schlagen 
wir, ehe wir dies verfolgen, erst noch das vierte Oapitel der 
Memorabilien auf; denn Piaton musste dies ja auch thun, um zu 
erfahren, was Xenophon unter Selbsterkenntniss verstehe. Die 
Palpation macht uns hier nun zweitens gleich die Inschrift 
in Delphi bemerklich**), die also nothwendig bei Piaton auch 
erörtert werden muss, wenn die Diagnose ihre Richtigkeit haben 
soll. Da nun drittens im Oharmides-Capitel gefordert war, man 
solle sich nicht um die Angelegenheiten der anderen 
Menschen bekümmern, sondern sich selber prüfen***), so 
frappirt unseren Tastsinn hier in jenem Capitel die ungewöhnliche 
vierte Aeusserung, die Selbsterkenntniss bestände nicht darin, 
dass man blos seinen eigenen Namen wisse.-}-) 

Diese vier Charaktere genügen für eine exacte Semiotik und 
wir können uns jetzt, mit den nöthigen Gesichtspunkten aus- 
gerüstet, zur Untersuchung von Platon^s Charmides wenden. 
Nun ist die Selbsterkenntniss dort gleich als Spitze des 
ganzen Dialogs in die Augen fallend und dabei steht auch die 
Inschrift in Delphi.ff) 

Da aber Xenophon thörichter Weise die Erkenntniss unserer 
selbst in einen Gegensatz zur Erkenntniss der Handlungs- 
weise der anderen Menschen gestellt hatte, so spielt Piaton 
gleich den obigen Scherz zu Xenophon^s Nachtheil aus, indem 
er alludirend sagt, der besonnene Schreiblehrer müsse doch nicht 
blos seinen eigenen Namen zu schreiben verstehen, sondern 



*) Memorab. III. 7, 9. yirj ayt'osi aeavtop. — ov xgenovrat ini to 
iavravg i^ta^iv. 

**) Ibid. IV. 2, 24, Eis JeX^ovs r/Stj nioTtore a<pixov; ro Fpofd't 

vavtov, 

***) Ibid. III. 6, 9, oi yaQ nokkoi (OQ/nr^xoreG eni io chotieIv t a tcov 
alkafv TtQay fiai a, ov ZfjeTiovrai ini ro eavtovi t^erd^iv. 

-J-) Ibid. IV. 2, 25. cioteQa Sä aoi Soxtl yiyvojaxetv eavTOv, oane rovvofia 
To iavrov fiovov olSev ; 

•J-J-) Platon. Charm. p. 164 D. ro yiyvcaaxeiv eavrop, xa£ ^vfifiQOuai tio 
iv Jelfoig avad'evTi to roidvrov y^amfia. 



70 

auch den seiner Feinde und auch die Namen seiner Freunde.*) 

Um diese scheinbar ungerechte Polemik Pla- 

2. xenophon ^on's ZU verstehen, muss man nun schon mit feinerer 

Selbsterkennt. Methode gleichsam auscultirend und percutirend 

niss, dass man jjei einer anderen Stelle der Memorabilien an- 

sich auf seinen , , ^ vi j n • . j 

Beruf klopfen, WO Xenophon dennirt, dass man weise 

beschranken (ffocpog) sci sofem, als man etwas verstehe {iTtLaTrjfitj). 

Da man aber auch bei Weitem nicht alle 
Diuge verstehen könne, so sei Jeder nur weise in dem 
Geschäft, das er verstehe.**) Das Gute sei aber das Nützliche, 
und das Schöne das Brauchbare, und da Gutes und Schönes 
dem Einen Menschen nützlich, dem Andern schädlich, also nur 
relativ sei***), so müsse dementsprechend nun Jeder sich selbst 
erkennen in der Art, wie man ein Pferd beurtheilt, ob es gehorsam 
oder störrisch, stark oder schwach, schnell oder langsam u. s. w. 
ist. Die Selbsterkenntniss wird hier also ganz praktisch in 
den blos hypothetischen Imperativ gefasst, dass man nur sein 
Werk thun solle, d. h. einem Beruf wähle, der unseren Kräften 
entspricht, damit es Einem gut gehe in der Welt.^) 

Ueber diese unbehilfliche Ausdrucksweise spottet nun Piaton 
und sagt, man dürfe dann nur Schuhe und Kleider für sich 
machen und nicht auch für Andere, um nicht, weil man sich 
sonst auch um anderer Leute Angelegenheiten bekümmerte, für 
unbesonnen oder unweise zu gelten.-}-}*) Das wäre doch also sehr 
einfältig (evi^d-rfi) und sehr räthselhaft (aivLyfm), wenn die 
Besonnenheit darin bestehen sollte. 

Kritias muss nun bei Piaton dem Bäsonnement 

3. Piaton zieht Xenophon's , der es wahrscheinlich dem Elritias 

noch andere entlehnt hat, nachhelfen und zeigen, dass das Werk 

stellen Xeno- i ,-, , « i ^xt • i -r» •■ • 

phon's herbei. oder Geschäft des Weisen oder Besonnenen dann 

bestehe, AUesgutund nützlich {'MxkdigyMl dipeXifiiog) 

*) Charm. p. 161 D. Joxet ovv aoi to avrov ovofia fiovov y^difBiv 
b yQafi/u,ari(Trr]s ««* avayiyvwaxeiv , rj vfiag rove TtatSag SiSdaxeip, ^ ovSev 
rjTTOv ra icov sxd'QOiv ey^dfere rj rd vfiere^ta xai ta totv fiXofv ovofMira; ^H 
ovv inoXvJtQayfioveiTe xal ovx eirmipQ oveXit rovro 8qo^vt€s ; 

**) Memor. IV 6, 7. Jlcjg ydg av T*g, a ye fiti iniarairOf ravra aoipos 

^'(fj . ol ao^oi imaTTjfiT} oo^oi — — Ag ovv SoxeX aoi avd'^fOTttp Swarbv 

elvai rd ovra Ttdvxa iniaraad'ai) — — o dga iTtiararai. ixatFroe, fdvxo 



xai aofposleariv. 



***) Ibid. 8 und 9. 
t) Ibid. IV. 2, 25. 
tt) Charmid. p. 163 C. — 164 C. 



71 

zu thun und nicht Schädliches (ßXaßsQa), Wer gut handelte 
und was nöthig sei (ra diovra), thäte, der wäre weise und thäte 
sein Werk. Dass diese nähere Erklärung nicht Platon's Leistung 
ist, sondern eine Allusion auf Xenophön, lässt sich leicht 
finden; denn dieser zeigt überall, dass man sich selbst erkennt, 
wenn man seine Kräfte richtig beurtheilt und sein Geschäft 
versteht und was nöthig sei {cov diovrai und ra diowa), thäte 
und insofern Gutes zum Erfolge hätte.*) Denn auch den 
Staaten ginge es ebenso; die sich selbst erkannten und ihre 
Kräfte richtig beurtheilten, würden nicht mit Stärkeren anbinden 
und nicht aus Freien zu Sclaven gemacht werden.**) 

Piaton widerlegt diese Auffassungen zunächst nicht sachlich, 
sondern zeigt vorher in einem kurzen und spöttischen dialektischen 
Waffengange, dass der gute Erfolg und ob man nützlich (wq^eUfÄCog) 
oder zum Nachtheil gehandelt habe, nicht nothwendig von der 
Selbsterkenntniss abhänge; denn der Arzt wisse zuweilen selbst 
nicht, wie er gehandelt habe, und es könne doch zum Vortheil 
ausschlagen. Wenn nun dieser gute Erfolg das Zeichen der 
Besonnenheit wäre, andererseits Selbsterkenntniss die Besonnen- 
heit sei, so wäre die Besonnenheit zuweilen keine Besonnenheit, 
so oft nämlich Etwas vortheilhaft ausliefe, ohne dass wir uns 
dabei selbst erkennten.***) Also zeigt sich, dass bei Xenophön 
die Selbsterkenntniss und Besonnenheit ganz irriger Weise an 
den äusseren Vortheil und an den Erfolg von etwas Nützlichem 
gebunden ist. 

Wir wollen den Gegensatz aber noch viel 
schärfer verfolgen. Für Piaton nämlich musste *• b«' xeno- 

^ phon wird das 

Alles darauf ankommen, wie der Begriff des Guten wissen zum 
bei Xenophön verstanden wäre. Hören wir nun ^^'***i ""** ?!" 

^ Gute ttusserlich. 

zuerst Xenophön. Als in dem Euthy dem -Dialog 



*) Memorab. I 2, 50. rove ur} imarafiivovs ra Seovra. 52 rave 
siSoraera Seovra. IV, 2,26. xai a usv inicratnai TtQnrrovree, no^i^ovrai 
re (ov deovraif xai ev Ttgdrtovatv. — xal 8ia^evyov<n ro xaxcos Ttodrxeiv. 
27 ovTB tov Seovrai laaaiVy — -- t(ov tc aya&iov aTtorvyxdt^ovffi xai röie 
xnxois TteQiTtiTttovffiv. Iir, 9, 11. rd Seovra Trgdrrcoffiv. 

**) Ibid. 29. oQqe Si xai rcav TioXeatv oaai dv ayvor^Gaa ai rrjv iavxatv 
Svva/iiv XQeirrafai ytoXefirjaMffiv , ai /liv dvdararoi yiyvovrai,, ai 8e iS 
ilevd'i^iov dovlot, 

***) Charin. p. 164 C. 



72 

der Memorabilien Euthydem bekennt, er sähe jetzt den höchsten 
Werth der Selbsterkennt niss ein, und demgenxäss den So- 
krates bittet, ihm nun auch zu zeigen, womit er die Selbst- 
erkenntniss beginnen müsse; da fängt der Xenophonteische 
Sokrates mit dem Begriff der Güter und üebel an!*) Vor- 
trefflich! Aber wie werden diese verstanden? Es wird gezeigt, 
dass alle sogenannten Güter auch Uebel sein können, z. B. die 
Gesundheit, weil man etwa, wenn man nicht durch Krankheit 
gehindert wäre, einen Eeldzug mitzumachen, dabei umkommen 
könnte. Also wären als Güter zu betrachten die Dinge, welche 
Ursachen von etwas Gutem würden. Dies Gute, was erst heraus- 
kommen soll, ist z. B. hier nun das „am Leben bleiben^ und 
so überall ein sogenanntes äusserliches Gut. Und wenn man 
zu Gunsten Xenophon's gemeint hatte, er würde hier den 
Unterschied der äusseren von den inneren Gütern erklären und 
das an sich Gute von dem zufälligen unterscheiden, so sieht 
man sich so sehr getäuscht, dass man sogar weiter lesend von ihm 
gezwungen werden soll, einzugestehen, die Weisheit selbst 
sei ebensowohl ein zweifelhaftes Gut, wie die anderen, da 
ja z. B. Dädalus um ihretwillen von Minos gefangen gehalten 
und Palamedes ebenso um seiner Weisheit willen von dem neidischen 
Odysseus umgebracht wurde.**) So kommt Xenophon zu der 
Cirkelerklärung ; gut ist nur, was die Ursache von etwas Gutem 
wird.***) Das Gute ist also zum Nützlichen geworden und das 
Wissen zum Mittel. Deshalb citirt er den Spruch des He- 
siodus: „Kein Werk ist Schande; nicht zu arbeiten aber ist 
Schande.'* Man solle etwas Gutes oder Nützliches wirken 
{ßoyatßa&at), dann sei man ein guter Arbeiter.^) Dass Xeno- 
phon dies ganz so im Sinne des Utilitarismus meint, sieht man 
an einer anderen Stelle, wo er die hübsche Geschichte von 



*) Memorab. IV. 2, 30 ff. ojs Ttdw fioi SoxeX negl noXkov noifjxiov 
slvai TO eavrov yiyvco<fxei.v , ovrcog Xad'i' xtA. 

**) Memor. IV. 2, 33. ^AXX rj ye rot ao^ia avau^iffßrjr'^Tios aya- 
&6v iffriv; x. r. X. 

***) Ibid. 32. orav fiiv aynd' ov rivoe airia yiyt^rjrai, ayad'a av «iiy, 
orav 8e xaxov xaxd. 

•i*) Ibid. I. 2, 56. \Hai6Bov fiev rb: "Eqyov S' ov8iv ovetSosi asgysiti 8d 
T oveiSog. 57. rois fiev ayad'ov ri noiovvtag i^yd^ead' tt£ re i'ffj 
xai i^ydrae aya&ovg elvai. 



73 

Aristarch erzählt, der seine armen Verwandten bei sich auf- 
nimmt und sie zur Arbeit am Webstuhl nöthigt.*) 
Piaton spielt nun in de^ Bede des Kritias 
wörtlich auf diese Aeusserungen Xenophon's an, piaton's Kritik, 
citirt dieselbe Stelle des Hesiodus: kein Werk 
(eoyov) sei Schande, erörtert ebenfalls den Begriff des Arbeitens 
{eQydKeaS'ai)**)y und lässt den Kritias ebenso die Besonnen- 
heit (awq)Qoavvi]) bestimmen, dass sie Handlung von etwas 
Gutem und Nützlichem wäre.***) Nun ist aber klar, dass, wenn 
das Handeln und Wirken des Guten zum Zweck gemacht 
wird, das Wissen, welches doch die Besonnenheit und die Tugend 
sein soU, nur als Mittel erscheint, f) Dies lässt er den Kritias 
selbst sehr geistreich damit andeuten, dass der Delphische 
Spruch missverstanden sei, wenn man ihn als einen hypothetischen 
Befehl auffasse, als solle mandemgemäss etwas Anderes noch 
thun. So sei er von Denen missverstanden, die spätere In- 
schriften machten, wie „Nichts zu sehr" und „Bürgen bringt 
Verderben"; denn solche nützliche Rathschlägeff) zielten 
auf etwas Aeusserliches, während Kritias die Selbsterkenntniss 
wie das „Freue Dich" (xal^c) als Selbstzweck anerkannt 
ivissen wolle. Und hierauf muss ja der Charmides Platon's 
herauskommen, wenn er eine Recension von Xenophon's Memo- 
rabilien ist, dass nämlich Xenophon zum Guten rathen wolle 
und von Besonnenheit, Wissen, Selbsterkenntniss und Tugend 
spreche und doch nirgends sage, was das Gute eigentlich sei, 
da seine Besonnenheit oder Weisheit nicht Zweck, d. h. nicht 
das Gute sei, sondern zuweilen als ein üebel erscheine. Mithin 
muss der Charmides resultatlos verlaufen, weil er blos zeigen 
soll, dass Xenophon uns nichts zu lehren wisse, obgleich er 
Platon's Verwandten den Kopf zurechtzusetzen unternehme. 



*) Ibid. II. 7, 8 ff. 
*♦) Plat. Charm. p. 163 B. 
***) Ibid. p. 163. Jü Tr]v io)v ayad'mv n^a^iv aco^Qoavvrjv elvai. 
'Y) Ueberall so bei Xenophon, z. B. Memor. IV 1, 4. muSev&ePTtte 
fUv Ktd fia&ovrae, « Sei n^drreiv, rtpiffrovg re xai at^ehficardrovg yiyvsa&ai' 
nXeiara yoLQ xai fidyiora nya&a iQydt^sa d'ai. Immer also liegt das Gute 
auswärts in gewissen materiellen Veränderungen, die sie durch ihre Arbeit 
hervorbringen. Nichts hat einen "Werth an sich. 
^) Ibid. p. 16Ö. üvfißovlas /^cr^^cws, 



74 



Die letzte Betrachtung Platon's geht darauf 

5. Die unfehi. au8, dialektisch die Inhaltslosigkeit und Nutzlosig- 

xenophon. ^®^* ^®'* angeblichen Selbsterkenntniss Xenophon's 

nachzuweisen. Xenopfion forderte nämlich für die 

Selbsterkenntniss eine Diagnose (diaytyycJoxottriy) der Kraft 

(dvva^cg), die ein Jeder habe, und verlangte, Jeder solle nur 

thun, wozu er die Kraft habe; was er aber nicht vermöge, 

davon solle er abstehen. Dann würde eine Unfehlbarkeit 

(äva^iaQTtjTOL) in unseren Handlungen stattfinden, es würde uns 

wohlgehen, und wir könnten demgemäss auch die anderen 

Menschen in derselben Weise beurtheilen.*) 

Piaton führt dies nun Alles fast wörtlich an. 

piaton repro- Wenn der Besonnene wüsste , sagt er , was er 

ducirt diM, um weiss Und zwar, dass er Dieses weiss und Jenes 

es zu wider- • i • -i 

legen. nicht weiss, Und ebenso auch die anderen 

Menschen beurtheilen könnte, so wäre es ja 
sehr nützlich, besonnen zu sein; denn dann würde man nur 
thun, was man verstände ; was man aber nicht verstünde, davon 
würde man abstehen und es Anderen überlassen und so würde 
man unfehlbar {avaixaqi:r{coi) sein und es würde uns wohl gehen, 
d. h. wir würden glückselig sein.**) 

Ich glaube kaum, dass man irgendwo im 
6. piaton»8 Alterthum eine Recension finden wird, in welcher 

Stellung zu ' 

xenophon. genauer und präciser der Wortlaut und Gedanken- 
gang des zu recensirenden Autors wiederholt würde. 



*) Memorab. IV. 2, 25 if. bnoiog büti nqhs rip^ av&^amivrjv X9^^*^y 
iyvcaxe rrjv avrav 8vva/uv. — o /irj eiSofS rijv eavrav BvvafnVy ayvoeXv eavrov. 
— 26 xcd Siaytyvcaax ovaiv a re Svvavrai xod a firj' X€u a ftiv iniarav' 
rai n^rrovreg, Tto^i^ovre's re ofv Siovxai , xai ev TtQoirrovaiv ' eov 8i fAtj 
iTtiaravrai anexofisvoi, ava fid Qrrjroi, yiyvovrat xcd Biafpsvyovffi ro xaxcie 
TtQaTTeiv. 8ia rcivro Bexal rova aXXovs avd'Qtonovs BwdfAevoi. BoxifAdtfiiv 
X. r. X 

**) Plat. Charin. p. 171 D. ei fiiv rjSei b atotpQtav a re ^Sei xai a firj 
Xi^eiy T« fJiev OTi ol8e, t« ^ ori ovx olScy xai akXov ravTOV rdvro iincxsxpaird'at, oioe 
re Tjv, fisyaXaxfri av rjfiiv d}^ihfiov TjV atotpQoaiv etvai' avafA d^xfjr Oi yaQ av 
rov ßiov it/offiev — ovre yaQ ap avroi tTtexetQOVfuv nQdxTBiv a firi imatdftßd'af 
akX i^evQiaxovreg rovs ijiKfrafievovs exeivotg av na^eSiSofiev. — — dv Trdffrj 
n^diet xakats nQdrreiv avayxaiov rovs (wrat Siaxei/iepovei rove Si ev ngdtTOv- 
ras evSai/Liovae elvai. p. 172 D noch einmal ei ixaarot tjfiofVy a fuev Xcaci, 
Tt^drrouv ravra, a 8e ftij eTtiffraivro, dXXois Tta^aStSoUv roXs eTfurra/Aevoie. 



76 

Deshalb kann ich nicht umhin, die auffallend umständlichen 
Erklärungen, die Piaton über den kritischen Charakter seines 
Dialogs giebt, als berechnet für einen lebenden Autor zu ver- 
stehen und auf den Xenophon zu beziehen. Ejritias sagt, 
Sokrates sei ja ganz gewiss mit ihm einverstanden und wolle 
nur auf seine Gedanken nicht eingehen, sondern strebe blos 
darnach, ihn zu widerlegen. Sokrates aber weist dies zurück 
und sagt, er widerlege ihn nur um der Wahrheit willen und 
wollte ebenso gern selbst widerlegt werden , wenn er etwas 
Falsches behauptet hätte; es sei aber die Wahrheit für alle 
Menschen ein gemeinschaftliches Gut.*) Dass dies ganz vor- 
züglich auf das Verhältniss von Piaton und Xenophon passt, 
ist klar, da dieser ja die Sokratischen Lehren vorträgt, die 
Piaton auch anerkennt. In der That lehrt Plat'on dem 
Wortlaut nach s el b st alle dies eXenophont eischen Sätze, 
die. er hier im Charmides widerlegt; mithin dreht es sich 
nur um eine tiefere Auslegung durch eine wissenschaftlichere 
Unterscheidung der Begriffe. Dabei ergiebt sich dann freilich, 
dass Xenophon's Sokratismus nicht blos vor einer schärferen 
Dialektik als einfältig erscheint, sondern auch, dass Xenophon 
wegen seiner geringen moralischen und religiösen Tiefe und 
wegen der mangelhaften Kraft der Speculation den Begriff des 
Guten an die äusseren Güter, die den Bedürfnissen des ma- 
teriellen Lebens genügen sollen, weggeworfen, den eigentlichen 
Werth der Philosophie verleugnet und das Wesen des Guten 
nicht einmal geahnt hat. 

§ 7. Die alte und die neue Auffassung von Platon's 
Persönlichkeit und Schriftstellerei. 

Die im vorigen Paragraphen nachgewiesene polemische Be- 
ziehung des Charmides auf die Memorabilien giebt mir die Ge- 
legenheit, die herkömmliche Auffassung von Platon's Persönlichkeit 
und Schriftstellerei etwas umständlicher zu erörtern und ihr eine 
neue und richtigere gegenüberzustellen, die ihre Wurzel in dem 
Bedürfniss grösserer Anschaulichkeit für die Erkenntniss des 
Blstorischen und in einer perspectivischen Betrachtungsweise 
der menschlichen Dinge hat. 



*) Charm. p. 165 ß und 166 C. und D. 



76 



Zu diesem Zwecke gehen wir nun zunächst 

piaton's ueber- wieder auf den Inhalt des vorigen Paragraphen 

froher zurück. Wenn man nämlich den trockenen Ernst 

herrschende und das beträchtliche Selbstbewusstsein des durch 

* **getikl** *" praktische Thätigkeit zu Bedeutung gekommenen 

Xenophon in's Auge fasst, so muss uns der Ueber- 
muth auffallen, mit dem Piaton ihn behandelt, und wir müssen 
fordern, dass Piaton selbst ein Bewusstsein davon gehabt habe, 
wie tibermüthig er mit ihm umgesprungen sei. Man stelle sich 
nur deutlich vor, wie Piaton mit unbarmherziger Logik nach- 
weist, dass die von Xenophon als das Wichtigste im Leben hin- 
gestellte Selbsterkenntniss als Wissen von dem, was wir wissen 
und nicht wissen, unmöglich sei, da ja immer nur der Fach- 
mann sein Fach versteht und also, da Niemand alle Fächer be- 
herrsche, auch jenes allgemeine Wissen vom Wissen und Nicht- 
Wissen uns nicht in Bezug auf irgend einen bestimmten Gegenstand 
zu sagen vermöge, ob man denselben verstehe oder nicht.*) 



*) Ich habe hier den Beweis in aller Kürze recapitulirt, möchte aber 
noch erwähnen, dass auch in diesem Abschnitte sich einige termini finden, 
die durch die Memorabilien veranlasst sein können, obgleich ich nicht 
leugnen würde, dass der übereinstimmende Gebrauch bei Xenophon und 
Piaton auch zufällig sein könnte, wenn nicht schon der Beweis erbracht 
wäre, dass Piaton bei der Abfassung des Charmides die Memorabilien vor 
Augen hatte. Unter dieser Voraussetzung aber verräth uns der gleiche 
Ausdruck bei ähnlichen Gedanken entweder, dass die Ideenassociation an 
die Erinnerung der Leetüre anknüpfte, oder dass Piaton alludirend und 
also absichtlich denselben Ausdruck brauchte. 

1. Xenophon braucht für die Selbsterkenntniss und Beurtheilung 
Anderer die Ausdrücke eavrov iTiiaxsyjdfievos (IV. 2, 25) und Siayiy]- 
vatüxovaiv are Svvarrai xaia firj (ibid. 26) und Piaton ebenso bei derselben 
Gelegenheit äTtiffxeyjaffd'ai olos re r]v (p. 171 D) und rov (oq aXrjd'ms iaxQov 
Siayvcoaea&at xal rov fii^ (p. 170 E). Ein solches Zusammentreffen der 
Ansdrucksweise ist auffallend genug, um einen Einfluss der Erinnerung auf 
den die Worte treibenden Strom der Ideenassociation anzunehmen. 

2. Für die Philosophie von Wichtigkeit ist aber der terminus Svvafus, 
der hier eine ganz hervorragende Bolle spielt. Xenophon verlangt zur 
Selbsterkenntniss (IV. 2, 25), dass man seine Kraft für den menschlichen 
Nutzen erforschen solle: rrjv avroiv dvvafiiv tzqos xr^v avd'Qtonivrjv XQ^^^'*'. 
Und so solle man auch bei jedem besonderen Geschäft die Relation der 

Kraft zu dem Geschäft prüfen ri^v eavrov Svvafiiv xai Stayiyvw- 

üxovaiv, a re Svvavrai xai a fir] und so noch an anderen Stellen. Auf 
diesem Begriff der Svvafiis ruht nun eigentlich die ganze 



77 

„Recht übermüthig", sagt Piaton daher selbst, „sei uns also 
die Besonnenheit (des Xenophon) als ein ganz unnützes 
Ding herausgekommen."**) Es ist mir daher sehr begreiflich, 
dass man im Alterthum dem Piaton Neid oder Eifersucht in 



speculative Leistung des Platonischen Dialogs. Piaton zeigt 
nämlich p. 168 B, dass jede Kraft bezüglich sei: kxsi h imarrifirj nva 
xoutvrrjv Bvvafnr oiffre rivog slvat und inducirt an vielen Beispielen, dass 
das Object der Kraft immer anders sei, als das Subject. Die Frage ist 
nun, ob es nicht auch eine Kraft geben könne, die auf sich selbst gehe, 
d. h. deren Object mit dem Subject gleich wäre: o n neo av rr/r iavTciv 
Svvafiiv TiQos iairro i'XTj^ ov xai iiceivrjv l'^ei ri^v ovaiav, Tt^osfjVf] Svvafiis 
avrov fjv; Diese Frage war Xenophon bei seiner praktischen Richtung 
natürlich gar nicht eingefallen und er hatte auch bei der Hervorhebung 
der Relation der Kraft an diese speculativen Consequenzen nicht ge- 
dacht. Deshalb gerade kann ihm Piaton zeigen, dass seine co>tpQoavvri kein 
Object hat und unnütz ist, weil sie nichts Sachliches versteht. Piaton 
aber wirft für seine eigene Speculation die Frage auf, die ihm bei dieser 
Xritik des Xenophon entstehen musste und die von unendlicher Bedeutung 
für das ganze System ist p. 169 A: noreoov ovBev rcöv ovtcov rriv avrov 
Sv'yafiiv avro Ttqos eavro netpvxBv k'^eiv. Auch hier ist also, wie mir scheint, 
die Allusion auf Xenophon's Gedankengang und Ausdrucksweise ganz 
evident und zugleich schauen wir dadurch gewissermassen in die Werkstatt 
der Platonischen Arbeit hinein und sehen, wie ihm die Gedanken an- 
ecliiessen und sich in bestimmten Wegen entfalten. Denn Xenophon hebt 
clie Kelation ganz arglos hervor, indem er nur dem Genius der Sprache 
folgt und die Präposition n^os (wie das n^os n = Relation bei Aristoteles) 
xind das Object zu dem Verbum SvvacS'ai (« rs 8vvavrai xcd a firj) ohne 
^weitere Absicht verwendet. Für Piaton aber als speculativen Kopf musste 
^arin ein Anstoss zum Nachdenken liegen, der ihn gleich zu der Frage 
"trieb, ob das Object einer Kraft immer von derselben verschieden sei oder 
ob auch ein Subject-Object gedacht werden könne. Die Rolle, welche 
^ie 8vvafitg spielt, können wir dann im Staat p. 477. weiter verfolgen : 
^^aofisv Svvdfisig slvai yepog ri twv ovtcov, als Srj xai rjfielg Swdfisd'a a 
^wdfjied'a xai dXXo ndv o ri neq av Svvrjrai, olov Xeyta oxpiv xai axorjv 
Tofv 8wdfie(ov slvat. Es sind dies gleich dieselben Beispiele, die er schon 
im Charmides brauchte. Dieser Begriff der Relation führt dann weiter 
zu der Bestimmung der TtaQaxXrjrixd und iyeQrixa ttjs vorjaecogj die Piaton 
im Staate p. 524 D ausführt. Die speculative Bedeutung des hier im 
Charmides aufgeworfenen Problems aber kommt erst im Parmenides zur 
vollen dialektischen Entfaltung p. 133 1^ ov xd iv rifilv n^bg ixelva rrjv 
Svva/tiiv IJffi« ovSi ixslva n^bg rjfidg , dXk' alnd avratv xai n^bg avrd 
ixsh^a iaxiv, 

**) Charmid. p. 175 D coare o rifielg ndXai ^t^oftoXoydvvree xai ^finkdriov- 
T«c ixiS'i^d'a aotxp^ffvvriv elvat, rcnnro rjfuv Ttdrr vßQiorixaßg avcötpeXeg ov 
anB<p€uve, 



78 

Bezug auf Xenophon vorgeworfen hat, nicht zwar, wie man 
meinte, wegen seines Beinamens der Attischen Muse*), wohl 
aher, weil Piaton, was man noch immer seltsam übersieht, gar 
keinen von ihm abweichenden philosophischen Denker neben 
sich dulden konnte und durfte. Steinhart, mit dem Viele sym- 
pathisiren, meinte vor 1 1 Jahren in seinem Leben Platon's S. 95 : 
„das auf so losem Grunde ruhende Vorurtheil von einer per- 
sönlichen Feindschaft der beiden grossen Männer wird gegen- 
wärtig wohl Niemand wieder aufnehmen wollen, nachdem Böckh 
bereits vor 60 Jahren die Nichtigkeit jener vermeintlichen Beweise 
auf das Ueberzeugendste dargethan hat" **), und in Bezug auf das 
Verhältniss Platon's zu Aristipp und Antisthenes sagt er: „Alles, 
was müssige Literarhistoriker oder neidische Verkleinerer des 
Philosophen über feindliche Berührungen mit ihnen erzählt haben, 
ist loses, unverbürgtes Geschwätz oder unberechtigte Folgerung." 
Solche Aeusserungen sind gut gemeint, so scheltend sie auch 
klingen; denn Steinhart glaubte in dem Streite der Philosophen 
etwas moralisch Verwerfliches zu finden, wovon er Piaton gern 
reinigen möchte. Da er nicht selbst Philosoph war, so scheint 
er geglaubt zu haben, dass die Philosophen sich ebensowenig zu 
bekämpfen brauchten, wie etwa ein Maler einen Bildhauer oder 
einen Musiker und umgekehrt. Darin liegt nun freilich eine 
starke Naivetät; denn wer so etwas wie Steinhart sagt und 
glaubt, der hat keine Ahnung von der Aufgabe der Wissenschaft 
und dem Werthe der Wahrheit. Die Wissenschaft kennt nur 
Eine Wahrheit und die Wahrheit ist eifersüchtig, wie Jehova 



*) Diog. Laert. II. 57 ixaleiro 8e xal ^Arrtinj fiavaa od'ev xal n^s 
aXXtjXovg ^7]XoTV7t(OG elxov avroe re (Xenophon) xai nXdrcor. 

**) Ich habe im Obigen keinen einzigen Grund angeführt, den Böckh 
schon geahnt, geschweige berücksichtigt und widerlegt hätte. Es ist hier 
vielmehr völlig terra virgo und ich wundere mich nur, dass der scharf- 
sinnige Schleiermacher, der schon auf der Spur war, die Beziehung 
nicht fand. Er sagt in der Einleitung S. 7, indem er auf „die Leichtigkeit" 
hinweist, „mit der die Erklärung wieder aufgegeben werde", und auf „den 
spöttischen Nachdruck", mit dem auf den Urheber der Erklärung hin- 
gedeutet wird, dass „hier eine besondere Anspielung verborgen 
sein muss". Obgleich Schleiermacher auch schon an die Möglichkeit einer 
„apologetischen Absicht" den Kritias betreffend denkt, so merkt er doch 
nicht die Polemik des Platonischen Oharmides-Dialogs gegen den Gharmides- 
Dialog in den Memorabilien. 



79 

ein eifiiger Gott ist und Niemand neben sich duldet. Je mehr 
ein Gelehrter von der Wahrheit seiner Erkenntniss überzeugt 
ist, desto weniger kann er zugeben, dass sich falsche Lehren neben 
ihm ungerügt verbreiten. Energie und auch Leidenschaftlichkeit 
des Streites ist dabei, wenn die Charaktere kräftig sind, un- 
vermeidlich und Piaton konnte selbst die Attische Muse nicht 
verschonen, sondern musste die schönen Blumen, die in den 
Sokratischen Erinnerungen prangten, erbarmungslos als Unkraut 
ausraufen. Diese Energie war geboren aus seiner tiefen Liebe 
zur Wahrheit und ,dem Gefühl unerschütterlicher Ueberzeugung 
und Kraft. Mich wundert auch, dass die Geschichte der Philo- 
sophie dem Steinhart und Anderen, die dasselbe Lied pfeifen, 
nicht schon gelehrt hatte, dass alle „die grossen Männer^' in 
solchen Streit verwickelt waren und dabei zuweilen recht grob 
wurden.*) Man thut daher dem Piaton gar keinen Dienst, wenn 
man ihn* von aller Keibung mit den Gegensätzen der Zeit be- 
freien will; vielmehr muss man es verstehen, weswegen ihn die 
Gegner für neidisch und übelwollend erklärten und ihm einen 
Schlechten Charakter zuschrieben. Hätte er sie nicht mit Ruthen 
aus dem Tempel der Wahrheit gejagt, wo sie ihren kleinen Ver- 
dienst suchten, so wären sie nicht so böse geworden.**) Ich 
glaube darum gerade, dass sich uns jetzt die Platonischen Dialöge 
nocli von einer neuen Seite aufschliessen werden, wenn wir die 
ausnehmende Feinheit der Polemik studiren, die Piaton überall 
offenbart. B^raft der Polemik und rücksichtsloser Bezeichnung 
des Fehlers und Hervorhebung der Wichtigkeit der theoretischen 
und praktischen Oonsequenzen desselben findet man zwar überall, 
zugleich aber doch eine solche Anmuth in der Debatte, dass 
dem Leser wenigstens der gute Humor niemals ausgeht, wenn 
auch der bekämpfte Gegner wohl leicht das übermüthige Spiel***), 
das mit ihm getrieben wurde und das sich in dem Gefühle Platon's 
selber kundgab, herausmerken und darüber in Harnisch gerathen 
musste. 



*) Z. B. wirft Hegel dem grossen Theologen Schleiermacher vor, die 
Religion für etwas Thierisches zu halten, da wir das Gefühl ja mit den 
Thieren gemein hätten. 

'^*J Athenaeus 11 p. 507 b. tSoxei ya^ Ilkdrcov fd'ovsQog elvai xai xara 
To f^d'os ovSafMJe evBoxigjLsiv. 

♦**) ndw vß^KTTtxws. Vergl. oben S. 77, Anmerk. 2. 



80 



Die Auffassung der Platonischen Dialoge als 
comXtor* Streitschriften im Gegensatz gegen die früher 
herrschende Komantik einer blos künstlerischen 
Auffassung giebt nach vielen Seiten ein neues Licht und erhellt 
dadurch manche dunkle Punkte, die früher ganz unbegreiflich 
schienen. So sagt z. B. Steinhart: „Den Gipfel des Unsinns 
aber erreicht die Verdächtigung, dass Piaton in seinen Dialogen 
auch Antisthenes und Aristippos geplündert habe, während doch 
Aristippos gewiss, Antisthenes wahrscheinlich gar keine Schriften 
hinterlassen haben."*) Aehnlich sagt er in Bezug auf die 
anderen Anklagen des Theopompos und Hegesandros, betreffend 
das unfreundliche Verhältniss, das Piaton zu den Schülern des 
Sokrates gehabt habe: „Gewiss wird solchen Albernheiten gegen- 
über Niemand eine Ehrenrettung Platon's für nöthig halten; 
denn sollte uns etwa Jemand mit den Gemeinplätzen kommen, 
dass doch so allgemein verbreiteten Sagen immer ein Körnchen 
Wahrheit zu Grunde liege"**) u. s. w. Ich sehe aus diesen 
Aeusserungen Steinhartes und den ähnlichen bei anderen Freunden 
Platon's nur dies, dass sie keine hinreichende Auffassung von 
der ganzen Sehriftstellerei Platon's besassen und deshalb zu 
der richtigen Deutung dieser Verleumdungen nicht befähigt 
waren; denn es widerspricht doch allen Grundsätzen gesunder 
Interpretation und Kritik, wenn man glaubt, die Motive der 
Verleumdungen für unerklärlich halten zu dürfen. Meine Auf- 
fassung der Platonischen Dialoge als Streitschriften macht die 
Lösung des Räthsels ganz leicht ; denn wie z. B. dem Charmides 
die Memorabilien Xenophon's zu Grunde liegen, die darin 
recapitulirt und recensirt werden, so bückte Piaton mit ausführ- 
licher Berücksichtigung auf die Schriften von Antisthenes und 
Aristippos hin, um andere Dialoge abzufassen. Das Verleum- 
derische liegt deshalb blos in der Bezeichnung solcher Bezug- 
nahme als Oompilation ; das Verhältniss ist aber durchaus richtig 
angegeben. Denn obgleich Piaton Genie genug besass, um 
seine Dialoge ganz aus eigenem Füllhorn zu bestreiten, so 
müsste man doch nicht scharf sehen können, wenn man nicht 



*) Platon's Leben 8. 104. Dies bezieht sich auf Athenaeas 11, 606, 
d., der nach Theopomp behauptet: aXXoxQiovs 8a rovg nXeiovs (rcüv ha* 
?,.6ya)v avrdv), orrae ix tmv ^AQi<fri7tnov SiarQißoJv, iviovi 8e xax tatv 'AmC' 
d'ivoviy noXkovs Se xax rmv B^acovos tov H^axXecorov. 
♦*) Vergl. Platon's Leben S. 105. 



81 

bemerkte, dass die Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks, die Selt- 
samkeit gewisser Wendungen und oft auch die Künstlichkeit 
der Beweisführung auf andere Autoren hindeuten, deren An- 
sehen und Lehren ihn entiüsteten und deren Gedankengänge 
zu den oft so verschlungenen Wegen der Dialektik und zum 
Gebrauch ihm selbst ungewöhnlicher Gedankenbezeichnung 
nöthigten. Wir denken natürlich nicht an eine Compilation in 
der Art des Chrysippos und auch nicht an eine Citation 
mit Herübernahme ganzer Perioden, wie sie nur gelegentlich 
bei der Anführung von Dichterstellen oder bei der Liebesrede 
des Lysias nothwendig war; aber wir müssen doch festhalten 
dass sein Gedankengang durch bestimmte vor ihm 
liegende Schriften veranlasst wurde, dass man nur aus 
seiner kritischen Stimmung das Motiv, die Form und die Com- 
position vieler Dialoge versteht und dass damit auch die ver- 
leumderische Beschuldigung der Compilation ihre Erklärung 
und Abweisung findet. 

Platon zerkratzt als Krihe dem Sokrates das Haupt. 

Wenn man die ürtheile, die über berühmte 
IWänner und Werke von Zeitgenossen und auch Perspectivische 
späteren Kritikern abgegeben werden, vergleicht, weise, 

so ist man oft betroffen von der wunderbaren Ver- 
schiedenheit, ja dem völligen Widerspruch. Leichte Naturen 
liommen dadurch gewöhnlich zu einem Skepticismus und verzweifeln 
^u aller Wahrheit. Allein wenn man besonnen ist, erkennt man 
^och, dass gerade umgekehrt nichts wunderbarer und unbegreif- 
Xicher sein müsste, als eine Uebereinstimmung aller Menschen 
in der Kritik. Man vergisst die Nothwendigkeit einer perspec- 
"tiivischen Auffassung, welche als die natürlichste immer zuerst 
^u erwarten ist. Jeder Mensch ist ja durch seine Geburt und 
^eine Verhältnisse und dann auch durch seine Neigungen, Be- 
gabung und Willen in eine ganz bestimmte Beziehung zu allen 
tibrigen gestellt und muss die Dinge demgemäss anders ansehen, 
als die Anderen, welche durch ihre verschiedene Lebenslage ein 
anderes perspectivisches Bild der Welt empfangen.*) Wie soll 
man sich also wundem, wenn der Eine lobt, was der Andere 



*) Vergl. meine „WirkL u. scheinbare Welt. Neue Grundlegung der 
Metaphysik« (Koebner, Breslau) 1882 S. 183 ff. 

6 



82 

tadelt; wenn dieselbe Person geliebt und gehasst, dasselbe Werk 
gepriesen und bespöttelt wird! Das ist vielmehr ganz in der 
Ordnung und umgekehrt müssen wir es für ausserordentlich und 
über das blos Menschliche hinausschreitend betrachten, wenn es 
der Wissenschaft gelingt, sich über diese Widersprüche dadurch 
zu erheben, dass man die Nothwendigkeit der perspectivischen 
Auffassung erklärt und die Wahrheit gerade dadurch als mit 
sich einstimmig feststellt, dass man ihre widersprechende Dar- 
stellung aus den Gesetzen der moralischen und psychologischen 
Perspective ableitet. 

Wenn wir diese Betrachtungen auf Piaton anwenden, so 
müssen uns diejenigen Piatonforscher als mangelhaft erscheinen, 
welche auch nur den kleinsten Zug der Satire und des Klatsches 
über ihn mit Entrüstung wegwerfen und ihn nicht als Ortszeichen 
für eine perspectivische Construction der Wahrheit zu verwerthen 
wissen. Vielmehr muss uns auch das böswilligste Zeugniss aus 
dem Alterthum willkommen sein, wie der Physiker nicht etwa 
die Fratze des Hohl- und Kugelspiegels als nicht zu beachtendes 
und unwahres Bild verwirft und von seiner Betrachtung aus- 
schliesst, sondern es mit gleicher Sorgfalt und Wissenschaftlichkeit 
nach optischen Gesetzen erklärt. 

Demgemäss schätze ich den Anecdotenkram aus dem Alter- 
thum und freue mich an der albernen ürtheilslosigkeit des 
Laertiers und des Athenäus, durch welche uns so viele feine Be- 
ziehungen der Persönlichkeiten allein offenbar werden konnten. 
Denn die grossen und in die Augen fallenden perspectivischen 
Verschiebungen des Urtheils konnten ja auch nur dem Blödesten 
entgehen. Es kann aber nicht schaden, auch diese noch einmal 
kräftig herauszukehren. Wer weiss z. B. nicht, mit welcher 
allgemeinen Entrüstung der Name der dreissig Tyrannen ge- 
nannt wird, wie ihre Habgier, um derentwillen sie unschuldige, 
aber reiche Männer abschlachteten, und ihre gewissenlose Grausam- - 
keit gerichtet, ihre ganze verrätherische Politik gegeisselt und - 
an den Pranger gestellt wird! Und diese selbigen Männer und 
Andere ihres Schlages werden von Piaton in den freundlichsten 
Bildern als anmuthige Naturen mit dem Zauber seiner Kunst ver- 
herrlicht, ich erinnere an den Kritias, den Aristoteles, denMenon*). 



*) Wenn Boeckh (De simultate cet. p. 22. F. Ascherson) seinem 
Vorurtheil über die Unmöglichkeit einer Eifersucht zwischen Xenophon 



8ä 

Wer weiss umgekehrt nicht, welche Begeisterung sich gleich er* 
giesst, wenn Namen wie Homer, Aischylos, Pindar, Euripides, 
Themistokles, Perikles genannt, mit welcher Bewunderung die 
Keden des Lysias und Isokrates gefeiert werden, und doch kann 
man über diese Männer bei Piaton fast nur Tadel, wegwerfendes 
Urtheil oder Spott finden ! Ist es da nicht selbstverständlich, 



und Piaton gemäss behauptet, Piaton habe durch den ganzen Dialog den 
Menon verspottet und aufgezogen und ihn mit Anytos zusammengestellt: 
so hat schon Schleiermacher unbefangener geurtheilt (Einleitung S. 340) 
und die bei Piaton abweichende Schilderung des Menon anerkannt, der 
nicht wie bei Xenophon als „verworfener Kuchloser" geschildert sei. Dies 
kann doch auch gar keinem Zweifel unterliegen, wenn man nicht durch- 
aus d'eaiv (pvhirTEiv will; denn wenn Sokrates sagt p. 75 D aansQ ^y(6 re 
xal cv rwi <piXoi ovrsg und wenn er den berühmten Aleuaden Aristipp 
als Liebhaber des Menon anführt und den Menon, was die Hauptsache ist, 
allen Platonischen Ansichten zustimmen lässt (p. 99 D xal faivovrai ys^ to 
^(OTcqaxBiy OQ&cäg Xe'yeiv u. 100 B xaXXiara doxeie fioi Xe'yeiv, co ^(oxqares) : so 
ist doch einleuchtend, dass er einen feinen und gebildeten Mann, der dem 
Platonischen Standpunkte nicht unzugänglich war, darstellen und ihn über- 
haupt schon als dramatis persona auszeichnen will. Einen solchen ver- 
worfenen Charakter, wie bei Xenophon der Menon erscheint, hätte er wie 
den Ismenias behandelt. Menon war aber Aristokrat und Ismenias ein 
Demokrat: das ist schon ein grosser Unterschied! Zudem steckt hinter 
d.er Maskerade der Personen ja etwas ganz Anderes ; denn es ist doch naiv, 
asu meinen, Piaton wolle hier alte Gespräche des Sokrates auffrischen, wie 
Xenophon; Piaton hat mit seiner eigenen Gegenwart zu thun, und da sind 
es die literarischen und politischen Verhältnisse in Thessalien und Athen, 
nm die sich der Dialog dreht. Und zwar in den letzten Jahren des zweiten 
Jahrzehnts im vierten Jahrhundert, wo Platon's Stellung selber gefährdet 
vrar, weil er zu rücksichtslos über die Redner und die Demokratie ge- 
sprochen oder sie, wie die Gegner sagten, injuriirt hätte (p. 94 E xaxa>i 
Xdyeiv, xaxcJs noieiv, 95. A xaxriyoQBiv) und sich darum leicht dasselbe Schicksal 
wie Sokrates zuziehen könnte. Die „Apologie" darf ja doch auch nur auf 
Piaton selbst bezogen werden, ebenso gewiss wie die Antidosis, welche 
dieselbe nachahmt, von und für Isokrates verfasst ist. Dasselbe gilt von 
dem später geschriebenen „Kriton". — Wenn v. Wilamowitz-Möllen- 
dorff die Stelle p. 71 D anzieht, um den Menon nach dem Gorgias zu 
setzen, so hat das Probabilität; allein man täuscht sich doch leicht über 
solche Beziehungen, wie z. B. diese Stelle auch auf eine Schrift eines 
Thessalischen Sophisten aus der Schule des Gorgias in Larissa hinweisen 
kann, mit der Piaton sich auseinandersetzen will. Die Stelle ist übrigens 
von Schleiermacher (Einleitung S. 329^ schon angeführt und in demselben 
Sinne wie von Wilamovritz benutzt. Doch über diese Frage muss anderswo 
genauer gehandelt werden. 

6* 



84 

dass ein Mann wie Piaton, der so selbständig und selbstbewusst 
wie ein rocher de bronze in dem Strom der Parteien stand, von 
allen Seiten entweder missverstanden oder absichtlich mit Ver- 
drehung der Zeichen ausgelegt und beurtheilt werden musste! 

Ich möchte hier den angeblichen Traum er- 
sokrates und wähnen, den Sokrates in Bezug auf Piaton gehabt 
seine Auslegung, haben soU. Wir verdanken diese mit grosser Kunst, 
meisterhafter Kürze und dichterischer Anschaulichkeit erzählte 
Anecdote dem Delphier Hegesandros, dem sie Athenäus ent- 
nommen hat. Sokrates soll in Gegenwart mehrerer Personen 
erzählt haben, er hätte geträumt, wie Piaton in eine Krähe ver- 
wandelt auf sein Haupt gesprungen sei, ihm die Glatze zerkratzt 
und sich umschauend gekrächzt habe.*) Obgleich absichtlich 
die Wahrhaftigkeit dieser Geschichte durch die Anwesenheit 
mehrerer Personen bekräftigt werden soll, so sind wir doch 
nicht gezwungen, an die Thatsächhchkeit zu glauben; es steht 
aber auch nichts im Wege, sie für wahr zu halten; denn 
Träume, sind bekanntlich Schäume; Sokrates war ja auch nicht 
so ängstlich in seinen Mittheilungen, und je inniger sein Ver- 
hältniss zu Piaton war, um so eher durfte er so etwas erzählen. 
Wunderbar drastisch ist aber das Bild, wie die Krähe sich 
prahlerisch umschaut und triumphirend auf dem zerkratzten Kahl- 
kopf krächzt. 

Welchen Sinn kann es aber nun gehabt haben, wenn die 
Feinde Platon's diesen Traum gegen ihn ausbeuteten? Ohne 
eine genügende Veranlassung, ohne greifbaren Beziehungspunkt 
wäre es doch lächerlich gewesen und ganz einfältig, dem grossen 
Lobredner des Sokrates eine so schnöde Behandlung seines 
Lehrers vorzuwerfen. Wir brauchen aber das Bild blos in 
seine eigentliche Bedeutung zu übersetzen, so sehen wir auch 
den Beziehungspunkt; denn was Anderes kann das Bild be- 
deuten, als dass Piaton an seinem Meister Kritik geübt, 
sich über ihn erhoben und dies auch öffentlich ausge- 
sprochen habe. Was war denn aber Sokrates Lehre? Welche 
Schrift von ihm konnte Piaton beurtheilen und verurtheilen, da 



*) Athenäus 11. 116. p. 507 c. Stojts^ ^(ox^TT/g ohx arjScJS ns^ avxov 
GTOXoL^fievos ivvnviov ä'yrjaev ioQaxivai nXsiovcov nagovriov. SoksXv yao ^jwy 
rov Jlkdrcova xogeovTjV yevofievov ini trjv xeyaX'^v fiov avanriSriaavTa ro qfdkangov 
fiov ycaiaaxa^i^av xai xQca^ir TtegißXtnovaav. 



85 

Sokrates nichts gesclirieben ? Oder war seine Lehre etwa all- 
gemein bekannt? Es ist klar, dass man unter Sokrates nur 
das verstehen konnte, was seine Schüler, ein Antisthenes, Xeno- 
phon u. A. von ihm erzählt und berichtet hatten. Trat Piaton 
also gegen diese auf, so widerlegte er den Sokrates und zerraufte 
seinem Meister das Haupt. Wie er nun namentlich gegen 
Antisthenes vorging, das ist schon allgemein bekannt, und 
Hegesandros hat auch die stiefmütterliche Haltung, die Piaton 
fast allen Schülern des Sokrates gegenüber beobachtete, schon 
mit vollem Recht hervorgehoben, weshalb oins die tiefe Ver- 
stimmung gegen ihn vollkommen begreiflich ist. Sie wollten 
nach der geistreichen, aber bösgemeinten Anecdote lieber von 
Sokrates den Becher mit Schierling annehmen, als dem Vortrank 
Platon's beim Gastmahl nachkommen, der ihnen Muth zusprach, 
da er der Mann sei, an ihre Spitze zu treten und die Führung 
des Sokratischen Kreises zu übernehmen. Das hohe Selbst- 
bewusstsein Platon's ist ja doch auch überall unverkennbar und 
ebenso ein gewisser Uebermuth, mit dem er seine Gegner scherzend 
zu Boden streckte. Ich habe ausserdem schon in den „Literarischen 
J'ehden" darauf hingewiesen, wie Piaton im Staat den Xeno- 
phonteischen Sokrates, der seinen Freunden Gutes, seinen Feinden 
Böses thun will, widerlegt.*) Ist nun der Xenophonteische 
Sokrates der richtige, wie Platon's Gegner natürlich annehmen 
^ussten, so zerkratzte die Krähe den Kahlkopf des Lehrers und 
krächzte triumphirend. 

Ausserdem fehlt es aber auch in den Platonischen Dialogen 
Selbst nicht an Stellen, an denen Sokrates gegen einen höheren 
^nd grösseren Mann, der nach ihm kommen müsse, in den Hinter- 
grund tritt. Ich meine nicht blos etwa, dass Piaton im „Par- 
^enides" Alles, was Sokrates an Dialektik geleistet hatte, als eine 
tioch. unreife Frucht bezeichnet, die er deshalb von dem jugend- 
lichen Sokrates bescheiden darbringen lässt, während er seinen 
eigenen umfassenderen Gedankenbau von Parmenides vertreten 
lässt. Wir brauchen uns auch nicht blos daran zu erinnern, 
dass Piaton in seinen späteren Schriften überhaupt den Sokrates 
fallen lässt und in seiner eigenen Person als Gastfreund aus 
Athen auftritt. Ich denke vielmehr noch an einzelne bestimmte 



*) Literar. Fehden S. 22 f. 



86 

Stellen, welche von seinen Feinden als Hochmuth und Un- 
dankbarkeit oder Misshandlung seines Lehrers gedeutet werden 
konnten. 

Eine solche Stelle möchte ich aus dem Charmides anziehen. 
Dort war Kritias, da es sich um die Erklärung der Besonnenheit 
handelte, zu der Behauptung fortgetrieben, sie sei ein Wissen 
um unser Wissen und Nichtwissen. Sokrates aber weist an 
einer Reihe von Beispielen nach, dass jedes Vermögen immer 
auf einen von ihm selbst verschiedenen Gegenstand gerichtet sei, 
wie das Gesicht auf die Farbe, das Gehör auf die Töne. Da 
nun das Gesicht selbst farblos sei, das Gehör selbst keinen Ton 
von sich gebe u. s. w., so sei die Möglichkeit, wie ein Vermögen 
(övvafiis) sich selber wahrnehmen könne, nicht einzusehen. 
Vielleicht aber, meint Sokrates, könnte es doch eine Art des 
Seienden geben, bei dem Subject und Object zusammenfallen ; er 
selber jedoch traue sich nicht zu, im Stande zu sein, 
dies zu entscheiden, sondern es bedürfe dazu eines grossen 
Mannes, der diese Frage bei allen Dingen genügend 
durchnehmen könne.*) Wäre dies sogenannte Sokratische 
Ironie, so müsste der Sinn sein, dass schon ein mittelmässiger 
Kopf genug Vernunft hätte, um die Thorheit einer solchen 
falschen Annahme einzusehen; allein das Gegentheil ist hier der 
Fall. Die Annahme ist richtig, und Piaton löst die Aufgabe 
durch seine Ideenlehre, da die vernünftige Seele die Ideen 
(Object) erkennt, welche zugleich ihr Wesen oder ihre alte Natur 
(Subject) bilden. Es kann daher keinem Kenner der Geschichte 
der griechischen Philosophie zweifelhaft sein, dass hier der 
Grenzpunkt zwischen Sokratischer und Platonischer 
Weisheit angegeben ist. Daher begreift sich leicht, dass 
Diejenigen, welche die Ueberlegenheit der Platonischen Per- 
sönlichkeit nicht gern anerkennen wollten, hier eine Undankbarkeit 
dem Meister gegenüber finden mussten, eine Selbstüberhebung, 
ein Krächzen der eitlen Krähe ; denn der grosse Mann, der ver- 
misst wird, kann ja weder ein Zeitgenosse Platon's sein, dem 
dieser die Palme reichen wollte, noch ein vorsokratischer Philosoph 
der die Fragen, welche erst Sokrates aufwirft, schon alle gelöst 



*) Charmid. p. 169 /usydlov Srj rivoe, (o (piXe, avSQoe Sei, ocrie rovro 
xara Ttdvrcov Ixavöjs diaiQi^aeTai — — iya? fiev ov TtKfrevo} iftavr^ Ixavoe 
slvai Tovra SieXead'ai. 



87 

hätte; nein es ist Piaton selbst, der ja dann später im Phaidon 
sich auch als den hinstellt, der von allen Männern auf der Erde 
am Besten im Stande wäre, die Aufgabe der Philosophie zu er- 
füllen, und der sich ohne Bedenken immer selbst als einen 
göttlichen (d'eiog) Mann bezeichnet.*) 

Ich sagte schon, dass es zu Platon's Zeit un- wie Piaton „im 
möglich recht bekannt sein konnte, was Sokrates Staat" die 
eigentlich gelehrt habe, und dass man wahrschein- xenoph.soicrates 
lieh die Mittheilungen des Xenophon, Antisthenes verachtet, 
und Anderer als die Urkunden des Sokratismus betrachtete. Dem- 
gemäss musste eine Widerlegung des Xenophonteischen Sokrates 
von Seiten Platon's als eine Kritik über Sokrates selbst er- 
scheinen. Um dies noch deutlicher zu machen, will ich ein paar 
Stellen anführen, wo Piaton im Staat die Memorabilien citirt 
und den Sokrates Xenophon's mit triumphirender Miene zu 
Boden wirft, um eine viel höhere Aufgabe der Bildung und 
Gesinnung zu zeigen und sich als Lehrer und Führer auf diesem 
Wege hinzustellen. 

Nehmen wir nun an, es habe einer eben Xenophon's Er- 
innerungen an Sokrates gelesen und daraus die Ueberzeugung 
geschöpft, dass Sokrates z. B. über die Bildung und ihre heil- 
same Begrenzung gelehrt habe, man müsse Geometrie treiben, 
um ein gekauftes Grundstück richtig zugemessen übernehmen 
zu können, oder einem Andern ein solches von bestimmter 
Grösse abzugeben. Das liesse sich schon blos durch Zusehen 
"bei den Vermessungen genügend erlernen, schwer verständliche 
IPiguren aber zu studiren sei unnütz, man verderbe damit seine 
Zeit, die man zu vielen anderen nützlichen Studien brauche. 
Ebenso die Arithmetik; denn Alles, soweit es nützlich sei, 
müsse getrieben werden, vor der nichtigen Wissenschaftlichkeit 
müsse man sich hüten. Astrologie sei auch nützlich, um die 
2eiten der Nacht, des Monats und Jahres erkennen zu können, 
Mne bei der Schifffahrt und bei dem Wachtdienst. Das sei 
leicht von Nachtjägern und von Steuermännern und vielen 
Anderen, die solche Kenntniss brauchen, zu erlernen; aber er 



*) Vergl. meine Literar. Fehden S. 124 f und 137. Auch schon im 
Charmides p. 230 d'eiae rivos — — /Ltoi^as fvffet fiertxov. Vergl. oben 
S. 7. 



88 

riethe sehr davon ab, die Astronomie so weit zu treiben, um 
auch die ungleichen Kreisbahnen der Sterne, der Planeten und 
Kometen, zu erforschen und die Abstände derselben von der 
Erde und die Ursachen dieser Erscheinungen; denn damit ver- 
derbe man seine Zeit und er sehe nicht den mindesten Nutzen 
davon ein. 

Dies soll also ein Grieche bei Xenophon gelesen haben und 
nun überzeugt sein, er kenne die Gesinnung des weisen Sokrates. 
Jetzt erscheint der Staat des Piaton, der ebenfalls den Sokrates 
sprechen lässt. Sokrates wird hier also dasselbe vortragen? 
Weit gefehlt! Sokrates sagt hier im Gegentheil, wer Geo- 
metrie treibe, um militärischer Zwecke willen, Lager abzu- 
stecken etc., der bedürfe nur sehr wenig zu wissen. Solche geome- 
trische Berechnungen zu praktischen Zwecken seien aber lächer- 
lich und blos durch das Bedürfniss aufgenöthigt; in Wahrheit 
aber wäre alles Lernen um des Wissens willen zu betreiben. 
Nicht um ein dem Werden unterworfenes Ding zu machen, dürfe 
man Geometrie treiben, sondern um die Erkenntniss von etwas 
ewig Seiendem zu gewinnen. Man müsste es daher zur höchsten 
Pflicht machen, möglichst weit in der geometrischen Forschung 
zu gehen; denn ein mathematisch Gebildeter zeichne 
sich in allen Stücken vor einem darin Ungeübten aus. 
Man sieht, Xenophon's Sokrates mit seinem Utilitarismus wird 
als lächerlich abgewiesen. Aber wie ist es mit der Arithmetik 
und Astronomie? Die Arithmetik und Logistik soll man 
nicht, sagt der Sokrates bei Piaton, um des Kaufes und Ver- 
kaufes willen lernen, wie Kaufleute und Krämer, das sei 
pöbelhaft, sondern um den Verstand zu wecken; man solle 
deshalb nicht mit benannten Zahlen rechnen, sondern mit ab. 
stracten, um zu lernen, mit reiner Vernunft ohne Hilfe der 
Sinne die Wahrheit zu erkennen. Und drittens, als Glaukon, 
die Astronomie betreffend, dem Platonischen Sokrates die 
Argumente des Xenophontischen Sokrates citirt, weil man ja 
dadurch leichter die Zeiten wahrnehmen könne der Monate und 
Jahre, was für Landbau, Schifffahrt und Kriegsführung wichtig 
sei, da antwortet der neue Sokrates des Piaton: „Du bist 
komisch; denn Du scheinst Dich vor dem Pöbel zu 



^) Xenoph. Memorab. IV. 7, 2 seqq. 



89 

fürchten, um nicht in den Ruf zu gerathen, unnütze Kennt- 
nisse vorzuschreiben." Und darauf steigert er seine Forderung 
über alle die bisher von den Astronomen gewonnenen und 
geübten Kenntnisse weit hinaus. Nützlich solle die Mathematik 
sein als Vorbereitung zur Dialektik, um die höchste Idee zu 
finden, sonst sei das Lernen nutzlos.*) 

Ich glaube, es konnte kein Leser des Platonischen Staates 
verkennen, dass hier eine weit über den Sokrates des Xenophon 
hinausgehende Erkenntniss gefordert und dargereicht werden 
sollte. War nun bei Xenophon, der früher schrieb, der wirk- 
liche Sokrates redend eingeführt, so zerzauste sein Schüler ihm 
hier das Haupt und brüstete sich mit höherer Weisheit; dies 
wenigstens musste das ürtheil der Gegner Platon's sein, die 
gegen seine Argumente nichts zu sagen wussten und seiner 
grösseren Genialität wenigstens einen moralischen Makel anhängen 
wollten. Wir mussten dies hier so ausführlich uns vorstellen, 
weil es Mode geworden ist, in den Handbüchern immer einfach 
auf Boeckh zu verweisen, der die unwürdige Annahme einer 
literarischen Fehde zwischen so grossen Männern gründlich 
beseitigt habe. Allein mit solcher Romantik kommt man nicht 
zur Erkenntniss der Wirklichkeit. Die grossen Männer in 
Athen hatten schon ebensolche menschliche Gemüther, wie die 
grossen Männer unseres Jahrhunderts, bei denen es nirgends an 



*) Xenoph. 1. 1. yecofierQiav ubX9'' A***' tovtov k'^ Selv /uuvd'dveiVj icag 
Ixavos T«ß yevoiTO, ei itore Serjaeie, yrjg ftixQca o^d'ojg fj nagahißelv rj naQaSövval 
rj dutveifjtat Uqyov anoSel^aod'ai. Piaton Staat p. 525 C. av&dTtrea&ai avrrje firj 

tSuoTixüßS ovx thpTjg ov8e ngdaetog ;f«(>tr a)e ifiTtoqovs rj xam^Xove /leleriov- 

r«s. Aehnlich 526 D und 527 A. 

Xenoph. ibid. 4. ^ExdXeve $i xai aarQoXoyiag ifijteiQovs yiyvets^ai, X€U 
wavTTjs fiivxoi fiexQ!- tov vvxros te MQav xai firjvos xai ivtavrov $vva<r&ai 
yiyvMCxeiVy ^sxa noQeiag re xai nXdv xai ^vXaxris. Piaton ibid. p 527 1). 
ro yoLQ Tte^iS^as evatad'TjTore'Qcoe k'^siv xai fiijvcov xai iviavriov ov fiovov 
yeto^yift ov8e vavriXlct, dXXa xai arQarrjyici ov/ tjttov. Platon hat hier zuerst 
fast wörtlich citirt, nachher giebt er mit anderen Worten doch den Sinn 
getreu wieder. Er lässt aber seinen Sokrates antworten: 'H8vg (komisch) 
bI, ot* ^oixag SeSwrt rovg noXXovg, fii] 8oxTjg dxQT]<ft^c^ f^nd'rifiaTa Tt^oararreip. 
Und ähnlich p. 527 A Xiyovat, [lev nov fidXa yekoitag re xai avayxaieog. 

Dies ist gegen den ütilitarismus gerichtet, den Xenophon's Sokrates 
vertritt. Ibid. 3. ro Se tmv fidxQ*" ^va^wertov Siay^afiudrcov yecafierQiav fiav- 
&dvetv aTtedoxiua^v. o ti fiev yaq dt^sloirj ravra, ovx ^^f] OQav. Platon 
ibid. p. 527 £ dXktjv yaQ aii avroJv ovx ogiaaiv ä^iav Xoyov üifpiXatav. 



90 

Polemik fehlt, und Utilitarier, wie Xenophon und Isokrates, 
konnten den Idealisten Piaton ebensowenig mit ihrer Censur 
verschonen, wie zu unseren Zeiten Macaulay oder Grote oder 
Buckle die Superiorität der Idee anzuerkennen geneigt waren, 
sondern in eitler Zuversicht sich zu Richtern aufwarfen auch 
über Viele, denen sie nicht das Wasser reichten. Es könnte 
daher gefragt werden, ob nicht Piaton dem Sokrates selber 
schon mit seinem unersättlichen Wissensdurst Schwierigkeiten 
gemacht und ihm zu manchem ahnungsvollen Traum bei wachem 
Bewusstsein verhelfen habe; interessanter ist uns aber, dass die 
Zeitgenossen Platon's den Vorsprung deutlich erkannten, den 
der Schüler auf Kosten seines Meisters davongetragen hatte, und 
wir müssen es dem bösen Hegesandros Dank wissen, dass er 
uns durch seine giftige Anecdote ein Gegengift gegen die 
durch Boeckh eingeführten Vorurtheile an die Hand gegeben hat. 

Die angeblichen Briefe Xenophon's. 

Ich habe meine ganze Auffassung von dem 

Benuüung Vcrhältuiss Xenophon's zu Piaton ausschliesslich 

der Briefe zur aus der Interpretation der Platonischen Dialoge 

und der Xenophonteischen Memorabilien geschöpft, 
also aus einer Quelle, die von Niemandem beanstandet werden 
kann. Den Anecdoten und Briefen schenkte ich früher gar 
keine Aufmerksamkeit, theils weil sie nichts Philosophisches 
bieten, theils weil sie von aller Welt für unecht und werthlos 
erklärt waren, weshalb es gerathener schien, seine Zeit mit 
besseren Dingen auszufüllen. Jetzt aber, nachdem ich einmal 
die literarischen Beziehungen der Philosophen und Redner zum 
Zwecke der Chronologie der Platonischen Dialoge zu unter- 
suchen angefangen hatte und zur Auffindung von neuen Ge- 
sichtspunkten und zu einer sicheren Anordnung der Dialoge 
gelangt war, da mussten mir auch die Anecdoten und Briefe in 
einem anderen Lichte erscheinen. 

Es fragt sich nun, wie es zuging, dass man die Briefe 
Xenophon's alle verdächtigte. Ist es möglich, dass das Urtheil 
Boeckh 's, der jede Feindschaft zwischen so grossen Männern 
wegdisputiren wollte, wirklich so viel Einfluss gehabt hätte, um 
jede besonnene Benutzung der Briefe zu verhindern ? Ich glaube, 
es wirkten andere Gründe mit, die eine Verwerthung, ja ein- 



91 

Verständniss der Briefe unthunlich machten. Und zwar erstens 
der Umstand, dass man*) mehrere Dialoge, wie den Charmides 
und Protagoras, womöglich in das fünfte Jahrhundert schob und 
die Apologie und den Kriton gleich in die Zeit der Tragödie 
des Sokrates setzte. Der zweite Grund war die seit Schleier- 
macher fast allgemein verbreitete Annahme von der ganz späten 
Abfassung des Staates. Indem man also die hier in Frage 
kommenden Dialoge theils zu früh, theils zu spät geschrieben 
sein liess, verlor man jede Möglichkeit, die Beziehung zwischen 
den Xenophönteischen und Platonischen Schriften zu verstehen, und 
demgemäss den Inhalt der Briefe zu würdigen und zu benutzen. 
Ich untersuche nun gar nicht, ob die Briefe echt sind oder 
nicht, weil diese Frage vorläufig von einer untergeordneten Be- 
deutung ist, sondern ob der Inhalt der Briefe mit den von 
uns hier festgestellten Beziehungen zwischen Xeno- 
phon und Piaton übereinstimmt. Denn auch wenn die 
Briefe von einem späteren Gelehrten untergeschoben wären, so 
würde es dennoch sehr merkwürdig sein, wenn ein Gelehrter 
aus dem Alterthum, dem die Quellen noch reichlicher flössen, 
die von uns hier aus sicheren Quellen abgeleiteten literarischen 
\md persönlichen Beziehungen zwischen beiden Männern genau 
übereinstimmend aufgefasst hätte. Und auf diese Indication 
muss es uns hier ankommen, weil sich die Zeichen wechselseitig 
in ihrer Bedeutung confirmiren, wie bei jeder guten Diagnose. 
Ist unsere Ordnung der Dialoge richtig, so müssen echte oder 
von wohl unterrichteten Gelehrten fabricirte Briefe damit über- 
einstimmen ; und umgekehrt, liefern die Briefe dasselbe Resultat, 
wie die Interpretation der zweifellos echten Dialoge und Memoiren, 
80 müssen sie entweder echt sein oder doch von kundigen Männern 
herrühren. Und wiederum, bringt man die Ordnung der Dialoge 
in eine unchronologische Verwirrung, so müssen die Briefe un- 
brauchbar werden; die Unechtheit und Sinnlosigkeit der Briefe 
kann aber kein Zeugniss für irgend eine Anordnung der Dialoge 
liefern. Man sieht daraus, welchen Vorzug unsere Datirung der 
Dialoge bietet: wir verwerfen kein Zeugniss aus dem 
Alterthum; Alles soll und kann uns zum Zeichen dienen; 
T^ fAEv yciQ aXtjd'ei Ttdvta avv^öu %a VTtäQxovta. 



*) Schleiermacher, Susemihl, Zeller, Steinhart u. A. 



92 

Nach dieser Vorrede über die Methode brauchen wir die 
Briefe nun blos sprechen zu lassen; sie sagen Alles, was wir zu 
hören wünschen. Und es kann uns zur Genugthuung gereichen, 
dass Pearson wenigstens den Brief an Aeschines für echt hält, 
Wolf den Beweis nicht für geführt erklärt, dass alle Briefe er- 
dichtet wären, Valckenaer die Briefe als echte benutzt und 
Westermann sie wenigstens für viel älter als Boeckh hält.*) Die 
Frage ist eben noch nicht abgeschlossen, und da ich durchaus 
nicht für die Echtheit dieser Briefe eintreten will, 
so bleibt mir das Recht, unbekümmert um ihren Ursprung sie 
blos als Zeugnisse aus dem Alterthum zu verwerthen. 

Nehmen wir nun zuerst Xenophon's Stellung 

1. charmides, ZU Platon's früheren Dialogen , zum Charmides, 

Protagoras und Protagoras und ZU den ersten Büchern des Staates, 

Staat 6rst6 

Hälfte. die vor der Reise nach Sicilien verfasst sind. Da 

Piaton in allen diesen Dialogen Xenophon's Dar- 
stellung des Sokrates angegriffen und blossgestellt hatte: so ist, 
es ganz natürlich, dass Xenophon in dem angeblichen Brief an 
Kebes und Simmias**) wegen seines Rufes besorgt ist. Er sagt, 
Piaton sei auch in der Ferne durch seine Dialoge mächtig und 
werde in Italien und ganz Sicilien bewundert; er selbst könne 
sich aber kaum überreden, dass das recht der Mühe werth sei. 
Es solle ihm (dem Xenophon) auch nicht zu Herzen gehen, 
dass sein Ruhm als Philosoph (durch Platon's Kritik) zerfalle, 
dagegen müsse ihm doch daran jiiegen, dass nicht Sokrates' 
Tugend durch seine Darstellung in den Memorabilien, falls er 
wirklich schlecht darüber geschrieben hätte, Gefahr liefe. Denn 
es sei doch einerlei, ob man sage, er habe Sokrates verleumdet, 
oder was er geschrieben, sei unter der Würde des Sokrates ge- 
wesen. Das sei nun der Gegenstand seiner Besorgniss, und er 
wünscht zu erfahren, wie Kebes und Simmias über die Sache 
(d. h. über Platon's Kritik) urtheilen. 

Es kann uns, wie gesagt, kühl lassen, ob der Brief für echt 
erklärt wird oder nicht; jedenfalls ist darin ausserordentlich 
deutlich und fast anschaulich die Stimmung ausgedrückt, in der sich 
Xenophon nach Kenntnissnahme der kritischen Schriften Platon's 



*) Vergl. die Ausgabe v. Gustav Sauppe S. 287. 
**) Hercher, Epistologr. p. 625. 



93 

befinden musste. Er hat auch, wie es scheint, etwas dagegen 
schon concipirt, wagt es aber noch nicht herauszugeben; ein 
einmal veröflfentlichtes Wort Hesse sich ja nicht mehr zurück- 
nehmen. Um so mehr muss ihn Platon's Ruhm bei den Py- 
thagoreern und in Syrakus verstimmen, und er sagt doch wohl 
nur mit angenommener Resignation, dass der Zerfall seines An- 
sehens als Philosoph ihn nicht wurmen solle. Es mag aber in- 
sofern etwas Wahres in dieser Aeusserung liegen, als er ja 
allerdings sein eigenes Ansehen an die Reproduction der Sokra- 
tischen Weisheit geknüpft hat und nun in nicht unwürdiger 
Weise den Sokrates vorschiebt, dessen Ehre mit der seinigen 
zugleich Schaden litte. Kurz, wenn der Brief erfunden ist, so 
hat der Verfasser Xenophon's Seelenzustand mit psychologischer 
Feinheit verstanden und auch die kürzesten und treffendsten 
Ausdrücke und Wendungen zu seiner Darstellung gebraucht. 

Recht gering ist dagegen der angebliche Brief 
an Aeschines, welcher auf die zweite Hälfte des zweite Wime. 
Staates anspielt und auch auf die von Piaton 
gemachten Reisen nach Aegypten und Sicilien. Und eben nur 
dies ist das Interessante an dem Briefe dass sein Verfasser uns 
drei Punkte in Beziehung setzt: ägyptische Reise (als Motiv der 
neuen Staatstheorie), Besuch bei Dionysius (I) und zweite Hälfte 
des Staates. Denn obwohl ich nicht geneigt bin, den Brief für 
echt anzusprechen, so nehme ich doch die Bestätigung der 
Von uns aus anderen Beziehungspunkten gewonnenen Resultate 
entgegen. Wer den Brief schrieb, der war doch so weit über 
die Zeitverhältnisse der Arbeiten Platon's orientirt, dass er in 
dem Briefe keinen Verstoss gegen die von uns gewonnenen 
Datirungen macht und wir können daher die Confirmation 
unserer Resultate immerhin constatiren. 

Auch hat der Briefsteller ganz sachentsprechend den Gegen- 
Jatz empfunden, der bei Piaton in der zweiten Hälfte des Staates 
>egen Xenophon's Darstellung des Sokrates in den Memora- 
^ilien hervortritt. Der angebliche Xenophon erklärt dem 
A^eschines, dass wir Menschen von dem Göttlichen (d^ela) nicht 
wüssten, wie es beschaffen wäre; wann hätte auch Jemand den 
Sokrates über die Astronomie handeln hören, oder wer be- 
zeugte, dass nach Sokrates die Geometrie zur Erwerbung 
der Tugend nöthig sei; auch die Musik habe er nicht wissen- 
schaftlich zu betreiben empfohlen. Piaton aber, der (in der 



94 

zweiten Hälfte des Staates) alle diese theils leeren, theils unmög- 
lichen Erkenntnisse betreibe, habe ja verrathen, dass er Aegyptens 
und des Pythagoras Wundorweisheit liebe und sein Streben 
nach geistreichen neuen Einfällen (TteQiTTOv) und seine Untreue 
gegen Sokrates werde besiegelt durch sein Verlangen nach 
tyrannischer Macht (bei Dionysius I) und nach der üppigen 
Sicilischen Küche.*) Für uns ist es ja ganz einerlei, dass hier 
Platon's Sinnesart missverstanden und in ein schlimmes Licht 
gesetzt wird; denn eine solche perspectivische Auffassung ist 
vom Standpunkt eines verletzten Gegners ganz natürlich. 

Nicht uninteressant ist auch, wie ein Brief- 
3. Theaitetos. ^^^^^^ ^^^ Xenophon sich über Platon's Theaitetos 

äussern lässt.**) Er bezeichnet den Dialog deutlich durch Hin- 
weis auf die Vorrede, die den Dialog auf ein von Eukleides in 
Megara aus der Erinnerung niedergeschriebenes Memoire zurück- 
führt. Nun sagt der angebliche Xenophon, der Dialog sei nicht 
schlecht; er habe aber, wie er sich zu erinnern glaube, in 
Megara Eukleides Memoire selbst gelesen, aus welchem auch wohl 
Einiges in Platon's Dialog aufgenommen sei***) ; wenn er nun auch 
nicht leugnen wolle, ähnliche Gedanken einmal von Sokrates 
gehört zu haben, wie in Platon*s Dialoge vorkämen, so müsse^^ae 
er doch behaupten, dass man nicht im Stande sei, dergleichenÄTz» 
Unterredungen im Gedächtniss zu behalten; der Dialog sei: ssi 
daher erdichtet. Wir (Xenophon und Sokrates Freunde, aDrr"-Ä3] 
welche der Brief gerichtet ist,) wären aber keine Dichter, wie^ ^^ 
er (Piaton), auch wenn er von der Dichtkunst nichts wissec:«^ ^i 
wolle. Er prahle aber seinen schönen Jünglingen gegenübemr ^ 




♦) Hercher 1. 1. p. 788. 

♦*) Ibid. p. 621. 

***) Die SteUe des Textes ist verderbt. Ich habe oben den Sinn aus- 
gedrückt, der mir nach dem Zusammenhang darin zu liegen schien. — E^ ^^^ 
ist nicht zu übersehen, dass durch diesen Brief auch die Vorrede de^ -^^ 
Theaitetos, die sogenannte Widmung des Dialogs an Eukleides, ihre 
passendste Deutung findet. Piaton müsste darnach von dem Memoire des 
Eukleides in Megara Kenntniss genommen und dann auf diese Anregung 
hin und mit Benutzung einiger Gedanken daraus eine ganz selbständige 
Arbeit verfasst haben, die nach dem Urtheil des Xenophon keine Aehnlich 
keit mehr mit Sokrates Gesprächen darbietet und nicht aus Erinnerungei 
herstammen kann. 



^5 

damit, dass sein Dialog gar keine Dichtung sei, sondern von 
ihm selbst herrühre, von dem neuen und schönen Sokrates. 

In allen Briefen und in diesem letzten besonders sieht man, 
wie Xenophon als Historiker über die Unwahrheit von Platon's 
Dialogen in Bezug auf Sokrates verdrossen ist. Dass Piaton 
aber ein neuer Sokrates sei und eine eigene Philosophie lehre, 
betrachtet er als Prahlerei, da die in den Dialogen vorkommen- 
den Gedanken ja von ihm und den anderen Freunden des 
Sokrates wohl schon einmal gehört wären. Da Piaton nun selbst 
von der Dichtung nichts wissen will, so schiebt Xenophon ihm 
gerade blos dies Talent zu, die Gedanken des Sokrates in ge- 
schickter Weise (diale^lg Tig od cpavlrj) dichterisch darzustellen 
und willkürlich zu verändern. 

Ich möchte noch auf einen Punkt aufmerksam 
machen, der aus den angeblichen Briefen Xeno- "^piatoSM»!^ 
phon's hervorleuchtet. Dies ist das Interesse, 
welches Xenophon darin an den Tag legt, die Gegner Platon's 
zu ermuthigen und an sich zu ketten. So lobt er den Aischines, 
der offen bekenne, nur des Sokrates Lehren vorzutragen.*) 
Ebenso bittet er ausdrücklich, dem Schuster Simon seine An- 
erkennung auszusprechen.**) Beide waren dem Piaton feindlich 
gesinnt und Simon erlaubte sich nachher sogar, den Protagoras 
des Piaton recht albern zu finden. Auch versuchte Xenophon, 
den Aristipp durch Aufnahme bei sich zu einem günstigen 
Urtheile über die Memorabilien zu bewegen. Ebenso scheint er 
auch Phaidon für sich zu gewinnen bemüht gewesen zu sein 
und wir lesen, wie er hofft, Kebes und Simmias zu einem 
abfalligen Urtheil über Piaton zu bestimmen.***) Von den 
letzten Drei liegt aber kein Zeugniss vor, dass sie irgendwie 
gegen Piaton sich ausgesprochen hätten ; dagegen sind die ersten 
Drei allerdings auch sonst als Gegner Platon's bekannt und es 
ist daher wenigstens nicht übel erfunden, dass der Briefsteller 
sich gerade an sie macht. Kurz, von der Echtheitsfrage ganz 



*) Brief an Aischines. Ile^i aov 8e nvd'ofievov, rjvxiva l/ots fpi>Xoao<pias 
dTttfie'Xeiav anexqivaTO tjjv avrrjv ^coxQdrei. 

**) Brief an die Freunde des Sokrates. Hercher 1. 1. p. 623. Vergl. 
unten das folgende Capitel. 

***) Am Schluss des Briefes an dieselben. Hercher p. 625. 



96 

abgesehen, giebt uns die Briefsammlung eine beachtenswert 
Confirmation der aus den unbezweifelten Quellen gewönnen 
Resultate und zwar mit dem Reiz der Anschaulichkeit, der 
der Wahrnehmung der persönlichen Stimmungen, des Verdruss 
des Verlangens nach Beifall und Unterstützung und in den Ai 
fällen gegen Piaton und in dem stillen Bewusstsein der Infer 
rität diesem grossen Widersacher gegenüber auf uns wirken mu 



Drittes Oapitel. 



Die Schusterdialoge des Simon. 
§ 1. Simmias von Theben (Friedrich Blass.) 

Im Jahre 1881 erschien von Blass eine kleine Arbeit von 
zwei Seiten (in den Jahrbüchern für classische Philologie von 
IPleckeisen S. 739) unter dem Titel: „eine Schrift des Simmias 
^on Theben?", die für Literarhistoriker und Philosophen von 
dem grössten Interesse sein muss. Blass versucht nämlich, die 
als Anhang zu Sextus Empirikus überlieferten und wegen des 
dorischen Dialektes unter die Pythagoreischen Fragmente 
^erathenen livuvv/xov nvoq dtale^etg JcagiY^fj AaAexr^ chrono- 
logisch zu bestimmen und sie einem wohlbekannten Philosophen 
zuzuschreiben, und würde uns dadurch ein ungemein wichtiges 
Document zur Verfügung stellen. Den Anlass zu einer Hypo- 
"these bietet ein unleserliches Wort, aus welchem North nach 
«iner Handschrift den Eigennamen des Verfassers Ml/xag her- 
stellen zu müssen glaubte. Fabricius aber „widersprach auf ' 
<jrrund der Lesart des Codex Oizensis" und wollte dafür fxvötag 
beibehalten, was Blass doch mit vollem Recht nur für „eine 
"verfehlte Conjectur" erklärt; denn, sagt er, „die Eigenschaft 
des Eingeweihten ist nichts dem Verfasser ausschliesslich Zu- 
kommendes, wohl aber sein Namen." Blass will nun statt 
JVlifiag den Namen des bekannten Thebaners 2tfiixlas lesen und 
glaubt dessen von Diog. Laert. aufgezählte Dialoge, und zwar 
INo. 6 — 11, in unseren ÄaAe^eig wiederzuerkennen. Mir scheint 
das Meiste, was Blass für seine Hypothese sagt, ganz vorzüglich 
zu sein, nämlich erstens, dass der Pythagoreisch-Dorische Dialekt 
uns nicht zu verleiten braucht, an einen Pythagoreer als Ver- 
fasser zu denken, zweitens, dass der Inhalt und die Behandlung 
der Schrift zu einem Sokratiker stimmen, drittens, dass die 
Schrift nicht in Italien oder Sicilien entstanden sein kann, wie 

7 



68 

Mull ach meinte, viertens, dass die erwähnte Stelle einen Eigen- 
namen enthalten muss. 

Doch weiter kann ich Blass nicht folgen ; denn 
Gegengrunde. SO gern ich Dialoge von Simmias lesen möchte, 

so wenig stimmt die Tradition üher Simmias mit 
diesen glücklich erhaltenen öiaXi^eig üherein. Meine Gegen- 
gründe sind folgende: 

Erstens stimmt die Benennung der Dialoge 
Erste Instanz. j^gj Dioff. Laert. höchstens nur in Einem Titel mit 

Die Büchertitel. j -d i q 't • i t i. -i. 

den Benennungen unserer oiaAegeig wirklich uber- 
ein. Ich sage höchstens, weil auch da ein Unterschied vor- 
kommt ; denn bei Diogenes steht Ttegl alrjd'elaQ und bei unserem 
Anonymus uegl aXad^elag xat xpevdeog. Alle sonstige Ueberein- 
stimmung der erhaltenen Titel mit dem Inhalte der diaXe^ei£ 
wird von Blass durch geschickte Ueberredung einigermassen 
wahrscheinlich gemacht, ohne dass wir doch über das Zugeständ- 
niss der nackten Möglichkeit eigentlich hinauszukommen ver- 
möchten; denn warum sollen z. B. die drei längsten ersten— ^«=i 
diale^eig (Ttegi aya&w xai xaxw, Ttegl xaAt3 xat alax/QW, Tiegi^- 
drMxiiü Kai adUcui) nur unter dem einzigen und so vieldeutige] 
Titel Ttegt (piXoaocpiag bei Diogenes überliefert sein , währen( 
winzige Stücke (Mullach p. 551) sonst mit einem besonderen^r^» 
Titel wie Tvegl tov huöTaTBlv bei Diogenes versehen wären ^ -• 
Aber selbst wenn wir Blass die Möglichkeit einer Ueberein — -*■ 
Stimmung der Titel zugeben wollten, so würde sich doch leicht^'-** 
zeigen lassen, dass in dieser Weise die öiale^eig ebenso gut 
Simon oder Kriton zugeschrieben werden könnten, da die So— 
kratiker ja im Wesentlichen alle über dieselben Gegenständ< 
handelten. 

Zweitens ist der Inhalt und Geist der über— 
Zweite Instanz. lieferten Dialoge derart, dass wir unmöglich 



"dM ^Simmias! Simmias denken können, auch wenn dieser, wi^^^ 

Blass sagt, „im Phaidon durchaus als Skeptike u^^ ^ 
erscheint". Denn es ist zwar richtig, dass unser in utramqu( 
partem disputirender Verfasser in gewisser Weise als Skeptikei 
bezeichnet werden kann, es liegt aber doch zu Tage, 
Simmias und Kebes im Phaidon als Freunde des Sokrates 
erscheinen und wegen ihrer freundlichen Stellung und wegen-—- 
ihres sympathischen Charakters zu Hauptpersonen des Dialogs^ 
von Piaton erhoben werden. Wenn man nun die geistige Leer^ 



99 

und die Flachheit des Gemüthes bedenklT; die in den anonymen 
Dialogen herrschen, und dazu erwägt, dass sie, wie gleich dar- 
gelegt werden wird, auch polemisch gegen Piaton auftraten, so 
kann nicht wohl angenommen werden, dass Piaton einem Menschen, 
der so abgeschmackte und feindselige Dinge schrieb, in einem 
von tiefem Gefühl beseelten Dialoge eine so hervorragende und 
einnehmende Eolle hätte anweisen wollen. Denn eine gewisse 
Zuneigung und Achtung wird wohl jeder Leser des Phaidon für 
den Simmias und Kebes gewinnen. Der Simmias des Platonischen 
Phaidon möge also noch so sehr von Piaton idealisirt sein, so 
ist doch anzunehmen, dass er eine gewisse Begabung für philo- 
sophisches Nachdenken besessen habe. Diese beiden Umstände 
aber, die zu fordernde philosophische Begabung des Simmias 
und die Absicht Platon's, zu idealisiren, schHessen unbedingt 
die Hypothese aus, der anonyme Verfasser unserer Dialoge 
könne Simmias sein, da diese Dialoge keine Spur philosophischer 
Begabung, dagegen die deutlichsten Spuren einer Animosität 
gegen Piaton an den Tag legen und mit dem von Isokrates 
gebrauchten terminus ihrem Geiste nach eher als Proben einer 
gesinnungslosen Eristik bezeichnet werden müssen. 

Wenn wir deshalb die diali^eig mit Blass auf einen 
Sokratiker beziehen wollen, so scheint nach dem Charakter der 
Büchertitel nur die "Wahl zwischen Simmias, Kriton und Simon 
zu sein; denn Aischines, Phaidon, Euklides und Glaukon nahmen 
Eigennamen als Titel, und Aristipp's und Kebes' Schriften sind 
auch nicht nach dem abstracten Inhalt des Dialogs bezeichnet. 
Von jenen Dreien aber müssten Simmias und Kriton als Freunde 
Platon's gleich eliminirt werden, da die dvake^etg sich in einer 
impertinenten Weise gegen Piaton richten; also bliebe nach der 
Methode der Exclusion nur Simon übrig. 

§ 2. Der Thessalier Miltas auf Cypern« 
(Theodor Bergk.) 

Unabhängig von Blass hat sich auch Bergk mit den ano- 
nymen Disputationen eingehend beschäftigt, wie aus der postumen 
Abhandlung von 19 Seiten Umfang hervorgeht.*) 



*) Fünf Abhandliingen zur Geschichte der griechischen Philosophie 
und Astronomie, herausgegeben von Gustav Hinrichs 1883 S. 117 ff., „Ueber 
die Echtheit der JIAuiESEIX 



100 

Bergk widerlegt zaerst mit einleuchtenden Gründen die 
Annahme von North, dass die Schrift von einem Pythagoreer 
aus Unteritalien oder Sicilien als eine dissertatio antisceptica 
verfasst sei, und weist ebenso, aber mit grösserer Bitterkeit 
Gruppe 's Hypothese zurück, nach welchem ein Jude unter der 
Regierung des Kaisers Caligula in Alexandrien die Maske eines 
Pythagoreers angelegt und diese diaXi^eig und die Schriften des 
Archytas verfasst habe. 

Im Gegensatz zu der herrschenden Ansicht und der bis- 
herigen Vernachlässigung der Schrift hebt Bergk ihre Wich- 
tigkeit als eines der ältesten Denkmäler der dorischen Prosa 
hervor, zeigt darin das Gepräge der klassischen Zeit, vertheidigt 
scharfsinnig und mit feinen, auch aus ihrer Sprache entlehnten 
Argumenten ihre Echtheit und betrachtet sie als „eine authen- 
tische Urkunde für die Methode der älteren Sophistik, 
während Piaton und Aristoteles die jüngere Generation der 
vorgeschrittenen Eristiker vor Augen haben." 

Soweit stimme ich ganz mit Bergk. Nun aber beginnt 
Bergk die Zeit der Abfassung genau zu bestimmen und 
erklärt zwar mit Recht (S. 126), dass „die Siege und Nieder- 
lagen von dem Ende des peloponnesischen Krieges als jüngste 
Ereignisse in frischem Andenken gewesen sein müssten" zur 
Zeit der Abfassung, glaubt aber dennoch (wegen der Anspielung 
auf die Benutzung der Tempelschätze in Delphi und Olympia 
für einen nationalen Krieg) Ol. 98, 1 und 2 (d. h. das Jahr 388 
oder 387) als Abfassungszeit feststellen zu können. Er setzt 
voraus, dass der Verfasser nicht ohne Vorgang von Gorgias 
gewagt haben würde, „ein so kühnes Wort ungescheut aus- 
zusprechen" (S. 127), vorzüglich, da er „ein untergeordneter 
Zögling der Sophistenschule in einer fernen Grenzmark dieses 
Schulbuch niederschrieb." 

Hier tritt mein Widerspruch ein und zwar 
Zur Kritik. i^ zunächst gegen die Methode; denn Bergk voll- 
zieht seine Schlüsse, indem er blosse Hypothesen 
als Prämissen braucht. Es ist eine Hypothese, dass unser 
Anonymus nicht selbst auf den Gedanken hätte kommen können, 
die Tempelschätze für einen nationalen Krieg zu verwenden, 
und wieder eine blosse Hypothese, dass Gorgias diesen Bath 
in seinem verlorenen Olympikos gegeben habe. Nun sind 
Hypothesen zwar eine schöne Sache, aber nur als Schlusssätze 



">1 - 



101 



und nicht als Prämissen; denn als Prämissen gebraucht, ver- 
mindern sie die Glaubwürdigkeit des Schlusssatzes, der zu einer 
Hypothese aus Hypothesen wird. 2. Eine zweite Bemerkung 
gehört auch noch zur Kritik der Methode. Bergk nimmt näm- 
lich ohne Weiteres an, er könne, wenn er aus einem gegebenen 
Beziehungspunkte den terminus a quo gefunden habe, dann 
einen anderen Beziehungspunkt suchen, um den terminus ad 
quem zu bestimmen. Es muss aber vorher untersucht werden, 
ob die beiden Beziehungspunkte als Data nicht überhaupt 
im Widerspruch mit einander stehen, so dass etwa mit dem 
terminus a quo sofort der andere Zeitpunkt ausgeschlossen 
wäre, sofern kein Zwischenraum der Zeit überhaupt mehr 
möglich bliebe; denn es giebt ja auch Data, die sofort 
ihre Grenzen nach der Zukunft hin selbst normiren, wie wenn 
ich z. B. diese Arbeit mit dem Januar 1884 datirte, wodurch 
sofort der Termin zwischen dem 1. und 31. gesetzt würde. Bergk 
verfahrt darin zu unvorsichtig, indem er, durch sonst vorzügliche 
und reiche Einfalle und Kenntnisse fortgerissen, es versäumt, die 
Data der Beziehungspunkte streng und scharf aufzufassen. 

Um nim von der Methode auf die Sache zu 
kommen, so wird mir, denke ich, Jeder einräumen, ^'« Abtassungs- 

zeit. 

dass der Schriftsteller, welcher das Ende des pelo- 
ponnesischen Krieges für das jüngste Ereigniss (ra vedtara 
TtQWTOv iqtS) erklärt; unmöglich im Jahre 387, wie Bergk willy 
also etwa 17 Jahre später geschrieben habe. Er kann nicht als 
frische Erinnerung den Sieg der Lacedämonier über Athen und 
die Bundesgenossen anführen, wenn er es schon erlebt hätte, 
dass inzwischen die Spartaner wieder besiegt und die Mauern 
Athens wieder aufgebaut wären, und er hätte schwerlich die 
früheren Perserkriege erwähnt, wenn er eben die Triumphe des 
Agesilaos vor Augen gehabt hätte. Kurz, der terminus a quo 
ist derart durch unseren Autor selbst näher bestimmt (t« veakaTo), 
dass er unserer Datirung nur einen ganz kurzen Zeitraum ge- 
stattet, jedenfalls aber den Bergk'schen terminus ausschliesst. 

Auch den Aufenthaltsort unseres anonymen 
Sophisten will Bergk mit seinem glänzenden Com- . ^ ^^^[^ ^ 

1.. t 1. /c^ r. \ ~r^ Aufenthaltsort. 

bmationstalent genau bestimmen (IS. j31). Er ver- 
wendet dazu die beiden Stellen, an denen die allgemeine Orts- 
bezeichnung „hier" rgde (reide) vorkommt, die er auf Cypern 
deutet. Die erste Stelle heisst: xai ^oiet 6 avtbg avd^QioTtog nai 



102 

ov taisL, xai ravta svrt xai ovx evtl' ra yaq r^de (nach Bergk 
reide) ovza ev t^ udvßvff ovtl eartv, oide ys rä sv Aißvtf sv Kv7tQ(t). 
Hier, meint Bergk, würde man „die feste Form des Syllogismus 
gänzlich verkennen", wenn man nicht einsähe, dass „immer nur 
zwei Begriffe einander gegenübergestellt werden". Das wäre 
nun von Bergk unwiderleglich bewiesen, dass unser Verfasser 
in Cypem schrieb, wenn hier nur wirklich ein Syllogis- 
mus vorläge, der auf einem zweigliedrigen Gegensatz 
beruhte und eine feste Form hätte. Allein es handelt sich 
hier um Anführung von Beispielen, also um eine Induction, 
die ja beliebig viele Glieder haben kann, wie unser Verfasser 
auch überall in breiter Ausführlichkeit seine Beispiele häuft, 
z. B. wo er die Relativität des Guten und XJeblen zeigt und 
erst die Lacedämonier und Athener, dann die Hellenen und 
Perser, dann die Achäer und Troer, Kentauren und Lapithen 
und die Götter und Giganten nimmt. Und im zweiten Stück, 
wo er die Lacedämonier, Jonier, Thessalier, Sicilier, Macedonier, 
Thracier, Scythen u. s. w. als Beispiele nimmt, um die Relativität 
des Schönen und Hässlichen zu zeigen. Genau so ist es in 
unserem Falle und Bergk verwechselt die inductive 
Prämisse -mit dem zweigliedrigen Gegensatz der 
Thesis oder Conclusion; denn diese bleibt auch bei 
unserer Auffassung zweigliedrig, da derselbe Mensch lebt und 
nicht lebt, dasselbe ist und nicht ist. Hätte der anonyme 
Sophist nun als Beispiel neben seinem Aufenthaltsort blos 
Libyen angeführt, so wäre diese Induction zu knapp gewesen. 
Es ist darum in der Ordnung, dass er wenigstens noch Einen 
anderen Ort anführt, wobei es sich dann von selbst versteht, 
dass derselbe Mensch auch nicht irgendwo anders lebtj wenn 
mit seinem hiesigen Aufenthalt das Leben in Libyen und 
Cypem ausgeschlossen ist. Sagte er aber blos, wer hier lebt, 
lebt nicht in Libyen und wer in Libyen, nicht hier, so schiene 
es so, als könnte man nur entweder hier oder in Libyen leben, 
was eine ganz falsche Alternative wäre. 

Ebenso verfehlt Bergk das Ziel mit seiner Heranziehung 
der zweiten Stelle. ^' r^g evdvg yevof^evov ^raidiov ig Iliqaag 
a7t07tefix})aij %al rrjvet TQaq)Oc, '^(ji)q)ov ^Ellaöog cpwvag, TteQalCoL 
xa* ical ai reg rtjvod'ev r^de (nach Bergk relde) %Ofxi^oi, 
eXkavitoi %a. Bergk sieht darin die Voraussetzung enger Ver- 
bindung und Nachbarschaft, findet dies grade für Cypem passend 



103 

und erinnert an Euagoras und Isokrates und Polykrates zum 
Beweise, dass Hellenisches Leben über das Semitenthum der 
Insel trotz der Persischen Obherrschaft triumphirt habe. Allein 
dieses ganze Raisonnement wird doch als nur die Oberfläche 
treffend erscheinen, wenn man den von Bergk weggelassenen 
Satz hinzufugt, der erst id quod erat demonstrandum enthält 
und um dessentwillen solche Vertauschungen des Wohnorts 
allein ausgedacht waren, nämlich: Ovtco fxavd^dvo^eg xa ovi- 
^ccta, yiat rcbg didaa%aX(ag ovyX ayuyvofieg. Der Sophist will eben 
zeigen, dass wir auch ohne Lehrer die Sprache lernen können. 
Dies ist nun ausnahmslos der Fall, wo das ganze Volk eine und 
dieselbe nationale Sprache redet. Lässt man daher ein JCind in 
Persien aufwachsen, so lernt es ohne Lehrer Persisch, in Hellas 
Hellenisch. Das ist ganz einleuchtend. Wenn man aber ein 
Band selbst im Jahre 387 nach Cypern gebracht hätte, so wäre 
es doch sehr fraglich gewesen, ob es so ohne Weiteres hätte 
Hellenisch lernen können, da Euagoras sich doch erst vom 
persischen Joche loszumachen suchte und ausserdem auch in 
den griechischen Colonien die dienende Bevölkerung, wie noch 
heute überall, die nationale Sprache beibehielt. Der Sophist 
hätte also wohl das allerunpassendste Beispiejl ausgesucht, 
wenn er eine Insel von solcher gemischten Bevölkerung und 
vielsprachiger Nachbarschaft, wo persische, phönicische und 
ägyptische Elemente im Uebergewichte waren, angeführt hätte, 
um zu zeigen, dass man gerade da nur Hellenisch hörte und 
ohne besondere Lehrer von selbst Hellenisch lernte. Wenn man 
deshalb als allgemeines Interpretationsprincip annehmen muss, 
dass dem Autor nicht ohne bestimmten Grund etwas Unpassen- 
des und seinem eigenen Zwecke Widerstreitendes untergeschoben 
werde, so kann hier von Cypern keine Rede sein, sondern nur 
vom wirklichen Hellas, also in erster Linie von Mittelgriechen- 
land.*) 

*) Man braucht nur in dem Euagoras des Isokrates die Stellen zu 
vergleichen, wo das Verhältniss von Cypern zu hellenischer Bildung er- 
wähnt wird, um zu dem umgekehrten Resultat wie Blass zu kommen. 
Z. B. Or. 9 § 47 naQakaßotv tip/ nöXiv ixßsßaQßaQCJfievriv xai 8ta rcov 0oi- 
vincov oLQxh'^ <WT* Toivs "EXXfjvae TtgoaSexofiivrjv x. r. X. und 50 oi rives (OfWTata 
n^os TOV6 "EXXrjvas Buticelfievoi rvyxnvouv. Hier sind also auf der Einen 
Seite dis Cyprier und auf der andern als Fremde die Hellenen. Wenn 
die vornehmeren Cyprier nachher ftXekkrjvee werden unter seinem Ein- 
fluss, so ist das wieder nur ein Zeichen, dass sie eben nicht seilet Hellenen 



104 

Dass Bergk in dem verderbten Mifxag ufii 
den Eigennamen mit North und ebenso wie 
Blass fordert, ist anzuerkennen. Er verzichtet aber auf jede 
weitere Vermuthung und lässt es als blosse Möglichkeit offen, 
dass der Thessalier M/Arag, ein „Genosse des Platonischen 
Kreises" (S. 134), der Verfasser sein könne. Dass dies un- 
möglich oder ganz unwahrscheinlich ist, wird sich uns 
zeigen, wenn wir weiter unten das Verhältniss der Schrift zu 
den Platonischen Dialogen in's Auge fassen. 

Den dorischen Dialekt unserer Schrift glaubt 
'^^Diaiekt!*** Bergk damit erklären zu können, dass der äolische 

Localdialekt der griechischen Ansiedler auf Kypem 
für ein Lehrbuch wie das unsrige nicht zu brauchen war und 
der Sophist den Aeoliem mit dem dorischen Dialekt verständ- 
licher zu werden hoffte, als mit der Jas oder Atthis. Offenbar 
ist dies mehr eine Ausrede, als eine den Verhältnissen ent- 
sprechende Motivation; denn mit dem Pöbel hat der Sophist 
ja nichts zu thun und die Gebildeten standen in Verkehr 
mit Athen; dachte doch auch Isokrates nicht daran, dorisch 
für Euagoras zu schreiben. Da aber überhaupt die ganze Vor- 
aussetzung Kypern betreffend in Wegfall gekommen ist, so 
braucht auch dieser Versuch, uns mit dem dorischen Dialekt 
zu versöhnen, nicht weiter in Frage zn kommen. 

Die Beziehungen schliesslich, die Bergk zwischen 
'^'zu^piaton."' unserem Sophisten und Protagoras, Gorgiäs und 

Hippias nachweist, sind alle von einem feinen 
Sinne ausgespürt und von einer reichen Ader von Combinations- 
kraft mit Leben durchströmt. Ich habe dabei nur an einem 



sind. § 51 rcüv ya^ 'EXX^veov Ttolloi xaXoi xayuß'oi t«s eavrcov Ttar^iSag 
aTtoXiTiovree rjX&ap eis Kvtzqov oixTJaavree — wenn die Hellenen also Hellas 
verlassen, so ist Cypern eben nicht zu Hellas gehörig. Wenn es § 66 
heisst: toi'S de noXhas ix ßaQßaQcov fiev Elkrivaa iTtoirjasVj i§ avavBoiov 8e 
TtoXefuxovGj i^ aSo^eov Se ovofiaarovs x. t. A., so handelt es sich blos um 
Civilisirung von Barbaren und § 74 zeigt gleich wieder den Gegensatz zum 
wirklichen Hellas: rovs Be Xoyovs iievBX^rjvat olov r iariv eis tt^v *EXXdSaf 
also von Cypern nach Hellas. Ebenso § 77. Grade di« beständige Ver- 
gleichung mit Hellas und das Prahlen mit Hellenischer Cultur ist ge- 
nügender Beweis dafür, dass Cypern ein barbarischer Boden blieb und 
dass es sich nicht von selbst verstand, dass die Kinder dort ohne Lehre^ 
hätten Hellenisch lernen müssen. 



105 

Punkte eine grosse Unsicherheit gefunden, wo er die Be- 
ziehung zu Piaton hervorhebt. Zuerst nämUch (S. 131) sagt 
er: „Scheinbar im Widerspruch mit Platon's ürtheil im 
Protagoras 328 C behauptet der Sophist" u. s. w. Nachdem 
er aber den Widerspruch unnützer Weise und also nach falscher 
Methode wegzudisputiren versucht hat, fügt er hinzu: „vielleicht 
hegt in den Worten des Sophisten eine stillschweigende Polemik 
gegen Piaton, dessen Dialog er sicherlich kannte." In dieser 
letzteren Aeusserung trifft er wirklich die Sache und hätte auch 
das „Vielleicht" ganz streichen müssen, wenn er mit philo- 
sophischem Interesse den Lehrinhalt gewürdigt hätte. Dann 
wäre aber überhaupt ein ganz neues Licht aufgegangen, das 
mit Einem Strahle eine Menge der feinsten Beziehungen auf- 
hellen und die Persönlichkeit des Verfassers sichtbar machen 
musste. 

§ 3. Simon, der philosophische Schuster und seine Dialoge. 

Im Theätet Platon's findet sich eine Stelle, 
die den Erklärem zwar auffiel, aber doch nur zu Piaton spielt 
einer kurz über das Knie gebrochenen Erklärung 'den Schulter* 
die Veranlassung bot. Um diesen Vorwurf zu be- Simon an. 
gründen, frage ich, weshalb Schiller in seinem 
Lager Wallenstein's von den Tiefenbachem sagt, sie wären 
„Gevatter Schneider und Handschuhmacher"? Da er doch 
offenbar das ehrsame Handwerk im Allgemeinen im Sinne hat, 
weshalb copulirt er, um dies anzudeuten, zwei Arten von 
Zunftgenossen? Konnten ihm die Schneider nicht genügen, die 
doch auch allein für sich nicht wissen, „was der Brauch ist im 
Krieg"? Oder sollen wir nicht lieber von dem Dichter lernen, 
dass ihm zum Mindesten zwei Arten anzuführen waren, wenn er 
die Gattung und nicht blos Eine Art von Handwerk im 
Sinne hatte? Wenn Piaton also sagt, die Alten zwar hätten 
ihre Weisheit durch dichterischen Ausdruck vor dem Pöbel 
(rorg TtoXXovg) verborgen gehalten, seine viel weiseren Zeit- 
genossen, die er tadeln will, sprächen aber so handgreiflich, 
damit „auch die Schuster" ihre Weisheit begriffen*): so 
leuchtet zwar gleich ein, dass Piaton hier wie überall gegen die 
seichte Aufklärerei ä la Strauss eifert und die aristokratische 



*) Theait. p. 180 D iva xai ol gxvtoto/iioi avjiov tt^v ooipiav . fidd'mütv^ 



106 

und esoterische Natur der Erkenntniss der Wahrheit hervorhebt, 
ich sehe aber nicht, woher die Schuster gerade zu dem 
schimpflichen Rechte kämen, allein den Pöbel zu vertreten. 
Wohlrab, der letzte Erklärer des Theätet, sieht die Schwierig- 
keit; er würde sonst keine Erklärung für nöthig finden; er be- 
friedigt sich aber mit der Bemerkung Heindorf' s, dass die 
Schuster das „vilissimum prope ßavavaiov genus" wären, „adeo 
ut in proverbium abierint", ohne uns nachzuweisen, weshalb die 
Schneider, die Verkäufer eingesalzener Fische u. dergl. Leute 
für weniger gemein gegolten hätten. So viel ich mich entsinnen 
kann, findet sich bei Piaton kein Beispiel, wo ohne besondere 
Absicht eine einzige Art für den Begriff der Gattung an die 
Stelle träte, sondern er nennt immer zwei *) oder mehrere Arten, 
wenn er die Gattung bezeichnen will, wie Schiller den Gevatter 
Schneider und Handschuhmacher verknüpft. Es ist daher wohl 
eine bestimmte Absicht Platon's, eine Allusion, anzunehmen, 
wenn die Schuster isolirt für sich den Pöbel vertreten sollen, 
d. h. es muss irgend ein Schuster die von Piaton verspottete 
Weisheit seiner Gegner ausgekramt und ihm damit die Pointe 
für seine sarkastische Allusion ermöglicht haben. Wer aber 
könnte das anders gewesen sein, als der Schuster Simon, der 
Sokratische Schusterdialoge schrieb! 

Es wäre doch aber grausam gewesen, wenn 
steHungsimon's I^^^ton den harmlosen philosophischen Schuster 

ohne Grund gekränkt hätte. Musste er ihn nicht 
vielmehr mit einer gewissen Vorliebe behandeln, da er doch 
auch ein Anhänger des Sokrates gewesen war? Doch lassen 
wir nur die gemüthliche Seite aus dem Spiele und fragen lieber, 
zu welcher Partei sich der Schuster nach dem Tode des Sokrates 
schlug ; denn das ist gewiss, dass Piaton den Simon für schädlich 
und für einen Gegner halten musste, wenn er ihn persifflirte. 
Unglücklicherweise ist das Alterthum nicht so pietätvoll 
gewesen, um uns über Simon viel Nachrichten aufzubewahren, 
und wenn wir deshalb die neueren Historiker, die Zeller und 
Andere, um Rath fragen, so begegnen wir allenthalben einem 



*) Z. B. Protagoras p. 324 C cos fikv ovv eixorcoe a7to8exovrai oi aol 
TtoXirai xai x^Xxsioe xai axvtorofi&v avfißovXevovros ta TtoXnixd x. r. X. 
Schmidt und Schuster zusammengenommen vertreten die Gattung der 
Handwerker. Conviv. p. 221 E führt er drei Repräsentanten an. 



107 

„altum Silentium".*) Wir müssen uns also selber helfen oder 
auf ein Verständniss der Anspielungen Platon's verzichten. 

Um aber zu suchen, müssen wir eine Richtung und gewisse 
Zeichen haben. Setzen wir nun die Hypothese als zugestanden, 
dass Piaton im Theätet auf den Simon anspiele, so sind wir 
gleich versorgt; denn der Theätet geht, wie schon Andere ge- 
merkt haben, nicht gegen den alten längst verstorbenen Prota- 
goräs, sondern gegen den heftigen Widersacher Platon's, gegen 
Antisthenes, dessen Schrift „die Wahrheit" Piaton als einen 
Abklatsch Protagoreischer Weisheit durchnimmt und widerlegt. 
Der Theätet schliesst deshalb ohne positives Resultat, worüber 
nur die sich wundern, welche nicht bemerken, dass wir mit einer 
Streitschrift zu thun haben, die blos, wie Piaton p. 210 C 
sagt, die Fehlgeburt seiner Gegner abthun und zeigen will, dass 
sie sich einbildeten, zu wissen, was sie nicht wussten. Wenn 
nun Simon mit zu der Clique des Antisthenes gehörte, 
so war eine Anspielimg auf ihn überaus verständUch und treffend. 

Allein was die Hypothese an die Hand giebt, das muss 

^och noch durch äussere Stützen sichergestellt werden. 

Schlagen wir jetzt diese Richtung beim Suchen ein, so stossen 

"^wir gleich auf die überlieferten Briefe. Nun ist uns natürlich 

^e Echtheit derselben hier völlig gleichgiltig, weil, auch wenn 

^ie Schulexercitien wären, den Verfassern doch sicherlich eine 

'^ns jetzt verloren gegangene Masse von biographischem Material 

vorlag, das sie befähigte, die persönlichen Verhältnisse der 

^Briefsteller passend vorzuführen. Wer wollte aber leugnen, 

^ass der von Syrakus geschriebene satirische Brief des Aristipp 

5an Antisthenes witzig und den Verhältnissen entsprechend 

•sibgefasst sei? Da am Schluss desselben Antisthenes an 

<die Unterhaltung mit seinem Schuster Simon gewiesen wird^ 

^en er für ein Muster von Weisheit ausgebe**), so ist 



*) Zeller, Phil. d. Gr. IIL Aufl. H. 1. S. 206. „Der jranze Mann 
ist wahrscheinlich eine erdichtete Person", weil nämlich Xenophon und 
Piaton ihn nicht erwähnen. Steinhart will nicht zustimmen, weil sich 
eine solche Erdichtung nicht recht motiviren lasse. (S. 298. A. 82). 

♦*) Socrat. et Pythag. Epist. p. 16 ed. Orelli. 7& Xoma Si Ttaqa 
2ifi(avn rov Cxvroro/iov ßdSil^ BtaXeyofisvos y ov fiet^ov aoi iv <roffi<t ovBev 
^crai (iari?), ovS at' yevoiro. ^E/ioi ftiv ya^ anrjyoQsvrai roXs /««^ot«'/- 
vaig Tt^otrievai, ineiBrj vf ertQoiv i^ovaia eifii. (Mullach fr agm. phil. graec. 
U 415). 



108 

auch der empfindliche Brief von Simon an Aristipp wieder 
sehr charakteristisch, worin dieser gegen solche Spöttereien 
auf seinen Antisthenes pocht, der der rechte Mann sei, um ihnen 
die Köpfe zurechtzusetzen. Aus der noch bissigeren Antwort 
des Aristipp erfahren wir wieder, dass Antisthenes bei Simon 
verkehrt und dass Simon geradezu Vorlesungen über Philosophie 
hält, die freilich lächerlich gemacht werden.'*') Ganz abgesehen 
also von der Echtheit dieser Briefe lernen wir daraus doch als 
die alte Tradition, dass Simon in engstem Bunde mit An- 
tisthenes stand, und dies allein könnte uns schon genügen, 
um Platon's Anspielung zu verstehen und zu rechtfertigen. 

Wenn wir aber Simon's Dialoge noch hätten, 
iAnonyme dann wäre uns ganz geholfen. Dann könnten wir 
aus eigener Anschauung uns über die Schuster- 
weisheit amüsiren, den Hohn Aristipp's und die kurzen Pointen 
Platon's völlig gemessen und würden die literarische Production 
im Anfang des vierten Jahrhunderts wieder von einer neuen 
Seite kennen lernen. Sie sind verloren, sagt man uns. Aber 
vielleicht kann man sie wieder auffinden. Vielleicht sind sie 
schon bekannt, nur nicht unter ihrem rechten Namen und des- 
halb nicht in rechtem Lichte betrachtet und nach ihrer unwill- 
kürlichen Komik gewürdigt. 



*) In dem Bridge Simon' s an Aristipp (ürelli ibid. p. 18) Heisst es: 
Earai Be o acotpQovKTTrii X(öv kfQovcav vfiatv le4vrnr&BPijs' y^dtpeis ya^ onnc, 
ictofjupBiäv rificjv rag d targißdg. Und in der Antwort Aristipp's (ibid.] 
ü(d vvv la/iiev, oTtoioe st, ^Avriad'evas ynQ Ttagd ai tpoiTCL. Jvvri 8i 
iv 2vQaxova€UQ ^tXoao^eXv ' oi yaQ i/uidvree li/uoi dai ocai rä (ficvnj. (MuUachs- — » 
1. 1. p. 415 und 416) — Zell er schreibt L 1. S. 206 „Die Angabe, 





ihm Ferikles angeboten habe, ihn zu sich zu nehmen, er es aber abgelehnt 
habe, sieht, selbst abgesehen von den chronologischen Bedenken, denex 
sie unterliegt, gar nicht geschichtlich aus." Das ist zweifellos; allein mai 
kann durch eine kleine Gorrectur nachhelfen. Denn wenn überhaupt ai 
der Mittheilung bei Diog. Laert. II. 123 {^EhtayyeiXafievov 8i JIsqwXbovs ^ 
d'QSipeiv avTOVf xat xeXsvovrog anidvai TtQos avxov, ovx av, k'^, Tfjv na^^üiat 
aTtoSoa&ai) etwas Gesundes sein sollte, was nicht ohne Weiteres 
zuleugnen ist, so müsste natürlich Dionysius statt Ferikles geschriebei 
werden. Diese ganze Angabe konnte freilich auch aus den Briefen er- 
schlossen sein; es zwingt uns aber nichts dazu, alle Nachrichten über per- 
sönliche Beziehungen wo möglich für erfunden zu erklären. Da sich 
viele Dichter und Sophisten zu dem eitlen königlichen Dichter unc 
Sophisten drängten, so ist die Nachricht an sich nicht unwahrscheinlich^ 
ein Mann wie Simon musste für die Tischgesellschaft des Dionysius und beson«' 
ders für Aristipp eine unerschöpfliche Goldgrube von Witz und Spass werden. 




109 

Sind sie aber schon bekannt, so müssen sie nicht blos 
Pseudonym oder anonym tiberliefert sein, sondern es muss 
auch irgend ein Grund ihre Abkunft imdeutlich gemacht und 
versteckt haben. Dieser Grund ist nun leicht nach der Analogie 
erfindlich; denn wenn eine Schrift mit heterogenen oder homo- 
genen Schriften eines anderen Verfassers zusammen überliefert 
wird, oder wenn ein griechisches Werk lateinisch oder sonst in 
einer anderen Sprache oder einem anderen Dialekte abgefasst 
uns unter die Hände kommt, so ist natürlich die Präsumtion 
geboten, dass es jenem Verfasser und jener Nation und jener 
Zeit angehöre, imd so können zahllose Schwierigkeiten und 
Irrungen entstehen. Vielleicht hat es mit Simon's Dialogen 
dieselbe Bewandtniss. Vielleicht finden wir deshalb wenigstens 
eine Probe der prachtvollen Schusterweisheit. 

Unter den von Stephanus als Anhang zum Diogenes Laer- 
tius zuerst publidrten und von Mull ach zuletzt edirten Re- 
liquien der alten Philosophie giebt es nun eine Reihe von 
Schriften, die zu den Fragmenten der Pythagoreer gerechnet 
sind, und unter diesen wieder eine Schrift mit dem Titel: 
^^vcüvvfiov Ttvbg dcali^sig rjd^tiwl dcogtart avyyeyQafi^ivac. Dass 
«vir ein Bruchstück vor uns haben, sehen wir, wie Mullach be- 
trichtet, aus der Zeitzer Handschrift; denn der Sammler setzte 
^8 Anmerkung hinzu: „der Rest ward nicht gefunden" (ro 
^^loLTtov ovx evQ€d7J) ] dass dies Fragment auch nicht dem 
Sextus Empiricus angehört, dessen Werken es in den Hand- 
i<5hriften angehängt war, wurde ebenfalls bemerkt: l^Tjveltav de 
-i xai To TtaQov avyyqaiifia 2€^tov eariv. Dass Stephanus aber 
^uch keinen sachlichen Grund hatte, es unter die Fragmente 
3.er Pythagoreer zu stellen, muss Jedem einleuchten, der den 
Cnhalt prüft; denn es ist auch nicht eine Spur Pythagoreischer 
(Denkweise und Terminologie darin anzutreffen. Also kann nur 
ier dorische Dialekt die Veranlassung zu dieser schlechten 
^ubricirung gegeben haben. Diese anonyme Schrift ist mithin 
Vorläufig herrenlos, und es muss untersucht werden, ob sie nicht 
3em Simon zugehören kann; denn wir verlangen zu wissen, ob 
^on dem Schuster nichts überliefert sei. 

Fangen wir mit dem Aeusserlichsten an, indem 
'Vrir, wie die Aerzte, gleichsam mit der Methode ""DiaToge*' 
^er Palpation den Umfang des Untersuchungs- 
^bjectes durch Tasten bestimmen. Wenn nun nach Diogenes 



110 

Laertius 33 Abhandlüngea Simon's in Einem Bande oder Buche 
gewesen sein sollen*), so konnten dies nur disputatiunculae sein. 
Der Schuster wusste von vielen Dingen zu sprechen, aber von 
jedem nicht viel. Und nun? Wie verhalten sich die Abhand- 
lungen unseres Anonymus ? Es sind genau solche kleine Dinger- 
chen, deren 33 etwa wohl zusammengenommen die Grösse eines 
kleineren Platonischen Dialogs ereichen würden. 

Die zweite Frage betrifft auch noch Aeusser- 
Titei der liches, nämlich die Inhaltsangabe oder die Titel 
der kleinen Abhandlungen. Da wir nun blos 
Fragmente des Buches haben, so braucht wohl nicht die bei 
Diogenes gegebene Reihenfolge streng massgebend zu sein, 
doch dürfte grade deswegen eine Uebereinstimmung in dieser 
Beziehung wieder überraschen und unsere Anerkennung der 
anonymen Fragmente fordern. 

Nun gehe ich von der Voraussetzung aus, dass die Titel 
vieler Schriften des Alterthums erst von späteren Grammatikern 
hinzugesetzt wurden. Folglich brauchen wir uns nicht unbedingt 
an die vorgefundene Titulirung der einzelnen Abschnitte zu 
binden. Es kann vielmehr unsere Aufgabe nur sein, aus dem 
Inhalt der Dialoge selbst den passenden Titel zu erkennen und 
diese Inhaltsbezeichnung mit den bei Diogenes überlieferten 
Titeln zu vergleichen. 

Die Titelangabe des Diogenes beginnt mit Tteql 'd-ewv. Diese 
Abhandlung fehlt in unseren Fragmenten. Dann folgt tcbqI tov 
äyad'ov. Das ist aber gerade die erste erhaltene Abhandlung. 
Dann folgt bei Diogenes Ttegl rov %aXov. Diese findet sich 
ebenfalls und ist die zweite. Es folgt Ttegl dt^alov**); vom Ge- 
rechten und Ungerechten handelt aber auch gerade die dritte 
Dialexis unseres Ungenannten. Drei Abhandlungen also stimmen 
der Reihe nach mit dem Katalog des Laertiers. 



*)Diog. Laert. II. 122. "O&ev ^xvrixove avrov tovs StaXoyove xcdavinv. 
Etal Si r^sis xai r^idieotna iv evi ^eQOfievoi, ßißXiio. 

**) Ich lasse nämlich den noch dazwischen stehenden Titel TiTOitaXov 
weg, erstens weil derselbe noch einmal als achte Abhandlung erscheint, 
und zweitens weil wir sonst 34 und nicht 33 Titel erhalten würden. £8 
folgt zwar als dreissigster Titel auch iteQl rav xaXov noch einmal; allein 
Diogenes hat gleich bemerkt, dass Andere anders lesen: oi 8e JJe^ tov 
ßovXevead'ai. 



111 

Von der übrigen Masse sind uns noch ein Paar erhalten, 
die nicht so ganz ohne Weiteres aufgezählt werden können. Es 
folgt nämlich unter den erhaltenen jetzt eine Abhandlung 7ceQl 
aXa^dag yLol rpevdeog^ die im Katalog des Diogenes fehlt. Das 
giebt zu denken. Sollte da nicht irgend ein Irrthum obwalten, 
weil doch die fünfte wieder genau mit der Reihenfolge des 
Laertiers stimmt? Vielleicht finden wir Rath, wenn wir be- 
achten, dass Diogenes IlBql diKaiov TtQwrog, öevreQog hat, während 
uns nur eine Abhandlung über das Grerechte erhalten ist. Wie 
wäre es, wenn die angebliche zweite vielmehr unsere Abhandlung 
vom Wahren und Falschen bildete, die sich sonst in dem 
Katalog des Laertiers überhaupt nicht findet? Dass eine solche 
irrthümliche Aufzählung leicht möglich war, sieht man daraus, 
dass der Anonymus in seiner Abhandlung vom Grerechten gleich 
mit dem tpevdog anfangt: zai TiqtoTov f^iv to ^psvöead-ai wg 
diKacov earc Xe^cS. Und bald darauf sagt er wieder: omwv 
r^drj xpevdead^ai %at e^aTtarav — di'^aiov und am Schluss 
sagt er: ovVc 7t ot äXd^eiav, älXa tvotI Tag rjdoväg. Da nun 
die folgfeade Abhandlung gleich mit den Worten anfangt: U^ovcat 
de %al Tteql tov xf^evdeog xat rag aXad-eiag öiaaot loyoc, so konnte 
leicht der Irrthum entstehen, als sei hier nur eine Fortsetzung 
oder ein zweiter Theil (ßevreQog) für die Frage tvsqI öv^alov 
vorhanden. Wenn man dieses einräumt, dann hätten wir jetzt 
vier Abhandlungen, die der Reihe nach mit dem Katalog des 
Diogenes stimmen. 

Bei der fünften aber ist die Uebereinstimmung zweifellos. 
Diogenes hat : Ttegl agevTjg, otl ov öiöcckzov und unser Anonymus : 
Ttegl rag aofpiag %ai ägerag, al ölöccktov. Da die erhaltene 
Abhandlung nämlich die aoq)la von der ägeva nicht absondert, 
80 fallt beides zusammen und ein Klügerer hätte natürlich blos 
aqezd gesagt. 

Dies sind nun die erhaltenen fünf Abhandlungen, die genau 
nach der Reihenfolge des Laertiers überliefert sind. Ich möchte 
aber noch bemerken, dass die angebliche zweite Abhandlung 
über das Gerechte, die Tteql dkad'eiag zqt xpevöeog überschrieben 
ist, nach ihrem Inhalt in zwei verschiedene Abhandlungen 
gespalten werden muss. Der erste Theil reicht bis zu den 
Worten p. 549 b. Tovto de oXov diaq)eQ€i. Von da ab beginnt 
ein anderes Thema und führt bis zum Schluss. 



^112 

Wenn wir den ersten Theil seinem Inhalt nach betrachten, 
so könnte er allerdings zu der Frage über das Gerechte ge- 
hören, weil die Entscheidung über das Wahre und Falsche 
ausschliesslich nur soweit untersucht wird, als es vor das Forum 
des Richters gehört. Ich erinnere an das Einzelne : luxrrjyoQeig rr 
aTtoloyovf^ivio, dcnaOTriQia, %qLvovti^ i^efxaQVVQrjaSy ovicüv diaq)€Qei, 
ald'cg Tocg dcTcaaTolgj o, tc kqlvolvto. Allein ebendeshalb 
könnte der kleine Dialog auch tvsqI Kglaeiog überschrieben 
werden und dieser Titel findet sich bei Diogenes Laertios. 

Bei diesem folgt dann ein anderer Titel Tvegt rov ovTog 
und wir könnten wirklich für die Betrachtungen, die unser 
Anonymus in dem bei ihm folgenden Abschnitt bis zum Schluss 
giebt, keinen passenderen Titel auffinden. Aeusserlich wird dies 
noch dadurch bestätigt, dass die beiden Antilogien gerade mit 
diesem Hinweise auf das Sein abschliessen. Die Thesis schliesst: 
ov'Kwv %al EVTL ra TtqaypLaTa zat ov% ivri und wiederum die 
Antithesis: Tavra TtdvTa wv Tcrj evtl. Es handelt sich also 
unzweifelhaft um das Sein. 

Demnach wäre also bei der vierten überlieferten Abhandlung, 
die einen bei Diogenes nicht vorkommenden Titel enthält, eine 
falsche Ueberschrift nachgewiesen. Und wir hätten bei der 
sorgfaltigen Analyse des Inhalts zwei in dem Laertianischen 
Kataloge der Reihe nach gegebene Dialoge aufgefunden. So- 
mit stimmen sechs Abhandlungen vorläufig mit dem Kataloge 
überein. 

Ich möchte aber noch zwei Abhandlungen zufügen, deren 
Titel bei MuUach fehlen, obgleich sie selber vorhanden sind. 
Wenn man nämlich die letzte überlieferte Abhandlung genauer liest, 
sieht man gleich, dass ihr Titel nur bis (p. 551 a) zu den Worten 
reichen kann: ymI ov Xiyw, wg ötdccKtög iarcv, all^ oVt ovn 
CLTtoxqävui f4oi Ttjvai al aTtoöei^etg. Alles Folgende gehört nicht 
mehr zur Sache, sondern behandelt zwei neue Punkte. Und 
zwar möchte ich nach dem Kataloge des Diogenes dafür zwei 
passende Titel wählen, die uns also zwei neue dcale^eig zu den 
Sechsen liefern würden. 

Die erste fangt an: Jeyovri^ di rweg rwv drjf^ayoQOvvriüv, 
und der Verfasser erklärt, ihr Ziel sei rf/^tata daf^crvrMv und 
der d&f^og müsse anders wählen. Was steht im Wege, hier die 
im Kataloge bei Diogenes verzeichnete didXe^cg: Tieqi örj^iayct)' 
yiag zu erblicken? 



113 

• 

Die zweite und letzte fängt an mit den Worten: !AlvdQbg 
KOTcc rag ovrag Tsx^ag vo^vCsa Ttcera ßQCcxv te övvaaS^ac ^at dia 
fiaxQiSv diaXsyead-ai. Da der Schuster hier aber noch un- 
gewaschener spricht, als in den anderen Abhandlungen, weil die 
Frage etwas zu hoch über seinen Kopf geht, so zweifle ich, ob 
hier als Titel bei Diogenes der Punkt tzsqI eTtiaTTjiirjg oder 
der andere Ttegl tov diakeyea&ai in Anspruch zu nehmen sei; 
denn es wird zwar mit einem Ausspruch über das diaXiyead'at 
der Anfang gemacht, die Portsetzung aber scheint der iTtiOTtuLirj 
zu gehören. 

Ziehen wir die Summe, so haben wir also in den moralischen 
Disputationen des anonymen Verfassers fünf dem Katalog der 
Disputationen Simon's und zwar auch der Reihenfolge nach 
entsprechende Titel und ausserdem noch von dem Reste drei, 
die ohne irgend welche Künstelei unter die im Katalog über- 
lieferten Titel passend unterzuordnen sind. Wer wollte leugnen, 
dass diese Uebereinstimmung überraschend sei und die Ver- 
muthung kräftig unterstütze, dass wir hier Simon's Schuster- 
dialoge vor uns haben. Und zwar haben wir folgende in dem 
Katalog angeführte Dialoge: 1. Tteqt tov ayad^ov, 2. Tteqi tov y,aXoVf 
3. ^agl ömaiovy 4. Ttegt HQioeojg (nämlich tcSv diY^aaTwv Ttegi tüv 
xp&iöeog T^al Tag aXa&eiag), 5. Tteqi tov ovTog, 6. Tteql aper^g, ort 
ov didccKTOV, 7. Ttegl dr^fxaywyiagy 8. Tteqi ^TtiGTtj^rjg. 

Man hat diese kleinen Abhandlungen diaXs^ecg ^ , 

genannt. Möge Stephanus in der von ihm benutzten !^ * 

Handschrift diese Bezeichnung vorgefunden oder 
sie selbst als die passendste aufgebracht haben: jedenfalls ist 
eine solche Benennung berechtigt, sofern ja auch dieses Wort 
auf das Sokratische diaXiyead^ac*) zurückgeht und also dasselbe 
wie didXoyoL bedeutet. Es sind Disputationen im weiteren Sinne, 
da öiaaoi Xoyot gegen einander geführt werden , wenn auch 
schliesslich die Abrechnung fehlt. Denn zu dem Begriff eines 
solchen Dialogs gehört es gar nicht, dass die Rede und Gegen- 
rede an künstlerisch individualisirte Charaktere vertheilt werde 
und einen dramatischen Process darstelle : stümperhaft ausgeführt, 
wie bei unserem Anonymus, oder mit künstlerischer Meisterschaft, 
wie bei einigen wenigen Dialogen Platon's, immer ist doch im 



*) Vergl. M. von Lingen „die Wurzeln ytsrunä^fEXim Griechischen" 
1877. In Xenophon's Briefen heissen Platon's Dialoge diaXe'Seis. 

8 



114 

Allgemeinen die Stilgattung dieselbe, es dreht sich um eine Er- 
örterung der Begriffe durch Dialektik. 

Vielleicht hatten diese Dialoge auch den Titel „Er- 
innerungen". Wenigstens erwähnt Mullach, es sei unter diesen 
Dialogen gestanden : twv tov OYSTtTCTcov 2€^rov tüv TtQog avzl^jaiv 
diza VTtOfxvr^fÄdTOJV diüQiycrjg diaXiysov evxevd-ev eiog tov TcXovg. 
Zr^TeiTai de ei ycat zb Traqöv avyyqaf^f^a ^e^tov eoTiv, *) Wenn nun 
auch Sextus seine Betrachtungen*über das Kriterium der Wahrheit 
ein paar Mal VTiöfÄvr^fÄa**) nennt, so ist doch die herrschende Be- 
zeichnung dieser skeptischen Untersuchungen das a7tOQ€7v\ind ajioqiai 
und Ci^T^öTfitg.***) Es scheint mir daher nicht undenkbar, dass 
diese Benennung v7to(4vr^f,t(XTa dorischen Dialektes unseren Dialogen 
in der alten und ursprünglichen Bedeutung wie bei Xenophon 
angehört habe, indem der Verfasser irgendwo erklärt haben kann, 
dass er ihren hauptsächlichen Inhalt der Erinnerung an die 
Gespräche des Sokrates verdanke, was in Bezug auf die ersten 
vier Dialoge ganz wahrscheinhch ist, während die folgenden vier 
allerdings von anderem Charakter sind. 

Wollte man etwa die erste im Katalog des Laertiers an- 
geführte Untersuchung über die Götter (Ttegt S'Bmv) in dem 
Körper der Untersuchungen des Sextus aufsuchen, so würde 
man da freilich gleich auf ähnliche Abschnitte stossen, z. B. am 
Anfang des dritten Buches der Pyrrhonischen Hypotyposen und 
Adv. mathem. 548. Allein obgleich die Gegenreden {avriQQrflBtg) 
bei den ersteren eine grosse Aehnlichkeit mit den Betrachtungen 
unseres Simon haben, so ist doch bei Sextus Alles in eine so 
technisch ausgearbeitete Rüstung von logischen Schulbegriffen 
gesteckt, dass man wieder nicht daran denken darf, diese 
Antirrhesen dem Simon zuzuschreiben. Die Vergleichung beider 
kann aber recht dazu dienen, den alterthümlichen Charakter 
unserer Dialoge zu erkennen. Denn der Anfang der Skepsis 
liegt entschieden schon darin, da durch die dtaaoi XoyoL als durch 
eine avxLqqr^öig ' auch ein Gleichgewicht (iooad^eveid) der Gründe 
Für und Wider einzutreten scheint, so dass Glauben und Un- 
glauben (^ xara Ttiatcv yial aTiiariav iaoTrjg) dieselbe Behauptung 



*) Mullach Fragm. phil. graec. II. p. XXXIII. a. . 
**) Ad. math. 458. 28, 459. 4. 
*♦*) Z. ß. Adv. math. 223. 35 und 224. 25. 



betreffend sich die Wage halten.*) Gleichwohl tritt tt'nsißlf 
Anonymus in der Regel auf die Eine Söite oder ist sich 
wenigstens nicht bewusst, dass nun eine Epoche und Aporie 
eintreten müsse oder gar von ihm beabsichtigt wäre. Er ist 
noch ganz naiv in der Au£zählung der Widersprüche und verfährt 
so, wie Sokrates bei Xenophon und bei Piaton, wenn er die 
positive und dogmatische Beantwortung durch Erschütterung der 
Vorurtheile und hergebrachten Meinungen vorbereitet. Gleichwohl 
bildet er den archaischen Typus für die skeptische Methode, und 
auch z. B. der kleine Dialog über Wahrheit und Falschheit 
zeigt schon denselben Gesichtspunkt, der bei Sextus für die 
tTci^aQTVQVjaig Ttgog nfß svaQyelag**) geltend gemacht wird, nur 
in ursprünglicher Naivetät. 

Wir müssen nun fragen, ob wir Grund haben, diese kleinen 
Dialoge als ai^vrinol äidloyoc anzusprechen. Man hat kein 
Recht anzunehmen, es müsse in so benannten Dialogen noth- 
wendig immer von Leder, Sohlen und dergleichen die Rede sein. 
Der Name ist offenbar nur von dem Gewerbe und der Werk- 
statt des Verfassers hergenommen***), um anzudeuten, dass ihm 
die Vorbildung und das Talent zu solcher literarischen Dialektik 
fehle und dass die Leistung demgemäss die Forderungen der 
Sache nicht befriedige. In diesem Sinne genommen sind die 
uns überlieferten Dialoge nun allerdings völlig schusterhaft. 
Der Verfasser mag immerhin in alten und besseren Zeiten 
{TcdXaif wie Aristipp in seinem Briefe sagt)-}-) den Sokrates in 
Begleitung von edlen und vornehmen Jünglingen in seiner 
Werkstube gesehen haben, war er ja doch auch ein Gegner 
der radicalen Demokratie (vergl. den 7. Dialog) und also einiger 
Artigkeiten von Seiten der Aristokratie werth; nach Sokrates 
Tode aber hatte er sich als alter Mann an den Antisthenes ange- 
schlossen und glaubte auch mit seiner unverdauten Weisheit 
literarisch hervortreten zu können. Kein Wunder, wenn diese 



*) Pyrrhon. Hypot. 7 — 11. 

**) Sext. adv. math. VU. 414. 211 ff. u. z. B. ibid. VUI. 519. 323 f. 
♦♦♦j " O&ev ^xvTixove avrovg rovs StaXoyove xaXavfftv. Nämlich weil 
Simon axvTorofios und der Ort die Schusterwerkstatt [tQyaatriqiov) war, 
nennt man auch die Dialoge selbst mit diesem Namen. 

f) Vergl. auch Plutarch. Philos. esse c. princ. Hütten VI p. 80 
2ifi(Ov ei yevcufiai o axvroTOfios — — iva ftoi TtQOffSiaXe'yr^rai xal TtQoaxa&i^rj 
6 .Stax^TTjs. 

8* 



116 

Dialoge also zwar nicht einen skeptischen Charakter tragen^ wie 
man nach dem ersten Eindruck behaupten möchte, aber doch 
die Unfähigkeit des alten Schusters, mit der Rechnung 
fertig zu werden, an den Tag legen. Skeptisch könnte man 
sie nur nennen, wenn der Verfasser die Möglichkeit, die Wahr- 
heit zu erkennen, leugnete, was ihm gar nicht einfallt, oder 
wenn er aus dem Widerspruch der Lehrmeinungen irgend welche 
Polgerungen für UQjsCr moralisches Benehmen zöge. Er hat 
aber kluge Leute so und Andere anders räsonniren gehört und 
giebt nun beides wieder, ohne sich recht auf die eine oder die 
andere Seite zu schlagen, aber zugleich ohne nur einmal die 
Frage aufzuwerfen, ob der Widerspruch der Behauptungen noth- 
wendig in einem Mangel des menschlichen Erkenntnissvermögens 
läge und etwa überhaupt einen Verzicht auf dogmatische Ent- 
scheidung forderte. Es darf deshalb nicht von Skepsis die Bede 
sein, sondern nur von Schusterweisheit, da eben nur der Schuster 
Simon nicht weiter kann, der sich schon was darauf einbildet, 
dass er die widersprechenden Meinungen der Gelehrten aufzählen 
und erörtern kann. Denn dass es nicht auf Skepsis abgesehen 
ist, sieht man daraus, dass der Verfasser zwar beida. Antilogien 
darlegt*), sich doch aber auch, wenn er einmal zu seinem 
eigenen Urtheil Zutrauen hat, wie z. B. in dem siebenten Dialog 
bei einer praktischen Frage (Mull. p. 551b) ganz dogmatisch 
sofort gegen die Erwählung der Beamten durch's Loos ent- 
scheidet. Hier mag ihm aus seinen früheren Tagen die Er- 
innerung an Sokrates vorgeschwebt haben, wie denn in dieser 
Frage auch Antisthenes zustimmte.**) Das Schusterhafte 
dieser Dialoge liegt also vor Allem in dem augenfälligen Mangel 
an dialektischem Talent, in der Unb.ehilflichkeit der Bede und 
der Unverdaulichkeit der Gedanken. 

Sodann zeigt sich der banausische Charakter der Schrift 
auch sonst überall. Nimmt man z. B. gleich den ersten Dialog, 



*) Der Stil dieser Wendungen erinnert ganz an die ungefähr gleich- 
zeitigen Memorabilien des Xenoplion z. B. I. 2. 19 iyat Si ne^l rovrcar ov/ 
ovTW yiyvcoaxco und I. 2. 21 xäycj 8e uaqxvQcJ rovroig, wo Xenophon seine 
eigenen Ansichten geltend macht. Aehnlich unser Simon I. p. 644 a Mull. 
iy(6 Si xai alroe TotffSe Ttornid'efiai, p. 545 a iyco $e xai avro StaiQBvumif III 
p. 547 b xal tyco rovico nei^dao/ufu rififOQeXv. 
♦*) Diog. Laert. VI. 8. 



117 

80 wird da die Eelativität des Guten und Ueblen, die durch 
ein einziges Beispiel klar geworden wäre^ an sechszehn Bei- 
spielen erläutert; yon denen jedes dasselbe sagt^ wie das vor- 
hergehende. Sieben Beispiele davon gehören dem Handwerk an, 
und der Schuster ist nicht vergessen; denn ^dass die Sohlen 
abgerieben und zerrissen werden, das ist für Andere ein 
üebel, für den Schuster aber gut." Das Behagen, mit dem der 
Verfasser seine Beispiele auskramt, ohne daraus irgend einen 
weiteren dialektischen Vortheil zu ziehen, zeigt die untergeordnete 
Bildungsstufe, da dergleichen bei seinen Berufsgenossen aller- 
dings gewiss schon als Geist und Philosophie geschätzt wurde. 
Die Komik dieser sich in Weisheit spreizenden Dialoge tritt 
aber erst recht hervor, wo der Verfasser mit grossem Selbst- 
bewusstsein z. B. über Platon's Protagoras aburtheilt und Platon's 
Gründe gegen die Lehrbarkeit der Tugend recht einfaltig nennt 
(cf. 6 ^Eyw äe %aq[ta evrj&rj vofiiCcj tovös tov Xoyov). Amüsant 
ist auch seine Freude über die gelehrte Entdeckung, die er 
gemacht hat, dass der Name Chrysipp eigentlich auf xqvaog 
Gold und ifcnog Pferd zurückführe und Pyrilampes auf 7tvQ 
und XafiTteiv, Kurz, der Biedermann verräth sich überall, und 
ich brauche nicht noch besonders darauf hinzuweisen, dass der 
Stil humi serpit. Nicht eine Spur von Kunst und Geist in der 
Verknüpfung der Perioden, in der Wahl der Worte, in der 
Anordnung der Gedanken, sondern eben der Stil von Meister 
Pfriem. 

Ich stimme Blass und Bergk zu, dass uns 
der Verfasser auch seinen Namen hat überliefern '**™* **•* 
Wollen, und beziehe mich auf ihre Gründe, ohne 
sie hier zu wiederholen. Die Stelle, um die es sich hier dreht, 
ist ein hübsches Beispiel von Schusterweisheit. Er will seine 
Erklärung, dass ein und dieselbe Rede sowohl wahr als falsch 
^ei, durch ein Beispiel illustriren, und wir können gleich an der 
fraglichen Stelle seinen Namen einschieben. Es handelt sich 
Um eine Aussage vor dem Gerichtshofe: „Wenn wir hier der 
^eihe nach, wie wir da sitzen, erklärten: ich bin Simon, so 
Sagte ich allein das Wahre; denn ich bin es ja." Jeder also, 
der sich vor Gericht für Simon ausgiebt, sagte dasselbe: ich 
bin Simon; trotzdem wäre diese selbige Rede sowohl wahr als 
falsch ; falsch bei allen Anderen, wahr blos bei ihm, der wirklich 



118 

Simon ist. Der „biedere Schuster"*) merkt gar nichts wie er 
mit seinem Witze zu kurz kommt; denn sein Grund: „ich bin 
es ja" muss doch nach der Voraussetzung wieder zugleich als 
wahr und als falsch gelten^ bis man einen Grund findet, seine 
Aussage allein für wahr zu halten; denn Alle hatten ja dasselbe 
gesagt nach der Voraussetzung. Er nimmt aber an, dass 
doch Alle wissen, dass er Simon ist, und so braucht er nichts 
zu beweisen. Er hätte darum auch sagen können: wahr ist 
etwas, wenn es wahr ist. Diese Stelle mag uns also die banau- 
sische Philosophie dieses Mannes und die Entrüstung Platon's 
über solche Sophisten erläutern, die, wie er sagt, aus dem Hand- 
werkerstande zur Philosophie übersprängen und, wie ihr Körper 
schon durch die banausische Arbeit verunstaltet wäre, so auch 
mit zerstossener und abgeschundener Seele und ganz ungenügendem 
Verstände nichts als Gemeines und Bastardmässiges hervor- 
brächten, da ihre elenden Sophismen keinen Antheil an wahrer 
und echter Weisheit hätten. Isokrates hätte darum Unrecht, 
die wirkliche Philosophie zu tadeln. Recht aber leider insofern, 
als solche Leute sich Philosophen nennen und um ihretwillen 
die Philosophie den schlechten Ruf verdiente.**) 

Ob der kleine, kahlköpfige, zu Gelde gekommene Kerl, den 
er schildert, ein Portrait von unserem Simon ist, lässt sich 
natürlich nicht feststellen. Da Piaton aber von Vielen spricht, 
so scheint er den Schlimmsten von ihnen, einen früheren 
Schmied, herausgegriffen zu haben. Ich habe nicht gefunden, 
dass Jemand schon über diese Persönlichkeit eine Vermuthung 
ausgesprochen hätte, und glaube doch, dass auch blosse Ver- 
muthungen hier erlaubt oder erwünscht sind. Mir scheint nun, 
dass hier ein bekannter Mann gekennzeichnet sein muss und 
zwar ein Eristiker, und so denke ich, da Piaton ja auch 
das in dem inzwischen herausgegebenen Euthydem citirte Urtheil 
des Isokrates über die Philosophie hier wiederholt, an den 
Waffenschmied Euthydem. So würde der ganze Zusammen- 
hang verständlich werden; denn die Schildfabrik der Söhne des 
Kephalos musste ja wegen der vielen zum Schilde gehörenden 



*) So nennt Steinhart den Simon, ohne im Geringsten zu unter- 
suchen, ob er bieder war. Es scheint beinahe, als wenn es genügte, ein 
Schuster zu sein, um bieder zu heissen. 
**) Piaton, Staat p. 495 C - 496 B. 



119 

Erztheile auch eine Giesserei und Schmiede enthalten, und 
Piaton lässt ihnen ja auch die Ehre, dass sie die Feinsten in 
ihrem Geschäfte wären.*) Euthydem hatte sich aber an Anti- 
sthenes ebenso angeschlossen, wie unser Schuster Simon, und so 
sieht man, dass es dieser ganze banausische und cynische Kreis 
ist, den der aristokratische Piaton hier durchnimmt, indem er 
sein im „Euthydem" abgegebenes Urtheil weiter ausführt. Ich 
möchte deshalb auch, da Piaton in dem späteren Theätet die 
Weisheit des Antisthenes auf Protagoras zurückführt, fast ver- 
muthen, dass er schon im „Protagoras" im Stillen an die 
Grenosseu des Antisthenes gedacht hat, als er den Protagoras 
sagen lässt, Piaton müsse sich es wohl gefallen lassen, dass der 
Schmied und der Schuster in Staatsangelegenheiten mit 
rathen und stimmen wollten.**) Die Carricatur, die er aber 
hier im „Staate" von dem Euthydem entwirft und die vielen 
bitteren Vergleichungen, die er sich in seiner aristokratischen 
Aufwallung erlaubt, erinnern theils an den komischen Ton, den 
er im „Euthydem" angeschlagen hatte, theils zeigen sie seine 
höher gestiegene Verstimmung oder Erbitterung über das 
Treiben dieser ihm feindlichen Clique. 

Bei Diogenes wird erzählt (nach welcher 
Quelle bleibt zweifelhaft), dass Simon, wenn Sokrates piaton und 
zu ihm in die Werkstube gekommen wäre und ,^'!"®"- 

Einiges geredet hätte, nach der Erinnerung Auf- Abfassung. 
Zeichnungen gemacht habe. Es ist darum verständ- 
lich, dass ihm die Ehre zugeschrieben wird, der Erste gewesen 
^u sein, der Sokratische Reden vorgetragen oder verfasst habe.***) 
XDamit ist natürlich über die Abfassungszeit unserer moralischen 
^Disputationen nichts entschieden, auch wenn wir geneigt wären, 
%ie Simon zuzusprechen; denn erstens haben wir hier nur einen 
^Theil derselben vor uns, denen andere vorhergegangen sein 
Icönnen, und zweitens wissen wir auch nicht, ob die Quelle dieser 
Nachricht Glauben verdient, und wenn sie es auch verdiente, 
^o wäre auch dadurch kein Datum bestimmt. Ebensowenig 



*) Ibid. p. 495 D 6i av uofiipoiatoi, ovres xv/x^rioai neQi xo avrwv 

♦*) Vergl. oben S. 106 A. 
**♦) Diog. Laert. II. 123. Ovtos ,| tpaffi, Tt^atros dieXex&rj rovs Xoyovä rovg 
^SaMi^arueovg, 



120 

hilft uns die andere Nachricht, dass Aristipp und vielleicht 
auch Phaidon*) gegen Simon geschrieben haben. Dies ist gar 
nicht unglaubhaft, so unbedeutend uns auch Simon's G^ist und 
Schriftstellerei jetzt erscheinen mag. Möge Simon aber auch 
immerhin mit einigen Sokratischen Aufzeichnungen den Keigen 
dieser Literaturgattung eröffnet haben, so wird damit doch 
keine chronologische Feststellung erreicht, und wir stehen immer 
vor der Frage, wann die uns noch erhaltenen anonymen Dialoge 
geschrieben sein können. 

Mullach hat nun mit Recht darauf hingewiesen, dass sie 
die Schlacht bei Aigospotamoi voraussetzen als jüngste Ver- 
gangenheit. Da er in dem Verfasser aber einen späten 
Sophisten vermuthet, der etwas vor Pyrrhos Zeit gelebt habe 
und ein guter Kenner des Alterthums gewesen sei, so hält er 
die Zeitbestimmung (tcc vedrara TtQakov eQci) für eine fingirte. 
Dies ist wohl zu künstlich. Nach dem ganzen Zusammenhang, 
der hier aufgezeigt wurde, müssen wir einfach glauben, dass der 
Verfasser nicht lange nach dem Ende des peloponnesischen 
Krieges geschrieben hat. Einen gewissen Spielraum haben wir 
freilich; denn dass er mit dem vedrara nicht auf die kleineren 
und in ihren Folgen noch nicht recht übersehbaren Tagesereig- 
nisse eingehen wollte, sieht man daraus, dass er von dem Aus- 
gang des peloponnesischen Krieges, der für die Athener ein 
Uebel, für die Lacedämonier als Sieger etwas Gutes gewesen 
sei, gleich zu den Perserkriegen überspringt, dann den trojanischen 
Krieg, darauf der Kampf der Lapithen und Kentauren und 
endlich den zwischen den Göttern und Giganten anführt. Da 
er überall blos sagen will, dass ein und derselbe Krieg für die 
Sieger ein Gut, für die Besiegten ein Uebel gewesen sei, -so 
konnte er nur solche Dinge anführen, die schon ganz 
abgemacht waren und also für diese Art von Disputation 
bequem lagen. 

Obgleich wir uns also die Freiheit erhalten müssen, die 
kleiiieren Ereignisse zu übergehen und einige Jahre nach dem 
Friedensschluss einzuräumen, so würden wir doch Bergk, wie 



*) Diog. Laert. II. 105. JiaXoyovs 8i awey^axpe yprjaiovg fiev Zionv^ov, 
2iu,(ova X. T. X. Da auch Euklid einige seiner Dialoge mit dem Namen 
von Zeitgenossen versah, wie z. B. Aeschines und Kriton, so mag dieser 
Simon auch der Schuster gewesen sein. 



121 

ich oben S. 101 begründete^ unmöglich 17 Jahre zugeben können, 
da in dieser Zeit die Verhältnisse völlig verändert waren. Ich 
möchte dagegen einen Gesiöhtspunkt hervorheben, der von den 
&üheren Kritikern nicht berücksichtigt ist, der uns aber die 
gewünschte Freiheit der Datirung bis zu einem gewissen Grade 
wieder verschafft. Sind wir denn gezwungen, diese kleine 
Schrift als ein unauflösliches Ganzes zu betrachten? 
Prüfen wir die Schrift nach dem Inhalt der Gedanken, so ist 
von einer organischen Einheit, von einem systematischen Ganzen, 
von einer nach einem beherrschenden Zweck geordneten Sammlung 
gar keine Rede. Jedes Stück ist ein kleines Ganzes für sich 
und lässt sich, ohne dem Anderen den geringsten Abbruch zu 
thiin, selbständig ablösen, da keines in seiner Argumentation 
auf das Andere hinweist*) oder des Anderen bedarf. Diese Be- 
merkung ist nicht nur wesentlich zur Charakterisirung des indi- 
viduellen Stils und der Oompositionsweise unseres Autors, sondern 
verschafft uns auch die Freiheit, einige Stücke früher, andere 
später zu datiren. Es fragt sich nur, ob es denkbar ist, 
dass so kleine disputatiunculae für sichpublicirtwären. 
Da kann uns nur die Analogie helfen. Daran aber ist kein 
'Mangel ; denn mögen wir an die kleine Flugschrift des Isokrates 
liber die Sophisten denken oder an die des Alkidamas oder an 
clie Liebesrede des Lysias, oder an die letzthin von Blass edirten 
Ideinen Schriften von Antisthenes oder an etliche pseudoplatonische 
arbeiten und an etliche Reden der gerichtlichen Beredtsamkeit, 
tiberall finden sich Arbeiten von so geringem Umfange, dass 
^r auch, wenn wir unseren Anonymus in zwei oder drei Theile 
zerschnitten, dennoch der Analogie nicht entbehrten. 

Darum bleibe ich dabei, dass die erste Disputation {^teQl 
-wov dyad'ov) nicht lange nach dem Ende des Jahrhunderts ge- 
schrieben sei. Da aber die zweite (Tteql tov '^aXov)^ die dritte 
^7t€Ql dmaiov) und die vierte (Tcegl 'KQiaecog sc. tüv öiKaatdiv 
:srt€Ql Tov ^evSeoQ %al rrjg aXad^eiag) in demselben Stile und von 
derselben äusseren Form der "Composition wie die erste und auch 
durch die coordinirende Partikel yial aneinander gereiht sind, so 



*) Dagegen sind allerdings die ersten vier Disputationen ä us serlich 
dnrch das Eine Wort „auch" («ai) aneinander gereiht, was, wie man gleich 
sehen wird, für die Chronologie eine semiotische Bedeutung ha^. 



122 

scheint es mir unzweifelhaft, dass wir ihre Abfassung unmittelbar 
an die erste anschliessen müssen. 

Anders verhält es sich mit der fünften Disputation. In 
dieser kommt die Erwähnung von Libyen und Cypern vor. Ob- 
gleich ich nun, wie oben S. 102 begründet, dem ßäsonnement 
Bergk's, der unseren Anonynius deshalb nach Cypern versetzt, 
nicht zustimmen kann, so glaube ich doch, dass damit auf Zeit- 
ereignisse angespielt wird. An sich zwar ist es für den logischen 
Charakter des Schlusses ganz gleichgiltig, welche Localität für 
das Beispiel gewählt werde. Da aber die Ideenassociation, welche 
uns die Beispiele einfallen lässt, nicht zufallig sein kann und 
unser Verfasser auch sonst schon an Ereignisse der Gegenwart 
anspielte, so müssen wir hier an die Feldzüge Athenischer 
Truppen in Cypern und Libyen denken, wobei der Unter- 
schied, ob einer in Athen oder in Cypern oder in Libyen sich 
befindet, von der grössten Bedeutung ist. Ob aber gerade die 
Unternehmungen des Chabrias die Ideenassociation unseres 
Autors bestimmten, oder ob man an andere Ereignisse denken 
kann, das überlasse ich Kundigeren genauer auszumachen. 

Von einem anderen Charakter als die fünf ersten Dialoge 
sind aber entschieden die drei letzten, der sechste (7V€qI äQevTJg), 
der siebente (negi drj/.4aywylag) und der achte (Ttegl STtiOTi^fÄijg). 
Da fällt die frühere einfaltige ävTigor^aig der dtaaol Xoyot ganz 
weg. Der Verfasser tritt selbständig mit seiner eigenen Ueber- 
zeugung hervor, die er recensirend gegen eine inzwischen er- 
schienene Schrift zur Geltung bringt. Darum stehen auch die 
einzelnen Behauptungen nicht mehr lose und zusammenhangslos 
nebeneinander, sondern unterstützen sich einander zu einem 
Bäsonnement, das, mit den früheren Disputationen verglichen, 
entschieden an Bedeutung gewachsen ist. Woher kommt nun 
unserem Simon dieser unerwartete Geist? Offenbar aus den 
Schriften, gegen die er pole'misirt. Dadurch wird aber eine neue 
Indication gewonnen; denn wenn wir diese bekämpften Schriften 
angeben und datiren könnten, so würden wir auch die Chronologie 
für unsere letzten drei Disputationen in der Hand haben. 

Es kann nun Niemandem entgehen, dass der Anfang der 
sechsten Disputation dasselbe Thema wie Platon's Protagoras 
behandelt, und deshalb hat auch Bergk dies gesehen, obgleich 
er zuerst den Widerspruch unseres Sophisten gegen Piaton nur 
als scheinbar auffasst^ hernach aber eine stillschweigende Polemik 



123 

III II I I. ■ I MM^^ I ■ 

gegen ihn annimmt. Wenn wir jedoch etwas genauer den In- 
halt durchgehen^ so verschwindet auch der letzte Zweifel. 

Unser Verfasser sagt, die Behauptung, dass Weisheit und 
Tugend weder lehrbar noch lernbar wären, sei weder wahr, noch 
nichtig. Ist diese Stellungnahme nicht ein sehr natürliches 
Xtesultat für einen Schuster, der Platon's skeptisch abschliessenden 
iProtagoras eben gelesen hat? Er zählt nun Platon's Gründe 
auf. Erstens, wäre die Tugend lehrbar, so müsste es dafür, wie 
für die Musik, bestimmte Lehrer geben. Dies ist das erste Ar- 
gument des Sokrates p. 319 B; denn nachdem er dem jungen 
Sippokrates, der auf des Protagoras Umgang so begierig war, 
gezeigt hat, dass man erst wissen müsse, was man von Protagoras 
lernen wolle, wie man wisse, dass man von Grammatisten und 
£Iitliaristen (p» 312 ß) lesen und schreiben und Musik lerne, 
und nachdem er von Protagoras verlangt hatte, er sollte den 
Inhalt seiner Lehre bestimmt angeben, wie man, wenn man zum 
Orthagoras von Theben ginge, wüsste, dass man im Flötenspiel 
bei ihm tüchtiger würde (p. 318 C): so zeigt er (319 B) diesem, 
cla43S die Athener in der Volksversammlung nicht der Meinung 
seien, die Staatsweisheit, die er lehre, sei eine lehrbare Kunst, 
vrie der anderen Techniker, die sie in technischen Fragen con- 
sultiren, sondern es getraue sich Jeder, ohne einen Lehrer darin gehabt 
zu haben, über die Angelegenheiten des Lebens zu entscheiden. 

Genau dem Gange des Platonischen Dialogs folgend, führt 
unser Simon dann den zweiten Grund an, den er in drei Stücke 
zerlegt: nämlich 1. dass die in Hellas berühmt gewordenen 
klugen Männer ihre Kinder und Freunde unterrichtet haben 
würden (wenn die Klugheit und Tugend lehrbar wäre); 2. dass 
9chon Einige, die zu den Sophisten gingen, keinen Vortheil davon 
liatten; 3. dass Viele, die mit Sophisten keinen Umgang hatten, 
fcedeutend geworden sind. In Platon's Protagoras steht dies 
p. 319 E ff. und zwar 1. dass die weisesten und besten Männer, 
'wie z. B. Perikles, ihre Tugend nicht im Stande waren, weder 
den Ihrigen, noch Fremden zu überliefern; 2. dass Diejenigen, 
'welche die Angehörigen von berühmten Männern wie von Perikles 
^aren, davon keinen Vortheil gehabt haben ; 3. dass die Leute klug 
und gut ohne Lehrer und wie von selbst zu werden scheinen.*) 

*) L. C. 1. ol ao^eoraroi xai agiaroi ra)v Ttohrcov ravrrjv rr^ aQarrjv^ 
ipf i)(^ovci.v, OvX oloi re aXXoie TtafjaSiSovai, 2. ol avroi aya&oi ovres ovSeva 
ynoTtoxs ß^htito inoirjaav. 3. avdafwd'ev fiad'dvy ov8i ovtos diSaaxdXov ovSevo^ 
avT^ — — (OüTtBQ avpetoiy ddp nov avTo/uiroi. TteQirvxoxft ttj a^errj. 



124 

Es kann hiernach gar kein Zweifel übrig bleiben, dass 
unser Anonymus Platon's Protagoras gelesen und die Gründe 
recapitulirt hat. Amüsant ist nun das Urtheil, das der kluge 
Schuster über Platon's Arbeit fallt. „Ich halte", sagt er, „dies 
ßäsonnnement für recht einfältig." Um dies abfallige Urtheil 
zu begründen, führt er zuerst Einiges aus der ßede des Prota- 
goras bei Piaton an und zwar mit dem grössten Selbstbewusst- 
sein und ohne zu bemerken, dass er Piaton gar nicht verstanden 
hat. Er sagt: „Ich kenne ja Lehrer, welche lesen und schreiben 
lehren und dieses selber verstehen, und Kitharisten, welche 
Zither spielen lehren." Er merkt nicht, dass es sich darum 
handelt, ob die Tugend auch so gelernt werden könne, wie 
lesen und schreiben und Zitherspiel. Gegen den zweiten Grund, 
dass keine Lehrer da wären, sagt er: „Was lehrten denn die 
Sophisten anders als Weisheit und Tugend! oder was waren 
denn die Anaxagoreer und Pythagoreer!" Es ist ordentlich 
amüsant, hier einen Blick zu thun in das Herz eines Athenischen 
Philisters, der mit offenen Ohren gar nicht hört, was Piaton 
sagt. „Drittens", sagt er, „lehrte Polykleitos seinen Sohn Statuen 
zu machen." Er hat dies Beispiel aus der Rede des Protagoras 
p. 328 C entlehnt. „Viertens*, wenn man durch kluge Leute 
nicht klug würde, so lernten ja auch Viele nicht schreiben, 
obgleich sie Unterricht erhielten. Einen gewissen Einfluss habe 
ja auch die Naturbegabung." Dann führt er an, dass man ja 
sprechen lernt ohne Lehrer, indem man es von Vater und 
Mutter aufnimmt*) und dass ein persisches Kind hier von selbst 
Hellenisch und ein hellenisches Kind dort ohne Lehrer Persisch 
lernen würde. 

Aber wie erklären wir den auffallenden spöttischen, Abschluss, 
mit welchem Simon diese Betrachtung schliesst? Offenbar muss 
er auf etwas anspielen. Er sagt: „Widerlegt habe ich nun den 
Dialog, und Du hast Anfang und Ende und Mitte, und ich sage 
nicht, dass sie lehrbar ist, sondern dass mir solche Beweise nicht 
genügen." Diese Anspielung verstehen wir leicht, wenn wir auf 
Platon's Protagoras hinblicken; denn p. 318 fangt Sokrates 
damit an: fj aMj fxoi aq^rj eanv, c3 TlQttnaySqay iJTteQ aq^c — 
und wieder p. 333 H^'I&e drj, eq)rjv iyti, i^ o^QXV^ f*^^ a7t6%qivai> 



*) Auch dieser Gedankengang ist durch Platon's Protagoras angeregt. 
Vergl. p. 327 E &ansQ av ei ^irjroig Tis Si8daxcdog rav iXXijW^iv m, t. X. 



125 

Pemer p, 347 C Ttegl wv to tvqwtov iyai as ijQcivrjOa, w n^cj- 
Tayöga, ^iwg av btzI tekog eh^ocfAi ueva aov OKOTCOVfÄevog, und 
p. 348 B iav äi ßovXrj, av ifiol TtaQaax^Sy Tteqi cjv fiera^v iftccv- 
aofied-a äu^iövreg, tovtoiq TsXog iTtid-eivac, Diesem Verlangen 
entspricht nun der stolze Schuster, und mit dem „Du" wendet 
er sich offenbar nachahmend an Piaton: „da hast Du nun An- 
fang und Ende und Mitte." Aber auch die erste energische 
Aeusserung seiner Ueberlegenheit ist motivirt ; denn Piaton hatte 
geschrieben: p. 333 D t6 fiiv ovv tvqcStov iT^kXcoTti'Ceuo tjfuv o 
JlQiJüTayoQag' xov yag Xoyov yttaxo dvax^QTj elvac und p. 347 E 
vteQL TtQayfxaxoq dtaleyofievoc o ädvvccrovacv i^eley^ac und hatte 
verlangt iv tölg eairtüv loyoig Ttelgav dXXrjhjv Xajußdvovreg iMct 
öcdövreg. Das hatte den grossen Mann herausgefordert, und er 
antwortet nun: „einfältig ist das Räsonnement" und zum Schluss: 
„widerlegt habe ich den Dialog" ^'Hley^^ral fioc 6 loyog*) 

Wenn nicht in der Anordnung der äidle^eLg unseres Simon 
auf diese Becension von Platon's Protagoras die kleine Meinungs- 
äusserung über die Wahl der Beamten durch's Loos als siebentes 
Stück {rteQL örjiJiriyoQiag) folgte, so würde ich geneigt sein, das 
letzte uns erhaltene Stück, das man ebensowenig wie das 
siebente eigentlich noch einen Dialog nennen kann, unmittelbar 
folgen zu lassen. Denn möge man es tcbqI tov dtalsyead-ac oder 
^v€Qi e7tLaT7jfxif]g taufen, jedenfalls nimmt es auch fortwährend auf 
Platon's Protagoras Rücksicht. Ein paar Hinweise werden dies 
fcelegen. Wenn Simon sagt: kcu Ttegl wv eTtiarataiy Ttsql 
'co&vwv Xiyev, so bezieht sich dies auf Protagoras p. 312 E 6 
öi öfj aog>iaTrjg TteQv rivog deivbv tvouI Xeyetv; rj drjXov ort Ttegl 
GVTteq Ttal E7tLatai;ai. Ferner wenn Simon hervorhebt, dass der 
"Wissende auch richtig handeln (pod-tog xat TtQaaaev) und den 
Staat gut zu handeln lehren könne (jmxI rd fiiv dyad-d doS-tog 
öiddaiMv Tccv TtoXiv Ttgciaaev), so findet sich das auch im 
^Protagoras p. 319 A xat Ttegl tcjv Trjg TtoXecog, STtwg ra tTJg 
^töXßiog dvvatwTovog av eirj x«i Ttgarreiv ical Xeyeiv. Wenn 



*j Es ist nicht uninteressant, zu vergleichen, wie in den angeblichen 
Briefen des Xenophon der Schuster Simon seine Bolle spielt; denn da 
<iie8er sich gegen Piaton herausliess, so verstehen wir, dass Xenophon in 
dem Briefe (Hercher 1. 1. p. 623) den speciellen Auftrag giebt ihn zu loben : 
vt^ofFayOQSvaare JSifia}va tov attvrorofiov xai iTtaiveaare avror, ori diareXel 
^goai)^oitv roh 2omqdrovi loyote 9c. r. X. 



126 

Simon auch die Kenntniss der Gresetze verlangt (tcjg vofioßg 
€7viaraa&at 7cavTag), so fordert dies auch Protagoras p. 326 D 
vöfAovg jLiavd^dveiv, Auch der unbestimmte Gebrauch des Wortes 
r^x^ ist beiden gemein und so noch mancherlei. Nur der An- 
hang über das Gedächtniss gehört in einen anderen Zusammen- 
hang. Aber auch Platon's Klagen über die Makrologie des 
Protagoras haben ihr Echo gefunden bei unserem Simon, der 
am Anfang dieser Disputation darauf antwortet, man müsse sowohl 
kurz {%ava ßQccxv) als lang (dia juay^Quiv äialiyead-ai) disputiren 
können. 

Hierdurch ist, wie mir scheint, das Datum für die drei 
letzten Schusterdialoge bestimmt. Sie müssen später als Platon's 
Protagoras, also nach 493 vor Christo verfasst sein. Zugleich 
wird hierdurch klar, dass sie nicht etwa, wie Bergk meinte, 387 
verfasst sein können; denn da der Verfasser so eingehend auf 
den Protagoras reagirte, so hätte man den Einfluss der späteren 
Dialoge, des Staates und der diesem folgenden aus der ersten 
Periode unfehlbar an specifischen Reactionen erkennen müssen. 
Die untere Grenze ist daher auch bestimmt, und wir können mit 
der grössten Wahrscheinlichkeit die drei letzten diaXe^ecg zwischen 
Protagoras und Staat stellen, also etwa in das Jahr 392. Die 
ersten vier aber müssen vor den Protagoras fallen, da sie 
noch keine Spur des Platonischen Einflusses verrathen, und auch 
vor die Memorabilien, da sie auch von dem Xenophonteischen 
Sokratismus noch keinen Reflex hervortreten lassen, während 
doch ihr Inhalt, das Gute, sittlich Schöne und Gerechte immer- 
fort an solche Schriften hätte anknüpfen müssen. Ich halte es 
aber für möglich, dass die achte Disputation (Ttegt eTtiaTrjfAfjg) 
auch schon auf den Charmides des Piaton hinblickt; denn die 
Behauptung: ndwiov yag eTtiaraaelrai' Ttdvrwv fiiv yaq tüv 
Ijoycov rag Te%vag eTtloTaTai, Toi de hoyoi Ttdvueg Tteql Ttdwioy 
Tcjv iovTCJv evriy und dass der alles Wissende auch va ayad-a 
OQd^wg diddoKsv könne, erinnert mich an die Schwierigkeit, durch 
die Sokrates dort den Kritias in Verwirrung bringt, da ja, 
wenn die awcpqoovvrj alles Wissen beurtheilen könne, sie auch 
alle Gegenstände der re^vai verstehen müsse; ferner dass ein 
grosser Mann zu erwarten sei, um diese Schwierigkeit zu lösen, 
und dass es sich um das Gute (ro aya&ov) in erster Linie 
handle. Vielleicht fühlte sich der Simon, der den Protagoras- 
dialog für einfältig erklärte, als der Mann, der auch diese 



127 

Schwierigkeit auflösen konnte. Da aber sonst keine TeKfu^Qia in 
den Ausdrücken vorkommen, die oioq^Qoavvtj und die Selbst- 
erkenntniss nicht erwähnt werden und sonst keine greifbaren 
Allusionen vorliegen, so will ich dies blos als Vermuthung aus- 
gesprochen haben. 

Man könnte den Einfall haben, nachsuchen zu 
wollen, ob Piaton nicht durch irgend eine Antwort ob Piaton auf 
auf die AngriiFe Simonis reagirt habe. Allein, wie **'® Angriffe 
es scheint, hat Piaton dieser harmlosen literarischen repiicirt hat. 
Grösse gar keine Beachtung geschenkt. Wenigstens 
glaube ich nicht, dass die z. B. im Staat zahlreich vorkommenden 
Mahnungen „Schuster, bleib' bei Deinem Leisten!" (Staat p. 443 
C, 434 A, p. 397 E und dergl.) auf den Simon bezüglich wären. 
Wahrscheinlich werden nur untergeordnetere Naturen, wie z. B. 
Aristipp, Gelegenheit genommen haben, auf Kosten des Schusters 
witzig zu sein; wenigstens geben uns die erhaltenen Briefe, 
mögen sie echt oder unecht sein, einen deutlichen Fingerzeig 
für das persönliche und literarische Verhältniss dieser beiden 
Scribenten. Nur im Theätet Platon's scheint mir eine wirk- 
liche Anspielung auf den Schuster Simon vorzuliegen. Wir 
müssen dies genauer untersuchen. 

Piaton sagt nämlich, dass die Alten (rwv a^^a/W) ihre 
Lehre, es sei der Ursprung aller Dinge (Okeanos und Thetis), 
ein Fliessen und es stünde nichts fest, durch poetische Dar- 
stellung vor den Augen der Menge verborgen hätten; die 
Späteren aber als Weisere hätten dies ganz handgreiflich an's 
Xiicht gestellt, „damit auch die Schuster ihre Weisheit ver- 
nähmen und begriffen und aufhörten, thöricht zu glauben, Einiges 
in der Welt stehe fest und Anderes sei in Bewegung, sondern 
^enn sie gelernt, dass Alles in Bewegung ist, sie (die Weiseren) 
verehrten". Das „Auch" oder „Sogar" (xai ol G^vrarofiOL) bedeutet 
offenbar einen Uebergang der Erkenntniss an die Gesellschafts- 
Masse, deren Beruf sie von der Wissenschaft ausschliesst. Dass 
Piaton hier nun blos die Schuster nennt, ist, wie oben bemerkt, 
nicht ohne eine Absicht der Anspielung zu erklären, da man 
sonst bei ihm immer neben dem a^vTcrvogAog auch noch den 
yetaqyog, rexirwv, j;aqtx'^7twhjjVj xaXY^g u. s. w. oder das All- 
gemeine dtjjLiiovQyog hinzugefügt findet. Also glaube ich hier an 
eine wirkliche Bezugnahme auf den Schuster, die zugleich, gerade 
in dieser Form der Erwähnung, möglichst verletzend und 



128 

persifflirend für die „Weiseren" sein musste, deren Weisheit die 
Schuster verehrten. Diese „Weiseren" sind natürlich eine Um- 
schreibung für Antisthenes. 

Man könnte abgeneigt sein, hier so ganz bestimmt den 
Namen Antisthenes einzusetzen, weil ja doch von einer Annahme 
des Heraklitischen Pliessens von Seiten des Antisthenes nichts 
überliefert sei; allein der Zusammenhang des Dialogs erfordert 
dies nothwendig. Piaton widerlegt darin des Antisthenes soge- 
nannte Erkenntnisslehre, die in seiner uns verlorenen Idhlfi-eia 
gegeben war. Er vernichtet den Satz otl ovx eOTi avctXiyeiv, 
er vernichtet die Behauptung, es gäbe keine Definition und die 
einfachen Elemente wären unerkennbar, er führt des Antisthenes 
ganze Lehre auf das gleichnamige Buch des Protagoras zurück 
und diesen auf Heraklit. Es ist deshalb ganz einerlei , ob 
sich Antisthenes selbst zu Heraklit bekennen wollte, oder ob 
er dies sogar für eine Verleumdung möchte erklärt haben; denn 
wir haben nicht mit Antisthenes, sondern mit Pläton zu thun. 
Piaton aber wollte offenbar den Antisthenes auf Protagoras und 
diesen auf Heraklit zurückführen, und deshalb müssen wir, 
möge er darin Recht haben oder nicht, ohne Zweifel es als 
seine Absicht betrachten, den Antisthenes an dieser Stelle so 
mit seinem Schuster-Schüler zu charakterisiren.*) 

Vergleichen wir nun die erhaltenen Schusterdialoge , so 
sehen wir den schwachen Kopf des Simon gewissermassen noch 
in dem Stadium, wo er, wie Piaton bemerkt, thöricht meint. 



*) Die Erklärung Platon's leidet aasserordeatlich darch das Vor- 
urtheil, das am Krassesten und Abschreckendsten bei Ast (Platon's Leben 
und Schriften S. 10 ff.) hervortritt, als wenn Piaton nur zeitlose ideale 
Kunstwerke hätte schaffen wollen, während doch gerade die Polemik 
gegen seine Zeitgenossen das erste Motiv ihrer Abfassung War. Darum 
ist von dieser Seite aus noch ein fast unerschöpflicher Stoff zur Nach- 
forschung übrig geblieben, der zugleich für die Chronologie der Platonischen 
Dialoge am fruchtbarsten zu werden verspricht. Wenn z. B. Fouillee 
in seinem durch Geist und Verständniss Platon's ausgezeichneten Werke 
(La Philosophie de Piaton I. p. 414) bei Gelegenheit von Leges IX. 861 
sagt: „Certains esprits subtils accordaient ce principe", so bringt er 
zwar den Sinn der Stelle in's Reine; unsere Erkenntniss wird aber auf 
das Erfreulichste erweitert, wenn wir statt der certains den bestimmten 
Namen Aristoteles auf die Wagschale werfen, wie ich dies in meinen 
«Literar. Fehden** versuchte. 



129 

Billiges stehe fest^ Anderes sei fliessend. Denn er meint mit 
Sokratischer Ehrlichkeit, noch, es sei nicht dasselbe, Grutes zu 
thun und Schlechtes zu thun, gut, die Götter zu ehren, und 
schlecht, die Götter zu ehren; oder Schwarz sei Weiss. Allein 
überwiegend ist dennoch bei ihm schon das Fliessen; denn das 
Gute und Schöne und Alles sei doch nur relativ, was 
dem Landmann gut, dem Kaufmann schlimm, den Skythen 
schön^ sei den Hellenen abscheulich, Elternfrass bei den Massa- 
geten ein schönes Grab, bei Hellenen Grund der Verbannung 
oder der Todesstrafe. Wenn man, sagt er, alles Hässliche auf 
einen Haufen legte und Jedermann erlaubte, was schön daran 
sei, wegzutragen, so würde von den verschiedenen Menschen 
alles Hässliche schön gefunden und der ganze Haufen voll- 
ständig weggeholt werden.*) Gleichwohl kann der Schuster- 
verstand mit diesen Widersprüchen noch nicht fertig werden. 
Wir müssen deshalb annehmen, dass die uns verloren gegangenen 
späteren Dialoge einen Portschritt in derselben Richtung 
genommen haben. Ich vermuthe also, dass die bei Diogenes er- 
v^ähnten übrigen Schriften Simon's dem Piaton die Veranlassung 
gaben, ihn als solchen klug gewordenen Fluss- Weisen zu be- 
zeichnen. 

Wie Piaton, erwähnt auch Aristoteles des Simon nicht; 
£tber es steht uns frei, bei seinen Worten o\ ]AvTLO&avetoi xai 
of of)T(og cLTtaidevroi (Metaph. p. 1043 b. 23) mit an den Simon 
xxnA etwa an seine Disputation TtBQl Xoyov zu denken. 

Der dorische Dialekt. 

Dieser Dialekt ist offenbar der Grund, weshalb Stephanus 
xinsere anonymen Dialoge unter die Pythagoreischen Fragmente 
stellte, während sie doch ihrem ganzen Inhalte nach auch nicht 
eine Spur von Pythagoreismus zeigten. Blass will sie, indem er 
feinsinnig gleich ihren Sokratischen Charakter erkannte, dem 
Simmias zueignen, der des Philolaos Dialekt gebraucht habe 



*) IKesen witzigen Einfall verdankt der Verfasser, wie er selbst sagt, 
nicht seinem eigenen Kopfe. Sein avrios Xoyog erinnert an die Sokratische 
Art, Ideelles dinglich zu setzen, z. B. wenn sie Ochsen zasanimengebracht 
hätten, konnten sie nicht Schafe wegholen ; wenn Gold, nicht Blei u. s. w. 

9 



statt des unausgebildeten Thebanischen und des femstehenden 
Attischen. Bergk will sie für die Cyprier von einem gewissen 
Miltas statt in dem unausgebildeten Aeolischen in dem ver- 
wandten Dorischen Dialekte geschrieben sein lassen. Kurz, dieser 
Dialekt ist das Bäthsel. Denn Simon von Athen wird doch 
wohl auch Attisch geschrieben haben. 

Unsere Aufgabe kann nun blos sein, zu rathen und die 
wahrscheinlichste Begründung zu finden; denn der Inhalt der 
Schrift liegt dem Charakter der Dorischen Geistesarbeit fem 
und weist auf einen Atheniensischen Verfasser hin. Es gilt 
also, einen Beziehungspunkt zu finden, der die dorische Ab- 
fassung erklärt. Nun wird jede Schrift für Leser abgefasst; 
also muss der Beziehungspunkt in dem Dialekt der Leser liegen. 
So finden wir z. B. Auszüge, welche spätere Profan- und 
Kirchenschriftsteller aus Dorischen Werken machten, im attischen 
Dialekt für ihre Leser wiedergegeben ; umgekehrt attische Werke 
dorisch excerpirt.*) 

Auf welche dorische Leser konnte nun ein Athener des 
Platonischen Zeitalters rechnen wollen? Das ist nicht so schwer 
herauszufinden, denn im Anfang des Jahres 393 erhielt der 
Tyrann von Syrakus, der ältere Dionysios, als Dichter und 
KunstiQ^cen durch einen Bathsbeschluss der Stadt eine öffent- 
liche Anerkennung**), und wir haben zu fragen, welche lite- 
rarischen Beziehungen zwischen Syrakus und Athen stattfanden. 
Nun erinnern wir uns gleich anPlaton's Aufenthalt in Syrakus 
und an die schöne Arbeit Dittenberger's, der eine Keihe 
von Partikeln „aus der Conversationssprache der sicilischen 
Dorier" in seinen Dialogen hervorhob.***) Ausserdem wissen 
wir, dass der Sokratiker Aeschines seine Dialoge dem Diony- 
sios überreichen wollte und die Vermittelung Platon's in An- 
spruch nahm, der mit ihm aber nichts zu thun haben mochte, 
während Aristipp sich seiner annahm, und wissen auch, dass Aeschines 



*) Vergl. hierüber auch Boeckh Encyclop. S. 223: „Nicht immer 
lässt sich eine Schrift ohne Weiteres für unecht erklären, wenn die 
Sprache dem Zeitalter oder der Nationalität des vorausgesetsten Ver- 
fassers unangemessen ist; denn die Sprache kann durch Ueberarbeitang 
verändert sein" u. s. w. 

**) E. Curtius m. 531. 
***) Hermes 16. S. 335. 



131 

dafür Geschenke erhielt.*) Ebenso hat Aristipp sein Buch über 
Libyen an Dionysios übersandt, und dasselbe werden wohl viele 
Athener gethan haben, da ja auch unsere Berliner Gelehrten 
nicht verschmähten y in ähnlicher Weise dem Tyrannen des 
Plebisscits in Paris den Hof zu machen. Es ist daher gar 
nicht unwahrscheinlich y dass auch Simon seine Dialoge nach 
SyrakuB geschickt hat. 



*) Diog. Laert 11. 61. Bekanntlich sind alle diese Anekdoten, wie 
das ihrem Charakter auch durchaus angemessen ist, ohne genauere Zeit- 
bestimmung, 80 dass wir nicht mit Sicherheit behaupten können, ob jedes- 
mal der ältere oder der jüngere Dionysios gemeint sei. Ich will diese 
Präge deshalb hier auch nicht zu lösen suchen, sondern bemerke nur, 
dass Zeller (Ph. d. &r. 3. Aufl. S. 291) ebenfalls den Schol. z. Lucian 
Man. 18 und den Hegesandros bei Athen. XTL 644 C anfuhrt, um d6n Auf- 
enthalt Aristipp's am Hofe des älteren Dionysios zu beglaubigen. Wenn 
2eller sich aber allen diesen Anekdoten gegenüber doch skeptisch verhält 
und die Möglichkeit einräumt, es könnten die Erzählungen über das Zu- 
sammentreffen Platon's und Aristipp's bei Dionysios auch erdichtet sein, 
um den Contrast zwischen beiden Philosophen zu schildern : so möchte ich 
^ssen, wo ein solcher Contrast anders wahrzunehmen gewesen wäre, als 
am Hofe zu Syrakus, und möchte fragen, ob jemals ein Anekdotenstrom 
entsprungen sei ohne alle persönliche Begegnungen bedeutender Männer. 
Ich wundere mich ferner, dass Zeller in den verächtlichen Ton einstimmt, 
mit dem man von der „Anekdotenkrämerei^ zu sprechen beliebt. 
Die allgemeine Darstellung der geschichtlichen Ereignisse und die abstrakt 
gehaltenen Charakteristiken der Politiker und Kriegshelden sind zwar von 
nicht zu unterschätzendem Werthe; aber sie wären doch ganz leblos 
ohne die Anekdote, welche, wie ein Blitz, durch eine plötzliche Be- 
leuchtung die Züge der Persönlichkeiten in dem abstracten Dunkel der 
G-eschichte sichtbar macht und dadurch oft mehr zum Yerständniss der 
Ereignisse beiträgt, als das Studium der Actenstücke eines Staatsvertrages. 
Denn die Geschichte ist schliesslich das Werk der Persönlichkeiten, und 
die Persönlichkeit ist der Sitz des Lebens in der Welt und 
das Werth vollste und Interessanteste in der Welt. Man lasse, um sich 
dies klar zu machen, einmal alle Anekdoten aus den vier Evangelien weg 
und sehe dann zu, was man übrig behält. Darum bewundere ich die 
geniale Kunst unseres grössten Historikers Ranke, der es selbst in seiner 
allgemeinen, philosophisch gehaltenen Weltgeschichte nicht verschmäht, 
Anekdoten am passenden Platze einzuwirken, um die Charaktere zu 
lebendiger Anschauung zu bringen. — Was unsere Frage hier betrifft, so 
stimme ich Zell er darin zu, dass Aristipp meistens in einer Bolle auf- 
geführt wird, welche sich für ein früheres Lebensalter besser schickt, als 
für die sechszig Jahre, die er beim Regierungsantritt des jüngeren Diony- 
sios zählte ; gleichwohl kennt man auch bedeutende Menschen von solchem 
Alter, die zu ähnlichen Anekdoten Veranlassung gaben. 

9* 



132 

Die Wahrscheinlichkeit würde noch grosser werden, wenn 
bestimmte Beziehungen Simon's zu Dionysios überliefert wären. 
Wir müssen suchen. Da treffen wir nun gleich auf die oben 
(S. 108) erwähnte Aufforderung des Dionysios, Simon möge zu 
ihm kommen und auf seine Kosten leben.*) Eine Nachricht, 
die noch dadurch glaubwürdiger wird, dass in den Briefen 
zwischen Aristipp und Simon der böse Bonyivant diese Auf- 
forderung seinerseits wiederholt, da ja das Leder in Syrakus 
billig sei und Simon dort Vorträge halten könne. Denn wenn 
man auch diese Briefe alle für unecht zu halten pflegt, so wurden 
die darin vorausgesetzten Lebensverhältnisse doch aus der 
Tradition geschöpft. 

Wir können nun unserem Ziele noch einen Schritt näher 
kommen. Um nämlich den dorischen Dialekt unserer diaXa^eig 
zu erklären, müssten wir wenigstens einen analogen Fall vor 
Augen haben. Soll die Wahrscheinlichkeit der Sache aber 
wirklich gross sein, so darf es auch nicht an solchen Daten 
fehlen. In der That finden wir nun gleich die überraschende 
Mittheilung, Aristipp habe seine 25 Dialoge theils attisch, theils 
dorisch geschrieben.**) Dorisch doch wohl am Wahrscheinlichsten 
für den glänzenden Hof der beiden Dionysios, die den fremden 
Dichtern und Gelehrten eine üppige Tafel und reiche Geschenke 
darboten und bei denen Aristippos, wie es scheint, den grössten 
Theil seines späteren Lebens zubrachte. Die erforderliche Ana- 
logie zur Beantwortung unserer Frage ist also gegeben. 

Vielleicht aber können wir noch einen letzten Schritt thun; 
doch es genügt auch das Frühere schon, um die dorische Ab- 
fassung der Schusterdialoge durch Simon selbst oder im Auftrage 
seines Buchhändlers zum Vertrieb in Grossgriechenland durch 
ein einleuchtendes Motiv zu erklären. Den letzten Schritt aber 
zögere ich zu thun, weil die Echtheit des Briefes des Aristipp 



*) Da es mir zweifellos erscheint, dass hier eine ungeschickte Hand 
den Namen Dionysios in den vpn Perikles umgewandelt hat, so habe ich 
meine oben S. 108 gemachte Vermuthung als Emendation in den Text 
aufgenommen. Denn weshalb sollen alle diese Nachrichten auf Erfindungen 
unwissender Sophisten beruhen! „Eigennamen und Zahlen, sagt ßoeckh 
(Encyclop. S. 207), sind der Entstellung in besonders hohem Grade aus- 
gesetzt." 

**) Diog. Laert. II. 83. 



133 

an Simon*) ja durchaus zweifelhaft ist. Da dieser Brief aber 
wenigstens gut erfunden ist, so dürfen wir doch die sich daraus 
ergebenden Indicien nicht ohne Weiteres vernachlässigen. Man 
brauche^ was man hat, und entziehe sich nicht das Material zur 
Keconstruction der literarischen Verhältnisse aus hyperkritischen 
Bedenken. Genug, der Brief an Simon ist seltsamer Weise 
dorisch geschrieben und bezieht sich auf die Schriftstellerei des 
Simon, der sich über die Verspottung seiner Leistungen von 
Seiten Aristipp's beklagt hätte. Wäre der Brief echt, so würden 
wir den Gebrauch des dorischen Dialekts in einem Briefe 
an einen Athener, mit dem der Briefsteller bisher offenbar 
attisch gesprochen hatte, für eine satirische Allusion halten 
müssen und darin ein gutes Judicium besitzen; denn der Brief 
ist von Syrakus nach Athen geschrieben und setzt voraus, dass 
die dorisch verfassten Dialoge des eitlen Schusters in Syrakus 
gelesen und verspottet sind. Dass der im Brief erwähnte Prodikus, 
der sich nach Phaidon's höhnischer Bemerkung als von Simon 
widerlegt bekannt haben soll, in unseren Dialogen nicht vorkommt, 
verschlägt nichts; denn dies und die Erwähnung des Besuches 
der Werkstatt von Seiten des Sokrates, Alkibiades, Phaidros u. A. 
bezieht sich auf die frühere Zeit und soll komisch wirken, wenn 
man das klägliche Machwerk Simon's daneben hält. Durch seine 
lächerlich klugen Etymologien aber und seine Bemerkungen über 
die Veränderung des Sinnes bei Umstellung der Accente und 
Buchstaben, wodurch aus ovog voog wird und aus rlav^tog 
ylainwQ u. s. w., glaubte Simon ja auch vielleicht den Prodikus 
überboten zu haben, und vielleicht bezog sich eine der uns ver- 
lorenen Disputationen unmittelbar auf Prodikus, wenn nicht 
Phaidon's Witz besagen soll, dass Prodikus mit seinem für das 
Gute sich entschliessenden Herakles die von Simon vor- 
gebrachten Gründe für die Einerleiheit von Gut und Uebel, 
Schön und Hässlich widerlegt sei. Genug, wie viel oder wie 
wenig Werth man auch dieser ganzen Briefliteratur des Alter- 
thums beilegen will, etwas Kenntniss der persönlichen Ver- 
hältnisse musste ihrer Abfassung doch zu Grunde liegen, und so 
haben wir hier das Meiste, was für die Lösung unserer Aufgabe 
daraus entnommen werden kann, hervorgehoben. Nirgends zeigte 



*) Mullacb Fragm. IL 415. 



134 

sich ein Widerspruch gegen unsere Hypothese; dagegen schien 
Vieles merkwürdig damit übereinzustimmen. So nehme ich einst- 
weilen an, dass wir uns mit gutem Humor an den wieder- 
erkannten auvTi'Kol diahy/OL erfreuen können und dass uns also 
durch eine glückliche Fügung auch die Schriften des geringsten 
Sokratikers erhalten sind, um durch den unermesslichen Abstand 
die Werke des grössten, des göttlichen Piaton, desto bewun- 
derungswürdiger erscheinen zu lassen. 



Ftinftes Oapitel. 



Flaton's Unsterblichkeitslehre. 



In meine Studien zur Geschichte der Begriffe 

der Frag** 



Tom Jahre 1874 nahm ich eine Abhandlung über ^^'^ 



Platon's Lehre von der Unsterblichkeit auf, die 
ich schon früh, nämlich 1853, geschrieben hatte. Ich genoss 
damals das Glück, mit Trendelenburg freundschaftlich zu ver- 
kehren, befand mich aber schon beim Anhören seiner Vorlesungen 
in Widerspruch mit seiner Auslegung Platon's. um meine 
eigene Auffassung vor mir selber zu rechtfertigen und die nöthigeu 
Prämissen bei jeder etwaigen Discussion in der Hand zu haben, 
schrieb ich meine Gründe nieder. Da ich später sah, dass die 
Lehrbücher der Geschichte der Philosophie die mir als selbst- 
verständlich erschienene Auffassung der Unsterblichkeitslehre bei 
Piaton nicht theilten, ja ihrer eigentlichen Wurzel nach nicht 
einmal kannten, meine eigene Ueberzeugung aber im Laufe von 
zwanzig Jahren unverändert geblieben war, modelte ich nur 
Weniges an der äusseren Form und gab diese Frucht der ersten 
Liebe an's Licht. 

Von den Gelehrten, die an der darauf folgenden Discussion 
der Frage in kürzeren oder ausführlicheren Meinungsäusserungen 
Theil nahmen, nenne ich Zeller, Siebeck, Erdmann in Halle, 
Krohn, Heinze, Bergmann, von Engelhardt, Spielmanu, Bertram, 
Tannery, Chiappelli, Tocco, Vera, Bonghi, Spaventa, Benn. 
Spielmann, Director des Gymnasiums in Brixen, der den 
Piatonforschern durch seine sorgfaltige Untersuchung und Er- 
klärung des Charmides-Dialoges bekannt geworden war, trat in 
seiner Schrift „Platon's Pantheismus" *), soviel ich weiss, als der 



*) Zuerst erschienen in dem Schulprogramm des Gymnasiums in 
Brixen 1877, nachher separat bei Köhler, Leipzig 1878. Kunde von dieser 
Schrift erhielt ich leider erst durch den Jahresbericht über Piaton von 
Schanz. 



136 

erste für meine ganze Darstellung Platon's und seiner Unsterb- 
lichkeitslehre auf, indem er den Gegensatz meiner Auffassung 
gegen die früher herrschende mit grosser Schärfe, Klarheit und 
Entschiedenheit beleuchtete. Vorher freilich hatte schon Lotze 
in den Göttinger gelehrten Anzeigen*) den Charakter meiner 
ganzen Unternehmung beachtet, mir seine vcdle Zustimmung ge- 
schenkt und in seiner gemüthvoUen und geistreichen Art zu- 
geredet, mich ja nicht durch den „angesammelten Trägheits- 
widerstand" der herrschenden Strömung stören und abschrecken 
zu lassen. Solche Zurufe selbständiger und grosser Naturen, 
die sich von dem Gepräge der Zeitmeinung nicht abstempeln 
lassen, sind immer sehr erfreulich, wenn man eine neue Bahn 
einschlägt und zuerst allein seinen "Weg suchen muss. Darum 
heisse ich auch den sympathischen Zuruf von Klei st 's**) will- 
kommen. Doch mehren sich jetzt sichtlich schon die 
Forscher, die durch eigene Arbeiten auf diesen Gebieten zu 
dem von mir betretenen Weg von selbst hingetrieben werden, 
und zwar sowohl in Deutschland, als in Prankreich, Italien und 
England. In der Akademie der Wissenschaften zu Neapel hatte 
Bonghi durch seinen Gegensatz gegen meine Darstellung eine 
Arbeit von Spaventa und V6ra hervorgerufen. A. Vera traf 
in seiner Schrift***) vom Hegerschen Standpunkt aus mit mir 



*) G. g. Anz. St. 15. 1876, 12. April. 

**) Philosophische Monatshefte (Ascherson und Schuarschmidt) XX. 
1. S. 48. 

♦**) Piatone e l'immortalita deir anima. Napoli (Detken e Booholi) 
1881 . Die üebereinstimmung mit Vera beschränkt sich aber natürliok nur 
auf die Auffassung der Lehre Platon's; denn in der Beurtkeiluug des 
Piatonismus gehen wir gleich auseinander, da Vera als Hegelianer die 
Wahrheit in dem genialen Gedankensystem Platon's anerkennen muss» 
während ich von dem Standpunkt meiner Metaphysik aus dem Platonis- 
mus nur eine untergeordnete Erkenntnissstufe zuerkennen kann. Piaton 
leugnete und ich lehre individuelle und persönliche Unsterblichkeit; Piaton 
glaubte an die Existenz der mit dem Nichtsein verquickten sogenannten 
Dinge der erscheinenden Welt, und ich halte diese Welt nur fnr ein pro- 
jicirtes Spiegelbild unserer Vorstellungen und entlehne den Begriff des 
Seins und Nichtseins nicht von diesen Erscheinungen und nicht von den 
immer identischen Ideen. Die Einwendungen Zeller's gegen diese Sdirift 
Vera's haben wohl darin einigen Grund, dass bei Vera die exacte philo- 
logische Interpretation etwas vernachlässigt ist; das will aber nicht viel 
sagen gegen das speculative Verständniss, welches bei einem Philosophen, 
der nicht historische Einzelheiten erzählt, immer die Hauptsache bleibt. 



137 

ammen. In Frankreich hatte Tannery als Mathematiker 
tersnchungen über die EntwickeluBg der alten griechischen 
thematik und Astronomie vorbereitet und war von selbst zur 
bereinstimmung mit meiner Auffassung von Thaies^ Anaxi- 
adroSy Anaximenes und Herakleitos"^) gekommen^ über die 
dann seine weiteren interessanten Forschungen in der Eevue 
losophique veröffentlichte. In derselben Weise trat er auch 
den Studien über die Platonische Erziehung für meine Auf- 
\uag Platon's und seiner ünsterblichkeitslehre ein.**) In 
»renz war Chiappelli (jetzt Professor in Pisa) in seinem 
5rke (Della interpretazione panteistica (K Piatone 1881) meiner 
Lzen Methode und ihren Eesultaten in der Auslegung Platon's 
t Benutzung der ganzen Litteratur über Piaton) kritisch 
ihgegangen und zu einem vermittelnden Standpunkt gelangt, 
em er einerseits die Consequenz meiner Auffassung anerkannte 
1 manchen Gesichtspunkt der Methode brauchbar fand, um 
le und weitere Einsicht und Uebersicht in und über die Ent- 
kelung des Piatonismus zu gewinnen, andererseits doch aber 
bisher herrschenden Auffassung in der Art gerecht werden 
müssen glaubte, dass er in den Werken Platon's die Con- 
uenz vermisste, Unklarheiten, Widersprüche und Zweifel für 
L historischen Charakter Platon's forderte und deshalb 
thisches und Speculatives in der bisher üblichen Weise ver- 
cken wollte, ohne zu leugnen, dass die Consequenz Piaton zu 
1 von mir beschriebenen Systeme hätte führen müssen.***) 



n wenn auch der Text der Platonischen Dialoge mit vielen Lücken 
rliefert wäre, so würde der Sinn seiner Philosophie sich doch sicher 
liffriren lassen; nnd insofern steht Yera's speculative Auffassung hoch 
T der Zeller'schen. Darum könnte Vera ruhig Einzelnes preisgeben 

behielte doch im Ganzen Recht. 

*) Revue philosophique, Aoüt 1881 p. 167, Decembre 1881 p. 625. 
le speciell mathematischen Arbeiten sind in dem Bulletin des Sciences 
hematiques et Astronomiques veröffentlicht. 

**) Tannery ist meines Wissens der Erste, der meine Zurüokführung 
Herakleitischen Dogmen auf die ägyptische Tradition untersucht und 
'kannt hat (Revue philos. p. Ribot, Septembre 1883 p. 297). Hardy 
^ff der Physis in der griech. Phil. I S. 39, 1884) geht auf die Frage 
t ein, scheint aber nichts dagegen zu haben, wie er auch meine 
>nol. Bestimmung des Buches de diaeta annimmt (p. 49). 
^^ In ähnlicher Weise stellen sich auch Andere zu der Frage. So 
e ich z. B. M. von Engelhardt (das Ohristenthum Justins des 



138 

Der Stand der Frage ist für mich also jetzt der, dass die 
durch ihre Vergangenheit nicht gebundenen Piatonforscher im 
Allgemeinen geneigt sind^ die Auffassung Platon's von den 
neuen Gesichtspunkten aus zu versuchen und sich in das dadurch 
entstehende neue Bild des Mannes und seiner Lehre hinein- 
zudenken, dass es aber geboten erscheint, die noch hemmenden 
Bedenken und Eeminiscenzen zu zerstreuen. Deshalb will ich 
versuchen, die mir als die wichtigsten erschienenen Einwendungen 
in's Licht zu setzen und dadurch den Weg frei zu machen. 

§ 1. Vorgänger: Hegel. 

Da Zell er in seiner Erwiderung gemeint hatte, dass ich 
„zuerst unter Allen, die sich bis jetzt mit Piaton beschäftigt 
haben, darzuthun versucht hätte, Piaton habe keine individuelle 
Unsterblichkeit angenommen", wies ich in meiner „Platonischen 
Frage" (Perthes, Gotha 1876) auf Schleiermacher als einen 
Vorgänger hin und betonte S. Vm, dass man „die Vorgänger 
aufsuchen und finden würde, da jede philosophische Auf- 
fassung der Platonischen Grundbegriffe unvermeidlich zu 
diesem Resultate führe". In der That erinnerten dann auch 
Siebeck, Chiappelli und Bonghi an Hegel. Obgleich man 
Hegel kaum anführen darf, wenn es sich um den historisch 
treuen Ausdruck eines philosophischen Lehrsatzes handelt, wei 
er das Fremde nur in den Formen seines Systems wiederzugebe 
versteht und dadurch unvermeidlich den Eindruck hervorbringt 





Märtyrers S. 478) an, der sich über meinen Streit mit Zeller so äoBsert:^ 
„Im üebrigen mag es dahin gestellt bleiben, ob Flaton in Wirklichkeil 
die Unsterblichkeit lehre und lehren könne. Nach seinen Grund- 
gedanken kann er sie nicht lehren; aber es fragt sich eben, ob ei 
überall die Grundgedanken seines Systems festgehalten hat." VergL aud 
S. 458. — Aber auch Erdmann, der an die Tiefen der Hegel'schen speca- 
lativen Auffassung gewöhnt ist, lässt doch in der dritten Auflage seine 
Grundrisses der Gesch. d. Phil. I. S. 93 die Frage noch unentschieden,« 
da er die Stellung des Individuellen im System nicht genauer-^^^ 
untersucht. Er fasst zwar „unsere Seele als Theil der Weltseele" un< 
müsste deshalb wie Vera eine individuelle Fortdauer leugnen; aber „dei 
prachtvolle Mythus" mit seinem möglichen Ursprung aus „Agyptisdiem,. 
Phönicischem oder gar Indischem" steht im Wege, am sich definitiv 
entscheiden, und die genaue Untersuchung über dieStellung desHythu s^ -^ ' 
zur Dialektik im Platonischen System hat Erdmann nicht unternommen^-^-*'* 



139 

Is wenn der von ihm dargestellte Autor wohl eigentlich etwas 
anz Anderes gedacht und gesagt habe: so ist doch anzuerkennen, 
ass Hegel hier das Richtige gesehen hat*), vorzüglich, weil er 
älbst ebenso wie Schelling zu seiner eigenen Weltauffassung 
rade erst durch Piaton und Aristoteles gekommen ist und den 
^erth dieser grossen Philosophen durch die schaale Verständigkeit 
er Kantischen Antinomien und den armseligen Empirismus der 
Halektik der reinen Vernunft einsehen konnte. 

Allein trotzdem findet sich bei Hegel in der Auffassung 
laton's der Widerspruch, dass er, so lange er bei Piaton ver- 
eilt, ihn richtig deutet, sobald er aber zu Aristoteles übergeht, 
orch die Aristotelische Kritik an Piaton wieder irre wird und 
as wahre Verhältniss des speculativen Philosophen zu dem blos 
rstematisirenden und von eigener speculativen Krafi; nicht ge- 
"agenen Schüler missversteht. Er sagt (Gesch. d. Phil. II, 
.319 — 14 Bd.): „Das Platonische ist im Allgemeinen das Ob - 
5ctive, aber das Princip der Lebendigkeit, dasPrincip 
Br Subjectivität, fehlt darin; und dies Princip der 
ebendigkeit, der Subjectivität, nicht in dem Sinne einer zu- 
tligen, nur besonderen Subjectivität, sondern der reinen Sub- 
Dtivität, ist Aristoteles eigenthümlich." 

Wenn dies wahr wäre, so wäre die früher von Hegel ge- 
mnene Auffassung der Platonischen Unsterblichkeit wieder falsch, 

sie auf dem Princip der reinen Subjectivität, welches der 
ee als Leben zukommt, beruht; denn die zufallige oder be- 
ädere Subjectivität spielt ja bei Piaton, wie Hegel mit Eecht 
sehen hat, keine KoUe. Ich betrachte daher freilich auch 
9gel als einen Vorgänger in der richtigen Auffassung Platon's, 
r muss man sich durch die Widersprüche, zu welchen Hegel 
jTch seine Construction der Geschichte der Philosophie kam, 
3ht stören lassen ; denn Ohiappelli, der sonst über das Verhältniss 
einer Auffassung zu der Hegel'schen gerecht urtheilt, scheint 
»eh (1. 1. p. 19) nicht zu bedenken, dass Hegel, um den Fort- 
hritt des dialektischen Processes von Piaton zu Aristoteles zu 



*) Hegel gewann seine richtige Auffassung entweder gleich durch 

genes Studium, oder durch die Urtheile Schelling's, der z. B. „Philo- 

.phie und Religion" Tübingen 1804, S. 23 und S. 69 die Platonische ün- 

erblichkeitslehre philosophisch versteht. Er citirt dabei gerade Phaidon 

168. 



140 

construiren, die Platonische Idee wieder als Ding bestimmen musste, 
das erst bei Aristoteles in der ivi^yeia zu subjectiv-objectiyer 
Lebendigkeit gelangte. 

§ 2. Panäüus. 

In meinen „Literarischen Fehden" S. 126 zeigte ich auch 
als einen Vorgänger im Alterthum den Panätius auf, der von 
der Unmöglichkeit, Piaton die Lehre einer persönlichen Un- 
sterblichkeit zuzuschreiben, so durchdrungen war, dass er deswegen 
sogar den Dialog Phaidon für unecht erklären wollte. 

Es ist nicht uninteressant, diese Thatsache etwas genauer 
zu betrachten; denn es zeigt sich, dass Diejenigen, welche bei 
Piaton das philosophische und mythische Element der Lehre 
nicht scheiden wollen, wie z. B. Grote, Zeller und Chiappelli, 
auch bei einer so einfachen Nachricht in Verlegenheit gerathen. 
Zell er leugnet rundweg die Zuverlässigkeit dieser Nachricht; 
denn weil er selbst nicht zweifle an der Lehre einer persönlichen 
Unsterblichkeit bei Piaton, so könne auch Panaetius nicht daran 
gezweifelt und also den Phaidon nicht für unecht erklärt haben. 
G-rote und Chiappelli suchen nach anderen Gründen der Un- 
echterklärung als dem einzigen überlieferten; denn es scheint 
ihnen unbegreiflich, wie man um dieser Unsterblichkeitslehre 
wiDen, die doch überall bei Piaton hervortrete, den Phaidon 
aufgeben wolle. Beide sehen zwar sofort, dass der Ausdruck 
bei Asklepios: navaitiog tiq nicht aus Unbekanntschaft mit 
diesem Gelehrten, sondern per contemptum geschrieben sei, 
Chiappelli möchte aber gern bei Panaetius irgend ein philo- 
logisches Motiv herausfinden oder, seine skeptische und negative 
Neigung in der Kritik beschuldigen*), statt einfach die Ueber- 
lieferung zu verstehen, dass er wegen der Unsterblichkeitslehre 
den Phaidon verwarf. Ist das aber eine Erklärung, wenn man 
statt eines vernünftigen Grundes eine Laune oder die subjective 
Willkür als Motiv annimmt?**) Wer weiss deim nicht, dass die 
sogenannte Willkür auch ihre Ursachen hat, die man bei der- 
gleichen literarischen Urtheilen sonst immer leicht herausfindet! 
So z. B. ist die Willkür, womit Zeller die Authentidtät der 



*) Chiappelli) Panezio di Rodi e il sao giadizio salla auteuticita 
del Fedone, Roma 1882. 

**) L. 1. in gran parte personali. 



141 

^N'achrichty Chiappelli das authentische Motiv der Notheuse be- 
seitigen wollte, leicht auf ihre Ursachen zurückzuführen; beiden 
C3relehrten ist für ihre, Mythus und Speculation principiell ver- 
iruschende Erklärung Platon's die Thatsache unbequem, dass 
schon im Alterthum ein begeisterter Freund der Pla- 
tonischen Philosophie die Unsterblichkeitslehre als 
ein unechtes Element des Piatonismus erkannt hat. 
Wie Zeller^ so sagt auch Chiappelli: „Ein so grosser Bewunderer 
Platon's musste wissen, dass die Unsterblichkeitslehre nicht 
minder bestimmt im Staat, im Timäus, Phaidrus, Gorgias, Menon, 
Theätet und in den Gesetzen ausgedrückt war/^ Leider kann 
ich das nicht auch wissen, da mir der Unterschied zwischen 
Lehre und Mythus im Wege steht, denn die Unsterblichkeits- 
lehre kann dort nur Denjenigen ausgesprochen zu sein scheinen, 
welche den Versuch nicht wagen, die Platonischen Principien 
systematisch durchzuführen, sondern sich mit Aneinanderreihung 
zusammenhangsloser Dogmen begnügen"^), als wenn Piaton kein 
Dialektiker wäre, sondern blos Anthologien schöner Meinungen, 
wie Isokrates im Nicocles, darböte. Panaetius aber war ebenso- 
wenig wie Piaton ein blosser Rhetor, sondern ein Professor der 
Philosophie und mit seinem ganzen Herzen Platoniker und 
nmsste also schon für die Zwecke des Lehrstuhls das Bedürfniss 
fühlen^ sich systematisch in Piaton hineinzudenken, weil er 
keine höhere und bessere Weltansicht als die Platonische kannte. 
Freilich, wenn wir blos den Bericht des Cicero ^^^^^ ^^^^^^ j,^ 
hätten ^ so würde ich mit Chiappelli und Zeller «inzige Quaiia 
stimmen! Cicero nämlich sagt: (Tuscul. I. 79) p^iius^ln 
Credainus igitur Panaetio, a Piatone suo dissentienti? PhaJdon for echt 
Quem enim omnibus locis divinum, quem sapien- «^*"*"- 
tis&dmum, quem sanctissimum, quem Homerum philosophorum 
appellat, hujus hanc unam sententiam de immortalitate animorum 
n.on ptrobat. Hiemach muss sich Panätius im Streit mit 
Piaton befinden haben und zwar über die Unsterblichkeitslehre. 
A^lso kann er aus diesem Grunde den Phaidon nicht verworfen 



*) Bonghi (Proemio al Fedone p. 160) fordert dies sogar als die einzig 

richtige ^Hermeneutik für Piaton. Chiappelli verfahrt aber in seinem 

Werke Della interpretazione panteistica di Piatone wissenschaftlicher als 

lüer, indem er dort den Widerspruch dieser angebHchen .Lehre mit den 

^toniioheta Prinoipien einräumt. 



142 

haben. So schliesst Zeller und Chiappelli. Halt! folgt dies 
wirklich? folgt nicht vielmehr, dass er aus diesem Grunde ganz 
besonders gegen Platon's Phaidon aufgetreten sein müsse und, 
wenn er Piaton wegen dieser Lehre bekämpft, darum die Echt- 
heit des Phaidon um so bestimmter angenommen hat? Ich 
glaube, die Logik zwingt uns, ohne Bedenken einzugestehen, dass 
Panätius, wenn er Platon's Unsterblichkeitslehre an- 
gegriffen hat, den Phaidon für echt erklärte; denn 
weshalb sollte er auf Spuren dieser Lehre in den anderen Dialogen 
fahnden, wenn er hier bei dem sonst verehrten Meister das Nest 
seines Lrthums ausnehmen konnte. Entweder also hat Zeller 
gegen Hirzel und Chiappelli Becht, und Panaetius hat niemals 
den echt Platonischen Ursprung des Phaidon bestritten, oder 
Cicero muss anders interpretirt werden. 

Lässt sich denn aber Cicero noch anders ver- 

dM Cicero ist stehen ? Ist sein Ausdruck auch nur im Mindesten 

eine Pramitsa zu zweideutig? Ich glaube, es gehört nicht viel Witz 

dazu, um einzusehen, dass Cicero ebenso wie Zeller, 
Chiappelli und Bonghi und Alle, die nicht ab Philosophen ein 
systematisches Verständniss Platon's suchen, dem Piaton die 
Unsterblichkeitslehre bona fide und mit zweifelloser Gkwissheit 
zugeschrieben hat. Piaton ist für Cicero, wie für die Eärchen- 
väter und für Alle, sozusagen, mit Ausnahme der strengeren 
Philosophen, nicht blos ein Anhänger der Unsterblichkeitslehre, 
sondern schlechtweg der Unsterblichkeitslehrer. Wer 
gegen diese Lehre spricht, spricht gegen Piaton; wer sonst sich 
Piaton hingiebt, aber nur nicht an Unsterblichkeit glaubt, wie 
Panätius, der weicht in diesem einen Punkt von seinem Meister 
ab (a Piatone suo dissentienti — hujus hanc unam sententiam 
non probat). Wie aber, wenn Panaetius behauptete, Piaton habe 
gar keine persönliche Unsterblichkeit gelehrt, und der Phaidon 
sei aus diesem Grunde unecht? Hilft nichts! er streitet daru m 
gerade gegen Piaton, den Unsterblichkeitslehrer. Wenn 
Zwingli noch so guter Christ sein will und aufs Evangelium 
schwört, aber die Abendmahlslehre nicht wie Luther auslegt: 
hilft nichts! er hat den Teufel im Leibe, der gegen das Evangelium 
rebellirt. 

Zu dieser einfachen Auslegung des Cicero können wir aller- 
dings nur kommen, weil wir durch Asklepios und Syrianog 
wissen, dass wegen der Unsterblichkeitslehre Panätius 




143 

den Phaidon für unecht erklärt hat, was so viel heisst, 
sHa dem Piaton diese Lehre absprechen. Ohne dieses 
Quellenzeugniss würden wir nach Cicero glauben, Panätius habe 
gegen Piaton gestritten, also den Phaidon vor allen Dialogen an- 
gegriffen und natürlich für echt gehalten. 

Asklepios giebt uns aber den genauesten Auf- 
schluss, indem er sagt, Panätius, der die Seele für Bericht des 
sterbUch hielt, habe auch den Piaton mit ^^^p^^^^' 
herabziehen wollen; dementsprechend habe er 
den Phaidon, wo die vernünftige Seele in deutlichen Worten 
für unsterblich erklärt wird, als unplatonisch verworfen.*) Pa- 
nätius wollte also den Piaton zu seinem Complicen 
machen und seine niederträchtige Lehre durch eine so grosse 
Autorität decken. Folglich hat Panätius in seinem Sinne 
nicht gegen Platon's Unsterblichkeitslehre gestritten, da er diese 
ja bei dem echten Piaton nicht zu finden glaubte; Diejenigen 
ftber, welche, wie Cicero, diese grosse Lehre und schöne Hoffnung 
unter keiner Bedingung von Piaton abtrennen können, werden 
freilich behaupten dürfen, er sei in diesem Punkte im Streite 
xnit seinem Lehrer gewesen. 

So sind denn auch die Gründe des Panätius gegen die 
Unsterblichkeit, welche Cicero anführt, nicht gegen Piaton 
gekehrt, sondern von ihm entlehnt. 1. Denn dass das Ent- 
standene vergänglich sei, ist ja allgemeine Lehre des Platonischen 
Idealismus. 2. Die Abhängigkeit der Einder von ihren Eltern, 
nicht blos ihrem Leibe, sondern auch ihrer geistigen Beschaffen- 
heit nach, ist ja der Grundsatz, worauf bei Piaton die ganze 
fihegesetzgebung im Staate beruht und wodurch von ihm die 
sociale Verantwortlichkeit bei den Sünden der Einzelnen be- 
gründet wird. 3. Dass endlich der Schmerz zur Seele gehört 
ixnd die Seele mit dem Körper leidet, ist ganz Platonisch; denn 
es bestimmen nach Piaton auch das Klima und sogar die Winde, 
Constitution und Begabung der Menschen nicht nur bei der 
*zeugung und während der Schwangerschaft, sondern auch 
.achher, je nach der geographischen Lage des Wohnorts; die 



*) SchoL in Aristot. 576 a 39 Brandis: ' Tlavaliios yaQ ns iroXfiirjae 
^^B&eüHtu tov SidXoyop' iTteiSt] ya^ iXeysv elvai d'vi^Tr^v Tf]v tf/v/rjv, ißovXero 
^^''^YitaTaiiTtaaai xai lov nXdrcjra. inei ovv ev r^ 0ai8(ovi, aaq>a>s 
^^ta&arar^i rijv XoyiTopf y^XV'^* rovrov x^qiv ävo&evae rov SidXoyov. 



144 

Seele kommt auch durch allerlei körperliche Einflüsse zn Ver- 
gesslichkeit; Trägheit, Schlaf, Wahnsinn und dergleichen, und 
alles Lehen der Seele und des vernünftigen Geistes ist nach 
dem „Symposion^^ einem beständigen Fliessen und Verschwinden 
preisgegeben, wenn das Erworbene nicht durch beständige Arbeit 
und wiederholtes Nachdenken wiedergewonnen und als immer 
Neues festgehalten wird. Panätius entlehnte daher alle 
seine Gründe gegen die Unsterblichkeit dem Piaton 
und konnte ihn mit bestem Rechte zu seinem Complicen machen. 
Wenn wir aber seine Notheusis des Phaidon und die 
sonst von ihm bekannte Verwerfung der populären Theologie 
bedenken, so müssen wir auf einen nüchternen und pedantischen 
Verstandesmenschen schliessen, der, ohne bewegliche Phantasie 
und ohne künstlerische Fülle der geistigen Conceptionen, blos 
nach dem Lineal seine Gedanken zog. Darum verwarf er Alles 
rücksichtslos, was in das Schema seiner Begriffe nicht passte, 
und es kann uns nicht wundem, dass er, wie Chiappelli zu- 
sammenrechnet, circa hundert überlieferte Dialoge der Sokra- 
tiker für unecht erklärte, und zwar blos nach dem Gesichts- 
punkte, ob darin Lehren vorkommen, die nicht Sokratisch sind.*) 
So erklärt sich auch seine Kritik an einigen Versen in den 
Fröschen des Aristophanes, für die er als Beziehungspunkt ohne 
alle historischen Gründe noch einen zweiten Sokrates postulirt, 
und seine Leugnung der Bigamie des Sokrates, als wenn sich 
das auch aus Begriffen deduciren liesse. Bei Piaton verstand 
er nicht Orthodoxie und Dialektik zu unterscheiden und konnte 
daher den Phaidon nicht würdigen. Mir gilt ein solcher trockener* 
Pedant darum nur soweit als Vorgänger, als er in dem strengeiM 
systematischen Baurisse des Platonischen Systems die individueller 
Unsterblichkeit ausgeschlossen fand; da aber fast die grösste^i 
Wirkung des Piatonismus auf der Verschmelzung der Dialek- 
tik mit dem Mythus, also auf der Orthodoxie beruht, so schreibe > 
ich dem Panätius höchstens ein einseitiges Verständniss des^ 
Platonischen Genius zu. 



*) Steinhart bewundert in seiner Weise „die kritische Schärfe" un<^- 
das „treffliche Urtheil über die Unechtheit der meisten unter dem NameK' « 
von Sokratikern gehenden Dialoge" und hält den Panätius für „einev^^ 
wirklichen Kritiker« (Leben Platon's S. 17 und 269). 



145 



§ 3. Alfred WUliam Benn. 

Das durch Geist, Scharflinn und Selbständigkeit des Urtheils 
sgezeichnete "Werk von Benn*) hat noch den besonderen 
orzug, dass es die Lehren der Philosophen durch alle Jahr- 
Tinderte verfolgt und die alten Auffassungen durch die neuen 
xid diese durch jene beleuchtet. Dieser neue Gesichtspunkt, 
ach welchem Benn die Geschichte der griechischen Philosophen 
«trachtet und wodurch er sich in einen bewussten Gegensatz 
«gen die Zeller'sche, noch halb, wie er sagt, unter der Hegerschen 
ZDiÄethode stehende Behandlungsweise stellte, musste ihn die Ver- 
andtschaft des Geistes erkennen lassen, welcher meine Geschichte 
«r Begriffe beherrscht. Es ist darum beachtenswerth, dass sich 
suxich in England diese neue Aufgabe der Geschichtsauffassung**) 
spontan geltend machte und sich dadurch als ein allgemeines 
J3edürfniss beweist; die bisherigen Betrachtungsweisen gewähren 
kleine hinreichende Einsicht. 

Benn lernte erst einige von meinen Schriften kennen, nach- 
m sein Werk schon im Drucke war, und nimmt daher nur 
der Vorrede und in einigen Anmerkungen dazu Stellung, 
a es mir hier nur darauf ankommt, was gegen meine Auf- 
fassung der ünsterblichkeitslelire bei Piaton gesagt werden kann, 
Äix prüfen, so erwähne ich nur die Argumente, die mir Benn 
S. ^XTX ff. als Einwendungen entgegenhält. 

Benn bemerkt: „Platon's vielfache und sorgfältig aus- 
Searbeitete Beweise für die Unsterbliehkeit der Seele würden 



♦) The greek philosophers. Two volumes. London 1882. 

**) Bei mir steht diese Betrachtung der Geschichte in einem syste- 

^^atischen Zusammenhange mit der Metaphysik, der ich in meiner „Wirk- 

*^cLen und scheinbaren Welt" eine neue Grundlage zu geben suchte. 

^ohon in meiner Abhandlung „Darwinismus und Philosophie" (Köhler, 

'*-'^ipzig) hatte ich gezeigt, dass die Auffassung der Dinge nach der wirkenden 

'^^rsache eine ©inseitige Betrachtungsweise ist, und dass das Künftige eben- 

^^^^t als Bedingung des Früheren angesehen werden darf. Da die Zeit 

^l>erhaupt nur eine perspectivische Auflassungsform und die Welt als ein 

**^chni8che8 System zeitlos vollendet ist, so kann jeder Funkt des Ganzen 

^^liebig von rückwärts und vorwärts bestimmt und festgelegt und erklärt 

^^Qrden. Die bisherige Auffassung der Geschichte nach der pragmatischen 

'Methode ist daher einseitig und entbehrt des vollen Lichtes. 

10 



146 

überflüssig sein, wenn sein einziges Ziel gewesen wäre, zu 1be- 
weisen, dass die Seele, wie jedes Ding sonst, ein ewiges Ele- 
ment enthält." Ganz recht. Doct war dies auch nicht sein 
Ziel; denn es handelte sich für ihn, wie für jeden Idealisten, 
darum, die ewige Natur der Intelligenz zur Anerkennung zu 
bringen, die unseren Körper und die ganze Natur gestaltet und 
als das höhere und frühere Princip beherrscht. Wir sollen 
durch diese mannigfaltigen Beweise immer fester überzeugt 
werden, dass es sich lohne, Vernunft und Einsicht zu erlangen, 
weil wir nur dadurch dem göttlichen Element der Welt zu- 
geeignet werden und in den Besitz der unsterblichen intellec- 
tuellen Wahrheit kommen, die das schönste und beste und seligste 
Leben der Welt ist; wir sollen dadurch die grosse Hoffnung 
gewinnen, dass der Besitz dieser Weisheit {cpqövrpig) genügt, 
um uns für die Unterdrückung unserer Begierden und Leiden- 
schaften zu entschädigen, und dass wir nur wahrhaft leben, 
wenn wir dem Leibe und der Sinnlichkeit sterben, dass Geist 
und Tugend und nicht der Sinnentaumel und der irdische Ge- 
nuss das Ziel unseres Lebens sei.*) 

Zweitens erwidert Benn: „Die Pythagoreische Lehre von 
der Seele als einer Harmonie, welche Piaton verwirft, hätte mit 
der von mir gemeinten idealen und unpersönlichen Unsterblich- 
keit verträglich sein können, weil ja nach dem Untergang der 
particulären Harmonie die allgemeinen Gesetze der Harmonie 
bleiben." Auch dieser Einwand scheint zunächst sehr €(in- 
leuchtend; doch näher betrachtet verschwindet er vor dem- 
Platonischen Gedankengange. Denn bei der Harmonie sind die^ 
Componenten das Wesentliche, und die Harmonie ist nur eines 
zufällige und fragliche Erscheinung, bei der man nicht rechtz 
weiss, wo sie Wesen, Sitz und Haltung habe. Piaton aber wilL 
nichts Zufälliges suchen, sondern flüchtet aus dieser Welt des Zu- 
falls in das Reich des wesentlichen Seins, der ewig identischen. 
Wahrheit, welche die ideale Natur aller Dinge ist. Die Harmonie 
ist zwischen den Dingen; die Idee aber und die Weisheit oder 
der Geist ist in den Dingen als ihr allgemeines unverlierbares 



*) Man sieht dies überall und so auch Phaidon p, 114 D oans iv 
T(^ ßi(^ rag fiev aXkag tjdovae ras Tte^i rb acjfia xal rovs xofffiovs eiaae x^^^etv 

— — rae 8e Tte^i rb fiavd'dveiv ianovSaae re xal xoa/i^aas rrjv yw^f^v — - . 

acDq>ooavvT^ re xal Stxaioavvrj xai avS^eia xal iXevd'eQlq xai aXrjd'elq. 



U1 

Seesen. Die Vorstellung der Harmonie zeigt uns etwas Be- 
ingtes und Abhängiges; wir suchen aber das Bedingende 
Qd Herrschende, das unser eigenes und aller Dinge 
ahrhaftiges Wesen ist. Eine Aehnlichkeit zwischen Har- 
onie und Weisheit ((pQOvrjaig) besteht gleichwohl darin, dass 
3ide erst durch unsere Arbeit gewonnen werden; doch tritt 
eich durch Betonung der idealistischen Weltanschauung der 
nterschied hervor; denn die Harmonie ist nur ein schönes 
piegelbild, wie der Regenbogen, ohne selbständiges Wesen ; die 
Weisheit aber der sichere und unendlich reiche und unvergäng- 
3he Goldschatz, der in der ganzen Welt und so auch in unserer 
atur vergraben liegt und durch Lernen und Kampf mit den 
legierden zu unserem Eigenthum wird. 

Auf den dritten Einwand habe ich schon, wie ich glaube, 
snügend in meiner „Platonischen Frage, Streitschrift gegen 
[eller" S. 51 geantwortet. Ich bemerke daher hier nur noch, 
ass Benn meiner Auffassung im Ganzen gar nicht fern steht. 
Ir erklärt sich damit einverstanden, „den Lehren von der 
7iedererinnerung und Seelenwanderung eine rein mythische 
Bedeutung zu geben, und bekennt sich damit zufrieden, 
^enn überhaupt die Lehre vom zukünftigen Leben als 
in bedeutendes Element in Platon's Religionssystem 
ingeschaltet würde, was ich ja vollständig einräumte".*) 
Jenn giebt damit also dem von mir hervorgehobenen Unter- 
chiede zwischen dialektischer Erkenntniss einerseits und 
)rthodoxie andererseits seine Zustimmung. Hat man aber 
rst diese Grenze gezogen, dann versteht es sich nachher von 
elbst, wohin die Unsterblichkeit der Individuen gehört, und so 
»egrüsse ich diese neue literarische Kraft auf englischem Boden 
ait voller Sympathie, obwohl meine eigene Weltansicht mit den 
>ft positivistisch angehauchten Gesichtspunkten des Verfassers 
licht immer ganz im Einklang steht. 



*) L. 1. p. XX. I agree, however, with Teichmüller that the doctrines 
Df reminisceiice and metempsyohosis have a purely mythical significance 

at the same time, I must observe that, from my point of view, it 

LS enough if Plato inculcated the doctrine of a future life as 
in important element of his religious System. And that he did 
ao inouloate it Teichmüller fully admits. (See especially, die wirkliche 
and scheinbare Welt, Vorrede, pp. X ff.). 

10* 



148 



§ 4. Zeller. 

Wenn Zell er nun nochmals in seinem jüngst^^j 
wieder- erschienenen „Grundriss der griech. Philos." 1883^ 

S. 132 seine alte Auffassung wiederholt und deriBr 
Unsterblichkeitsglauben, die Wiedererinnerung, die Präexisten:^ 
und die zukünftigen Strafen und Belohnungen für „die ent 
schiedenste wissenschaftliche Ueberzeugung" Platon'r "^"'s 
ausgiebt, so sieht man daraus nur, dass Zeller keinen Begriftr .ff 
davon hat, was bei Piaton „wissenschaftlich" heisst. Zelle 
steht hierbei seltsamer Weise ungefähr auf dem Standpunl 
des Athen aus, der beliebig dem Geschriebenen, wie es g( 





schrieben steht, nacherzählt und dabei, was blos der sinnliche ^g*Rn 
Form der Vorstellung und dem Begriffe angehört, nebeneinande 
stellt und durcheinander mischt; von der strengen Zucht d( 
Platonischen Denkens ist Zeller unberührt geblieben. So meh 
Athenäus, der darin, wie es scheint, dem Hegesandros folj 
die Platonische ünsterblichkeitslehre fände sich schon b 
Homer, wo ja die vom Leibe abscheidende Seele des Patrokl« 

in den Hades gelange und ihr Schicksal bejammere, verlassei id 

Mannheit und Jugend. „Aber wenn diese Lehre auch Platc=3ii 
eigen wäre, sagt er weiter, und die Seelen der Abgeschieden^^n 
in andere Naturen umgewandelt würden oder wegen ihi^ ^r 
Leichtigkeit in einen höheren und reineren Ort der Luft aui^f- 
stiegen, was hätten wir davon? Denn da wir keine Erinn ^- 
rung daran behielten, was wir einst waren, und keir^^^e 
Empfindung davon, ob wir überhaupt waren, welch^^n 
Reiz hätte eine solche Unsterblichkeit?"*) Athenäus und He^^ 
sandros waren also keine wissenschaftlichen Leser Platon's. S ^^ 
nehmen Alles, was sie vorfinden, in verständigem Ernste, oh*^® 
den Begriff der Sache zu merken. Darum müssen sie si^^^ 
natürlich hinterher geprellt fühlen, da ja in der That solcB^^ 
persönliche Unsterblichkeit keinen Schuss Pulver werth ist. 

Hätte die Wiedererinnerung, welche Zeller für „Ä-^^ 
entschiedenste wissenschaftliche Ueberzeugung Platon's" hä^^' 



*) Athenaeus 11. 507. e und f. otvyaQ firjT avafnn}ais iariVf ov 7ti 



i 



149 

[en Sinn; dass jede Person sich an ihre besonderen persön- 
ichen Erlebnisse im Hades oder in Thierleibern oder in 
ruberen irdischen oder himmlischen Existenzen erinnerte, so 
önnte man ja wirklich Zeller's Meinung in Erwägung ziehen; 
a die Wiedererinnerung aber nur mit den Ideen zu thun hat, 
. h. ausschliesslich mit dem identischen idealen Element der 
STelt, das nichts Individuelles, Persönliches und Verschiedenes 
dthält und dem Einen zwar mehr, dem Andern weniger zukommt, 
hne dass es jedoch selbst mehr oder weniger oder verschieden 
äre: so muss noch ein Seher kommen, der uns zeigt, was die 
STiedererinnerungslehre bei Piaton wissenschaftlich mit der 
ersönlichen Unsterblichkeit zu thun haben könne. Mit der 
311 mir gelehrten Platonischen Auffassung der Unsterblichkeit 
;elit die Wiedererinnerungslehre in dem engsten Zusammen- 
ange, ebenso wie die Seelenwanderung; mit Zeller's Auffassung 
ber kann man sie nur verknüpfen, wenn man gar nicht daran 
3nkt, was die Wiedererinnerung bei Piaton bedeutet. Denn 
iicli die Verschiedenheiten der Persönlichkeiten, wonach sie 
eil mehr oder weniger deutlich erinnern, haben mit einer per- 
mlichen Präexistenz nichts zu thun, sondern hängen von der 
Lehr oder weniger gut gelungenen physischen Verbindung der 
l-eschlechter hier auf der Erde ab, für welche Aufgabe Piaton 
erade seine grösste sociale Neuerung erfand. 

Wenn ebenso Zeller mit höchst verständiger 
rewissenhaftigkeit daran erinnert, wie der „Un- oereinstige 
;erblichkeitsglauben ja durch die Annahme 
in er dereinstigen Vergeltung mit Platon's Ethik und 
'heologie" verknüpft sei, so muss man ihn nur zu Platon's 
►rüdern, Glaukon und Adeimantos, schicken, damit ihnen So- 
rates wieder zeige, dass die Gerechtigkeit zu üben ist, auch 
renn der Gerechte von den Menschen für ungerecht gehalten 
/ird und statt irdischem und himmlischem Lohn Schläge und 
Slerker, Blendung und Galgen erhält.*) Das ist ja gerade die 
igenthümliche Grösse der Platonischen Gesinnung, als deren 
Tsten Lehrer in der Menschheit er sich mit kühnem 



*) Staat p. 362 B naqa d'eütv xcu Tta^ avd'qmtojv r^ aSixtp naQBO- 
^ü&ai Tov ßiov oLfisivov rj r^ Sixaii^ u. 363 A ff. u. p. 612 ß xai ov tov$ 
''^d'ovs ovSi ras do^ae Sixaioavvrje. 



160 

Selbstbewusstsein hinstellt*), dass die sittlichen Hand- 
lungen ohne Rücksicht auf Lohn und Strafe vollzogen 
werden sollen. Wenn Piaton also an anderen Stellen die Furcht 
vor der Hölle und den Lohn im Himmel heranzieht, so weiss 
jeder wissenschaftliche Leser, dass dies nur ein pädagogisches 
Element ist für die grosse Masse, die doch auch durch üeber- 
redung in Ordnung gehalten werden muss, die aber in die Höhe 
philosophischer Freiheit und Reinheit nicht aufsteigen kann, 
sondern von den pathologischen Motiven gezügelt wird.**) 

Zeller fürchtet sich, die Darstellungsweise 
piaton'8 Platon's für eine Accomodation zu erklären, 

weil er im Stillen noch der seit Schleiermacher 
verbreiteten romantischen Vorstellung von den Platonischen 
Dialogen als idealen, zwecklosen Kunstproducten folgt, während 
ich allerdings diese Vorstellung weit wegwerfe, da ich sehe, dasd 
Platon's erste und einzige Aufgabe die Erziehung der 
Menschheit war. Er sah, dass dem persönlichen Dasein nur 
ein kurzer oder, wie er sagt, ephemerischer Zeitraum zugemessen 
ist; dass man in diesem mit aller Anstrengung sich aus der 
Verworrenheit der Meinungen und aus der Fesselung durch die 
Begierden befreien müsse, um in der Erkenntniss der Wahrheit 
das Gute zu gewinnen und von diesem festen Ankergrunde aus 
seine noch nicht gebildeten Mitmenschen zu leiten und zu. 
erlösen. Darum müsse man die Fackel des Lebens durch 
Erzeugung von Kindern von Geschlecht zu Geschlecht weiter 
reichen, um uns Antheil an der Unsterblichkeit der ewig- 
lebenden Natur zu verschaffen und um durch Mittheilung 
der erarbeiteten höchsten Erkenntniss und Gesinnung 
dem Gotte wahrhafte Verehrer immer statt unserer 
zu hinterlassen.***) Das ist der Punkt des Archimedes, von 
dem Platon's Werke verstanden werden können. Alles dreht 
sich nur erstens um die Gewinnung der höchsten Erkenntniss, 
und diesem Ziele dienen die streng dialektischen Arbeiten in 
Begriffen, und zweitens um die pädagogische und politische 

*) Plat. Staat p. 363 vergl. oben S. 49. 
**) Vergl. Plat. Politicus p. 304. C. rivi ro neiariKov oiv anoSmao- 
fiBv iniarrj/iiß nXrjd'ovs re xal o^^ov 8ia fivd'oXoyiae dXXa firi 9ia 
Sidax^jG; ^avsQov, otuai, xal rovro Qrjrogixjj Soreov ov. Die Anwendung 
dieser rhetorischen Peistik hat dann die wahre Politik zu bestimmen. 
***) Plat. heg^. p. 776 u. 775. 



151 

Oewinnung und Leitung der Menschen. Zu beiden Zwecken 
müssen die bisherigen G-ötzen der Gesellschaft niedergeschlagen 
werden, und dazu dienen die oft unbarmherzigen Becensionen, 
die durch ihren Humor den Gegner nichtig und des Spottes 
würdig erscheinen lassen und ihm seinen schädlichen Einfluss 
iuf Jung imd Alt rauben sollen. Ich wundere mich jedoch nicht, 
lass Zeller sich in diese neue Auffassung Platon's nicht mehr 
indet, sondern, ohne sie mit neuen Gründen widerlegen zu 
können, auf seinem altgewohnten Standpunkte stehen bleibt. 

Wenn es sich aber um Accomodation 
landelt und zwar zunächst auf didaktischem Didaktische 
Gi-ebiete, so darf man das allerdings nicht 
nissverstehen. Piaton ist stolz genug, um die "Wahrheit rein 
herauszusagen. Da er aber für einen gemischten Leserkreis 
schrieb, so mischt er auch Dialektik und Mythus, um Jeden 
iuf seine "Weise zu fesseln und zu gewinnen. Darum ist es gar 
licht wunderbar, dass die meisten Leser beide Elemente ruhig 
lebeneinander stellen. Die Zeitgenossen Platon's aber merkten 
3Sj welche gewinnende Kraft in diesen Bildern und Mythen 
steckte, z. B. Isokrates, der ihm daraus einen Vorwurf machte, 
0ireil er sich ja natürlich im Stillen sagen musste, dass Piaton 
cnit seiner blossen Dialektik keinen Hund vom Ofen gelockt 
bätte und ihm nicht gefährlich geworden wäre, mit seinen 
schönen Mythen aber, in denen doch auch die "Wahrheit ver- 
steckt lag, einen grossen Kreis bezauberte. Isokrates, der für 
das Licht der Philosophie blind und in das Geheimniss der 
Poesie nicht eingeweiht war, versuchte daher vergeblich Piaton 
nachzuahmen und gerieth in seiner trockenen und verständigen 
Manier nur auf eine politische Auslegung der alten Sagen, die 
dabei ihren poetischen Schmelz verloren. 

Die Accomodation bezieht sich bei Piaton 
aber nicht blos auf das theoretische Gebiet, wo es Praktische 
sich um Erkenntniss handelt, sondern wird von 
ihm, der ja ein praktischer Staatsmann sein wollte und aus- 
führliche Gesetze gab, auch auf das moralische und poli- 
tische Gebiet ausgedehnt. Wenn Piaton z. B. von den 
Archonten die Loose fälschen lässt und sonst viel Lüge und 
IBetrug erlaubt*), so darf man in dem Bericht über seine Lehre 

*) Staat p. 459. C. av^v^ r(^ tpevdei xnl t^ andri^ tjuIv derjceiv 



152 

nicht ruhig nebeneinander sagen: er forderte "Wahrhaftigkeit, 
erlaubte aber auch die Lüge; denn auf solche Weise versteht 
man nichts von Piaton. Die Lüge verbietet er vielmehr, wenn 
er ja Wahrhaftigkeit fordert. Er sah aber für einen bestimmten 
politischen Zweck, der von der höchsten Wichtigkeit für die 
Erhaltung der besten Verfassung war, nämUch für die Erzeugung 
goldener Naturen, die allein der Herrschaft im Staate würdig 
wären, kein anderes pädagogisches Mittel, um Aufstand und 
Unzufriedenheit zu verhüten, als die für die Getäuschten selber 
heilsame Täuschung, da ja nur Die getäuscht werden sollten, 
welche nach dem Grade ihrer Begabung und Bildung nicht 
fähig gewesen wären, die Nützlichkeit eines Vorzuges der 
Besseren einzusehen.*) 

Aehnlich ist die Accomodation in den „Gesetzen", wo 
Piaton verlangt, dass man bei ausserehelichen Liebesgenüssen 
eine solche Heimlichkeit beobachte, dass kein Mann und kein . 
Weib sonst darum wisse. Was sind das für schändliche Gesetze! 
Lehrt das wirklich der göttliche Piaton? Ja, er lehrt es. - 
Aber nur so, dass er es in erster Linie für allein schön und J 
ehrenwerth erklärt, keine aussereheliche Gemeinschaft zu be- - 
gehren ; dass er aber in zweiter Linie, da er überzeugt war, der ^ 
Zeugungsdrang liesse sich im menschlichen Geschlecht nichts 
allgemein den sittlichen Ordnungen entsprechend einschränken, 
zu der Dorischen Accomodation kam, wenigstens die unbeding- 
teste Heimlichkeit zu fordern, so dass jedes Bekanntwerden. 
Infamie nach sich ziehe; denn so würde doch durch öflEentlich^ 
Anerkennung der guten Grundsätze der Schandosigkeit der Sitten 
gesteuert.**) Piaton war eben kein Träumer, wie man ihn 
häufig darstellt; der blos in einer chimärischen Welt von Ur- 
bildern zu Hause gewesen wäre, sondern er wollte von ganzem 
Herzen Staatsmann und Pädagoge sein und die wirklichen 
Menschen in dieser wirklichen Welt erziehen und erheben. 

In diesem Sinne hat man seine theoretischen und prak- 
tischen Accomodationen zu verstehen. Aber seine Mythen so 



*) Ibid. p. 59 D. ETI (o^eXeicc twv a^x^fiivcov iv tpaqfjuixov sXSei, 

Wenn man Piaton hier des Jesuitismus bezichtigen will, so ist nur 
der Unterschied zu macheu, dass hier die Gretäuschten, nicht die Täuschenden 
den V ortheil haben sollen. 
**) IjQgQ, ,7 p. 841 — 842, 



163 

aufzufassen, als wenn er dadurch der Poesie, dem Glauben, der 
Ahnung, der Prophetie, den Sagen und dergleichen eine höhere 
Erkenntnissstufe zuschriebe und darin noch ungelöste Bäthsel 
der Wahrheit verborgen glaubte, die er durch seine dialektische 
Schauung der "Wahrheit von Angesicht zu Angesicht in nackten 
Begriffen noch nicht erreicht hätte, das ist ganz witzlos und 
verräth nur, dass man Piaton erst noch etwas näher kommen 
muss, um seine Verachtung aller nicht dialektischen 
Erkenntniss zu erfahren. Er will allerdings den Glauben, 
den blinden Führer, wie er ihn nennt, aber nicht für sich, 
sondern für Die, welche nun einmal nicht selbständig die Wege 
des Lebens finden können, sondern durch Gemüthsantriebe, 
Gehorsam und Orthodoxie geleitet werden müssen. 

§ 5. Ruggiero Bonghi. 

In diesen Gesichtspunkten ruht nun der Unter- 
schied zwischen dialektischer Erkenntniss und Orthodoxie 
Orthodoxie, auf den ich von Anfang an einen 
so grossen Nachdruck gelegt habe und den man noch immer 
nicht gehörig berücksichtigt. Wenn der italienische Uebersetzer 
Platon's, Euggiero Bonghi, z. B. in seinem Proemio al Fedone 
p. 159 gegen meine Auffassung äussert, dass im Phaidon die 
Rücksicht auf das jenseitige Leben und die gerechte Vergeltung 
daselbst das Hauptmotiv des Unsterblichkeitsglaubens bildet, 
und dass man darum eine persönliche Unsterblichkeit annehmen 
muss: so stimme ich ihm vollkommen bei, folgere aber daraus, 
dass ein solches Motiv das untrügliche Zeichen dafür 
abgiebt, dass wir diese Darstellungsweise aus pädagogischen 
Gesichtspunkten ableiten sollen ; denn der Begriff der Gerechtig- 
keit und Tugend schliesst bei Piaton die Rücksicht auf Lohn 
und Strafe aus*), wie er denn ja auch sagt, dass wir das Kind 
in uns durch solche mythische Zauberlieder beruhigen sollen. 
Es dreht eich also blos um ein pädagogisches Mittel, um 
Erzeugung eines Glaubens, einer von dem Dialektiker gebilligten 
Meinung, d. h. der Orthodoxie; denn der Dialektiker allein 
weiss, welche Mythen gut, welche schädlich sind, und ordnet 
nach dem Nutzen an, was im Staate als heilig gelten 



Vergl. oben S. 49 und 150. 



154 

solP) und was demgemäss die Kinder und die jungen Leute 
von den Dichtem anhören und lernen dürfen und womöglich 
auch, was im ganzen Staate von theologischen und poetischen 
Ueberlieferungen gelesen, gehört und gesprochen werden darf. 
Die religiöse Ueberlieferung steht nicht über dem Denker, 
sondern enthält Löbliches und Schädliches durcheinander gemischt 
und kann also keine Belehrung über das Wahre und Gute 
gewähren; erst der Dialektiker erschafiFt eine Dogmatik, indem 
er das Gesunde und pädagogisch Heilsame in den Mythen aus- 
sondert und von der Obrigkeit anerkennen und das Uebrige 
als schlechten und falschen und verderblichen Wahn, wir würden 
sagen als Ketzerei, verurtheilen und durch Strafgesetze verbieten 
lässt. 

Es scheint mir, dass Bonghi, der ausgezeich- 

Aufsteiiung der nete Freund und Kenner Platonischer Philosophie, 

'*^*Fnwe''*" diesem Gesichtspunkt und unfehlbaren Zeichen 

(reXjM^^tov) nicht die gebührende Beachtung hat 
schenken wollen. Darum möge es mir gestattet sein, diesen 
Gesichtspunkt, den ich schon gleich bei meiner ersten Behandlung 
dieser Frage in den „Studien zur Geschichte der Begriffe" 
S. 170 hervorhob, noch einmal hier zu Recht und Geltung zu 
bringen. Denn es heisst doch in den Wind reden, wenn man 
nicht mit wissenschaftlichem Bewsstsein die Principien aus- 
spricht, von denen alle unsere ürtheile über diese Frage 
abhängen.**) Die Unsterblichkeitslehre bildet blos einen Theil 
der vielen mythischen Elemente in den Platonischen Dialogen, 
und man muss daher, ehe man sich über das Partien läre 
entscheidet, die universelle Frage in's Beine gebracht haben, 



*) Z. B. Staat p. 458. E etev ^ av is^oi oi aß^eh/uoraTOt. Umgekehrt 
wäre es, wenn sich Piaton nach dem väterlichen Glauben richtete. 

**) Wer die einzelnen mythischen Stellen bei Piaton sammelt, nach- 
erzählt und dann behauptet, er habe Platon^s Lehre dargestellt, der ver- 
fährt nicht wie ein Jünger der Platonischen Schule. Das ist vielmehr die 
unwissenschaftliche Methode Zeller' s, die durch die Verbreitung und 
das um anderer Verdienste willen wohlerworbene Ansehen seines Hand- 
buches überall Anhänger oder, soll ich sagen, Nachsprecher findet; denn 
die wegen seiner grossen Gelehrsamkeit ihm erwachsene Autorität scheint 
die Meisten (ich denke besonders an die vielen Theologen in Deutschland, 
die Alles aus Zeller nehmen) jeder Prüfung und Selbstforschung zu ent- 
binden. 



155 

wie sich bei Piaton überhaupt die Philosophie zn dem Mythus 
verhalte. Es kann gar nichts nutzen , bei einem einzelnen 
gegebenen spitzwinklichten Dreieck« mit Winkelmass und Cirkel 
thatsächlich zwei und ein halb rechte Winkel nachweisen zu 
wollen, wenn man eingesehen hat, dass kein Dreieck mehr als 
zwei in Summa besitzen kann. Die Frage, welche wissenschaft- 
lich den Vorreigen fuhrt und gebieterisch und mit unbedingtem 
Recht zuerst erörtert zu werden verlangt, ist die, ob bei Piaton 
die Philosophie dem Glauben untergeordnet sei, oder ob der 
Glaube sich nach der Philosophie zu richten habe. Anders 
ausgedrückt: gilt dem Piaton etwas für wahr, weil es von 
Vielen oder von Allen geglaubt wird, sei es von Zeitgenossen, 
sei es von theologischen Männern des Alterthums; oder lobt 
und tadelt er den Glauben der Zeitgenossen und der Alten, 
jenachdem der Inhalt dieses Glaubens sich vom Standpunkte 
der Philosophie für nützlich oder schädlich ergiebt? 

Ist das erste Glied der Alternative richtig und die Philo- 
sophie also dem Glauben untergeordnet, so haben wir bei Piaton 
eine Art von Philosophie, wie sie uns durch die Kirchenväter 
und Scholastiker bekannt ist, mit dem Unterschied, dass er 
nicht auf ein geschriebenes, in einer mächtigen Kirche giltiges 
Ofifenbarungsbuch , sondern nur auf Tradition ziemlich unbe- 
stimmter religiöser Aussprüche, Mythen und Gebräuche zurück- 
gehep konnte. In diesem Falle hätte er dann niemals eine 
voraussetzungslose Speculation (Dialektik*) fordern dürfen, 
sondern hätte die Richtigkeit seiner Vernunftforschung immer 
von der Uebereinstimmung mit jener höheren Offenbarungs- 
oder Traditions -Wahrheit als von dem endgütigen Kriterium 
abhängig machen müssen. Auch dürfte man in diesem Falle, 
weil es kein massgebendes philosophisches System mehr gäbe, 
beliebig jede einzelne Lehre für sich nehmen und ihre Geltung 
bei Piaton feststellen, wie z. B. die ünsterblichkeitslehre, da die 
Giltigkeit solcher Lehren ja nicht nach der Uebereinstimmung 
mit sonstigen Platonischen Begriffen und Grundsätzen geprüft 
zu werden brauchte, sondern nur von der Art und Weise, wie 



*) Platon's Staat p. 477. rh fiiv nnvxekias ov navxsXats yvtafsxiiv. Und 
p. 533 C 71 SiaXeierixi] /tted'odos fwvrj ravrr] nogeveroUf ras vTto&effeie (VorauB- 
setzangen) avat^avaa x. r. A. 534 E., 510 B, 511 B in a^rjv awTto&srop, 







156 

Platon seine Glaubenszuversicht bei einer solchen Gelegenheit 
an den Tag legt, beurtheilt werden müsste. 

Es würde nun wirklich müssig sein, auch nur ein Wort über 
die Unzulässigkeit dieser Annahme zu verlieren, da kein Leser 
Platon's den tiefen Eindruck verleugnen kann, den gerade sein 
Enthusiasmus für Vernunfterkenntniss, Disputation und logische 
Methode und seine ironische Behandlung aller uncontrolirten 
Meinung und blossen Glaubenssicherheit hervorbringen muss._ 

Also werden wir auf die andere Seite der Alternative ge — 
trieben und sind genöthigt, hier die umgekehrten Fragen z 
stellen, nämUch ob bei Platon wirklich die Vernunft über di 
überlieferten Mythen zu Gericht sitzt, wirklich einige verwirfi 
weil sie gegen die Vernunftmoral streiten, wirklich einige aner 
kennt, weil der Glaube daran den sittlichen Aufgaben de 
Menschen eine brauchbare Unterstützung zur Bekämpfung d 
Leidenschaften bietet. Es fragt sich, ob wirklich Platon 
höchsten Fragen der Erkenntniss durch methodisch wissenschafi 
liehe Untersuchung zu lösen sucht, und ob er wirklich ein 
Zusammenhang unter seinen Begriffen und Lehrsätzen erstre 
ob er sich wirklich anmasst, mit Vernunftbegriffen über die 
den ältesten und geehrtesten Ueberlieferungen vorkommend 
Gottesanschauungen abzuurtheilen u. s. w. 

Auf diese und ähnliche Fragen braucht man nicht zu a 
Worten, weil nur Derjenige so fragen kann, der Platon nicht 
lesen hat. Jeder Dialog bezeugt, dass die Vernunft bei ihm 
höchste und letzte Instanz ist, die Alles entscheidet und nie 
von ihrem Tribunal ausschliesst und kein anderes Tribunal 
erkennt. Sobald man überhaupt nur das Problem aufgeworf^^^ ^ 
hat und von dem zerstreuenden Blick auf das Einzelne zur 
fassung des Princips fortgegangen ist, so muss für einen KeniB^ 
Platon's schon Alles entschieden sein. Für Diejenigen ab 
welche nicht an die Arbeit der Dialektik gewöhnt sind, sond^^Äcr']! 
die Dialoge immer in ihrer vollen Integrität mit dem gans^^^ 
Putz der mythischen Choregie auf sich wirken lassen, ist ^^s 
gut, sich an Platon's Methode des Auskleidens bei cB-^^^ 
Untersuchung der Patienten oder der vor Gericht Gestelli>^^-° 
oder der zu Verheirathenden oder der irgend etwas Meinend- ^^-'^ 
zu gewöhnen. So will er des Charmides Seele entkleiden, 
zu untersuchen, ob sie besonnen sei, lieber noch als sein. 
Körper, weil dessen Schönheit weniger wichtig sei. (Channi^* 





167 

p. 154). Auch Theodoros sieht ein, dass Platon's Sokrates wie 
ein Antäus keinen loslässt, bis er ihn gezwungen hat, sich zu 
entkleiden und in Beden mit ihm zu streiten. (Theaet. p. 169.) 
Und im Gorgias (p. 525) sollen die Seelen nicht mehr verhüllt 
in schöne Leiber und Verwandtschaften und Reichthümer, 
sondern nackt geprüft werden. In derselben Weise wirft Piaton 
im Protagoras die alten Gesänge und Dichtungen weg, da 
man ihre Verfasser nicht mehr fragen könne, was sie 
eigentlich gemeint hätten, und da sie nicht Kede stehen 
könnten in Frage und Antwort, und will den Kampf um 
die Wahrheit allein in die nackte Disputation setzen.*) (Protag. 
p. 347 ff.) 

Es muss mir hier genügen. Ein Beispiel zu 
geben, indem ich mich der weitläufigen und leichten Behandlung 
Induction von vielen Stellen entschlage. Ich wähle g*J, Beispiel! 
also gerade das Werk, wo der Mythus sonst stark 
Tertreten ist, die „Gesetze". Dort zeigt Piaton, wie ausser- 
ordentlich schwer es sei, das geschlechtliche Verhältniss in der 
Gesellschaft zu regeln. Diese Frage bietet ja heute noch 
dieselbe Schwierigkeit. Was weiss nun Piaton für Hilfsmittel 
anzubieten ? Er erinnert daran, dass man die Lust nicht durch 
Gewährung des Genusses begiessen und grossziehen dürfe, sondern 
durch Körperanstrengungen die überschüssige Kraft anders- 
wohin ableiten müsse. Besonders aber weiss er ein Kunst- 
mittel (rex^rj). Das ist die Religion. Wie? die Religion? 
Also unterwirft er sich der Religion? So ist es ja abgemacht, 
dass die Philosophie nicht das letzte Wort hat, sondern sich 
selbst absetzt und der alten Offenbarung göttlicher Männer 
unterwirft. Halt! Wir sind noch nicht zu Ende. Wo steht 
denn, dass er sich der Religion unterwirft? Auch handelt es 
sich gar nicht um eine schon bestehende Religion, sondern um 
eine von dem klugen Gesetzgeber erst zu stiftende. Weil wir 
nämlich bemerken, dass z. B. der geschlechtliche Umgang der 
Geschwister und der Eltern und Kinder untereinander bei den 
Griechen durch eine alte religiöse Satzung verpönt war und 
dieses Dogma (cp'^i^r]) eine erstaunliche Ejraft zur Zügelung der 



*) Pro tag. p. 348 A r^g aXrj&eiag xai rjfiü^v avraw nei^av hifißavovxas. 
Ebenso verwirft Piaton im Uorgias p. 472 alle Zeugen und alle Autorität 
und wül blos Disputation: aAA' iyoi aoi sh cjv ov/ ofioXoycä, 



168 

Begierden bewiesen hat, so sollen wir daraus den Kunstgri 
(t€x>7/) lernen, wie die Begierden unterjocht werde- 
können. Da vernünftige Gesetzgeber nämlich jeden naturwidrige 
Umgang der Geschlechter verbieten und die Erlaubniss zic a 
Vereinigung streng an den Zweck der Kindererzeugung knüpfen - ] 
wollen, so sollen sie dieses Gesetz dann mit einer religiöse i 

Heiligung {yLad-ieQcoaag p. 838 D) umgeben und es a^^^H.£ 

Dogma allen Sclaven und Freien, allen Kindern un d 

Weibern und der ganzen Stadt immer auf gleicli^^K— e 
Weise einprägen, um es zu einem ganz fest au n 

Glaubenssatz zu machen. Dadurch würde man die gan^^^^e 

Seele knechten *) können und eine Furcht, sich gegen das Gese Ä:z 

zu versündigen, ja nur dagegen zu athmen, hervorbringe -^mo., 
(Legg. p. 838 — 840 C.) 

Dies Beispiel kann genügen. Es zeigt aufs Deutlichst:=^- -^^ 
dass allein die Philosophie das Wünschenswerthe zu bestimmi^M^^n 
hat, und dass sie dann den ihr bekannten Einfluss religiöse- -^r 
Dogmen auf das Gemüth benutzen soll, um selbst Dogmen .^^^bu 
stiften. Die Religion ist hier bei Piaton ein KunstgriÄ^ f? 
um den Willen zu knechten, und steht im Dienste d ^ ^ r 
Philosophie. Wenn Jeder, sagt er, von allen Seiten imn». -^r 
dasselbe hört, von Jung und Alt, von Mann und Weib, v^c=^ö 
Sclaven und Freien: „das ist unheilig und gottlos" ; wenn i 
dies in Mythen und Sprüchen und Gesängen immer in die Ohr 
klingt, so wird er geködert und bezaubert (xiji^aoficv) und 
zwingt sich zu schönem Siege über sich selbst.**) Wer a 
so müssen wir folgern, mit Vernunft religiöse Dogmen selt^ 
erfindet und stiftet, der beweist zwar, dass er die Macht d 
Beligion kennt, sie nicht gering schätzt und nicht so alb^ 
ist, wie ein David Strauss, sie abschajQfen zu wollen; aber 
zeigt auch, dass er sie als eine blinde Macht betrachtet, 
von einem Sehenden, d. h. von der Philosophie, geführt und 
heilsamen Zwecken gebraucht werden müsse. Und konnte si 
denn Piaton, wenn er Vernunft hatte, dem blinden Heidenth 






01 



*) Legg. p. 839 naaav ipvxv^ BovXaaead'ou xcd itavTanaa fiera yo^ 
vioirjüeiv neid'ead'ai rois red'eXffi vofiois. i 

**) Legg. p. 840 B noXv xaXXiapos ivexa viwrjiy ^ tifieis MolXltrnjp 
vtcU8(Ov TtQOe avrov9 Xeyarrag iv fiv&Ois re xtü iv ^fiaai xai iv uiktaiv 4^< 
&n aixoSf xriXrjaofiBv, 



t 



169 

Zeit gegenüber anders verhalten? Hätte er im vierten 

lirhundert nach Christo gelebt, so wäre er, wenn es über- 

t ein Christenthum ohne ihn gegeben hätte, vielleicht ein 

chenvater geworden. Für das vierte Jahrhundert vor Christo 

zeigt er gerade die nöthige Freiheit des vernünftigen 

Jlif enschen, um für uns als Philosoph bewunderungswürdig zu 

cheinen, und er steht doch nicht tiefer als Prodikus und Pro- 

oras, die mit den Mythen spielen. Hätte er, wie Chiappelli 

übt, sich von dem religiösen Aberglauben seiner Zeit nicht 

i machen können, wo doch der Unglaube (aTttOTia) bei den 

Gebildeten und auch im Volke, wie Piaton sagt, schon 

soliwer zu bekämpfen war, so wäre er ein geistiger Krüppel und 

xxioht das grösste philosophische Genie gewesen und kein Lehr^ 

döj: Jahrhunderte geworden. 

Wenn zweitens Bonghi (1. 1. p. 161) meint, Di,eii8sion ober 

I^laton wolle mit grösserer Freiheit gelesen und das Recht einer 

xiioht in eine strenge Form gezwängt werden (e non DarSeiVunr der 

^osirtarlo in una forma rigida): so kann ich auch Platonischen 

dieser Forderung gerecht werden, denn unstreitig '■**'^®' 

sixi.d viele seiner Dialoge, wie der Phaidon, der Gorgias und 

-A^xidere für ein gemischtes Publikum geschrieben, von dem Piaton 

"^^"ttsste, dass es das Ganze in einer freien Weise aufnehmen und 

^ic^l dadurch heilsam anregen und begeistern lassen würde. 

"lese Totalwirkung will ich denDialogen nicht nehmen, 

^^xidem glaube vielmehr, dass die schöne Kunst der Sprache, 

^'^^t welcher der geistvolle Bonghi jetzt die Dialoge seinen Lands- 

^^'U.ten überliefert, von Neuem in weitesten Kreisen diesen un- 

^^laiesslich wohlthätigen und sittlich erhebenden Einfluss hervor- 

"^»:^gen wird. Aber ich hoffe, dass Bonghi, wenn er als 

^^^«latsmann seine Fürsorge auf alle Elemente der Gesellschaft 

^^^treckt, auch die Philosophen nicht vergessen wird, die noch 

^^^>:i besonderes Interesse bei ihrer Leetüre verfolgen, nämlich das 

■■-^■^"tereßse, welches für Piaton selbst das allerhöchste war, die 

^^-ckte Wahrheit rein von aller poetischen Verhüllung zu er- 

en. Für Piaton war ja selbst die Mathematik noch nicht 

eng genug, weil sie noch Voraussetzungen übrig lässt. Der 

ialektiker aber verlangt voraussetzungslos die Principien zu 

aasen und die Wahrheit, welche das Bindende und Begrenzende 

^^d unveränderlich Identische ist, in ihrer einzig an- 

S^messenen Form, nämlich in dem reinen, bildfreien 



160 

Begriff mit dem Auge der Vernunft anzuschauen; denn dies 
ist ja unsere „alte Natur", die wir vor der Geburt besassen 
und durch Reinigung von der Sterblichkeit zu ihrer ursprünglichen 
Schönheit führen, indem die Vernunft sich selber erkennt und 
so das ewige Leben der Wahrheit geniesst. Die strenge Form, 
welche Bonghi mit Recht für einen Zwang hält, ist allerdings 
gegen die Freiheit der natürlichen Ideenassociation mit ihren 
mancherlei annehmlichen Verknüpfungen gerichtet; aber wenn 
man dem Chemiker verbieten wollte, die Elemente aus ihren 
Verbindungen rein auszuscheiden, oder dem Mathematiker, sein 
X und y aus den zusammengesetzten Ausdrücken zu lösen und 
sie rein auf die eine Seite der Gleichung zu stellen: so gäbe es 
doch keine Chemie und keine Mathematik. Darum darf man 
dem Philosophen nicht verübeln, dass er mitleidslos auch die 
schönsten Figuren der Rede zertrümmert, um den eigentlichen 
Sinn in der knappsten und strengsten Form herauszufinden. 
Und diese Strenge und Herbheit bietet dem Dialektiker 
den Genuss seiner Freiheit und entzückt ihn als keine ge- 
ringe Schönheit an der Wahrheit, während ihm alle poetische 
Zuthat, jedes Element des Glaubens und Meinens, das noch die 
Strenge der Form mildert, als Trübung und Verdunkelung des 
von ihm gesuchten Urbildes erscheint und als eine Schlacke 
entfernt wird, damit der Metallblick rein hervortrete. Und nun 
frage ich Bonghi nach dem eigentlichen Vater der Dialektik in 
der Geschichte der wissenschaftlichen Ausbildung. Kann man 
wirklich nichts denken, was dem Genius Platon's mehr entgegen- 
gesetzt wäre, als die strenge Form?*) Wer anders als Piaton 
hat diese glühende Liebe zum reinen Denken hervorgerufen? 
Wer hat strenger als sein Parmenides philosophirt? Wer hat 
die Verhüllung der reinen Erkenntniss mit Gefängniss und Tod 
verglichen und mit dem jammervollen Leben in der dunklem 
Höhle? Wer hat die Freiheit des Meinens und der Poesie mit 
Ironie und Verachtung behandelt und die grossen Dichter und 
Redner auf dem Altar der Dialektik geschlachtet und geopfert? 
Kurz die angemessenste Form, Platon's Lehre darzustellen^ 
scheint wohl die forma rigida. 



*) .L. 1. la forma rigida, di che non si puö pensare niente di piü con- 
trario al genio di lui. 



161 



t 



§ 6. Der Begriff der Persönlichkeit. 

Um nun nicht immer wieder über dieselben indicienbtweis 
^inge zu verhandeln; die schliessUch doch ein Jeder, «ut dtm 
5 nachdem er im Gefolge der Götter einst dem c»»«n«ww. 
ieus oder der Hera oder dem Apollo oder einem der übrigen 
i^ötter als dem seinigen folgte *), anders beantworten wird, will 
ch ein neues Feld aufbrechen. Im dritten Bande meiner Neuen 
Itudien zur Geschichte der BegriflFe S. 427 und gelegentlich 
:^hon in früheren Schriften habe ich hervorgehoben, dass die 
anze alte Philosophie den Begriff von der ewigen 
edeutung der Persönlichkeit nicht kennt. Darin fand 
X die Zustimmung von Lotze, Chiappelli und Anderen; es 
xt mir überhaupt kein Widerspruch entgegen, es sei denn nur 
direct, sofern Viele an die individuelle und persönliche Un- 
^xblichkeit bei Piaton glaubten. Nun fällt aber offenbar 
^ persönliche Unsterblichkeit mit der Persönlichkeit 
Xbst. Also ist das Princip wichtiger, als was aus dem Princip 
^^a folgen wird. "Wer sich daher wie Bonghi und Andere für 
^se Folgesätze interessirt, muss die grössere Aufmerksamkeit 
f das Princip wenden, ohne dessen Giltigkeit alles dadurch 
^stempelte als falsche Münze confiscirt werden müsste. 

Lasst uns nun die Sache an einem Orte ausfechten, wo die 
Cisterblichkeitsfrage nicht als lästiger und interessirter Zuschauer 
•V)ei steht, immer lauernd, welchen Gewinn sie von dem Aus- 
'Xig des Kampfes nehmen könnte. Und zwar möchte ich den 
tiarmides-Dialog vorschlagen, wo die Sache mit voller Un- 
i-xiieilichkeit entschieden werden kann. 

Nachdem verschiedene Definitionen der Besonnenheit {ataq)^- 
"^Tij) missglückt sind, definirt sie Eritias als Selbsterkenntniss 
^ yiyvioaYMv avxov IcrtTdi').**) Da haben wir ja gleich die 
^cshste Bedeutung der Persönlichkeit; denn die Besonnenheit 
x«lt ja bei Piaton die höchste Bolle und ist auch im Phaidon, 
^ Staat und sonst überall das herrschende Element. Nun 
'^kt man gleich an dasHoratianische : denique concute te ipsum etc. 
»^^ an die Pythagoreische Kegel r/ TtaQeßrjv, tI ^eQa^a, %i fioi 

otx heliadTjf an Xenophon's Sokratische Ermahnungen und an 



*) PhaidroB p. 253 A. f. 
*•) Charmid. p. 166. B. 

11 



162 

dergleichen heilsame Vorschriften, wodurch unsere PersönHchkeit 
zur schönsten Reinheit und Vollkonimenheit gebracht werden 
soll. Fehlgeschossen! Nichts davon findet sich im Charmides. 
Nun denn also, muss nicht Piaton als Dialektiker von der za- 
fälligen Gestalt der Persönlichkeit absehen und vielmehr ihre 
ewige und unvergängliche Natur meinen, wie sie in ihrer indi- 
vi du eilen Urbildlichkeit sowohl durch das jetzige Leben, als 
durch alle ihre künftigen Verwandlungen in Thiere und auch 
durch ihre Präexistenz hindurchreicht? Wieder fehlgeschossen! 
Auch nicht ein Hauch dieser Meinung durchströmt die Gedanken 
Platon's. Was meint er denn? 

Erster Schritt. Wenn die Besonnenheit eine Erkenntniss 
sein soll, muss sie doch etwas, einen Gegenstand, erkennen? 
Ja, sich selbst. Als Erkenntniss muss sie ein Wissen {eTtiarrnif}) 
sein? Freilich. 

Zweiter Schritt. Die Heilkunst ist Wissen vom Gesunden 
und bringt Gesundheit hervor, die Baukunst macht Häuser. 
Was macht die Selbsterkenntniss ? Antwort: sie bringt kein 
Werk hervor, wie diese Künste, sondern verhält sich wie die 
Rechenkunst und Geometrie. 

Drittens. Diese Wissenschaften aber haben ein Object, 
das von ihnen selbst verschieden {sregov) ist. Die Bechen- 
kunst hat das Grade und Ungrade, die Statik das Schwerere und 
Leichtere zum Gegenstand. Welchen von ihr selbst verschiedenen 
Gegenstand hat die Wissenschaft, die wir Selbsterkenntniss oder 
Besonnenheit nennen? Antwort: sie unterscheidet sich von 
allen diesen Wissenschaften, sofern ihr Object nicht verschieden 
von ihr ist; denn sie erkennt sich selbst. 

Schluss. Was ist also die Selbsterkenntniss? Da sie si^^ 
selbst erkennt und selber eine Wissenschaft ist, so ist sie »»^ 
die Wissenschaft von der Wissenschaft, das Wissen von aJ^^ 
Wissen und Nichtwissen. 

Eheu! Wo ist die Persönlichkeit geblieben? So^l«^ 
wir unser Ich mit Horaz nicht mehr durchschütteln, um uiv^®'^^ 
Fehler loszuwerden? nicht mehr unsere Pflichten mit Pythag'^'^^ 
bedenken ? und wie werden wir unsere Individualität festha^^^ 
können, wenn wir erst in die Thierleiber fahren müssen und ^f 
doch nur insofern besonnen gewesen sind, als wir vom Wissen ^^^ 
Wissen gewannen? Es ist klar, dass Piaton als gescticJ^^^^ 
Prestidigitateur hier die Persönlichkeit escamotirt hat. Pla^^ 



zeigt sich entschieden als ein geriebener Sophist. Wir sind sehr 
iinzufirieden und fassen eine geringe Meinung von seinem Berufe 
sda Lehrer der Weisheit. 

Es ist doch aber schade, das Bild des göttlichen Piaton zu 
verlieren. Gäbe es denn nicht vielleicht ein Mittel, ihn zu ver- 
theidigen und uns die „Besonnenheit" wieder zu verschaffen? Das 
ist schwer, sehr schwer. Nun, wir sind zu einigen Opfern bereit. 
Das Opfer ist gross. Immerhin, sage nur welches, wir wollen 
es bringen. Nun denn, so opfert das Vorurtheil, dass ihr eine 
e-wige besondere Persönlichkeit hättet, begnügt euch mit eurer 
im Werden der Zeit erscheinenden Persönlichkeit und nehmt 
Piaton ernst als Philosophen und nicht als Sophisten. Dann 
werdet ihr lernen, dass Piaton gar kein besonderes, sub- 
stantielles Ich, keine Persönlichkeit kennt, dass ihm 
dieserBegriff ganz fremdbleibt, dass ihm das Wesen unserer 
[Persönlichkeit wirklich nur das Wissen (qiQovrjOig) ist, dass den 
Gegenstand dieses Wissens die Ideen bilden und dass wir nur 
durch diese Ideen überhaupt etwas wissen, so dass in der That 
die Erinnerung an diese Ideen das Wissen hervorruft und dass 
Subject und Object im Wissen dasselbe ist. Unsere alte Natur 
(jd. h. Jeder selbst seinem Wesen nach) ist die Ideenwelt; sie 
wird iin Leib begraben und ist vergessen und verloren. Aber 
durch die Sinneseindrücke werden wir veranlasst, zu vergleichen ; 
wir erinnern uns nun an die eine oder die andere Idee, die wir 
einst im Gefolge der Götter schauten, d. h., diese Idee kommt 
Zum Bewusstsein, und wir nennen, durch die Idee der Grösse, 
der Gleichheit u. s. w. erleuchtet, ein Ding grösser, das andere 
kleiner, dieses gleich, jenes ungleich, diese Handlung tapfer, jene 
gerecht u. s. w., kurz, die Ideen kommen zur Wiedererinnerung 
Und wir zur Besonnenheit, indem wir uns selber erkennen, d. h. 
das Wissen um das Wissen gewinnen oder die subjective und 
objective Seite des Wissens zur Gleichung bringen. 

Der Charmides ist so lehrreich, weil er das Eäthsel blos 
a.ufgiebt und die Lösung für den grossen Mann aufspart. Die 
£2scamotirung der Persönlichkeit darin ist keine Sophistik ; denn 
t^laton hatte keine bessere Erkenntniss. Er, wie alle 
Q-riechen, wusste noch nichts von der ewigen Bedeutung der 
individuellen Persönlichkeit, deren Würdigung erst dem Christen- 
tliuin vorbehalten blieb und einer höheren Philosophie, als der 
f^latonischen. 

11* 



164 

Diese Betrachtungen erinnern micli an die 
Heinrich i^ielen Versuche, das Christenthum aus dem Plato- 
nismus abzuleiten, die alle scheitern mussten, 
erstens, weil sie das Christenthum mit der von den Platonisch 
gebildeten Kirchenvätern ausgearbeiteten Dogmatik verwechselten, 
die natürlich in ihren Kategorien auf Piaton zurückführt, ohne 
dass dadurch aber das Christenthum selbst erklärt werden 
könnte ; und zweitens, weil in Piaton der BegriflF der PersönUchkeit 
und mithin eine geschichtliche Auffassung der "Welt durch die 
blosse Allgemeinheit der Principien, der Ideen und des immer 
fliessenden Werdens, unmöglich wird, weshalb das Christenthum, 
das ganz auf der Anerkennung des Werthes der PersönUchkeit 
beruht und darum eine liistorische Providenz und historische 
Weltökonomie lehrt, dem Piatonismus diese seine wesentlichen 
Grundlagen nicht verdanken kann. 

Ich will deshalb die alten und neuen Versuche dieser Art 
schlafen lassen und lieber nur an die bedeutende Arbeit von 
Heinrich von Stein erinnern, der in seinen „Sieben Büchern zur 
Geschichte des Piatonismus" (II. S. 374) über die Platonische 
Unsterblichkeitslehre vom christlichen Standpunkt aus interessant 
und unbefangen urtheilt: „Ich glaube", sagt er, „durch meine 
Darstellung des Phaidon gezeigt zu haben, dass seine eigen- 
thümliche Grösse auch mich bewegt. Zugleich aber auch, dass 
er doch eben durch nichts Anderes uns so bewegt, als weil er 
der klarste Ausdruck ist für die des Trostes und der 
Hoffnung entbehrende Situation der sich selbst über- 
lassenen Menschheit dem Tode gegenüber. Sie möchte 
nämlich sterben können: aber jenes Kind in ihr, von welchem 
Sokrates redet, will sich doch immer nicht ganz zur Ruhe geben. 
Piaton hat „dem König der Schrecken" doch Nichts von seinem 
Stachel zu nehmen vermocht" u. s. w. — Dies ist vollkomm^" 
zutreffend, da Piaton in der That das Ende der Persönhchkei* 
mit dem Tode annahm und an eine persönliche Unsterblichkeit 
in christlichem Sinne nach allen Grundsätzen seines Systems 
nicht glauben konnte. 

Der charaktervolle und edle, uns leider so früh entrisset® 
M. von Engelhardt hat zwar in einer von seinen Reden ^^ 
voller Schärfe den Gegensatz hervorgehoben, der zwischen dem 
in philosophischer Ruhe und Heiterkeit sterbenden Sokra*®^ 
und dem die Todesschauer in ihrer furchtbaren Macht menscbÜ^*^ 



165 

iihlenden Christus zu Tage tritt; allein diese schön durch- 
:e£iihrte Antithese steht trotz ihrer in die Augen fallenden 
Vahrheit doch nicht in Widerspruch mit dem von H. v. Stein 
benso wahr Bemerkten; denn y. Engelhardt denkt dabei an 
en Philosophen selbst, der ja, da es sich um Platonische 
Philosophie handelt, die individuelle Existenz als eine natürlich 
ntstehende und vergehende auffasst und im Tode des Einzelnen 
ein wichtiges Ereigniss für die Welt sehen kann, sofern die 
lenschliche Gattung ja wie ein unsterblicher Gott lebt und in 
niner neuen einzelnen Lebenserscheinungen die unsterbliche 
Vahrheit wieder zur Erkenntniss bringt, wobei die Todesfurcht 
ielmehr als eitle Illusion des blos individuellen Lebens und 
Verthes für ein Hindemiss tapferer und aller auf das Gemein- 
lohl gewendeten Handlungen gehalten werden muss; während 
• Stein nicht sowohl den Philosophen, als den Ereis der ihn 
ungebenden und persönlich liebenden Schüler und den mensch- 
ich fühlenden Leser im Auge hat, die durch den Nachweis, 
lass die Erkenntniss ((pQovrjOig) in uns ein qualitativ ewiges 
Lieben ist, dass die Tugend das Werthvollste im Dasein bildet 
Lnd dass die idealen Mächte der Welt vor Entstehen und Ver- 
gehen völlig gesichert sind, natürlich keinen genügenden Trost 
>ei dem Abscheiden der geliebten individuellen Persönlichkeit 
inden können und auch, da sie einfach menschlich und noch 
licht Platonisch geschult denken, ihrem eigenen Tode gegenüber 
lurch solche idealistische Eeflexionen keine Beruhigung und 
äoffnung gewinnen. 

Es scheint, als wenn H. v. Stein, der doch sehr feinsinnig 
8t, den in den obigen Auseinandersetzungen deducirten Schein 
n den Platonischen Beweisen auch wohl selbst gemerkt hat, 
renn er (1. 1. p. 376) sagt: „Wer nach Argumenten für die 
Unsterblichkeit fragt, wird nicht ohneMisstrauen gegen den 
Hatonischen Beweis des non posse mori sein, eben weil dies 
u viel beweisen heisst, mehr jedenfalls, als die natürliche 
Empfindung erwartet." Dass v. Stein dennoch bei Piaton die 
Lbsicht annimint, die persönliche Unsterblichkeit zu erweisen, 
hut nichts zur Sache, bekräftigt vielmehr die Unbefangenheit 
eines Standpunktes, auf dem er nur den speculativen Motiven 
icht gerecht wird. Darum hebt er auch wieder mit gleichem 
Pact die Beziehung des Sterbenden zu seinem Leichnam hervor 
S. 377), in welchem der Platonische Sokrates „nicht mehr einen 



166 

der Fürsorge würdigen Gegenstand erblickte", und erinnert 
daran, dass die Forderung einer solchen Theilnahmslosigkeit 
dem antiken Geiste unbedingt widersprach. Alle diese wohl- 
begründeten Bemerkungen v. Stein's heischen, wie ich meine, 
das Zugeständniss, dass Piaton für die ewige Bedeutung der 
individuellen Persönlichkeit keinen BegriflP in seinem Systeme 
hatte. Denn nur wenn das Individuelle überhaupt werthlos ist, 
muss der Leichnam als leere Hülle eines blossen Beispiels des 
allgemeinen Lebens auch der Theilnahmslosigkeit verfallen. 
Die Sorge für den Leichnam musste aber in dem gesunden 
Volksbewusstsein bei Griechen sowohl, wie bei den meisten 
Völkern, immer sehr stark sein, weil das Gefühl von der 
Bedeutung des individuellen Daseins als des allein wirk- 
lichen ein natürliches ist und deshalb auch die Erinnerung 
daran, welche durch den Leichnam geboten wird, etwas Heiliges 
sein wird, ebenso wie das individuelle Leben als etwas Heiliges 
und nicht beliebig zu Verletzendes gilt. Darum nimmt Piaton 
auch in den „Gesetzen", wo er mit dem wirklichen Volksleben 
zu pactiren hat, bei seinen Bestattungsgesetzen auf diese Gefühle 
die gebührende Rücksicht. — Ich meine darum, dass von Stein's 
Betrachtungsweise, sobald das Element der Dialektik stärker 
betont würde, von selbst in einen vollen Einklang mit meiner 
AuflPassimg übergehen müsste. 

§ 7. Vergleichung der unphilosophischen mit der 
philosophischen Interpretation. 

Zum Schluss sei gestattet, wie das bei guter Finanzwirthschaft 
erforderlich ist, den Status für die beiden Interpretationsweisen 
der Platonischen Schriften aufzunehmen. Wir müssen von der 
unphilosophischen, wie von der philosophischen Methode die 
Activa und Passiva aufstellen und zusammenrechnen, um den 
Vermögensstand zu übersehen. 

A. Die unphilosophische Interpretation. 

Unter dieser Ueberschrift verstehe ich alle diejenigen Auf- 
fassungen Platon's, welche entweder principiell die Aus- 
scheidung der reinen dialektischen Erkenntniss aus der gemischten, 
mit mythischen Elementen versetzten Darstellung Platon's ver- 
bieten, wie z. B. die Auffassung Bonghi's; oder welche den 
Unterschied des rein philosophischen und orthodoxen Elementes 



167 

ht herausfinden können^ daher z. B. persönliche Präexistenz 
1 Unsterblichkeit, wie Zell er, für ,,die entschiedenste wissen- 
laftliche XJeberzeugung^ Platon's ausgeben und also von dem, 
3 bei Piaton wissenschaftlich heisst, keinen Begriff haben. 

1. unter das Credit muss man ihnen setzen, 

»8 sich nach dieser Auffassung der gemischte '* ***^^' 
stand der Dialoge bequem reproduciren lässt. Man bedarf 
ner Arbeit und dialektischen Chemie, sondern kann beliebig 
3 von Piaton ausgeführten Gedanken leicht wiederholen. 
rum muss hiemach diese Interpretation mit dem Bestände 
* Platonischen Dialoge mehr zu harmoniren scheinen, si& 
SS für natürlich, ungekünstelt, treu und richtig gelten. 

2. Zweitens bleibt bei dieser Auffassung in der sogenannten 
issenschaftlichen" Ueberzeugung Platon's auch der pathologische 
iz, die ganze gemüthliche und phantasievolle Form, wie bei 
m Mythologemen und Dogmen, was dem philosophisch ün- 
€hulten jedenfalls ansprechender ist und ihn mehr begeistert 
1 entzückt, als die rein philosophische Darstellung. Darum 
SS diese Interpretation den meisten Lesern mehr gefallen. 

1. Als Debet ist aber einzutragen erstens, 

IS diese Interpretation das Wesentliche in allen ^' ***"'*■• 
itonischen Dialogen, den Unterschied des Wissens und 
»inens, nicht herausfindet und darum den ganzen wissen' 
aftlichen Werth und Sinn der Platonischen Philosophie 
stört. Diese Interpretation interpretirt gar nicht, sondern 
morirt blos. Interpretiren heisst, den gegebenen Ausdruck 
die Principien und Gesetze des Systems zurückführen, 
s fallt hier ganz weg, weil der gegebene Ausdruck ohne 
)iteres als Dogma mit den dialektischen Principien zusammen- 
»rdnet wird. Also scheint diese unphilosophische Inter- 
itation blos natürlich, ungekünstelt und richtig zu sein; in 
ihrheit ist es gar keine Interpretation, weil es dabei keiner 
rmittelung zwischen einem imaginativen Ausdruck und einem 
losophischen Lehrgehalte bedarf. Mithin • bleibt uns diese 
erpretation die ganze Lehre Platon's, wodurch er ein Philo- 
h, ein Wissender ist, schuldig. 

2. Fast grösser noch (wenn es möglich wäre, nach Weg- 
ime der Philosophie eines Philosophen noch von seiner Lehre 

handeln) ist das zweite Debet; denn die Forderung von 
bn und Strafe im Jenseits zerstört den ganzen sittlichen 



168 

Gehalt seiner Ethik, also gerade das, was Piaton als sein 
eigenthümliches Verdienst, als seine charakteristische Leistung 
mit Emphase selbst bezeichnet und als ein monumentum aere 
perennius aufgerichtet hat. Eine Interpretation also, welche die 
volksmässige, pathologische Vorstellung dem Philosophen selbst 
als ein Vorurtheil oder einen Glaubenssatz zuschreibt, bleibt 
uns die ganze Ethik Platon's schuldig und im Besonderen alles 
Das, was an dieser Ethik das Charakteristische für Piaton und 
das Grosse und WerthvoUe bildet. Hierbei ist also auch von 
keiner Interpretation die Rede, sondern, was an solcher Dar- 
stellung gefällt, rührt blos von der Reproduction der dichterischen 
und mythischen Vorstellungen her, während in Wahrheit eine 
Entmannung und Entweihung des Platonischen Charakters be- 
gangen wird. 

3. Die unphilosophische Interpretation constatirt bei Platoa 
Widersprüche, bleibt uns aber die Gründe für den Ursprung* 
derselben schuldig; denn die Behauptung, dass alle grossea 
Denker manche Punkte ihrer üeberzeugung nicht hätten in 
Einklang bringen können, und dass es manchmal besser sei, sich 
in solchen Dingen in Widerspruch mit sich selbst zu befinden, 
bietet doch keine Erklärung, warum Piaton gerade zu diesen 
Widersprüchen kommen musste. Die Interpretation hätte hier 
pragmatisch oder logisch die Nothwendigkeit der angeblich vor- 
gefundenen Widersprüche entwickeln oder wenigstens analytisch 
durch Belegstellen zeigen müssen, dass Piaton etwa wie Hegel 
irgendwie den Widerspruch geschätzt und den Nachweis des 
Widerspruchs nicht vielmehr überall als Grund der Verachtung 
seinen Widersachern gegenüber geltend gemacht hätte. Hat 
Piaton doch gerade zuerst in der Geschichte der Logik das 
principium identitatis und contradictionis als das Kriterium alles 
wirklichen Denkens, aller Vernünfkigkeit und Besonnenheit auf- 
gefunden und aufgestellt! 

4. Die unphilosophische Interpretation bleibt schuldig den 
Grund, weshalb sich Aristoteles in der Unsterblichkeitslehre 
nicht an die Widerlegung Platon's gemacht hat, obgleich er 
doch nur den reinen, unpersönlichen Geist (vorg) für unsterb- 
lich hielt, ebenso wie die Neuplatoniker, und weshalb Panätius 
den Phaidon für unecht erklären wollte, und weshalb die 
modernen Philosophen, welche sich an Piaton bildeten, wie 
Schelling, Schleiermacher y H^el u. A., dem Piaton die 



169 

persönliche üneterbliclikeit aberkannten, obgleich sie doch, wie jeder 
Leser sonst, nicht blind dagegen waren^ dass im Phaidon und 
in anderen Dialogen von Präexistenz und dereinstiger Vergeltung 
die Eede ist. 

5. Femer bleibt räthselhaft, weshalb Piaton, wenn er mit 
ahnungsvollem Geist sich von heiliger Ueberlieferung treiben 
and erheben liess zum Glauben an eine persönliche Unsterblich- 
keit, dennoch die Wissenschaft zum Richter über alle Keligion 
machte und, statt im Glauben die höchste Erkenntnissquelle an- 
zuerkennen, vielmehr den Glauben tief unter das Wissen setzte 
and als einziges, letzthin entscheidendes Knterium der Wahrheit 
die Dialektik verkündete. 

Kurz, um die Bilanz zu ziehen, die beiden Activa gleichen 
Bich nicht nur durch die ersten beiden Passiva aus, sondern 
lassen daselbst noch einen unermesslichen Best des Debet übrig, 
ixnd dazu konmien die anderen Schuldforderungen, die aufgezählt 
sind, und viele weitere, die nicht einmal angemeldet wurden, 
^v^eil der Bankerott der Firma zu evident war. 



B. Die philosophische Interpretation. 

Diese setzt voraus, dass ein philosophisches y «, ^ 
^uch nur verstanden werden kann, wenn man die 
begriffe, die Principien und die Methode des Verfassers heraus- 
findet. Bei einem einzelnen Werke muss zwar in gewissem 
Sinne die Interpretation im Kreise laufen, indem aus der Ana- 
lyse als Resultat das synthetische Element hervorgeht, wie um- 
gekehrt die Erkenntniss dieses Elements als Gesichtspunktes 
"Wiederum die Analyse unterstützt. Allein bei Piaton ist die 
Interpretation vor den dabei leicht unterlaufenden Fehlern ge- 
schützt, weil eine grosse Menge von Schriften vorHegen, in denen 
immer dieselben principiellen Elemente wiederkehren, so dass 
sie sich gewissermassen von selbst aus der Verhüllung der ein- 
zelnen Anwendungen herausschälen. Auch hat Piaton nicht 
Arersäumt, selber die Principien zu isoliren und sie zugleich mit 
cler Methode ihrer Auffindung zu erörtern. Die philosophische 
Slrklärung Platon's verlangt nun, dass der Interpret immer diese 
IPrincipien und diese Methode als Beziehungspunkte im Auge 
^behalte, wenn er irgend eine Stelle oder ein zusammenhängendes 



170 

Räsonnement analysiren will, und dass er seine Arbeit nicht für 
beendigt angebe, wenn die Analyse etwa ein Kesultat ergiebt, 
das mit den systematischen Principien des Philosophen im 
Widerspruche steht. 

Es ist zwar bei einer Schriftstellerlaufbahn von 47 oder 49 
Jahren wahrscheinlich, dass der Philosoph nicht gleich im An- 
fang alle seine Lehren fertig auf dem Papiere gehabt habe, 
sondern dass er allmälig zu immer grösserer Klarheit, Be- 
stimmtheit und systematischer Ordnung aller Gredanken fort- 
schritt, ja, es wäre möglich, dass Piaton ähnlich wie Fichte und 
Schelling verschiedene Perioden durchgemacht hätte, in denen 
seine Grundgedanken nicht blos verschieden ausgedrückt, sondern 
auch vielleicht geradezu andere gewesen wären. In diesem Fall& 
mtisste die Interpretation die Perioden und die zugehörigen 
"Werke scheiden, dann aber für jedes Werk die zugehörigen 
Principien zu Beziehungspunkten nehmen, um demgemäss die 
einzelnen Ausführungen widerspruchslos zu deuten, genau in 
derselben Weise, wie die Grundsätze und Definitionen des 
Eukleides in allen geometrischen Lehrsätzen desselben wider- 
spruchslos dieselben bleiben, oder wie bei einer grammatischen 
Interpretation unter Accusativ immer der Accusativ und nicht 
zuweilen auch der Dativ verstanden wird. 

Wenn sich deshalb aus der anal3rtischen Interpretation eines 
gegebenen einzelnen Bäsonnements als Besultat etwa ergeben 
sollte, dass Piaton unter Vernunft, welche ihm principiell 
durch die Identität der von ihr erkannten Ideen bestimmt 
ist, dasselbe verstehe wie Seele, deren Begriff auch das 
Anderssein, die Bewegung und Veränderung noch in sich 
schhesst, so darf man sich dabei nicht beruhigen, sondern moss 
dies Besultat wegen seines Widerspruchs mit den Principien für 
ein noch zu lösendes Problem erklären und seine Interpretation 
nobh für unbeendigt halten. 

Ebenso, wenn sich etwa zeigte, dass etwas Einzelnes, 
welches seiner Natur nach von Piaton als entstehend und ver- 
gehend und gemischt bestimmt wird (mögen es einzelne Bäume, 
Pferde oder Seelen sein), nach dem Zusammenhange eines ge- 
gebenen Bäsonnements den metaphysischen Ort eines Princips, 
welches seiner Natur nach etwas Allgemeines und Ewiges ist, 
erhielte: so muss der gefundene Widerspruch das Zeichen einer 
noch unvollendeten Interpretation bilden. 



171 

Spllen nun solche Schwierigkeiten überwunden werden, so 
mnss man, damit sich das Zusammengehörige naturgemäss 
anlege, noch den einen oder den anderen Beziehungspunkt in's 
Adlige fassen, der uns sofort die Coordination der bezüglichen 
Grlieder in dem Käsonnement erschliesst. Denn was in der 
E2inen Beziehung widersprechend zu sein scheint, das wird mit 
Bünzunahme einer anderen Beziehung doch richtig und verständ- 
lioh sein können. So ist Vernunft und Seele zwar nicht einerlei, 
ixnd was von der Vernunft gilt, kann nicht ebenso von der 
Seele, weder von dem Wesen der Seele, noch von der einzelnen 
Seele gelten; gleichwohl wird, wenn wir die • Beziehung zum 
^Körper hinzunehmen, die Seele dasjenige Princip sein, dem 
die Vernunft zukommt, und mithin wird die Seele im Hinblick 
SL\i{ die ihr zukommende Vernunft nicht unpassend in gegen- 
Sfiltzlicher Beziehung zum Körper die Rolle spielen können, die 
l>ci feinerer Analyse erst wieder an die zwei elementaren Be- 
ssxehungspunkte vertheilt werden müsste, deren Mischung und 
^B'^inction sie ist. So wird die philosophische Interpretation mit 
eichtigkeit entweder die scheinbaren Widersprüche in den 
ialogen auflösen, oder auch etwa die noch vorhandene, wirk- 
che Unklarheit des Verfassers im Hinblick auf die später von 
m gewonnenen, scharf bestimmten Begriffe nachweisen können. 
Wenn deshalb einige moderne Piatönforscher sich gegen 
^de philosophische Interpretation ungeberdig anstellen und 
"^Sberall gleich ein unexactes und unphilologisches Verfahren 
^^?ie bei Schelling und Heftel wittern, so müssen sie in sich gehen 
"^ind sich bekennen, dass die exacteste, philologische Interpretation 
^och erstens nach der Literaturgattung des Autors ver- 
schiedene Voraussetzungen erfordert, und dass nicht Jeder, der 
^inen Tragiker oder einen Historiker erklären kann, damit schon 
T)efahigt ist, auch einen Philosophen genügend zu interpretiren. 
Zweitens ist für die individuelle Interpretation eines philo- 
sophischen Werkes nicht blos allgemeine philosophische Schulung 
erforderlich, sondern z. B. für die Erklärung Platon's eine ge- 
naue Kenntniss seines ganzen Systems, seiner dialektischen 
Methode, seiner Terminologie und zugleich auch die Kenntniss 
und das Verständniss aller seiner Vorgänger, deren Werke auf 
seine Denkweise Einfluss übten. Ferner muss man seine Com- 
positionsweise und seinen Stil, seine Geistes- und Charakter- 



172 

eigenschaften^ seine Ironie, seinen Humor, seine Megalopsychie 
und seine politische und literarische Stellung u. dergl. kennen, 
wenn man fähig sein will, uns eine exacte und streng philologische 
Rechenschaft über den Inhalt und die Absicht jedes Dialogt 
und jeder Stelle daraus zu geben. Wer sich deshalb erlaubt 
schlechthin gegen philosophische Erklärung eines philosophische] 
Autors zu declamiren, der möge sich besinnen, wie Denjenigei 
wohl Piaton selbst behandelt haben würde, der so als blosse 
Thyrsosträger sich für einen Mysten ausgiebt oder, was dasaelb 
ist, der den Unterschied zwischen diesen Stufen des Verständnisse 
abstreiten und z^ seiner nüchternen und dem Pöbel zugängliche 
Auffassung die Weisheit des göttlichen Mannes herabziehen will 
Doch jene grossen Richter, die sich auf ihrem Recensenten 
stuhle in der Studirstube sicher und fem Tom Gefechte 
fühlen, würden gleich kleinlaut werden, wenn man sie einmal 
bei einer Disputation vor einer Versammlung einer Sokratischei 
Prüfung unterzöge und sie zu strammer Brachylogie in Frag< 
und Antwort nöthigte, um ihr vermeintes Besserwissen gebührende] 
Weise in das Licht der Komik zu rücken. Ich will noch er- 
wähnen, dass zur Interpretation Platon's auch noch die exact< 
Beherrschung aller Aristotelischen Werke gehört, wei 
Aristoteles dem principiellen Elemente seiner Philosophie nacl 
allein von Piaton gebildet ist und deshalb mindestens ebensovie 
zur Erklärung desselben beisteuern muss, wie der Botaniker di< 
entfaltete Blume und die Frucht heranzieht, um die Bedeutu3i( 
der Theile in der noch geschlossenen Blüthe zu erklären. We: 
sich deshalb blos auf Piaton zu verstehen und daran genug zi 
haben glaubt, der muss wissen, dass er sich auf diesen nod 
nicht versteht, bis er erst den Stagiriten ebenso sich zu eigei 
gemacht hat. Hat man irgend einen Begriff in den Platonischei 
Dialogen zu bestimmen, so muss man, um das eigenthümlicl 
Platonische herauszufinden und ihn nach seinem ganzen Inhal 
und Umfang zu überschauen, als Beziehungspunkt denselbei 
Begriff bei Aristoteles aufsuchen. Man wird dann sehen, das 
dieser Begriff entweder als currente Münze einfach hinübei 
genommen, oder dass er näher bestimmt ist, oder dass Aristotele 
ihn zerlegt hat und in verschiedenen Bedeutungen gebrauch 
oder ihn als falsch verwirft und einen besseren oder schlechtere] 
an die Stelle gesetzt hat. Jedenfalls wird man durch diese Be 
trachtung erst die Arbeit Platon's, seine Methode, seinen Erfolj 



f 



173 

oder seine Verlegenheiten und seine Grenzen überschauen und 
jeden Begriff genügend in seiner ganzen inneren und äusseren 
Sestimmtheit verstehen können. 

Wenn wir nach den Gesetzen dieser philo- 
sophischen Interpretation die Unsterblichkeitsfrage "^^IJ!*!^^^^^^ 
erörtern^ so zeigt sich, dass dadurch alle die 
Schwierigkeiten und Verlegenheiten der unphilosophischen Aus- 
legung sofort verschwinden und eine völlig exacte Analyse 
möglich wird. Denn erstens kommt der Vorzug, den die unphilo- 
sophische Reproduction des Inhalts der Dialoge zu haben scheint, 
a^uch für uns nicht in Wegfall; die mythische Darstellung soll 
jsL gar nicht auf eine blos dialektische Behandlung der Frage 
reducirt werden, sondern beide Darstellungsweisen sollen 
s^ls Platonische Formen anerkannt bleiben. Nur werden 
die Erklärung der mythischen Form hinzufügen müssen, 
eil die individuelle Präexistenz und das individuelle Leben 
^«:i.ach dem Tode als unverträglich mit den systematischen Pla- 
"^onischen Principien ein Problem für die Interpretation bilden, 
enn wir aber mit Hilfe von Aristoteles, wo die Lehre in den 
estimmtesten Linien ausgeführt ist, bedenken, dass die Vernunft 
^-^ovg) von der Seele abgesondert {x(0QLar6v) wird und doch nur 
ixi den individuellen Seelen erscheint, so ist sofort klar, wie bei 
^^laton, der dieselbe Lehre vortrug, noch ein bestimmter Be- 
^ehungsgrund vorhanden gewesen sein muss, um dessentwillen 
^r diese dialektische Scheidung nicht überall betonte. Dieser 
©rund Hegt in der Beziehung auf die Leser. Denn da er nicht 
l)los für Philosophen schrieb, sondern einen weiteren Kreis 
T)ilden wollte, so musste er neben der dialektischen Schauung 
auch die Orthodoxie anerkennen. Mithin durfte die Vernunft 
"und das Wesen der Seele nicht von der Persönlichkeit abgetrennt 
werden. Da nun die Vemunftbegriffe frei sind vom Entstehen 
und Vergehen und ein ewiges Wesen haben, so musste der 
Persönlichkeit, in welcher sie zur Erkenntniss kommen und die 
also mit der Vernunft zusammenhängt, die Folgerung auch zum 
Vortheil gereichen und der individuellen Seele also eine Existenz 
vor der Geburt und nach dem Tode zugebilligt werden. Hätte 
Piaton aber diese Folgerung als einen wirklichen Lehrsatz 
seines Systems anerkannt, so hätte er alle seine sonstigen Prin- 
cipien über die Grenze {iteqag) und das Unbegrenzte (aTreiQov), 
über das Identische (tccvtov) und das Andere (ß^aregov) ^ über 



174 

das Allgemeine und Individuelle, über das Intelligible und Sen- 
sible, über das Ewige und Zeitliche u. s. w. umwerfen und, 
ein ganz anderes als das Platonische System vortragen müssen, 
weil er dann individuelle Seelen als Principien gehabt hätte. ^^^ ^^ 
d. h. eine Art von Leibnitz'scher Monadologie. Da sich diea,«^^ 
nun nirgends in seinen Dialogen zeigt und wir also nicht dei«:^^ 
mindesten Grund haben , der dialektischen Darlegung seine gga^. ^ 
Lehre zu misstrauen, die Präexistenz und Unsterblichkeit indg- ^' 
vidueller Seelen auch in seinen Dialogen nur bei ethische ^^^ 
Fragen und im Zusammenhange mit Mythen vorkommt, so i^s/ 
klar, dass sie überhaupt nur einen mythischen und orthodoxe^^^ 
Ausdruck für eine dialektisch zu beweisende Wahrheit bilde t 
Das Wahre darin ist die Ewigkeit und der höchste Werth, den 
das Wesen und der Inhalt der Vernunft für den lebendigen 
Menschen hat und haben soll ; das Mythische und blos Orthodoxe 
liegt in der populären Nichtunterscheidung des Yernunftinhaltes 
und seines Besitzers, da die Ideen ja nur in und von Individuen 
erkannt werden. Das Motiv der Nichtunterscheidung liegt darin, 
dass die Täuschung über die theoretischen Consequenzen für den 
nicht philosophisch Gebildeten unschädlich ist, dagegen für seine 
sittliche Bemühung, sich mit Ernst und Eifer zur Tugend und 
Weisheit, d. h. zum Besitz der Vernunfterkenntniss und zur 
Durchführung derselben in seinem Leben, zu begeistern, von 
grossem Vortheil sein wird. Da nun Piaton als genialer Mann 
dies sowohl instinctiv herausfühlte, als auch sich durch sorg- — 'S 
faltige staatsmännische B;eflexion über die für verschiedene Be- — ^ 

gabungen der Menschen passende geistige Nahrungsform Bechen ma- 

Schaft gegeben und dabei die lakonischen jesuitischen Grundsätze ^^ «e 
in ihrer edelsten Auffassung als richtig befunden hatte : so stehtz^-i^t 
nichts im Wege, seine mythische Darstellungsweise der Wahrheit:*"-Sit 
sowohl für eine instinctive, künstlerische Schöpfung, wie auc 
für eine vor seiner eigenen politischen Reflexion gerechtfertigte 
pädagogische Anpassung zu erklären. Denn wenn ihn aucltf=f ^h 
seine dichterische Anlage von selbst zu mythischer Darstellung^ -^8 
der philosophischen Erkenntnisse trieb, so zeigt er doch ^rrzmr-^i^ 
vielen Stellen eine für manchen Leser erschreckliche Nüchtemheit^-S: =it 
und weltliche Klugheit, so dass man nicht annehmen darf, emz^^^ 
sei von seinem eigenen poetischen Enthusiasmus zu albemerÄT^n 
und seinem ganzen System widersprechenden Behauptungen fort^i*""^ 
gerissen, sondern vielmehr, dass er vor seiner pädagogische^- ^^ 



? 



175 

liiebe und Weisheit diese Darstellungsweise rechtfertigen und 
fide sogar als die einzig passende und schönste orthodoxe Auf- 
fassung der Wahrheit erklären konnte. Deshalb kann die 
philosophische Interpretation Flaton's den Befund der XJn- 

sterblichkeitslehre in den Dialogen yoUkommen würdigen und 
inrird weder mit Einigen dem Flaton die Ahnung der christlichen 
und wahren Unsterblichkeit zuschreiben, weil er seiner ganzen 
I>enkweise nach keine Ahnung davon hatte, noch mit Fanaitios 
XHaloge yerwerfen, noch mit den unphilosophischen Interpreten 
das dialektische System Flaton's in chaotische Verwirrung 
liringen; um individuelle Frincipien unorganisch und lächerlich 
an die Ideen anzulegen, ut desinat in piscem mulier formosa 
supeme; sondern sie wird gerecht jedes an seinem Platze und 
:in seiner Beziehung anerkennen und doch die Einstimmigkeit 
der Lehre und der Gesinnung Flaton's rühmen und vertheidigen. 
Zweitens wird auch der Vorzug, den die unphilosophische 
Auslegung zu haben scheint, nämlich die ethische und das Qe- 
:xnüth bewegende Seite des UnsterUichkeitsglaubens, welche be- 
sonders in der Idee einer dereinstigen Vergeltung liegt, aufzu- 
ixiebmen, von uns mit grösserem Rechte behauptet. Denn bei 
^er unphilosophischen Interpretation tritt ein heilloser Conflict 
:snit der echten und eigenthümlichen Ethik Flaton's auf; für uns aber 
herrscht Einstimmigkeit der Lehre, da nach philosophischer 
Unterpretation die Vergeltungsidee nur für die orthodoxe Dar- 
flstellung zu gebrauchen ist, um auch Diejenigen, welche der 
i^reinsten Gesinnung unfähig sind, dennoch zu ihrem und zum 
'Beil der Gesellschaft mit Motiven zu versehen und dadurch 
esetzmässige Handlungen zu verbreiten und Unrecht nach 
öglichkeit zu verhüten. 

Während also die unphilosophische Erklärung sich schein- 
1>are Vorzüge verschafft, indem sie dabei zugleich von dem 
^itrengen Geiste der Flatonischen Dialektik und Ethik absieht 
'^nd das Platonische Gedankensystem in eine hässliche und vul- 
gäre chaotische Verwirrung bringt, so besitzt die philosophische 
^Erklärung jene Vorzüge in Wahrheit und ohne solche herab- 
^würdigende Bedingungen. Ausserdem aber fallen für dieselbe 
^e die Schwierigkeiten weg, von denen oben einige vorgeführt 
"wurden ; denn es bestehen dabei keine Widersprüche in Flaton's 
£opf, und die Auslegungen der strengeren Fhilosophen werden 




176 

begreiflich und gerechtfertigt und Piaton kann sowohl die Beli-^J 
gion und ihre Macht anerkennen, als sie doch auch dem Tri.5: 
bunal der Vernunft unterordnen. 

Dass sich; wenn ipan statistisch die Auffassung Platon's b< 
allen seinen Lesern, so weit dies möglich ist, aufnehmen wollt^^^ 
ohne Zweifel ergeben würde, dass die orthodoxe Auffassung b^l^- 
Weitem das XJebergewicht habe, verschlägt nicht nur nicht^^^ 
gegen die philosophische Interpretation Platon's, sondern diei 
ihr yielmehr nur zur Bestätigung, da wir gerade nachgewiese^^^». q 
haben, dass die orthodoxe Darstellung für die grössere Mas' ^^9^ 
der Leser bestimmt war und es daher Platon's Erwartung u^crmd 
Absicht nur entsprechen konnte, wenn die meisten Leser na - _c{i 
seiner Pfeife tanzten. 

Möge daher immerhin die unphilosophische Auslegung si 
noch in Compendien der Geschichte der Philosophie und in 
vielen davon abhängigen theologischen und sonstigen Speci 
Schriften halten, so ist sie doch wissenschaftlich abgethan, w^^nn 
nicht neue und bisher unerfindUche Gründe zu ihrem Bea» ^ten 
aufgebracht würden, wovon bei Kenntniss der Sachlage w^oU 
keine Bede sein kann. 

Es giebt nämlich nur Einen Grund, den rxi&a 
HypothMe jrwar |)ig jet2t noch uicht angeführt hat, der «-.ler 
Entwickeiungt- i^ der That allein plausibel sein würde, um die 
getchiohte Möglichkeit, die orthodoxe Auffassung auch Pla^^fcon 
unhaltbar. selbst zuzuschreibeu, uns nahe zu legen, nämlich 
die Annahme einer allmaligen Entwiokelung Platon's, 
wonach er in einem früheren Stadium noch dem blossen Qi&VLb^^ 
unterthan gewesen und hernach erst in den Besitz der dial^' 
tischen Wissenschaft gelangt wäre. Diese genetische BrkläirtiBg 
könnte sich nur auf eine Chronologie der Platonischen Dial^8^ 
stützen und müsste in die frühere Zeit denjenigen Dialog set^^^^ 
der etwa die orthodoxe Auffassung vorherrschend vertritt, ^^ 
etwa den Phaidon. 

Allein auch dieses Hilfsmittel bringt keine Rettung; d^^ 
erstens steckt im Phaidon selbst, wie schon Schleiennaol^ 
und Schelling hervorgehoben haben, für jeden philosophisob' 
Leser unverkennbar die speculative Lehre des Idealismi' 
zweitens kann der Phaidon auch nicht an den Anfang ^ 
schriftstellerischen Thätigkeit Platon's verlegt werden, da er f 
das Symposion folgt. Drittens kann auch nicht irgend ' 



177 

anderer Dialog genannt werden^ der die orthodoxe Auffassung 
etwa allein vertrete; denn wollte man z. B. den Staat nennen, 
60 Mithält doch gerade dieser aufs Deutlichste auch die Dar- 
'vdmstiBchen Züchtungslehren^ vor denen jede persönliche Un- 
firterbUcbkeit verschwinden muss. Wollte man den Phaidros 
m die Jugendzeit verlegen, so hat man dort unter anderen 
Lehren auch die, dass die Seele sich in allerlei Gestalten ver- 
wandelt, was der persönlichen Unsterblichkeit den Garaus macht, 
weshalb Zeller die Seelenwanderung ja auch für ein mythisches 
£lement erklärt, ohne uns doch zu enträthseln, was dieser 
Mythus bedeuten solle und warum er von der Unsterblichkeits- 
lehre sich derart unterscheide, dass diese als nicht mythisch an- 
gesprochen werden könnte. Nimmt man aber etwa die Apo- 
logie als die früheste Schrift, so findet man keine Ueberzeugung 
voü der Unsterblichkeit, sondern etwa den Zweifel oder eine 
Indifferenseerklärung. Kurz, es findet sich kein Dialog, der uns 
für eine hypothetisch bei Piaton angenommene Ueberzeugung 
von persönlicher Unsterblichkeit dienen könnte, um eine Ent- 
wickelungsgeschichte seiner Lehre über diesen Punkt zu be- 
gründen, ganz abgesehen davon, dass bei allen diesen Hypothesen 
erst noch der Verstoss gegen die Chronologie beseitigt werden 
müsste« 

Also wird man sich wohl schon darin finden 
müssen, dass Piaton in dieser Lehre vom Anfang Aristoteles 
bis zum Ende seiner Schriftstellerlaufbahn dieselbe vermisst ein 
Ueberzeugung gehabt hat Und wenn man sich individSenen 
nicht seltsamer Weise darin gefiele, Piaton Wider- bei piaton. 
Sprüche in seinem Gedankensystem als einen be- 
sonderen Vorzug des Genies zuzuschreiben*), so würde man doch 



♦) Ich denke hilBr besonders an Krohn (Piaton. Frage S. 142 ff.), 
dessen gemüthvoUe Art mich immer sympathisch berührt; wenn ich auch 
natürlich seinen Ansichten nicht zustimmen kann. Krohn will für die 
Philosophie das Vorrecht in Anspruch nehmen, ohne Methode verfahren 
zu dürfen und durch Widersprüche nicht an Geltung einzubüssen. Ich 
verzichte auf solche Privilegien , und die Advocaten derselben, welche 
Krohn anführt, wie Lange und Sehe lling^ haben bei mir keinen Credit. 
Eine Widerlegung von Krohn's Argumenten ist aber bei Voraussetzung 
solcher Privilegien schlechterdings unthunlich, weil man doch nur den 
Widerspruch seiner Behauptungen untereinander und mit den überlieferten 
Platonischen Dialogen nachweisen könnte, was, wenn Widersprüche für 

12 




178 

auch gerade durch die gern hervorgehobene entgegengesetz 
Stellung des Aristoteles sich veranlasst finden mtissen, dem d 
Allgemeine der Idee verfolgenden Piaton im Gegensatz 
dem individuelle Substanzen fordernden Aristoteles eine Ver 
ewigung individueller Seelen abzusprechen, da es doch keine 
Sinn haben kann, dass Aristoteles an Piaton überall das blo 
Allgemeine (xa^cJAor) der Prindpien rügt und ihm die Unmög^ 
lichkeit, zu dem Individuellen (ro xa^'Sxoaroy) überzugehe 
vorhält, wenn Flaton die Individualität der Seelen sogar a 
eine ewige festgehalten und also individuelle Substanzen nac^ 
der Art der Atome gelehrt hätte. Wo man also auch ni^^ 
hinblicken möge, überall finden sich schreiende Widerspruch, 
wenn man die orthodoxe Auffassung der Unsterblichkeit 
eine philosophische Lehre ausgeben will. Ich schliesse de8ha.l'S3 
mit dem richtigen metaphysischen und methodologischen Sat^i 
des Aristoteles : t<2> fxev akrjd'ä Ttarca awifdsi rä tTta^xorv^f 
d€ ipevdei Ta%v dtaqxavä ToXrjd'ig. 





Philosophen nichts zu bedeuten haben, von keinem Belang wäre. A.I80 
befindet sich Krohn mir gegenüber in einer ganz unangreifbaren StelLixzi^ 
und wird mir nicht verübeln, dass ich meine "Waffen, die ich nur an'fcor 
unbedingter Anerkennung des Satzes vom Widerspruch und nnr mit 
strengem Nachweis der Methode gebrauchen mag, anch nur gegen vex"- 
wundbare Autoren kehre. So gehen z. B. „die abgestandenen Wasser des 
Rationalismus" (S. 151), aus denen ich Armer im Unterschied von 
Zeller trinken soll, wie Jeder weiss, auf Kant zurück. Trotzdem si©!** 
Krohn (S. 150), dass ich „mit wegwerfendem Tone über Kant sprecb^ » 
während er selbst gerade diesen Rationalisten Kant „durch seine speculative 
Kraft und liefe dem Piaton für durchaus ebenbürtig" hält. Wenn nun d.er 
Satz vom Widerspruche Geltung hätte, dann müsste jetzt ein AndeX"^^^ 
das abgestandene Wasser trinken. Doch es scheint mir, als hätte KroH^ 
überhaupt mir gegenüber Einiges wieder gut zu machen, und ich "W^^" 
deshalb wie bei einem blossen Missverständniss den Degen in die Sohoi^® 
stecken. 



Sechstes Oapitel. 



Platon's Diät. 

§ 1. Die Aufgabe. 

Man könnte meinen, die Diät eines Philosophen wäre eine 
etwas seltsame Aufgabe für eine wissenschaftliche Untersuchung 
und stände in keinem Zusammenhang mit seiner Philosophie 
und seinen eigenthümlichen Bestrebungen. Dies wäre richtig 
bemerkt; wenn der Philosoph, mit dem man zu thun hat, ganz 
wie andere Menschen lebte, wo denn freilich der Geschichts- 
schreiber der Philosophie keine Veranlassung hätte, sich in die 
Küche seines Helden zu verirren. Es ist aber doch schon z. B. 
sehr interessant, zu wissen, dass Kant nur einmal des Tages 
Speise zu sich nahm und die übrige Zeit blos Wasser trank. 
Erfährt man dann freilich, dass er regelmässig von eins bis vier 
Uhr und zuweilen bis fünf zu Tische sass und dabei dieselben 
Speisen genoss, wie seine Zeitgenossen, so erscheint dies Alles 
Qnd die weiteren Einzelheiten als blos anekdotenhaft und ohne 
alle historische Bedeutung, weil es nur an der Persönlichkeit 
b&ngt und mit der eigenthümlichen Lehre Kant's wenig zu 
tliun hat. 

Gl-anz anders aber verhielte sich die Sache, wenn etwa ein 
l>erühmter Mann eine von seinen Zeitgenossen völlig abweichende 
X)iät befolgte, die zu seiner Zeit herrschende Diät verurtheilte 
lind seine Lebensweise zu einer sittlichen Norm machte. So 
^Sniien z. B. die berühmten Stifter der strengen Mönchsorden 
Xriclit hinlänglich dargestellt werden, wenn man nicht auch von 
^er Diät, die sie befolgten und vorschrieben, handeln wollte. 
X>as Fasten als corporis castigatio und speciell das carnibus 
^bstinere gehört wesentlich zum Verständniss einer solchen 
Xiebensrichtung und Weltansicht. Wie wäre es nun, wenn der 



180 

freie Grieche, der göttliche Piaton, aus demselhen Gesichts- 
punkte betrachtet werden müsste? So unwahrscheinlich ein 
mönchischer Asketismus bei seiner ganzen Weltansicht ist, so 

auffallend sind doch gewisse asketische Tendenzen der Neu- 
pythagoreer und Neuplatoniker, die auf ihn zurückweisen, und 
ebenso einige Züge der Platon-Legende. Da ich sehe, dass 
diese Frage bisher noch niemals wissenschaftlich untersucht ist, 
halte ich ihre ErÖFtefung für nicht unwichtig, weil die Beant- 
wortung für manche andere Frage fruchtbar werden kann und 
jedenfalls für das Charakterbild Platon's eine physiog- 
nomische Bedeutung hat. 

Es ist wohl natürlich, dass die Gelehrten für 

steinhart und eine Frage, die noch nicht gestellt ist, auch noch 

kein Material gesammelt haben. Wir müssen 
deshalb selbst den Anfang machen und Fleissigeren dann das 
Weitere überlassen. Da die Diät aber mit der Massigkeit 
zusammenhängt, so findet man hier und da eine auf Platon's 
Lebensweise bezügliche Bemerkung. Bei Ast zwar sehe ich 
nichts derart; auch JB. von Stein hat meines Wissens keine 
Bemerkung darüber gemacht; Zell er rühmt blos: die Frugalität 
und Massigkeit Platon's; nur Steinhart, der letzte Biograph 
Platon's, hat nicht blos die Frage angerührt, sondern sie auch 
sofort, wie er im Stillen voraussetzt, entschieden, wenn wir nicht 
feiner sagen wollen, dass Steinhart zwar die Frage anrührte, 
die in ihm unbewusst erwachsenen Vorurtheile aber jede Unter- 
suchung verhinderten. In seinem Leben Platon's S. 82 sagt er 
nämlich: „Ein anderes albernes Märchen, das uns der 
Verfasser der Prolegomena auftischt, Piaton habe in seiner 
Jugend in Pythagoreischer Weise nur von Pflanzenkost 
gelebt, ist offenbar aus der Stelle des Politikos hervorgegangen, 
wo erzählt wird, dasa die Menschen des goldenen. Zeitalters nur 
Pflanzenkost gekannt hätten. ^^ 

Es ist nun zwar ziemlich gleichgiltig, was der Verfas^r 
der Prolegomena für eine Meinung gehabt hat; wenn man ihn 
aber anzieht, so darf nuan ihm nichts Falsches unterschieben^ 
Nun ist die nähere Bestimmung: „Platon.in seiner Jugend" 
nicht aus den Prolegomenen genommen, sondern beruht auf 
einem Schlüsse und zwar einem falschen Schlüsse Steinhartes. 
Die Prolegomena wollen vielmehr Platon's I)iät während 
seines Lebens überhaupt angeben. Steinhart, hatte aber 



181 

kaum den Eindrnck von der Albernheit dieser Mittheilung 
empfangen^ als er schon, weil eben vorher von der Jugend 
Platon's die Rede war, auch diese Mittheilung, ohne genauer 
hinzusehen, auf die Jugendzeit bezog; lohnte es sich doch gar 
nicht, eine solche Mittheilung überhaupt mit einiger Aufmerk- 
samkeit zu prüfen. Die Prolegomena erzählen aber, Platon's 
Mutter habe nach der Geburt das Kind auf den Hymettos 
gebracht, um dem Apollo und den Nymphen zu opfern, und 
zurückgekehrt den Mund des Eandes voller Honig gefunden. 
Die Bienen, die dies gethan, hätten damit im Voraus angedeutet, 
dass die von ihm ausfliessenden Reden süsser als Honig (nach 
Homer) sein würden. Er brauchte auch, wird noch weiter 
hinzugefügt, eine Nahrung, die nicht von den Thieren, sondern 
von den Pflanzen stammte.*) Offenbar soll damit die zweite 
"Verrichtung des Mundes berücksichtigt werden, da der Honig 
^och gegessen wird, so dass, weil der Honig von den Pflanzen 
«tammt, Rede und Nahrung auf das Reine imd Schöne deuten 
"^müssen. 

Soviel zur Auslegung der Prolegomena. Was aber Stein- 
lart's Vermuthung betrifft, oder besser seine zuversichtliche 
Behauptung, das alberne Märchen von dem Vegetarianismus 
J^laton's wäre „offenbar aus der Stelle des Politikos hervor- 
gegangen, wo erzählt wird, dass die Menschen des goldenen 
Zeitalters nur Pflanzenkost gekannt hätten": so ist die Logik 
dieses Schlusses schwer begreiflich ; man hätte dann ja ebenso 
^en Ursprung der Menschen aus der Erde und das Sprechen 
^*Xiit den Thieren auf Piaton beziehen müssen. Warum in aller 
\Velt soll die Legende von Piatön gerade so etwas erzählen? 
"W-as doch nach seiner eigenen Darstellung im Politikos nur^* 
^v-or der jetzigen VP'eltperiode stattfand, und was Piaton ga 
Xiicht für- ein Ideal schlechthin zu erklären geneigt war? 

Steinhart hat also das Verdienst, in seiner Biographie 
I^laton's die vegetarische Diät wenigstens erwähnt zu haben, 
"wenn er diesen Zug der Legende auch irrthümlich blos auf die 



*) Proleg. C. Fr. Hermann VI, Band, S. 198. Siairr] 8e ixe/^ro ov 
tJ ayth Tßw ^<ov aXXa rjj ano ra>v ^pvrojv. H. v. Stein (Sieben Bücher 
XI. S* 164) lässt diesen Zug des biographischen Mythus weg, obgleich er 
um hätte brauchen können, da der Apollo in Delos keine blutigen Opfer 
annahm. 



182 

Jugendzeit Piatons bezieht und ebenso irrthümlicb dafür im 
„Politikos" eine Erklärung findet und drittens in blindem Vor- 
urtheil die Frage aus seinen Händen gleiten lässt. 

Wollen wir der Frage näher treten, so müssen 
Princip for die wir bei Platou selbst die Antwort suchen. Da er 
Benutzung der ^ber in den Dialogen nicht selber auftritt, so 
Quellen. kann man gewöhnlich nur aus den Reden des 

Sokrates oder der die gleiche Rolle später über- 
nehmenden Personen, wie des Timäus, Parmenides und des 
Athenischen Gastfreundes auf seine Meinung schliessen, muss 
aber, wenn er auch nicht von sich selbst berichtet, doch nach 
seinem ganzen Charakter fest glauben, dass er in seinem per- 
sönlichen Leben die Grundsätze, welche er als das 
Beste und Heilsamste hinstellt, getreu befolgt habe; 
denn wir haben nirgends ein Zeichen dafür, dass er ein mit 
sich entzweites Leben geführt und das Bessere gelehrt, das 
Schlechtere aber zur Ausführung für sich selbst erkoren habe. 
Wir stellen uns daher die Aufgabe, die Dialoge Platon's 
in chronologischer Ordnung darnach zu durchmustern, ob wir 
darin nicht irgendwelche principielle diätetische Bemerkungen 
finden, die einen directen Rückschluss auf Platon's eigene 
Lebensweise erlauben oder fordern. Mir scheinen aber nur drei 
Dialoge hierfür in Betracht zu kommen, der Staat, der Timaios 
und die Gesetze. 



§ 2. Der „Staat". 

Indem wir nun die Bücher des Staates durchmustern, 
jstossen uns zwei entgegengesetzte Aeusserungen Platon's auf, von 
denen wir die der Zeit nach spätere zuerst erörtern wollen, 
weil sie wie eine Ausnahme dazu dienen kann, den grösseren 
Eindruck, den die Regel machen muss, zu verstärken. Denn da 
wir den Eindruck empfangen werden, dass Piaton eine vege- 
tarische Diät für die unserer Natur angemessene erklärt, so muss 
uns eine davon abweichende Aeusserung nur als Ausnahme 
erscheinen, die eine besondere Deutung verlangt. 

Im dritten Buche des Staates (p. 404. 0) 

«rntÄr nämHch beschreibt Piaton die Diät der jungen 

Diit sprechende Soldaten, welche ihm besonders bei kriegerischen 

stelle. Unternehmungen die passendste zu sein scheint. 





188 



verwirft die zu seiner Zeit herrschende Diät der Athleten, 
eiche ihr Leben verschlafen und wenn sie sich Unregelmässig- 
eiten erlauben, sofort gefährlich erkranken; er empfiehlt aber 
en Soldaten seines Staates die bei Homer beschriebene Er- 
ährongsweise der Heroen, die sich nicht mit Fischen und 
icht mit gekochtem Fleisch, sondern nur mit Gebratenem be- 
Alle Reizmittel {rfivij(ia%a) sollen davon wegbleiben. 
Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass durch diese Stelle 
hne Weiteres die ganze Annahme der vegetarischen Diät bei 
laton weggeblasen wird, und es scheint sich kaum noch der 
ühe zu lohnen, auch nur ein Wort mehr über die Frage zu 
erlieren. Allein da die ganze Diät&age, wie Alles im Fla- 
'A^-^nischen Staat, in eine gewisse Beziehung zu der Fythago- 
eischen Lehre zu setzen ist, so darf man nicht übersehen, dass 
ich in der Ueberlieferung über Pythagoras derselbe Wider- 
^jxrnch findet. Pythagoras soll nämlich fär die Athleten zuerst 
alte Diät, die aus getrockneten Feigen, weichem Käse und 
cizen bestand, in Fleischdiät umgewandelt haben.*) Da dies 
der sonstigen Ueberlieferung in Bezug auf die vegetarische 
-Üiät des Pythagoras widerspricht, so soll ein gleichnamiger 
^Ringschulaufseher {akd7t%tß)j der über Einsalbungen geschrieben 
lia.be, der Urheber dieser neuen Diät sein.**) Obgleich Plinius 
33. 7 und Jamblichus 5 für diesen Einsalber Pythagoras ein- 
treten, so ist doch verdächtig, dass dieser Doppelgänger sowohl 
gleichzeitig gelebt haben, auch ebenso ein Samier und auch ein 
Itfiathematiker gewesen sein soll, und es sieht mir eine solche 
Zerlegung des Pythagoras der Tradition in zwei Pythagorasse 
'W'ie ein späteres, nicht ungewöhnliches Kunststück aus, so dass, 
'wie ich glaube, die gesunde historische Kritik lieber den Wider- 
sprach festhalten muss. Pythagoras soll ja auch ein hohes 
-AJter erreicht haben und da können Widersprüche schon sehr 
löicht durch verschiedene Lebensperioden und damit zugleich 
^W'echselnde Ansichten erklärt werden. Es steht übrigens auch 
^chts im Wege, dass Pythagoras ebenso wie die heutigen 
V^etarianer dem rationell geordneten Fleischgenuss wirklich 



*) Diog. L. VIIL 12. 
**) Nioht der gleichnamige Faustkämpfer aus Samos. Vergl. G. F. 
^nger im Philologns 43. II. Apollodor über Xenophanes. S. 218. 



184 

die Erzeugung einer grösseren physischen &äftlasfeang sur 
geschrieben habe^ wenn er eine solche Lebensweise auch für die 
edlere, den Wissenschaften und dem politischen Leben zur 
gewandte Beschäftigung nicht empfahl, sondern gerade wegen 
der damit verbundenen Schläfrigkeit und Stumpfsinnigkeit seinen 
Anhängern untersagte. Fythagoras wird ja iauch als Toraüg- 
lieber Arzt und besonders als Diätetiker gerühmt und so würde 
dieser scheinbare Widerspruch auch nach den heute geltenden 
wissenschaftlichen Ueberzeugungen sehr gut mit der VerschiedeiiT 
heit der Lebenszwecke, für welche die Anordnung gegeben wau, 
übereinstimmen. Dazu kommt noch ein anderes Zeugniss ; denn 
Mi Ion, der berühmte Pankratiast, der nach Theodorus Bericht 
täglich 20 Minen Fleisch ass, einen dreijährigen Ochsen am 
Bein durch das Stadium trug und nachher allein verzehrte*), 
war offenbar von der Partei der Pythagoreer. Er commandirte 
siegreich die Armee der Ejrotoniaten gegen Sybaris als Hericules 
gekleidet mit Löwenhaut und Keule, und in seinem Hause 
fanden die Pythagoreer ihren Untergang. Auch was Aristoteles 
über seine Diät flüchtig erwähnt, weist darauf hin , dass s^iae 
[Nahrung genau gewogen wurde, und erinnert deshalb an Pythar 
goras' wissenschaftliche Behandlung der Diät Dass die Pytha^ 
goreer aber bei ihren vielen Fehden solche Muskelmenschen 
brauchen konnten, steht ausser £Vage. — Endlich ist auch nicht 
zu vergessen, dass Aristoxenos behauptet, Pythagoras hätte 
die übrigen lebenden Wesen für die Kost freigegeben und nur 
des pflügenden Stiers und Schafes sich enthalten.'*'*) Man sieM 
aus diesen Widersprüchen, dass bei den Pythagoreem doch 
wahrscheinlich nicht so ganz einfache und auch jedem Laien 
verständliche, vegetarische Regeln der Diät herrschten. 

Für uns würde sich aber hieraus der Vortheil ergeben, 
dass wir unter der Voraussetzung, dass Piaton im Wesentlichen 
als Pythagoreer auftritt, den analogen Widerspruch in seinem 
„Staat^^ leichter erklären könnten. Denn Piaton will ausdrüekr 
lieh die Ernährung mit gebratenem Fleisch nur für seine 
Krieger und denkt speciell an Feldzüge, wo es lästig sei, 
wenn jeder Soldat seinen Kochtopf mitschleppen müsste, während 



*) Athenaeus X. 4. 412. e. 
**) Diog. L. Vni. 20. 



186 

^Jkb. überall leioht nach dem Verfahren der homerischen Helden 
»3n Ochse an offenem Feuer braten liesse.'*') Es handelt sich 
der also um eine Zweckmässigkeitsfrage bei bestimmt gegebenen 
tUmst&nden und nicht sowohl um eine diätetische Theorie. Man 
eht dies auch deutlich aus der Stelle im fünften Buche, wo 
rdie Belohnungen der Krieger bespricht; denn wenn sie sich 
.iiBgezeichnet haben, sollen sie nicht blos bekränzt und auf 
[änden getragen werden, sondern auch das Vorrecht erhalten, 
;« küssen, wen sie wollen, männlichen wie weiblichen Geschlechts, 
sollen auch nach dem Vorbilde des Homerischen Ajax, der 
grossmächtiges Kückenstück als Ehrengeschenk erhielt, durch 
x-^iehlichere G-aben von Fleisch (^eaaiv) und Wein geehrt 
^^^^erden, und zwar, wie Piaton ausdrücklich sagt^ jenes, damit 
^ ie möglichst viele Nachkommen erzeugen*"*") und die 
Bürgerschaft also darwinistisch durch gute Zuchtwahl verbessert 
dieses, damit sie selber nicht blos an Ehre, sondern auch 
n Kraft wachsen (äamdifiev).***) 

Wir erkennen hieraus und aus dem Vorigen, dass der 
de» Staates bei Piaton sich alle anderen Gesichtspunkte 
^^^nteijochte ; denn wie er die blutige Kost für den Feldzug 
Empfiehlt, so will er auch das Leben der Bürger im Frieden 
^>=^clit isiohonen, wenn sie durch Krankheit arbeitsunföhig und 
9i6<^ geworden sind. Er weist auf die richtige Denkweise des 
^Handwerkers hin, der seine Krankheit schnell durch ein Brech- 
oder Abfuhrüngs-Mittel, oder durch Brennen und Schneiden los- 
^worden will, aber keine Zeit dazu habe, eine weitschweifige 



*) ^ Staat p, 404 «^ fuiXiar av «17 ax^axtcaxais evnoQa' Ttapra^ov 

**) Staat V. 468 B ot« fuv yaQ ayad't^ ovri yn/aoi ie iroifwi, TtXsiovs 

9 'KolgaXXotg ^aowcu, tv oxi TtXai^rot in tavroutviov yiyvonnai. Zeller, 

Ö onghi und alle diejenigen Gelehrten, welche die Lehre von der Prä- 

^^cistenz und Unsterblichkeit ernsthaft nehmen, oder sie gar für eine 

*> ^^osaenschaftliche Ueberzeugung** ausgeben, würden sich um uns sehr 

^rdient machen, wenn sie uns darüber belehren könnten, wie eine solche 

'Xjchiung der Seidlen durch gutgenährte, tapfere Ritter mit der Präexistenz 

^*"<cid d^ Wahl der Lebensloose vereinbar sei. Das jus primae noctis für 

^-^n Adel hatte gewiss auch ein solches Platonisches Princip, da voluptas 

^^nd ulilitas dabei Hand in Hand gingen, wie bei Horaz utile cum dulci. 

. .**t> Staat y. p. 468 D. £s ist hier also die gebräuchliche Piät der 

-Asketen oder Gladiatoren als giltig angenomiaen. 



186 

Behandlung durchzumachen, sich Filzumschläge um den Kopf 
zu legen und dergleichen, sondern einfach erkläre, dass es ihm 
nichts nütze, zu leben, wenn er seine Arbeit yemachlässigen 
müsse. Siechenhäuser und dergleichen Institute des Mitleides 
giebt es darum in Platon's Idealstaate nicht. 

Obgleich nun in dieser Weise bei ihm alle menschlichen 
Interessen einzig auf die Staatsidee bezogen sind und auch. 
diese Vorschrift für die Diät des Kriegers bestimmten politischf- 
praktischen Zwecken dient, so darf man doch an einigen Stellen 
seiner Dialoge eine mehr heilkünstierische Behandlung der 
diätetischen Frage erkennen. 

Wir gehen deshalb jetzt auf das zweite Budi 
„Staat" eine zurück. Dort lernen wir, dass eine gesunde Staats- 

reinvefetarische gescllschaft, wie sie SCiu SOll {ahjd'lVl^)^ UUT 

vegetabilische Nahrung braucht. Piaton zählt als 
Speisen auf: Gerstengraupen und Brot und Kuchen aus Weizen» 
mehl, wozu man Wein trinke; als Zukost Salz, Oliven, Käae, 
Zwiebeln, Kohl und andere Gemüse ; als Nachtisch Feigen, Erbsen 
und Bohnen'^), Myrthenbeeren und Kastanien.**) Mit solcher 
Kost sei Zufriedenheit, Gesundheit und langes Leben verbunden. 
Dagegen sei das schon eine üppige (rQvqwaa) Stadt und 
er nennt sie auch mit einem medicinischen Ausdruck eine 
„entzündete'* (epXsyficdvovaa)***)^ welche über diese einfache 
Kost hinausginge und noch Wild und Backwerk geniesse und 
also Jäger *{-) und Bäcker und Köche nöthig habe, auch Schweine- 
fleisch ässe und Sauhirten bedürfe (die in der wahren Staaisr 
gesellschaft nicht zulässig wären), welche endlich noch das andere 
zahme Vieh verzehrte und also zur Viehweide mehr Land nöthig 
hätte, was man durch Elrieg dem Nachbar wegnehmen müsste.*]^) 



*) Es ist bemerkenswerth, dass Piaton an den Bohnen gar keinen 
Anstoss nimmt. 

♦♦) Staat p. 372 ß flF. 

***) Schleiermacher übersetzt irrig ^aufgeschwemmt^. Es handelt sich 

aber um eine Entzündung. Gf. Timäus p. 86 B. oca Si fXeyfiaitfB$p 

kiyviat. rdv irca/uzros, ano xov xoBad'ai xal ^Xdyac&tu Sm x^Xrjp yiyovB itn^rtL, 

f) Benseier hat in Fleckeisen's Jahrbüchern 1881 S. 236 die &tjQWT€ii 

ndvree in volles Lidit gesetzt. 

•j^J*) Ibid. E. itXla xed t^vfot^av noXtp, — — tj /uiv ovp aXrj&$vrj 
7f6X$g Soxet fun elvtu tjv dtaXijXv&afiev, Sane^ vyii^s rtg' ei S* av ßevXBCd'9 uai 
tpkey/Aaivovffav nohv &BiO^€F€9fUP* 



187 

f4i Mit solcher üppigen Lebensweise sei häufige Krankheit und 
^1 daher häufiger Gebrauch der Aerzte verbunden. 
Bb| Hieraus ist Platon's Meinung ganz klar zu bestimmen, da 

er die Grenze durch lobende und tadelnde Ausdrücke genau 
absteckt. Die erste Diät ist gesund, die andere mit einem Ent- 
zündungszustande des Körpers verknüpft; die eine mit Ge- 
rechtigkeit und Frieden, die andere nur durch Krieg zu behaupten ; 
die eine mit empfehlenswerthen, die andere nur mit tadelnswerthen 
Berufsarten Auszuführen. Obgleich hier nun auch die politischen 
G-esichtspunkte sofort mit geltend gemacht werden, so bildet 
doch die eigentlich diätetische Frage das Princip; denn es soll 
ja bestimmt werden, was zur Gesundheit hinreicht. 

Allein die vegetarischen Schriftsteller, welche sich auf Flaton 

beziehen, haben doch übersehen, dass er hier mit einem gewissen 

-tttunor das idyllische Leben dieser einfachen Staatsbürger be- 

hcmdelt, die so „auf Streu von Taxus und Myrthen gelagert, 

d^ Weines dazu trinkend und bekränzt den Göttern lobsingend, 

^uiander beiwohnen, ohne über ihr Vermögen hinaus Kinder zu 

^^vzeugen, vorsichtig Armuth und Ejieg vermeidend."*) Denn 

-ß^Tffcht vor Krieg ist verächtlich und ein Staat ohne Soldaten 

cht blos chimärisch, sondern nach Piaton, der wie Graf Moltke 

n Lobredner des BÜeges ist, zur Erreichung höherer Tugenden 

eeignet. Man müsste daher folgern, dass die hier entwickelte 

ebensweise gewissermassen nur für die dienenden Stände be- 

^%ammt sei, oder dass Piaton später, als er das dritte Buch des 

taates verfasste, anderer Meinung geworden sei; denn wo er 

^ne höheren Mitbürger, die herrschenden Wächter des Staates, 

«schreibt, da kommt auch gleich die oben behandelte Stelle 

^^^•Jid die Ernährung mit gebratenem Fleisch. Das gesunde vege- 

^^^rische Leben, das er hier schildert, ist also etwas lotophagisch 

^ ^gehaucht und ein tapferer Mann müsste seine Freunde und 

^eun auch mit Schlägen davon wegtreiben, um zu höherer Arbeit 

^^d zu den Aufgaben des politischen Lebens überzugehen. Es 

Scheint mir daher noch weiterer Stellen zu bedürfen, wenn wir 

-^laton's diätetische Ansicht feststellen wollen. Zu diesem Zweck 

Füssen wir die später ver&ssten Schriften durchgehen. 



*) Ibid. 372 C. evXaßovfAspoi neviav tj noXe/iov» 



198 

Dabei kann es uns gleichgütig sein, dass er 
Die anderen ^^wa im Gorgias föT Einfachheit der Ernährung 
keine Antwort ^^^ ^^^ Lebens eifert; denn damit wird über 
kui Mnsere unsere Frage nichts entschieden. Gleichgiltig ist 
auch; dass er im Staatsmann (p. 272 A) die 
Menschen als Erdgeborene unter der Herrschaft des Kronos, 
wo die lebenden Wesen sich noch nicht einander auf- 
frassen*), sich von den wilden Früchten der Bäume 
nähren lässt ohne Ackerbau und Feuer und dass er ebesr 
daselbst (289 A) unter den der Staatskunst dienenden und fSi 
das Staatsleben mitwirkenden Künsten auch den Ackerbau und 
die Jagd anführt; denn ob die Zeit des Kronos besser und 
Wünschenswerther gewesen ist^ das lässt er dahin gestellt ^ weil 
wir nicht wissen könnten, ob die damaligen Menschen sich mit 
den Thieren und unter einander wissenschaftlich unterhalten 
und besonnen gelebt hätten ; die Erwähnung der Jagd aber unter 
den Geschäften, die der Politik dienen, bezieht sich nur aof 
Thatsachen und nicht auf Forderungen des besten Lebens. 
Mithin können wir diese und ähnliche Stellen der übrigen 
Dialoge übergehen und brauchen uns blos noch an den Timäos 
zu halten und an die Gesetze. Dort oder nirgends werden 
wir den gewünschten Aufschluss über seine Ueberzeugung an- 
treffen. 

§ 3. Der Timäus. 

Da dieser Dialog eine anatomische ul^^ 
Der Timius will physiologischc Theorie enthält, so muss die Di&*^' 
Ulf v^teritohe j^^g^ j^^^j erörtert werden. Wir finden da mß^ 

zunächst die Angabe, dass der Magen und dS-' 
Gedärme die E[rippe bilden, an die unser nach Speise nw^* 
Trank begehrender Seelentheil wie ein wildes Thier angebund^^ 
ist, möglichst entfernt von der Wohnung der Vernunft, damr^ 
er durch Lärm und Geschrei die auf das gemeinsame Best^ 
gerichteten üeberlegungen der Vernunft nicht störe.**) Zugleich 
soll nun in den Gedärmen Speise und Trank überschüssig 



*) Staatsmann p. 271 E. ovt ay^iov rjv ovBiv ovtb aXlrjXiov iSoiScLL 
♦♦) Timaeus p. 70 D wni E. 



aufgespeichert werden, weil die dämonischen Mächte, die unseren 
Leib bildeten, wussten, dass unser Geschlecht immer mehr, ala 
gut und nöthig ist, aus Gier und Zügellosigkeit aufzunehmen 
yerlangt. Da nun die reichlich gewundenen Därme einen 
grösseren Vorrath fassen, so fliesst die Nahrung nicht so schnell 
wieder durch, und es kann eine gewisse Ruhe vor dem 
Nahrungstriebe eintreten, damit zu den Beschäftigungen mit 
der Wissenschaft und den Künsten Müsse bleibe.'*') 

Diese Stellen enthalten also unmittelbar noch nichts für 
unsere Frage; für den anatomisch gebildeten Leser aber weist 
die hervorgehobene Länge des Darmes schon von den Cami- 
Türen weg und zu den Frugivoren und Herbivoren hin. Etwas 
veiter lesend aber finden wir ein paar Zeilen, die, soviel ich 
sehe, das Einzige bilden, was uns der Timäus als directe Ant- 
wort darbietet Piaton beschreibt nämlich die Natur der 
Pflanzen, erinnert daran, dass die wilden den veredelten voran- 
gingen, und bemerkt, dass die durch Ackerbau veredelten 
Bäume, Pflanzen und Samen unserer Natur mehr angepasst 
wären und dass alle diese Pflanzen uns zur Nahrung 
dienen sollten.'^*) Diese Stelle ist nun allerdings ganz 
bestimmt und es kommt noch dazu, dass Piaton die Pflanzen 
zwar als beseelt und lebendig schildert, da sie an dem vege- 
tativen Leben Theil nehmen, ihnen aber alles thierische Leben 
wie die Bewegung abspricht. Trotzdem könnte man vermissen, 
dass er nicht auch verneinend hinzugefügt hatte, es sei uns 
alle andere Nahrung, nämlich die blutige, durch unslgre Natur 
Verboten. In diesem Falle wäre allerdings aller Zweifel be- 
seitigt. AUein da es keine andere Stelle giebt, an welcher er 
ausser der Pflanzennahrung auch noch die Möglichkeit oder 
Häthlichkeit einer anderen Ernährungsweise bespricht, so müssen 
wir wirklich dabei stehen bleiben, dass Piaton für den 
Henschen einfach und schlechthin die Pflanzen als 
Nahrungsmittel bestimmt hat. Wäre er nämlich hier im 
Tifliäus noch wie im Staat der Meinung gewesen, dass für die 



*) Ibid. p. 72 E. 

**) Ibid. p. 77 A — C. a Br} rvv rffiega 8tv8^a xai fpvra xcU ane^^ata 

^^^av&Afra vnb yeot^ias zid'aaan ti^os Tjfiae i'GX^> tiqIv 8e riv fiova ra tatv 

y^^iav Y^yfly Tt^cßvre^a roJv ij/uä^v ovra. — tavra Stj ra ytpij ndvxa 



190 

Ernährung der Soldaten oder Ritter sich das gebratene Fleiscli I 
besonders empföhle, so hätte in dieser Untersuchung über die 
ganze Einrichtung der Welt und über die Geschäfte und Organe 
des menschlichen Körpers insbesondere eine solche Betrachtang 
nicht fehlen können. Und es würde das unserem Philosophec» 
keine geringe Mühe verursacht haben, nachzuweisen, dass unsere^ 
vegetativen Organe auch mit den Thieren, die sich mit freiem. 
Bewusstsein bewegen, verwandt seien und deshalb in ihnen eine 
passende Nahrung fänden. Jedenfalls muss es jedem Leser des 
Timäus schwer oder gar unmöglich erscheinen, eine camivorische 
Diät in diese Platonische Naturphilosophie hineinzuconstruiren, 
und es hätte wenigstens einer recht umfänglichen Darlegung 
bedurft, wenn Piaton einen solchen Gedankenzusammenhang 
in den uns vorliegenden einschieben und damit verschmelzen 
wollte. Um sich dies ganz klar zu machen, muss man es für 
sich einmal versuchen, und man wird dann sehen, dass man zu 
ganz anderen, der Platonischen Naturauffassung fremdartigen 
Principien gelangt, die sich mit dem überlieferten Texte nicht 
reimen lassen. Ebensowenig findet sich freilich bei der Be- - 
sprechung der Krankheiten irgend ein Ausfall gegen die Fleisch— 
nahrung, als wenn dadurch etwa einige derselben herbeigefbhrtft^*-:?^ 
oder verschlinmiert würden. Es muss uns daher genügen, dsam- 
Piaton seine Lehre von der uns von Gott bestimmte 
Nahrung an einer anderen Stelle'*') noch einmal wiederhol t 
und diese Nahrung in zwei Arten gliedert, nämlich i ii 
Früchte und Kraut. Diese sei unserer Natur ver wandt **""^) 
und würde durch die innere Wärme zersetzt und durch die i 
unseren Adern befindliche Luft aufgewunden und durch 
Körper geführt. 

§ 4. Die „Gesetze". 

Die Gesetzt^. ^^ bleibt uns denn nur noch das letzte seine 

verordnen eine Werke Übrig, die Gesetze, worin wir auch ai 
gemiseiite Kost, ^j^j^q^q Frage eine Antwort suchen müssen. Alleiu^^ 



*) Ibid. p. 80 E. vsoTfirjra Be xcU aito ivyyevwv ovra^tk fniv xa^nrnv,. 
T« 9i x^otje, a d'soe in avro xwS^ rifiiv ifvrevüBv elvcu iqof^. 

**) Offenbar, weil sie in das vegetatiye System des K.5rper8 auf- 
genommen und von der vegetativen Seele oder Lebenskraft ang^eeignet 
wird. Tim. p. 77 A. xris ya^ avd'^amivije SvyyBvtj fvCBto^ ^itw. 



191 

tun nidit fehl zu gehen, müssen wir uns vorher erinnern, dass 
<r bei diesem Vorhaben auf das beste Leben verzichtet 
-und nur unter der Voraussetzung Gesetze giebt, dass das 
xnenschliche Geschlecht durch die fast allgemeine Mangelhaftigkeit 
jaeiner Naturanlage nur einer erträglichen gesellschaftlichen 
Ordnung, aber nicht der besten fähig sei. Wir wissen daher 
^on Yomherein, dass in diesen Gesetzen auch über die Diät 
:siiclita verordnet werden kann, was der wahren und besten Natur 
entspräche, sondern nur was in zweiter Linie gut und also 
^mch für eine grössere Menge von Menschen durch- 
führbar ist. 

Rückblickend auf die Ursprünge unseres Geschlechts nimmt 
laton an, dass nach der letzten Sündfluth die wenigen übrig 
ebUebenen Menschen und ihre Nachkommen zuerst reichliche 
lE^ahrung gehabt hätten; denn es wäre Weideland genug Yor- 
ü^anden gewesen und also an Milch und Fleisch kein Mangel, 
^^orzügUch da auch die Jagd nicht geringe imd nicht yerächt- 
üche Beute liefern musste.*) Piaton scheint hier also die 
JEleischnahrung als die ursprüngliche in der Menschheit 
^u betrachten. 

An einer anderen Stelle sagt er, dass die Menschen, wie 
Cklle die Thiere, sich ursprünglich wohl einander gefressen haben 
xnSchten**), da die anderen Nahrungsmittel erst allmäUg auf- 
gekommen wären. Denn erst mit der Zeit wäre die Rebe er- 
schienen und der Oelbaum und die Gaben der Demeter imd 
Kora, als deren Boten und üeberbringer wir den Triptolemos 
ftimähmen. Demgemäss erscheint auch hier wieder für Piaton 
die vegetabilische Ernährung als die spätere und erst 
durch Geschenke der Götter eingeführte.***) Es könnte 
^un zuerst scheinen, als würde er sich ganz diesen göttlichen 
&aben zuwenden tmd das Fleisch als Nahrung der wilden Ur- 
menschen verwerfen; allein er geht einen anderen Weg; denn 
^ will ja für das mit allen Begierden am Genuss (^dov^) 



*) lißgg- p. 679 A. 

**) Hier ist der orphische Vers zu vergleichen: ^Hv x^'^h h^i^»^ ^anes 
^^ aWßMvßim^ «%or (Sext. Empir. II, 31, IX, 15, Mullach 1, 174) aa^oSat^. 

**^ Hier sind die orphisohen Verse über den Ackerbau zu vergleichen 
Teetzes Prooem. p. 17, Mullach 1. 1. I, 189 b. 




192 

hängende Geschlecht erträgliche Gesetze mochto. Er stellt 
deshalb offenbar zunächst ein paar Extreme auf, um ^äter die 
Mitte zu wählen. Da die Gesetze aber nicht vollendet aus- 
gearbeitet sind und der Greis auch die frühere Absicht wieder 
vergessen haben kann, so braucht man sich nicht zu wundern, 
dass er später an das hier Gesagte gar nicht wieder amknftpft 
und überhaupt gar kein theoretische^ Häeonnement 
über die Ernährungsart bringt Hier aber stehen die Ex- 
treme deutlich aufgestellt: auf der einen Seite die Menschen- 
fresserei, wie denn noch heutigen Tages, sagt Piaton, • bei 
vielen Völkern der Brauch herrsche, dass sich die Menschen 
einander opfern; auf der anderen Seite das Leben der Oi'phiker, .^. , 
die nicht einmal vom Ochsen zu kosten wagten und den Güttem^^r^ 
keine Thieropfer darbrachten, sondern nur Kudien und miiB^t 
Honig benetzte Früchte und der^eichen heilige Opfergaben, di< 
sich des Fleisches als einer unheiMgen Speise ganz enthielten^ un< 
die Altäre der Götter nicht mit Blut besudeln wollten^ diu Un 
lebendige gebrauchten, das Lebendige aber verschonten.*) Aue: 
dies ist blos historischer Bericht und nidht Rath und Empfehlung 
den Orphikern**) zu folgen. 

Wir verlangen nuln doch a^ber zu wissen, ob Platon. den — 'm 
mit seinen Gesetzen gar keine Ordnung der Diät hab^ biing^ ^s 
wollen und was schliesslich in seinem Staate genossen werde^^ai 
soll. Zu dieser Frage sind wir berechtigt, da Plateoi auitfs- 
drückUch bei der Ernährung ausser dem VergnügeA» (jfa^s- ode^r 
Genuss (rjöovrj) noch den Gesichtspunkt der Richt>igkeit wm:^ 
des Nutzens hervorhebt***); denn die richtigste Speise- sei ddB-« 
gesunde. Also ist es durchaus Platonisch, dass wir eine gewiai—J^c 
Norm bei der Auswahl der Speisen, eine Diätetik forden. Dies^^ 
Forderung genügt Piaton* aber nur in sehr gmng^n Masse 
mehr nebenbei. Wir wollen zusammeiiordnen uikd überschau« 
was uns derart aufgestossen ist; ....... 

Erstens verlangt Piaton, seine Bürger sollten dick: bIo»'v 
der Erde nähren und nicht, wie die meisten Hellenen, auc::::^:^** 



*) Ibid. p. 782 ^Oqfpixoi zwes XeyofAWot ßioi iyiyvihnO'rifMmti ftok t6 
*^) Den orpbisohen Ursprung dieser Diät bd8tät^ acMlb JEBaripid 
£ü.ppol. V. 953 ^ÖQfpia r avoTcr k'xojv, 

***j Ibid. p« 667 G. o^onjra 're xai m^i^tm^^ oitiB^ vy$0i^op ti 
nqoa(p8(fOfABV(ov Xeyo/iev etcdarore, r&vr avro ehftu Üf iwrim xcxi yo 




^ 



m 

\ dem Meere. Der Grund dieser Beschränkung ist eJäer kaütii 
diätetischer, sondern, wie es scheint, blos politisch, weil 
fcton den ganzen Pöbel von solchen Gewerben, die mit dem See- 
idely Hafen, Schiffsausrüstung und Gastwirthschaft zusammen- 
Igen, in seinem Staate nicht haben möchte. Darum spricht 
nur "von Ackerbauern, Hirten und Bienenzüchtern.*) 
ist klar, dass er hiermit die sogenannte gemischte Kost 
seinem Staat einführt oder sie anerkennt; denn er will di€( 
terden nicht etwa blos, um Milch und Käse zu gewinnen, 
idem spricht ganz deutUch von dem Berufe des Metzgers 
1 wo und wie viel und an wen sie die Theile der geschlachteten 
i zerstückten Thiere verhandeln dürfen.**) 

Eine zweite Beschränkung der Diät ergiebt sich durch die 
engen Jagdgesetze. Piaton will nämlich nicht nur allen 
ichfang auf dem Meere verbieten, sondern auch alle Jagd mit 
Igeln, Netzen, Schlingen, betäubenden Säften. Nur die Jagd 
f Vierfüssler mit Pferden und Hunden, wobei man die eigene 
pferkeit einsetzen muss, soll erlaubt sein. Die Vogeljagd 
F Brachfeldern und Bergen und eine gewisse Art von Jagd 
f Wasserthiere will er jedoch gestatten.***) 

Indem ich nur noch erwähne, dass Piaton in Bezug auf 
a Obstgenuss sehr freundliche Gesetze feststellt und Wein- 
tuben, Feigen, Birnen, Aepfel und Granatäpfel unter den 
Idesten Bedingungen fast Jedem, Einheimischen und Fremden, 
reien und Sclaven, auch von fremdem Grund und Boden zur 
illung des Bedürfnisses zu nehmen erlaubt"}*), bemerke ich nur 
sammenfassend, dass uns die „Gesetze", wie wir gesehen haben, 
3er die principielle Frage gar keine entscheidende 
ntwort ertheilen, es sei denn die, dass Piaton die ge- 
ischte Kost für die Menschen, wie sie einmal sind, als die 
inzig mögliche erkannt hat. Ob er aber für sich selbst die 
T[)hische Lebensweise befolgte, können wir aus diesem Werke 
icht ersehen. 



*) Ibid. p. 842 ff. 
*♦) Ibid. p. 849 D. 
♦**) Ibid. p. 824. 
, t)-Äid. p. 844 D ff. 



13 



1&4 



§ 5. Resultat und Confirmationen. 

Was ist nun das Resultat unserer Untersuchung? 
In allen Dialogen empfiehlt Piaton die Massigkeit 
und verlangt mit Vermeidung aller üeppigkeit, die von den 
höheren Zielen des menschlichen Lebens ablenke, nur einfache 
Kost, um die Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen, ohne 
der Lust nachzujagen. Für die grössere Masse der 
Menschen und also für die wirklichen Staaten nimmt er als 
allein möglich die auch heute in Europa gebräuchliche so- 
genannte gemischte Kost an. Trotzdem bleibt stehen erstens 
aus dem ,. Staat** die deutliche Meinung, dass die vegetarische 
Diät zur Gesundheit und zum Glück hinreiche, obgleich 
die Soldaten gebratenes Fleisch essen sollen, und zweitens aus 
dem Timäus die zwei Mal wiederholte Behauptung, dass von 
der Natur und von Gott uns die Pflanzen (Früchte und 
Kräuter) zur Nahrung bestimmt seien. 

Welche Diät hat Piaton nun selbst befolgt? Es kann uns 
nicht einfallen, eine apodiktische Antwort zu verlangen, da 
die Data nur zu einem problematischen Resultate hinreichen. 
Obgleich Piaton aber nirgends mit der jetzt bei den Vege- 
tarianem üblichen Entrüstung von dem Fleischgenuss spricht^ 
so muss man doch wohl annehmen, dass er für sich nicht die 
auf den Durchschnitt der gewöhnlichen Menschen berechnete, 
sondern die für einen „göttlichen" Mann {d-elog), wie er sich 
selbst bezeichnet, allein passende, naturgemässe und von Gott 
gegebene Diät gewählt habe; denn da er die im Timäus 
physiologisch begründete Lehre nirgends wieder zurücknimmt, 
so ist auch nicht zu glauben, dass er aus Gründen des Wohl- 
geschmackes öder der üeppigkeit oder aus Furcht, aufzufallen 
und sich von der grossen Heerstrasse der Sitten zu entfernen, 
sich zu einer von seiner Theorie abweichenden Diät hätte be- 
stimmen lassen. 

Wenn wir dieses Resultat gern in den Rahmen seiner Bio- 
graphie einpassen wollen, so können wir annehmen, dass er 
vielleicht schon durch Sokrates Schüler, Simmias und Kebes, 
die Pythagoreische Diät kennen lernte, dann in Aegypten ein 
ganzes Volk vegetarisch leben sah und demgemäss im zweiten 
Buche des Staates die zur Gesundheit hinreichende vegetarische 
Lebensweise beschrieb. Im Hinblick auf die Erfahrungen bei 



195 

seinen eigenen Feldzügen mag er aber für die Krieger in Hellaö 
das gebratene Fleisch im dritten Buch empfohlen haben. Nach- 
dem er dann später in Italien bei den Pythagoreern gelebt und 
im Gegensatz dazu die Syrakusischen Schlemmereien vor Augen 
gehabt, so wird ihm bei der Ausarbeitung einer vollständigen 
Naturphilosophie im Timäos auch die physiologische Begründung 
der vegetarischen Diät zum Bewusstsein gekommen sein. Es 
versteht sich von selbst, dass der Weise, der über den Durch- 
schnittswerth der Menschen seiner Zeit so pessimistisch dachte, 
am Abend des Lebens in seinen „Gesetzen", die für die grosse 
Masse bestimmt waren, keine idealen Normen vorschreiben konnte, 
sondern eine gemischte Diät als die allein durchführbare er- 
nannte. 

Hiermit ist unsere Arbeit aber noch nicht zu 
Ende; denn wenn die directen Daten auch erschöpft confirmationen. 
sein sollten, so giebt es doch für einen aufmerksamen 
lieser manche Stelle in den Dialogen, die eine bestimmte An- 
sicht Platon's voraussetzt und daher unser Resultat indirect con- 
firmiren kann. 

1. Ich rechne dahin den Scherz des Platonischen Sokrates 
im Gorgias über die Redekunst, die er mit der Kochkunst unter 
einen gemeinsamen Gattungsbegriff bringen will. Humoristisch 
und darum desto verletzender für die Redner ist seine Zusammen- 
ordnung von Putzkunst, Kochkunst {pxpojcoü^ri), Redekunst 
und Sophistik, die er alle vier als Schmeichelei {^^ohxm^a) 
bezeichnet und denen er Erkenntniss des Wahren und Guten 
und Heilsamen abspricht (p. 365 C). Nun ist unser Wort 
„Kochkunst" aber eine ganz ungenaue Uebersetzung der 
oxpOTtOLtjciTi'ii, denn diese ist nur eine Art der Kochkunst und 
bezieht sich auf das oxpov^ d. h. die Zukost, worunter man im 
heroischen Zeitalter Fleisch verstand und später besonders die 
Fisch-*) und Fleischspeisen und alle Leckerbissen, die 
eine besondere Kunst der Zubereitung erforderten, während für 
das Brot und Mehl (aQftog und atroc,) und seine einfache 



*) Athen. VII. 276 f. XiyofjLBv y(füv oyjoydyove — — tovg ne^ rrpf 
iX^vontoXiav avaar^e^Ofisvove. Vorher ndv^tov riov n^oaotpijfmrfop oyßtov 
ttaXovftiyafP f iisvlitfiaev o ixO"vs Sta rijv i^at^etov idcDdrjv fwpog ovrarg 
xaXäi0&cu, Stet tovs inifiavwg iaxrpcoras n^og ratytrjy ttjv iBtodrjv. Das Wort 
iievlnnjvw zeigt nur den letzten Sprachgebrauch an. 

18* 



196 

i^ubereitung (aitOTtoua) keine dem Tadel unterworfene Kunst 
vorkommt. Mithin kann man nicht daran denken, dass Piaton 
etwa alle Kochkunst als Schmeichelei hinstellen wolle, weil dies 
als sinnlos seiner Behauptung die Zustimmung entzogen haben 
würde, sondern man muss indirect schliessen, dass Piaton, wenn 
er die oxpOTtoüyufi als schmeichlerische Nebenbuhlerin der wahren 
Heilkunst tadelt, besonders auf die Fisch- und Fleischkost und 
die Leckereien hingeblickt habe, vorzüglich da wir aus dem 
finiher verfassten „Staat" schon wissen, dass er in der Art, wie 
wir von dem Conditor den Bäcker unterscheiden, für eine nicht 
am Magenkatarrh leidende Gesellschaft eine Zukost ohne die 
schmeichlerische Art der Kochkunst, d. h. ohne Fisch- und 
Fleischspeisen und Leckereien, bestimmt hat. 

2. Aehnlich zu benutzen ist des Platonischen Sokrates 
Scherz im „Staat"*) über des Thrasymachus Definition der 
Gerechtigkeit. Denn da dieser das Gerechte nach dem droit du 
plus fort als „das dem Stärkeren Zuträgliche" definirt, so macht 
Sokrates dies, wie Thrasymachus sagt, in abscheulicher Weise 
dadurch lächerlich, dass er den Doppelsinn in den Worten 
„stärker" (xgc/Trwv) und „zuträglich" (avix(p€Qov) benutzt, um 
das figürlich Gemeinte in die eigentliche Bedeutung zu ver- — 
drehen und demgemäss zu fragen: „Meinst Du dies so, dass, ^^, 
weil Polydamas, der Pankratiast. stärker als wir und weil für 
seinen Körper Rindfleisch zuträglich ist, darum diese Nahrung 
auch für uns, die wir schwächer sind, zuträglich und also recht c^-t 
sein müsste?" Da Thrasymachos in dieser Frage eine Persifflage ^^e 
und also eine Widerlegung erblickt, so muss vorausgesetzt i^^t 
werden, dass Piaton und seine Zeitgenossen die Fleisch- — ■ 
diät der Athleten für die edlere Gesellschaftsklasse 
für unzuträglich hielten. Macht man diese Voraussetzung 
nicht, so fällt auch der Witz und die Persifflage fort. Denn 
wenn es sich wie bei Aristoteles in den Nikomachien**) nicht ^^-^ 



*) Staat p. 338 G. ei üovXvda/Liag rjficav x^shrcav b TtayxQarMffrijs hcU 
nvT^ Svfi^e^ei ra ßoeia iegia n^og ro ccj/na, rdvro rb atriov etrat ^<ü rjfuv 
roh riTToatv ixeivov ^fif>e'^ov a/ia aal 8lxaiov. 

**) Es ist für den iRclividuellen Stil des Piaton and Aristoteles be- 
aöhtenswerth, dass Piaton anf einen gleichzeitigen Pankratiastefn ainspielt, 
der vor ein paar Jahren erst (98 Olymp.) im Pankration gesiegt hatte 



197 

um die Qualität der Nahrung^ sondern blos um die Quantität 
handelte, so wäre der Sinn der Worte des Thrasymachus zwar 
verdreht, es läge aber .keine Widerlegung darin, weil es ja 
ganz verständig und gar nicht widersinnig ist, dass uns 
Schwächeren die Nahrung der Stärkeren auch zuträglich sein 
wird, wenn wir uns an proportional geringere Portionen halten. 
3. Eine andere Stelle findet sich bei dem Angriff Platon's 
auf Homer. Piaton fragt, ob Homer, wenn er auch nicht im 
Stande gewesen wäre, einen Staat durch Gesetze und gute Ein- 
richtungen zu ordnen, doch nicht wenigstens für seine Anhänger 
privatim eine schöne Lebensordnung geschaffen hätte und dafür 
geliebt und verehrt wäre, wie Pythagoras durch seine Pytha- 
goreische Diät noch jetzt seine Schüler berühmt mache. Glaukon 
erwidert darauf, dass nichts Dergleichen erzählt würde, ja im 
Gegentheil sei sein Schüler Kreophylos*) an Bildung noch 
lächerlicher als sein Namen gewesen, da er ja, wie erzählt 
werde, sich auch die grösste Vernachlässigung gegen Homer 
erlaubt habe. Möge nun der Name Kreophylus mit einem 
langen oder kurzen und mit Jota oder Ypsilon zu schreiben 
sein, jedenfalls steckt der Witz in der Bedeutung „Fleisch". 
Kreophylos ist entweder ein Fleischliebhaber oder aus der 
Fleischsippschaft, also ein Fleischmann, und darum contrastirt 
die als fraglich hingestellte Homerische Diät, die durch den 
undankbaren Fleischmann vertreten ist, mit der Pythagoreischen 
Diät, um derentwillen Pythagoras von seinen dadurch aus- 
gezeichneten Anhängern verehrt werde. Unter Diät ist zwar 
nicht blos die Ernährungsweise zu verstehen; hier aber zielt der 



und dessen Fleischfresserei wahrscheinlich dem Leser lebendig vor Augen 
stand, während Aristoteles als Gelehrter den Crotoniaten Milon aus dem 
sechsten Jahrhundert heranzieht, über den er nur durch Bücher genauere 
Nachrichten haben konnte (Nicom. IL 5). Die Zahlenangaben für das 
Gewicht der Nahrung bei Aristoteles werden aus Pythagoreischer Quelle 
stammen, die von den Hippokrateem gewiss benutzt wurde. Interessant 
ist auch, dass Aristoteles, wie er in der Lehre von dem Idealismus Platon's 
zurückging, so auch in seiner Diät sich dem allgemein Gebräuchlichen 
anschloss. 

*) Staat p. 600 B b yaq K^BtotpvXos tCö/g, o rov 'Ofirj^ov hat^og, rciv 
ovofiaroe av yeXoio^sQOs k'n n^os naiBeiav faveir^. 



198 

Name auf diesen Beziehungspunkt hin und es scheint hier die 
Lächerlichkeit, die dem Fleischgenuss in Bezug auf Erziehung 
und Bildung angehängt wird, indirect für den Vorzug einer 
vegetarischen Diät zu sprechen. 

Solche Stellen mag man nun, wenn man sich 
Aeussere ^{q Mühe nimmt, noch mehrere bei Piaton finden. 

Confirmationen. ti-'iit_ i t»x"x« -u i. 

Ich will aber zu anderen Bestätigungen übergehen. 
Und zunächst glaube ich Platon's Zeitgenossen Isokrates 
anführen zu müssen, der in einer Anspielung auf den Piaton 
diesen zu einem Schüler des Pythagoras macht.*) Wenn sich 
dies auch immerhin in erster Linie auf die politischen Ein- 
richtungen bezieht, die Piaton wie Pythagoras aus Aegypten 
entlehnt habe, so wird doch ausdrücklich hierbei auch die ganze 
Heiligkeit des Lebens augeführt und mithin kann man nicht 
anders als auch au die Pythagoreische oder vegetarische Diät 
denken. 

Wenn wir nun bedenken, dass Pythagoras die Seelen der 
•Menschen nach dem Tode in Thierleiber fahren lässt (weshalb 
er die Tödtung der Thiere auch als Mord betrachtet haben 
soll, da die Thiere gleiches Recht auf Leben hätten, wie wir), 
und wir dieselbe Lehre der Metempsychose überall bei Piaton 
finden, der ja z. B. auch die Nägel an unseren Fingern 
humoristisch dadurch erklärt, dass bei unserer Organisation 
schon B,ücksicht genommen sei auf die mit Krallen versehenen 
Thiere, die aus uns werden sollten: so kann man es nur natür- 
lich finden, dass nach der Analogie auch bei Piaton schon im 
Alterthum die Pythagoreische Diät vorausgesetzt und als wirklich 
von ihm befolgt angenommen wurde. Dahin musste die Freund- 
schaft, in der er mit den Pythagoreern in Italien und in Theben 
lebte, und die Verehrung, die er überall vor Pythagoras und 
den Orphikern in seinen Schriften bekannte, offenbar mit ge- 
deutet werden. 

Wenn darum der Lustspieldichter Theopomp, der ein 
jüngerer Zeitgenosse des Aristoplianes war, ein Lustspiel *^H(Ji;;ca^ 
schrieb, worin er auf Platon's Phaidon anspielte, so wissen 
wir nicht blos, dass dies nach 384 a. Chr., also mindestens drei 
Jahre nach der Begründung der Akademie, verfasst sein musste; 



*) Vergl. meine Liter. Fehden S. 109. 



199 

sondern werden, wenn wir voraussetzen, dass Piaton und 
vielleicht auch seine Schüler in der Akademie vegetarisch 

lebten, auch den aus dieser Komödie von Athenäos überlieferten 

"Vers ausgezeichnet passend finden: 

Stellt euch nun in Ordnung auf, der Hungerleider 

nüchterner Chor, 
Mit Gemüsen, wie Gänse, bewirthet.*) 

Um aber diese Anspielung recht zu verstehen, müssen wir 
"bedenken, dass die Diät der Athener damals nicht so cami- 
vorisch war, wie sie jetzt bei der germanischen und slavischen 
Bevölkerung der grossen Städte im nördlichen Europa üblich 
geworden. Die südlichen Völker leben noch heute grössten- 
1:heils vegetarisch, und es konmit unser einem aus dem Norden 
geradezu komisch vor, wenn man z. B. an einer nationalen 
Mittagstafel in Andalusien einen nur homöopathischen Bissen 
IFleisch vorgesetzt erhält, wovon man das Zehnfache zu essen 
gewohnt war. Wenn daher der Herakles des Aristophanes, 
dem der Dionysos seine wüthende Passion für Euripides 
deutlich machen will, an seine mächtigste Leidenschaft erinnert 
"^jvird, so ist man etwas erstaunt, dass es sich um das Verlangen 
xiach — Bohnenbrei**) handelt. Deshalb konnte der Gegen- 
satz der Platonischen vegetarischen Diät gegen die herrschende 
xiicht eine solche in die Augen stechende Färbung annehmen, 



*) Athen. 7. p. 808 A. 

Kai CTrjT itpe^Sy xeffrQstov vfjffrig X^Q^^t 
ytaxcivonTiv, S ff 7t 8^ jf^«s, i^evtff fievotl 

Der pfriemenförmige Meerfisch tceffrQevg soll immer mit leerem Magen 
gefunden sein und wurde deshalb zum Symbol für die Hungerleider 
Wenn Meineke (Poet. Com. graec. fragm. Meineke, Bothe, Hunzicker 
p. 305) den fledychares auf Piaton deutet, weil er deliciis et amoribus 
deditus gewesen sei, so könnte diese Motivirung nur einen Sinn haben, 
'wenn man erstens an den Gegensatz zu Antisthenes denkt und zweitens 
besonders das vor dem Phaidon verfasste Symposion heranzieht, wo ja 
allerdings die Liebe sowohl, wie der Becher eine grosse Rolle spielen, 
was mit der sonst so nüchternen Lebensweise und mit den dialektischen 
Subtilitäten des Phaidon als Folie allerdings einen komischen Gontrast 
geben konnte. 

*♦) Aristoph. Frösche v. 60 ff. SchoL ol 9e avSQBloi ^rvos iff&iovffiv 
ms trvPTtXcIvv avrots nXetara, an ot ne^l rovra Sewoi X^yovatv^ 



200 

dass die Zeitgenossen etwa denselben Eindruck wie Steinhart 
davon gehabt und die Nachricht davon gleich für ein albernes 
Märchen erklärt hätten; vielmehr musste sie nur als eine 
unnütze Selbstpeinigung erscheinen, da Piaton auf das 
Leckerste, Kostbarste und am Meisten Gesuchte verzichtete. 
Zugleich musste seine Ernährung dadurch so einfach werden, 
dass sie im Vergleich mit der beliebten mannigfaltigen Anfüllung 
des Magens als eine ArtHungercur erscheinen konnte. Doch 
scheint allerdings die Passion für Fleisch, die in Tarent schon 
länger herrschte, gegen Ende des Lebens Platon's in Athen 
zugenommen zu haben; wenigstens berichtet uns Theopomp niit» 
Entrüstung, dass der Demos für die öffentlichen Schmausereien 
und Fleischvertheilungen mehr ausgegeben habe, als für 
die Staatsverwaltung.*) 

Es braucht uns daher nicht zu wundern, dass der Komiker 
Anaxandrides sich über Piaton als Olivenesser lustig 
macht**) und dass Phanokritos erzählt, Piaton sei ein Freund 
der Feigen***) gewesen, ebenso wie auch in den Anekdoten 
erzählt wird, dass Piaton von Ari stipp damit aufgezogen wäre, 
dass er nach Sicilien gekommen sei und doch bei einem üppigen 
Gastmahle daselbst nichts als Oliven angerührt habe, worauf 
Piaton erwiderte, er hätte auch daheim meist nur Oliven 
und dergleichen gegessen. f) So zielen alle Nachrichten, 
mögen sie wahr oder erdichtet sein, auf die vegetarische Diät 
Platon's hin; denn es wäre gani verkehrt, wenn man hier blos 
die Frugalität und Massigkeit Platon's erkennen wollte, wodurch 
doch aUen diesen Anekdoten die Spitze abgebrochen würde. 
Hätte Piaton nur massiger gegessen, als seine Tischgenossen, so 
fehlte der komische Oontrast und der Witz wäre gar nicht 



*) Bei Athenäus XII. 532. d. rov 8i $rjfiov anavra jtXeüo xaravaXiaHetv 
stß ras xoivag effridffeis xa* XQeavofiiag t]7teg eis rrjv rris noXecae S&oixtjtnv. 
**) Diog. L. 3. 26 "Oze ras fio^ias ät^ysv, Sare nsQ IJXdnov. Meineke 
wül rrje fMQÜzs lesen. 

***) Athenäus YII. p. 276 f. rov filoffvxov, olos ijv nldropp o (ptkoco^pos 
tos iatOQei 0av6iCQiTOs iv t^ ne^ JSvSoSov. 

f) Diog. Laert. VI. 25. Kai os, ^AXXa vrj rovs d'eovs, V^tfi, Jioyevss, 
(Phavorinus bezieht dieses Gespräch auf Aristipp), xansi (in Attika) t« 
noXXa nQos iXdas xal zd rotavrof' iyavofiijv. 



201 

herausgefordert. Deshalb ist es nicht zu verwundern, dass 

Piaton dem Komiker Aristophon den Stoff zu einer Komödie 

lieferte, in welcher Piaton als Pythagoreer figurirte und sich 

anheischig machte, einen Schüler „in drei Tagen magerer 

zu machen, als Philippides^, eine wegen ihrer Magerkeit 

überall bekannte Persönlichkeit.*) Worauf ein Gesprächsgenosse 

antwortet: „so bringst Du sie in wenigen Tagen um's Leben?" 

Das sind dieselben Witze, dieselben Neckereien, welche noch 

heute auf Kosten der Vegetarianer gemacht werden, wie denn 

auch der Komiker Alexis offenbar in Anspielung auf den 

f^haidon, also auch nach 384 a. Chr., in seiner Komödie 

^Olympiodoros" in derselben Weise Piaton verspottete: 

„Mein sterblich Theil ward ausgedörrt, 

Doch mein Unsterbliches stieg in die Luft. 

Ist's das nicht, worauf Piaton sinnt und zielt?"**) 

Ich führe zum Schluss auch noch den siebenten Brief an, 
^en Piaton entweder selbst herausgegeben oder der doch sicher- 
lich wenigstens nach seinen eigenen Aufzeichnungen von einem 
Schüler bearbeitet und pubUcirt ist. In diesem spricht Piaton 
9 ein Missfallen an den üppigen Italiotischen und Syrakusischen 
Tischen aus und meint, dass bei einem solchen „glückseligen 
Xioben", wie er es ironisch nennt, Erziehung und Besonnenheit 
Unmöglich sei. Sie füllten sich dort, sagt er, zweimal 
des Tages an.***) Das findet er ausserordentUch, während 
dies heute unseren „glücklicher situirten" Ständen im mittleren 
Tand nördlichen Europa ganz in der Ordnung zu sein scheinen 
möchte. Jedenfalls muss man daraus schHessen, dass Pia ton 
nur einmal des Tages zu Tische gesessen hat. Seine 
lAIahlzeit wird aber kürzer gewesen sein, als die Kantische 
xind sich auch darin unterschieden haben, dass er nur die 
Oaben der Demeter und des Dionysos genoss; für die 



*) Athenaeus 12. 77 p. 552. e. xai ^A^iatotpiöv lUdzcavi: iv rj/ie^ais 
roiaiv laX'f^oreQOv avrov ano(pavo) 0iXi7i7ti8ov. 
**) Diog. L. 3. 28. 

JSoj/JLa fiiv ifiov ro &VTjrov avov iyevero, 
ro $^ ad'dvarov iSrjQe tiqos rbv ai^a. 
Tavt oh cxoXri TlXarawos; 
***) Epistol. 7. 326. B. Sis re rrjs rjfteQas ifintnläfievov Kjrjv. 



202 

übrige Zeit wird man ihm seine Oliven und Feigen zuge- 
stehen. 

So komme ich zu einem gewissermassen entgegengesetzten 
Resultate, wie Steinhart; denn während dieser wegen seiner 
falschen Auslegung der Prolegomena das Kind Piaton vor Pflanzen- 
kost schützen wollte, indem er eine solche Ernährungsweise 
offenbar für märchenhaft hielt, so weiss ich von der Kindheit 
Platon's nichts, von dem Verfasser des Timaios glaube ich zu 
wissen, dass er nur die Nahrung genoss, welche, wie er sagt, 
die Natur und Gott für uns gepflanzt hat, während er für die 
der besten Lebensweise unfähige grosse Masse in den „Gesetzen" 
die gemischte Kost zugestand.*) 



*) Der Ursprung dieser Lehre und Lebensweise Platon's wird dura 
seine Beziehungen zu den Pythagoreern genügend erklärt; doch ist e^^ 
immerhin interessant, auch entfernter liegende Beziehungspunkte fün^ 
weitere Combinationen in's Auge zu fassen. So nenne ich mit Yergnüger^^ 
einen meiner jüngeren Freunde hier, den verdienten Pädagogen und Pastor- :j 
R. Kallas, der zu der hier festgestellten Lehre Platon's eine Paralle^^ 
aus dem alten Testamente zog. Darnach entspricht die ideale Norm d^« 
Timaios der göttlichen Anweisung Genes. L 1, 29 xal einer b d'e6e^lS€^ 
Se'ScDxa vfjLiv ndvra ^ooiiov aitoQifjLOV aneiQOv cneqfiay o iünv indvat Tfdar^ 
T^e yrjs ' xal nav ^Xov, o exet iv eavrc^ xaQTtov aneQfiaroi aitOQifiovy vtuv 
k'axai eis ßqoiaiv. Die Accomodation in den „Gesetzen" aber entspricht 
der an Noah gegebenen Anweisung für die Menschen nach der Sündfluti 
Gen. L 9, 2 xal o rgo/ios xal o ipoßoe vfiwv k'arcu inl jtaffi roie &i]^iots rjf 
yrjs — — xal inl ndvras tovs i^d^ae trjs'd'aXd affine — — cas XdxcLva ;fo^<w 
8e8afxa v/uv ra Ttdvra. — Die milden Gesetze über die Benutzung fremder 
Obstgärten haben ein Analogen in Deuteron. 23, 26. — (L 0.) 



Siebentes Capitel. 



IJebersetzimg der Schusterdialoge. 

a die Schusterdialoge für die Geschichte der Skepsis ein 
^es Denkmal bilden, so braucht man die Mühe nicht zu 
Q, sie zu übersetzen. Ich schliesse mich bei einem solchen 
jhe der Schleiermacher'schen Regel an, indem ich möglichst 
ait Verzicht auf die eigene Individualität des Stils, den 
wiedergebe. Es handelt sich hierbei zwar nicht um die 
g von Feinheiten und Schönheiten des Originals, weil 
nicht vorhanden sind, aber doch um die Naivetät und 
lässigkeit der Ausdrucksweise des Verfassers, die zur 
rerkennung seiner Persönlichkeit dienen. Ich stimme aber 
zu, dass „Uebersetzungen fortwährend der Vervollkommnung 
3n, da sie im besten Falle doch nur das jeweilige Ver- 
iss des Uebersetzers wiedergeben".*) 
ie überlieferten Titel der Jiali^eig sind hier natürlich 
ilten; für die Stücke jedoch, welche mir nicht darunter 
sen schienen, habe ich nach dem Katalog des Laertiers 
de Titel hinzugefügt und dieselben mit einem Fragezeichen 
m.**) Handschriften habe ich nicht benutzt, sondern die 
be von Mullach zu Grunde gelegt, ohne aber seinen 
turen zu folgen, da mir der überlieferte Text verständlich 
Das Schustermässige des Ausdrucks musste mir gerade 
oll sein, und ich hütete mich wohl, es einer grösseren 
iz zu Liebe aufzuopfern. 

ie Geschichte der Skepsis jedoch hätte mich nicht ver- 
eine so mühselige Arbeit zu übernehmen; das treibende 



Encyclop. S. 161. 

Die Marginalien habe ich der schnellen Orientirung wegen bei- 

1, doch dienen sie auch der Interpretation. 



204 

Motiv war, meine Hypothese über den Verfasser zu verificiren^ 
Das griechische Original kann so oder so ausgelegt und flüchtig 
gelesen werden; die Uebersetzung aber bietet schon eine be- 
stimmte Interpretation und führt zu aufmerksamer Berück: 
sichtigung alles Einzelnen. Um deshalb die Prüfung meinö:: 
Hypothese zu unterstützen, glaubte ich gut zu thun, das gans^ 
Material in einer solchen provisorischen Interpretation vorzulegexi 
Hätte Bergk nicht zu vornehm die Uebersetzung North's he- 
spöttelt, sondern sich selbst daran versucht, so würde seine 
Arbeit, die doch den Umfang der öiale^eig weit übertrifft, ge- 
diegener geworden sein; denn Genialität und Gelehrsamkeit zeigt 
Bergk zwar überall ; aber es fehlt ihm die Solidität der Methode 
und die Strammheit philosophischer Schulung. Genial ist Bergk 
durch die Aufmerksamkeit, mit welcher er liest, durch die 
Fähigkeit, entlegene Dinge zu verknüpfen, und durch die 
Freiheit von den herrschenden Phrasen und Meinungen. Was 
ihm fehlt, ist die Schärfe und Akribie der Auffassung des 
Einzelnen, die Bestimmtheit der Begriffe und das Bewusstsein 
der Art und Stufe der Gewissheit, welche jedesmal einer Oom- 
bination zukommt. Um diese fühlbaren Mängel zu vermeiden, 
habe ich mich dazu überwinden müssen, die Stilübungen eines 
von Piaton verachteten Schusters zu übersetzen. 



I 



Lines Ungenannten ethische Disputationen dorisch 

verfasst. 



Erste Disputation. 

Ueber Gutes und Uebles. 

Zwiespältige Reden werden in Griechenland von den Philo- 
phirenden über das Gute und das Ueble gehalten. Denn die 
nen sagen, ein Anderes sei das Gute, ein Anderes das Ueble; 
) Anderen aber, es sei dasselbe und zwar für die Einen gut, 
' die Anderen übel, auch für denselben Menschen zuweilen gut, 
ralen wieder übel. 

Ich selber nun stelle mich auch zu diesen ; ich 
rde die Betrachtung aber auf die Dinge richten, (tiiwUl) 

welche sich das menschliche Leben dreht, 
nUch Speise und Trank und Liebesgenuss. Denn dieses ist 

einen Kranken übel, für einen Gesunden aber und Ver- 
geuden gut. Also auch Unmässigkeit in diesen Dingen ist 

die ünmässigen übel, für die Aerzte aber gut. Der Tod 
) ist für die Sterbenden übel ; für die Leichengeräthverkäufer 
r und die Todtengräber gut. Und dass die Landwirthschaft 

Früchte gut hervorgebracht hat, ist für die Landwirthe gut, 
die Grosshändler aber übel.*) Dass also die Lastschiffe durch 
bung und Stoss beschädigt werden, ist für den Schiffs- 
änthümer übel, für die Schiffszimmerleute aber gut. Femer 
s die eisernen Werkzeuge angefressen und stumpf und ab- 
ieben werden, das ist für alle Uebrigen übel, für den Schmied 
r gut. Und wahrhaftig, dass die Thongeschirre zerbrechen, 
für alle Uebrigen übel, für die Töpfer aber gut. Dass aber 
Schuhe abgerieben und zerrissen werden, ist für alle Uebrigen 
1, für den Schuster aber gut. In den Wettkämpfen also? 



*) Mir scheint auch diese Erwähnung des Verhältnisses zwischen Ernte 
Einfuhr für einen in Athen lebenden Verfasser zu sprechen. 



206 

den gymnastischen, musischen und kriegerischen, (z. B.) sofort 
bei dem nackten Kampfspiel, ist der Sieg für den siegenden 
Wettkämpfer gut, für den Besiegten aber übel. Und so (ver- 
hält es sich) auch mit den Ringern und Faustkämpfem und 
mit allen übrigen musischen Kämpfern; sofort z. B. ist das 
Citherspiel für den Siegenden gut, für die Besiegten übel. Auch 
im Kriege, um das Neueste zuerst zu erwähnen, ist der Sieg 
der Lacedämonier, mit welchem sie die Athener und die Bundes- 
genossen besiegten, für die Lacedämonier gut, für die Athener 
aber und die Bundesgenossen übel; und der Sieg, den die 
Hellenen über die Perser davontrugen, für die Hellenen gut, 
für die Barbaren aber übel. Also Ilion's Eroberung für die 
Achäer gut, für die Troer aber übel. Ebenso auch die Leiden 
der Thebaner und der Argiver und die Schlacht der Centauren 
und Lapithen für die Lapithen gut, für die Centauren aber übel. 
Und wahrhaftig, so war auch zwischen den Göttern und Gi- 
ganten die sogenannte Schlacht und der Sieg für die Götter gut, 
für die Giganten aber übel. 

Eine andere Rede aber geht, es sei etwas 
!T**!i. .?/f ^' Anderes das Gute und etwas Anderes das Ueble, 

(Antitnesis.) 

verschieden wie dem Namen, so auch der Sache 
nach. Ich setze nun auch dies in folgender Weise auseinander; 
denn ich glaube, es sei nicht klar, was gut und was übel ist, wenn 
jedes von beiden dasselbe und nicht etwas Anderes wäre; ja, dag 
wäre auch erstaunlich. Ich glaube nun, er hätte nichts zu ant- 
worten, wenn man ihn, der dies behauptet, fragen wollte: Sage 
mir doch, hast Du Deinen Eltern schon etwas Gutes erwiesen? 
Er würde wohl erwidern, gewiss, viel und Bedeutendes. Also 
bist Du diesen viel und bedeutendes Uebel schuldig *), wenn das 
Gute mit dem Ueblen dasselbe ist. Wie aber, hast Du Deinen 
Verwandten schon Gutes erwiesen? Den Verwandten also thatest 
Du Uebles. Wie aber, Deinen Feinden hast Du schon üebles 
zugefügt? Ja viel und Bedeutendes. Also hast Du ihnen Gutes 
erwiesen. Wohlan, antworte mir nun auch hierauf: bemitleidest 
Du die Bettler, weil sie viele und bedeutende Uebel zu erleiden 
haben, und preisest Du wiederum die Reichen selig, weil e» 
ihnen in vielen und bedeutenden Stücken gut geht, wenn Uebel 



*) Man würde erwartet haben : „also hast Du ihnen Böses erwiesen" 
oder „bist Schuld an ihrem Unglück". 



S07 

Tind Gut einerlei ist? Es steht nichts im Wege, dass der grosse 
König mit den Bettlern zusammenfalle, denn die vielen be- 
deutenden Güter sind ihm ja viele und bedeutende Uebel, wenn 
Gutes und Uebel einerlei ist. Dies soll nun vom Allgemeinen 
gesagt sein. 

Ich will auch auf das Einzelne eingehen, indem ich vom 
Essen, Trinken und den Liebesgenüssen anfange. Denn dies ist 
(wäre) für die, welche zu schwach sind, um sich dergleichen zu 
erlauben, gut*), wenn gut und übel einerlei ist; und für die 
Ejranken ist (wäre) das Kranksein sowohl übel als gut, wenn 
gut und übel einerlei ist. Und dasselbe gilt auch von allem 
oben Gesagten. Und ich erkläre nicht, was das Gute ist, sondern 
ich versuche blos zu lehren, dass nicht wohl einerlei sein möchte 
übel und gut, sondern Jedes von dem Anderen verschieden. 



Zweite Disputation. 

Ueber das sittlich Schone und Hässliche. ''*) 

Es werden auch über das sittlich Schöne und Hässliche 
doppelte Reden gehalten. Denn die Einen sagen, es sei etwas 
Anderes das Schöne, etwas Anderes das Hässliche, verschieden, 
wie dem Namen, so auch der Sache nach; die Anderen aber er- 
klären Schön und Hässlich für einerlei. 

Auch ich werde mich auf folgende Weise in 
der Erklärung versuchen. Sofort nämlich steht es ^o/op 

einem blühenden Knaben schön an, einem tugend- 
haften Liebhaber zu willfahren; ist der Liebhaber aber nicht 
sittlich gut, so ist es hässlich.***) Und dass sich die Weiber 
im Hause waschen, ist schön; in der Ringschule aber hässlich; 



*) Mullach hat hier wohl die Handschriften unnöthiger Weise ver- 
lassen, da rai^ra Ttoiev von aff&evsovai abhängt. 

**) Der Verfasser braucht hier überall dasselbe Wort xaXov und atcxQor»^, 
Leider musste ich zuweilen unseres Sprachgebrauchs wegen dafür andere 
Wörter, wie geziemend, anständig, schimpflich u. s, w. anwenden. 

***) Dies ist nur der Ausdruck des gewöhnlichen sittlichen Bewusstseins; 
Flaton Hess im Symposion seinen Pausanias dafür die Gründe darlegen 
mit scharfem Angriffe gegen den gemeinen Eros, und Lysias trat dann 
als Advokat . für diesen TtdvSrjfws "E^an auf und wurde im Phaidros ab- 
gefertigt. 



äÖ8__ 

den Männern aber steht es in der Ringschule und im Gymnasiuni 
schön an.*) Und eheliche Gemeinschaft mit dem Manne zu 
haben in ruhiger Sicherheit, von den Wänden gedeckt, das ist 
sittlich schön ; draussen aber ist es hässlich, wo es Jemand sehen 
könnte. Und mit ihrem eigenen Manne umzugehen ist schön, 
mit einem fremden aber höchst widerlich. Und für den Mann 
ist es schön, mit seiner eigenen Frau umzugehen; mit einer 
fremden aber hässlich. Und sich zu putzen und zu schminken 
und goldene Zierrathen umzuhängen, ist für den Mann hässlich, 
flir das Weib aber schön. Und den Freunden wohlzuthun, ist 
schön; den Feinden aber schändlich.**) Und vor den Feinden 
zu fliehen ist schändlich ; vor dem Gegner aber in der Rennbahn 
zu laufen, schön. Und die Freunde und Mitbürger umzubringen 
ist schändlich, die Feinde aber schön. 

Und dies nun im Allgemeinen. Ich will aber jetzt zu Dem 
übergehen, was die Staaten und Völker für sittlich verwerflich 
erklärt haben. Gleich bei den Lacedämoniern gilt es für 
geziemend, dass die Mädchen ohne Aermel turnen und ohne 
Leibrock auftreten; bei den Joniern aber ist es gegen die 
Sitte. Und dass die Kinder nicht Musik und Lesen und 
Schreiben lernen, gilt für anständig; bei den Joniern aber ist 
es unanständig, alles dieses nicht zu verstehen. Bei***) den 
Thessaliern ist es anständig, die Pferde aus der Heerde zu 
holen, sie zu bändigen, und auch die Maulesel; ebenso die 
Ochsen zu holen, sie zu schlachten, abzuhäuten und in Stücke 
2u zerlegen; in Sicilien aber ist dies schimpflich und Sclaven- 
arbeit. Den Macedoniern gilt es für geziemend, dass die 
Mädchen, ehe sie mit einem Manne verheirathet werden, der 
Liebe pflegen und mit einem Manne zu thun haben; nach der 
Ehe aber gilt solches für schändlich ; bei den Hellenen aber 
gilt beides für schändlich. Bei den Thraciern ist es ein 



*) Z. ß. Piaton. Symp. 223. D. rov ^eox^drTj — xal iX&ovra eU A^ 
xsiop, anovtxpafievov. 

**) Auch dies ist einfacher Ausdruck des Yolksbewusstseins und gü^ 
auch bei Xenophon, der in den Memorabilien seinen Sokrates derselben 
Gesinnung sein lässt, dafür aber von Piaton im „ Staat *^ derb zurecht ge* 
wiesen wird. 

***) Mir scheint die Oonjectur TtaQa überflüssig, da der Dativ dMselb» 
bedeutet. 



209 

Schmuck; wenn die Mädchen sich tätowiren lassen.*) Bei den 
Skythen gilt es für ehrenvoll, wenn man einen Mann getödtet 
hat, die Kopfhaut abzuziehen und den Skalp vor dem Pferde 
zu tragen, den Schädel aber in Gold und Silber zu fassen, 
daraus zu trinken und den Göttern zu spenden; bei den 
Hellenen aber möchte einer mit dem, der solches that, nicht 
einmal in demselben Hause zusammentreffen. Die Massageten 
schlachten ihre Eltern und essen sie auf, und es scheint ihnen 
das schönste Grab zu sein, wenn sie in ihren Kindern begraben 
sind; wollte einer das aber in Hellas thun, so würde er aus 
Hellas vertrieben werden und schlimm zu Grunde gehen, als 
habe er Schändliches und Schreckliches gethan. Die Perser 
halten es für schön, sich zu putzen; wie die Weiber, so die 
Männer; auch mit der Tochter, der Mutter und der Schwester 
geschlechtlichen Umgang zu haben; die Hellenen aber halten 
dies für schändlich und ungesetzlich. Den Lydern scheint es 
recht zu sein, dass die Mädchen erst als Huren Geld verdienen 
und dann heirathen; bei den Hellenen möchte Niemand eine 
solche freien. Die Aegypter auch halten nicht dasselbe für 
recht, wie die übrigen. Denn hier weben und spinnen die 
Weiber, aber dort die Männer, während die Weiber die Ge- 
schäfte führen, was hier die Männer thun. Den Lehm mit den 
Händen, den Brodteig mit den Füssen zu kneten, gilt ihnen für 
schicklich; aber bei uns umgekehrt. Und ich glaube, dass wenn 
alle Menschen das sittlich Schöne auf einen Haufen zusammen- 
tragen sollten, was ein Jeder dafür hält, und wieder aus dem 
Haufen das sittlich Hässliche, was Jeder dafür hält, wegnehmen, 
so würde Nichts übrig gelassen werden**); sondern Alle würden 
Alles unter sich vertheilen. Denn nicht bei Allen gilt dasselbige 
für schön. Ich werde aber auch ein paar Verse anführen: 



*) Hier ist entweder eine Lücke anzunehmen, oder der Verfasser hat 
die Bemerkung für überflüssig gehalten, dass die Hellenen umgekehrt 
urtheüen. 

**) Die Conjectur Porson's xa keitpdijfiev statt wtXvtpdijfiev ist sehr 
bübsoh; doch ist die Ueberlieferung auch verständlich, denn es heisst 
„nichts bedeckt bleiben" so viel als „kein Stück auf dem andern 
liegen", so dass also der ganze Haufen verschwinden müsste. 

14 



210 

„Denn auch wenn Du die übrigen Gebräuche der Sterb- 
lichen 
Prüfest*), wirst Du nichts finden, was in jeder Beziehung 

schön 
,Oder hässlich wäre; vielmehr lassen die gegebenen Umstände 
JegKches bald hässlich, bald im Wechsel wieder schön 

erscheinen." 
Um das Gesagte zusammenzufassen, so ist Alles zur rechten^ 
Zeit schön, zur Unzeit aber hässlich. Was habe ich nun aus- 
gerichtet? Ich versprach zu beweisen, es sei das Hässliche und 
Schöne einerlei und ich habe es in allen diesen Stücken bewiesen^ 

Es wird aber auch vom Sittlich -HässUchei^ 
'Avxioi Uyos ^j,^ Schönen behauptet, dass Jedes von dem 

(Antithesis). . , u- j .. j • i-k- •. 

Andern verschieden wäre; denn wenn einer Diej^ 
nigen, welche hässlich und schön für einerlei erklären, fragt -. 
ob von ihnen wohl schon einmal eine schöne Handlung va 
bracht wäre, so werden sie die Hässlichkeit derselben einräum 
müssen, wenn schön und hässlich einerlei ist. Und wenn &i 
einen schönen Mann kennen, dass dieser selbige auch hässlLoi 
sei ; und wenn einen weissen, dass derselbige auch schwarz sei.**j 
Und es ist gewiss schön, die Götter zu scheuen, und folglici 
hässlich, die Götter zu scheuen, wenn ja einerlei ist schön und 
hässlich. Und dies will ich nun so im Ganzen ausgemacht haben. 
Ich werde mich jetzt zu dem Grunde wenden, den sie 
angeben. (Denn wenn es schön ist, dass das Weib sich 
schmückt, so ist es hässUch, dass das Weib sich schmückt, 
wenn ja hässlich und schön einerlei ist, und das Uebrige ebenso. 



*) Wenn Mullach „cum Valckenario" Sia&^cJv statt 8iai^a?v schreiben 
will, so ist das wohl logisch weniger empfehlenswerth, da oxpsi und Sia&^ 
doch ziemlich dasselbe bedeuten, während SiaiQcov, auf vofiov bezogen» 
sehr passend ist in der Bedeutung von „auseinander nehmen, auslegen, 
deutlich betrachten." Das Object zu oxfjei ist ovBev ocaXov. 

**) Diese letztere Bemerkung fällt ausserhalb der zu beweisenden 
Thesis, da es sich nur um Einerleiheit von Schön und Hässlich handeln 
darf. Man müsste sonst noch einen ganzen Schluss einschieben, derar^t 
dass der weisse Mann als Weisser schön sei, also der Schwarze hässlich; 
dass zweitens nach der Voraussetzung (Einerleiheit von Schön und Häss- 
lich) der weisse Mann hässlich sei, also der Schwärze schön, und dass 
mithin der weisse Mann wegen der Einerleiheit der Prädicate ebensowohl 
schwarz sei. 



211 

In Lacedämon gilt es für schön, dass die Mädchen Gymnastik 
treiben, in Lacedämon gilt es für hässlich, dass die Mädchen 
Gymnastik treiben und das üebrige ebenso.*) Sie geben näm- 
lich an**), dass, wenn Einige das Sittlich- Hässliche von allen 
Seiten von den Völkern zusammengetragen hätten und dann 
die Menschen zusammenriefen und sie hiessen, was einer für 
schön hielte, zu nehmen, dass dann wohl Alles als schön weg- 
getragen werden würde. Ich wundere mich, wie das Hässliche, 
welches zusammengetragen ist, schön sein soll und nicht so wie 
es gekommen ist. Wenigstens wenn sie Pferde oder Ochsen 
oder Schafe oder Menschen brächten, so würden sie wohl auch 
nichts Anderes wegbringen, und wenn sie Gold gebracht 
hätten, würden sie nicht Kupfer wegbringen, und wenn sie 
Silber gebracht hätten, würden sie nicht Blei wegbringen. Also 
statt des Hässlichen führen sie das Schöne weg. Sieh' doch, 
wenn einer also einen hässlichen Mann wegführte, so führte er 
diesen als schönen weg?***) Dichter aber führen sie als 
Zeugen an, die doch nach dem Beifall, nicht nach der Wahr- 
heit dichten. 



Dritte Disputation. 



Ueber das Gerechte und Ungerechte. 

Doppelte Reden werden auch über das Gerechte und Un- 
gerechte geführt. Und die einen: es sei etwas Anderes das 



*) Es scheint fast, als gehörten die zwei von mir in Klammem ge- 
setzten Sätze noch mit zum vorigen, d. h. vor xal rdSe fisv Tteqi andvriov 
si^ad'o} fwi^ während die Worte Xoyov avrcav, ov Xeyovri erst fortgeführt 
werden mit dem nächsten Satze hinter meiner Klammer: Xeyovri 8e. 

**) Man sieht hieraus, dass dieser wirklich hübsche Gedanke nicht von 
Simon herrührt, sondern nur compilirt ist. Ob er von Archilochus 
stammt? oder von Euripides? 

***) Ich halte MuUach's Aenderung von andyaye in ayaye für nicht 
indicirt, da nicht derselbe, welcher bringt, auch wegführt. 



■* A ^ 



Gerechte, etwas Anderes das Ungerechte; die Anderen: es sei 
einerlei gerecht oder ungerecht; und ich werde diesem letzteren 
versuchen beizustehen. 

Und erstens werde ich sagen, dass das Lügen 
Aoyo^ und Betrügen gerecht ist. Mit den Feinden 

freilich so zu verfahren, das würden sie für häss- 
lich und. schlecht erklären*); mit den Liebsten aber nicht, 
z. B. gleich mit den Eltern. Denn wenn der Vater oder die 
Mutter ein Heilmittel hinunterschlucken müsste und nicht wollte, 
ist es dann nicht recht, es in den Brei oder in den Trank zu 
thun und nicht zu sagen, dass es darin sei? Also ist es nun 
recht, die Eltern zu belügen und zu betrügen, und gewiss auch 
was den Freunden gehört zu stehlen und den liebsten Personen 
Gewalt anzuthun. Z. B. gleich, wenn ein der Familie An- 
gehöriger in Schmerz und Betrübniss über etwas sich da 
Leben nehmen wollte**) entweder mit einem Schwerte ode 
Stricke oder etwas Anderem, ist es da nicht recht, diese Ding 
zu stehlen, wenn man kann, wenn man aber zu spät kommt un 




ihn schon im Besitz dieser Mittel findet, sie ihm mit Gewal t 

wegzunehmen? Wie sollte es ferner nicht gerecht sein, di^- e 
Feinde zu Sclaven zu machen, wenn man eine ganzj Stad^^t 

erobern und sie in die Sclaverei verkaufen könnte. Die Wand e 

bei den öffentlichen Gebäuden der Stadt zu durchbrechen, i^^t 
offenbar gerecht. Denn wenn unser Vater, von der feindliches^ m 
Partei überwältigt, gefangen gehalten wird, um die HinrichtuiM^ g 
zu erwarten, ist es dann nicht gerecht, einzubrechen und sein^- "Q 
Vater herauszustehlen und zu erretten? Aber der Meineid — ? 
Wenn Einer, von den Feinden gefangen, eidlich verspräche, ^^r 
würde wahrhaftig, losgelassen, die Stadt verrathen, würde dies^^r 
dann recht thun, wenn er seinem Eide treu bliebe? Ics^t 
Wenigstens glaube das nicht; sondern vielmehr, wenn er dÄÄe 
Stadt und die Freunde und die vaterländischen Heiligthüm^^r 



*) Diese Behauptung ist ganz paradox und bekommt erst durch d^i® 
folgende Ausführung einen Sinn. 

**) Mullach hat, wie ich glaube, nicht recht interpretirt: si quis re^*'^ 
familiärem et domesticam dolens moerensque. Die Stellung scheint zw^^ 
die Beziehung von riav oixijicav auf r* zu fordern; der Sinn aber fordei^ 
die Beziehung auf rie. 



213 

durch Meineid rettete. Nun ist es also gerecht, sowohl mein- 
eidig zu werden, als die Tempel zu berauben. Die privaten 
Schatzhäuser der Städte lasse ich aus dem Spiel; aber den 
gemeinsamen Schatz von Hellas, den von Delphi und Olympia, 
ist es nicht gerecht, wenn der Fremde Hellas einnehmen will 
und die Rettung in Geld besteht, diesen Schatz zu nehmen und 
für den Krieg zu verwenden? Auch die liebsten Angehörigen 
zu ermorden ist gerecht; denn auch Orestes und Alkmäon 
(thaten es), und der Gott veri;ündete, sie hätten recht gethan. 
Ich werde mich zu den Künsten wenden und zwar zu den 
Dichtern. Denn wer in der Tragödiendichtung und Malerei 
am Meisten betrügt, indem er der Wirklichkeit Aehnliches 
bildet, der ist der Beste. Ich will auch Verse von den Aelteren 
als Zeugniss beibringen. Kleobuline's (Worte bei Kratinos 
lauten) : 

Ich kannte einen Mann, der stahl und betrog mit An- 
wendung von Gewalt. 

Auch, dass er dies gewaltsam that, war ganz gerecht. 
Das war von altersher so. Vom Aeschylus ist folgendes: 

Vom gerechten Truge Bteht der Gott nicht ab. 

Eine Lüge zur rechten Zeit wird von Gott manchmal*) 

gekrönt. 
Hiergegen wird nun umgekehrt**) gesagt, dass 
etwas Anderes ist das Gerechte und Ungerechte, ^»^*^s ^/^ß 
verschieden, wie dem Namen, so auch der Sache 
nach; denn wenn einer die, welche die Einerleiheit von dem 
Ungerechten und Gerechten behaupten, früge, ob sie ihren Eltern 
schon, was recht ist, erwiesen haben, so gestehen sie folglich 
auch zu, (dass sie den Eltern) Unrecht (thaten). Denn sie 
gestehen ja zu, es sei einerlei Unrecht und Hecht. Nun zu 
einem anderen Falle. Wenn man einen gerechten Mann kennt, 
so (kennt man) denselben also auch als ungerecht, und folglich 
als gross und klein in derselben Beziehung. Und wahrhaftig. 



*) "Eü^ oTtot kann stehen bleiben. 
**) ^Avrios Uyos. Diese Ausdrucksweise ist alterthümlich (cf, Aesch. 
Agam. 507) und iindet sich weder bei Piaton, noch bei Aristoteles, noch 
bei Sextos Empiricus. Dagegen hat der nicht schulmässige Xenophon 
ähnliche Wendungen. 



214 

weil er viel Unrecht gethan hat, so soll er sterben.*) Und 
hierüber nun genug. 

Ich wende mich nun zu den Gründen, womit sie die 
Einerleiheit von Äecht und Unrecht zu beweisen meinen. Denn 
(sie wollen) das Stehlen des feindlichen Eigenthums als gerecht 
und wieder als ungerecht erweisen**), wenn jene Rede wahr sei, 
und das übrige ebenso. Sie führen aber Künste an, bei denen 
das Gerechte und Ungerechte nicht vorkommt.***) Und die 
Dichter möchten wohl auch nicht nach der Wahrheit, sondern 
nach dem Gefallen der Menschen ihre Verse machen. 



Vierte Disputation. 

Ueber Wahrheit und Falsches (oder zweite Abhandlung Ober das 
Gerechte oder Ober die richterliche Entscheidung? f) 

Es werden auch über das Falsche und die Wahrheit doppelte 
Eeden geführt; von diesen nun sagt die eine, es sei etwas Anderes 
die falsche Rede und etwas Anderes die wahre; die Andereir — "n 
aber (sagen), es sei dasselbe. Wiederum bin auch ich für dies( 
Meinung. 

Erstlich, weil sie sich derselben Worte be— 
^oyoe. dienen; flann aber, wenn eine Rede gehalten ist, sc 

ist die Rede, wenn es so geschah, wie die Red^^® 




'*') Man sieht hier überall die nicht oratorisch und nicht dialektisc 
gebildete Ausdrucksweise des Verfassers, der sich schon durch diese 
seinen Stil als ein Mann aus dem Volke verräth und dabei seinen selbst- 
bewussten Mutterwitz zuweilen zu Tage bringt. 

**) Ich glaube, Mullach schiebt ein ^iscrt unnütz ein, da das vorhe; 
gehende a^idvvri doch den Infinitiv schon genügend erklärt. 

♦**) Der Verfasser bezieht sich auf das oben erwähnte Beispiel au 
der Heilkunst. 

f) Ich sehe in diesem ne^i aXa&eias xal rpsvSeoe überschriebenen Dialo. 
den bei Diogenes citirten Abschnitt jteQi x^iaecug oder die zweite Ab 
handlung ne^l Sixaüo, Welche von beiden Annahmen vorzuziehen sei, is 
kaum zu entscheiden, da der Text sowohl auf die Bichter Sucaaraitiis auch a 
die x^ioie hinweist. Man vergleiche: avrioca xarTjyo^ele und xtü toT 
a7toXoyovfji.Bvo} und aal rd ye Bixaarrjqia rbv avrav Xoyov wd \psv<rxaiß^ 
xal alad'ri xqivovri und am Schluss: Övxow dtatpegsi. avd'ts röie Bmaarale ^ 
oTi xqIvoi.vxo. 




215 

besagt, wahr; wenn es aber nicht so geschah, so ist dieselbe 
Rede falsch. Z. B. Du beschuldigst Einen des Tempelraubes, 
wenn die That geschah, so ist die Rede wahr; wenn es aber 
nicht geschah, falsch. Und so verhält es sich auch mit der Eede 
des sich Vertheidigenden. Und die Gerichtshöfe erklären dieselbe 
ßede sowohl für falsch, als für wahr. Denn wahrhaftig, wenn 
wir hier der Reihe nach sitzend sprächen: ich bin Simon, so 
würden wir gewiss Alle dasselbe sagen, das Wahre sagte aber 
Ich allein, denn ich bin es ja. Offenbar ist also, dass dieselbe 
Rede, wenn ihr das Falsche innewohnt*), falsch ist; wenn aber 
das Wahre, wahr, wie auch dasselbige (Wort) „Mensch" sowohl 
ein Kind, als einen Jüngling und einen Mann und einen Greis 
bedeutet. 

Man sagt aber auch, dass ein Anderes sei die 
Falsche Rede, ein Anderes die wahre, verschieden ^^^^^ ^r^^- 
dem Namen und der Sache nach. Denn wenn 
einer die, welche die Einerleiheit der falschen und wahren Rede 
behaupten, fragte, zu welcher von beiden denn ihre eigene Rede 
gehörte, so ist offenbar, dass, wenn (ihre Rede für) falsch (er- 
klärt würde), es zwei wären, wenn aber für wahr, dass dann 
gerade dieselbe auch für falsch durch die Antwort ausgegeben 
würde. Und wenn einer etwas Wahres gesagt oder als Zeuge 
etwas betheuert hat, so ist dieses selbige folglich auch falsch. 
TJnd wenn einer einen Mann als wahrhaft kennt, so denselbigen 
Skuch als falsch. Gemäss ihrer Erklärung**) femer sagen sie 
dies, dass die Rede, wenn die Sache geschehen sei, wahr wäre, 
^enn aber nicht geschehen, falsch. Folglich liegt es wieder den 
[Richtern daran, zu ***) entscheiden, (was wahr und was falsch sei) ; 



*) Dieser Aasdruck Tta^rj stammt wohl von Sokrates und erinnert 
nur deshalb an die Platonischen Bestimmungen im Phaidon. Unser Hand- 
werksmeister hat aber keine Ahnung von dem, was zu einer Definition 
gehört, und gefällt sich in den einfältigsten Cirkelerklärungen. Es kann 
keine Bede davon sein, dass er hier schon auch nur die frühesten Dialoge 
Piaton 's gelesen hätte. 

**) Mullach übersetzt prudenter. Eine Behauptung aber, welche be- 
stritten werden soll, kann der sie Bestreitende nicht zugleich loben. Sie 
sagen dies aber gemäss ihrer Erklärung von der Einerleiheit der wahren 
und falschen ftede, d. h. der Thesis entsprechend {ix reo Xoyo)). 

*'^*) Mullach will o, t« statt oti lesen; aber es muss doch zuerst für 
die Richter wichtig sein, dass sie überhaupt einen Unterschied zwischen 



216 

denn sie sind bei dem Geschehen nicht anwesend. Sie räumen 
auch selber ein, falsch sei (die Rede), welcher das Falsche bei- 
gemischt wäre; welcher aber das Wahre, die sei wahr. Das ist 
aber ganz verschieden. 



Fünfte Disputation* 



Vom Seienden?*) (negl tov ovtoq nach D. L.) 

Dasselbige sagen und thun die Wahnsinnigen 
^oyoe. ^jjj ^Q Yernünftigen und die Weisen und die Un- 
wissenden. Und erstlich nennen sie dasselbige Erde 



Wahrem und Falschem zu finden wissen; erst in zweiter Linie kommt das 
Was, oder der bestimmte Inhalt des Urtheilsspruchs an die Beihe, sofern 
dieser von jener vorhergehenden Unterscheidung abhängt. 

*) Dass hier nicht die Fortsetzung der vorigen Disputation über die 
Wahrheit geboten wird, scheint mir dadurch indioirt, dass eine neue Thesis 
beginnt und eine zugehörige Antithesis antwortet. Gleichwohl ist die Zu- 
sammenfassung des Inhalts problematisch, weil unser Schriftsteller zu un- 
gebildet ist, um die Begriffe zu bezeichnen und zu bestimmen. Die Thesis 
ist offenbar besser, als die Antithesis, weil diese von ihm herrührt, jene 
aber von Anderen und zwar namentlich wohl von Protagoras und Gorgias 
entlehnt ist. Wenn man nämlich Sext. Empir. adv. mathem. VII. 60 seqq. 
vergleicht, so zeigt sich, dass die Untersuchung über dasKriterium zu. 
der Entgegensetzung der Vernünftigen und Wahnsinnigen führtee 
und zur Verleugnung der näheren Umstände {ite^icrdaeiGJf unter denexr 
die Behauptungen ausgesprochen werden. Zugleich sieht man, dass dieses 
Ort (roTTog), der vom Kriterium besetzt ist, sowohl den Begriff dei 
Wahrheit als den Begriff des Seins in blosse Relativität auflösen solll 
Vergl. eben daselbst 64 töjv ya^ Tt^oe n xal civroi (Euthydem und Dionysodorr: 
ro re ov xai rb aX'qd'es oLTtoXeXoiTtaüiv, Unser Verfasser hat nun daa 
Problem nicht scharf aufgefasst, sondern redet nur so daran hemm, wi» j 
dies der Stufe seiner Bildung und Begabung entspricht; man merkt abec 
doch, dass seine Gewährsmänner aus der Schule des Gorgias und des Free 
tagoras zeigen wollten, dass es keinen Widerspruch giebt (Diog 
Laert. IX. 53 m ovx k'anv avrdäystv)^ weil es kein Kriterium giebt, un^ 
dass daher Sein und Nichtsein blos relativ ist. Dementsprechend haltS 
ich die Ueberschrift TteQi rov ovroe nach dem Büchertitel bei Diog. ■ 
für die passendste, da die Thesis in den beiden Sätzen ihre Spitze htm 
dass Alles einerlei ist und dass auch Sein und Nichtsein einerlei ist. — 
Vielleicht fehlt an unserer fünften Disputation auch die Einleitung. 



217 

md Mensch und Pferd und alles üebrige. Und sie thun 
dasselbe, sie sitzen und essen und trinken und liegen und das 
CJebrige in derselben Weise. Und wahrhaftig auch dasselbige 
Ding ist grösser und kleiner und mehr und weniger und schwerer 
md leichter. So nämlich wäre Alles, dasselbe. Das Talent ist 
icli-werer, -als die Mine und leichter als zwei Talente : dasselbige 
tlso ist leichter und schwerer. Und es lebt derselbe Mensch 
ind lebt nichts und dasselbige ist und ist nicht; denn was hier 
st, ist nicht in Libyen, und auch gewiss, was in Libyen ist, nicht 
n Cypem. Und so das Uebrige auf dieselbe Weise. Also sind 
üe Dinge und sind nicht. 

Diejenigen nun, welche sagen, die Wahnsinnigen 
and die Weisen und die Unwissenden thäten und -^^^^^ ^7^^ 
sagten dasselbige, und was sonst noch aus dieser 
{Behauptung folgt, sagen nicht die Wahrheit. 1. Denn wenn sie 
3iner fragte, ob Wahnsinn von Vernünftigkeit verschieden sei 
and Weisheit von Unwissenheit, so sprechen sie: Ja. 2. Denn 
auch aus dem, was jeder von beiden thut, wird vollkommen 
offenbar, dass sie es einräumen werden. Also auch dasselbige 
thun sie, und die Weisen rasen, und die Rasenden sind weise, 
und Alles wird in Verwirrung gebracht. 3. Auch unverständlich 
ist die Behauptung.*) Wie? reden die Vernünftigen, vie es 
eich gebührt, oder die Wahnsinnigen? Aber sie behaupten, 
wenn einer sie fragt, dass beide zwar dasselbige sagen, aber 
die Weisen, wie es sich gebührt; die Wahnsinnigen aber, wenn 
es sich nicht geziemt. Und wenn sie dies sagen, scheinen sie 
etwas Geringfügiges hinzuzusetzen: „wenn es sich geziemt und 
"wenn es sich nicht geziemt"; dadurch ist es dann nicht mehr 
dasselbige. Ich aber glaube, dass die Dinge nicht (blos), wenn 
eine so wichtige Bedingung hinzugesetzt wird, sich ändern, 
sondern (schon)**), wenn der Accent vertauscht wird, z. B. 



*) ^Bii a^eog. Ich möchte nur ein fi einschieben und sonst die Hand- 
schrift unverändert lassen: xcd ind^ye/ioe o Xoyoe. Jlors^ov x. t. L 

**) Ich will das Verdienst von Mullach's Oonjecturen nicht schmälern, 
habe abor doch versucht, mit der handschriftlichen Ueberlieferung aus- 
zukommen. Man wird finden, dass die Gedankenverbindung bei Mullach 
verständlicher und herkömmlicher gemacht ist; während ich der indi- 
viduellen Interpretation bei der üebersetzung gerecht zu werden suchte 
und die originelle, volksmässige Satz- und Gedankenfügun^ des Verfassers 
unangetastet liess. 



218 

rXavT^OQ und yXavKOQy Sctv&og und ^av&oQ^ Sov^og und ^ov&og. 
Dies war nun verschieden durch Vertauschung des Accents, 
anders durch kürzere oder längere Silben, wie TvQog und TVQog, 
ocTMg und aaiMg ; Anderes wieder durch Vertauschung von Buch- - 
Stäben wie >ta^og und TLQorog, ovog und voog. Da dies nun^ 
ohne dass irgend etwas weggenommen wird, so sehr verschiedeit 
ist, wie erst, wenn einer etwas hinzusetzt oder wegnimmt? Auch, 
dieses werde ich zeigen, wie es ist. Wenn einer von Zehn ein^ 
wegnähme, würde es nicht mehr zehn und auch nicht eins sein, 
und das Uebrige auf dieselbige Art und Weise. 

4. Was nun das anbetriflft, dass derselbe Mensch sowohl 
sei, als nicht sei, so frage ich: Wie? Das All ist doch? Also 
wenn einer zu sein leugnete, lügt er. Wenn sie das All zugeben, 
so sind folglich auch alle die einzelnen Dinge irgendwie. 



Sechste Disputation. 



Ueber die Weisheit und Tugend, ob sie lelirbar ist 

Es wird eine Behauptung aufgestellt, die weder 

y^oyoe wahr, noch richtig ist; dass also Weisheit und Tugend 

*ProtoM?a8* weder lehrbar, noch lernbar wäre. Die nun dieses 

behaupten, gebrauchen folgende Beweise: 1. dass 
es nicht möglich wäre, dasselbige, wenn man es einem Anderen 
übergeben hätte, ferner noch zu haben. Dies ist nun Ein Be- 
weis. *) 2. Ein anderer ist, dass, wenn sie lehrbar wäre, erklärte 



*) loh habe obenS. 123 diesen ersten Grund nicht mit aufgeführt, weijj 
man zweifeln könnte, ob er nicht anderswoher, als aus Platon's Protagoras 
entlehnt wäre; denn er erinnert ja an die bekannte eristische Vexirfrage: 
„Was Du nicht weggegeben hast, das hast Du noch?" wodurch der Ge« 
fragte mit Hörnern auf dem Kopfe versehen wird. Allein diese Reminis- 
cenz ist doch irreleitend, und es lässt sich zwingend beweisen, dass der 
von Simon angegebene erste Grund sich wirklich bei Piaton findet, wenn 
auch die feinere Form, welche das Argument bei Piaton hat, mit plebe* 
jischer und feindseliger Sophistik bei Simon verdreht ist. Simon sagt: Tb* 8i 
ravra Xsyovrss rdlaSe anoSsi^eai ;f()ß>«^«t, ate ovx olov r eirjj av aXXtp naQU'^ 
Soirje, rcivro avro äzi k'xBv, Und Piaton im Protagoras 319 E olUm i8iq, 
rifiiv oi aotpioraroi xai aQtaxot rofv nohrav ravrtflf rijv aQeTf]v'^ i'xovaiv 



219 

nd ausgemachte Lehrer da sein müssten, wie für die Musik. 

Ein Dritter, dass die in Hellas aufgekommenen weisen Männer 
inst ihre Kinder und Freunde unterrichtet haben würden. 

Ein Vierter, dass schon Manche, die zu den Sophisten gingen, 



tx oloitB aXloig na^a SiSovai. Man sieht durch Vergleichang der 
ssperrt gedruckten Wörter, dass Simon den Platonischen Dialog vor 
C5li liegen hatte. Worin liegt aber die Verdrehung? Kann man denn 
»rechter citiren, als mit Aufnahme sämmtlioher Wörter des Originals? 
ie Verdrehung liegt in zwei Stücken, und zwar erstens darin, dass 
xnon die von Piaton angeführte Thatsache („dass die besten Bürger 
j:;ß Tugend nicht Anderen überliefern konnten") zu einem allgemeinen 

e setze macht; und zweitens darin, dass Simon den Platonischen Satz 

it Verstellung der Negation umkehrt; denn Piaton sagt: „Die 
i:tgend, welche die besten Bürger als Privateigenthum (tSi(f) besassen, 
Zimten sie Anderen nicht überliefern", und Simon: „Was man einem 
nderen überliefert hat, kann man nicht mehr selbst besitzen." Dadurch 
'Scheint nun Platoa als Sophist, den man leicht widerlegen kann. Der 
nn aber ist ganz verdreht; denn Piaton leugnete ja gerade die Möglich- 
iit der Ueberlieferung an Andere. Wir vermissen daher noch einen Zwischen- 
idanken, der Simon zu einer solchen Verdrehung veranlassen konnte. Dieser 
)gt offenbar in dem Platonischen Ausdruck iSlct; denn auf diese Bezeichnung 
58 Privateigenthums begründete Simon seine Verallgemeinerung, indem 
' die „Tugend" und die „besten Bürger" wegliess. Die Schlussfolge ist 
ther: „Was man als Privateigenthum besitzt, kann man Anderen nicht 
>erliefem" (nämlich wenn man es selbst behalten will) und umgekehrt: 
v^s man Anderen überliefert hat, kann man nicht mehr besitzen". Die 
>phistik liegt hier in der Versetzung der Negation, wodurch der ganze 
latonische Gedanke verdorben und widersinnig wird. 

Die ausführliche Analyse des Thatbestandes solcher Beziehungen darf 
is nicht ermüden , wenn wir den genauesten Einblick in die Stellung ge- 
bmen wollen, welche die demokratischen Sophisten Piaton gegenüber 
anahmen; denn es ist doch klar, dass die Platonischen Argumente eine 
Dnische Persifflage der Demokratie und ihrer Sophisten enthalten. In 
chnischen Fragen, sagt Piaton, wendet man sich an die Techniker; wenn 

sich aber um Staatsverwaltung handelt, so glaubt jeder Zimmermann, 
ihmied, Schuster {axvToro/ioe), Kaufmann u. s» w. in der EÄths- 
rsammlung mitreden zu dürfen, und keiner lacht und lärmt über die 
»denden, obgleich sie diese Staatsangelegenheiten doch gar nicht studirt 
d keinen Lehrer darin gehabt haben. Offenbar also, schliesst er, halten 
diese Dinge nicht für lehrbar. Hier musste sich Simon doppelt ver- 
zt fühlen; erstens, weil er als Schuster nicht mehr über Staats- 
gelegenheiten sprechen sollte, und zweitens, weil er ja geradezu, wie der 
ief Aristipp's (S. oben S. 108) meldet, Lehrvorträge hielt. Nun stand 

vor einem Dilemma; denn wenn die Schule eine politische Bildung 
ermitteln sollte, so hätte er als Schuster, ebensowenig wie die anderen 



Simonis Kritik. . ^., . . . » , / 



220 

keinen Vortheil davon hatten. 5. Ein Fünfter, dass Viele, die mit 
Sophisten nicht verkehrt hahen, herühmt geworden sind. 

Ich aber halte diese Behauptung für ziemlich 
einfaltig (xa^a evrfdTJ), 1. Ich kenne nämlich die 
Lehrer, welche Lesen und Schreiben lehren, was er auch selber 
versteht*), und Citherspieler, (die) Citherspielen (lehren). 2. Auf 
den zweiten Beweis, dass es also keine erklärten Lehrer giebt, 
(antworte ich): was lehren denn die Sophisten, wenn nicht 
Weisheit oder Tugend? oder was wären die Anaxagoreer und 
Pythagoreer? 3. Drittens aber, es lehrte Polykleitos seinen 
Söhn Statuen zu machen. Und wenn einer (seine Söhne in 
seiner Kunst) nicht unterrichtet hat, so ist das kein Zeichen 
(der Unmöglichkeit); wenn das Lehren aber Thatsache ist, ist 
dies ein Zeichen, dass es möglich ist zu lehren. 4. Viertens, 
(sie sagen) dass sie nicht durch weise Sophisten weise werden. 
(Der Grund ist nicht stichhaltig) ; denn auch Lesen und Schreiben 



Handwerker, das Becht gehabt, im Volksrathe zu sitzen. Hatte er aber 
und die anderen Plebejer dieses Recht mit grosser Selbstzufriedenheit aas- 
geübt, so war seine Schule und die der grossen Sophisten überflüssig. £& 
lässt sich daher denken, dass Platon's sarkastischer Zweifel an der Lehr- 
barkeit der Tugend und Weisheit ihn aufregen und ärgern musste, vo^ 
züglich da derselbe Flaton, was doch sehr verdächtig war, diese seine 
Zweifel durch Protagoras glänzend widerlegen Hess, dann aber den grossen 
Sophisten in einen solchen Ringkampf verwickelte, dass sie nachher beide 
ihre Thesen getauscht zu haben schienen. Da die Entwirrung dieser 
ironischen Darstellung weit über seinen Horizont ging, so hielt sich Simon 
an das greifbare Ende und erklärte Platon's Gründe für einfältig, über 
das Resultat aber wolle er sich nicht entscheiden; die Gründe jedenfalli 
wären ungenügend. \Venn man nun an diesen plebejischen Literatenkreis 
denkt, der mit Antisthenes und Euthydem in Intimität stand und Lysiu 
zum Advocaten hatte, so wird wieder sehr begreiflich, mit welcher 
Verachtung Piaton im Theaitetos auf Antisthenes herabsah, dessen Weisheit 
auch von Schustern begriffen würde, und wie er im Phaidros die 
Matrosengemeinheit des Lysias in Liebessachen durch seine Erziehung in^ 
Hafen motivirt. Kurz, so werthlos auch die Schusterdialoge an sich sind, 
so bieten sie doch den Bergmannskittel, mit dem man in den Schaoht 
fährt und manchen werthvoUen Eund an's Licht fördert. 

*) Die Verbesserung von Orelli und Mullach ist ja ganz einleuchtend, 
aber gegen das Princip der individuellen Exegese, da Simon's Schusterstil 
solche Unregelmässigkeiten und Lücken des Gedankenganges mit sich 
bringt; denn natürlich ' hatte er im Sinne: „was jeder von ihnen auch 
selber versteht," 



lernten Viele nicht, obgleich sie es lernten. Es giebt auch eine 
Art von Talent dazu. Wenn einer, ohne von Sophisten zu 
lernen, von genügender Begabung war und geeignet, leicht Vieles 
ao&ufassen, nachdem er nur Weniges von denen gelernt, 
Yon denen wir auch die Sprache lernen und zwar von diesen 
mehr oder weniger, der Eine von seinem Vater, der Andere 
Yon seiner Mutter.*) Wenn es einem aber nicht glaublich 
dünkt, dass man (aufwachsend) zugleich die Sprache lernt, sondern, 
(wenn man denkt), man müsse zugleich eine wissenschaftliche 
Ausbildung erhalten, so erkenne er es aus Folgendem. Wenn 
Einer ein Eind gleich nach der Geburt nach Persien schickt 
und dort auferzieht, ohne dass es die Hellenische Sprache lernt, 
so würde es Persisch sprechen; und wenn man eins von dort 
hierher brächte, würde es Griechisch reden. So lernen wir die 
Sprache und haben doch keine Lehrer.**) 

Nicht ich habe die Behauptung aufgestellt, und Du hast 
(nun in meiner Widerlegung, was Du von einer Rede verlangtest), 
Anfang, Ende und Mitte. Und ich behaupte nicht, dass (die 
Tugend) lehrbar sei, sondern dass mir jene Beweise nicht ge- 
nügen. 



Siebente Disputation. 

lieber die Volksredner? (Ttegl dtj^aywyiag nach D. L.) 

Es sagen einige Volksredner, dass die Aemter 
durch's Loos vergeben werden müssen, indem sie 
hierüber nicht sehr richtig denken. 

Wenn nämlich einer ihn***) fragte, der dies 
behauptet, warum trägst Du denn nicht Deinen 



*) Diese Periode ist ohne Nachsatz und überhaupt von schusterhafter 
^tilisimngf wie denn auch die meisten Sätze, vorher und nachher, Ellipsen 
enthalten und überall Zwischengedanken erfordern, um überhaupt einen 
Sinn zu geben. 

**) Man sieht, wie der Schuster witzig zu sein glaubt und auf die 
Kühnheit seiner Reflexionen stolz ist. 

• ***) Auch hier springt der Verf. ohne Weiteres vom Plural zum Singular 
über, wie oben S. 220. — Der Gedanke dieser Aufzeichnung rührt offenbar 
von Sokrates her. 




Von der Wissenschaft? {negt iTviaTi^f^rig Diog. L.) 

Ich glaube, es ist die Sache eines Mannes, durch dieselben 
Künste sowohl kurz als lang zu sprechen, und die Wahrheit 
der Dinge zu wissen und gut zu richten und das Volk berathen 
zu können und die Redekünste zu kennen und über die Natur 
aller Dinge, wie sie sich verhalten und entstanden, zu lehren. 



*j Man bemerke wohl, dass er nicht, wie Flaton, veraohtlich von den 
Schustern und Handwerkern spricht im Gegensatz gegen die Staatsmänner« 
sondern dass er sein Fach in Ehren hält. 

**) Nach Blass Angabe folgt hier „eine Lücke von etwa 14 Bachstaben"* 



222 

Sclaven ihre Arbeiten nach dem Ausfall des Looses auf, dass ,^ 
der Kutscher koche, wenn er durch's Loos Koch wurde, der 
Koch aber kutsche und das Uebrige ebenso? Und warum riefe 
wir nicht auch die Schmiede und die Schuster zusammen un 
die Zimmerleute und Goldarbeiter und verloosten und zwanger::^-^^ 
sie, die Kunst auszuüben, die Jeder erloost, und nicht die, welche 
er versteht?*) Ebenso auch bei den musischen Spielen (könnt- ^^ 
man ja) die Wettkämpfer (Sänger, Musiker, Schauspieler) lose ^ ^ 
und, was ein Jeder gerade erloost, spielen lassen. Wer gera 
ein Flötenbläser ist, der soll die Cither spielen und ein Cithe 
Spieler soll die Flöte blasen; und im Kriege wird der Bogexi- 
schütz und der Schwerbewaflfnete zu Pferde sitzen, der Beiter 
aber mit dem Bogen schiessen, so dass Alle, was sie nicht ver- f ^^ 
stehen und nicht können, auch nicht thun werden. JS(^ 

Sie sagen aber, es sei (die Wahl durch's Loos) it 

etwas Gutes und sehr Volksfreundliches. hef: 

Ich halte es für sehr wenig volksfreundlich. Jiic] 

Es giebt ja in den Städten volksfeindliche Menschen, Ibz 

die, wenn sie gerade das Loos trifft, das Volk zu Grunde richten 1 inc 

werden. Aber das Volk selbst muss zuschauen und alle ihm IKr 

Wohlgesinnten wählen und die, welche (dazu) geschickt sind, IIa. 

kriegfiihren. Andere wieder über die Gesetze wachen (lassen) etc.**) J I^e 

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Achte Disputation. '^ ' 



Wo 
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S'al 

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lic 

Ab 



223 

1. Und erstens, wer über die Natur aller Dinge Einsicht 
hat, wie wird der nicht auch in allen Stücken richtig handeln 
können? 2. Ferner, wer die Redekünste versteht, der wird 
auch über alle Dinge richtig sprechen können.*) Denn wer 
richtig sprechen soll, der muss über die Dinge, die er versteht, 
sprechen. Er wird ja Alles verstehen; denn er versteht die 
Xünste von allen Reden; alle Reden aber beziehen sich auf 
Alles, was ist. Es muss aber, wer richtig reden soll, die Dinge 
verstehen, über die er gerade reden möchte, und die Bürger- 
schaft richtig lehren, das Gute zu thun und sie von dem Uebeln 
zurückzuhalten. Sicherlich, wenn er dies weiss, wird er auch 
das hiervon Verschiedene wissen; denn er wird Alles 
wissen; denn dieses (Gutes und Böses) gut von allen Dingen.**) 
So wird er ebenso alles jenes, was sich gehört, thun. Man muss 
(z. B.), auch wenn man es nicht versteht, die Flöte blasen, 
wenn es zufallig einmal Pflicht ist, dies zu thun.***) Wer zu 
richten versteht, muss das Gerechte gut verstehen; denn darauf "1") 
bezieht sich das Richten. Wenn er dies aber versteht, wird er 
auch das Entgegengesetzte davon verstehen und das Verschiedene. 
Er muss aber auch alle Gesetze kennen; wenn er nun die 
Handlungen nicht kennen sollte, dann auch nicht die Gesetze. 
Denn das Gesetz in der Musik versteht Einer, wenn er auch 
Musik versteht; wer aber nicht Musik versteht, der auch nicht 
ihr Gesetz. Denn wer von allen Dingen rechte Einsicht hat, 
der kann leicht reden, weil er Alles versteht; kurz er muss, 
gefragt, über alle Dinge Rede stehen. Also muss er Alles wissen. 

*) Mullach hat hier xoU eingeschoben; ich möchte aber die sechs 
Worte Tte^l cov iTtiararai neQi xovxoav Xayev als Dittographie streichen, 
damit der so schon klägliche Stil des Verfassers nicht ganz altersschwach 
erscheine. 

**) Man sieht hier den Einfluss von Gorgias und Protagoras, die auf 
keine Frage eine Antwort schuldig bleiben wollten und sogar diesem arm- 
seligen Scribenten den Kopf verdrehten. 

**♦) Der Text ist hier schlecht überliefert und Mullach's Emendation 
scheint den Sinn gut zu treffen. Ich habe mich dennoch an die Ueber- 
lieferung gehalten, weil man den Zusammenhang genügend versteht; denn, 
wie vorher das Wissen, so wird hier das Thun berücksichtigt. Da der 
Naturkundige mit Hilfe des Begriffs der ayad-d und xax« Alles weiss, 
so kennt er auch alle Pflichten {ßiovra) und muss einmal auch, was er 
nicht versteht, thun, aXxa Sctj. Ilori xaviov = ebenso. 

f ) Der individuelle Stil des Verfassers zeigt sich hier wieder durch 
Abspringen vom Singular (to Sixacov) in den Plural {tzs^I Tovreov.). 



Als grösste und schönste Erfindung für das Leben ward 
das G-edächtniss erfunden*) und als für Alles brauchbar, 
sowohl für die Philosophie, als für die "Weisheit. 1. Dies 
besteht dann, dass Du aufmerksam bist. Dadurch**) wird 
der Gedanke, wenn er das Ganze, das Du lerntest, durch- 
geht, zu einer grösseren Klarheit kommen. 2. Zweitens aber 
(musst Du) aufsagen (üben***), was Du gerade gehört hast 
denn häufig dasselbe hören und sagen, das geht in's Gedächtnisse 
3. Drittens wenn Du etwas gehört hast, dann weisst Du"|") e 
an seinem Orte niederzulegen (lociren nach mnemonische 
Topik).-]-!") Z. B. so: man soll „Goldpferd" (Chrysipp) be 
halten; leg' es nieder unter Gold und Pferd. Anderes Beispi 
„Peuerglanz" (Pyrilampes) ; leg's nieder unter Feuer und Glänze 
So ist's mit den Namen (dvofiava). Den Sachinhalt {/tgayf^aTi 
aber auf folgende Weise. Ueber Tapferkeit; bei Ares uik^ 
Achilleus. Ueber Erzarbeit: bei Hephaistos. Ueber Feigbei 
bei Epeios. 





*) Die Wendung i^ev^/ia ev^rcu ist entweder irgendwoher entlelB^zs. 
und wirkt komisch, wie Putz bei ordinären Gesichtern, oder zeigt äl^: 
Verfassers handwerksmässige Unbehilflichkeit im Reden. 

**) Auch hier geht 8ia rovrcov auf den vorigen Conditionalsatz axi^ 
stellt das dort einheitlich Zusammengefasste wieder als eine Mehrheit vozi 
Functionen vor. 

***) Ich lese : Sevregov Se fieXerav statt Ssvregav Se fisXerav, 

f) Volksmässiger Ausdruck statt: musst Du wissen oder lernen, 
ff) Diese sehr primitiven drei Regeln, die Simon irgendwie von 
Sokrates oder Antisthenes gelernt hat und hier als grosse Weisheit vor- 
trägt, konnten ihn doch schon befähigen, angehende Jünglinge niederen 
Standes zu unterrichten und an Beispielen (wie etwa an Homer oder 
Theognis oder Prodikus* Herakles oder Gerichtsreden u. dergl.) die Di^' 
Position des Gedankeninhalts durchzunehmen, dann das Gehorte und 
Bemerkte einzupauken und drittens eine einfältige Art von Mnemo- 
technik zu überliefern. Unter „Disposition" darf man aber nicht einei* 
so hohen Begriff verstehen, wie ihn erst Flaton im Phaidros entwickelt^/ 
sondern die nackte und zusammenhangslose Aufzählung von Argumenten, 
wie sie in allen den erhaltenen Disputationen Simonis vorliegt. 



Zur 




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§' 



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15 



Erste Periode. 



Bis zur Begründang der Akademie. 

Wenn wir das Leben und die Werke Platon's überblicken, 
o ordnet sich das Ganze natürlich in drei Perioden; denn von 
Ler Zeit vor seinem öffentlichen Auftreten sehe ich hier ab* 
Die erste Periode beginnt mit den grossen Eeisen, welche der 
röttliche Mann unternahm, um die Welt kennen zu lernen und 
leine eigene Bedeutung und Lebensaufgabe zu erfassen. Da er 
gleich nach seiner Heimkehr öffentUch zu lehren und zu er- 
siehen begann, dann auch den Versuch machte, den Tyrannen 
Dionysios den Aelteren für die politische Organisation von Syra- 
kus nach seinen Ideen zu gewinnen, so gruppiren sich die 
Schriften dieser ersten Periode auf das Einfachste um diese 
Ziele und diese Thatsachen. Diese Periode des ersten 
Auftretens und der ersten Versuche reicht natürlich bis 
aum üebergang in eine fest organisirte Thätigkeit, d. h. bis zur 
Begründung der Akademie. 

§ 1. Medieinische Studien. 

Ein Schriftsteller, der nicht selbst Arzt ist und nicht über 
Ufedicin schreibt, kann doch vielfach Gelegenheit nehmen, medi- 
cnuische Gegenstände zu berühren. Dabei stellt sich dann sehr 
bald heraus, ob der Verfasser als Laie oder als Eingeweihter 
liber solche Fragen redet. Es ist aber nicht immer leicht, 
diesen Unterschied zwingend zu beweisen; sondern man kann 
dafür zuweilen nur an den Tact des Kenners appelliren. Wer 
z. B. den Timäus liest, kann keinen Augenblick zweifelhaft sein, 
daas Piaton mit Hingebung und angeborenem Geschick Medicin 
Qtudirt hat, und es lässt sich dies auch sehr leicht zwingend 
l)eweisen.: Xn den früheren und selbst in den frühesten Dialogen 
zeigen sich aber auch schon Spuren medicinischer Bildung, über 
deren Gründlichkeit aber mehr durch Tact als durch l^weis- 
führung zu urtheilen angezeigt ist. 

16* 



m 

So behaupte ich, dass Piaton mindestens im «takre 394 
a. Chr., d. h. vor der Abfassung seiner frühesten Dialoge, schon 
medicinische Studien gemacht hat. Zum Belege und um bei 
Anderen dieselbe Tactempfindung auszulösen, will ich ein paar^ 
Indicien anführen. 

Zunächst berührt mich die ganze Art, wie Piaton im Ohar— 
mides unter der Maske des Sokrates redet, derart, als ob em 
nur im Bewusstsein, die Medicin seiner Zeitgenossen genügencc 
kennen gelernt zu haben, so reden könne. Eritias sagt ihn^ 
als er den Charmides zu sprechen wünscht, es würde bei ihxn 
(Platon-Sokrates) doch nichts im Wege stehen, sich für einen 
Arzt auszugeben, der ein Heilmittel gegen den schweren Kopf 
wüsste. „Nichts stehtimWege", antwortet Platon-Sokrates. 
Nun kann zwar ein geistreicher Mann, auch wenn er von einer 
Sache nichts versteht, eine Zeit lang vor einem Jünglinge die 
Rolle eines Fachmannes spielen, aber es würde eine solche 
Komödie doch überhaupt hier einen üblen Eindruck machen, 
wenn nicht bei Piaton das Bewusstsein dahinter steckte, dass 
er wirklich im Stande sei, ebenso gut wie ein Arst, dem jungen 
Manne das Beste zu rathen. Kritias lässt darauf durch einen 
Diener dem Charmides sagen; er wolle ihn einem Arzte vor- 
stellen, um sich über sein Leiden berathen zu lassen. Wenn 
Platon-Sokrates darauf auseinandersetzt, dass die Heilkunst anch 
bei dem Leiden eines einzelnen Organs .immer zugleich den | 
Zustand des ganzen Körpers in's Auge fassen müsse, wie das ! 
die Methode der Aerzte wäre, und hinzufügt: „Du weisst 
doch, dass die Aerzte so sprechen und dass es sich auch so 
verhält", so liegt in diesen Worten die Indication, dass er 
sich seiner Sachkenntniss bewusst war. Ebenso ^th&tt 
die fernere Ejritik der Specialisten, dass sie »ganz unver- 
ständig'* (TtolXipf ävoiav) verfahren, ein so festes ürtheil, 
dass Piaton sich wohl mit der Heilkunst ernst abgegeben 
haben muss. 

Wenn er femer auseinandersetzt, dass die griechischen 
Aerzte so viele Krankheiten nicht heilen könnten, weil sie nicht 
wüssten, dass Krankheit und Gesundheit des Leibes von der 
Seele ausginge, und dass es ganz verkehrt wäre, Leib und 
Seele specialistisch zu behandeln, da doch Bildung der Sede 
und Gesundheit des Leibes ^ zusammen ein Ganzes ausmachten: 
so mag man dies zwar für einen ganz geschickten Kunstgrif 



229 

ansehen, wodurdi Bioh der angebliche Arzt aus der Verlegenheit 
zieht, um das Hecht zu haben, nun zuerst mit der Heilung der 
Seele anzuÜEingen. Allein wenn man bedenkt, dass in diesem 
Gedan*ken überhaupt das Programm der ganzen Plato- 
nischen Philosophie liegt, die Leib und Seele, Ideales und 
Reales als ein ewig Zusammengeordnetes auffasst und jede 
Trennung beider Elemente und Bevorzugung des Einen als ein 
Hinken bezeichnet, so darf man den Ernst in dieser Darlegung 
nicht verkennen. Es ist vielmehr eine ganz bestimmte Kritik 
in den Worten p. 157 B enthalten, wo Piaton sagt, es bestehe 
gerade darin der Fehler seiner Zeit, dass — und hier liegt die 
Allusion auf gewisse medicinische Schriftsteller — einige Aerzte*) 
Bildung und Gesundheit von einander trennen und also den 
Leib, der doch nur ein Theil des Ganzen von Leib und Seele 
ist, spedalistisch behandeln zu können vermeinen, während sie 
doch wissen, dass man die Theile des Leibes nicht specialistisch 
genügend behandeln kann, ohne den ganzen Leib in's Auge zu 
£shssen. Piaton wird also wirklich entweder, wie ihn seine Gegner 
darstellten, ein eitler Prahler gewesen sein, oder wir müssen, 
wie ich glaube, annehmen, dass er sich gründlich bei den 
Aerzten unterrichtet, ihre Theorien und Methoden kennen ge- 
lernt hat und dann erst zu der Ueberzeugung gekommen ist, 
dass sie ihr eigenes Princip, den Theil nicht ohne das 
Ganze zu behandeln, nicht consequent und umfassend 
genug durchführen, da sie sonst auch die Seele prin- 
cipiell in die Behandlung einschliessen müssten. Ganz 
in derselben Weise hält er später im Phaidros dem armseligen 
Specialisten der Bedekunst, Isokrates, das Beispiel des Hippo- 
krates vor, der das Studium der ganzen physischen Natur 
der Welt als Bedingung für die rechte Einsicht in den mensch- 
lichen Leib als einen Theil des Ganzen voraussetze, um ihm zu 
zeigen, dass man ebenso auch das ganze Wesen und die Arten 
der Seele und ihre Bewegungsgesetze kennen müsse, wenn man 
etwas Tüchtiges in der particulären Geschicklichkeit, welche die 
Khetorik ist, leisten wolle. Und Platon's Verbindung von 



"^ Piaton scheint mir dabei anHerodikos, der sich in Megara und 
später in Selymbria aufhielt, gedacht zu haben; denn ihn erwähnt Piaton 
auch der Aeihe nach im Protagoras, Staat und Phaidros. 



230 

Musik nnd Gymnastik im „Staate^, seine Ehegesetzgebung, durch 
welche die guten „goldenen^ Anlagen der Seele und des Leibes 
producirt werden sollen, und seine ganze Theorie vom Ursprung 
der Sünde und aller üebel weist überall, bis in sein letztes- 
Werk hinein, denselben Gedanken auf, den er hier auf dasa 
Programm stellt, Seele und Leib als ein zusammengeordnete^ 
Ganzes zu fassen. 

Wie nun Piaton sich im Phaidros ein Urtheil über Hippo - 
krates erlaubt, indem er dessen Auffassung von der Heilkunai 
wahr und richtig findet*) und dadurch an den Tag legt, das» 
er sich berufen fühlt, über diese Frage die Wahrheit selbst zu 
erkennen: so scheint es mir auch beachtenswerth, dass Platoo 
schon in den frühesten Dialogen seine pädagogisch - politische 
Aufgabe so gern mit medicinischeri Ausdrücken bezeichnet; 
z. B. mit S'eQaTtevaaLy d-eQaTtei'eadtcc Trp* tpvx^ eTCcpSaig, BTt^am^ 
Ttegt rijv xpvxijv iccvgiytbg oiv u. dergL Auch die Art, wie Piaton 
mit Protagoras umgeht, scheint mir die Gewohnheiten und die 
Auffassungsweise eines in der Heilkunst Geübten zu verrathen; 
denn wer würde sonst einem Opponenten, dessen Ansichten rmä 
geheime Grundsätze man herausfragen will, befehlshaberisch wie 
ein Arzt zurufen: zieh' Dich aus, ich muss Brust und Magen- 
gegend untersuchen!**) Diese von Piaton gebrauchten Metaphern 
und Vergleichungen können uns überzeugen, dass er sich in der 
Medicin zu Hause fühlt. 

Das Besultai, das wir aus der Aufnahme und Zusammen- 
ordnung dieser verschiedenen Beziehungspunkte gewinnen, ist 
ein nicht unwichtiger Gesichtspunkt; denn um die Arbeiten 
eines Schriftstellers zu würdigen, ist es von Belang zu wissen, 
was er gelernt hat und welche Anschauungssphäre und Er- 
fahrungen seinen ürtheilen zu Grunde liegen. Zugleich sieht 
man auch daraus, welche Beschäftigungen seine Zeit ausgefnllt 
haben werden. Wenn darum manche Piatonforscher es nicht 
eilig genug haben können, Piaton seine Schriften womöglich 



*) Phaidros p. 270 C, ' iTtTtoxQarrje re xai b äXrjd'Tjs Xoyos. 
**) Protag. p. 352 A. Das fierd^gevov fasse ich nicht als RückeD, 
sondern als Epigastrium , weil dies die erste Indication bei ärztlicher 
Untersuchung fordert, während Brust und Rücken allein zu untersuchen 
schon eine specielle Indication voraussetzt. "Id'i Srj fwi axox<M\pae xfli ttf 
artj&rj xal to fierd^Qevop inlBeiiov, tva imaxi^tofiai aatpdiSTeQOv. 



231 

schon im fcuiften Jahrhundert absetzen zu lassen: so wissen wir 
sdoDie Zeit nützlicher auszufüllen und wollen ihm erst zu lernen 
gestatten, ehe er mit so grossem Selbstbewusstsein an zu lehren 
fängt. Giebt es doch kaum wieder einen Schrifteteller, der mit 
solcher Sicherheit und Siegeszuversicht gleich in seinen frühesten 
Schriften die Götzen der Zeit zu Boden vrirft und sich als den 
rechten Meister hinstellt! Die psychologische Motivirung dieser 
Thatsache aber wird uns durch die Studien geliefert, die er 
hinter sich hatte und die ihm das Bewusstsein gaben, dass 
nicht irgend eine versteckte und ihm noch unbekannte Weisheit 
auftreten könnte, um ihn der Unwissenheit zu zeihen und ihn 
zu widerlegen. 

Wir verfolgten hier die übrigen Studien nicht, sondern be- 
schränkten uns auf den Nachweis seiner medicinischen Bildung; 
ich will deshalb nur hinzufügen, wie natürlich es uns jetzt 
eirseheinen muss, dass Piaton im Staate häufig einen so natura- 
listischen Ton anschlägt. Die ganze Betrachtungsweise über 
die Stellung der Weiber und über die Erzeugung der Kinder, 
über die Erblichkeit der physischen und psychischen Eigen- 
schaften und die zugehörigen Vergleichungen mit den Thieren 
ist vorheiTschend eine naturalistische und medicinische und 
könnte auch Materialisten und Darwinisten befriedigen. Auch 
erinnert die Betonung der Natur {qwaLg) an Hippokrates und, 
obwohl dieser terminologische Gebrauch des Wortes Natur 
durch alle Platonischen Schriften hindurchgeht und bei Aristo- 
teles ebenfalls bleibt — also nichts Charakteristisches für den 
„Staat^ bilden kann, wie man geglaubt hat — so muss doch ^ie 
Erinnerung feststehen, dass dieser Sprachgebrauch besonders bei 
den JEippokrateem herrschte und auf die medicinischen Studien 
Flaton's hindeutet. 

§ 2. Die Reisen. 

Wann Piaton nach Aegypten reiste, ist schwer mit Ge- 
nauigkeit festzustellen. Doch lassen sich wohl gewisse Grenzen 
angeben; denn es ist klar, dass die Beise nicht blos vor den 
Phaidros (380) und vor den Phaidon (384), sondern auch vor 
die zweite Hälfte des Staates fallen muss, da die zuerst genannten 
Dialoge deutliche Spuren der Vertrautheit mit diesem Lande 
aufweisen und der Staat gerade von Isokrates im Busiris als 
eine Nachahmung ägyptischer Einrichtungen bezeichnet wird. 



232 



Es fragt sich aber, ob die Beise nicht schon etwa vor dei 
frühesten Dialogen, dem Charmides und Frotagoras, stattgefondei 
haben könne. Um darüber zu urtheilen, haben wir ein 
für die individuelle Interpretation festzustellen. Piaton schmtic L i ^ 
sich nie mit fremden Federn. Sobald er einen Vers, eine^m 
Gedanken, ein Wortspiel oder was es auch sei, gebraucht, wa^^ 
einem früheren Schriftsteller ursprünglich eignet, so dtirt ^:i' 
seine Quelle oder deutet unverkennbar darauf hin; nur wenn otr 
aus eigener Erfahrung spricht, findet man keine Hinweisung an/ 
eine Quelle, es sei denn, dass er sich selber ausdrücklich anfuhr^ 
wie z. B. wo er seinen eigenen Verkehr mit Tyrannen hervor- 
hebt, oder wie im Phaidros, wo er andeutet, mit welcher 
Leichtigkeit er nach seinen Aeiseerfahrungen beliebig die Mythen 
verschiedener Völker zum Besten geben könne. Darum nehme 
ich alsPrincip der individuellen Interpretation an, dass 
Piaton, wenn er von fremden Völkern belichtet, ohne seine Quelle 
anzuführen, selbst Quelle sei, d. h. aus eigener Erfahrung spreche. 
Die ägyptische ^^^ diesem Princip als Gesichtspunkt den Char- 

Reite tiiit ¥or mides, Protagoras und Euthydem betrachtend, finde 
3«3n. ciir. j^j^ keine Beziehungspunkte, die auf eine Be- 
kanntschaft Platon's mit dem Süden, mit Aegypten oder Kreta ^ 
oder einem anderen Punkte, den er als Station auf der Beise .^ 
berührt haben konnte, hindeuteten. Dagegen enthalten die erstei 
Bücher des Staates einige Bemerkungen, die unsere Aufmerk- 
samkeit verdienen. 1. Denn wenn Piaton die Geschichte von 
Gyges in Lydien erzählt und hinzufügt, dass man dieses si 




erzähle (g)aai p. 359 G.), so brauchen wir nicht anzunehmen, 
er habe diese Geschichte in Lydien selbst gehört, sondern könneaj^^ 
an Herodot denken; wenn er aber sagt (p. 462 G.), dass jetxt 
die meisten nicht -griechischen Völker nackte Männer zu sehen, 
für einen hässlichen und lächerlichen Anblick halten, und dass 
die Kreter zuerst und darauf die Lacedämonier zum Zwecke der 
Gymnastik die Kleider abgelegt hatten, so konnte er dies 
nicht aus Herodot haben; er hätte auch gewiss wohl eine 
Quelle genannt, einen Hippokrateer oder einen BKstoriker, wenn 
er es blos gelesen, oder er hätte ein „Sagt man" {fpaaC) hinzu- 
gefügt, wenn es ihm nur aus der Leute Mund zugeflossen wäre. 
Es gilt nul* darum nach dem Gesichtspunkt der individuellen 
Interpretation für das Wahrscheinlichste, dass Piaton an Ort 
und Stelle diese für seine Staatsconstnlction so wichtigen Gtebräuche 



233 

kennen lernte und über ihren Ursprung die bestimmtesten 
Nachrichten erhielt. 

3. Dazu kommt, dass auch für die Eigenthümlichkeit der 
Kreter, statt Vaterland „Mutterland^ (ßtjVQig) zu sagen, 
Flaton (Staat p. 575 D) die einzige Quelle ist, so viel ich 
weiss; denn bei Herodot lesen wir zwar, dass die Kreter ihre 
Abstammung nach den Müttern bestimmen, aber nichts Yon dem 
Namen Mutterland. 

3. War Flaton aber vor der Abfassung des fünften Buches, 
also vor 392 a. Chr., in Kreta, so kann es uns nicht unwahr- 
scheinlich dünken, auch die Stelle im vierten Buche, wo er den 
,Charakter derPhönicier und besonders den der Aegypter 
als geldgierig (tb q>iloxQ^f^€tTov) bestimmen möchte (p. 436 A), 
als Speichen zu betrachten, dass er aus eigener Bekanntschaft 
mit diesen Völkern so zu urtheilen sich berechtigt gefühlt habe. 
Denn die Worte q>airj Tig iiv können nicht bedeuten, dass Hippo- 
krates oder Herodot oder ein Anderer Dergleichen gesagt habe, 
sondern nur, dass man wohl zu einer solchen Behauptung be- 
rechtigt sei. Wenn man aber fragt, wiefern man denn wohl ein 
Recht zu dieser Behauptung hätte, so darf man nicht an den 
Peiraieus denken und an die ägyptischen und phönicischen 
Matrosen und Kaufleute, die da etwa dann und wann erscheinen 
mochten; denn deren Beschäftigung ging ja auf Gelderwerb aus; 
sondern man muss das ganze Volk daheim gesehen haben, wenn 
man wirklich mit Fug und Becht urtheilen will. Ist man aber 
in der Heimath dieser Völker, so ist ßs allerdings nicht schwer, 
einen solchen Gharakterzug zu erkennen; denn man merkt es 
sehr schnell an seinem Beutel. Und Platon fügt deshalb hinzu 
ov x^^^ov yvüvai» Auch heute noch ist z. B. der Unterschied 
zwischen dem Spanier und dem Aegypter jedem Fremden in die 
Aug^i fallend; denn die Ehrliebe und Generosität des Caballero 
duldet nicht, dass der Fremde bezahlt; in Aegypten aber ist 
ohne Geld nichts zugänglich, für Geld aber Alles erlaubt. Ich 
sehe deshalb in der Bemerkung Platon's, dass esnichtschwer 
sei*, diese Eigenschaften der Völker zu erkennen, ein 
Indidum, dass er diese Einsicht nicht der Leetüre verdankt 
und auch nicht etwa durch Bäsonnement gewonnen hat, 
sondern dass er an Ort und Stelle gewesen ist und sich auf eine 
unmittelbare Erfahrung beruft. Während wir aber heut zu 
Tage mit den Dampfschifffahrtsgesellschaften an der Küste entlang 



234 

fahren und von Aegypten ab zwar in Phönicien und auf 
Bhodos anlegen, seltener aber Gelegenheit haben, die aus dem 
Course gelegenen Inseln wie Cypem und Kreta zu besuchen, so 
mu88 es für die Segelschiffe und Handelswege zu Flaton's Zeit 
anders gewesen sein, und er konnte gewiss sehr leicht von Kreta 
nach Aegypten gelangen und von dort über Phönicien heimkehren. 
Ich schliesse daraus, dass Piaton vor derAbfassung des 
Staates Kreta, Phönicien und Aegypten besucht hat, und 
es ist mir dies auch aus inneren Gründen sehr wahrscheinlich; 
denn die Gedanken zu einer so grossen Umwälzung der ge- 
sellschaftlichen und politischen Zustände, wie er sie in seinem 
„Staate" plant, konnten einem ehrbaren Pfahlbüi^er, auch 
wenn er ein Philosoph gewesen wäre, nicht wohl in den Sinn 
kommen. Idi weiss aus eigener Erfahrung, dass einem erst 
durch Beisen in Ländern von ganz anderen Sitten, Beligionen _ 
und! politischen Lebensformen die Augen aufgehen über die <a 
heimischen Zustände, und dass es etwas ganz Anderes ist, nadi _« 
Reisebeschreibungen oder Historien und Romanen fremde Völker — -z: 
und Sitten in der Phantasie sich vorzustellen; als mit Aug( 
und Ohr und in persönlichem Verkehr das Fremdartige aufzu- 
nehmen. Piaton darf man sich nicht als einen Phantastei 
denken, der sich seine Staatsconstruction blos in poetische] 
Träumen zurecht phantasirt habe; sondern nur als einen well 
erfahrenen Mann, dessen Ueberzeugungen durch viele An- 
schauungen und Gespräche mit anderen bedeutenden Männernr=:n 
siöh begründeten. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, das« 
er als Idealist zu eilige Folgerungen zog, wie Aristophanes sagte, 
und Ideale für ausführbar hielt, die nach den gegebenen Ver- 
hältnissen unmöglich waren und den Spott der Komödie nacl 
sich ziehen konnten; gleichwohl sind ihm die Grundlagen 
seinen Oonstructionen doch durch eine reichere Erfahrung 
liefert, und es würde dadurch sein Kopf auch erst frei gemacht^r^ » 
um überhaupt auf solche Einfälle zu kommen. 

Die Frage ist aber, ob wir die ägyptisch^^^ 

iReise mit auch Reise zwischen Protagoras und Staat ansetzen:::=^ 

wr den sollen oder sie auch dem Protagoras und Char 

mides voranschicken dürfen. Ich wurde mich 




das erste Glied der Alternative entscheideti, wenn man blos nacfc::^^^ 
dem Inhalt der Dialoge urtheilen dürfte, und die Reise also ii 
das Jahr 393 a. Chr. setzen. Allein wenn man bedenkt, dass 



286 

diese drei Dialoge unmittelbar aufeinander folgen und, wenn auch 
si^hndl geschrieben, doch eine gewisse Zeit zur Abfassung ver- 
langen, so muss es für wahrscheinlicher gelten, dass Piaton 
Yor seiner Schriftstellerthätigkeit die Welt gesehen 
habe. Die Beise wird auch nicht etwa blos mit demselben 
Handelsschiff hin und zurück in wenigen Monaten abgemacht 
gewesen sdn, sondern muss doch wohl auf ein oder ein paar 
Jahre ausgedehnt werden, wenn Piaton nachdrückliche Einflüsse 
dadurch erfahren haben soll, was wir aus seiner Lobrede auf 
die Beisen im Phaidon abnehmen können. 

Es scheint mir aber aus seinen Bemerkungen im „Staat^ 
über den Oharakter der Scythen und Thracier und ebenso 
ans seiner mit Liebe durchgeführten Erzählung vom Zalmoxis 
und den Thracischen Aerzten im Charmides nothwendig, ihn 
auch nach dem Thrakischen Chersones oder sonstwohin an die 
nördliche Küste zu schicken, wo er in Berührung mit diesen 
Völkerschaften kommen konnte.*) 

Wenn wir nun annehmen, dass Piaton nach Sokrates Tode, 
wie erzählt wird und nicht geradezu unwahrscheinlich ist, zu 
IBukleides nach Megara ging, dann Reisen nach dem Norden des 
Aegaeischen Meeres und nach Kreta und Aegypten machte und 
sich vorher und währenddem auch mit Pleiss um medicinische 
Bildung bemühte, so hätten wir die Zeit zwischen Sokrates Tode 
und dem Charmides -Dialoge schon genügend ausgefüllt. Diese 
Annahmen sind nicht, wie sonst bei Hermann, Steinhart, Zeller 
u. A. beliebt wird, aus den Biographien und anderen äusseren 
Nachrichten combinirt, sondern lediglich aus den Dialogen 
selbst gezogen, und es können die äusseren Zeugnisse 
dann noch zur Confirmation unseres Resultats gebraucht 
werden. Wir bedürfen ihrer aber kaum, weil Platon's ganze 
Schriftstellerei so subjectiv und persönlich ist, dass ein auf- 
merksamer Leser überall die Spuren seiner Erlebnisse und Be- 
ziehungen auffinden wird. 

Ob Piaton aber in dieser Zeit auch nach ^^.^^ ^^^^ 
Kyrene zu Theodoros ging, ist nicht leicht zu sagen. Kyrone aufui* 
Mit einer völligen Unerfahrenheit urtheilt Hermann '* *"' 



'*') Zu den Thraciern schickt ihn aach Clemens Alex., und des Cicero 
Worte: nltimas terras lustrasse Platonem aocepimus passen sehr wohl auf 
Thracien und Aegypten. 



236 

über diese Fragen, indem er sagt*): ^Wir folgen um so lieber 
der natürlichen Ordnung der Lage, als uns der älteste 
Zeuge, Cicero, ausdrücklich versichert, dass Piaton erst nach 
Aegypten und dann nach Tarent und Sicilien gereist sei. Zu- 
vörderst übrigens ging sein Weg nach Kyrene" u. s. w. 
Abgesehen davon, dass Hermann eine ^künstlichem Lage der 
Länder zu kennen scheint, da er ja von einer „natürlichen^ 
Ordnung der Lage spricht, so lebt er auch des Glaubens, als 
würden die Reisen am Natürlichsten immer so gemacht, dass, 
was im Raum nebeneinander liegt, in der Zeit nacheinander 
ohne Umwege besucht würde.**) Wer aber überhaupt etwas 
gereist ist, weiss, dass die Reisegelegenheit sich um Nachbarschaft 
oder Entfernung von zwei Punkten gar nicht kümmert. Oft 
kommt man von Gibraltar nach Athen am Schnellsten, wenn 
man über Alexandrien und Constantinopel geht. So war es 
j^iachdem auch für Piaton näher, von Naukratis nach Athen 
und von Athen nach Kyrene zu fahren, als direct von Naukratis 
nach Kyrene; denn dies hängt gar nicht von der Lage dei 
Punkte ab, sondern von der Regelmässigkeit oder Häufigkeil 
der Handelsverbindung. Es ist darum naiv, wenn man den Ath 
vor sich hinstellt und nun dem Piaton am liebsten seine Reisei 
mit dem Cirkel vorrechnet, wie er sie am Kürzesten zurücklege] 
könne. Dieser Gesichtspunkt muss vielmehr gänzlich bei Seil 
bleiben, und es ist viel klüger, von den Historikern des Alter- 
tbums sich über die gangbarsten Handelswege aufklären zu lassen: 
da doch Piaton nicht immer mit einem ihm zur Verfügung g< 
stellten Kriegsschiff reiste. Es ist mir aber überhaupt sei 
fraglich, ob Piaton jemals in Kyrene gewesen ist; denn ich find^^ 
in den Dialogen keine Spuren von Land und Leuten von Kyrene ::=^ 
die Persönlichkeit des Theodoros und seine Wissenschaft konnt^^ 
Piaton aber auch in Athen kennen lernen, wo Theodoros, wi^^ 
Piaton selbst berichtet (Theaet. p. 143 E), vor einem grossenr» 
Kreise von Jünglingen Geometrie docirte. 

Also gebe ich Kyrene gänzlich auf, da diese Reise nur au 
dem Berichte des Hermodorus beruht, der ihn von dort (excZ^cy] 







♦) Gesch. u. Syst. d. Piaton. Phil. S. 52. 
**) Aehnlich denkt sich dies Suse mihi Genet. Entw. I, S. 481 „Im 
Uebrigen aber bleibt es immer am Naturgemässesten, Piaton von 
Gyrene nach Aegypten reisen zu lassen." 



d87 

nach ItaHen schickt^ wogegen sich mit Recht die meisten neueren 
Biographen auflehnen. 

§ 3. Charmides. 

Dass dieser Dialog nach den Memorabilien Xenophon's ge- 
schrieben ist, habe ich oben S. 44 ff. gezeigt. Er muss also etwa 
393 vor Christo yerfasst sein. 

Die Reihenfolge der Dialoge Oharmides, Protagoras, Staat 
kann man anch aus der Behandlung des Begriffs der Tugend 
oder a(oq>qoaiiv7] erkennen. Im Charmides nämlich scheint die 
iXwq>Qoa^] als Weisheit noch alle Tugend in sich zu fassen; im 
Protagoras wird dagegen der unterschied der Tugenden schon 
als Problem aufgeworfen ; im Staat wird die Verschiedenheit der 
Tugenden abgeleitet. 

Mir scheint dieser, sechs Jahre nach dem Tode des Sokrates 
verfasste Dialog das erste Auftreten Flaton's als selbständigen 
Lehrers imd Erziehers zu bekunden, weshalb Isokrates in seinen 
,,Sophisten'' auch sofort das Platonische Programm beurtheilt 
(vergl. oben S.' 29 ff.). Piaton bezeichnet darin auch ohne Um- 
schweif die Qrenze, bis zu welcher Sokrates gelangte, und stellt 
die Aufgabe der über Sokrates hinausgehenden, auf absolute 
Erkenhtniss gerichteten Forschung. "Wenn er die Lösung einem 
grossen Mann vorbehält, so mag er im Stillen an sich gedacht 
haben; der Ausdruck ist aber nicht unbescheiden, weil man 
damals, wo noch keine grösseren Arbeiten von ihm erschienen 
waren, überhaupt nur auf . die Grösse und Schwierigkeit 
des Problems aus dieser Ausdrucksweise schliessen konnte, 
während wir jetzt allerdings aus den glücklich erhaltenen Schriften 
wissen^ dass er die Lösung der Aufgabe selbst vollzogen hat 
und sie daher damals wahrscheinlich schon im Sinne trug, wenn 
auch zwischen Aufgabestellung und Lösung immer ein be- 
trächtlicher Unterschied bleibt. 

Es ist einleuchtend, dass die. eigentlichen Sokratiker in 
diesem Dialoge Platon's eine Arroganz und eine Undankbarkeit 
gegen Sokrates sehen mussten, sofern Platpn in der That die 
Sokratische Weisheit nur zum Schwungbrett benutzte, um sich 
über ihn zu einem viel höheren Standpunkt zu erheben. Darum 
muss man sich klar machen, dass Piaton die drei Begriffe, in 
denen der Piatonismus wesentlich besteht, hier schon problematisch 
oder als Aufgaben angedeutet hat. 1. Das Subject des Erkennens 



-> 



_ .) 



888 

und das zugehörige Object muss als zusammenfallend erwiesen 
werden (p. 167 — 168 B), was Piaton später durch, die Ideen- 
lehre beantwortet, welche das Subject- Object enthält. 2. Das 
Vermögen (dvvafxig) muss ein reflexives Verhältniss za seinem 
Wesen {ovaicc) haben (p. 168 B — E), was später in der Teleo- 
logie und den Begriffen ov evena und €V€Kd rqv und in der 
qyvaig und der Definition der '^dovq und der Paruaie gelöst wird, 
wie es dialektisch sub 1 gelöst wurde. 3. Die Bewegung QuvtjaLg)^^-) 
muss sich selbst bewegen p. 168 E. Hier erkennt man sofortz^^H; 
das Problem für die Seele als Princip der Bewegung^ — Ma; 
darf also sagen, dass in dem jungen Piaton wirklich schon 
Probleme lebendig waren, die er im Laufe seines. Lebens löste r 
denn das zweite Problem umfasst ja auch die gesammte 
und Politik und begründet das sich in sich vollendende und si 
selbst erhaltende Leben, als dessen Wächter er noch in dem 
letzten Werke die nächtliche Versammlung der Greise . bestellt 
Während wir aber mit unserer vollen Erkenntnlss Platon's di 
perspectiyischen Linien des Zusammenhangs zwischen Lösun 
und Problem leicht überschauen, so müssen die Zeitgenosse 
ebenso rathlos und unfähig (advvavog 169 C), wie.Biitiaa, vor 
der Aporie gestanden haben und Xenophon erst recht, der sein 
Weisheit wohl zum Theü den Gesprächen {ofukiai) des Kriti; 
entAommen hatte und dessen ganzer Sokratismus hier .als unnü 
zu Wasser wurde. 

§ 4, Protagoras. 

Die chronologische Bestimmung dieses Dialogs habe i< 
im ersten Bande der „Fehden" gegeben. Er ist zwischen Xen^ -^o- 
phon's Memorabilien, auf die er, wie in diesem Bande gezeigt -^8* 
wird, polemisch Rucksicht nimmt, und dem Staat geschriebc^s^Sß- 
Dass er dem „Staat" auch inhaltlich voranzuschicken sei, karz^Kom 
Niemand bestreiten. 

i 

Dier Protagoras wurde dann sofort vpn dem Sehnst^ -^=^6^ 
Simon und der ganzen Clique im Peiraieus, von Antistlien^ ßs 
und Euthydem, ebenso auch vonisokrates in der Sophisi 
rede angegriffen. 



23» 



§ 5. Staat erste Hälfte. 

Die Abfassung der ersten fünf Bücher des Staates habe ich 
im ersten Bande chronologisch bestimmt. Sie ist zwischen 
^Protagoras^ und Ekklesiazusen als Grenzen, einge^cbloßoen. 
Ich muss dabei bleiben, dass auch daiS. fünfte Buch schon 
vor den Ekklesiassusen vollendet war, weil die yqu mir 
,(L 1. S. 19) angeführten Verse des Aristopbanes eine geradezu 
wörtliche Beziehung auf dasselbe enthalten und gar niofat. anders 
zu erklären sind. Trotzdem verkannte ich nicht^ dass im fünften 
Buch auch Anspielungen auf Aristophanes vorkommen; denn 
wer auch nur ein weilig Ueberlegungskraft besitzt, muss be- 
merkei^j dass „Staat^ p. 452 B, D und 457 B auf einen 
Komiker , und also doch wohl auf Aristophanes. hindeuten. 
Allein wenn wir das Symposion vergleichen, so ist ja ersichtlich, 
dass Aristophanes zu dem ausgewählten Kreise gehörte, mit 
welchem Piaton verkehrte, und es wird uns doch auch noch 
ausdrücklich überliefert, dass Piaton an den Komödien d^s 
Aristophanes Geschmack gehabt habe und dass sogar das be- 
kannte hübsche Epigramm auf ihn von Piaton herrühre. Ob 
dies letztere nun wahr ist, kan^i uns gleichgütig sein,^ ebenso 
ob man die Komödien auf 8einen;i Bette fand; jedenfalls wird 
es uns, wenn man diese im Ganzen sicherlich j^eundlichan Be- 
i^iebungen vor Augeu hat, verständlich,: dass Piaton seine Ideen 
in seinem Freundeskreise schon früher geäussert und dabei die 
zugehörigen Eaillerien des Komikers habe aushalten müssen. 
Mithin wird er sehr gut gewusst haben, dass der humoristische 
Dichter eine Komödie darüber im Schilde führte, und konnte 
im Voraus auf den etwa zu erwartenden*) Spott hinweisen; 



*) VeiTgL p. 452 B av foßrjTs'op tw rcjr ;|f«^««»^ÄM' cxtafipMra, oca 
otal oia av eXnoitv. Die Furcht geht bekanntlich auC die Zukunft und 
nicht auf die Vergangenheit. Aristophanes wird beim Becher T^ein auch 
'WÖhl seine Witze über das Keiten der Weiber in cyui^cher Weise 
^niacht haben, und Flatbii deutet gaUz bestimmt darauf hin, däss Aristo- 
phanes sich wohl die Hoplitenausrtistung und das Reiten der We^iber nicht 
würde entgehen lassen {nal ovk ilaxpiTra nßqi trjv. niw. ^itop a^ifftp xal 
XTtncofi/ oxfiffBt^ p. 452 C). Er bittet ihn aber zugleich . darum , nur das 
Schlechte und Unvernünftige und nicht das wirklich Nützliche in's Lächer- 
liche zu ziehen und blickt also nicht auf eine 9chon fertige Komödie 
zurück. 



denn wenn er auch wegen der freundlichen Beziehungen 2u ihm 
keine so gefahrliche und verleumderische Anklage, wie Sokrates 
in den Wolken erfuhr, zu erwarten hatte, so konnte doch der 
junge Aristokrat, der mit dem Selbstbewusstsein eines Solon 
auftrat und dabei horrible Neuerungen auskramte, mit Sicher- 
heit den Spott des alten und nicht gerade rücksichtsroUen 
Komikers Toraussehen und sich schon durch eigene Herror- 
hebung der komischen Seite seiner Sache zu decken sucheü. 
Die Befürchtungen Platon's trafen aber nicht ganz in der 
Weise ein , wie er erwartete ; denn z. B. die Nacktheit der 
Weiber, welche er forderte (457 B) und fiir einen gefährlichen 
Angriffspunkt für die Komödie hielt, haf Aristophanes nicht mit 
Yerwerthet. Je genauer man die Hindeutungen bei Piaton im 
Einzelnen betrachtet, desto deutlicher sieht man, dass er im 
fünften Buche die Ekklesiazusen noch nicht kannte. Piaton 
war ja selbst ein Archilochos und wusste daher sehr wohl, was 
Yon seinen Entwürfen dem Komischen zur Beute fallen konnte; 
da die Komödie des Aristophanes aber nicht blos eine Reihe 
Yon lustigen Bemerkungen enthielt, sondern eine bestimmte 
Vs,he\ (aiSaTaaig twv TTgayf^Autov nach Aristoteles) hatte, so 
mussten eine Menge witziger Einfälle von vomherein weggelassen^ 
werden, die über Platon's neue Gesellschaftsconstruction sich, 
sonst hätten einstellen können, und es kann uns daher gerade 
diese Incongruenz zwischen dem, was Piaton erwartet uiid^ 
Aristophanes wirklich thut, das Judicium bieten, dass Platott^^ 
auch das fünfte Buch vor der Aufführung der Ekklesiazusei»' 
yerfasst hat. 

§ 6. Euthydem. 

Nach Vollendung der ersten Hälfte des Staates ging Plato»^ 
daran, die inzwischen erschienene Sophistenrede des IsokratcE^ 
und die Angriffe seiner eristischen Gegner im Peiraieus, mit> 
denen er Ton Isokrates zusammengeworfen war, zurückzuweisen^ 
Er charakterisirte die unter dem Namen der Philosophie auf-- 
tretenden Bestrebungen eines Euthydem und Antiathenes, welchem 
die inhaltsleere Form der Dialektik übten und dabei auf blosse 
Wortverdrehungen und unwürdige Sophistik und Eristik geriethen, 
und setzte ihnen Diejenigen entgegen, die sich blos praktisch 
mit Staatsgeschäften abgaben. Da nun aber Isokrates auch 
Anspruch auf Philosophie machte und doch weder als 



241 

kktischer Politiker jemals in den Gerichtshöfen aufgetreten sei, 
idem sich klug der Gefahr des persönlichen Einstehens im 
3ttstreit der Reden entzogen habe*), noch auch durch philo- 
»liische Bildung den Eristikem in privatem Gespräch ge- 
chsen sei, so müsse er mit seiner blossen Anständigkeit und 
jrlichkeit {evTtQiTteia) der Bede beiden Extremen gegenüber 
i Kürzeren ziehen und als ein blosses Mittelding dem "Werthe 
ih nur vom dritten Range sein. Piaton selbst aber stellt es 
die Aufgabe der Philosophie und Erziehung hin, die beiden 
treme zusammenzufassen, d. h. der Dialektik den rechten Inhalt 
geben, indem sie sich mit dem Guten und mit dem für das 
ben des Einzelnen und des Staates Heilsamen zu beschäftigen 
je, d. h. mit den Aufgaben, die er im ersten Theil des 
baates" zu erörtern angefangen und auf deren nächste Fort- 
znng er, wie ich im ersten Bande zeigte**), speciell hin- 
9riesen hatte. Ich will zu dem von mir und Anderen über die 
rsönlichen Beziehungen des Dialogs Gesagten noch Einiges 
slitragen. 

Zunächst sehen wir deutlich, dass Piaton den 
)krates und keinen Andern meint, wenn wir be- ^- ^^ '^•^®"' 
hten, dass Isokrates in der Sophistenrede nicht 
\ sein Ziel aufstellt, Redner heranzubilden, denn das sei 
.che der natürlichen Begabung {TÖig evqweaiv) und der prak- 
ichen Uebung (röig yeyvfÄvaafAevotg)] aber er wolle durch seine 
t^ehung die jungen Leute dahin bringen, dass sie kunst- 
ässiger (Texny>ort€Qovg) und gewandter {evTtoqoyceqovg) sprechen 
rnen, je nach dem Grade ihrer natürlichen Begabung; und 
Lzu solltiön sie alle die Normen (löeai), nach denen man Reden 
erträgt und componirt, gründlich kennen lernen und einüben, 
M dann eine möglichst genügende Bildung {cpiXooocpovvreg) 
L besitzen oder wenigstens in vielen Stücken besonnener 
oqonf4WT€Qcog) als vorher zu erscheinen (§ 14 — 19). Kurz, 
dne ganze Kunst dreht sich um Verfertigung von Reden und 
' selbst stellt es auch wörtlich als sein Ziel hin, „Redenver- 
^rtiger" (Xoywv noirjfcdg § 15) zu erziehen. Mit diesem Reden- 
irfertiger (Euthyd. 305 B, Ttoirjrrjg tüv loywv) will sich nun 
erade Piaton am Schluss seines Euthydem beschäftigen. 

*) Anspielung auf die natürliche Furchtsamkeit des Isokrates. 
'Uthyd. p. 305 E. 

**) Literar. Fehden I, S. 53. 

16 



242 

Auch auf die Zierlichkeit und Angemesseoheit 
2. Wie Piaton der EedC; die Isokrates besonders sucht , spielt 
charilkterislrt. Platon an. Isokrates hatte gesagt, man müsse mit 

Gedanken (evdvfxr^fAaai) die ganze Rede passende 
(TtQeTtovTiog^ 16) verzieren, müsse ihr schöne rhythmische un4 
musikalische Eigenschaften geben, um sie anmuthig zu machen^ 
müsse Alles hübsch mischen und ordnen (ju^ai xat va^ac) uncS 
immer das Passende {TVQenovTOjg § 13) und Gefallige (x^Q'^ 
eareQov) suchen. Piaton charakterisirt nun die Richtung döi 
Isokratischen Schule ganz in dieser Art. Mit Mass {fi&HQm^) 
wollen sie Antheil haben, sagt er, an der Philosophie, mit Mass 
(߀TQl(og) an der Politik. Wie denn ? wirft Kriton dem Sokrate« 
ein, scheinen sie Dir nicht Recht zu haben ? Denn die Behaup- 
tung dieser Männer hat doch einen gewissen Schick*)(6V7r߀7r€tay). 
Ja, sagt Sokrates darauf, das hat sie auch, doch mehr Schick 
(evTtQeTteiav) als "Wahrheit. Mit diesem Worte hat Piaton 
wirklich das ganze Wesen der Persönlichkeit und Kunst des 
Isokrates getroffen; denn es dreht sich bei ihm Alles um den 
rechten Schick, d. h. um die Eigenschaften der Gedanken, des 
Stils und der Handlungsweise, welche den herrschenden Sitten 
angemessen sind und dem herrschenden Geschmacke zusagen. 
Das Neue, Geschmackvolle und Geziemende, was, wie man sagt, 
Schick hat und gefällt, das suchte Isokrates und darum wandte 
er sich von der bäuerischen und rohen Eristik der Peiraieus- 
Männer, aber auch von der zu wissenschaftlichen und zu ernsten 
Richtung Platon's ab; denn Beide bekämpften nicht blos das 
Gemeine, welches der ganzen feineren Gesellschaft als gemein 
galt, sondern griffen diese feinere Gesellschaft selbst an und 
brachen mit den religiösen, sittlichen und politischen Grund- 
sätzen der Zeit und mit dem herrschenden Geschmack. Die 
ängstliche Natur des Isokrates aber, in sich haltlos und eitel, 
klammerte sich an den Schein und das Geltende an und 
suchte deshalb nur Lob und Ehre, ohne für die Wahrheit 
(alrjd-eia) Sinn- und Kraft zu besitzen. Ich glaube, es ist in 
dieser kurzen Charakteristik von Seiten Platon's wirklich das 



*) Die Franzosen haben dieses Wort „chic" aus dem Deutschen en^ 
lehnt, und das darin angedeutete Princip steht bei vielen ihrer Schrift' 
steller, ebenso wie bei vielen Russen besonders in Ehren. 



243 

Eigenthümliche und Wesentliche in der Begabung und Richtung 
des Isokrates herausgefunden und an's Licht gestellt. 

Isokrates hatte das Programm seiner Bede- 
^chule mit einer ßecension der Leistungen und 3. isokrates als 
der Profession der von Sokrates ausgehenden dritten Ranges. 
Lehrer eingeleitet. Er tadelte einerseits Die, 
welche das Beden wissenschaftlich lehren, andererseits Die, 
welche auf praktische Staatsklugheit ausgehen, und sucht das 
unberechtigte Uebermass ihrer Versprechungen lächerlich zu 
machen oder auf das rechte Mass herabzusetzen. Piaton zeigt 
ihm nun mit mathematischem Beweise, dass die Mitte, die er 
zwischen den strengen Dialektikern und den praktischen Rednern 
einzunehmen und dadurch als Rhetor Beide zu übertreffen hoffe, 
entweder eine Mitte zwischen zwei Gütern, oder zwischen Gütern 
und Uebeln, oder, drittens blos zwischen Uebeln sei. Nur wenn 
sowohl die Philosophie als die politische Praxis Uebel wären, 
hätte er vielleicht Recht; wenn sie aber zum Theil etwas 
Gutes, zum Theil etwas Uebles wären, würde er schlechter als 
die Einen, besser als die Andern sein; wenn sie aber drittens 
beide etwas Gutes sind, so würde er nothwendig schlechter als 
beide sein, weil er von jeder Seite nur Etwas hätte. So sei 
Isokrates in "Wahrheit nur vom dritten Range, suche aber 
den Schein, zu den Ersten zu gehören.*) Allein man müsse 
ihm nicht böse sein (ju^ xaXeTtaiveiv), müsse ihn so nehmen, wie 
er nun einmal sei; denn es sei ja nicht leicht, ihn eines Besseren 
zu belehren**), und man könne sich damit zufrieden geben, 
wenn er sich nur wacker bemühe, überhaupt etwas zu leisten, 
und auch nur ein wenig Antheil an Besonnenheit habe. So 
antwortet Piaton als ein hoch Ueberlegener auf die Angriffe 
des Isokrates, und gerade dass er keinen Aerger zeigt, sondern 
zu einer milden Beurtheilung auffordert, lässt uns sein Selbst- 
gefühl in desto hellerem Lichte erkennen, da er nicht blos 
scheinbar, sondern wirklich die Kraft des Isokrates für eine 
ihm weit untergeordnete ansieht. 



*) Euthyd. p. 306 C. xai xqlroi ovrsg r^ aXrjd'eic^ ^r^rovffi n^anoi 
^oxelv slvai. 

**) Ibid. p. 306. ov yaq ^q^iov avrw« nelffai xrX. 



16' 



m 



^. Die Reise nach Unteritalien und SyrakuS und die 

zweite Hälfte des Staates. 



Für die Chronologie der Reise nach Syrak 

indicien der haben wir ein Zeugniss von Flaton selbst; denn ^ 

Reise im 7. und bezeichnet sich als damals ungefähr vierzieiähr-fj 

9. Buche des '• 

Staates. (Brief VII, 324 A). Die Reise fand also um ^^5 

oder 388 vor Chr. statt. 
Wenn Piaton nun zuerst in Tarent den Archytas besuchte, 
so ist anzunehmen, dass er nicht nur politische Gespräche mit 
ihm führte, sondern seiner Leidenschaft für Vernunftthätigkeit 
gemäss auch ausführlich in die Mathematik und Philosophie 
einging. Mithin muss der Einfluss des Pythagoreischen Ele- 
ments in den Dialogen sichtbar werden. Dies tritt nun zuerst 
greifbar im siebenten Buche des Staates p. 530 D ein, wo 
Piaton einen Lehrsatz der Pythagoreer anführt und seine Zu- 
stimmung erklärt.*) Im neunten Buche p. 577 B erwähnt er 
auch seinen Aufenthalt bei Dionysius I.**) Es stimmt also 
Alles genügend zusammen, um uns zu überzeugen, dass die 
Dialoge in der angegebenen Ordnung abgefasst sind. 

Es fragt sich aber, ob das sechste Buch des 

Der terminus Staates vor oder nach der Reise nach Syrakus 

(fvais abgefasst ist. Dazu kann es nicht etwa dienen^ 

ciiwLiio'"whe ^^® angebliche Bedeutung des Wortes q)vaig zu 
Brauchbariceit. beachten; denn Piaton braucht dieses Wort in 

dem Sinne, wie es die alten Philosophen und die 
Hippokrateer nahmen, vom Anfang seiner literarischen Laufbahn 
an bis zum letzten Ende immer in gleichem Sinne. So ist ibm 
z. B. im sechsten Buch die Naturanlage (Potenz) die (fvms 
(p. 485 A.) und ebenso auch daö Wesen (causa formalis) 
q>toiQ (p. 490 B), wo er das, was ein jedes in Wahrheit ist, , 
also die Idee, erforschien will. Und so ist auch jede andere j 
Bedeutung der q)vGig in allen Platonischen Schriften unter- 
schiedslos vertreten, so dass ich nicht zugeben kann, däss, wie 
Einige meinen, die ersten Bücher des Staates in irgend einem 
Sinne irgend eine Bevorzugung dieses Wortes irgendwie enthielten; 



*) L. 1. 'iiis ot re livd'ayoQeLoi (paai xal tj/jlbis^ $vyxof^ovfiev. 
**) Vergl. meine literar. Fehden I. S. 110, 

. r 



846 

denn Piaton hat nie aufgehört, sich immer und in allen 
Stücken nur nach der Natur der Dinge {(pvais) zu richten und 
die traasscendenten Ideen sind nichts Anderes als das Wesen 
der Natur, und die Seele ist die Natur, und Gott ist die Natur. 
KurZy wenn nicht bewiesen werden kann, was unmöglich ist, 
dass Piaton im Anfange unter Natur den blossen Mechanismus 
(causae efficientes) im Gegensatze gegen allen idealen und 
teleologischen Zusammenhang verstanden hat, so ist auch 
jede chronologische Argumentation aus dem Worte Natur 
(ijptjais) eine durchaus yergebliche Mühe. 

Wenn wir dagegen die Polemik gegen Isokrates 
beachten, so werden wir ganz nach Athen versetzt isokrates im 
und können nicht nur sicher schliessen, dass das «•chsten Buche 

. des Stafttes. 

Buoh; in Athen geschrieben ist, sondern beinahe 
T^rmuthen, wenn nicht andere Indicien dagegen sprächen, dass 
es bald nach dem Euthydem abgefasst sei. Piaton wendet sich 
nämlich mit grosser Schärfe gegen seine Feinde, die seine poli- 
tische Befähigung bezweifelten, und antwortet ausführlich auf 
die Angriffe des Isokrates in der Helena, der die Beschäftigung 
mit der Philosophie für unnütz und den Zuhörern schädlich er- 
klärt hatte'*'), und zeigt, dass Isokrates insofern nicht Unrecht 
habe, weil allerdings das Böseste von solchen ausginge, die von 
guter Anlage wären, aber keine genügende Erziehung durch die 
Philosophie fänden; denn die grössten und stärksten Naturen 
bedürften deshalb nur einer desto nachhaltigeren Beschäftigung 
mit der Philosophie. Von kleinen Seelen ginge aber überhaupt 
nichts Grosses aus, weder im guten, noch im schlimmen Sinne. 
Und das sei das Traurige in Athen, dass die Jugend yin den 
Bathsversammlungen, den Gerichtshöfen, den Theatern, den 
Heerlagern und in allen Volksversammlungen durch das Geschrei 
und den Lärm und das von den Felsen der Akropolis zurück- 
hallende Echo des Beifalls oder Tadels zur Unterwürfigkeit 
unter die sogenannte öffentliche Meinung gebracht würde, so 

I . I r 

*) Isoer. Helen. 5 Tte^i ratv a/^ffreov ax^tßas inlaxaad'ai 6. oi /trjSi 
%QOi h^ XQV^^f'O*' Tvyxavovffiv ovres (Xoyoi), 7. rove awovias ftdliara 
ß^'Kxovaw. Piaton. Staat VI. 487 E dvs axQriOtovs ofioXoyovfjbsv avrais 
etvcu. P. 489 B xai ort roiwv raXri&ri leyei (Isokrates), (os a/^ijaroi roie 
noXXöig oi istuundüTaTot rtov iv fpiXoaoipicL* C. rovs vno rovraw (Isokrates) 
a/^i^arovs Xeyo/iivovg «od fisreco^oXEa/ag. D. rav iyxaXovvra (Isokrates) tJ 
f&Xoaof£q Xiys&v. 



246 

dass jede gute private Bildung, die sie genossen hätten, durc^ 
den Strom des Lobes oder Tadels von Seiten der Yolksmajorits^ 
weggespült werde. Die gewöhnlichen sogenannten Erzieher un^ 
Gelehrten {aoq>iaxcu)j und damit meint er sicherlich auch d^a 
Isokrates mit, wären deshalb nur wie Miethlinge, die nicl^-^ 
Anderes lehrten als die Meinungen des Pöbels, wenn er v^-j. 
sammelt wäre, und was ihm dann beliebte, das gäben sie f|^ 
Weisheit aus, und so lehrten sie nur wie Wärter das grosse 
und starke Yolksthier zu bedienen, seinen Leidenschaften zn 
schmeicheln, seinen Zorn zu beschwichtigen und die Mittelchazi 
zu kennen, wie man es wild und sanfter macht. ^) Es ist wohl 
keine Frage, dass die dem Beifall dienende Natur des Isokrates 
hierdurch auf das Schlagendste getroffen wurde. 

Von der allgemeinen Verderbniss und knechtischen Unter- 
würfigkeit unter die Zeitströmung, die Piaton dann in pessi- 
mistischer Stimmung charakterisirt, und welcher, wie er meint, 
nichts Menschliches (avS-qwTiBiov) entgehen könnte, nimmt er 
nach dem Spruch wort nur das Göttliche (d-elov) aus, zu ■ 
welchem er sich rechnet und sich dadurch apotheosirt, im Gegen- 
satz gegen die Miethlinge, die dem Vortheil dienen (p. 492 E). 
Dass er sich hier wieder als eine göttliche Natur den Anderen 
als blos menschlichen gegenüberstellt, kann uns nicht Wunders 
nehmen; denn wir kennen diese seine Megalopsychie schon ans 
den früheren Dialogen ; doch auch Empedokles und andere grosse 
Denker und Dichter hatten ja auf das Prädikat „Göttlich" An- 
spruch erhoben, oder es war ihnen zugestanden. In dieser Po- 
lemik gegen Isokrates merken wir also zunächst keine Anspielung 
auf seine Beise nach Syrakus, sondern sehen Piaton ganz in 
seinen feindlichen Beziehungen zu der demokratischen Partei in 
Athen und zu denjenigen Gelehrten oder Lehrern, welche das 
Princip der Majorität zur Norm ihres Lebens und ihres Unter- 
richts nahmen. 

Wenn man dagegen meiner chronologischen 

oionysios I im Anordnung der Dialoge gemäss das sechste Buch 

sechsten Buche nach der ersten Reise nach Italien und Sicilien 

des Stftfttes. -n« 

setzt, so ist es nicht mehr als billig, von Piaton 
zu verlangen, dass er sich über seinen Misserfolg bei Dionysios 
vertheidige und auch ein Wort darüber sage, weshalb er sich 



*) Staat 492—493 C. 



247 

überhaupt mit dem Tyrannen in ein näheres Yerhältniss zu 
setzen versucht habe. Da man nun im Alterthum keine Vor- 
reden schrieb, in welchen dergleichen persönliche Bemerkungen 
heut zu Tage abgemacht zu werden pflegen, so müssen wir das 
Gewünschte natürlich aus dem Munde des Sokrates vernehmen, 
und es konamt nur darauf an, mit einiger Aufmerksamkeit die 
Beziehungspunkte beim Lesen nicht vorbeizulassen, sondern unter 
diesem leitenden Gesichtspunkte die Absicht Platon's bei seinen 
AeuBserungen zu merken. Unsere Methode zwingt uns, von 
Piaton eine Bechtfertigung zu erwarten ; was er aber sagen wird; 
das muss aufgesucht werden. 

Da fällt nun gleich eine Anspielung in's Auge, die uns 
zeigt, wie wir den Platonischen Gedankengang zu deuten haben. 
Denn möge es Aristipp gesagt haben, oder Dionysios der Aeltere 
selbst, jedenfalls bezieht sich das Witz wort, dass die Weisen an 
die Thür der Reichen gehen müssten, auf Platon's Reise nach 
Syrakus. Piaton führt diesen Witz, den toan auf seine Kosten 
gemacht hatte, an und musste ihn wohl anführen, da man, wie 
uns die vielen Anekdoten bezeugen, in Athen von Seiten seiner 
Gegner überall spöttisch fragte, was er in Syrakus zu suchen 
gehabt hätte. *) Wir merken bei Piaton aber keine Verlegenheit 
den Angriffen gegenüber, sondern er erklärt jene witzige Be- 
schönigung einer lohndienerischen Gesinnung einfach für unwahr 
{iil/evoaro); denn möge ein Kranker reich oder arm sein, so 
müsse er an die Thür der Aerzte gehen ; die wahrhaften Steuer- 
männer müssten von den Seefahrenden gesucht werden, und die 
für unnütze Schwätzer erklärten wahrhaften Staatsmänner {rölg 
wg akrjd^wQ yivßeQvtjfvaLQ), womit er sich meint, müssten sich bitten 
lassen von Denen, die der politischen Führung bedürften.**) 



*) Staat VI, p. 489 ß avSi rovg cotpovs ini ras t(ov nXovaUav &v^s 
Uvai, aXX b roivro xofiyjevadfievos (Aristipp) hpsvaato, Diog. L. II, 69. 
^EQomrjd'sis vno Jiovvffiov, Siä ti ol ytXoaoyoi ini ras Ta>v nXovaicov &vQas 
i^ovTtu X. T. X. und ähnlich 80 und 81. Aehnlich die Witze, die bald 
dem Aristipp, bald dem Diogenes zugeschrieben werden, Diog, L. VI, 25: 
ri, q>rj<nv, o <ro<pos eis ^ixekiav nXsvaas t(ov XQWTCBCfiav rovrtov /d^iv xrL TX 
ovv iSsi TtXetp eis 2v^axovaas\ 58. xal av ei Xdx^tva i'TcXvpes, ovx av Jiovvciov 
id'eqdneves. 

*♦) Der Cyniker Diogenes, der bald nach Sokrates Tode zu Antisthenes 
gekommen zu sein scheint, kann vielleicht in einem seiner Sarkasmen, 
womit er die Anderen mitzunehmen pflegte {xaraooßa^evaaad'ai rmv dXXaw 



248 

Indem Piaton also die unwürdige Stellang des Isokrates. zu de ^ 
sogenannten öffentlichen Meinung oder der Majorität charakterisir^ 
deutet er zugleich an, dass er selber nicht der Mann wäre^ e] 
geizig oder geldgierig sich an den reichen Dionysios zu drängei 



Seivos), auf diese sicherlich allgemein beachtete Stelle des Platonisch- 
Staates angespielt haben. Diog. L. VI, 24: ^Eksys 8i wd d}s orav 
tdrj xvßeQvrjtas iv t^ ßic^ xal iar^ovs xal tpiXoaofpovs, awercarw^t-^ 
rcav tfijofv elvai rav av&Qomov. "Orav Se ndkw — — tovs istl SoSfj -9^0^ 
nXavTip natpvcrjfievovSf ovSev /iaraiore^ov vofiCCßw av&QioTCov. Die Zu- 
sammenstellung von Steuermännern, Aerzten und Philosophen ist am 
leichtesten zu erklären, wenn man eine Anspielung auf Piaton voraussetzt 
gegen dessen Anmassung und angebliche Aufgeblasenheit wir ihn in vie/en 
Witzworten zu Felde ziehen sehen: Ilaroi rrjv IlXdrcovoe xevoffnovSiavi 
närcj rov IlXdrotvog rvfov, "Eaxtmfe a>s ansqavroXoyov, Vielleicht ist 
Piaton auch unter den ovsiQox^irae xai fidpxe&g mit gemeint, da dem Yer- 
spotter der Ideen und Schüler des Antisthenes die Platonische Weisheit 
wohl als leere Träumerei erscheinen musste. Aehnlich wenigstens beutete 
auch Isokrates des Piaton Mantik aus (vergl. oben S. 32) und Piaton ge- 
steht es spöttisch zu (Phaidros 242 ei/ü Sr^ ovv fidvrie, ov ndw U 
<r^ov9aiog), 

Diogenes müsste damals etwa 26 Jahre alt gewesen sein. Dass er 
so früh schon geschrieben, ist nicht ganz unwahrscheinlich, da die Lern- 
zeit bei einem Antisthenes nicht übermässig lang sein konnte und ein 
Angriff auf Piaton ja auch durch die Feindschaft des Antisthenes natürlich 
begünstigt war. Ich möchte auch zu vermuthen wagen, dass die 13. Rede 
des Dion Chrysostomos Tteol tpvyvß gross tentheils aus einer Schrift 
des Diogenes geschöpft ist. Dion sagt selbst p. 424 33 ife^p/Lop/ inlttva 
Xoyov a^x^^^> Isyofisvov vno rivoe ^atx^drove. Denn dies ist eben Diogenes, 
der JSofx^drfjs /iMvofievog. Der Inhalt stimmt mit des Diogenes Lehren 
und Lebensweise und Kleidung cet. ganz überein. Auch die drei, der 
iwßeqvrjTrjSf iar^de und fiXoffOfog kommen p. 426, 5 (Reiske) vor, und der 
nach dem Inhalt von ihm selbst oder Andern gegebene Titel ne^l fvyfis 
ist insofern für Diogenes gut motivirt, weil er selbst dieses Schicksal zu 
seinem Vortheil erlitten, vergl. Diog. Laert. VI. 20. iyvyaSev&rj, 21. ats 
ipvyas otv ofQfiriaa iTti rov evreXrj ßiov, 49 jtQOi rov ovei8iaavra avr^ ti^ 
tpvyrjv, ItiXXd rovrov ye ipexev ifiXoaoyrjaa. Unter den von Sotion ange- 
führten Schriften des Diogenes (D. L. VI. 80) würde der Urofxos am 
Besten passen, und da Isokrates (in der Helena 8 rjdr^ rivie rok/MSi 
yqd^eiv (oq k'ori o rotv nroJX^vovrcDv xai yevyovriov ßioe ^Xanors^ 
? o rmv clUmv av&^cmoiv) diese Schrift kennt, so müsste Diogenes schon 
sehr früh als Schriftsteller aufgetreten sein. Dion Chrysost. wird aber 
wahrscheinlich auch spätere Schriften des Diogenes mit excerpirt und 
für seinen Zweck zu einem Ragout verarbsitet haben. 

Nachträglich finde ich in der schönen Arbeit von ü. von Wilamo- 
witz-Möllendorf (Philol. Unters. IV. 1881 S. 307) über Teles die 



249 

sondern dass er nur seiner Einladung Folge gegeben habe^ was 
von der Ueberlieferung auch bestätigt wird,*) 

Ehe wir das Weitere verfolgen, möchte ich hier gleich aus- 
sprechen, dass ich nicht daran zweifle, dass die meisten der von 
Diogenes aufbewahrten Anekdoten sich nur auf den älteren 
Dionysios beziehen können und dass deshalb auch Aristipp 
und zwar wahrscheinlich gleichzeitig mit Piaton in Syrakus ge- 
wesen ist. Denn bei dem jüngeren Dionysios musste der Ton 
der Spässe anders sein, da die früheren literarischen Gäste 
seines Vaters ihm an Alter weit überlegen waren und er doch 
auch nach der Verbannung des Dion noch viele Jahre hindurch 
mit Piaton in freundlicher Beziehung blieb. Der ältere Dionysios 
aber war ungefähr gleichen Alters wie Piaton und Aristipp oder 
vielleicht alter. Da wir nun natürlich annehmen müssen, dass 
Dionysios in seinen witzigen Wortgefechten mit Piaton von 
Philistos und Aristippos nachdrücklich unterstützt wurde, so 
können wir auch das hier im Staate von Piaton Gesagte durch 
die Anekdotensammlung weiter ausführen, ohne dass wir freilich 
darin mehr als eine den Verhältnissen nicht widersprechende, 
unverbürgte Geschichte sehen. Es soll nämlich einer, vielleicht 
Dionysios oder der reiche Philistos, gesagt haben : „Wie kommt 
es, dass man die Gelehrten immer an den Thüren der Reichen 
findet? Aus demselben Grunde, antwortete Aristipp, weshalb 
auch die Aerzte an den Thüren der Kranken."**) Dies mag nun 



Bemerkung, dass Teles sich „vor Allem häufig auf die , Alten' beziehe''. 
Wilambwitz untersucht, wer diese aQxa^oi, sein könnten und schliesst 
mit der Frage: „Dass diese Alten kaum 140 Jahre alt sein konnten, liegt 
auf der Hand. Sind es etwa die a^;^aIoi xwtxoi?^ Da nun Dion Chry- 
sost. sich auf iTti rwa loyotf a(»;^a7o)/ bezieht, so scheint sich mir in der 
Untersuchung von Wilamowitz eine Confirmation für meine Hypothese zu 
bieten; denn der Dialog von Diogenes {nTta^os oder nsQl (pvyrjs) genügt, 
um sowohl die Benutzung von Teles als von Dion zu erklären. 

*) Damit stimmt auch die Ausdrucksweise bei Diogenes III. 18 r^is 
de nenXevKBv eis ^laceXlav' ^^anop fUv xarä d'sav rrjg n^aov xai ro)v x^artj^tov, 
ore Ttal ^tovvffUK o 'E^fitox^dtovs, tv^awoe Sv, tjvdyxacsv oiffre avfifii^ai 
avr^. Auch ist die Antwort in der Anekdote II. 82 ovx i'ffrt daivXog, av 
iXev&e^os jhoXtj vielleicht auf Piaton am Passendsten zu beziehen. 

**) Diog. L. II. 69 iQcmrjd'eU vno Jtowaiov, 8td ri oi fiav fiXoaotpoi inl 
lae ra)v TiXovaüov d^gag k'Qxovrcu nrk. 70. etnovros rivos ojg aei rorbs ^iko- 
iFo^p&vs ßXinoi na^a ras rcav nXovffüov S'-v^aSf x(d yaQ xai oi iaxqoij ^(Hv^ 
%a^ räis r0v voüovvroav. 



250 

vielleicht ein impertinenter Witz gewesen sein, den der Spass- 
macher riskirte; seine eigentliche Gesinnung aber tritt an der 
anderen Stelle hervor, wo er gesagt haben soll: „Als ich__ 
Bildung nöthig hatte, ging ich zu Sokrates; jetzt, wo ich Geld^ 
bedarf, bin ich zu Dir gekommen.^ *) Es mag sein, dass Platon,^ 
an diese Scherze anknüpfend, hier im Staate sagt: Der WitZ;^^. 
dass die Philosophen zu den Reichen gehen müssten, enthalt^^ 
keine Wahrheit, und die Aerzte gingen auch nicht den E[ranketr:3 
nach, sondern würden von diesen gesucht. Jedenfalls sieht maa^ ^ 
dass Piaton hier eine deutliche Anspielung auf seinen Aufenthalt 
bei Dionysios gegeben und eine Frage berührt hat, die damals 
in der literarischen Welt Alle beschäftigte. 

Hätte man nun von der Abfassungszeit des 

Es liegt keine Staates nicht die wunderlichsten Annahmen gehabt, 

auf den langst SO hätte die Anspielung auf den Witz Aristipp's 

verstorbenen ^q Interpreten zu einem weitergehenden Ver- 

ständniss des ganzen Zusammenhanges der Stelle 
veranlassen können. Denn es ist doch klar, dass die ausführ- 
liche' Darlegung Platon's, dass das Schlimmste und das Beste 
nicht von kleinen Naturen (p. 496 B aiÄiviqiz q>vaig) ausgeht, 
sondern nur von grossen Anlagen, die schlecht gepflegt imd 
verdorben werden, wieder noch eine besondere Beziehung 
erfordert. Während wir aber jetzt gleich sehen, dass Piaton 
sich darüber rechtfertigen muss, dass er sich überhaupt mit 
Dionysios, dem Aelteren, eingelassen hat, so bezog man früher 
die Stelle p. 494 B ff., von welcher wir jetzt zu handeln haben 
und die, wie Alle merkten, entschieden voller Anspielungen 
steckt, mit Schleiermacher**) harmlos auf den Alkibiades, weil 
man sich einbildete, Piaton hätte zeitlebens nichts Besseres zu 
thun gehabt, als immer an die alten Geschichten der mit seinem 
Liebhaber Sokrates verlebten Jugendzeit zu denken, wie eine 
alte Jungfer, der es nur in ihren Blüthenjahren einmal glückte, 
von einem angesehenen Manne vorübergehend geliebt zu werden. 
Es ist nicht nöthig, diese Annahme noch ausführlich zu 
widerlegen, obgleich die Vertreter des alten Standpunkts der 



*) Ibid. IL 78 07t ore fjiev ao^iae iSeouijv, r^itov na^ tov JSantqatriV' 
vvv 8e /^J7/MaT£»»' Seofievoe naga <re ^xa?» 

**) Z. B. auch Stallbaum ad 1. Vix dubites, quin —- — ob oculos 
habuerit Alcibiadem cet. Ebenso Susemihl Genet. Entw. II. 184. 



251 

Platonerklärung immer verlangen, dass man ihnen erst alle 
ihre früheren Irrthümer mit vieler Zeitvergeudung ausreden 
sollte, ehe sie das Eecht ertheilen. Neues an die Stelle zu 
setzen. Allein hier haben sie ja auch nur eine Yermuthung, 
die nur an dem Zipfelchen flatterte, dass Alkibiades auch eine 
grosse Natur besass und später verdorben wurde. So zutreffend 
diese Charakterisirung auch ist und so gern ich einräume, dass 
die Beziehung auf Alkibiades besser ist, als gar keine Beziehung : 
so fehlt doch die Möglichkeit, sie im Einzelnen durchzuführen; 
denu, um nur eins herauszuheben, wer wären denn die Leute 
gewesen, die kein Mittel gescheut hätten, um Alkibiades von 
dem Einflüsse des Sokrates zu befreien? Wann wäre denn 
Sokrates überhaupt im Staate durch Alkibiades mächtig gewesen ? 
Welche Afterphilosophen hätten sich denn, nachdem des So- 
krates Einfluss ^fl'hin war, an Alkibiades gedrängt, um die ver- 
waiste Stelle der Philosophie einzunehmen und von der Herr- 
schaft des Alkibiades Yortheil zu ziehen? 

Wenn wir aber auch mit richtigerem Tacte, 
den Beziehungspunkt in Platon's G-egenwart suchen Auch an d«n 
so dürfen wir uns doch nicht verleiten lassen, jongeren Diony- 
wegen der Worte „wann er älter geworden" an denken, 

den jüngeren Dionysios zu denken; denn da 
Piaton sich an die von ihm geschilderte Persönlichkeit machte, 
um ihr zu sagen, dass keine Vernunft in ihr wohne, war es 
eben nach dem Zusammenhang seiner Schilderung schon ein 
älterer Mann, während Piaton bei seiner zweiten Fahrt nach 
Syrakus, wie er selber sagt*), nur mit jungen Leuten zu thun 
hat, deren Unbeständigkeit er fürchtet. Auch ist hier an 
unserer Stelle nur von Einem (Dionysios) und Einem (Piaton) 
die Rede, während bei der zweiten Fahrt Dion neben Piaton 
immer mitspielt und die gleichalterigen Verwandten des Dionysios 
auch in Betracht kommen. Kurz, es dreht sich bei der zweiten 
Beise um ganz andere Verhältnisse, als bei unserer Stelle. 



*) Epist. VII. 327 D. tijv veorrjra xai ttiv iTtid'vfiiav ttjv Jiowaiov 

^iXotro^iae te xai naiSelas rovs rs avrdv aSeX^iddvs xai rove oixeiove 

d>£ evTta^dxXrjroi eUv n^og rov vn ^fAOV Xsyofievov aei koyov xai ßiov xtL 



2S2 



Genauere Auslegung der Stelle. 

Um nun die eben nur angedeuteten Beziehungs- 
t Zeit der Reise punkte deutlich aufzufassen, wollen wir die Stelle 

nacli Vollendung ... r^ 111 

des ffonften genauer nach ihrem ganzen Zusammenhange durch- 
Buciies des crehen. Piaton erzählt uns im siebenteii Briefe, 

Stantes* 

dass er nach Vollendung des fünften Buches des 
Staates zum ersten Male nach Syrakus gegangen sei. Eine 
deutlichere Zeitangabe lässt sich kaum denken. Er sagt: „Ich 
fühlte mich gezwungen, es auszusuchen, als ich (im fünften . 
Buche) die richtige Philosophie lobte, dass mau durch diese ^ 
alles staatliche und alles private Recht begreifen kann, uncLl 
dass darum die menschlichen Geschlechter nicht eher ein End 
ihrer Leiden finden werden, als bis das Q-eschlecht der richti 
lind wahrhaft Philosophirenden an's Ruder käme oder die 
den Staaten Herrschenden durch eine göttliche Fügung wahr — 
haft philosophirten."*) „In dieser Gesinnung (fährt er fort) kan — :: 
ich nach Italien und Sicilien, als ich dorthin zum erstem^ 
Male gelangte." Mit diesen Worten ist auch ein für alle Ma^ 
die Meinung abgethan, als ob Piaton schon vor oder gleich nac] 
seiner ägyptischen Reise oder nach der angeblichen Reise 
Theodoros schon in Italien gewesen wäre. Nein, seine erste 
Reise nach Italien war dieselbe, die ihn zu dem 
älteren Dionysios nach Syrakus führte, und diese fand, 
wie er selber in seinen Memoiren sagt, nach Vollendung des 
fünften Buches des Staates statt. In Italien findet er dann 
gleich die Ueppigkeit des Lebens, die Italischen und Syra- 
kusischen Mahlzeiten und unaufhörlichen Liebesgenüsse und 
gewinnt schon auf seiner Fahrt nach Syrakus zu der früher in 
Athen erworbenen und (im fünften Buche des Staates) aus- 
gesprochenen Erkenntniss noch die neue Einsicht, dass bei 
solcher Lebensweise ein beständiges Schwanken der Verfassungen 
zwischen Tyrannis, Oligarchie und Demokratie eintreten müsse**), 



*) Erief VII. 326 A. Staat V. p. 473 D. 

**) Brief VII. p. 326 D. tovra 81] ngoe rots ngoa&B diavo&v/uvoi 

(er sagt nicht, wie 326 A Xe'ysiv ^ayxda&riVi sondern 8iavoovfievos, 

d. h. er hatte diese neue Ansicht nur in seinen Gedanken, sie war aber 

von ihm noch nicht in Schriften ausgesprochen) eig ^Qoxovaae Bieno^9r(if. 



868 

eine ErkenntDiss, die er nach seiner Bückkehr in den folgenden 
Büchern des Staates niederlegt. 

Wollen wir nun hören, wie Piaton seine Er- 
lebnisse bei Dionysios, dem Aelteren, im sechsten 2. vwruesohiofcte 
Buche des Staates erzählt! Die demokratische *berttMt** 
Majorität kann nie, sagt er, eine philosophische 
Bildung haben. Also dreht es. sich immer um einen Einzelnen, 
der zugleich die Macht besitzt. Nun gehört zur philosophischen 
Natur nach Piaton die Fähigkeit, leicht zu lernen, Gedächtniss, 
Tapferkeit und Grossartigkeit*), und diese Eigenschaften kann 
man dem älteren Dionysios nicht absprechen, wenn sie auch 
später in seiner Verderbniss nur in verkrüppelter Gestalt zur 
Erscheinung kamen. Demgemäss werden nun, sagt Piaton, 
sowohl seine Freunde, als auch die Mitbürger, sobald sie die 
Eigenschaften dieser igrossen Natur in ihm erkannten, in ihrem 
eigenen Intetese den Wunsch haben, sich seiner zu bedienen, 
wenn er älter geworden, und werden ihn bitten und ehi'en und 
ihm anliegen, indem sie ihm schmeicheln und im Voraus schon 
für sich seine zukünftige Macht in Beschlag nehmen.**) Dies 
bezieht sich auf die Vorgeschichte des Dionysios, ehe er zur 
Tyrannis gelangte, und über diese Vorgänge haben wir den 
Bericht des Diodor, der uns namentlich die Bemühungen des 
Philistos, des späteren Gegners Platon's, genau in dieser 
Weise beschreibt. Denn als Dionysios bei seinem ersten Auf- 
kommen die Feldherren anklagte und zu einer Geldbusse ver- 
urtheilt wurde, ermunterte ihn der reiche Philistos, zahlte alle 
Bussen für ihn und forderte ihn auf, nur immer weiter seine 
Ziele zu verfolgen, um die herrschenden Männer herunter- 
zubringen und selbst an ihre Stelle zu kommen.***) Wie Platon's 
Worte, dass die Freunde {01 oi'/£loi) sich an ihn machen, auf 
den älteren Dionysios passen, so auch die Erwähnung der 



*) Staat VI, p. 494 A und B. 
**) Ibid. C. TtQweataXa/ußdvovres aal TtQOHoXcucevovres tt^ fiieXXovaav 
avTOv Svva/uv. 

***) Diodor. XIII 91. rwv S^ a^y^ovrcov ^fuovvrtov xov Jiotntatov xara 
Tove vofiovg ofs &o^ßovvTa, ^PÜACTog o ras loTO^iag, voTaqov avyy^dipae, 
oivaiav k'^cov fieydXriVj i^driffe rd TiooffTifia, xoUtcJ^ Jiopvci^ Tta^efcekevsTO 
Xiyeiv oua nQorj^eXro x. r. X. 



264 

Mitbürger (oi TtoUxai 494 B) ; denn nur für diesen passt es, dass 
er mit Hilfe der demokratischen Partei an's Kader kam. 

Charakteristisch ist nun zweitens gerade für die 
3. Die poii- Zeit der Platonischen Reise die folgende Be- 
titohen merkung, dass der Tyrann, der inzwischen in der 

Diony8io8. grossen Stadt Syrakus zu Macht gekommen, sich, 
von Eitelkeit und leerem Hochmuth ohne Einsicht 
erfüllt, der ausschweifenden Hoffnung hingegeben habe, als 
würde er im Stande sein, die Politik der Hellenen und Bar- 
baren zu leiten.*). Denn gegen die Karthager hatte er ja 
schon nach manchen Wechselfällen in den grössten Schlachten 
glücklich gekämpft und erst vor Kurzem (392 a, Chr.) den 
barbarischen Eeldherrn Mago zum Abzug vermocht. Dass er 
aber auch die Griechen in den Bereich seiner Politik zu 
ziehen gedachte, wird nicht nur von Diodor bezeugt, der seine 
Absichten auf die Dynastie über ganz Sicilien und über die^ 
Hellenen in Italien darlegt**), sondern zeigt sich auch au 
dem Eathsbeschluss von Athen, durch welchen Dionysios, mi 
dessen Tyrannenhofe, wie E. Curtius sagt***), der attisch 
Demos sympathisirte, im Jahre 393 a. Chr. geehrt wurde, wi 
auch durch die Gesandtschaft der Spartaner, welche für Hato 
einen üblen Nebenerfolg mit sich brachte, 
4. Schwierigkeit Nicht ohne humoristische Stimmung kann 





und docii nun lesen, was Piaton über seinen Versuch, de 
Dionysios zu ge- Tyrannen für seme m der ersten Haltte des otaate 

winnen. entwickelte ideale Weltaufifassung zu gewinnen, be- 

richtet. „Wenn" , sagt er, „sich nun einer (Piaton) behutsam 
einen Mann von solcher Gemüthsbeschaffenheit heranmacht um 
ihm die Wahrheit sagt, dass keine Vernunft in ihm sei, dass er 
sie aber nöthig habe, und dass er sich, um das, was er nichi^:==^ 
besitzt, in seinen Besitz zu bringen, dem philosophischen üntei 
richte hingeben müsse, glaubst Du, dass er da ganz geschwin< 





*) Staat VI p. 494 C. ag ov nXrjgofd^ffead'ai a/nrixdvov iXniSog, tjyotF^ 
fievov xcd T« röJv ^Ekkr^(ov xai ra rofv ßa^ßd^tov txavov i'&eff&eu n^rrei^^ 
xal ini rovroie vynjlov i^ageXv avTov, üX'^lfMiriafKn) xal ^govrjfiaroB xevov avFt/ 
vov ifimnXdfuvov ; 

**) Diodor. XIV. 100. Katd 8i tfjv JSixsUav o raw JSvgoKOffüov xv^vvos 
Jioyvffios ffTtevSaw rip^ xard triv VTjffov Bvpaareütr xtü rove xax ^iToXia» 
'EkXrp^ag ngoaXaße<r&M. 

***) Griech. Gesch. ni. 531. 



866 

bereit sein würde, hinzuhören bei seinen so grossen Leidenschaften? 
Daran fehlt gewiss viel."*) 

Trotzdem würde Piaton sich zugetraut haben, mit seinem 
pädagogischen Tacte den Dionysios zu gewinnen, weil dieser ja, 
wie auch Plutarch anführt, hochgesinnt, grossartig und 
tapfer seiner Natur nach war und also die Eigenschaften be- 
sass, die nach Piaton zum Erwerb einer philosophischen Bildung 
befähigen und die durch seine Anwesenheit in Syrakus noch zu 
freierer Entfaltung gelangen mussten.**) Er sagt deshalb, dass 
es ihm wohl gelungen sein würde, den. Dionysios wegen seiner 
guten Naturanlage, die ja mit dem Inhalte der Philosophie von 
Haus aus verwandt sei, zum Verstehen bis zu einem gewissen 
Grade zu bestimmen und ihn allmälig zu biegen und zur Philo- 
sophie hinzuziehen.***) 

Was dem Piaton aber das Spiel verdarb, das ^ pj^ intHauen 
waren die Anstrengungen der durch seinen Einfluss der verdrängten 
verdrängten Hofpartei. Und zwar ist offenbar in * *'* 

erster Linie der kluge Philistos gemeint. Piaton schildert 
die Känke desselben in folgender Weise: „Was meinen wir 
aber, was Jene thun werden, die nun allen Vortheil und Freund- 
schaft, die sie von ihm (dem Tyrannen) erhofft, hinschwinden 
sehen? Werden sie nicht Alles, was sie können, thun und sagen, 
sowohl bei Jenem (Dionysios), damit er sich nicht hingebe, als 
gegen diesen (Piaton), um seiner Ueberredung die Macht zu 
nehmen, und werden sie ihm nicht im Stillen nachstellen und 
ihn auch öffentlich in Händel verwickeln? Ja, das ist ganz 
nothwendig."-j-) Diese wenigen Worte Platon's genügen voll- 
kommen, um uns in seine ganze Lage hineinschauen zu lassen. 



*) Staat 494 D TTi^ Srj cwtof Siari&e/ievip idv rig (Piaton) t^^sfut nQOüeX' 
&(ov raXrj&rj Xs'yrjf ort v<yve oim iVecrr* iv avrcp, deirai 8d, ro $i ov xrr^ov fArj 
BovXevaavri rr} xri^aei avTW, aQ eimsrie oi'ei elvai eiaaxovaai 8ta toaovTfOV 
aatuov', noXXov ye Sei. 

**) Plutarch. Dion. IV. aJr de xal nQote^ov vxprjXos r^ tid'ei xcd 
fjLeyaXoipQOJv xcd avdgcodi]:, iri /laXXov ine'dcoxe TiQoe ravTa, d'eiq Tivi 
Tvxfi nXdrawog eis ^ineXiav na^aßaXovros, Piaton. Staat 494 B ojfiol6yriT(u 
yoLQ Sri rjuiv ev/iad'eia xal fivri/iri xal avS^eia xai fieyakon^enaia Tavri^g 
etpai TTjs fvüeojs. 

***) Staat 494 D ^Eav S* ovv 8ia ro ev ne^pvxivai xai to ^vyyevie tmv 
Xoycav elg (Dionysios) ata&dvrjrai te nri xai xdfiTtrr^Tai xal SXxfittu n^oe (ptko- 
ff<Hpiav. — — 

t) Staat p. 494 E. 



566 

und wir bedürfen kaum der weiteren äusseren Zengnisde, um 
das Bild zu vervollständigen. Denn wenn Dionysios selbst sich 
zuerst Piaton gegenüber willfahrig zeigte, so ging Dion (nach 
Platon's Brief) mit dem grössten Enthusiasmus auf die philo- 
sophischen Gespräche ein und änderte seine ganze Lebensweise. 
Wie aber dieser junge Mann ergriffen wurde, so scheinen auch 
die fürstlichen Frauen und Angehörigen mit Begeisterung und 
ganzer Hingebung Piaton angehangen zu haben, was ich schon 
daraus schliesse, dass die zweite Frau des Dionysios, Aristomache, 
die Schwester Dion's, ihre beiden Töchter nach dem Vorbilde 
Platonischer Ideale mit den sonst, wie es scheint, nicht vor- 
kommenden Namen „Tugend" (AqezYi) und „Mässigung" {2o}q>QO' 
avvrj) benannte.*) Gerade diese grosse Macht von Platon's 
Persönlichkeit musste die Eifersucht des Dionysios erregen, der 
ja auch Dichter und Denker sein wollte; es ist daher höchsl^ 
glaublich, dass der Tyrann, wie wir aus Plutarch's Bericht ent- 
nehmen, es schwer ertragen habe, in Gegenwart des Hofe» 
Piaton gegenüber im Gespräch den Kürzeren zu ziehen und 
dabei zu sehen, mit welcher wunderbaren Liebe man dem Philo- 
sophen entgegenkam und von seinem . Gespräch bezaubert 
wurde.**) 

Zum Schluss will ich nur erwähnen, dass die 
Bruches mit dem von Plutarch erzählten Details über Platon's Ab- 

Tyrannen schied von Syraküs bis in's Einzelne unsere chrono- 
hait der ersten logischen Annahmen bestätigen. Denn Platon's 

BQcherdee Gespräche mit Dionysios, die zum Bruche führten, 

Staates ab. •/ / ' 

behandelten den Inhalt der ersten Hälfte des Staates. 
Die Tapferkeit und Gerechtigkeit hebt Plutarch namentliöli 



*) Solche Namen können doch sonst nur in allegorisirenden Dichtungen 
vorkommen oder bei Personen, die mit mehr Leidenschaft als Geschmack 
einer philosophischen Schule huldigen, wie denn die Puritaner ähnliche 
Namen aufbrachten. Ich weiss wohl, dass einige ^A^itri^ schreiben und 
dass ^A^xrj schon bei Homer vorkommt. Gleichwohl scheint mir die Zu- 
sammenstellung mit der zweiten Tochter 2aHpQoavvri die Vermuthung zu 
erlauben, dass hier Arete nicht die „Erwünschte" oder „Erflehte" bedeutet» 
sondern dass man geschmackloser Weise abstracte Moralbegriffe und zwar 
wahrscheinlich Piaton zur Ehre gewählt hat. In den Handschriften ßllt 
auch der Accent auf das Ende: ^Agexri. 

**) Plutarch. Dion. V. (toxb rohe- loyovs ^(ps^ev b Tv^awoe, &<rne^ 
^^eXeyxo/ievog f ^/^«ro te röle Tta^oruai 'd'av/iaffToJe anoSexofievoig rov av9^ 
xai XTjXovfievote vTtb rajv Xeyofiiviov. 



bis ¥ltema herror, und wir sehen aus seinem Seriöht, das« 
Platon seine im „Staat^ ausgeführte Lehre^ die er als der erste 
in der Menschheit gelehrt haben will, aucih in Syrakus mit 
Wärme yortrug, nämlich dass das Leben des Gerechten an sich 
selb^ selig, das Leben der Ungerechten aber xmglückselig 
^L*) Darauf begründete sich denn auch der boshafte 
Witz des Yon Philistos und Anderen gegen Platon auf- 
gestachelten Tyrannen. Denn da Dien und seine Freunde, 
wozu wir wohl auch die fürstlichen Frauen rechnen können, 
dem Philosophen ein feierliches und ehrenvolles Geleite 
zu dem Kriegsschiff gaben, auf welchem er mit dem Spar- 
tanischen Gesandten zusammen abreisen sollte, so hatte Dionysios 
diesem einen heimlichen Befehl eingehändigt, den Platon entweder 
zu tödten oder als Sdayen zu verkaufen ; „das thue", sagte er, „dem 
Manne ja keinen Schaden, da er als ein Gerechter, auch wenn 
er Sdave wäre, doch glückselig sein würde". ^) Diese hübsche 
Anekdote confirmirt also des Weiteren die chronologische An- 
nahme, dass die erste Beise nach Syrakus auf den Abschluss 
der ersten fünf Bücher des Staates folgt. Im sechsten Buche 
giebt Platon dann, wie wir gesehen haben, selber gleich im An- 
fang eine Erklärung sowohl darüber, weshalb er einen Versuch 
mit Dionysios habe unternehmen dürfen, als warum ihm dieser 
missglücken musste. 

Man denke sich nun in Platon's Stimmung ^ Hoffnung auf 
hinein. Konnte er nach der schmählichen und Dkm und den 
höhnischen Behandlung, die er erfahren, noch i«"««» »«•">««••. 
daran denken, sein Staatsideal durch einen philosophischen Allein- 
herrscher durchführen zu wollen? Oder sollte er die Vorwürfe, 
seiote ganze politische Lehre sei unbrauchbar oder gar schädlich, 
wie die Anhänger des Isokrates declamirten, als berechtigt an- 
erkennen? Ich denke, ein Platon ist solchen Schicksalen und 
solchen Vorwürfen gegenüber gewappnet. Wir sehen daher, wie 



♦) L. 1. V. 

**) Ibid. ßXaßriifaifd'iu yaq ovSip, aXX ev8<uftaviiffeiv o/ioi(oe, BiKtuov owa, 
tiqv BovXoi yivtjrcu. Der Spartanisohe Gesandte Pollis fand durch einen 
zufälligen Umstand die Gelegenheit, den boshaften Witz des Dionysios 
echt diplomatisch in der anständigsten Weise auszuführen. Er Hess den 
Platon nämlich blos in Aigina landen , wo er dann ganz von selbst als 
Athener nach dem Volksbeschluss getödtet oder unter mildernden Um- 
ständen als Sclave verkauft werden musste. 

17 



i5d 

er im sechsten Buche des Staates nur mit desto grösserer Wucht 
die gemeine Gesinnung der Anhänger der Majorität züchtigt, 
dagegen die Fahne seines Ideals hochhält und nachdrücklich und 
wiederholentlich bekräftigt, dass sein Ideal zwar schwer durch- 
führbar, aber nicht unmöglich sei. 

Allein Piaton war doch kein elender Principienreiter, der— 
durch Erfahrungen nicht klug wird und inmier wieder dasselbe^ 
Lied singt, weil er nichts Anderes gelernt hat. Nein, wir ver — 
langen noch einen menschlichen und natürlichen Grund, der i 
bestimmen konnte, seine Hoffnungen nicht aufzugeben. Es li 
nun auf der Hand, dass die innigen Beziehungen, die er mi — 
Dion angeknüpft hatte, ihn berechtigen konnten, an diesen oder^ 
mittelbar durch diesen an den Sohn des Dionysios zu denke 
Wenn wir uns nun das feierliche Geleit in Erinnerung bring 
das die fürstliche Familie in Syrakus dem scheidenden Philo- 
sophen gab, und es auch für wahrscheinlich halten, dass, wie 
man berichtet, Dion Geld zur Rückzahlung des Lösegeldes ülr 
Piaton schickte, so konnte Piaton sich füglich mit der Zukunft 
trösten und auch diese seine Hoffnungen in gutem Glauben 
gegen seine Widersacher ausspielen. Wir haben deshalb, wenn 
diesö Beziehungen von uns richtig erkannt sind, zu fordern, dass 
Piaton im sechsten Buche, wo er sein Programm, die Staaten 
durch philosophisch gebildete Herrscher zu retten, wiederholt, 
auch ausdrücklich seine Hoffnungen nicht sowohl an die lebenden 
Tyrannen, als vielmehr an ihre Söhne und Nachkommen an- 
knüpfe, die er durch Erziehung gewinnen und in seinem Geiste 
erhalten könnte. 

Dieser unserer Forderung entspricht Piaton nun vollständig 
an beiden Stellen, wo er auf das Programm des fünften Buches 
zurückkommt. Denn an der ersten sagt er ausdrücklich, dass 
kein Staat vollkommen werden könnte, bis entweder die jetzt für 
unnütz erklärten Philosophen (er meint sich und die Pythagoreer) 
zu regieren genöthigt würden, oder bis die Söhne der jetzt 
lebenden Dynasten und Könige oder sie selbst von einer wahr- 
haften Liebe zur wahrhaften Philosophie ergriffen würden.*) 
Die Söhne sind jetzt also das eigentliche Ziel der 
Hoffnung, und Piaton fügt hinzu: „Ich behaupte, dass man 
keinen Grund hat, dies für unmöglich zu halten; denn wir 

*) Staat VI, p. 499 B ^ töw intv iv Swactsian ^ ßaaiXeicue vUatv^ 
avToie ix rtvos d'elas ininvoiaq aXrjd'tvfjG yiXoaoyias alrjd'ivoe ^Qtos iftati^^- 



269 

würden ja mit Becht ausgelacht werden , wenn wir so blos 
fromme Wünsche vortragen wollten." Man sieht also aufs 
Deutlichste, däss Piaton mit bestimmtem Hinblick auf seine Be- 
ziehungen zu dem Syrakusischen Hofe spricht und auch, indem 
er die Lacher abweist, voraussetzt, dass diese Beziehungen dem 
Leser bekannt seien. 

Zugleich ist aber klar, dass die Hoffiiungen Platon's bei 
der Lage der Dinge in Syrakus nicht ganz sicher sein konnten. 
Ich glaube darum, dass die zweite Stelle, die wir jetzt betrachten 
wollen, auch dazu dienen sollte, dem Dion ein Ideal zu bieten, 
was dieser, wie ja auch die Geschichte bestätigt, wirklich auf- 
gefasst und festgehalten hat. Piaton sagt: „Darüber aber könnte 
man zweifelhaft sein, ob sich wirklich Nachkommen von 
Königen oder Dynasten fanden, die eine philosophische Be- 
gabung hätten. Wenn sich aber solche fanden, müsste man 
dann behaupten, dass sie nothwendig verderben würden? Dass 
es schwer ist, sie zu retten, gebe auch ich zu; dass aber 
in aller Zeit niemals auch nicht einer gerettet würde, könnte 
man das bezweifeln? Aber wahrhaftig! auch ein einziger 
genügt, um, wenn er eine gehorsame Stadt besitzt. Alles zu 
Ende zu führen, was jetzt unglaublich klingt." *) Da wir wissen, 
dass Dion, der sich in der Gunst des älteren Dionysios zu er- 
halten wusste, sein Möglichstes that, um den jungen Dionysios 
vor dem Verderben am Hofe zu retten, und selbst auch mit 
ausdauernder Treue an der Philosophie und an Piaton hing, 
sowie er auch gleich nach dem Tode des alten Tyrannen die 
Einladung an Piaton zu seiner zweiten Beise nach Syrakus ver- 
mittelte, so können wir aus diesen Thatsachen auf die Hoffnungen 
des Philosophen schliessen, die er beim Schreiben jener Worte 
hegen durfte; denn wenn er auch die Zukunft nicht voraussah, 
so gab doch der Charakter des Dion, seine ansehnliche Macht 
bei Dionysios und seine Freundschaft für Piaton eine Be- 
rechtigung, die auch die Eeinde nicht abstreiten konnten, seine 
idealen Staatsreformen nicht ohne Weiteres für hoffnungslos zu 
erklären. 



*) Staat VI, p. 502 A w« ovx.av rv^oiev yevofisvoi ßaaiXioov Mnyovoi, 
rj Swaarcäv rag tpvasie ^piXoüo^ot xtX. Der jüngere Dionysios war damals 
erst etwa 4 Jahre alt. Vergl. Grote, History of Greece X, 332: Dionysios 
the younger can hardly have been less than twenty-five years old at the 
death of bis father. 

17* 



Zweite Periode- 



Von der Bogründimg der Akademie bis zar 

Ankunft des Aristoteles. 

Wenn wir durch das Leben und die SchriftstellerthätigkeS. " 
Platon's eine zweite Linie ziehen wollen, um die natürliclL^c 
Grenze der zweiten Periode zu finden, so möchte wohl Niemand 
zweifeln, dass der Durchschnittspunkt auf ein Ereigniss fallexi 
muss, das die bisherige Thätigkeit des Philosophen gänzlicli 
änderte und ihn auch nachher in einer anderen Stellung erhalten 
konnte, ich meine den Tod des älteren Dionysios, das zur 
Macht Kommen der Philosophie durch Dion's Einfluss auf den 
jüngeren Dionysios und die zweite Reise Platon's nach Syrakiis. 
Mit diesem Ereigniss ungefähr gleichzeitig trifft denn auch 
Aristoteles in Athen ein, dessen frühreifes Genie einen bedeutenden 
Einfluss auf Platon's schriftstellerische Thätigkeit ausüben 
musste, weshalb ich seinen Namen für die Bezeichnung des 
Durchschnittspunktes allein hervorhebe, obwohl es zweifellos 
bleiben soll, dass die zweite Reise nach Syrakus wesentlich mit- 
wirkte, um eine Epoche in der Schriftstellerlaufbahn Platon's 
zu begründen. 

Das Charakteristische dieser zweiten Periode ist nun leicht 
aufzufassen. In der ersten Periode hatte anfanglich, d. h. im 
Charmides- und Protagoras- Dialoge, Sokrates eine grosse Rolle 
spielen müssen, weil Piaton in seinem Geiste zu erziehen und 
zu lehren unternahm und den falschen Sokrates des Xenophon 
und Antisthenes durch den wahren widerlegen wollte; da er 
aber bald von seinen politischen Plänen ganz eingenommen 
wurde, so war es natürlich, dass er dem Sokrates im „Staate^ 
nur eine schablonenhafte Figur gab. Ganz anders aber musste 
dies nach der Begründung der Akademie werden; denn ganz 
abgesehen davon, dass Piaton von seinen Gegnern als der. 



261 

welcher Sokrates zu loben pflege, geneckt war, während sie die 
Bedeutung des Sokrates herabzusetzen sich bemühten: so lag 
.auch in der Aufgabe der neuen Schule, in dem Verkehr mit 
den schönen und nach Bildung strebenden Jünglingen und den 
dabei nothwendig entstehenden Eragen nach der Methode des 
Unterrichts die natürliche Veranlassung, den Sokrates theils 
gegen die erhobenen AngrifiFe, die eigentlich dem Lobredner 
des Sokrates gegolten hatten, zu vertheidigen und zu ver- 
herrlichen, theils sich an ihn und seine Methode lebhafter zu 
erinnern und ihn doch zugleich in einer solchen Weise um- 
zugestalten, dass er nur zur Maske wurde^ unter welcher Piaton 
redete. Die Schriften dieser zweiten Periode sind deshalb alle 
Yon dem Feuer ejrfüllt, das der Lehrberuf in der Eeibung mit 
den Aufgaben der Erziehung und des Unterrichts anfachte, 
und wir brauchen sie nur der Reihe nach zu nennen, um das 
Gesagte, auch ohne an das Einzelne zu erinnern, für verificirt 
zu halten: Symposion, Phaidon, Theaitetos, Menon, Phaidros, 
Gk)rgias. Gegen Ende der Periode tritt das Lehrhafte mehr 
hervor, da wir den Timaibs doch wohl noch in diese Periode 
zu setzen haben. Alle diese Dialoge aber zeigen einen gemein- 
schaftlichen Charakter, wenn wir sie mit denen der dritten 
Periode vergleichen, bei denen der Eünfluss des Aristotelischen 
Geistes und seiner Forderungen sichtbar vidrd. 

§ 1. Die Begründung der Akademie 387 a. Chr. 

Nachdem Piaton in der zweiten Hälfte des Staates aus- 
führlich den ganzen Bildungsgang des philosophischen Staats- 
mannes erörtert hatte, war es natürlich, dass er auch eine 
bürgerlich geordnete Form der Gemeinschaft mit seinen Schülern 
suchte und deshalb die Akademie begründete, üeber die um- 
stände, juristischen Bedingungen und die Einrichtung der Schule 
verweise ich auf ü. v. Wilamowitz-Moellendorff, der 
diese Frage zuerst geistvoll und kundig behandelt (Philol. 
Unters. IV. 1881 S. 263) und auf Usener (Preuss. Jahrb. 
1884 1. S. 4 ff.), der die von jenem gewonnenen Besultate 
theils anmuthig und lehrreich zusammenfasst, theils, doch leider 
zu kurz, ergänzt; doch fürchte ich, dass nicht Alles schon so fest 
steht, als es nach seiner Darstellung scheinen könnte. 



262 



§ 2. Das Symposion 385 a. Cbr« 

Die chronologische Bestimmung des Symposio 

obdusym. Hegt ausserhalb alles Streites. Es ist interessan 

posion ein gu sehen, wic Piaton in diesem Dialoge eine Pest — 

Vorbild sein soii. Versammlung seiner Freunde beschreibt ; denn marra 

hat doch wohl richtig erkannt, dass hier nicht aAtmm 
Geschichten aus dem fünften Jahrhundert aufgewärmt werdei^ 
sollen, sondern dass es sich zum Theil wenigstens um ein Bil^« 
aus der Akademie handelt. 

Ausgesprochen hat dies schon in seinen Philol. Unters, ro :m 
Wilamowitz-Moellendorf (IV. 1881, S. 282): „Ich kam.:» 
es nicht beweisen , aber mich dünkt es fast unmittdj. 
bar einleuchtend, dass das Symposion das Gedicht ist, in 
welchem der Thiasarch des frisch gegründeten Musenvereins in 
der Akademie ein ideales Vorbild für die Festmahle seines 
Thiasos zeichnet." Und Usener 1. 1. S. 8: „Für die zugleich 
menschlich heitere und geistig erhebende Haltung solcher Zu- 
sammenkünfte hat Piaton in seinem Symposion ein classisches 
Vorbild aufgestellt, vielleicht sogar aufstellen wollen." — Es ist 
interessant, dass gerade bei dem Symposion die Erkenntniss 
sich Bahn bricht, dass Piaton nicht nöthig hat, einen alten Heros, 
den Sokrates, dichterisch zu verherrlichen, sondern dass er 
nach seiner eigenen Ueberzeugung selber der Heros ist, der ein 
göttliches Leben führt und deshalb, wo er erscheint, das Be- 
deutendste zu gegenwärtiger Wirklichkeit bringt, so dass nichts 
in der Vergangenheit daneben verherrlicht zu werden verdient 
Wenn er sich nicht mit seinem Namen Piaton einführt, so 
geschieht dies blos aus künstlerischem Interesse, um ein reicheres 
Feld von Darstellungsmitteln zu haben, weil die blosse Gegenwart 
zu arm ist, um die Fülle des Lichts, die von ihm ausstraUt, 
genügend abzuspiegeln. Für Diejenigen aber, die wie Xenophon 
und andere armselige, des Humors unfähige Köpfe nur das 
historisch correcte Bild des alten Sokrates vor Augen hatten, 
bemerkte er, dass es sich bei ihm nicht um den alten hässlichen, 
sondern um den jungen und schönen Sokrates handelte. Wie 
schwer diese humoristische Kunstform für nüchterne und pedan- 



263 

tische Naturen*) zu begreifen ist^ zeigt sich z. B. in dem Fehler- 
verzeichniss Yon Anachronismen, die ihm Athenäus vorrechnet, 
und in schulmeisterlichen j^oten, wie z. B. Susemihl ihm an- 
kreidet, dass er in den „Gesetzen" „freilich nicht sehr geschickt"**) 
als Athenischer Gastfreund sich erlaubt habe, die im „Staat" 
als Sokrates gethanen Aeusserungen auf sich zu beziehen. 

Obgleich wir aber die Deutung des Symposion auf die 
Trinkgelage der Akademie als einen grossen Portschritt in der 
Interpretation Platon's willkommen heissen, werden wir uns 
doch etwas bedenken, nun mit üsener darin sofort ein „classisches 
Vorbild" zu erkennen. Um Piaton zu interpretiren, muss man 
immer seine Lehre und seinen Charakter vor Augen haben. 
Piaton huldigte allerdings, wie der Hippolytos bei Euripides, der 
Aphrodite nicht, sondern scheint, wie der alte Goethe, ein 
Verehrer der Gaben des Dionysos gewesen zu sein; gleichwohl 
dürfen wir doch nicht annehmen, dass er bei seinem Sinn für 
Schönheit und Mass den Tumult der Berauschten und die Sinn- 
losigkeit der Abgefallenen für den normalen Abschluss seiner 
Pestfreuden angenommen habe. In seinem Symposion herrscht 
aber schliesslich ein wüster Lärm, es wird zwangsmässig massenhaft 
Wein getnmken und die Gäste liegen endlich abgefallen unter 
den Tischen.***) Da will mir nun scheinen, als müsste man 
etwas vorsichtiger über den Zweck dieses Dialoges urtheilen. Pur 
das „menschlich Heitere" in unserem Sinne hatte Piaton entschieden 
keinen Geschmack und noch weniger in der Jugend, als im 
Alter. Man sieht dies daraus, dass er in den „Gesetzen" aus- 
drücklich seine Stimme versagt, wenn Jemand vorschlagen 
wollte, dass es von Staatswegen einem Einzelnen oder einer 
Gesellschaft erlaubt sein sollte, sich zu ihrem Vergnügen zu 
berauschen; vielmehr macht er dort die stärksten Einschränkungen, 
die noch die Strenge der Kretensischen und Lacedämonischen 



*) Symp. 218 B. ol $e oixerai xal ei ne akXos iffri ßeßrjXoe re xai 
ayqotxos. 

**) Uebersetz. der Gesetze, Stuttgart, Metzler, 1861, S. 1321, No. 168. 

***) Die feineren gehen früher weg, die anderen schlafen alle ein und 

werden von Sokrates noch zur Buhe gelegt. Symp. 223 ß. i^aCfpvris Se 

xoffiaarae ^xeiv jtafinoXXove inl rae &vqag — — xal d'offvßov fieata ndvra 

elvai xai ovxerct hf xoff/u^ ovSevi ava yxd^ea&ai niveiv TtdfiTtoXvr oIpop^ 



264 

Gesetze überbieten und als Folge eine geringe Pflege dess 
Weinbaues nach sich ziehen sollen.'*') 

Vergleicht man auch noch andere Stellen, so zeigt sich^. 
dass Piaton räth, vor dem Rausch sich noch mehr wie yor aus — 
wärtigen Feinden zu hüten, dass er die Leute, die eines Führern 
bedürfen, weil sie selbst die Besonnenheit verloren, nicht besonder^ 
achtet, dass er die Schlafenden geringschätzt, weil bei ihne^ 
der Unterschied der edleren oder gemeineren Gesinnung ziemlich 
verschwunden sei, u. s. w. Kurz, Piaton würde die Berechtigun ^ 
des „menschlich Heiteren^ in modernem Sinne für ebm^^ 
hedonistische Forderung erklärt und nicht zugegeben haben. 

Gleichwohl ist es nicht eine so einfache Sache, mitPlatoi^'^ 
Stellung zu dieser wichtigen Lebensfrage ins Reine zu komm^i}. 
Piaton war eben kein rigoristischer Wassertrinker; sondere 
forderte die Hydroposien blos im Gegensatz gegen das „Leben 
und leben lassen^ der vulgären Gesellschaft, die sich schwer 
der Zucht unterwirft.**) Da er selber aber entschieden kein 
Verächter des Dionysos war, so ist es interessant, dass er auch 
dem Bausch eine ausführliche Theorie und Apologie gewidmet 
hat. Der Bausch ist ihm ein Geschenk des Gottes, das man 
nicht verachten darf, sondern richtig gebrauchen muss. Der 
Bausch erweicht die Seele, wie das Eisen im Feuer glühend 
wird; er füllt die Seele mit Muth, Alles zu sagen und zu tbun, 
was in ihr vorgeht, und kann daher dazu dienen, die Charaktere 
und angeborenen Eigenschaften der Menschen gefahrlos an's 
Licht zu bringen.***) Statt nun das gefährliche Experiment zu 
machen, einem Menschen, der der Aphrodite unterworfen ist, 
seine Gattin, Töchter oder Söhne anzuvertrauen, kann man 
leicht und gefahrlos beim Bausche prüfen und sicher erkennen, 
wessen er sich erkühnen wird nach seiner Naturanlage und wie 
weit er sich auch in diesem Zustande der Furchtlosigkeit noch 
durch die heilige Scheu zu beherrschen vermag.^) Piaton will 
also den Bausch nicht verbannen, aber er soll nur als eine 



*) Gesetze p. 674 ovx av n&eififjv ravrrjv rrjv ^prjfov. Ibid. C. »•** 
xara rbv Xoyov rovrov ovS^ afinshortov av TtoXkmv 8eoi ovf r^ivi nolsu 
*♦) Gesetze 674 A. 

***) Ibid. 660 ß. yvotvai ras fvaeie re xai ß«*« rwv ywx^» ^^ ^' 
atdci re 9cal aiffxvvrjp d'aiov foßov ttrl. 673 E. 
t) Gesetze 660 A. 



866 

ernsthafte Sache (e^^ (waTjQ ajtovdijg) zur Prüfung der Charaktere 
nnd znr üebung in der Besonnenheit dienen, weshalb Nüchterne 
die Herrschaft in den Symposien ausüben müssen, deren Geboten 
nicht zu folgen auch für einen Berauschten als das Schimpflichste 
gelten soll. 

Durch diese Betrachtungen werden wir nun in den Stand 
gesetzt, zwei ideelle Grenzlinien dnrch das schöne Kunstwerk d^s 
Dialogs zu ziehen. Denn als normal für . Platonische Gelage 
darf doch wohl nur gelten, was im Anfang mit allgemeiner 
üebereinstimmung festgestellt wird, dass Niemand zum Trinken 
genöthigt werde, sondern Jeder nur, so viel ihm genehm sei, 
nach seinem Beheben trinke; und zweitens, dass die eigentliche 
Trunkenheit für den Menschen schlimm und nachtheihg sei.'*') 
Demgemäss gUedert sich das Symposion in drei Acte; in dem 
ersten ist ein Abbild des geistvollen Gesprächs der reiferen und 
besonnenen Elemente des Platonischen Kreises gegeben; ii» dem 
zweiten tritt schon ein künstlerischer Contrast hervor, indem 
Piaton seinen Comment gegen die von Aussen hereinbrechende 
geniale Zügellosigkeit des Alkibiades in's Licht stellt. Gleich- 
wohl ist auch hier der Rausch noch auf der Stufe, dass er die 
Entbindung des Geistes zu schöner und erfreulicher Wechselrede 
nicht ausschHesst. Man kann daher sagen, dass Piaton hier die 
jüngeren Elemente vorführt, die im Feuer des Dionysos muthig 
werden, ihre geheimsten Gedanken zu offenbaren und ihr Inneres 
dem Menschenkenner zur Beurtheilung ihres Charakters und 
ihrer Anlagen in gefahrlosem Experiment darzubieten. Erst 
der dritte Act zeigt die dunkle Folie, auf der sich die Plato- 
nischen Symposien in ihrer freien und schönen Form gegen die 
gemeine Wildheit und das erzwungene Trinken und allgemeine 
Abfallen der Komasten hervorheben. 

Man könnte deshalb zwar von Wilamowitz-Moellendorff zu- 
stimmen, wenn er von dem Symposion den Eindruck eines idealen 
Vorbildes für die Festmahle des Platonischen Thiasos empfangt, 

*) Symp. p. 176 D. nardSrjlov yeyorsptu ix ijjs taxQtierjSf ori X"^^^^ 
roh ap&^{a7eois tj fUd^ ictlv, E. avyxof^^^ ndtnaq ftrj Sia fid&ijs novficacd'ai 

rfjv — — awovaiav, aXX wrm nivovxas nqoi i^Sovr^v. rotno fdv SeSox- 

rtu, nivuv ocov av ixaaroQ ßovXrj^tai, indvayxes Se firjBip elvai. Die /le&rj 
hat natürlich ihre Grade; die geringen Grade der Berauschung sind hier 
offenbar nicht gemeint, sondern nur die eigentliche Trunkenheit^ die durch 
überxxuissiges öder erzwungenes Trinken entsteht. 



266 

müsste aber einschränkend hinzufügen , dass die DärsteUnng 
wegen des historischen Eahmens der ganzen Scene in yiden 
Beziehungen nur indirect herauskommt. Platon's Kunstform ist 
eben ein Centaur, und so muss man immer von verschiedenen 
Enden anfangen, wenn man ihn ganz verstehen wilL Es gilt 
daher, noch die Seite des Streitgesprächs hervorzuheben; 
denn auf die Seite der Theorie, die in diesem Dialoge vor- 
getragen wird, einzugehen, muss für die Gelegenheit vorbehalten 
bleiben, wo die ganze Platonische Lehre in ihrer jetzt erst 
möglichen Entwickelungsgeschichte darzulegen ist. 

Nun hatte Lysias kurz nach dem Antalkidischen 
streit mit Lysiat Frieden zwei Synegorien gegen den Sohn des be- 
rühmten Alkibiades verfasst. Da die Feldherren 
selbst den jungen Alkibiades in Schutz nahmen, so vermuthet 
Blass, wie mir scheint, mit Becht, dass Alkibiades freigesprochen 
wur4a. Blass vermuthet auch, dem Inhalt der Bede entsprechend, 
dass die Vergebung des Alkibiades wohl nicht ganz unter die 
eine, noch unter die andere Gesetzesbestimmung (luTtora^iovy 
aaTQarelag) gepasst habe. Jedenfalls sieht man, wie diese 
elende Demagog das Volk zum Hass gegen die edlen Famili< 
aufreizen will, und wie er nicht verschmäht, allerlei Scandal— ^fl 
geschichten, die mit dem Inhalt der Klage nicht das Mindeste ^ 
zu thun haben, zur Anschwärzung des Angeklagten auszukrame 
und die Bichter durch das Motiv, Alkibiades würde sie a* 
lachen, aufzureizen und sie den menschlichen Gefühlen des Mi 
leids und der Bücksicht auf die Fürsprache der Feldherren un 
auf die Grösse seines Vaters unzugänglich zu machen. Dies <- 6 
pöbelhafte Diabolie ist nun ganz im Geiste des Lysias un< 
eins der Indicien, um die Echtheit der beiden Beden zu vei 
bürgen; es versteht sich daher von selbst, dass Lysias un 
Flaton Feinde sein mussten, auch wenn Flaton nicht dar&iz 
dachte, die Excesse der mit ihm befreundeten Familien be- 
schönigen zu wollen. Denn es wäre lächerlich, auch nur die 
Frage aufzuwerfen, ob nicht Piaton, wie die späteren geist- und 
gesinnungslosen Kunstkritiker, dem Lysias wegen seines schnei- 
digen Verstandes, wegen der SimpUcität und Kürze seines Aus- 
drucks und wegen der euphonischen Vorzüge in der Wahl und 
Ordnung der Wörter freundlich gesinnt oder gar ein Bewunderer 
seiner Bedekunst hätte sein können. Je unzweifelhafter diese 
Vorzüge waren, desto mehr gerade musste in's Auge fallen, wie 




267 

gefiLhrlioh ihr Besitzer der von Piaton vorgezogenen conserrativen 
und lakonischen Partei sei, da Lysias weder von sittlichem 
Ernst y noch von wissenschaftlichem Geist beseelt war, sondern 
als Demagog sich, wie Piaton dies ausdrückte, blos wie ein 
Stallknecht oder Thierwärter auf Beschwichtigung oder Auf- 
regung des grossen Yolksthieres verstand. 

In der erwähnten Synegoiie hatte nun Lysias den Sohn des 
Alkibiades als einen Menschen beschrieben, der schon vor seiner 
Mannbarkeit eine Buhlenn gehalten, am Tage mit Flötenbegleitung 
durch die Strassen geschwärmt und die Meinung gehabt habe, 
er müsse, um, älter geworden, berühmt zu werden, schon als 
junger Mann so schlecht als mögUch zu sein scheinen. Bei der 
Gelegenheit erwähnt er, dass dieser junge Mensch, indem er 
das Beispiel seiner Vorfahren nachahmte, auch mit dem 
Feldherm Archedemos, dem Triefauge, vor vielen Zeugen zu- 
sammen getrunken und unter demselben Mantel gelegen 
hätte.*) 

Während so Lysias das Andenken an . den berühmten 
Alkibiades zu schänden und ihn zu den ruchlosen Menschen 
herabzusetzen suchte, hatte Isokrates in der Vertheidigung des 
jungen Alkibiades **) die Veranlassung gefunden , die geniale 
Kraft und die wahrhaft grossen Eigenschaften seines Vaters zu 
verherrlichen. Ln Busiris aber nahm er die Gelegenheit, einen 
Streich gegen Piaton zu führen, wie ich dies in den Literarischen' 
Fehden I, Seite 121 schon dargelegt habe. Er sagt nämlich, 
der elende Sophist Polykrates hätte seine Anklage des Sokrates 
schon deshalb verkehrt angefangen, weil er eine Thatsache er- 
dichtet habe, von der Niemand etwas wisse, nämUch dass Alki- 
biades des Sokrates Schüler gewesen sei; denn statt den 
Sokrates herabzusetzen, hätte er ihn vielmehr dadurch höher 
geehrt, als Diejenigen (Piaton), welche ihn zu loben pflegen. 



*) Orat. I in Alcib. ovros yaq TtaXg fiev Sv nag l^gx^^Vf*^ '^^ yXafuovi 
noXkmv ogtovrofp imvev vtto r^ avrtp ifiaxit^ xaTansifievoSt ixcifia^e 
9e fi8& rifiBQaVf avrjßoe iraigav k'xtovy fit/iovfievos rovs savrov tiqO' 
yovovs 9cai rjyovfispos ovx av Bvvaad'ai TiQeaßxneQOs cjv Xafin^ y€Pe<r&a&, 
ei fifj pdo£ av, novfjQoraros SoSetev etvcu, 

""") Ilegl Tov ^Bvyovg 10 seqq. Die Frage über die Chronologie dieser 
Bede gilt mir noch nicht als abgeschlossen, da einige Stellen eine An- 
spielung auf die Lysianische Synegorie zu enthalten scheinen und auch sonst 
einige Schwierigkeiten vorliegen. 



268 

Wenn wir nun Platon's Symposion vergleichen, so liegt es 
auf der Hand, wie kühn er Lysias und Isokrates zusammen . 
entgegentritt; denn da Isokrates den Alkibiades wie einen weit^ 
über ihm stehenden Grossen gleichsam aus der Feme mitsi 
bürgerlichem Hespect bewundert hatte, so liess Piaton den be- 
rühmten Mann selbst auf die Bühne springen und mit denn 
rücksichtslosen Muthe der im Wein glühenden Seele dem Iso — 
krates persönlich eine so drastische Lobrede auf seinen Lieb^- 
haber, den Sokrates, halten, dass sie dem muthlosen un 
philisterhaften Bedenfabrikanten wegen ihrer idealen Wucht un 
genialen üngenirtheit auf die Nerven fallen musste und ih 
zugleich überzeugen konnte, dass hier einer den Alkibiades reddzi 
liess, der ihn entweder persönlich kannte und von ihm gekannt 
war, oder der wenigstens durch die Stellung seiner Familie mit 
des Alkibiades Charakter und persönlichen Beziehungen völlig 
vertraut war und sich seinen Ansprüchen und seinem Genie 
gegenüber als ein völlig Ebenbürtiger oder ihm Ueberlegener fühlte. 

Zugleich lag in dieser Eeplik aber auch die kühnste Antwort 
auf die verleumderische Bede des Lysias; denn Piaton scheat 
sich gar nicht, die gemeinen Vorwürfe des Lysias offen an's 
Licht zu stellen und legt den Vater des jungen Alkibiades 
{Tovg kavTov nqoyovovg) wirklich vor den Augen der erstaunten 
Leser unter den Mantel des Sokrates*); er verfehlt aber nicht, 
indem er die hinreissende Schönheit des Jünglings schildert, die 
Mannhaftigkeit und sittliche Grösse des besonnenen und den 
Jüngling verspottenden Sokrates in desto hellerem Lichte strahlen 
zu lassen, und zugleich die ideale Gesinnung des Alkibiades 
offenkundig zu machen, der von der Philosophie des Sokrates 
wie von einer Natter gebissen und wild geworden Alles und Jedes 
zu vollbringen und zu sagen durch die philosophische B>a8erei 
und Schwärmerei getrieben wurde.**) Dem Lysias aber und 
Isokrates lässt er humoristisch den Bescheid angedeihen: „Die 
Knechte und wenn sonst ein profaner und bäuerischer Mensch 
dawäre, sollten starke Thüren vor ihre Ohren legen."***) 



*) Lysias 1. 1. vno r^ avr^ ifiaritp xaraHeifievoS' Plat. Sympo*« 
219 B a/ifiecas ro ifidrtov ro ifiavrdv rtnn&v — 9ud ya^ rjp x^^f*^ — •"'• 
rov tgißtova xara«Xt,veig rov rovrov^ neQißalofv na X^i^a rovnp ttf deuftot^ 
af9 aXrj&cig xal d'av/marq^, MareMeifirjv rijv vvxra oXrjv. 
♦♦) Symp. 218 A und B. 
♦♦*) Symp. 218 B. 



869 

Es ist klar, dass die Synegorien des Lysias z,itbM«mmüng 
nicht lange vor dem Symposion geschrieben sein der synegorren 
müssen , wenn Piaton sie für seinen zweiten Act *** *''*^"' 
passend benutzen sollte. Nun sucht Blass zwar mit manchem 
guten Grunde zu beweisen, dass die Umstände „nur auf den 
korinthischen Elrieg und den ersten Auszug in demselben nach 
Haliartus 395 passen. '''*') Allein es scheint mir räthlich, die 
Umstände noch einmal zu prüfen ; denn es will nicht Alles ganz 
zusammenstimmen; da, von allem Weiteren abgesehen, der von 
Lysias beschriebene Zustand des Heeres doch nicht nach einem 
adiljährigen Frieden möglich ist. Wie soll man es sich erklären, 
dass im Jahre 396 ein Theil der Soldaten noch in anderen 
Städten liegt und sich von Wunden und Ejrankheit curiren lässt, 
ein anderer Theil aber eben nach Hause zurückgekehrt ist und 
sich seiner Geschäfte wieder annimmt?**) Dies kann sich doch 
kaum auf einen Friedensschluss, der vor acht Jahren stattfand, 
beziehen, sondern nur auf einen eben erst geschlossenen Frieden. 
Ich setze deshalb den Antalkidischen Frieden als den von Lysias 
gemeinten voraus. 

Wo aber fand nach diesem die erste kriegerische Unter- 
nehmung statt, welche zugleich die Sonderbarkeit hatte, dass es 
dabei zu keiner Schlacht kam? Auch dies scheint mir genau 
zu stimmen ; Teleutias, der Spartaner, hatte nämlich von Aigina 
ab einen kühnen Ueberraschungscoup ausgeführt und den 
Peiraieus überfallen. Während er sich der Schiffe bemächtigt, 
stürzen auf den Lärm einige Peiraeer nach Hause zu den Waffen, 
andere laufen nach Athen, um den Angriff der Feinde zu melden. 
Da ziehen denn, wie Xenophon erzählt***), alle Athener aus, um 
zu Hilfe zu kommen, sowohl die Hopliten, als die Beiter, als 
wäre der Peiraieus schon vom Feinde besetzt. Da die Spartaner 
mit ihrer Beute schon abgefahren waren, kam es zu keinem 
Handgemenge, f) 



*) Att. Beredte. I, S. 486. 
**) L. 1. 14 iv&vfieur&B 9 , o avS^se Sacaaral, ort tmv arparuorcjv ot fiiv 
Ktifn^oprag itvyxo,vov y oi Si ivSisU ovrse rtäv intrfjSsüxfv , hoI rjdatas av oi 
fiav iv raZg noXeai xarafieivapres i&BQanavovro, oi Sa oXnaS^ aneX» 
&6vr8e i(äv MHeiow inefieXotno. 

♦**) Xenoph. Hell. V, 1, 22 ndvres ^ ^A&rjvaioi tot« ißorjd^cav ^ nai 
onXlrai Hai tTtnaUf i»s T4n> IJai^itu^e eaXoMoroe. 

f) Lysias 1. L 8. fid^flP yo^ avSafUar ysyarspcu. 



270 

Mit diesen Umständen scheint es sich nun zü reimen; wes- 
halb Alkibiades sich bei der grossen Aufregung in Athen nach 
Verständigung mit den Feldherren eilends unter den Reitern 
einstellt. Und man merkt der Rede des Lysias an, wie schwer 
es ihm wird, diesen Verstoss des Alkibiades zu einer grossartigen 
Ungesetzlichkeit aufzubauschen. Er appellirt deshalb an allge- 
meine Grundsätze über Disciplin und Einhaltung der gesetzlichen 
Vorschriften u. s. w. und kann doch gar keine Handlung der 
Feigheit oder dergleichen nachweisen. Darum hat diese Rede 
eine so starke Färbung von Diabolie, weil Lysias die Motive 
hauptsächlich aus der Anschwärzung des Charakters des An- 
geklagten und seiner Verwandten entnehmen muss, so dass es 
fast scheint, als wäre sie nur gehalten, um die Aristokraten, 
öffentlich wieder zu verdächtigen und in Hass und Verachtunj 
zu bringen. Da der ganze kriegerische Auszug keine ernsthaftem^ 
Verwendung der Truppen mit sich führte, so muss Lysias di< 
Richter daran erinnern, sie möchten die Gesetzwidrigkeit 



Gebahrens des Alkibiades nicht leicht nehmen, sondern sich ir 



die Stimmung versetzen, in der sie waren, als sie noch glaubten — ; 
es handle sich wirklich um einen gefahrlichen Angriff de^^ 
Feinde.*) Mithin möchte ich annehmen, dass der junge Alki- — 
biades sich im Peiraieus als Reiter aufgespielt und vielleich^'^ 
bei der Gelegenheit dem Archestratides und dessen Freunde^m 
dort einige Unbill zugefügt habe.**) 

Das Programm der Akademie imd Lysias erotische 

Rede. 

Der Gegenstand fiir den ersten Dialog, d^:si 
1. Du Programm Platon nach der Eröffnung seiner Schule schnell; 
Akademie. ^^^ ^^^ ^^^^ Gründen sehr passend gewähL^ 
Erstens handelte es sich darum, den Gott Ero s, 
der vor dem Eingange der Akademie stand, zu feiern; dexiui 
dieser Gott, wie er auch „als ein werdender Jüngling" dargest&U^ 
wurde, stand den Gymnasien vor und galt als Stifter der Freund- 
schaft und des durch die Sitte geheiligten Liebesverhältnissas 



*) Lysias in Alcib. 15, 12 v/iae Se XQV '^V*' «vt^v yvtofjLtpf ixwra^ vj^ 
rfnj^ov ipiqBiV, iqvTteg ore ^ecd'e tiqos rove TtoXefjUovs BtcuupBwavetSf, 
""'') Lys. 14, 2 xcd vvv mi avzdv nsnovd'm xoMcie. 



271 

zwischen Jünglingen und Männern. Also war er der rechte Gott 
für die neue Schule , die ja wesentlich auf diesem Verhältnisse 
"beruhte, wie dies Piaton in den früheren Dialogen, im Char- 
mides, Protagoräs und Euthydem so schön gezeigt hatte. 
Ausserdem stand er auch in naher Beziehung zu den Musen, 
wie uns z. B. die Erotidien beweisen, die in dem von Athen aus 
colonisirten Thespiä alle fünf Jahre gefeiert wurden. Platon's 
Thiasos bildete sich aber, wie toü Wilamowitz - Moellendorff 
gezeigt hat, zu einem Musendienst, was uns auch Pythagoreische 
iBrinnerungen zuführt, da die Strasse oder enge Halle, die zu 
des Pythagoras Hause in Metapont führte, Musenheiligthum 
genannt wurde.*) Piaton wird also die Idee der Schule von 
seiner Brcise mitgebracht haben. 

Zweitens aber enthielt der Gegenstand des Dialogs auch 
nach der philosophischen Seite hin so recht das Programm der 
Akademie; denn die Liebe war der Mittelpunkt der Platonischen 
Gedanken. Während die anderen Schulen auf utilitarischen 
Motiven beruhten und materiellen Vortheil für den Lehrer, 
gute Carriöre und brauchbare Fertigkeiten für die Schüler yer- 
mitteln wollten : so ging Platon's Umgang mit den jungen Leuten, 
wie uns schon der Charmides zeigt, Ton einer erotischen Stimmung 
und Begeisterung aus und der ganze Verkehr in der Akademie 
hehält, wie uns das Symposion und auch noch der Phaidros 
zeigt, die edlen Züge dieses enthusiastischen Geistes; denn die 
Liebe der Jüngeren zum Schönen, die schliesslich zur Philo- 
sophie führt, und die erlösende Liebe der Beifen, die sie zur 
Erziehung und zum Unterrichte treibt, bilden zusammen die 
sogenannte Platonische Liebe, und diese ist das Programm der 
Akademie und der Inhalt des Symposion. 

Wie nun Lysias allem Anschein nach schon 

-, - , ... 2. Die polemi- 

im Euthydem mitgenommen war und m seiner gehen Beziehun- 
Rede über den Sohn des Alkibiades dafür den «en zwischen 

TT j- i. L "AU- A • X 1 i. Lysiat u. Platon. 

Mass gegen die hochmuthigen Aristokraten, zu 
denen Platon und seine Schüler sicherlich mitgerechnet wurden, 
wachgerufen hatte, so findet sich, wie wir gesehen haben, im 
Symposion wieder eine yornehme Zurückweisung seiner Ver- 
leumdung des berühmten Alkibiades. Es kann sein, dass Platon 
unter der Maske des Pausanias ihm auch seinen lüderlichen 



*) Diog. L. VIII. 16 Toy atsva>7tov 8e, /lovaetov dxaXovp, 



2^8 

Lebenswandel votWarf ; denn die ganze Schilderung der Tcavdrjfios 
l/t(pQodiTij und des Ttavdrjfiog ^'Eqcjq passt auf Lysias, so dass 
auch die Anspielung, dass man diese Ttavärjfiovg BQaardg durch 
das Gesetz zwingen müsse , wie wir sie schon nach Möglichkeit 
zwängen, sich der edlen Frauen zu enthalten'"), auf den Lysias 
zielen kann, der, wie Blass Q.. 1. I, 343) ausführt, dergleichen 
ruchbar gewordene unedle Verhältnisse mit Frauen hatte. Dies 
wird um so wahrscheinlicher, da Lysias darauf in einer besonderen 
Eede antwortet; denn wenn Blass diese erotische Bede auch 
immerhin in das fünfte Jahrhundert verlegt, so ist doch sein 
sicherer Tact hervorzuheben, wonach er mit grösster Entschieden- 
heit erklärt: „Dass Lysias eine solche Bede auch später noch 
schreiben konnte, wenn nicht geschrieben hat, lässt sich mit 
Nichts widerlegen" (1. 1. I, 419). Durch die von mir hervor- 
gehobenen Beziehungen wird es nun ganz einleuchtend, das» 
diese Lysianische Bede die Antwort auf die Angriffe des Pau- 
sanias ist ; denn sie enthält nichts Anderes als eine Vertheidigung* 
des Ttdvdfifwg ^'Eftogy da der Nicht- Liebende ja Der ist, welcher 
ohne die uranische Begeisterung blos auf das grosse Opfer des 
Knaben zielt. 

Wie soll man es sich erklären, dass diese in 

3. Warum die die Augen fallenden Beziehungen**), die so geradezu 
Erotikos auf das vor unseren Füssen liegen, dass man darüber 

Symposion un- stolpcm müsste, dennoch nicht bemerkt wurden? 

Es ist Pflicht, sich dies ganz klar zu machen, 
weil man doch endlich die bisherige Misswirthschaft in der 
Piatonforschung, wodurch aller Fortschritt in der Erkenntniss 
seines Systems und seiner Schriftstellerei verhindert wurde, vor 



*) Symp. 181 E x^*' ^^ '^^ rovrove tovs navBi^fwve i^aatas nqocavaf 

avroifg xad^ offoi^ dvpdfisd'a fit} i^qv. 

**) Die genauere Auöahrong aller Beziehungspankte gehört in eisea 
Commentar zum Symposion and Fhaidros; hier genügt es, an ein patf 
Beziehungen kurz zu erinnern. 1. Fausanias hatte die Festigkeit und 
Beständigkeit hervorgehoben, die eine auf Tugend begründete liebe im 
G-egensatz zu der blos auf den sinnlichen Genuss berechneten besitzt. (Syisp* 
182 G (ptXla ßeßaioSf 183 E TroprjQog ^ iaxtv ixewog b i^aari^g o näv9r}fM, 
o Tcfv atÄfiarog fmXkov ^ r^s yv^lf^ff i^wv' wd yaQ ov8i fAOVifi^og ictw, ««* 
ov fwvifiov iQcov Tt^ayfiaxog xrA.) Dies dreht ihm Lysias gerade um, inden 
er die leidenschaftliche Liebe des Fausanias gegen die sinnliche, aber 



273 

Q-ericht ziehen muss. Der Grund ist aber leicht festzustellen; 
leDn das Symposion wird natürlich allgemein 386 angesetzt; den 
Phaidros aber schieben Diejenigen^ welche auch kräftige Irrthümer 
licht scheuen y in das fünfte Jahrhundert, die Anderen , welche 
dch wie Susemihl mit allerhand unklaren Yermittelungen und 
Salbheiten zufrieden geben, irgendwie in die neunziger Jahre. 
B^olglich können sie nicht daran denken, ihre Augen aufzu- 
nachen, um zu sehen, dass der Lysias im Phaidros die Argu- 
nente des Pausanias einzeln durchnimmt. 



¥ohlberechnende, als die unbeständigere hinstellt (Fhaidr. 231 A ate ixelvote 
tiv rare furafiiXsi (ov av ev noirjaofaiv, ineidar rrje inid^/iias navccttvrai' 
roTe de owc iari /^oroff* ^ ^ fierayvotvai TtQOffi^xai. ov ya^ vn* avaymjg, aXk^ 
htovxBS (Bereclmung) ntA. 232 B wd /lev Srj ai aoi Bios na^icTrptev rjyovfidptp 
X«tXsnov sJveu ^iXiav av/ifiivaiv xrX. 2. Wenn Faos. auffordert, zwischen 
den Liebhabern sorgföltig zu wählen und sie zu prüfen, ob sie auch nicht 
blos die Jugendblüthe des Leibes lieben (Symp. 134 ei xcd «aXcas ßacavüsßiv 
\tal roXe fuv x^Q^^^^^^h '^^^ ^^ Sia^evyeiv xtA.), so antwortet Lysias, in 
diesem Falle hätte der Knabe nur unter Wenigen die Wahl, wenn er 
immer nur den besten wählen wollte; bei seiner Theorie aber unter Vielen 
(PhAidr. 231 D koI gilv Brj ei fiev ix twv i^civrofv rov ßeXrtarov ai^oio, iS 
oXiyanf av ffot rj ixXeS^ etij' ei 8^ dx tiöv alXtav tov cavr^ eTtiTtjSetoraroVf ix 
fcoXkmv). 3. Während Fausanias zu zeigen suchte, dass es nicht schimpflich 
sei, dem Geliebten jeglichen Dienst zu leisten, und dass dies nicht für 
Schmeichelei gehalten werde, weil der Geliebte durch den Verkehr besser 
werden solle und die Liebe auf Tugend und Bildung begründet sei (Symp. 
184 C iVrr« yaq rjfuv vo/nog, &aneQ ini roTs ipaarak rjv dovXeveiv id'iXopra 

tjpT&vavv SovXelap TtcuBucolg /irj xoXaxeiav elvai firj8e knoveiSictov 

rjyovfievog 8i ixelvov afieivfov k'cecd'ai, xtA.), SO weist Lysias nach, dass die 
Geliebten gerade bei seiner Art von Liebe besser würden und dass jene 
Verliebten des Fausanias immer gegen die Wahrheit die Reden und 
Handlungen der Geliebten loben müssten (Fhaidr. 233 x(d fiev 8r] ßeltiovi 
ao& n^oai^i yepic&ou ifid nei&Ofiivc^ ^ i^acrfi, ixelvov /lev yaq xal naga 
vo ßihtictov rd re Xeyofieva xcd rd Ttgarrofieva inaivovc ^ xrA.). 4. Fau- 
sanias hatte daran erinnert, dass es schöner sei, öffentlich als Liebhaber 
aufzutreten, als heimlich (Symp. 182 D ort Xiyerai xdXhov ro (paveqms iqcLv 
tav Xd&q<i xrX^\ Lysias sagt dagegen, dass Jene, wenn sie Erfolg gehabt, 
damit öffentlich prahlten, er dagegen schamhaft vor Allen die Zunge hüten 
'würde (Fhaidr. 234 (n)8e ot BtoTtga^dfievoi ngog rohe dXXovs ^iXori/irjaot^eu 
<cJU' oS rwee oUaxvvo/ieroi Ttgos anavrai ciomi^covrcu). 5. Wenn Lysias aber 
hervorhebt, dass seine Gegner selbst einräumten, mehr krank, als bei ge- 
sunder Vernunft zu sein (Fhaidr. 231 D xal yaQ avroi ofioXoyovct voaeiv 
fiaXXov rj coifQovelv), so zielt dies im Ganzen auf die enthusiastische 
Stimmung des Symposion (z. B. 218 B Tidvree ydq xexotvtovrjxare rrjs (piXo- 
co^ov fiiayiae ra xal ßaHxeiae) und so auch in anderen Anspielungen. 

18 



274 

t)ie Sophistik in der Bede des Lysias ist^ wie 
*lüfL-!S*Ül!^ von selbst einleuchtet, da wir auf dem Boden der 

war Brnst g€« ' 

meint und Piaton christlichen Cultur stehen, allgemein erkannt. Es 
**'*Lwtiat.^*" ist aber doch fraglich, ob die Griechen ebenso dachten, 

und ich möchte nicht ohne Weiteres mit Blass 
sagen, dass „der Erotikos ein Erzeugniss blossen Scherzes und 
sophistischer Spielerei"*) sei; denn so gewiss wie der Pausanias 
des Piaton ernsthafte Anklagen gegen bestimmte Zeitgenossen^ 
richtet, und so gewiss wie das Leben des Lysias die gerechte^ 
Veranlassung solcher Anklagen darbot, so gewiss ist auch di^ 
trockene und sophistische Vertheidigungsrede des Lysias ernsthaft 
gemeint; was schon daraus wahrscheinlich wird, dass ein Man^ 
von etwa 64 Jahren wohl nicht als zum Scherzen aufgelegt vorauf 
gesetzt werden darf, wenn seine Natur nicht sonst als dem Humoj 
zugänglich bekannt ist. Bei Lysias aber sehen wir sonst nirgend 
Humor und geistreiches Spiel, sondern immer bitteren Ernst, 
trockene Sachlichkeit, heftige Leidenschaft. Ich glaube darum, 
dass uns nur die souveräne humoristische Behandlung, die Platon 
seiner Advocatenrede angedeihen lässt, dazu verleitet, den Abglanz, 
der von Platon's Geist auf dieses Machwerk fiel, ihm zu Gute zu 
rechnen, da es ja in den schönen Organismus der ganzen Com- 
Position aufgenommen war. 

Platon selbst aber versäumt bei seiner künstlerischen Laune 
doch nicht, den Ernst in der Absicht des Lysias offen an den 
Pranger zu stellen, indem er die ganze Wucht seiner Verachtung auf 
ihn fallen lässt; denn wenn er dessen erotische Bede als schamlos 
{avatdcog), dnjRm (evrjdTj) und gottlos {aaeßfj) bezeichnet, so 
muss die Sache doch wohl ernst gemeint sein, weshalb er denn 
auch noch hinzufügt, dass man darin einen Menschen, der 
irgendwo unter Matrosen aufgewachsen wäre, zu hören 
glaubte, und der keine edle Liebe gekannt habe.**) Es 
liegt darin zugleich eine Anspielung auf Lysias Wohnung 
im Peiraieus, und wie es bekannt ist, dass die Matrosen, 
wenn sie nach der Seefahrt an's Land kommen, sich in den 
Häfen durch Lüderlichkeit auszeichnen, so begreifen wir Platon's 
Anspielung um so mehr, als er ja seine ideale Stadt so fem 



*) Att. Beredte. I, 421. 
**) Phaidr. 243 C nun ovx av oXei avrbv ^yeUf&tu axoveiv iv ravtan 



275 

möglich von allen Häfen und rein von Matroaenvolk haben wollte. 
Mit gleicher Anspielung sagt er daher weiter ^ er empfinde das 
SedürfhisSy mit einer trinkbaren (Süsswasser) Bede das gleichsam 
salzige (durch Matrosengemeinheit wie von der See beschmutzte) 
Gehör wieder abzuspülen*), und er lässt dem Lysias den Rath 
bestellen, seine Bede wieder gut zu machen. Dass Lysias es 
aber noch einmal versucht hätte , mit Flaton wieder anzubinden, 
nachdem er so begossen war, ist nicht bekannt. Er rächte sich 
gewiss blos im Gerichtshofe dafür, indem er die Platonischen 
JFreunde schmähte und anklagte. Diejenigen aber, welche meine 
Hypothese, in dem Dionysodor und Euthydem seien die Söhne 
des Kephalos, karrikirt, nicht billigen zu dürfen glaubten, weil 
sie sich bisher ein anderes Bild von Lysias gemacht hätten, die 
werden nun wohl sich darin finden müssen, dass Piaton von Lysias, 
den er unter das gemeine Matrosenvolk stiess, doch auch ein per- 
spectivisch von dem ihrigen verschiedenes Bild in der Seele trug.*) 



*) Ibid. D ini&v/ici nori/np Xoytp olov aXfivgav axorjv anoxXvaaad'tu. 
Die oben von mir gegebene Interpretation scheint mir erst die Feinheit 
der Anspielung nnd den Gang der natürlichen Ideenassociation vollständig 
zu würdigen. Denn der von Stallbaum angezogene Athenäus III, 121 f. 
bat allerdings aXfiv^ovs Xoyovs yXvKdaw anoxXv^C'd'cu vd/iadf was sich 
auf die vorhergehenden Xoyoi, über die eingesalzenen Speisen bezieht 
(weshalb noch ibid. 121 C zu vergleichen ist Ttdvras 8a x^ '^ove Ta^ixovi 
nXvveWj oLXQi' civ ro vStag drocfiov occd yXvxv ydpTjTat); wenn man aber nun 
an unserer Stelle, wo es sich nicht um Speisen dreht, blos den allgemeinen 
Gedanken herausnehmen wollte, dass vom Seewasser Verunreinigtes durch 
Süsswasser abgespült werden muss, so würde ein Motiv fehlen, das die 
Ideenassociation zu dieser Metapher führt, und nicht nur die Feinheit des 
Vergleiches, sondern auch die Schärfe der Kritik würde verlieren und der 
individuellen Interpretation Abbruch gethan werden j denn Seewesen, 
Häfen und Matrosenrohheit werden von Platon überall perhorrescirt und 
die kühne Metapher aXfivqa axorj weist auf das axoveiv iv vavroug nov 
TBd'QafAftitfiov hin. Das nov zielt auf den Peiraieus und das Bild aXfivqd 
auf die vavxat, 

♦*) Was die Bezeichnung der Brüder Euthydem und Lysias als „Chier" 
betrifiEt, so bleibe ich bei meinem Urtheil in den Liter. Fehden I, S. 43, 
dass sie nur ironisch zu verstehen sei, wie Sokrates bei Aristophanes ein 
„Melier** genannt wird. Uebrigens würde auch, wenn man den Humoristen 
durchaus zum Historiker machen wollte, die Differenz des Geburtsortes keine 
Gontraindication ergeben ; denn um mit Clinton (Fast. Hell. II, Introduct. 
XXXIX) zu sprechen: „Epicharmus is called of Syracuse, though born at 
Cos, as Apollonios is called the Bhodian, though born at Alexandria, or 
Posidonius, the Bhodian, though born at Apamea.** — Wenn Piaton seinen 

18* 



276 

Für die Chronologie der Dialoge ist natürlich 
^laton'schoregie. das genaueste Verständniss derselben erforderlich; 

auch müssen möglichst alle Ueberlieferungen , die 
sich auf Platon's Leben beziehen, sorgfaltig aufgefasst werden. 
Nun ist aber Vieles dieser letzteren Art völlig zusammenhangslos 
überliefert, so dass man gar nicht im Stande ist, es ohne Weiteres 
unter irgend eine bestimmte Epoche in Platon's Leben unterzu- 
bringen und also für weitere Forschungen zu benutzen. So z. B.^ 
wird überliefert, Piaton habe eine Choregie geleistet und zwar aufl 
Dion's Kosten. Eine solche abgerissene Notiz erscheint nurr 
völlig unfruchtbar. Allein, wer wenig hat, muss haushälterisch: 
mit seinen Mitteln verfahren, um möglichst viel mit dem Weniget: 
auszurichten. Darum kann es nicht unsere Pflicht sein, ein.^ 
solche Notiz blos trocken aufzubewahren; nein, wir müssen 8l_< 
in möglichst guten Boden setzen und lebendige Sprossen uilc: 
Früchte treiben lassen. 

Dies führt zur heuristischen Methode. Ich fordere deshalb 
erstens Zerlegung des Gegebenen in seine einzelnen Elemente. 
Diese muss man dann zweitens combinatorisch als Beziehungs- 
punkte betrachten und dafür in dem Functionssysteme der 
Geschichte die zugehörigen Coordinaten suchen. Das Resultat 
dieser Arbeit wird dann drittens zur Wiedervereinigung der 
Elemente führen, die aber nun ein lebendiges Ganzes bilden, das 
in das Leben der Wirklichkeit durch viele Beziehungspuukte 
wie durch zahlreiche Wurzelfase.m aufgenommen ist. 

Da diese heuristische Methode aber im historischen Gebiet, 
das ja überhaupt zu der Sphäre der Contingenz gehört, nur in 
wenigen Fällen die strenge Deduction zulässt und meistens eine 
blosse Probabilität erreicht, so ist die oberste Regel, sich immer der 
Methode der Ableitung zu erinnern und die S tuf e der Gewissheit 
für sich genau festzustellen, die jeder Behauptung von Rechts 
wegen zuzuerkennen ist. Wenn man dafür gesorgt hat, so mag 
man ruhig jeden Weg gehen, der irgend eine Aufklärung verspricht; 



Sokrates im „Euthydem" vorsichtig dafür sorgen lässt (p. 288 ß), dass es 
von Seiten seiner Freunde nur nicht zu einer XoiBoq-ia komme, so nftbm 
er gewiss nicht blos eine ästhetische Rücksicht, sondern es war offen aus- 
gesprochene praktische Klugheit, weil man von dem gefährlichen Advocaten 
immer einen Process fürchten musste , und diese Leute werden damit als 
Processmacher charakterisirt, während Flaton, wie er später im Theätet 
sagt, nicht einmal den Weg zum Gerichtshofe kennen mag. 



277 

denn es giebt mancherlei Fragen, auf die man keine apodiktische 
Antwort geben kann, die aber dennoch aufgeworfen werden müssen 
und deren Beantwortung durch ein blosses q)aiv€tac den Nutzen 
liat, dass wenigstens eine neue Orientirung stattfindet und in der 
Polge dann leichter massgebende Eoiterien aufgefunden werden 
können. Von dieser Art ist nun die Frage, die ich jetzt auf- 
werfe und ohne jede bindende Beweisführung beantworte. 

Zerlegen wir zuerst die überlieferte Notiz! Zur Choregie 
gehört ein Stück, das aufgeführt werden soll, und zwar eine 
alte oder eine neue Tragödie. Dazu gehört ein Dichter. Ferner 
gehört zur Choregie ein Entschluss, also ein Motiv, das in ge- 
gebenen Verhältnissen wurzelt. Zu Dion's Geld gehört Dionysios, 
der giebt oder erlaubt. Dazu gehört ein Motiv, das auf 
gegebene Verhältnisse führt. Die Verhältnisse liegen in den 
Handlungen und Interessen und sind nach der Zeit immer ver- 
schieden. Nun zur Combination und Restruction! 

Nachdem Flaton im sechsten Buche des Staates seinen 
Misserfolg bei Dionysios berichtet und im neunten Buche die 
furchtbare Schilderung von dem Seelenzustande dieses Tyrannen 
entworfen hatte, musste Dionysios, da die Platonischen Dialoge 
in Sicilien und in aller Welt verkauft wurden, sich in einer sehr 
unbehaglichen Stimmung fühlen ; denn da er als König und selbst 
als Gelehrter und Dichter glänzen wollte und sehr eitel war, 
so konnte ihm die beständige Gefahr, von dem berühmtesten 
Schriftsteller Athens wieder überfallen zu werden, nur beklemmend 
sein. Dazu mochte kommen, dass ihm bei seiner auch von 
Piaton anerkannten grossartigen Natur auch nachträglich die 
kleinliche Behandlung, die er Piaton hatte zu Theil werden 
lassen, eine peinliche Erinnerung zurückUess. Kurz, es scheint 
(q>alvetac) mir ganz begreiflich, dass er damit einverstanden sein 
musste, dass Dion eine bedeutende Summe Geldes an den mit 
Begeisterung verehrten Lehrer schickte, angeblich zur nach- 
träglichen Zurückerstattung des Lösegeldes, zugleich aber auch 
nach der Absicht des Dionysios, um dem Philosophen in Athen 
den Mund zu stopfen. Er liess ihm wenigstens sagen, er möge 
nicht schlecht von ihm sprechen.*) Piaton erwiderte hierauf 
zwar mit dem ganzen Stolz des Philosophen, er habe nicht Zeit 



*) Diog. L. III, 21 ov fjiriv Be Tjavx^iSß o Jiovvciog' fia&ofv Bi inearetXe 
JlXdrofPi, firj xoMcäs ayo^eveiv avrov» 




_ ^7Q' 

genug, um an Dionysios zu denken ; in der That aber findet sich 
auch wirklich in den folgenden Schriften kein directer Ausfall 
{yuxyLcoQ ayogevetv) auf Dionysios mehr, was sich dadurch sehr 
einfach erklärt, weil es sein Interesse sein musste, uxn Dion's 
willen den Zorn des Tyrannen nicht aufzureizen. 

Was machte er aber mit dem vielen Gelde? Dass er es 
zurückgeschickt habe, wird nirgends berichtet. Dies war auch 
nicht nöthig, weil es ja nicht von Dionysios kam, sondern von 
seinem Liebling, dem Dion; und unter Freunden ist Alles gemein. 
Behalten aber konnte er das Geld auch nicht; er besass kein 
Schatzhaus und war auch kein Wucherer. So scheint {(palvevai 
es mir wieder ganz verständlich, dass er es zu gemeinsame 
Gebrauch der Freunde verwendete, indem er, wie berichtet wird 
dafür einen Garten kaufte und den Musen dort ein Heiligthu 
stiftete nach dem Vorbilde seiner Pythagoreischen Freunde. 
Dies war also der äussere Grund der Stiftung der Akademie 

Das Geld scheint aber so reichlich gewesen zu sein, dass ei 
dafür noch eine Verwendung suchen musste. Wenn er nun i 
erster Linie an die Philosophie und seine Freunde gedacht hatt^^ 
so lag es nahe, das Uebrige, wie dies einem hochgesinnten 
(fjieyaloq)QO(Tvvr]) Manne geziemt, dem Gemeinwesen freiwillig" 
darzubringen.*) Dementsprechend hätte er ein Kriegsschiff aus- 
rüsten können; aber es fragte sich, ob dies in seinem Sinne 
verwendet worden wäre. Es scheint (q)aiv€Tai) mir darum gar 
nicht unglaublich, dass er lieber dem Dionysos und den Musen 
Rechnung trug und einen Chor für die Tragödie zu stellen über- 
nahm**), an dem sich doch, Dion und der Akademie zur Ehre, 
auch ganz Athen erfreuen konnte. 

Aber mit welcher Tragödie sollte Piaton auftreten? Doch 
wohl nicht mit einer eigenen? Allein auch die Dichter seiner 
Zeit scheinen nicht nach seinem Geschmack gewesen zu sein; 
wenigstens ist nichts von einer Freundschaft Platon's zu einem 
Tragiker bekannt. Folglich blieb ihm nichts übrig, als eine 
alte Tragödie wieder aufführen zu lassen, was ja auch schon 

*) Arist. Nicom. Eth. IV, 4. Kai i'anv Mqyov a^errj fiayttktmqinua ^ 
fisyid'et, "Eari 8i t(Öv SaTtavrjftdrow ola Xeyofiev za zifua, olov ia ne^i t(n;c 

d'eove 9cal oca nqos zo xoivov evyiXorifirjrd iczw, oiov ei nov X^Q^Y^^* 

oiovzai Seiv XafiTtQcJs. 

**) Diog. L. III, 3. ^AUm Hai ixo^i^yrjffev ^A&i^ai JUovog avaUo- 
xovzog^ Se frjaiv ^A&rjvoSaqos iv oySoc^ ne^Ktdzafv. 



279 

lange in Athen häufig vorkam, weil die Productiyität nicht hin- 
reichte.*) Da scheint (q>aiv€Tac) es mir nun wieder sehr 
natürlich, dass er eine Tragödie wählte, die ihm selber, als er 
noch jung und für das Theater begeistert war, einen grossen 
Sindruck hinterlassen, und deren Dichter zugleich mit Sokrates 
nnd den feineren Kreisen in yertraulichem Verhältniss gestanden 
hatte. Der an philosophischen Sentenzen reiche und durch des 
Prodikos und Gorgias Schule gebildete, im Stil freilich über- 
mässig kunstvolle Agathen war also wohl für Piaton die 
passendste Wahl. Flaton spricht von ihm auoh im Frotagoras 
mit sichtlicher Sympathie; er hält ihn für würdig, der Liebling 
des Fausanias zu sein, da er eine schöne und edle Natur 
verrathe und eine sehr schöne Erscheinung abgebe.**) Dass 
Agathen für die Philosophen beachtenswerth war, beweist 
Aristoteles, der in der Ehetorik und Ethik ihn öfters als 
Zeugen citirt und Sentenzen von wirklich bleibendem Werthe 
anführt. Seine Originalität lässt sich dadurch begründen, 
dass er zuerst eine Tragödie ohne allen tradirten Mythus aus 
freier Erfindung dichtete, die dennoch Beifall gewann. ***) Den 
Adel seiner Kunst bezeugt ebenfalls Aristoteles, indem er 
ihn mit Homer zusammenstellt als ein Muster für das Idealisiren, 
da der Dichter zwar die leidenschaftliche Natur der Menschen 
ausdrücken, dabei aber ihnen zugleich doch einen guten Charakter 
geben müsse. f) Dass Piaton und die Wohlgesinnten an 
Agathen Gefallen finden konnten, beweisen die Fragmente. Z. B. 
Einen um Weisheit lieber zu beneiden als um Beichthum, ist 
schön. Einsicht ist stärker als G-ewalt der Fäuste. Wie lieblich, 



*) Ueber die Zeit, wann dieser Gebrauch aufkam, und die auf- 
gefundenen Didaskalien vergl. U. Koehler Mittheilungen des archäolog. 
Instituts ni, S. 112 ff., 131 ff. und E. Roh de Rhein. Mus. XXXVIII, 
S. 287 ff. Möchte es gelingen, auch die Didaskalien für das Jahr von 
Platon's Ghoregie wiederzufinden! 

**) Protag. 31 5 D xal fiera Jlavcaviov viov ri i'ri fieiQcixiov, cjs /mv 
iyi^/iai, HaXov re xaya&ov rrp^ ywtftv, zrjv 5* aw iSeav ndw xaXoe. k'So^a 
axavffai ovofut avr^ elvcu ^Aya^ütvaj xal ovx av &avfJtd^oifu, et yraiSixa 
Ilavcaviov xvyxdvei, wv. 

**♦) Arist. Poet. 9, p. 1451 b. 21. olov iv r^ It^ya&awos "Avd'er bfioüos 
yaQ iv Tovrcp rd re n^y/Mtra xal 'rd ovofAata neTtoirjrou xai ovSip rjrrov 
evtp^aivei, 

f) Ibid. 15, p. 1454 b. 14 roiovrove (z. B. o^yiXove) ovtas iTtietxele 
noulv, JlaQaSeiyfia axXr]^6rijtoe olov tov Vd(;|f«AA«a ^Aydd'atv xal "Ofirj^o^, 



280 

wenn die Bjnder dem Vater vertrauen und gehorchen. Wenn 
ich daran denke, unrecht zu thun, schäme ich mich vor dem 
Anhlick der Freunde. Eigene Wege suchen arheitsfrohe Naturen. 
Nicht durch Weisheit, sondern durch Unfall fehlen wir.*) 

Wenn ich nun an das Symposion Platon's denke, so 
scheint {(paivecaC) mir nicht nur mit v. Wilomowitz-Moellen- 
dorff eine Festfeier in der Akademie verherrlicht zu werden, 
sondern ich glauhe, dass zugleich auch an die Choregie Platon's ^ 
erinnert wird; denn auf diese Weise würde auch der Grunde 
der Fest feier, der im Symposion unauflöslich mit dem Ganze 
verknüpft ist, künstlerisch am Schönsten und Natürlichsten mi 
auf die Gegenwart bezogen werden können. In dem Rahme 
dieser beiden äusserlichen Dinge , der Stiftung der Akademie 
und der Choregie, die beide auf die mächtige Freundschaft 
Dion's zurückgehen und indirect zu seiner Verherrlichung dienei^a 
hätte Piaton dann in eigener Grösse seine Philosophie d^^T 
Liebe zu einem farbenreichen Bilde ausgemalt. 



*) Vergl. die Fragmente bei Nauck (Trag. Graec. fragm. p. 595 £1^ 
— Blas 8 ist mir in seiner Att. ßeredts. I, 8. 78 etwas zu streng gegen 
Agathon. Was er ironisch über die ihm sophistisch scheinende Sentenz des 
Agathon {^dx av ne sixoe avro tovt etvai Xeyoiy ßqaxoXai nol^ TvyxoLvew <nm 
eiHora) sagt, ist nicht gerecht. Zum Begriff der Begel gehört nach der Logik 
nothwendig die Ausnahme. Deshalb hat Aristoteles sich in seiner Wissenschaft 
liehen Poetik Agathon's Spruch angeeignet: Cap. 26 etxos yaq naina^aio 
81X0 i ylvead'cu und ebenso cap. 9. — Dass Flaton aber trotz aller Sym- 
pathie und Anerkennung des Dichters doch seinen Geschmack und seine 
Philosophie nicht mit Agathon's Kunst und Weisheit identificiren mochte, ver- 
steht sich von selbst, da es keinen einzigen Namen giebt, dem Piaton eine 
unbedingte Anerkennung gespendet hätte. Denn dass er auch Sokrates 
nicht verschont, habe ich im Vorigen schon mehrfach gezeigt, und die Feinde 
Platon's haben dies gleich herausgemerkt. In unserem Symposion lässt er 
nicht nur seinen Humor über Agathon heraus, was schon allgemein be- 
merkt ist, sondern er bezeichnet auch die Grenze des Sokratismus in der 
B«de der Diotima mit greifbarer Deutlichkeit p. 210 ravra fiev wv ti 
i^toxtata Xacos, (o .Stox^ares, xav av fiwj&eiijs' ra Se reXea xal inonnxd, afv 
Svexa xal ravra k'ariv, idv ris (Piaton) og&ois fiteTit], ovx ol^ et oloef 
av fiii^s. Stärker konnte das Selbstgefühl einem geliebten Meister gegen- 
über nicht ausgesprochen werden. Es war dies aber nothwendig, um dem 
Xenophon und anderen Sokratikem deutlich zu machen, dass Piaton, wenn 
er die Maske des Sokrates vorlegt, nicht blosse Memorabilien zum Besten 
geben, sondern eine neue Philosophie lehren wilL 



281 

Wir sind in der glücklichen Lage, für die 
Composition des Platonischen Symposion noch xenophon't 
einen Beziehungspunkt zu kennen, der uns viele 
Aufschlüsse darbietet; denn nachdem in den vorigen Capiteln 
die fortwährende Polemik Platon's gegen Xenophon nicht blos 
als thatsächlich, sondern auch als für Platon's Stand- 
punkt nothwendig nachgewiesen ist: so wird doch wohl 
Boeckh's jugendliche „Rettung^' Platon's nicht wieder auf- 
gefrischt werden. Piaton ist etwas zu gross, um nach dem 
Massstabe kleinbürgerlicher Biederkeit gemessen werden zu 
dürfen. Er trat das Schlechte zu Boden und spie das Laue 
aus seinem Munde; der geistlose Utilitarismus Xenophon's 
musste ihm ganz zuwider sein, um so mehr, wenn dieser an 
Sokrates Bild befestigt werden sollte. Da aber die Beziehung 
der beiden Symposien schon lange bemerkt ist, so brauchen wir 
uns dabei nicht aufzuhalten, sondern es genügt, wenn sie nur 
wieder in ihr Recht eingesetzt wird. 

Wir dürfen uns natürlich nicht vorstellen^ dass Piaton von 
Xenophon etwas entlehnen könnte.*) Wenn er gleichwohl die 
Form eines Symposion von Xenophon nahm, so würde dies un- 
bedingt als Nachahmung bezeichnet werden müssen, wenn er, 
wie Boeckh meint, keine polemischen Ziele verfolgt hätte. Nur 
unter der Voraussetzung, dass er jenes armselige Bild Sokratischer 
Tischreden zerschlagen und ein würdigeres an die Stelle setzen 
will, können wir uns die Benutzung einer von Xenophon zuerst 
aufgebrachten Kunstform genügend erklären. Stellt man sich 
daher auf den Standpunkt der Feinde Platon's, so muss sein 
Verfahren als Eifersucht {^fjXorvTtla) erscheinen. Diese Be- 
urtheilung ist mithin perspectivisch richtig und so dient 
der Wahrheit auch die schiefe und subalterne Auffassung eines 
Athenäus.**) Dieser hat darum auch ganz treffend schon 
bemerkt, dass Piaton die Flötenspielerinnen herauswirft, die 
Xenophon eingeführt hatte. 



*) In der Vergleichung beider Symposien hat Hug in seinem werth- 
vollen Commentar (S. XXV ff.) grosse Verdienste; doch kann ich nicht 
einräumen, dass die Schwäche, die in jeder Nachahmung liegt, durch das 
Wort „Idealisirung" gutgemacht würde; nur Polemik kann uns be- 
friedigen. 

**) Athen. XI, 112, 504 e. 



282 

Man hat auch schon gesehen, dass Xenophon auf eine 
Schrift des Pausanias Eücksicht nimmt. Wenn Boeckh (1. 1. 
p. 13) sich auf Athenaeus als doctus grammaticus beruft, der 
keine Schrift des Pausanias kenne, so verschlägt das nichts; 
denn es hat viele Schriften gegeben, die Athenäus nicht mehr 
zu Gesicht bekam und wovon sich auch keine in die Augen 
fallende, literarhistorische Nachricht erhalten hatte. Q-leichwohl 
giebt Xenophon's Symposion eine genügende Nachricht durch 
die Anspielung darauf; denn die Worte Tlavcaviag ye 6 liyd&wvog 
Tov Ttoirfcov iQaaTtJQj oTtoXoyovfievog VTtig rtSv oKQaaitf 
avy^vXLvdovfiivcov, eYQtjyiev wg xtä.*) können sich nur auf eine 
Schrift beziehen. Confirmirt wird dieser Schluss durch Platon's 
Symposion, da wir entweder Piaton zum Compilator machen 
müssen, der sich durch Xenophon's Einfälle bereichert, oder 
für beide eine gemeinsame und Jedermann offene Quelle in der^ 
Schrift des Pausanias vorauszusetzen haben. Aber selbst dann> 
würde Piaton als Nachahmer erscheinen, da Xenophon in der^ 
Benutzung der Quelle voranging, wenn wir nicht eine polemische 
Beziehung erkennen müssten. Nun wird aber durch Vergleichung" 
des Xenophonteischen Angriffs auf Pausanias und der Rede des 
Pausanias bei Piaton gleich beim ersten Blicke klar, dass diese 
Bede eine Replik gegen Xenophon ist.**) 

Xenophon hatte gesagt, ob es eine oder zwei Aphroditen 
gebe, eine himmlische und eine gemeine, das wisse er nicht***), 
obgleich er diesen Unterschied doch für die menschlichen Liebes- 
regungen benutzt; der Platonische Pausanias fängt aber seine 



*) Xenoph. Symp. 8, 32. Hug Erkl. v. PI. Symp. S. XVIII läset es 
unentschieden, ob die Rede des Pausanias „blos gehalten oder geschrieben 
und herausgegeben" sei ; allein solche Eeden waren immer vorbereitet und 
vorher schriftlich verfasst und wurden nachher, ebenso wie die gericht- 
lichen Reden, durch Abschriften verbreitet. Tout comme chez neue ! B» 
kann daher nur von einer Schrift die Rede sein. 

**) Es ist mir nur durch die Autorität, die ßöckh durch sein Verdict 
überall ausübte, verständlich, dass Hug dies nicht ganz klar erkannte. 
Er hält nämlich alle Prämissen in der Hand und zieht doch den Schluss 
nicht. Freilich hätte dann auch der Satz S. XVI, dass der „Hauptzweck 
des Symp. die Verherrlichung des Sokrates" sei, fallen müssen ; denn diese 
Vorstellung von Piaton' s Schriftstellerei gehört zu den Hindernissen seiner 
Interpretation. 

***) Xenoph. Symp. VJII, 9. Ei /liv avv fiia iariv l^f^o^irtj ^ Btrtai, 
ovQavia re xoU noipSrj/ios, ovst olBa xr^. 



283 

Bede gleich damit an, dem Xenophon den unterschied der 
beiden Aphroditen nachzuweisen, da die himmlische ohne 
Mutter (afij^wQ) blos vom Uranus, die jüngere und gemeine 
aber von Zeus und Dione abstamme. Diese Replik ist natür- 
lich schon von den früheren Forschern bemerkt; da aber 
Xenophon ebenso gegen Piaton zu disputiren scheint, so sind 
die Gelehrten darüber in einen Streit gerathen, der ad Calendas 
graecas vertagt werden musste; denn nachdem Boeckh mit 
triumphirender Miene (1. 1. p. 16) gefragt hatte: üter iam utri 
oblocutus videtur, Xenophon Piatoni, an Plato Xenophonti? 
so konnte Steinhart doch wieder nicht umhin, „unverkennbar 
polemische Beziehungen gegen das Platonische" Gastmahl bei 
Xenophon zu finden. Der Grund der Schwierigkeit des Pro- 
blems liegt darin, dass man allgemein einen Beziehungspunkt 
übersah, durch dessen Berücksichtigung sich das Käthsel ganz 
einfach auflösen lässt. Dieser Punkt ist die Schrift des Pau- 
sanias ; denn wenn Xenophon unleugbar gegen Piaton zu 
argumentiren scheint, so argumentirt er eben gegen die bekannte 
Bede des Pausanias, deren sich Piaton annimmt. Da wir nun 
diese Bede nicht mehr haben, ihre deutlichen Spuren aber bei 
Piaton finden, so scheint uns Xenophon seine Beplik gegen 
Piaton zu richten. Dass aber Piaton wieder das Gastmahl 
Xenophon's vor Augen hat, ist ganz unverkennbar, und so 
scheinen sie nothwendig wechselseitig einander befehdet und 
jeder früher und später als der Andere geschrieben zu haben. 
Für die Methode der Interpretation und auch für die Theorie 
der Logik ist dies classische Beispiel einer im Kreise laufenden 
und immer ernst und ehrlich gemeinten contradictorischen Beweis- 
führung von grossem Interesse und, da es auf der sachlichen 
Grundlage von Schriften bedeutender Männer ruht, auch viel 
hübscher, als der xpevdoiievoq der Alten und der Krokodilsschluss. 
Hätte man den Athenäus besser zu benutzen verstanden, nämlich 
durch perspectivische Auffassung, hätte man nicht immer 
geglaubt, dadurch selbst zum Verächter und Verleumder 
Platon's zu werden, dass man die Schimpfereien gegen Piaton 
beachtet und für wohlbegründet annimmt, so hätte man auch 
längst das Bichtige gesehen; denn Athenäus wusste aus guten 
Quellen um das wahre Verhältniss, obwohl er natürlich den 
Werth der beiden Gegner nicht beurtheilen konnte. Die Neueren 
aber haben aus Furcht, in das Fahrwasser des Athenäus zu 



284 

gerathen, kein zutreflFendes Bild von Piaton entwerfen können; 
denn wenn Hug z. B. (S. XXVII) „von einer Polemik oder 
gar Feindschaft des Piaton gegen Xenophon, wie Athenäus und 
Andere wollten, nicht sprechen" mag, dagegen doch bei Piaton, 
„dem braven und ehrlichen Xenophon" gegenüber „wohl das 
überlegene Lächeln der Ironie und vielleicht auch gelegentlich 
eine leichte Wolke des Unwillens" zugesteht, so bedenkt er nicht, 
dass Xenophon sich auch durch diese Zeiclien der Selbstschätzung 
Platon's in dem Bewusstsein, von dem jüngeren Manne tiber- 
sehen zu werden, auf das Tiefste beleidigt gefühlt haben muss; 
denn ein „braver und ehrlicher Mann" kann und darf keinen 
„Unwillen" erregen. Athenäus aber hat, wenn man ihn per- 
spectivisch auslegt, Platon's Natur viel richtiger charakterisirt ; 
er ist ganz indignirt über das Symposion und sieht bei Piaton 
(im Gegensatz gegen die Schmeicheleien der Gäste des Symposion 
Epikur's) lauter bis in's Gemeine und Unanständige herab- 
gehende Nasrümpferei und höhnische Spötterei. Athenäus merkt 
also das Richtige, obwohl er es natürlich nicht zu würdigen ver- 
steht; denn vom Humor hat er keine Ahnung und begreift nicht, 
dass grosse Naturen (wie wir solche in Aristophanes, Piaton, 
Cervantes, Shakespeare, Luther u. A. kennen) neben den zartesten 
und heiligsten Dingen auch die schmutzigsten und verruchtesten 
offen bei Namen nennen und sie mit gröbstem Geschütz befehden. 
Das Schlechteste, wie das Beste, sagt Piaton, geht nur von einer 
grossen Natur aus; eine kleine Natur hält sich in dem Mittel- 
massigen Und in der Convenienz. So geht auch Piaton in seinen 
Werken weit über die engen Grenzen des Ziemlichen und 
Schicklichen hinaus und sagt Dinge, an denen Isokrates erstickt 
wäre, wenn er sie hätte über die Lippen bringen müssen. Der 
„ehrliche und brave" Xenophon aber war bei Piaton anders 
angeschrieben, und es ist nur ein Zeichen seiner Geistesgrösse, 
dass Piaton niemals Hass zeigt, sondern immer, auch wenn er 
Xenophon's Geistlosigkeiten zermalmt, noch die Freiheit des 
Humors fühlen lässt. 

Nach diesem Excurs kehren wir nun zur Vergleichung des 
Gastmahls Platon's mit dem von Xenophon zurück; doch will 
ich die übrigen vielen Beziehungen hier nicht weiter verfolgen; 
jeder Aufmerksame wird sie sehen. Ich eile gleich zur Haupt- 
sache, um den Schluss zu ziehen, für welchen Hug blos die 
Prämissen darbietet. Platon's Pausanias sagt nämlich: „Eiinige 



285 

haben die Frechheit, zu behaupten, es sei schändlich, den Lieb- 
habern zu willfahren."*) Hug hat nun sehr wohl gesehen, dass 
dies Xenophon gesagt hat.**) Ziehen wir also den von Hug 
zurückgelassenen Schluss, dass Piaton den Pausanias eine V er - 
theidigungsrede halten lässt. Nun würde man zwar gröblich 
irren, wenn man glaubte, dass Piaton hier gegen Xenophon für 
die gemeine Knabenliebe eintreten wollte***); allein erstens hat 
Piaton selbst den Pausanias gegen jene böse Interpretation 
des Xenophon gerettet, und dann ist dies ja der grosse Vor- 
theil dramatischer Kunstform, dass man andere Personen brauchen 
kann, um auf die bequemste Weise seinen Gegnern zuzusetzen, 
ohne sich selbst dadurch im Ganzen zu verpflichten. Xenophon 
hatte Pausanias und auch Agathon, die, wie es scheint. Beide 
zu dem Platonischen Kreise in guten Beziehungen standen, 
schlecht gemacht, dagegen den cynischen und Piaton feindlich 
gesinnten Antisthenes als des Sokrates Liebhaber und Ver- 
trautesten auf das Piedestal gestellt. Darum ist es ganz in der 
Ordnung, dass Piaton seine dramatis personae benutzt, um 
Xenophon's Hilflosigkeit in der Dialektik zu zeigen und ihn 
abführen zu lassen. Antisthenes war ihm aber so widerwärtig, 
dass er nicht einmal seinen Namen über die Lippen bringen 
mochte f); und eine solche Antipathie scheint er auch gegen 
Xenophon gehabt zu haben, der auch nur indirect erwähnt und 
immer zugleich ausdrucksvoll verachtet wird. 



*) Fiat. Symp. 182. &aTe nvas roXftav Xdyaip a>g aiax^iov xoL(}itßad'ai 
i^aaraie. 

**) Hug ad h. 1. „Pausanias ist ganz entrüstet über diese Behaup- 
tung Derjemjen, die das Kind mit dem Bade ausschütten: das sind Die, 
welche die sinnliche Knabenliebe überhaupt verwerfen, wie der Xeno- 
phonteische Sokrates Symp. Gap. 8 Mem. I, 2, 29.'' Xenophon sagt 1. 1. 8, 
83 in Bezug auf Pausanias ol yjoyov re a^QOvriCTeiv xal avfUüx^^vreXv n^g 
aXX^Xove i&iiiofiBvoi. 

***) Hug ad 1. 1. p. XLIII findet mit scharfsinniger Aufmerksamkeit 
Manches in der Rede des Platonischen Pausanias „auffallend''; das 
Räthsel löst sich aber durch die beiden Gesichtspunkte, dass erstens 
Xenophon widerlegt werden soll und dass zweitens im Sinne des Pausanias 
und nicht des Piaton argumentirt wird. 

f) Er nennt ihn in allen Dialogen nur einmal vorübergehend im 
Phaidon, wo es sich um Bericht einer Thatsache handelt; an Piaton 's 
Reden durfte er niemals als dramatis persona theilnehmen. 



286 

Die ganze, scheinbar moralische Rede, die Xenophon von 
seinem Sokrates im Symposion halten lässt, hat aber weder 
philosophischen, noch sittlichen Werth; man kann dies, ohne 
die Argumente einzeln zu analysiren, gleich mit einem Blicke 
durch den Schluss und die Krone dieses ordinären Gastmahls 
sehen, wo die Gesellschaft wieder durch eine Pantomime entzückt 
wird, in welcher der etwas berauschte Dionysos zu seiner Ariadne 
in's Brautgemach kommt, sich ihr auf den Schoss setzt und sie 
mit solch einer Zärtlichkeit liebkost, dass Xenophon's ganze Ge- 
sellschaft ausser sich geräth und theils schwört, sofort zu heirathen, 
theils fortreitet, um bei ihren Eheweibern schnell den gleichen 
Genuss zu haben. Xenophon kennt eben blos die bürgerliche 
Moralität, das Streben nach bürgerlicher Achtung und Ehre, 
und von dem Wesen der Gesinnung ahnt er nichts, als wenn 
z. B. die Wollust im Ehebett von der ausserehelichen irgendwie 
dem Wesen nach verschieden wäre. Ebenso giebt sein ganzes 
Gastmahl keinen Begriff der Liebe, da er überhaupt unvermögend 
war, eine Frage dialektisch zu lösen; er versteht ja blos, be- 
kannte Erscheinungen durch bekannte Gattungsnamen zusammen- 
zufassen und darüber Lob oder Tadel auszusprechen mit Hinweis 
auf nützliche oder schädliche Folgeerscheinungen oder auf das 
ürtheil der Gesellschaft. Von dieser ganzen knechtischen Stellung 
der Gesinnung befreite Piaton nun die Menschheit, indem er 
nur das Tribunal des Geistes anerkannte, vor dem sich Alles 
durch den Gedanken rechtfertigen muss. Dadurch erschien das 
Göttliche gegenwärtig in Geist und Leben*) und nicht mehr 
blos in Geboten und Zeichen. 

Nur ein Punkt soll noch hervorgehoben werden. Da nämlich 
Lysias auch eine erotische Bede verfasst hat, so war man bei 
der bisherigen Richtung der Piatonforschung gar nicht im 
Stande, dieser angeblich „rhetorischen Spielerei" einen durch 
Lysias Lebensverhältnisse und durch etwaige sachliche Be- 
ziehungen der Bede irgendwie chronologisch fest zu bestimmenden 
Platz anzuweisen. Erst durch meine Datirung des Phaidros ist 
es möglich geworden, die Zeit und das Motiv ihrer Abfassung 



*) Den „Poros^ definirt Hug (1. 1. p. LI), ich weiss nicht, nach wessen 
Vorgang, sehr ungenau als „geistige Erwerbsfahigkeit^. Nein, der Foros 
braucht nichts mehr zu erwerben; es ist der Beichthum selber, der nur 
geben und nicht nehmen kann. 



287 

zu erkennen. Darüber habe icb scbon oben S. 272 ff. gesprochen. 
Hier soll nur noch bemerkt sein^ dass Lysias auffallender Weise 
gar keine Notiz nimmt von Xenophon's erotischen Argumenten. 
Ich erkläre mir dies daraus, dass Lysias mit Antisthenes zu- 
sammenhielt und darum keinen Grund hatte , den Xenophon, 
der sich zu Antisthenes freundlich stellte, anzugi^eifeu oder auch 
nur zu necken. Darum konnte Piaton diese Kede des Lysias 
auch als sein Eigenthum in den Phaidros aufnehmen, weil sie 
nur ihm allein galt, und darum wendet er sich dort auch zu- 
gleich gegen den mit Lysias verbündeten Antisthenes. 

§ 3. Der Phaidon. 

üeber die Stellung des Phaidon habe ich schon puton^s seibst- 
in den Literar. Fehden I, S. 123 ff. und XVI, bewusstsein. 
Anm. 1 geschrieben. Man sieht im Phaidon deutlich, welchen 
Werth Piaton auf seine grossen Reisen legt und wie er sich 
dadurch erst in seiner eigenen Bedeutenheit erkannt hat, da er 
nirgends einen Gelehrten traf, der besser als er selbst über die 
Natur der Dinge zu forschen im Stande gewesen wäre.*) 

Die Physik der Erde und der Unterweltsmythus. 

Der Humor ist eine Auffassungsweise der Welt, 
wobei das Tragische und Komische nur als Momente "^'^Humor. ^^ 
oder Beziehungspunkte mitspielen. Schon Jean 
Paul hat aber noch manche andere treffende Bemerkungen 
gemacht, so z. B., dass die Hineinziehung der Persönlichkeit 
mit allen ihren zufälligen, individuellen Bestimmtheiten in den 
Hahmeu der rein sachlichen und objectiven Erzählung komische 
Contyaste liefert. Ebenso kann jedoch auch in dem Rahmen 
einer fabelhaften und mythischen Darstellung das, was der Er- 
zählende von seiner Seite erlebt und erfahren hat und für wahr 
hält, mit vorgebracht und in das Ganze verwoben werden, so 
dass nun auch wieder ein Centaur entsteht, halb Mythug, halb 
Wahrheit, oder viel Wahrheit und ein wenig Mythus, oder in 
anderen quantitativen Mischungen. Allgemein genommen dreht 
es sich dabei um den Gegensatz von Fabelhaftem und Wirk- 
lichem und um die entgegengesetzte Beurtheilung beider nach 



*) Phaidon 78. 



288 

dem Gesichtspunkte der Wahrheit und des Scheins (Meinung). Es 
gehört daher nicht zum Wesen des Humors, dass der Stoss dieser 
von entgegengesetzten Seiten kommenden Elemente auf einander 
einen komischen Effect mache, sondern das leise Grefühl des 
Contrastes der Elemente, di« sich doch in einer 
höheren Anschauung vereinigen, ist schon humoristisch. 
Diese Betrachtungen schicke ich voran, um einen Abschnitt des 
Phaidon zu erläutern, den man bisher, so viel ich sehe, von 
diesem Standpunkte aus niemals erörtert hat. Piaton ist aber 
als Humorist bisher überhaupt noch nicht studirt; darum lohnt 
es sich, jeden Zug, der dieser Geistesrichtung eigenthümlich ist, 
zu beachten. 

Wenn man den Phaidon (110 B) aufschlägt, so will Sokrates 
dort ausdrücklich einen Mythos erzählen und Simmias will den» 
Mythos gern anhören. Wir machen uns also bereit auf Fabel — 
haftes, und es wird dieser Erwartung insofern auch entsprochen^ 
als vom Acherusischen See, wo die Verstorbenen wohnen, unÄ 
vom Styx und Kokytos und dergleichen erzählt wird. Allein, 
im Contrast damit stehen die eingemischten Elemente, welche 
offenbar eine echt Pythagoreische oder Platonische Physik der 
Erde enthalten und auch bestimmte Erfahrungen aus Platon's 
B,eisen zur Verwerthung bringen, so dass wir unzweifelhaft hier 
einen Centaur vor uns haben und das Ganze weder für Mythus, 
noch für rein wissenschaftliche Theorie halten dürfen. Es ist 
freilich nicht daran zu denken, als wenn es Piaton dabei auf 
einen komischen Effect abgesehen hätte; aber das ist auch, wie 
gesagt, durchaus keine integrirende Eigenschaft des Humors, 
sondern es genügt die Verwunderung, dass die Wirklichkeit 
der Erdbeschaffenheit fabelhaft und das Fabelhafte dem Wirk- 
lichen ganz ähnlich zu sein scheint. Das Resultat ist daher 
114 D auch deutlich von Piaton selbst ausgesprochen; denn ein 
vernünftiger Mann, sagt er, kann das Ganze nicht für wahr 
halten und muss doch glauben, dass es so oder ähnlich in 
Wirklichkeit ist. Das Humoristische besteht deshalb in der 
Verwunderung, dass man bei dem Spiel des Zusammenmiöchens 
von Wahrheit und Fabel beide Elemente gar nicht immer gleich 
als ganz verschiedene erkennt, sondern das eine für das andere 
nimmt und dann wieder scheiden will, um von Neuem in den 
Widerspruch zu gerathen, bis man einsieht, dass in dem Fabel- 
haften auch Wahrheit liegt und dass die Wahrheit so un- 
gewöhnlich ist, dass sie für mehr als fabelhaft gelten könnte. 



Nun fängt Piaton seine Beschreibung der Erde an, indem 
er sie für eine Kugel {rcequpeqiiq civaa) erklärt und den 
Anaximandrischen *) Beweis für ihr Gleichgewicht in der Mitte 
der Welt anführt. Die Grösse der Erde bestimmt er nicht; 
nur meint er mit einem humoristischen Vergleich, dass die von 
uns bewohnten Theile vom Phasis bis zu den Säulen des Herakles, 
also eigentlich die ganze bekannte Welt, nur wie ein Sumpf 
wären, um den sich Ameisen oder Frösche tummelten. Wenn 
Piaton dann die gesammte Erdkugel (die Atmosphäre einge- 
schlossen) im reinen Aether ruhen lässt, so möchte ich vermuthen, 
dass er wirklich den Aetna bestiegen hat, der, 3304 Meter hoch, 
ihm die Vorstellung geben konnte, die er so nachdrücklich aus- 
spricht, dass die Menschen in ihrer Schwachheit und Trägheit 
nicht ahnten, dass sie da unten auf der Erde wie in einem 
dunklen Loche mit schlechter, dicker und trüber Luft wohnten und 
Ton der Reinheit und Klarheit da oben keinen Begriff hätten ; wenn 
man aber, sagt er, auf die Höhe der Erde kommen oder wie 
ein Vogel sich hinaufschwingen könnte, dann würde man erst 
ihre wahrhafte Beschaffenheit erkennen. Es ist freilich klar, dass 
er diese wahre Erkenntniss nur der Vernunft oder der 
Philosophie zurechnet; es scheint aber, als wenn er seinen 
Beisen und seinem mühevollen Bergsteigen doch die nächste Be- 
freiung von den gemeinen Vorurtheilen verdankt, weshalb der 
humoristische Vergleich sehr einleuchtend ist, wonach sich, wie 
er sagt, die etwa auf dem Grunde des Meeres Wohnenden 
einbilden würden, durch das Wasser hindurch die Sonne und 
die Dinge der Oberwelt richtig zu erkennen, aber erst, wenn sie 
aus dem Wasser aufgetaucht wären, einsehen müssten, wie viel 
klarer und schöner sich in der Luft sehen lässt; denn ebenso 
verhielten wir uns hier unten auf der Erde in der dicken und 
unreinen Luft zu Denen, die von dem Standpunkt des Vogels 
aus die Dinge betrachten könnten. Zweimal braucht er dabei 
die Ausdrücke, womit die Bergsteiger gern die unten Bleibenden 
charakterisiren, indem er ihnen Schwäche {aoMveia) und Trägheit 
(ßQccdw^) vorwirft. Ich glaube aber doch kai^n, dass Piaton 
bis zur höchsten Spitze des Aetna aufgestiegen ist, da er sonst 
die Verkrüppelung der Bäume, das Aufhören der Vegetation, die 



*) Den Hainen Anaximander nennt er nicht; vergl. aber meine Stud. 
z. Gesell« d. Begr. S. 36 E 

19 



290 

Kälte und dergleichen bekannte Erscheinungen bemerkt haben 
würde und weniger enthusiastisch von der Schönheit da oben und 
weniger falsch von der Verderbniss und Verstümmelung der Steine» 
Bäume, Blumen, Früchte und aller Dinge hier unten gesprochen 
hätte. Piaton wird also wahrscheinlich nur bis zu einem der 
kleineren, niedrig gelegenen Eruptionskegel vorgedrungen sein 
und dann nach einfacher Proportionsrechnung seine Schlüsse auf 
die Erscheinungen oben gemacht haben, wobei seine Irrthümer 
völlig verständlich sind. Es liegt in dieser Darstellung aber auch _ 
wieder der humoristische Zug, dass ja eigentlich die Betrachtung-^ 
aus der Vogelperspective nur ein Bild für dieErkenntniss der— ^ 
Ideen ist, denn Aether, Luft und Wasser sind die sinnlicheii^ 
Bilder für die verschiedenen Erkenntnissstufen, wie das Geboren — 
werden die Metapher für die Vermischung der Vernunft mit de 
SinnUchkeit und wie das Philosophiren metaphorisch ein Sterbei 
ist. In Platon's Darstellung wird nun der Betrachtung der Ding 
von der Höhe des Aethers aus alles das zugeschrieben, w^as 
Wahrheit nur durch die rein geistige Schauung der Ideen auf de 
Wege der Dialektik zu erkennen ist; denn nur durch den Dialektik^:] 
kann alles Zufällige und Mangelhafte, alle Verkrüppelung und 
Verderbniss von den Erscheinungen abgestreift werden, indem er 
die Typen der Dinge und die Begriffe in ihrer Reinheit und nach 
der Idee des Zweckes oder des Guten betrachtet. Nun verwendet 
Piaton aber die Betrachtung von der Aetherhöhe aus nicht etwa 
als ein Bild, eine Vergleichung oder Veranschaulichung für die 
Dialektik, sondern er setzt das eine für das andere und erzählt 
uns mithin einen Mythus. Dass dieser Mythus aber Wahrheit 
sein soll, das ist humoristisch und ironisch gemeint, da der 
durch die vorhergehenden Betrachtungen über die Ideen schon 
gebildete Leser in dem Mythus den wahren Sinn herausmerkt 
und es sich doch in der Darstellungsweise Platon's Wohlsein lässt, 
ohne die begriffliche Fassung zu verlangen, weil die Proportion 
des Erkennens vom Grunde des Meeres aus zu dem auf der 
Erde und wieder zu dem vom Aether aus so schön gefügt ist, 
dass man sicl^ nicht geneigt fühlt, die mythische Form zu zer- 
brechen, sondern auf den Humor des Erzählers eingeht. 

Sehr merkwürdig ist nun die Vorstellung, die 
dTe^JrVcJebe! ^ich Platon von der Erde gebildet hat. Er denkt 

sich das steinerne, feste Gerüst derselben als eine 
allenthalben mit Löchern durchsetzte Masse, also in der Art, 



291 

1 

Wie man die Tropfsteinbildungen kennt, oder aücli t^ie eineti 
Schwamm, doch so, dass grosse Löcher mitten hindurchgehen sollen. 
Diese ganze Masse füllt er nim mit Wasser an, indem er Wasser, 
Dampf und Luft als ein und dasselbe Element zusammenfasst. 
Da die Erde nun kugelförmig ist, so giebt es für die flüssige 
und bewegliche Masse des Wassers und der Luft drei Gesetze. 
Erstens, alles Flüssige fliesst immer nach der Mitte der Erde 
hin.*) Zweitens, alles Flüssige kann niemals weiter, als bis zur 



*) Phaidon 112 D ndvra (also Gesetz) Se vnoxdro} eta^ei rl^g 
htqoriQ. eiff to SwaTOV xdrta nad'evra. 

Ich lege Werth auf den Ausdruck „Gesetze**, weil es wichtig ist für 
das Yerständniss Platon's, ihn auch als Naturforscher anzuerkennen. Benn 
sagt in seinem Werke (The Greek Philosophers I, S. 242): Plato knew 
no natural laws but those of mathematics and astronomy. Wenn dies 
ganz richtig wäre, so müsste Piaton nicht viel Gesundes haben lehren können. 
Ich vermuthe daher, dass Benn, der mit so viel Geist und lebendiger Er- 
kenntniss die Denkweise der Alten immer mit unserem heutigen Bewusst- 
sein vergleich'., mehr an die streng mathematisch formulirten Naturgesetze 
der Modernen gedacht hat. Zu dem Begriff eines Gesetzes gehört aber 
nicht noth wendig die exacte Form seines Ausdrucks; es kann auch ohne 
alle arithmetische und algebraische Formeln anerkannt werden, wie z. B. 
Niemand daran zweifelt, dass der hoch in der Luft erschossene Vogel dort 
nicht bleiben kann, sondern herabfallen muss, auch wenn immer nur 
Wenige im Stande wären, dies Gesetz des Falles mathemathisch zu formn- 
liren. In derselben Weise hat nun Piaton gewiss auch Naturgesetze ge- 
kannt, sofern man für diesen Begriff blos die zwei Merkmale festhält, 1) dass 
alle Erscheinungen einer gewissen Art gleichmässig geschehen und 2) dass 
hierbei eine Nothwendigkeit herrscht, sofern keine einzige Erscheinung 
anders stattfinden kann. Für diese Auffassung gebe ich hier nun den 
ersten Beweis, indem ich drei Gesetze für die Bewegung des Flüssigen 
auf der Erde als von Piaton bemerkt an's Licht ziehe. Ich bitte darauf 
zu achten, dass Piaton die Allgemeingiltigkeit durch Trai/ra deutlich 
ausdrückt und auch die Nothwendigkeit durch die airia hervorhebt. 

Ich will noch hinzufügen, dass er in dem unmittelbar vorhergehenden 
Dialog, dem Symposion, spielend auch das Gesetz des zweischenkligen 
Hebers verwendet hat, wo er (p. 175 D) sagt, dass das Wasser durch den 
Wollenfaden immer von dem volleren in das leerere Gefäss fliesse (ßansQ 
rb iv raie xvh^iv vScjq to Bia tov igiov qiov ix r^g TtXrj^effrepag eis rijv 
xevaniqav), Dass diese Bewegung an die Bedingung der Berührung der 
Wassertheile untereinander geknüpft ist, hebt er indirect hervor {iav anxco- 
fied'a aXkriXtov), Er zeigt sich also als aufmerksamen Beobachter der Natur, 
und es kann wohl nach meinen Erörterungen über das Gravitationsgesetz (in 
den Studien zur Gesch. der Begr.) keine Frage mehr sein, dass er diese 
80 in geistreichem Spiel und in Vermischung mit Mythen vorgetragenen 

19* 



m 

Mitte gelangen, weil es wegen der Kugelgestalt der Erde dort 
dem von der entgegengesetzten Seite herabfliessenden Flüssigen 
begegnet.*) Das dritte Gesetz nun heischt eine Art Ebbe und 
Pluth, d. h. das Flüssige (Wasser, Dampf und Luft) soll, da 
die Erde keinen festen Grund und Boden in der Mitte hat, immer**) 
abwechselnd nach oben und nach unten strömen. Diese Vor- 
stellung der Ebbe und Fluth vergleicht Piaton deshalb mit der 
Schaukel, der Wellenbildung und dem Aus- und Ein- 
athmen.***) 

Da Piaton bei dieser für uns wunderlichen Vorstellung auch 
den Ursprung aller Quellen und Flüsse, der kalten, wie der 
warmen, aus dem Auftrieb von unten aus der Erde ableiten 
will, während er das Meer nach unten in die Höhlungen der Erde 
bis zum Mittelpunkt derselben abfliessen lässt, so scheint es, als 
wenn er die sonst seit Aristoteles gewöhnliche Erklärung durch 
die Verdampfung des Wassers und die Rückkehr als Regen, 
(wobei der Okeanos natürlich in den Wolken fliessen muss) ganz 



Gedanken über die Natur ebenso wie seine astronomischen Beobaohtungen 
zu einer Theorie verarbeitet hat. Die im Symposion angezogene Natur- 
erscheinung konnte er nur unter sein erstes hier im Phaidon ausgesprochenes 
Gesetz bringen, als eine ergänzende Bestimmung, indem er natürlich den 
Druck der Atmosphäre und die Haarröhrchenkraft ausser Acht liess und 
nur das eis ro Bwaxov xdrta xa&ievai bemerkte. Auch im Philebus 63 D 
spielt er auf diese Physik des Flüssigen metaphorisch an: fis&iio Srj ras 
^findaas qeXv eis rrjv rrjs^Ofi^^ov xcd /mXa Ttoirjrucrjs fuayapcelas vnoSoxv^' 
Ein Zeichen für die dieses Gebiet seiner physikalischen Vorstellungen 
hier bestimmende Ideenassociation bietet das gleich folgende Wort nriyri 
{Med'eiVTat' xal ndhv inl ttjv tcov ijSovojv Ttrjyrjv ire'op). Die ausführliche 
Naturphilosophie im Timaeus, wo er alle diese Vorstellungen auf die all- 
gemeinsten Principien gebracht hat, werde ich bei einer anderen Gelegen- 
heit darstellen. Wer sich gleich selber orientiren will, muss Timaeus 
57 ff. aufs Neue studiren. 

*) Ibid. E Swarov ^' iaziv htate^mae fie'xQi' tov fidaov xad'i&KU, 
niga B^ \ov (also Gesetz), avavres yd^ 7t(os afiyore'^ots roXs ^evfunrt to 
SxareQcod'ev yiyverai fisQOs. 

**) Ibid. 112 B ri 8^ airia iari rciv ixQeiv re hn:evd'ev xcd eiaqelv 
Ttdvra T« ^evfiara, oti nv&fiipa ovx i^ev ovSi ßdaiv ro vyQov töbxo' 
aico^eirai Srj xai xvfialvei dvio xai xdrco, xal o arj^ xai ro Ttvevfut ro ne^ 
avro taviov noieX' ^weTterai yaQ avr^ xrX. 

***) Letztere Vorstellung stammt von den Pythagoreem, wie es scheint, 
und wird seltsamer "Weise, wie ich schon in den Stud. z. G. d. Begr. S. 566 
anmerkte, von dem alten Goethe reproducirt. 



293 

ausser Augen lässt. Doch kann man, zu Gunsten Platon's, Ver- 
dampfung und Niederschlag als Theilerscheinung seiner Ebbe- 
undFluth- Theorie einfügen, weil er die Quellen zwar von unten 
kommen lässt, aber doch ausdrücklich bemerkt, dass sie (nach dem 
Prindp der communidrenden Röhren) von dem zur Ausfüllung der 
Abgründe nicht mehr erforderlichen, immerhin aber aus den Nieder- 
schlägen herabkommenden Wasser gebildet wurden. Diese Yer- 
theidigung Platon's lässt sich noch dadurch unterstützen, dass 
er ja hervorhebt, dass einiges Flüssige nicht in die äuserste Tiefe 
dringt, sondern nur einen kleineren und kürzeren Weg nach 
unten nimmt und nicht viel tiefer herabgeht, als der Ort, wo es 
wieder austritt."") Denn dies würde auf die Niederschläge und die 
sich aus dem in den oberflächlicheren Erdschichten aufgespeicherten 
Wasser bildenden Quellen und grossen Flüsse, von denenT er ja 
in dem Nil eine bedeutsame Anschauung gehabt hatte, sehr wohl 
passen, während das Meer bis in den Tartarus gehen soll. Eine 
Confirmation dieser zu Gunsten Platon's geltend gemachten Auf- 
fassung bietet auch Aetius, der als Platon's Lehre beibringt^ 
dass das aus den atmosphärischen Niederschlägen gebildete 
Wasser süss sei, das aber aus der Erde in der feurigen Ver- 
brennung ausgeschiedene salzig.**) Es ist wegen des gleich zu 
besprechenden Angriffes des Aristoteles wichtig, sich in diese 
Auffassung hineinzudenken, damit man sich durch seine Feindselig- 
keiten nicht voreilig zu einem abfalligen ürtheil entschliesst. 
Jedenfalls ist diese ganze Physik der Erde von einem grossen 
Interesse für die Geschichte der Naturwissenschaft und, wie es 
scheint, bis jetzt noch von Niemand erkannt. 

Die V er anlass ung zu dieser grossartigen Hypothese scheint 
erstens die Beobachtung des Aetna gewesen zu sein, den 
Piaton deshalb auch mitten in seine Theorie als einen Beziehungs- 
punkt für seine Combinationen hineinsetzt***); denn die von dort 



*) Phaidon 112 D ra fuv fiaxpore^ov« ronovs TtBQieXd'ovna xod nXslove, 
T« Si iXdrrove icai ß^üxvre^ovg naXtv eis rov TÜQraQOv i/iißdXXet, rd 
fiev noXv xoTiore^aj tj intivrkeiTOf rd Si oXiyov. 

**) Aet. Plac. ni. 16 (Diels, Doxogr, p. 282). Ol dnbn Xditovos Toh 
ffTOtxeuoSovs vSaros to fitv iS digos xard neqiipv^iv awiard/nevov yXvocv 
yivead'cu, to 8^ dno y^g xard Tte^ixavaiv xai ixnvQOJtfiv dvad'vfiuofisvov 

dXflVQOV. 

***) Phaid. lli^Sane^ iv .^^xeXü^ ol n^o rov qvaxos nrilw ^eavree Ttorafioi 
xai avTOi o (fvai. 



294 

aus tiefem Abgrunde unter Getöse und Dröhnen aufsteigenden 
Feuermassen und Dämpfe und Lavaströme konnten ihn leicht 
dazu führen, nun in kühner \rerallgemeinerung die ganze Erde 
als solche mit Löchern und grossen Hohlräumen versehene, ver- 
steinerte Schlammmasse anzusehen, die auf und ab, in ewigem 
Ausathmen und Einathmen, das Flüssige einzieht und es nach 
dem Gegendruck von der entgegengesetzten Seite der EJrde in 
schaukelnder Bewegung wieder ausspeit und so die meteorolo- 
gischen Erscheinungen hervorbringt. 

Eine zweite Veranlassung bot ihm die Ebbe und Fluth; 
denn wenn diese Erscheinung auch im mittelländischen Meere 
keine so riesigen Dimensionen zeigen kann, wie an den Küsten 
des atlantischen Oceans, so ist sie doch beträchtlich genug und 
hatte auch schon längst das Nachdenken beschäftigt. Darum 
finden wir in dem Berichte des Aetius unter dem Capitel der 
Ebbe und Fluth die Platonische Theorie von der Wage oder 
Schaukel erwähnt, freilich in einer Kürze, dass nur, wer die 
Theorie schon kennt, von dieser Mittheilung Nutzen haben konnte.*) 

Die Frage ist nun, woher Piaton diese ganze 

beber dieser Theorie hat ; denn es ist ja Brauch, zunächst immer 

Theorie und sagt vorauszusetzen, dass jede Ansicht oder Lehre von 

der Vergangenheit ererbt sei. Allein es möchte 
schwer fallen, die Quelle dafür zu finden. Bei den Joniern und 
den Eleaten oder bei Empedokles und Demokritos finde ich 
keine Spur; auch in der aegyptischen Mythologie ist mir nichts 
derart vorgekommen. Nun hat mah aber vermuthet, dass Piaton 
von dem in Sicilien gekauften Philolaos Vortheil gezogen habe. 
Eine solche Vermuthung ist ziemlich wohlfeil, weil man so gut 
wie nichts von dem Inhalte dieses Buches weiss ; ich glaube aber 
deutliche Spuren zu sehen, die von dem Wege einer solchen 
Vermuthung zurückführen. Denn Piaton verbirgt gar nicht, dass 
er den Philolaos gelesen hat und seine Meinungen vortragen 
kann; er benutzt aber die beiden Pythagoreer Simmias und 
Kebes dazu, um entscheiden zu lassen, was von Philolaos 
stammt und ihnen bekannt ist, und umgekehrt, was als neu und 
noch nicht gehört gelten soll; denn sie haben ja Umgang 



*) Aetii Plac. 111. 17 (Diels Doxogr. p. 383, 12) nXdrtov ini t^ 
aicjQav yeQerai toov vSdrtov. slvai ydp Tiva yvancrjv aidfpav 8ui %tvos 
iyysiav T^/iarog nsQi^e^ovaav rr^v naU^^otav, v<p tjs avrixvfiaiveff&ai r« nelayfl- 



295 

mit Philolaos gehabt und können Bichter über die Frage 
sein, ob Piaton sich mit fremden Federn schmückt oder eigene 
Gedanken vorbringt.*) Diesen Gesichtspunkt halte ich für 
äusserst wichtig zur Erklärung Platon's, weil Piaton den Anderen 
immer Yorwirft, dass sie sich fremde Weisheit aneigneten, da- 
gegen mit Nachdruck sein Eigenthum auch den Pythagoreem 
gegenüber hervorhebt.**) 

Wenn wir nun von diesem Gesichtspunkte aus unsere Stelle 
betrachten, so erhalten wir eine recht scharfe Antwort auf unsere 
Frage; denn Simmias muss dort, wo es sich um die Physik der 
Erde handelt, erklären, dass er zwar Vieles über die Erde gehört 
habe, aber nichts, was* Piaton überzeugen könnte.***) 
Ich glaube daraus mit Sicherheit schliessen zu können, dass 
Piaton seine Theorie von der Erde als nicht pythagoreisch, 
sondern als sein Eigenthum hinstellen will, und ich gehe noch 
einen Schritt weiter, indem ich glaube, dass er auch auf sich 
selbst mit dem Finger hinweist. Denn was soll es sonst be- 
deuten, wenn er seinen Sokrates sagen lässt, dass „es viele 
wunderbare Gegenden der Erde giebt und dass die Erde weder 
von der Beschaffenheit noch von der Grösse ist, wie von Denen 
angenommen wird, welche von der Erde zu handeln pflegen, 
wie ich von Jemand belehrt worden bin."-}-) Da der 
historische Sokrates doch von der Erde keine Theorie aufgestellt 
hat, so fragt sich, wer der Jemand ist, der den Platonischen 



*) Phaidon 61 D 7V Se, ci Keßrjs) ovx aurptoate üv te xcd ^fifuas ne^i 
Totv roiovrofv ^tXoXdip avyyeyovozes', Et, xcU *PiXoXdov rjieovaa, oxe naq 
tlfjLW diTjraro, iqSri 8i xal aXktov tivatv. 

**) Vergl. Staat 630 E und meine Liter. Pehd. I, S. 109. 202 und 226. 
Mit dem Worte tju^re^or wahrt er auch später dem Aristoteles g^en- 
über seine eigene Lehre. 

***) Phaidon 108 D ne^i yd^ roi. rr^e /ijs xai avroe TtoXXd 8i] onnptoa, ov 
fiivtot ravra a, ae jtei&ei. 

f) Phaidon 108 C d>s iya) vtio nvos nejtsiüfiai. Das Tt^neifffiai kehrt 
dann noch nachdrücklich ein paar Mal wieder 108 D fin. und E init. Es 
ist dies bemerkenswerth, weil dieses Wort dadurch im Gegensatz zu den 
Lehren der Früheren, die Pythagoreer eingeschlossen, hervorgehoben wird, 
von denen Simmias sagen muss, er habe Vieles über die Erde reden hören, 
aber nichts, was den Platonischen Sokrates überzeugen könnte {ov /levroi 
ravra a ai nsid'si). Wir haben hier also entschieden Platonische 
Lehre und eine wissenschaftliche Theorie im Gegensatz zu den früheren 
unwissenschaftlicheren Welttheorien. 



296 

Sokrates wissenschaftlicher und befriedigender, als aUePythagoreer, 
die Simmias gehört hatte , überzeugen konnte. Dies kann nicht 
irgend ein Schiffscapitän oder sonst ein iÖLWTtjg und noch viel 
weniger ein bekannter Gelehrter gewesen sein; denn wer eine 
so hübsche und in ihrer Art geniale Theorie ausdenken konnte, 
dem durfte man durch Verschweigung des Namens nicht die 
Ehre abschneiden. Kurz, der „Jemand^ kann nur Piaton selber sein. 
Der Pyriphi«. ^^^ Abschluss dieser Betrachtung über die 

getiion und die Erde bilden dann die yier Ströme, die paarweise 
Physik. einander entgegengesetzt sind. Das erste Paar 

sind derOkeanos und der Acher on, die um die Erde kreisen 
und also ungefähr in den nördlichen und südlichen Wende- 
kreisen eine Zone um die Erde bilden. In der Aequatorgegend 
aber fliessen der^Pyriphlegethon und der Styx. Piaton musste 
diese Flüsse paarweise ordnen, weil er das zweite Gesetz seiner 
Physik der Erde als Gesichtspunkt hatte, demgemäss die regel- 
mässige Ordnung der Erscheinungen nur durch Gegensatz, d. L 
hier durch Gegendruc'.k, aufrecht erhalten werden konnte; 
denn alle diese Ströme kommen ja in der Mitte der Erde, d. h. 
im Tartarus, zusammen, so dass sie sich die Wage halten. 
Der Pyriphlegethon und Styx sind kein albernes Ammenmärchen^ 
das Piaton wie ein unmündiges Kind in blödem Glauben nach- 
erzählt hätte, sondern eine geniale Hypothese, mit der unsere 
heutige Geologie in einem gewissen Einklänge steht, sofern auch 
mr das Erdinnere für feurig flüssig halten ; denn Piaton brauchte 
für die Erklärung der Vulkane das glühende Lavameer des Erd- 
innern, da er ebenso wie wir die Vulkane für Ventile desselben 
ansah. *) 

piaton'8 Humor ^^ ^^^ dieser ganzen Physik der Erde, die 

Grund des ich hier nach dem Phaidon dargelegt habe , in 

Missverstehens. Heller' s Phüosophie der Griechen und auch sonst 

bei allen Auslegern Platon's, so viel ich sehen konnte, keine 

Silbe vorkommt, so muss ich annehmen, dass die fiüheren Platon- 



*) Phaidon 113 B nvQtyXsye&ovraf ov xaX oi ^axee anoondcfMixa ava' 
^vüoKftv oTtTj av Tvx<oüt T^e yris. Es ist aus dieser Stelle jedenfalls za 
schliessen, dass er auch von anderen Vulkanen ausser dem Aetna etwas 
gewusst hat; freilich scheint er nur diesen besucht zu haben, da er 
sonst nicht verfehlt haben würde, auch andere als Beispiele anzuführen. 
Dies ist nicht ein blasses argumentum ex silentio, sondern folgt aus dem 
erlcannten Gesetz seines individuellen Stils. 



297 

forscher durch den Platonischen Humor irregeleitet wurden und 
mit Unrecht diesen ganzen Abschnitt für eitel Fabelei gehalten 
haben. Der Humor Platon's liegt darin, dass er, wie ich oben 
andeutete, in die ernst gemeinte Wirklichkeit die Namen und 
Vorstellungen der Mythologie verwob und eine solche Mischung 
beider hervorbrachte, dass das Natürliche fabelhaft und das 
Fabelhafte natürlich erscheint. Wenn z. B. la perduta gente 
(ai xfßv%al twv Ttolkwv) am Acherusischen See unter der Erde 
wohnen, die Zeit erwartend, wo sie nach längerer oder kürzerer 
Daner wieder zur Geburt lebendiger Wesen in unsere Oberwelt 
fahren müssen, so befindet man sich mitten im Spiel der Fabel; 
wenn er aber unmittelbar darauf unsere Vulkane als Aus- 
athmungen des im Kern der Erde glühenden Lavameeres zur 
Bestätigung seiner Theorie anführt, so sieht man sich in dem 
verständigen Gedankenzusammenhang seiner Physik der Erde. 
Dieses für den individuellen Stil Platon's charakteristische 
Spiel des Humors ist der Grund, weshalb blos verständige und 
ernsthafte Naturen Piaton nicht recht verstehen und nicht recht 
gemessen können. Ob man aber diesen Stil bewundern oder 
tadeln wolle, mag uns . hier gleichgütig sein ; es kommt nur 
darauf an, ihn richtig zu deuten. Denn man hat gar kein Becht, 
von Piaton hier durchaus eine wissenschaftliche Darstellung zu 
verlangen, wenn er sie nicht geben will, oder blosse Fabelei, 
wenn er Neigung hat, die fabelhafte Wirklichkeit damit zu ver- 
schmelzen. Und wer könnte leugnen, dass die Wirklichkeit auch 
für uns Söhne des neunzehnten Jahrhunderts an Wunderbarkeit 
noch immer alle nur denkbaren Wunder der Fabeln übertriflft! 

Piaton hat sich aber über den Wissenschaft- pj^^^^ ^^^ 
liehen Charakter seiner Darstellung ganz bestimmt einpiri$cher 
ausgesprochen. Er sagt: „zu erzählen, was ist, Naturforscher, 
scheint mir keine Seherkunst zu erfordern; dass es aber so wahr 
ist zu zeigen, scheint mir nicht nur schwerer als Seherkunst, sondern 
ich wäre vielleicht auch nicht fähig dazu und, wenn ich es 
wäre, so würde für den grossen Umfang der Untersuchung die 
Kürze meines Lebens nicht ausreichen."*) Wir sehen daraus 

*) Phaidon 108 D. Ovx rj rXavxov t^vtj yi fwi Sonel elvai Siijytjüaüd'ai 
a y ieriv ofSfievroiaXrjd'i^, x^XencoreQov fwi €paiveT€U rj xara rijv PXavxov 
Tsxvip^, xai oifia fiav iyof Xü(og ovS* av olos te eCr^f afia $e, ei xed rjTUffrdfirjv, 
o ßioi fioi SoxeX o i/we r^ fi^xsi tov Xoyov ovx i^a^xelv. Grlaukos iat der 
MeergreiB, der in vielen Mythologien vorkommt und immer so vorgestellt 



298 

ganz deutlich, dass Platon die Erde darstellen will, wie sie ist, 
dass er aber auf eine gründliche Beweisführung für 
seine Behauptungen verzichtet. Die Untersuchungen für 
den Beweis hätten nicht nur umfassende empirische Kenntnisse 
vorausgesetzt, sondern auch langwierige Bechnungen erfordert. 
Es ist nun für das Charakterbild Platon's recht interessant, dass 
er seine Fähigkeit für solche Arbeiten nicht gerade bestreiten 
will. Denkt man an seine grossen Beisen und an die vielen bis 
in manch feines Detail gehenden Naturbeschreibungen und Er- 
klärungen im Timaios und auch an die hier im Phaidon gegebene 
Geologie, so muss man zugestehen, dass Platon kein unange- 
messenes Selbstbewusstsein zur Schau trug, sondern wirklich, 
wenn die dem Menschen gegönnte Lebenszeit grösser wäre, auch 
ein bedeutender empirischer Naturforscher hätte sein können. 
Dass Platon aber seine hier im Phaidon vorgetragenen Be- 
hauptungen für Wahrheit (ahjd^) hielt und wirklich beweisen 
zu können meinte, muss man aus seiner abfälligen Bemerkung 
über seine Vorgänger schliessen; denn erstens erklärt er ihre 
Theorien für ungeeignet, um einen an strenges Beweisverfahren 
gewöhnten Mann zu befiriedigen, und zweitens sagt er, die Erde 
sei ihrer Beschaffenheit und Grösse nach von seinen Vorgängern 
falsch aufgefasst.'*') Von ihrer Gestalt und Beschaffenheit 
giebt er nun hier in der Kürze seine eigene Auffassung zum 
Besten; die Grössenberechnung aber lässt er ganz bei Seite, 
weil dies wohl zu tief in die Astronomie geführt hätte; doch 
muss man jedenfalls annehmen, dass er auch darüber seine eigene 
Theorie gehabt hat. Ich glaube auch, es wird Niemandem ein- 
fallen, diese ganze von Platon vorgetragene Physik der Erde 

wird, dass er entweder, wie der „Buttje, Buttje in der See", gefangen ge- 
nommen und freigegeben sich durch reiche Geschenke heilbringend erweist 
oder wenigstens allerlei Auskünfte über entfernte, verborgene oder zu- 
künftige Dinge gewähren muss. Da diese mythische Vorstellung als all- 
gemein bekannt gelten darf, ist eine weitere Erklärung überflüssig; ich 
will nur noch bemerken, dass die Annahme Bergk's (Fünf Abhandl. 
S. 137), als wenn Platon auf die Grammatik des Samiers Glaukos anspiele, 
völlig verfehlt ist; denn wenn man die Stelle genauer betrachtet, was 
Bergk nicht zu thun liebt, so sieht man, dass Platon drei Arten von 
Leistungen ihrer Schwierigkeit nach unterscheidet: Empirie, Glaukos' Kunst 
und wissenschaftliche Theorie. Glaukos muss also der &aXdrrto£ (Staat 
p. 611 C) oder Ttovnos sein, dessen t^»^ Weissagung ist, und nicht der 
Grammatiker, der Empirisches vorträgt. 

*) Phaidon 108 C (wre oia wrs oati So^atßTai vno rwv ne^ y^ wo- 
d'oratv XiyBiv. Und D oi» fisvxoi ravra a as Ttei&ei» 



299 

bespötteln zu wollen; denn wenn man die unendliche Menge 
empirischer Kenntnisse, über die man seit ein paar Jahrhunderten 
verfügt, wegdenkt und sich dagegen die Auflfassungen der Vor- 
gänger Platon's zum Bewusstsein bringt, so hat man nur Ursache, 
die grandiose Einfachheit und Originalität der ganzen Con- 
ception zu bewundem und die Leichtigkeit, wie er die empirisch 
gegebenen Erscheinungen zusammenfassen und nach wenigen 
gesetzgebenden Gesichtspunkten ordnen konnte, mit der Tiefe 
seiner ethischen Untersuchungen und mit der Schärfe seiner 
Dialektik in eine Linie zu stellen und aus der so viele entgegen- 
gesetzte Gebiete des Geistes zugleich umfassenden Begabung die 
von den Zeitgenossen und den Jahrhunderten angestaunte Grösse 
des göttlichen Mannes zu erkennen und zu würdigen. Denn 
wer könnte das Zeichen des wahren Genies bei Piaton übersehen, 
bei dem nichts mühsam geboren, nichts mit dem Schweisse 
banausischer Arbeit schulmeisterlich dem Leser vorgeführt wird. 
Die Chariten spielen um seine Werke und der Humor des Eros 
und der Musen erquickt den in die göttliche Freiheit des Genius 
erhobenen Leser. 

Confirmatlon durch Aristoteles. 

Da diese neu erkannte Platonische Theorie nicht blos an 
sich und für die Geschichte der Naturwissenschaft von einem 
grossen Interesse ist, sondern auch viele Aufschlüsse über die 
Beschäftigung Platon's zu der Zeit der Abfassung des Phaidon 
und über seine Behandlung des Mythus und dergl. giebt, so 
lohnt es sich, das gewonnene Eesultat noch möglichst zu con- 
firnuren. Zu diesem Zwecke können wir Aristoteles benutzen. 

Da Aristoteles als junger Mann schon zu grossem Ansehen 
gelangte*) und gegen Ende der zwanzigjährigen Epoche, die er 

*) Bergk (Fünf Abhandl., herausg. v. Hinrichs, S. 13, A. 2) schreibt: 
„Platon's Aufenthalt in Syrakus fällt in die Jahre Ol. 103, 2—4, daher 
erwähnt auch Diodor XV. 76 unter Ol. 103, 3 des Piaton, Aristoteles und 
anderer Philosophen." — Die Bemerkung, welche schon Clinton macht, ist 
nur wegen des Wortes „daher" erstaunlich; denn wie konnte der zwanzig- 
jährige Stagirite dazu kommen, in diesem Jahre unter den nennenswerthen 
Philosophen zu fi guriren ! Weil Platon sich in dieser Zeit in Syrakus auf- 
hielt? Bergk hat dies wohl nur für sich niedergeschrieben, um später 
einmal einen Grund zu suchen. Wenn man aber meine Gombinationen 
(obftn 8. 24) vergleicht, so erscheint die Begründung als sehr einfach 
und natürlich. 



300 

mit Piaton zusammenlebte , in Differenzen mit ihm gerieth, über 
die er sich noch zu Lebzeiten Platon's, wie ich nachgewiesen 
habe'*'), in den Nikomachien offen herausliess: so bemerkt man 
bei dem ersten Beginnen der Polemik noch eine gewisse Rück- 
sicht; die er sowohl sich, als dem ehrwürdigen Achtziger schuldig 
war, indem er ausspricht, dass es ihm leid thue, der Wahrheit 
zu Liebe gegen befreundete Männer, welche die Ideen aufge- 
bracht hätten, kritisch auftreten zu müssen; nach Erledigung 
dieser Höflichkeits- und Entschuldigungsformel nimmt er dann 
aber kein Blatt vor den Mund, sondern bezeichnet die Plato- 
nischen Gedanken rücksichtslos überall als lächerlich und absurd, 
ohne der grossen Verdienste und der philosophischen Genialität 
des Meisters auch nur mit einem Worte der Anerkennung zu 
gedenken. Zu den späteren Schriften des Aristoteles müssen 
wir die naturwissenschaftlichen rechnen, sofern diese eine Menge 
naturhistorischer Data enthalten, die er kaum ohne die Hilfe 
seines königlichen Gönners erreichen konnte, und in diesen 
werden die Annahmen Platon's fast immer mit Spott und Hohn 
durchgenommen. 

Wenn Benn**) gegen die frühe Abfassung 
inrtanmnBenn. ^®^ Nikomachien geltend macht, dass die darin 

niedergelegte grosse Lebenserfahrung kaum von 
einem Manne von 32 — 33 Jahren herrühren könnte, so erkenne 
ich das Gewicht dieses Grundes bereitwillig an, bemerke aber 
1. dass diese Weisheit auch nicht von Aristoteles durch eigene 
Erfahrungen erworben ist, sondern wie man bei seiner Charak- 
terisirung der einzelnen Tugenden am Deutlichsten sehen und 
nachrechnen kann, dem fleissigen Lesen der Redner, Dichter 



*) Literar. Fehden I, S. 143 ff. 

**) The greek philosophers I, p. XXI, seqq. For the supposition 
that Aristotle wrote his Ethics at the early age of thirty-thwo or thirty-three 
seems to me so improbable that we should not accept it except ander pressure 
of the strongest evidence. Da B e nn p. XXXIII, seine von grosser Besonnen- 
heit zeugenden Einwendungen mit den verbindlichen Worten schliesst: 
These are difüculties which Teichmüller has, no doubt, fully weighed and 
put aside as not sufficiently strong to invalidate his conclusions : so erlaube 
ich mir, ihm die Gründe vorzulegen, die mich verpflichten, an meiner 
Thesis festzuhalten. 



und Pliilosophen zu verdanken ist.*) Er fährte mit Recht, wie 
wir glücklicherweise noch genau durch Vergleichung der Niko- 
machien mit ihren Quellen nachweisen können, den Beinamen 
„der Leser^; und dieses !Qrädicat geht leicht aus der Bedeutung 
des Gelehrten in die des Oompilators über. 2. Zweitens aber 
war ja die erste und wichtigste Arbeit Platon's an der mit ihm 
verkehrenden Jugend auf die ethischen Begriffe gerichtet, auf 
die Beurtheilung der Menschen und Handlungen, des Privat- 
und Staatslebens; und ausserdem müssen wir annehmen, dass 
Aristoteles auch schon, ehe er nach Athen kam, die grossen 
und kleinen ethischen Dialoge Platon's studirt hatte. 3. Drittens 
kam Aristoteles 'zu einer Zeit nach Athen, wo Piaton seine 
zweite Beise nach Syrakus machte, wo deshalb bald alle G-e- 
danken auf die ethische und politische Sphäre gerichtet wurden 
und Erfahrungen in grossem Stile an Menschen und Verfassungen 
und Staaten dem Kreise der Akademie besonders nahe traten. 
Auch muss Platon's persönlicher Antheil an den bedeutsamsten 
Vorgängen der Politik, sowie sein hohes, mehr der Vergangen- 
heit zugewandtes Lebensalter es mit sich gebracht haben, dass seine 
täglichen Unterhaltungen mit den Schülern durch Erinnerung 
an die reichen Erlebnisse vieler Jahre befruchtet wurden. 

Aus allen diesen Gründen und aus dem Gegensatze, in 
welchem der Kreis der Akademie zu den Bednern und besonders 
zu Isokrates stand, sehe ich es für das Natürlichste an, dass 
die erste und gründlichste Bildung, welche Aristoteles gewinnen 
konnte, die Ethik {7to%LTLY.rj) und Bhetorik betraf, obgleich 
ich nicht bezweifle, dass er wegen seines hervorragenden Pleisses 
und seines systematischen Talentes in den vier Lustren des 
Verkehrs mit Piaton auch früh in der Methode geübt und, in 
der ersten Zeit namentlich, vielleicht schon vorzeitig an den 
höchsten Speculationen als Zuhörer theilnehmen durfte, wobei 
er sich durch unglaubliche Ausdauer auszeichnete. Kurz, je 
genauer man sich in die wirklichen Verhältnisse hineindenkt, 
desto lebhafter und deutlicher wird das Bild, dessen erste Um- 
risse sich mir durch Auffindung der Polemik der „Gesetze" 



*) Hätte Aristoteles, wie Benn 1. 1. p. XXI vorauszusetzen scheint, 
alle diese Erfahrungen und Beobachtungen selbst gemacht und zuerst an's 
Licht gegeben, so würde ich Benn's Instanz vollkommen anerkennen und 
seiner sonst sehr probablen Bestriction folgen. 



302i 

gegen die Kikomachien enthüllten"'), und die grosse Heftigkeit, 
mit welcher Piaton gegen den undankbaren Schüler reagirt, 
kann uns jetzt nicht mehr wundem , da wir die viel stärkeren 
Proben seines Zornes gegen Isokrates,^ Lysias und Andere schon 
kennen gelernt haben. Wurde doch Piaton auch von Aristoteles 
selbst (oder von einem seiner Schüler) als schwarzgallicht 
(f^elayxohxog) charakterisirt**), da die Constitution solcher geist- 
reichen (neQiTTol) Naturen, wie Empedokles, Ajax, Herakles, 
Lysandros, leicht Krankheiten von Seiten der schwarzen Galle 
mit sich bringe und zu allerlei Anfallen von Epilepsie, Wahn- 
sinn, Uebermuth, Zorn führe; denn solche Männer wären von 
Natur in einem derartigen Zustande, in welchen Andere durch 
den Bausch versetzt würden. 

Ich glaube also, die von Benn vorgestellten Bedenken voll 
gewürdigt zu haben und doch durch anschauliche Betrachtung 
der gegebenen Verhältnisse gezwungen zu sein, gerade die 
rhetorischen und ethischen Arbeiten des Aristoteles für 
seine frühesten Leistungen zu halten. Dass die Dialoge, die 
ihn noch als Platoniker zeigen, auch wieder noch früher ge- 
schrieben sind, versteht sich von selbst. 

Was das Lebensalter betrifft, so sagt Aristoteles ja selbst, 
dass die Ethik und Politik kein Studium für Jünglinge (viog) 
sei, weil sie keine Lebenserfahrung hätten und von ihren Leiden- 
schaften beherrscht würden; er fügt aber gleich hinzu, dass es 
auf das Lebensalter den Jahren nach dabei insofern doch nicht 
ankomme, als einer auch alt sein könne und doch kindischen 
Charakters; es drehe sich also blos darum, ob man seinen 
Leidenschaften noch unterworfen sei. Wer aber seinen Willen 



*) Wenn Benn in Bezug auf die namentliche Anführung Platon^s 
in den Nikomachien meint: Speaking from memory, I should even be 
inclined, to doubt whether the mention of a living writer by name 
at all is consistent with Aristotles Standard of literary etiqaette: so ist 
diese Frage ja schwer zu entscheiden, weil seine sämmtlichen Schriften 
undatirt sind; doch erinnere ich wenigstens an Theodektes, Eudoxos und 
Kallippos, von denen sich doch wohl nicht nachweisen lässt, dass sie vor 
dem Erscheinen der Rhetorik und Metaphysik gestorben sind. 

**) Aristot. Probl. ^. 16, p. 953 a 27. tmv 8e vate^ov ^ EfotsSoaXtis xal 
nXdrofv xtL — o yoLQ olv,os b noXvg fidhcra falverat Tta^aaxevd^iv Toutv- 
rove otovg Xiyofisv 'vovg fieXayx^^ove slpeu, — olos ya^ ovzoe fte&vcav vw 
iariv, dXkog rig roMvros yvaei iariv. 



303 

nach der Vernunft bestimmen könne, für den sei die ethisch- 
politische Wissenschaft von dem höchsten Nutzen.'") Ich glaube 
auch, dass Benn nur den ersten Schein für sich hat, wenn er 
die Möglichkeit ethischer Beife in dem angenommenen Lebens- 
alter des Aristoteles für beispiellos hält; denn ganz abgesehen 
Yon dem bis zur Evidenz zu führenden Beweise, dass Aristoteles 
den eigentlichen Inhalt seiner Ethik entlehnt und blos syste- 
matisch zu verarbeiten versucht hat, so genügt es doch, auf 
einige Analogien zu verweisen. Luther war etwa 33 Jahre alt, 
als er seine 95 Thesen anschlug; Schleiermacher 31 Jahre, als 
die Reden über die Religion erschienen, und etwa 33 — 34, als 
er die „Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre" 
schrieb ; Spinoza wahrscheinlich noch keine dreissig Jahre alt bei 
der Abfassung des Fractatus de Deo et homine eiusque felicitate ; 
Schopenhauer 31 Jahre, als er die mit viel compilirter Lebens- 
weisheit gespickte „Welt als Wille und Vorstellung" herausgab; 
und wenn Benn den interessanten Versuch unternehmen wollte, das 
Lebensalter der für eine neue Lebensführung auftretenden Männer 
statistisch zusammenzustellen, so vermuthe ich, dass das Resultat 
überraschend sein würde. Auch Piaton war ja in diesem Lebens- 
alter vorherrschend mit ethisch-politischen Gedanken beschäftigt, 
und wenn er damals keine Nikomachien schrieb, so fand er doch 
auch nicht seine eigenen grossen Werke und nicht die der 



*) £th. Nicom. I, 1. Jiafdqei S^ ovSiv veoe rrp^ rjXixiav § ro rjd'os 
vsaqos' ov ycLQ Ttaqa rov x^ovov ^ i'kXsitpis, aXld 8ta ro xara nad'OQ 
Qr xal SuMceiv S>caüra. — Tbis 8i xara Xoyav ras o^e^eie Ttotov/ievote xal 
n^rrovci TtoXvatyeiJs av sirj ro Tteol ravrofv eiddvat. Ich will nicht gerade 
sagen, dass Aristoteles dabei seine eigene verhältnissmässige Jugend im 
Auge gehabt und gewissermassen entschuldigt habe; doch sieht man, dass 
er die ethische Wissenschaft nicht von der Zeit, sondern von der Ver- 
nUnftigkeit abhängig macht. Wenn es erlaubt ist, bei dieser Frage auch 
an unsere eigene Erfahrung zu gedenken, so kommt mir zur Erinnerung, 
dass zufällig meine ersten Schriften, die ich im Alter von 26 Jahren ver- 
öffentlichte, die Ethik und Politik betrafen. (Die „Einheit der Aristo- 
telischen Eudämonie'^ in dem Bulletin der Akad. d. Wiss. in St. Petersb. 
und „die Aristotel. Eintheilung der Verfassungsformen" in dem Schul- 
programm des Annengymnasiums.) Beide Schriften wurden sehr gut auf- 
genommen, obgleich darin eine scharfe Kritik über viel ältere Männer, 
über Brandis, Zeller, Barth. St. Hilaire u. A. erging, und ich habe jetzt, 
etwa 26 Jahre später, noch keine Veranlassung gefunden, meine damaligen 
ethischen ürtheile zurückzunehmen, obgleich ich allerdings über die Origi- 
nalität des Aristoteles jetzt eine weniger günstige Meinung hege. 



304 

— - — 

Bedner und nicht sonst eine reiche ethische Literatur schon vor 
und genoss auch keine solche Schulung, wie er sie in der Akademie 
dem Aristoteles gewähren konnte. 

I. originaiitit Kehren wir nun zu der angefangenen ünter- 

der phytisdien suchung zurück , um zuerst die Originalität der 
Theorie Pimton'«. pjatonischen Hypothese und Theorie durch Ans- 
toteles confirmiren zu lassen. Zu diesem Zwecke müssen wir 
uns erinnern, dass Aristoteles sowohl überhaupt immer auf die 
Quellen zurückgeht, als ganz besonders bei Piaton nur das als 
Platonisch beurtheilt, was er nicht auf einen früheren Gelehrten 
zurückführen kann. Bei der hier in Frage kommenden Physik 
der Erde war Piaton von der ersten Prämisse ausgegangen; dass 
sich die Erde in der Mitte wegen ihres gleichen Abstandes von 
der Peripherie der Welt in ruhigem Gleichgewicht befinden 
müsse (Phaidon 109); Aristoteles aber findet es kaum nöthig zu 
erwähnen, dass diese Ansicht noch im vierten Jahrhundert galt, 
sondern führt sie gleich auf Anaximandros im sechsten Jahr- 
hundert zurück.*) Darum können wir sicher schliessen, dass er 
nicht verfehlt haben würde, wenn es nur möglich gewesen wäre, 
auch die anderen Combinationen und Hypothesen auf die Pytha- 
goreer oder eine andere Quelle zu beziehen. Dass er hierfür 
aber nur Piaton verantwortlich macht, muss uns als sicheres 
Judicium für die Originalität dieser Platonischen Physik der Erde 
dienen. 

2 wissenechaft- Zugleich wird uns auch durch die ausführUche 

liehe Theorie und und sorgfältige Aristotelische Relation und Wider- 
nicht Mythue. legung**) der Platonischen Theorie ein unanfecht- 
bares Zeichen dafür geboten, dass wir im Phaidon nicht mit 
einem alten Mythus zu thun haben, den Piaton nacherzählt oder 
dichterisch umgestaltet hätte, sondern dass es sich um eine 
physikalische Theorie dreht. 

Wenn nun auch Aristoteles in übertriebenem Selbstbewusst- 
sein sagt, dass Alles, was bis auf ihn selbst über die Winde, 
die Flüsse und das Meer gesagt wäre, keinen grösseren Werth 



■ r 

*) De coelo II. 295b. IL eial 8e rives (Piaton) ot 8ta ttp^ ofUHorffto. 
tpaaiv avTfjv (ri]v yriv) fieveiv, Sane^ tatv a^tUa>v l^vaSi/Mivdgog, — nnno ot 
Xsysrai xo/ixpoig fidv, ovx ahj&mg Se. 
**) Meteorol. U. 2. 366 a. 82 seqq. 



sog 

hätte, als die ungelehrten Meinungen jedes beliebigen Menschen ''')f 
so werden wir doch bei aller Anerkennung seiner Verdienste 
dem Piaton in den wichtigsten Punkten eine weit genialere Com- 
binationskraffc zuerkennen müssen. 

Ich will hierfür nur zwei sehr bedeutsame Fragen zur 
Erörterung bringen; denn erstens handelt es sich um das letzte 
Princip für die kosmische Ordnung überhaupt, also um das soge- 
nannte Gravitationsgesetz. Hierüber habe ich mm schon 
in meinen Studien zur Geschichte der Begriffe S. 297—302 
gesprochen und zum ersten Male die Aufmerksamkeit der Gelehrten 
auf die nicht blos historisch, sondern noch immer bedeutsamen 
Gedanken der beiden grossen griechischen Philosophen gelenkt. 
Die principielle Schwierigkeit, die auch unsere heutige Theorie 
in sich schliesst, spiegelt sich in der Kritik, welche Aristoteles 
an Piaton übt. Denn da Piaton die Vertheilung der Massen in 
der Welt nach dem qualitativen Gegensatz der Verwand- 
lungsformen der Materie bei ihrem Umschwünge um die Axe der 
Welt geregelt wissen, wollte, so betonte Aristoteles das Wesentliche 
des rein geometrischen Ortes und legte dadurch wunderlicher- 
weise dem Eaume, z. B. dem Mittelpunkte der Welt, physische 
Eigenschaften, wie die Attractionskraft , für das Erdartige 
bei.**) Wir müssen deshalb heute, wo wir nicht mehr an der 
Bewegung der Erde zweifeln und auch von einem feststehenden 
Mittelpunkte des Planetensystems nicht mehr sprechen, die 
Aristotelische Theorie nothwendig tiefer stellen, als die Plato- 
nische, weil diese von den Verlegenheiten der blos geometrisch 
bestimmten Naturgesetze frei ist. 

Eine zweite Frage, welche eine Menge von Consequenzen 
nach sich zieht, ist die, ob die Erde nach innen zu wärmer oder 
kälter wird? Aristoteles findet es nun abgeschmackt, wenn man 
nicht die Constanz des Naturgesetzes in der Weise anerkennen 
wollte, dass eine und dieselbe Ursache, nämlich die Kälte, welche 
die Luft oberhalb der Erde in Wasser verwandelt, dies auch inner- 
halb der Erde thue, und nimmt dementsprechend die Kälte der 

*) Arist. Meteorolog. I. 13. 349 a 12 ne^ 8^ avdfuav xod ndvrtov nvev- 
/MttaVy iii 8e narafian/ xai ^oXldrTTje Xeyof/iev, nQcäxov nal neqi rovrotv 
n^oano^aavres jt^bs rjuas avrove' coansQ ya^ xai yieqi aXktov, tn)xo> ncti 
ne^l rovTtov ovd'sv TCa^etXtitpafAev Xeyo/uvov roiovxov, o firj nav orv^afv 
ein 81 er. 

**) Z. B. De coelo II. 13. p. 296. 20 seqq. 

20 



^06 

Erde im tnnem als eine fortwährende Ursache der Erzeugung 
von Wasser in der Erde an.*) Piaton aber fordert für die 
Vulkane als Ventile ein glühendes Meer von Lava im Innern der 
Erde und stimmt deshalb viel besser zu den heutigen, durch 
grössere Erfahrungen, Experimente und Kechnungen möglich 
gewordenen Theorien. 

Man darf sich durch die Aristotelische Kritik nur nicht 
gleich gegen Piaton einnehmen lassen. Wenn Aristoteles auch 
mit einem echt modernen und kühnen Vergleich die Berge für 
grosse aufgehängte Schwämme erklärt, von ihnen die Quellen 
der Flüsse ableitet und gegen die unterirdischen Wasserbehälter 
Platon's eifert**): so habe ich doch oben S. 293 Piaton schon 
gegen Missdeutung vertheidigt, denn die Verdunstung des Wassers 
einerseits und die Niederschläge andererseits können sehr wohl 
seiner allgemeinen Schaukel -Theorie eingefügt werden. Auch 
in Platon's Hypothese von oberflächlicheren Erdschichten, welche 
das Wasser nicht tiefer durchlassen, sondern es sammeln und 
in den Quellen austreten lassen, offenbart sich eine Combination, 
die der modernen empirischen Geognosie viel näher kommt, als 
die Aristotelische Annahme; und wenn Aristoteles den Piaton 
zwingen will, seine Flüsse bergauf fliessen zu lassen, und ihn 
auch sonst mit dem Ausdruck „unmöglich" {advvarov) bedrängt***), 
so hat Piaton vielmehr Recht, nicht blos aus Einem Gesetze, 
sondern aus dreien die Erscheinungen zu erklären. Denn nach 
seinem ersten Gesetze fliessen die Ströme und aller Regen, wie 
Aristoteles verlangt, nach unten zu, nach dem Mittelpunkte der 
Erde sich ringsum richtend; nach dem zweiten Gesetze aber 
wird jede Bewegung durch Gegendruck zum Gleichgewicht 
gebracht, und nach dem dritten Gesetze muss allerdings das 
Wasser bergauf fliessen, wenn der Gegendruck im XJebergewicht 

*) Meteor, p. 349b. 21 aiv /irjv aXX^ axonov ei rig firj vo/ui^ot Sia rfjv 
av/tfjv airiav v8o)q iS ae^oe yiyvead'at Si t]V7teQ vTteQ yvs xai iv tJ yj. 
aar eCiteg xaxet Sia t/fv^ QOTijra avpiararai o arfiC^ov arj^ eis vSof^, xai 
vno rrje iv tt} yt} ywx^orrjroe ro avro rtnno Sät vo/ul^w üvfißaivsiv, 

**) Ibid. p. 349 b. 29 olov vno yriv Xifivag rivas aTtonex^ififisvae, xa&dne^ 
kvioi (Piaton) Xeyovaiv. 

***) Meteorolog. II. 2. p. 356 a 14 av/ißaivei 8e rav£ Ttorafiovg ^ehf <nm 
ini ravrov ael xara xov koyov rovrov' inel yaQ eis ro fiiüov eiüQiovaiv af 
ovTte^ hcQdovaWf <n)8ev fiaXXov ^svaovvrat xdrcod'ey rj avcod'sVj aXV itp OTtotef 
av ^syjTj xvuaivcav o TÜ^a^os, xahoi rovrov avfißaivovros ysvotr* av to 
Xeyofievov dvco Ttora/uMV oneQ aSvparav, 



307 

ist, wie dies auch alle Ueberschwemmungen und das Aufsteigeü 
der ebenfalls von Piaton augeführten kalten und heissen Quellen, 
der Lava u. s. w. beweisen. Flaton würde daher auf die Miss- 
deutung des Aristoteles mit dem Experiment des Symposion'") 
haben antworten können oder indem er dem Aristoteles in einen 
Becher Wein einschenkte, um ihm zu zeigen, dass das Flüssige 
auch bergan steigen kann nach dem zweiten und dritten G-esetze. 
So ist auch die Bemerkung des Aristoteles gegen Flaton, 
dass die Flüsse alle in's Meer strömten und keiner in die Erde"^), 
fast sophistisch und übelwollend zu nennen, da Piaton ja gerade, 
meinte, dass sie alle durch Vermittelung des Meeres in die Ab- 
gründe der Erde flössen, wobei jedenfalls Aristoteles keinen 
Vorzug vor Piaton verdient, da keiner von beiden eine empirisch 
begründete Vorstellung von der Tiefe des Meeres hatte und 
Piaton doch auch durch Erdschichten gewisse, wenn auch durch- 
bohrte Scheidewände zwischen dem Feuermeer des Tartarus, in 
welchem alle geschmolzenen Erdstoffe, Wasser, Dämpfe und alle 
Elemente vereinigt wären, und den grossen unterirdischen Wasser- 
behältern, bis zu denen das Meer zunächst reiche, gelegt dachte. 
Mehr als die Gründe der Aristotelischen Kritik müssen wir aber 
die Thatsache schätzen, dass Aristoteles so ausführlich 
kritisirt, weil er uns dadurch den wissenschaftlichen Charakter 
der sonst für leeren Mythus ausgegebenen Platonischen Theorie 
im Phaidon confirmirt. 



Der Phaidon folgt auf das Symposion. 

Von den Indicien, die aus dem Inhalt der Lehre genommen 
werden können und von denen Tannery besonders die astro- 
nomischen Vorstellungen hervorhebt***), um die Priorität des 
10. Buches des Staates vor dem Timaios und Phaidon zu be- 
weisen, will ich hier noch nichts anrühren, weil dies in einen 
grösseren Zusammenhang gehört und die firüheren Indicien hin- 
reichen. Ich wünsche nur die Aufmerksamkeit auf eine Stelle 
zu lenken, die ich schon im ersten Bande (S. XVI, A. 1) 



*) Vergl. oben S. 291. 
**) Ibid. a. 22 xoUroi Ttdyres oi 71 ora/wl falvovxat Takevrc^vreg eis ttjv 
&dkatrar, oüoi fitj sie aXk^Xovs' eis Si trjv yriv ovSek. 
**♦) Revue philos., Ribot 1881, p. 162. 

20* 



308 

deutete, die aber eine ausführlichere Besprechung verdient, weil 
sie die enge Nachbarschaft des Symposion und Phaidon bezeugt. 
Man stelle sich vor, wie Piaton im Symposion die komischen 
Einfälle des Aristophanes ausführt, wie er die in gelinder 
Rauschstimmung gedachten Erzählungen des Alkibiades nieder- 
schreibt, wie er gegen Ende noch die lustigen Neckereien 
zwischen Agathon, Alkibiades und Sokrates, die sich um die 
Reihenfolge bei Tisch streiten, in dem leichten Tone der guten 
Gesellschaft darstellt und endlich noch das Hereinbrechen der 
Komasten und das Abfallen der Zechgenossen: wenn man dies 
Alles vor Augen hat, so wird man begreifen, dass der ernste 
und tiefsinnige Piaton sich selbst in einer ungewöhnlichen 
Stimmung, gewissermassen im Zustande gestörten Gleichgewichts 
der Seele fühlen musste ; denn so sehr hatte er nie dem komischen 
Elemente in seiner Natur nachgegeben. Es ist darum ganz 
natürlich, dass er dieses Gefühl auch irgendwie dem Leser 
kundthun möchte und aus diesem Grunde zum Schluss den 
Aristophanes wieder auf die Bühne bringt und Sokrates mit 
ihm Zwiegespräch halten lässt, damit Aristophanes, der aber 
schon im Einschlafen ist und nicht recht mehr hinhört, zuzu- 
gestehen gezwungen werde, Komödie und Tragödie gehörten zu 
einer und derselben dichterischen Begabung. Da gar kein 
Grund angeführt wird, diese von Piaton als Gegenstand der 
Disputation unter den noch wachenden Zechgenossen verhandelte 
Thesis zu beweisen, und da aus dem Zusammenhang des Dialogs 
sich auch sonst kein Motiv zeigt, welches eine Veranlassung für 
die plötzliche Aufstellung dieser Thesis abgeben könnte, so, 
glaube ich, müssen wir Grund und Veranlassung dazu in der 
eigenthümlichen künstlerischen Persönlichkeit Platon's selber 
suchen. Die Veranlassung für ihn lag, wie gesagt, in dem 
bedeutenden üebergewicht, welches seine komische Ader in 
diesem Dialoge erhalten hatte, wodurch die ernste und erhabene 
Seite seines Wesens in Frage gestellt war und eine Genug- 
thuung forderte. Der Beweisgrund für die Thesis aber war 
ihm unmittelbar gewiss in seinem Selbstbewusstsein, sofern er 
sich der tragischen und sentimentalen Auffassung und Darstellung 
des Lebens ebenso gewachsen fühlte und beim Schluss des 
Symposion mit der Absicht umging, eine Probe davon zu geben. 
Diese Probe besitzen wir in dem Phaidon. Die Natur aber, 
welche das tragische und komische Element zugleich umfasst, 



309 

nennen wir humoristisch, und so ist dies Selbstzeugnis s 
Piaton 's über den, seinen Darstellungen und seiner Weltauf- 
fassung zu Grunde liegenden Humor von einer grossen Trag- 
weite; denn wir gewinnen dadurch ein das ganze Gebiet seiner 
Lehre und seiner Kunst beherrschendes Kriterium der indi- 
viduellen Interpretation, und es ist nur ein nebensächlicher 
Erfolg, dass wir daraus die Aufeinanderfolge von Symposion 
und Phäidon fast mit Sicherheit diagnosticiren können. 

§ 4. Der Theaitetos. 

A. Die Stilveränderung. 

Der Theaitetos hat in der Reihe der Platonischen Dialoge 
sein ganz besonderes Verdienst. Ich schweige von dem grossen 
Reiz, mit welchem uns darin die Darstellung der Sokratischen 
Methode der Maieutik ergreift; ich schweige von der wunder- 
baren Macht, mit welcher dort zuerst die speculative Erkenntniss 
über die positivistische den Sieg erringt: ja, den ganzen 
inneren Werth des Dialogs wollen wir bei Seite lassen und nur 
einen kleinen Punkt in der Vorrede des Dialogs erwähnen, der 
dazu bestimmt war, endlich für die fast unmöglich scheinende 
Aufgabe, die chronologische Ordnung der Platonischen Dialoge 
wiederzufinden, den Ariadnefaden zu bieten. Ich meine nämlich 
die kurze Mittheilung Platon's über die Veränderung seines Stils, 
da er, wie er sagt, es lästig gefunden habe, diejenigen Partien 
seiner Dialoge, welche die dialektischen Untersuchungen, d. h. 
die Disputationen, enthalten, in der Sokratischen "Weise er- 
zählend (diegematisch) vorzutragen, und deshalb diese Dialektik 
dramatisch mit Weglassung des „Sagte er" u. s. w. behandeln 
wolle. Da der von Piaton angeführte Grund nicht blos für 
diesen einzigen Dialog gelten kann, sondern eine auch uns ein- 
leuchtende allgemeine Schwierigkeit und Lästigkeit der Dar- 
stellung betrifft, so muss er bei Piaton von dem Theaitetos an 
auch femer gegolten haben und bietet deshalb ein sicheres 
Kriterium zur Scheidung von zwei Stilperioden Platon's. Alle 
die Dialoge, welche wie Phaidon und Staat und Protagoras u. s. w. 
an der alten, lästigen Darstellungsweise der erzählten Dispu- 
tationen leiden, müssen nun vor den Theaitetos fallen und Alle, 
welche für die dialektischen Abschnitte die dramatische Form 
gebrauchen, nach dem Theaitetos. 



310 

Dies Kriterium ist ein äusserliches, palpables und deshalb 
über jeden Zweifel erhaben; und es erregt eine humoristische 
Stimmung, wenn man sich vergegenwärtigt, wie die riesige Auf- 
gabe, die Platonischen Dialoge zu ordnen, mit allen möglichen 
Speculationen über das System des Philosophen und die geheime 
Entwickelungsgeschichte der Ideenerkenntniss in seinem Geiste 
zu lösen versucht wurde, während sich nun durch eine ganz ein- 
fache Palpation dem tastenden Pinger die Gruppirung des 
Ganzen ungezwungen ergab und sogar in der Weise, dass Piaton 
selber den Leser auf diese Eintheilung aufmerksam gemacht 
hatte. 

Die Wichtigkeit dieser ersten Entdeckung 
^II' cIkI!'*'" erkennend, handelte ich darüber in einer kleinen 

u. oCnftnz. 

Schrift „Ueber die Reihenfolge der Platonischen 
Dialoge" (Leipzig, Köhler 1879). Allein es wiederholte sich die 
gewöhnliche Erfahrung. Die alten Koutiniers verstanden das neue 
Werkzeug nicht nur nicht zu gebrauchen, sondern begriffen nicht 
einmal den Sinn der Beschreibung und Darlegung. Der Erste, 
der seine Missverständnisse an den Tag legte, war Th. H. 
Martin. Er glaubte, es handle sich bei meiner Bemerkung 
um eine ästhetische Frage, ob sich alle die Dinge, die in den 
Dialogen vorkommen, hübscher — erzählen oder dramatisch dar- 
stellen lassen. Von allen diesen hübschen Dingen aber hatte 
ich gär nicht gesprochen, sondern war im Gegentheil mit Martin und 
anderen Freunden Platon's im Voraus über diese Frage völlig 
einverstanden. Mithin hatte Martin gar nicht über meine Arbeit 
geschrieben, sondern über einen Punkt, an den er für sich selbst 
nebenbei gedacht und den er bei zerstreutem Blick für meine 
Meinung gehalten hatte. Es war mir deshalb wohl nicht za 
verdenken, dass ich (in dem Gott. gel. Anz.) diese sonderbare 
Art, über eine Schrift zu berichten und zu urtheilen, mit ein 
wenig tonie zurückwies. 

Da nun auch Jahresberichterstatter nicht Alle» 

lesen, was im Laufe des Jahres erschienen ist, so 
gerieth Schanz, der zwar die Platonischen Dialoge nach den Hand- 
schriften vorzüglich zu ediren versteht, philosophische Unter- 
scheidungen aber, wie es scheint, aufzufassen nicht gewohnt ist, 
durch die gleiche Unaufmerksamkeit, wie sie Martin bewiesen 
hatte, zu dem gleichen, etwas komischen Missverständniss und fühlte 
3ich deshalb sogar berufen, mir mit Schulmeistermanier eine Stelle 



311 

Yon Schleiermacher in Erinnerung zu bringen, die er wegen seines 
Missverständnisses für eine meiner „Entdeckung^ vorangehende^ 
aber von Schleiermacher selbst wieder aufgegebeneEntdeckung hielt. 
Auch diese zweite Recension, die meine kleine Schrift erlebte, 
konnte wieder nicht mir gelten, weil ich doch nicht für die 
Traumbilder einzustehen brauche, die ein unachtsamer Leser zu 
seinem Privatvergnügen verfolgt und nachher mit dem Gelesenen . 
verwechselt. Trotzdem ergriflf ich die nächste Gelegenheit, die 
sich mir in der Vorrede zu meiner „Neuen Grundlegung der 
Metaphysik^ darbot, um Schanz den Unterschied zwischen 
Wachen und Träumen klar zu machen, und erlaube mir hier 
ausserdem, ihm die Leetüre meiner Antwort an Th. H. Martin 
in den Götting. gelehrt. Anz. St. 42, 15. October '1879 zu 
empfehlen, da auch ihm die dort gegebenen Unterscheidungen 
zwischen dem, was ein Buchbinderverstand einsieht, und dem, 
was der Philosoph als Dialektik und Disputation abzusondern 
weiss, zum Vortheil gereichen können. Schanz wird bei dieser 
Gelegenheit lernen, sich vor blinder Unvorsichtigkeit zu hüten, 
da ihm so bei dem ersten Gang schon das Floret aus der Hand 
geschlagen wurde und es ihm doch peinlich sein wird, zugleich 
waffenlos und impertinent dazustehen. 

Glücklicherweise bildeten diese beiden Leser ^ . . ,^ 

Eukleid6S. 

eine Ausnahme; ich würde sonst mit einiger Ent- 
muthigung geglaubt haben, dass ich nicht zu schreiben verstände 
und meine Gedanken nicht deutlich ausdrücken könnte. Wenn 
ich aber hinblicke auf die Becensionen aufmerksamer Leser, 
wie Schaarschmidt,*), Tannery, Chiappelli u. A., so 
sehe ich, dass meine Schrift doch verständlich genug war, und 
dass Martin und Schanz ganz natürlich nur dadurch zu ihren 



*) Schaarschmidt (Philos. Monatshefte XVI. V«i »• 118) schreibt: 
„Uebrigens soll das aufgestellte Kriterium, wie der Verfasser (Teichmüller) 
bemerkt, „„nicht roh dahin ausgelegt werden, als wenn sich nun Alles blos 
um den Gegensatz des Dramatischen und Diegematisohen drehte""; viel- 
mehr u. s. w." „Was den üeferenten (Schaarschmidt) anbetrifft, so kann 
er nicht umhin anzuerkennen, dass T. sich damit ein Verdienst erworben 
hat, die betreffende Stelle des Theätet als ein Kriterium der Keihenfolge 
der Dialoge hervorzuheben und ihm Recht zu geben ^ wenn er behauptet, 
dass Piaton — — nicht wieder zu der schleppenden und störenden 
Diegematik zurückgekehrt sein werde, wie sie z. B. im Staate uns ent- 
gegentritt." 



312 

falschen Nebengedanken kommen mussten, weil sie den Terminus 
Dialektik nicht scharf auffassten. S. 10 sagte ich: y,Las8en 
wir Piaton immerhin bald erzählen, bald disputiren, aber 
nicht disputiren, wo erzählt, und nicht erzählen, wo disputirt 
werden muss." Erst seit dem Theaitetos sah Piaton ein, dass 
eine Disputation sich schlecht erzählen lasse, weil dabei die 
monotonen und überflüssigen Einschiebsel: „sagte er, wollte er 
nicht zugeben^* u. s. w., für Schriftsteller und Leser lästig sind. 
Darum unterschied ich S. 22 „eine Epoche der erzählenden 
Dialektik" von einer zweiten, durch den Theaitetos als Anfangs- 
glied bestimmten „Epoche dramatischer Dialektik". Von dieser 
Scheidung des Gesammtinhaltes jedes Dialoges in zwei 
Elemente, in disputirende Dialektik, die nur dramatisch dar- 
gestern zu werden verlangt, und in den übrigen Stofl^ der je 
nach den künstlerischen Zwecken zu allen Zeiten bald dramatisch^ 
bald erzählend vorgetragen werden konnte, davon hatte Schleier- 
macher keine Ahnung, und deshalb wusste er von dieser 
merkwürdigen Stelle des Theaitetos, die dem klugen Manne 
schon auffiel, keinen Gebrauch zu macheu. Hier aber heisst 
das heuristische und methodologische Princip: divido et impera! 
Durch die Aussonderung des dialektischen Elements kam erst 
Verstand und künstlerische Zweckmässigkeit in die Bemerkung 
eines so grossen Schriftstellers, wie Piaton war, und er ist seit- 
dem auch von seiner gewonnenen Erkenntniss nicht abgewichen. 
Doch heisst es auch: felix, qui potuit rerum cognoscerecausas! 
So bemühte ich mich auch die Ursachen zu erkennen, weshalb 
Piaton in seiner ersten Epoche zu der erzählenden Dialektik kam; 
denn dass er allmählich von selbst die Lästigkeit dieser Dar- 
stellungsweise empfinden musste und die reine und angemessene 
Stilform für die Disputation finden konnte, schien mir keiner 
Erklärung zu bedürfen. Die Ursache der alten Stilform 
glaubte ich nun, wie ich a. a. 0. in den Götting. gelehrt. Anz. 
genauer darlegte, in der Fortführung der Sokratischen 
Darstellungsweise zu erkennen und hatte die Freude, gleich 
die Zustimmung von Tannery und Ohiappelli*) zu finden, wodurch 
sich mir die Bichtigkeit dieser Erklärung confirmirte. 



*) Die freundlichen Worte, die nebenbei mir zu Gute kommen, 
dienen zur Confirmation, wie einleuchtend die gefundene Erklärung ist. 
Tannery (Revue philos. Pec. 1880, p. 672) schreibt; Sentant d^aiileipr« 



313 

Ich thue nun aber auch noch den dritten und letzten 
Schritt, indem ich auch für die Stilveränderung, die sich von 
selbst zu verstehen scheint, eine Ursache, d. h. ausser der 
inneren, in Platon's Gefühl liegenden, noch eine äussere 
suche. Denn es ist immerhin wahrscheinlicher, dass irgend eine 
äussere Veranlassung uns dazu bringt, auch das Selbstverständ- 
liche und unsere eigenen Gefühle und Handlungsweisen uns 
klarer bewusst zu machen. Nun liegt es zwar nahe, an die Ejdtik 
der Freunde und der Feinde zu denken, denen die schleppende 
Darstellungsform in dem Staat und in dem Phaidon nicht wohl 
unbemerkt bleiben konnte; allein dies wäre doch eine blosse 
Yermuthung, und wenn ich auch nicht alle Vermuthungen gering 
schätzen will, so ziehe ich doch immer ein Zeugniss aus dem 
Alterthum vor. Um nun recht zu suchen, müssen wir die 
heuristische Methode anwenden, d. h. das Gegebene möglichst 
dividiren und jeden Theil mit zugehörigen auswärtigen Beziehungs- 
»punkten in Coordination setzen. Ohne alles chemische Beagens, 
sondern gleichsam schon mit der Pincette können wir nun aus 
dem Gewebe unserer Theaitetos - Stelle den Namen Eukleides 
aussondern. Dieser soll aber, nach Platon's eigener Darstellung 
im Theaitetos, sich von Sokrates das Gespräch mit Theaitetos 
und Theodoros mehrmals haben erzählen lassen, während er 
selber es hinterher der Form der Erzählung, in welcher 



le besoin d'expliquer cette habitude contractee par Piaton de se servir de 
1a forme diegematique pour rexposition dialectique, TeichmüUer propose 
une ingenieuse et seduisante hypothdse. II admet que, dans la dernidre 
partie de sa vie, celle oü Piaton Ta connu, Socrate exposait sa doctrine, 
non pas en discutant effeotivement avec ses disciples, mais, ce qui etait 
beaucoup plus instructif pour eux, en leur racontant ses discussions 
anciennes auxquelles il avait pris part et qu'il devait au reste avoir 
remaniees ou ref altes apres coup dans sa tete. Chiappelli (La Cultura, 
Rivista di scienze cet. 1. Dicemb. 1882, p. 142^: Pure Tinsegnamento 
stfci*atico dovö prendere di frequente forma dialogica, o piuttosto secondo 
la ingegnosa ipotesi del Teichmüller, almeno negli ultimi anni di Soorate, 
la forma di dialogo raccontato, relativo a discussioni avute da lui realmente 
per rinnanzi. E ne e una riprova il fatto obe le prime scritture di Piatone, 
essenzialmente sooraticbe nel contenuto, hanno appunto questa forma diege- 
matica o narrativa; dove nei dialoghi piü tardi in generale prevale la 
forma direttamente drammatioa. — Man sieht, dass Chiappelli zu Gunsten 
einiger Dialoge , bei deren chronologischer Fixirung er mir noch nicht 
zustimmt, eine Ausnahme machen möchte : auch glaubt er noch an Dialoge^ 
die wesexitlioh Sokratisch wären ihrem Inhalte i^fusl^. 



314 

Sokrates es vortrug*), entkleidet und rein dramatisch auf- 
geschrieben habe. Das Gespräch erscheint hier schon als ein 
fertiges Product, das Sokrates beliebig im Ganzen wiedererzählt 
oder es auch nach seinen einzelnen Theilen wiederholt, und 
zwar nicht dramatisch, sondern diegematisch. Erst Eukleides 
nimmt die Stilveränderung damit vor. Dies machen wir uns 
ganz deutlich. Nun gilt es auswärtige Beziehungspunkte zur 
Coordination aufzufinden. Wir werden nämlich zwar nicht daran 
zweifeln, dass der Theaitetos- Dialog eine Platonische Schrift 
und nicht etwa eine Eukleidische ist ; aber dennoch muss es 
auffallen, dass diese wichtige Veränderung des Stils, diese aus- 
gesprochene Abweichung von der Sokratischen Art der Wieder- 
erzählung, so bestimmt auf Eukleides zurückgeführt wird. Ist 
es vielleicht ein Act der Gerechtigkeit, dass Piaton die neue 
Form, die er annimmt, deshalb dem Eukleides zuschreibt, weil 
dieser sie ihm empfohlen oder sie vielleicht wirklich schon früher 
angewendet hatte? Durch diese Frage werden wir mit dem 
Finger hingewiesen auf die Tradition über Eukleides, um dort 
den auswärtigen Beziehungspunkt zu suchen. Und nun ist auch 
Alles gleich klar; denn bei Diogenes Laertios steht ja ganz 
deutlich, dass die Megariker den Beinamen der Dialektiker 
erhalten hätten, weil sie ihre Reden (Schriften) nach 
Frage und Antwort disponirten.**) Es handelte sich also 
um aufgeschriebene Disputationen optima forma. Die Dis- 
putationskunst und ihre Begeln behandelte Aristoteles in 
seiner Dialektik (Topik) und zeigte, wann man nur mit Ja 
oder Nein antworten darf, welche Vortheile beim Angriff der 
Thesis zu beachten sind, welche Hilfsmittel die Vertheidigung 
hat u. s. w. Mithin verstehen wir ganz deutlich, dass des 
Eukleides Dialoge dramatisch in der Form von Disputationen 
abgefasst waren, und es wird uns begreiflich, wie Timon von 
ihm sagen konnte: „Eukleides, der Disputax, der die Disputir- 
wuth nach Megara brachte."***) 

*} Theait. 143 B. iyQaipdfiriv Si Sr} ovrtoai rov loyov, ovx i/iol 
JSmxQoirfj 8 itiyov fisvov ofs SirjyeXro, alXa StaXeyo/uvov oie ^yrj Bta- 

**) JDiog. Laert. II. 106. StaXexrixol — — Sta ro Jt^oe iQcarij<nv tm 
anoxQKnv rovs loyavg Siari&scd'ai. 

***) Ibid. 107, ovS* i^iSavTCfo JSvxXslSov, MsyaQevaiv os k'fißaXka Xvffffav 
iQiCfAw. Wenn wir auf Phavorinos ürtheil etwas geben wollen, 80 



315 

Ohne näher den Inhalt des Theaitetos- Dialoges, der ent- 
schieden auch ein kritischer Gang mit Eukleides ist, zu erörtern, 
können wir doch aus dem Bisherigen genügend sehen, dass 
Piaton durch die Schriften des Megareers eine äussere Ver- 
anlassung erhielt, über die von ihm bisher befolgte diegematische 
Darstellungs weise den Stab zu brechen und ein für alle Mal 
die richtige Form der Disputation zu wählen. Natürlich bleibt 
hierbei der ganze übrige Inhalt der Dialoge, soweit er keine 
Dialektik enthält, ausser Frage, und es würde sich um eine 
neue Untersuchung von ganz anderer Art drehen, wenn man 
ausmachen wollte, ob auch die nicht-dialektischen Par- 
tien der Dialoge besser dramatisch als diegematisch abgefasst 
würden *) Mit dieser ästhetischen Frage habe ich mich bisher 



war Piaton der Erste, der Disputationen schrieb und also nicht Eukleides. 
Er sagt bei Diog. L. III. 24. ovroe TtQonos iv i^ton^irsi Xoyov Tta^rjveyxev 
(jofs 4*aßa>qivog iv oySot} Ttavrodanrjs IcroQCaQ.) Da die ganze Sokratische 
Methode auf Fragen beruhte und Xenophon in den Memorabilien schon in 
dieser Weise den Sokrates hatte dociren lassen, so kann der iv igarricei 
Xoyoe wohl nur die Disputation bedeuten, die nicht erzählt, sondern wirk- 
lich als Disputation dargestellt wird. Wir müssten demnach annehmen, 
dass der Theaitetos, welcher der erste Dialog von dieser Art ist, früher 
als die Schriften des Eukleides erschien, und dass Piaton sich nur durch 
ein nicht herausgegebenes Manuscript des Eukleides zu dieser Darstellungs- 
weise anregen liess. 

*) Es hat keine Bedeutung, Hypothesen aufzustellen, wenn die vor- 
handenen Probleme nicht dazu drängen. Gleichwohl sind Hypothesen, 
wenn sie auf erträglichen Beziehungspunkten ruhen, immerhin anregend 
und nützen oft Anderen mehr, als dem Aufsteller. Darum erlaube ich mir 
zu bemerken, dass Piaton zu irgend einer Zeit zuerst mit Epicharmos 
und Sophron bekannt geworden sein muss. Ich halte es nicht für un- 
wahrscheinlich, dass er lange Zeit von Beiden nichts in den Händen 
hatte; denn ein noch so gebildeter Mann braucht doch nicht alles Gute zu 
kennen, was schon geschrieben und auch gerühmt worden ist, auch 
wenn es ihm ohne grosse Mühe zugänglich gewesen wäre. Nun wird 
Piaton von seinen Feinden als Plagiator an Epicharmos und als Nach- 
ahmer des Sophron hingestellt. Die Verwandtschaft der Platonischen 
Denkweise mit der des Epicharmos können wir nach den Bruchstücken 
selber beurtheilen und den Einfluss nicht verkennen; und wenn ihn 
Piaton auch im Theaitetos (152 D) mit Heraklit und Empedokles, als 
Vertretern der Bewegungslehre, zusammenstellt, so zeigt er doch zugleich, 
ebenso wie in dem späteren Gorgias (505 E), eine genaue Bekanntschaft 
mit ihm, und namentlich an der letzteren Stelle deutet die gastfreundliche 
Benutzung eines scherzhaften Wortes von ihm auf ein Wohlgefallen an 



316 

nicht beschäftigt, weil ihre Beantwortung für unsere Aufgabe 
gleichgiltig ist, und lasse sie auch hier ruhen, meine aber, und 
zwar auch aus eigener Erfahrung, dass die Erzählung manchmal 
bequemer für den Schriftsteller und angenehmer für den Leser ist. 
Mit diesem dritten Schritte halte ich nun das von mir auf- 
gefundene Kriterium zur Gruppirung aller Platonischen Dialoge 
in solche mit diegematischer und solche mit dramatischer Dia- 
lektik für genügend festgestellt; denn wir kennen jetzt sowohl das 
"Wesen dieses Stilgesetzes, als auch die Ursache, weshalb Platön 
zuerst die alte Form anwendete, ebenso die innere Ursache zur 
Stilveränderung und endlich ihre äussere Veranlassung. Dass 



dem geistvollen Manne hin. lieber das Verh'ältniss zu Sophron sagt 
Witzschel (Pauly Realenc. V. 35). „Piaton verpflanzte seine Mimen nach 
Athen und benutzte sie für die Färbung seiner Dialogen. Die Aehnlich. 
keit der Darstellungsweise des Sophron und Flaton muss bedeutend 
gewesen sein, da Aristoteles beide in Eine Klasse setzt.'' Ich brauche die 
bekannten Stellen der Alten hier nicht *zu wiederholen, da es mir auf 
etwas Anderes ankommt. 

Nehmen wir nun als zugestanden an, dass Piaton von beiden Dichtem 
einen beträchtlichen Eindruck empfing, so fragt sich, von welcher Zeit 
an sie ihm bekannt geworden sein mögen. Den Sophron nennt er gar 
nicht, obwohl er ihn, wie Duris (bei Athen. 11. 504. b.) sagt, immer in 
den Händen hatte ; den Epicharm aber erst im Theaitetos. Nun ist es sehr 
probabel, dass Dion, der mit Piaton seit seiner ersten Reise nach Syrakus 
in engem Ereundschaftsbunde und regem Verkehr stand, ihm auch aus 
Sicilien Alles an Schriften zugeschickt habe, was für ihn von Interesse 
sein konnte. Ich vermuthe darum, dass Piaton erst einige Jahre nach 
der ersten Reise zu Dionysios in den Besitz der Schriften von Epicharm 
und Sophron gekommen ist. 

Sollte sich dies nun als richtig herausstellen, so wäre es nicht un- 
wahrscheinlich, dass er auch durch beide zu der rein dramatischen Form 
des Dialogs angeregt wäre; denn wenn er im Theätet auch als Grund der 
Stil Veränderung nur die Lästigkeit der Wiedererzählung von Disputa- 
tionen hervorhebt und früher schon selbst die freie Unterhaltung, 
wie z. B. in den Einleitungen zum Protagoras, Phaidon und im Euthydem, 
dramatisch behandelt hatte, so könnte doch Sophron mit dahin gewirkt 
haben, dass er vom Theätet an die Erzählung auch für die nicht - dialek- 
tischen Partien fast ganz aufgab. Den näheren Verkehr mit Aristophanes 
denke ich mir für Piaton auch in die Zeit nach Abfassung des Staates, und so 
stimmte die Zusammenstellung beider in der von Olympiodor aufgerafften 
Notiz: ä'xai^e 8e itdvv xai lA^iaroydvei t4> xaifux^ xai .Sm^qovi, 7t aQ afP 
xoU rr}v /Aifirjinv ratv nqoücintov iv röts SutXoyois df^eXi^d'rj. Der philosophische 
Pichter Epicharm os darf aber auch nicht vergessen werden, und es i«t 



^17 

mit diesem Kriterium aber auch dad Wichtigste für die 
chronologische Ordnung der Platonischen Schriften gethan ist, 
brauche ich nicht mehr zu zeigen; denn ein Blick auf die von 
den Früheren versuchten Anordnungen genügt, um die zugleich 
radical zerstörende und neu aufbauende Kraft dieses fast palpablen 
Eintheilungsgrundes einzusehen. 

Das stilistische und das sprachliche Kriterium. 

Mein Theätet-Kriterium hat mit dem Dittenberger'schen den 
Grattungscharakter (genus proximum) der Aeusserlichkeit 
gemeinsam; es unterscheidet (diff. specif.) sich aber in so fem, 
als das meinige ein Proprium, das seinige ein Accidens betrifft. 
Dass es sich bei dem meinigen um ein Proprium (löiov) handelt 
sieht man aus zwei Gründen. Erstens, weil die für den consti- 
tutiven Inhalt der Dialoge consecutive Stilform wesentlich 
durch diese beiden Darstellungsarten charakterisirt wird, und 
zweitens, weil Piaton aus einem wahren und deshalb immer 
feststehenden Grunde von der älteren Darstellungsart der Dis- 
putationen zu der neueren und adäquaten überging. Ditten- 
berger's Kriterium aber ist accidentell, weil die Aufnahme 
dorischer Partikeln in seinen Sprachgebrauch von Piaton, wie 
Dittenberger annimmt, ohne Bewusstsein vollzogen und durch 
keinen, aus dem Wesen der Sache oder des Stiles ableitbaren 
vernünftigen Grund gerechtfertigt wurde. Da also kein sach- 
licher Zweck und keine immer feststehende, bewusste Absicht 
diesem Gebrauch zu Grunde liegt, so ist die Aufnahme der 



immerhin ein chronologisclies Zeichen, dass er ihn zuerst im Theätet 
und in keinem früheren Dialoge, sondern erst wieder in dem viel späteren 
Gk)rgias nennt. Blass, y. Wilamowitz, Rohde u« A. werden genauer zu 
sagen wissen, wana die Schriften Epicharm's in Athen allgemeiner gelesen 
wurden und ob dies überhaupt geschah. Ich ünde als erstes Zeichen 
nur das bekannte Citat bei Xenophon (Memor. II. 1. 20), der aber von 
dem Humor in diesen geistvollen Versen keine Ahnung hat. Sonach ist 
für Scillus 394 a. Chr. die erste zufällige Notiz; daraus folgt aber nicht, 
dass Piaton, der beträchtlich jünger als Xenophon war und in anderen 
Lebensverhältnissen stand, damals in Athen auch schon den Epicharm 
studirt hatte. Der Schluss vom kleinen Scillus auf den Büchermarkt 
Athens ist nicht ganz sicher; habent sua fata libelli. In dem Fhaidon^ 
der dem Theaitetos vorangeht, möchte ich die ersten Spuren Epicharm'9 
erblicken. 



318 

Dorismen auf den blinden psychologischen Mechanismus 
zurückzuführen und mithin accidentell, da kein Gesetz und keine 
B>egel für die Abnahme oder Zunahme dieser Partikeln in 
seinem Sprachgebrauch geltend gemacht werden kann. 

Ich erörtere diese methodologische Frage genauer, weil mir 
eben das Urtheil von Blass zu Gresicht kommt, der (Jahres- 
bericht der Alterth. von Bursian 33. Bd., 12. H., 1, 1883, 
S. 234) sich so äussert: „Mir scheint die Methode Dittenberger's 
die beste und sicherste zu sein, wenn sie auch nicht die übrigen 
Methoden und Kriterien entbehrlich macht." So gewiss ich 
immer mit Blass für Dittenberger's Kriterien eintreten werde, 
so gewiss werde ich dieselben nie die beste und sicherste Methode 
nennen. Denn weshalb sind wohl die übrigen Methoden und 
Kriterien nicht entbehrlich, wenn jene doch die sicherste ist? 
Doch wohl, weil Dittenberger's Kriterium ganz blind und stumm 
ist und uns nichts darüber sagen kann, ob wir die Reihe ab- 
wärts oder aufwärts gehen sollen. Wir bedürfen vielmehr inmier 
noch eines vernünftigen Wegweisers, der uns angiebt, wie wir 
aus diesem statistischen Material Nutzen ziehen und chrono- 
logische Schlüsse ableiten können. Mithin kann Dittenberger^s 
Kriterium als Material in einer statistischen Methode 
nicht die Giltigkeit haben, wie bei der gerichtlichen Kede 
das verlesene Gesetz oder das beigebrachte schriftliche Document, 
sondern nur wie die Zeugenaussagen, auf welche die Siebter je- 
nachdem grösseren oder geringeren Werth legen. Denn dieses 
Kriterium betrifft nur Accidentelles; es war ja zufällig, 
dass die Aufnahme und Zunahme der Dorismen dem Schrift- 
steller nicht bemerklich wurde oder dass er sich etwa nicht 
principiell dazu stellte. Wie er plötzlich im Theätet eine neue 
Darstellungsform anwendet, so hätte er bei jedem Werke will- 
kürlich alle Dorismen ausmerzen können. Auch weiss man, 
dass der literarische Gegenstand, mit dem man sich gerade be- 
schäftigt, unseren Stil unmerklich beeinflusst, ebenso wie der 
tägliche Umgang mit Personen, die durch einen bestimmten 
Dialekt oder bestimmte Ausdrücke charakterisirt sind.*) Alle 

*) Da ich in meinem eigenen Leben mehrmals meinen Aufenthaltsort 
wechselte und immer in eine sprachlich stark differenzirte Umgebung ge- 
langte , so konnte ich vielfache Beobachtungen über Aufnahme, Zunahme 
und Abnahme von Idiotismen anstellen und habe gefunden, dass sowohl 
die Aufnahme derselben bei verschiedenen Menschen verschieden war, als 



3ia 

diese Umstände aber sind zufäll ig , und es lässt sich aus Platon's 
Leben kein zwingender Beweis erbringen, der für Dittenberger's 
sprachliches Ejdterium eine feste Regel der Benutzung schüfe. 
Kurz, ich kann Dittenberger's Kriterium nur für ein acci- 
dentelles Indicium erklären, was für mich seinen Werth 
aber nicht herabsetzt; denn wenn dies Kriterium auch weder 
als constitutiv, noch als Proprium die Führung übernehmen kann^ 
so bleibt es sehr schätzbar zur Confirmation. 

Man muss den Begriff des Accidentellen aber recht verstehen ; 
denn dass Piaton existirte, Feinde und Freunde in diesen und 
jenen Personen zu dieser und jener Zeit fand, dass er Schriften 
schrieb, dass diese durch irgendwelche 'andere Schriften oder 
Erlebnisse veranlasst wurden u. s. w., alles Dieses ist accidentell. 
Das Accidentelle ist aber nmmer verursacht, und zwar stammen 
die Ursachen entweder aus den allgemeinen Coordinationen der 
Dinge oder aus den specifischen und individuellen Lebens- 
bedingungen zur Erhaltung eines Ganzen. Zufällig oder acciden- 
tell im engeren Sinn nennt man daher, was blos durch die allge- 
meinen, mechanischen Coordinationen nothwendig oder verursacht 
ist, dessen Dasein sich aber aus den specifischen und indivi- 
duellen Zwecken eines Ganzen nicht erklären lässt.*) Daher 
ist alle Statistik, welche zunächst mit dem Zufälligen zu thun 
hat, nur ein Theil einer speciellen Physik und Physiologie der 
Gesellschaft und würde, wenn sich ihr Zahlenmaterial nicht 
nach den specifischen und individuellen Lebensbedingungen der 
gegebenen Ganzen deuten und benutzen liesse, entweder unnütz 
sein oder ein blosses Problem aufgeben. Aus diesem Grunde 
müssen auch Dittenberger's Zahlen ein Problem bilden, bis man 
sie entweder aus den künstlerischen Absichten Platon's oder aus 
den bestimmten Lebensverhältnissen erklärt hat, und sofern 
beides nicht vollständig gelingt, würden sie zufällig bleiben in 
dem Sinne des Gleichgiltigen, wie es zufallig und gleichgiltig 



auch bei demselben Menschen in mündlichem Verkehr und in schriftlichen 
Aeusserungen je nach den Umständen wechselte. Wie z. B. im Verkehr 
mit Schweizern die Ausdrücke des Schweizerdeutsches oft unwillkürlich 
hervorgelockt wurden, so verschwanden diese in Gesellschaft von Nord- 
deutschen ebenso oft ganz absichtslos, obgleich sie schon Eingang gefunden 
hatten. 

*) Vergl. darüber meine Schrift: Darwinismus und Philosophie 
(Köhler, Leipzig). 



320 

ist, ob die Steine des Trottoirs drei oder fünf oder vier unter- 
scheidbare Parbenniiancen haben. 

Die grosse Achtung, welche ich vor Blass' 
^CMtoSe!* Urtheil hege, bestimmt mich, die Forderungen 

an eine Statistik des Sprachgebrauchs noch genauer 
zu untersuchen. Ich kann mir nicht denken, dass er die von 
Dittenberger bis jetzt mitgetheilten Proben von sicilisch-dorischen 
Ausdrucksweisen schon für einen Beweis der Ordnung aller Dialoge 
gehalten hat, und nehme daher an, dass er die mit sprach- 
lichen Kriterien operirende statistische Methode über- 
haupt als die sicherste für die ungefähre Zeitbestimmung der 
Platonischen Dialoge be'trachtet. Darin würde ich ihm beistiH^men, 
wenn genug Material gesammelt wäre, um wirklich an solchen 
Werken, deren Datirung so gut wie ganz sicher gestellt ist, das 
allmähliche und gesetzmässige Wachsen in der Veränderung des 
Stils verificiren zu können. Wenn man z. B. als solche feste 
Punkte betrachtete : Charmides 393 a. Chr., Symposion 385, Phaidros 
380, Gesetze 350, so liesse sich schon viel an dem Partikelgebrauch 
und sonstigen stilistischen Eigenthümlichkeiten bemerken, um 
die statistische Bewegung in einer Formel festzustellen. 
Dass die bis jetzt mitgetheilten Sprachdiflferenzen aber für diesen 
Zweck nicht genügen, das sah Dittenberger, wie sich dies für 
einen so bedeutenden Gelehrten auch von selbst versteht, deutlich 
ein und sprach es aus , indem er in seinen statistischen Tabellen 
nur eine Controle, eine Verification bieten will: „Eine Con- 
trole dieser (auf die Chronologie der Plat. Dial. bezüglichen) 
Untersuchungen durch einen davon ganz unabhängigen und 
durchaus objectiven Massstab, wie ihn die Beobachtung sprach- 
licher Thatsachen bietet, kann gewiss nur erwünscht sein. 
Das freilich wird kein Verständiger erwarten, dass es auf diesem 
Wege möglich sein werde, jedem einzelnen Dialog genau die 
Stelle, die er in der chronologischen Beihe einnimmt, anzuweisen; 
vielmehr kann es sich nur darum handeln, die Zahl der festen 
Punkte wesentlich zu vermehren und damit den Umfang dessen, 
was zunächst wenigstens noch controvers bleiben muss, erheblich 
einzuschränken." (S. 322 a. a. O.) Mit dieser Auffassung muss 
jeder Besonnene übereinstimmen. 

Wie man aber bei dem geflügelten Worte: 

„Die Zahlen reden" häufig vergisst, dass die Zahlen 
niemals reden, sondern immer eine sie verwerthende und ordnende 



321 

und erklärende Intelligenz verlangen, so wird auch bei dei" 
Statistik häufig übersehen, ^dass die Zahlen nur Sinn und Werth 
bekommen, wenn man sie nach den rechten Gesichtspunkten zu 
deuten und zu vergleichen weiss. Auch bei unserer sprachlichen 
Statistik hat Dittenberger durch seine zahlreichen treffenden 
Bemerkungen über die leitenden. Gesichtspunkte an den Tag 
gelegt y dass zur Verwerthung der Tabellen immer noch viel 
sachliches Bäsonnement gehört. Nehmen wir z. B. die 
Wendung t/ firpf; d. h. „Wie denn nicht?" so ist klar, dass bei 
einer Disputation der Gefragte sehr oft in den Fall kommen 
wird, sich bei einer Frage, die keinen Zweifel zulässt, mit einer 
solchen Wendung zu äussern. Allein er kann auch Tlüg yccQ 
<w; antworten. Wenn nun Piaton einigen Sinn für Prosopopoiie 
hatte, was er z. B. im Phaidon durch das^/rro) Zevg, das Kebes 
Ty avTOv q>umj (62 A) vorbringt, an den Tag legt: so könnte 
man vermuthen, dass er in den Gesetzen, wo der Lacedämonier 
Megillos und der Ejreter Kleinias antworten, die Wendung tv 
firpf; ausschliesslich brauchen würde. Und so findet sich's auch 
23 Mal bei Eleinias und 8 Mal bei Megillos; dagegen bei dem 
Athenischen Fremdling, so viel ich bemerkte, nur ein einziges 
Mal (641 D). Im Theaitetos, der, wie man glaubt, nach 
Megara gravitirt, braucht dieser es 11 Mal und Theodoros 
2 Mal, Sokrates gar nicht. Terpsion und Eukleides hatten nach 
dem Zusammenhange des Gespräches überhaupt keine Ver- 
anlassung, diese Wendung zu gebrauchen. Im Phaidros kommt 
es in Sokrates Munde 2 Mal, bei Phaidros 9 Mal vor. Nun wäre 
zu untersuchen , ob diese Wendung nicht möglicher Weise mit der 
Prosopopoiie zusammenhängt; denn im Gorgias z. B. kommt 
statt dessen überall und dicht gedrängt Tliog yccQ oi); vor, 
z. B. 476 C, D, 7 B, 8 C, 88 D, 95 D, 6 A, 8 A, D, 9 E. 
Aber es sind auch andere Leute, die dort sprechen, und man 
wird doch an Thessalien denken müssen, wo Gorgias blühte, 
weshalb Polos und Kallikles auch zu Dorismen keine Veranlassung 
bieten. Ich will hiermit natürlich nichts beweisen, weil man 
erst, wenn man über ein vollständiges Material gebietet, sichere 
Schlüsse ziehen kann; aber ich will doch nachdrücklich hervor- 
heben, dass ich ein Becht zu haben glaube, solch ein vollständiges 
Material zu verlangen, um mich überzeugen zu lassen. Ich will 
die Fragen alle erst erwogen wissen, was der Personification 
angehören kann und was sich etwa unbewusst in Platon's 

21 



Sprachgebrauch eingeschlichen hat und welche W'endungen 
für welche andere an die Stelle getreten sind. Für die 
„Gesetze" z. B. scheint mir Dittenberger's Kriterium aus diesem 
Grunde vorläufig ohne Belang zu sein, weil die Scene Kreta ist 
und ein Athenischer Lakonerfreund dort mit einem Kreter und 
Lacedämonier redet. Ebenso sehe ich nicht, weshalb im Gorgias, 
auch wenn er später, als Dittenberger glaubt, geschrieben ist, 
Dorismen vorkommen müssten, wenn man die redenden Per- 
sonen und die Motive dieser Streitschrift Platon's in £echnung 
zieht. 

So sehr ich deswegen auch Dittenberger's 
''^^Diaioge.***' Sprachliche Kriterien schätze und ihn selbst be- 
glückwünsche zur schönen Eröfihung einer frucht- 
baren Erkenntnissquelle, so fest behaupte ich doch zugleich, dass 
erst eine grosse Reihe von Fragen und Untersuchungen erledigt 
sein müssen, ehe man sich mit ganz gutem Gewissen auf diese 
sehr verführerischen Indicien einlassen kann. Und wenn Ditten- 
berger's Resultate nicht grossentheils, und zwar bei den wichtigsten 
Fragen, mit meiner Reihenfolge der Dialoge übereinstimmten, so 
würde ich noch weniger Zutrauen zu seinen Büterien haben. 
Nimmt man aber die Dialoge heraus, die Dittenberger in die 
erste Gruppe setzt, während sie meiner Ueberzeugung gemäss 
nach dem Theaitetös geschrieben sind und also in seine zweite 
Gruppe gehören, wie z. B. Laches und Menon, so zeigt sich 
gleich, wie wichtig die Definition des Kunstcharakters der Pla- 
tonischen Dialoge ist. Denn da sie Streitschriften sind, so 
musste Piaton während des Schreibens mit den Schriften und 
Persönlichkeiten seiner Gegner im Geiste beschäftigt sein, und 
es ist ganz natürlich, dass der Stil die Färbung des Gegen- 
standes annimmt oder wenigstens damit in functioneller Coordi- 
nation steht. Eine genauere Untersuchung aller Dialoge nach 
diesem Gesichtspunkte, d. h. nach den dem Piaton vorliegenden 
und zu bekämpfenden Schriften, müsste daher erst zu leisten 
sein. Man hat aber bis jetzt kaum angefangen zu ahnen, wie 
weit bei Piaton die Polemik geht, und ich hoffe, dass diese 
Schrift zur Förderung solcher Untersuchungen anregen wird; 
denn es ist wohl merkwürdig, wie viel Neues da noch gefunden 
werden kann. 

Was die übrigen Partikeln anlangt, wie liad^&TceQj äarcsq etc., 
so sind die Zahlen, womit man operiren kann, so verschwindend 




323 

klein, und der 6eb):auch derselben ist auch meistens so gemischi 
und so sehr von dem Inhalt der Bede und der ästhetischen und 
philosophischen Configuration derselben abhängig*), dass es nicht 
rathsam scheint, darauf ein Gebäude zu errichten. Gleichwohl 
ist es inmier sehr werthvoU, wenn alle diese Partikeln und ihr 
YorkomüDaen statistisch zur Uebersicht gebracht werden. Ausser 
den Partikeln müsste man aber auch den übrigen Sprachschatz 
nicht verachten. Und dann würde ich rathen, auch auf die 
Syntax im grossen Stile einzugehen, um z. B. den stilistischen 
Charakter, der sich im Charmides und Protagoras findet, mit 
dem im Kriton und in den Gesetzen zu vergleichen. Denn mich 
dünkt, dass so, wie Piaton im Kriton redet, sowohl der Sinnes- 
art als der Ausdrucksweise nach, nur ein alter Mann sprechen 
kann und kein Jüngling und auch Piaton nicht unter fünfzig 
oder sechszig Jahren. Doch über den Platonischen Stil in 
dem höheren Sinne, der die Art der Gedankenentwickelung und 
Darstellung im Ganzen betrifft, findet sich ja noch, so viel ich 
wüsste, keine Untersuchung. 



Zur Chronologie des Theaitetos. 

a. Bergk's Methode. 

Den gar nicht zu überschätzenden Dienst, welchen uns das 
stilistische Kriterium**) bietet, kann man kaum besser illustriren, 
als durch Bergk's Bäsonnement über die Zeit der Abfassung 



*) Das Vorkommen von Geburten, Todesfallen, Verbrechen u. s. w. 
ist von Constanten Bedingungen abhängig; das Vorkommen mancher 
Partikeln hängt aber jedesmal von dem genus dicendi und dem Inhalte 
der Dialoge ab, und es können deshalb die Dialoge nicht so einfach neben- 
einander gestellt werden. 

**"") Für die meisten Dialoge ist das Kriterium selbst einem Buchbinder- 
verstand palpabel ; für die Dialoge gemischter Form reicht aber auch eine 
geringe Unterscheidungskraft aus; denn dass z. B. im Euthydem die Dis- 
putation erzählt, im Parmenides aber dramatisch behandelt wird, kann doch 
ein Jeder leicht bemerken. — Meine „Literar. Fehden" haben in der 
Deutschen Literatur-Zeitung in Berlin eine erstaunlich kluge Beurtheilung 
gefunden. Der Recensent Emil Heitz hat nämlich Wind davon be- 
kommen, dass meine Forschung unbekümmert um die herrschende Strömung 
angestellt ist. Er findet deshalb, indem er mit ein paar Zeilen über das 
ganze Buch hinweggeht, dass die bisherige und von ihm gemeinte Forschung 

21* 



^24 

des ^heaitetos; denn es zeigt sich, dass auch die besten ^öpfe 
rathlos umherirren müssen, wenn sie ohne Methode und fest- 
stehende Punkte blos nach geistreich gefundenen Anklängen 
und Vermuthungen argumentiren und Kartenhäuser aufbauen, 
indem sie Hypothesen mit Hypothesen verknüpfen. Ich hütete 
mich darum in meinen früheren Schriften wohl, auch nur ein 
Wort über die Reihenfolge und Chronologie der Dialoge zu 
äussern, weil mir alle die bisherigen Versuche darüber keine 
Spur einer wissenschaftlichen Methode zeigten und Schleiermacher 
besonders ganz romantisch nach subjectiven Eingebungen zu 
orakeln schien. 

Wenn ich nun Bergk's Versuch über Theaitetos charak- 
terisiren soll, so kann ich über ihn kaum etwas Anderes sagen, 
als was ich schon im ersten Bande über Bake bemerkte. Man 
hat bei Bergk immer das Gefühl, mit einem Manne von Genie 



über Platon durch meine Arbeit keinen Schritt vorwärts gekommen wäre. 
Darin hat er nun offenbar Recht, ja er hätte sogar auch sagen können, 
dass die bisherige Forschungsweise dadurch rückwärts gegangen sei und 
überhaupt bald abschwinden werde. 

Icli will hier eine Probe dieser alten und abgelebten Weisheit vor- 
führen. Man findet sie in der eben erschienenen „Gesch. d. griechisch. 
Literat, von £.. 0. Müller, fortgesetzt von Emil Keitz II, Bd. 2. 1884, 
S. 197". Dort wird über mein Theaitetos-Kriterium bemerkt, dass Platon 
zwar das Schleppende in den erzählten Dialogen empfunden und darüber 
eine Aeusserung im Theätet gemacht habe; „vollständig verkehrt 
wäre es jedoch, ihr (dieser Aeusserung Platon's) irgend welche be- 
deutendere Tragweite beilegen zu wollen, wie dies versucht worden ist". 
Nun ist man neugierig, wie der Recensent Platon's sehr einleuchtende 
eigene Aeusserung und meine Folgerungen zu beseitigen verstehen wird. 
Die Lösung ist brillant. Weil nämlich die Unterredung zwischen Sokrates. 
Theätet und Theodorus nicht einfach erzählt werde, sondern nach einer 
vorhergegangenen sorgfältigen Aufzeichnung zur Vorlesung gelange, so 
sei nichts natürlicher, als der Wegfall jener, den Wechsel der Redenden 
bezeichnenden Angaben. „Was da, wo mündliche Mittheilung stattfindet, 
vollständig gerechtfertigt erscheint, wenn es auch unbequem ist, dies liesse 
sich bei einem bereits niedergeschriebenen Dialoge in keiner 
Weise erklären." Es ist geradezu überraschend, wie Keitz wider Willen 
meine Auffassung annimmt und sogar überbietet; denn ich beschränkte 
mein Urtheil auf Wiedererzählung von Disputationen, wo die Antworteot 
wie auch Platon sagt, blos Zustimmung oder Widerspruch auszudrücken 
haben, Heitz aber verurtheilt den ganzen erzählten Dialog. Er glaubt 
zwar gerade gegen meine Auffassung zu sprechen; allein es kommt ihm 
nicht nach Wunsch aus; denn Platon ist doch der Verfasser des Theaitetos, 



325 

umzugehen; denn er ist selbständig in seinen ürtheilen und lässt 
sich nicht durch das Geschrei der herrschenden Ansichten stören. 
Er ist auch ein aufmerksamer Leser, der mit feinem Gefühl die 
Gesinnung des Schriftstellers wahrnimmt, und, wie sich das 
freilich von einem Gelehrten ersten Ranges von selbst versteht, 
ein Freund der Philosophie. Begabt wie Wenige, um etwas 
Glänzendes zu leisten, konnte er trotzdem hier nur einige 
glückliche Treffer thun, und das Ganze musste ihm missrathen^ 
weil er, ebenso wie Bake, ohne Methode auf einem noch ganz 
ungeordneten Boden arbeitete. 

um diesen Schlusssatz zu beweisen, können ^ ^. ^^^ 
wir beliebig in Bergk's Abhandlung hineingreifen; Datirung des 
jedes einzelne BÄsonnement daselbst giebt die hin- Theaitetos. 
reichende Prämisse (man bedarf blos die propositio minor). Ich 
will aber gleich die Hauptsache nehmen. Bergk bestimmt den 
Theaitetos durch Beziehung auf Xenophon's Agesilaos und setzt 
ihn Ol. 106, 4 oder nicht später als Ol. 106, 1, also 357/56. 
Nun findet er aber in demselben Dialog einen Angriff auf Iso- 
krates. Er sagt S. 19 „Diese vernichtende Kritik ist, so viel 
wir wissen, das letzte Wort, was Piaton mit Isokrates gewechselt 
hat, er nennt ihn einen kleinen Geist {afimQbg Trpf ^pv%fpi), der 
nichts weiter ist als ein findiger Advocat {dgcfivQ %al 
dn^avcA^og).^ S. 21: „Dass kein Anderer als Isokrates gemeint 
ist, bezeugt Plato selbst, wenn er jene Zurechtweisung mit den 
Worten beginnt: orav de yi Tiva avTog, c3 qp/^, ek^varj ovo) "Mti 
i&BkipIß Ttg avTi^ htßrjyai in rov zi iyw ae adcaä xtA." — 



sollte ich meinen. Heitz vergisst dies und glaubt, Piaton stände vor 
einem schon geschriebenen Dialog mit gebundenen Händen und könnte 
nun nicht mehr erzählen. Allein sind denn nicht alle Dialoge Flaton's 
schliesslich niedergeschrieben, wenn er mit der Arbeit fertig ist? Wenn 
nun Flaton das Niederschreiben unterlassen und an Heitz seine Dialoge 
„mündlich mitgetheilt" hätte, dann würde dieser die "Weitschweifigkeit der 
Erzählung rechtfertigen. Da aber die Dialoge sämmtlich, genau ebenso, 
wie der betreffende Dialog im Theaitetos, den der Knabe vorliest, Ton 
Flaton „sorgfältig aufgezeichnet" und „bereits niedergeschrieben" 
waren, ehe sie Heitz kennen lernte, so wäre nach seiner Meinung die 
unbequeme Darstellungsweise, wie sie nur bei mündlicher Mittheilung ge- 
rechtfertigt ist, in keiner Weise zu erklären* — Das sind die Ritter, 
die ausgeschickt werden, um mit mir zu streiten, und die doch nur ver- 
stehen, sich in ihrer eigenen -Klinge zu schneiden. 



386 

Man sieht. Piaton hat hier mit einem reinen Processredner zu 
thnn. Ich will nnn gar nicht nntersnchen, ob dies besser auf 
Lysias oder einen Anderen als Isokrates passt, sondern nur 
zeigen, dass es anf Isokrates wenigstens ganz unmöglich passen 
kann, wenn der Dial<^ OL 105, 4 geschrieben ist, also 23 bis 
24 Jahre nach dem Panegyrikos, wo Isokrates schon, wie er 
selbst sagt, seine gerichtlichen Seden hinter dem Kücken hatte. 
Man müsste doch ganzlich darauf verzichten, von Isokrates' 
Thätigkeit ein auch nur annähernd verständliches Bild zu ge- 
winnen, wenn er beinahe ein Menschenalter nach dein Panegyrikos, 
also nach einer langen Zeit, in welcher er immer grossartige 
Pläne der allgemeinen Politik in's Auge fasst und mit Fürsten 
und grossen Staatsmännern verkehrt, nur als „findiger Advocat" 
charakterisirt werden könnte. Ist also die Beziehung auf Iso- 
krates richtig, so ist die Zeitbestimmung des Dialogs und also 
die Beziehung auf Agesilaos falsch und umgekehrt. Da nun 
beide sich einander aufhebende Argumente mit dem gleichen 
Gefühl von Sicherheit vorgetragen werden, so zeigt sich, dass 
gar keine Methode und objective Beweisführung, sondern nur 
ein geistreiches Tasten und Bathen in Bergk's Abhandlung 
herrscht, die, wenn man die an den Tag gelegte Gelehrsamkeit 
als einen überflüssigen Schmuck bei Seite schiebt, auch den 
letzten Schimmer von Krafk verlieren würde. 
2. Bei der ^^^ brauche kaum anzudeuten, wie völlig diese 

Datirung de« Datirung dos Thcaitctos mit der jugendlichen 
Euthydemos. Haltung der darin geführten Reden, die nicht nach 
einem Zweiundsiebenziger schmecken, im Widerspruche steht, 
wie ebenso mit dem oben nachgewiesenen Kriterium der Stil- 
veränderung, die mit dem Theaitetos beginnt: ich will nur noch 
als Probe für Bergk's Methodelosigkeit seine Datirung des 
Euthydem anführen.*) 



*) Er schreibt wörtlich S. 27: „Wenn Sokrates gleich im Eingange 
des Dialogs auf die Frage nach der Heimath der Sophisten anwortet 
ovrot ro fiev ydvos, ats iyq^fiuu, ivrev&iv Tto&ip sttfiv ix Xiov, so wird damit 
die Insel Ghios als Glied des Bundesstaates bezeichnet, an dessen Spitze 
Athen stand. So konnte sich Piaton yor der Stiftung des neuen Seebandes 
Ol. 100, 3, der besonders durch die Mitwirkung der Ghier zu Stande kam, 
nicht ausdrücken. Diesem Yerhältniss machte der Bundesgenossenkrieg, 
der Ol. 105, 4 durch den Abfall Ton Chios und anderen Inseln herbei- 
geführt wurde, ein Ende. Dadurch ist für die Feststellung der Chronologie 
dieses Dialogs eine feste Begrenzung gewonnen. ** 




327 

Weil nämlich Sokrates von den beiden Sophisten sagt: „sie 
sind, wie ich glaube, dortwoher, aus Chios'S so muss der Dialog 
zwischen OL 100, 3 und 105, 4 geschrieben sein. Warum das? 
fragt man ganz erstaunt. Bergk antwortet: „So konnte sich 
Piaton (zu einer anderen Zeit) nicht ausdrücken." Hierbei 
spricht nun blos ein Gefühl; Bergk hätte die Gründe aber 
wenigstens vor sich selbst entwickeln müssen, was er nun uns 
überlässt. Wir müssen deshalb rathen. „Dortwoher, aus Chios" 
ist gewiss eine Anspielung auf besondere Beziehungen Athens 
zu Chios. Wenn Bergk nun meint, „Sokrates hätte sich vor 
der Stiftung des neuen Seebundes, der besonders durch die 
Mitwirkung der Chier zu Stande kam, nicht so ausdrücken 
können**, so setzt er offenbar freundliche Beziehungen voraus. 
Trotzdem kann er sie nicht vorausgesetzt haben, weil er doch nicht 
übersehen haben wird, dass Sokrates diese sophistischen Brüder 
als ein grosses (Jebel betrachtet, das von Chios oder Thurii 
oder sonstwoher (Euthyd. 288 B) nach Athen gekommen ist. 
Mithin muss Bergk wohl gemeint haben, dass Piaton, weil er 
die Seeherrschaft Athens überhaupt als ein grosses Uebel be- 
kämpfte, deshalb den beiden Sophisten einen odiös^en Ur- 
sprung zuwies, als wollte er ironisch sagen: das ist nun schon 
eine von den schönen Früchten, die uns die Hegemonie verschafft. 
Allein diese Argumentation wird von Bergk auch nicht einmal 
angedeutet. Er sieht zwar, dass Piaton den beiden sophistischen 
Brüdern gegenüber einen „ungewöhnlich derben, oft geradezu 
unfeinen Ton der Invective, der an die Ausgelassenheit der älteren 
Komödie erinnert", anschlägt; er bringt diese zutreffende Be- 
merkung aber mit jener Anspielung auf Chios in gar keinen 
Zusammenhang. Folglich scheint bei Bergk „dortwoher, aus 
Chios" gleichbedeutend mit „aus dem uns verbündeten Chios" 
zu sein, und so kommt es schliesslich heraus, dass blos die in 
Bergk's Seele vorhandene Meinung, der Dialog sei so spät verfasst, 
ihn veranlasste, bei jener Erwähnung von Chios ohne weiteren Grund 
an die Zeit der Hegemonie zu denken und diese Ideenassociation 
für einen Beweis zu halten. Weil Bergk also den Beziehungs- 
punkt, der nach seinem Gefühl in den Worten „dortwoher aus 
Chios" irgendwo und irgendwie stecken sollte, nicht zu begrifflicher 
Klarheit weder für Andere, noch für sich gebracht hat, so kann 
auch von keiner Methode, von keinem Princip der Interpretation, 
von keinem Indicium, kurz von keiner Logik in seiner Behauptung 
die Bede sein. 



328 

Da Bergk so treffend den „geradezu unfeinen Ton und die 
Ausgelassenheit der älteren Komödie'^ in dem Euthydemos 
hervorhebt, so hätte er demgemäss auch die Zeit in Coordination 
. setzen sollen. Es war die Zeit, wo Piaton in näherer Beziehung 
zu Aristophanes stand (der ihm trotz aller Satire immerhin einen 
Freundschaftsdienst damit geleistet hatte, seine politischen Er- 
findungen an die grosse Glocke zu hängen), einige Jahre vor der 
Abfassung des Aristophanisch gehaltenen Symposion. Für die Zeit 
von Ol. 106 stimmt der Ton dieser Euthydemos-Komödie aber weder 
zur gleichzeitigen Bühne, noch zu dem hohen Alter Platon's. 

b. Bergk's und Rohde's Datirung des Theaitetos. 

Es ist sehr anzuerkennen, dass Bergk für den 
Bergk'8 Excurs im Theätct eine bestimmte Beziehung und 

zwar eine kürzlich erschienene Lobrede auf einen 
König oder Tyrannen fordert und demgemäss den Dialog zu 
datiren sucht. Das ist der Weg, der auch das Programm 
meiner „Literar. Fehden" bildete. Wenn er aber an den Age- 
silaos von Xenophon denkt und mit seiner subjectiven und 
unmetfiodischen Art, die Gewissheit eines Schlusssatzes zu be- 
stimmen, blos versichert (a. a. O. S. 8): „Es ist mir nicht 
zweifelhaft, dass Piaton eben diese Worte (Xenophon's) vor 
Augen hatte", so muss man über die Unvorsichtigkeit des 
grossen P^iilologen staunen. Ich will mich nicht dabei auf- 
halten, wie Bergk sich S. 6 und 7 abmüht, dem Piaton die 
Eeihe der Ahnen des Agesilaos vorzurechnen; denn es genügt, 
einen Blick in Xenophon's Lobrede zu thun, um zu sehen, dass 
sich dort weder eine Zahl angegeben findet, noch überhaupt 
anders als ganz im Vorübergehen die Erzählung {äTtofivrjfiovev- 
erav) von der glänzenden Abkunft vom Herakles erwähnt wird. 
Es ist ja wahr, dass selbst dies für Platon's höhere Gesinnung 
unangemessen erscheinen musste; hatte er doch in edlerer 
Weise die herrliche Abkunft seiner eigenen Familie im Char- 
mides gefeiert, ohne der faden Schmeichelei einer Abstammung 
von Herakles oder den, Göttern zu bedürfen. Gleichwohl war 
Xenophon, vielleicht gewarnt durch Platon's Kritik im Theai- 
tetos*), vorsichtig gewesen und hatte nur auf Erzählungen 

*) Xenoph. Agesil. I. 3. lAlXla firiP ov8i ravrrj y av t«s ^J^o» naxa- 
fufi^atrd'at xrX, Flaton hatte gesagt Theaet. 174 D iv te roh inaivoie ^ 



k 



229 • 

(aTtOfivtjfiovevetai) verwiesen, ohne selbst die Genealogie zu ver- 
treten. Darum mtissten wir den Charakter Platon's schlecht 
kennen, wenn wir ihm mit Bergk zutrauten, dass er sich sollte 
hinreissen lassen, in sophistischer Weise Xenophon's Aeusserungen 
zu verdrehen und ihm die Aufzählung der Ahnen unterzuschieben 
und mit Bergk, „wenn man, wie billig, die vormundschaftliche 
Kegierung des Lykurg mitrechnete", 25 Ahnen herauszuklügeln. 
Es bedarf gar keines weiteren Beweises ; denn Jeder kann sehen, 
dass die Stellen bei Piaton und bei Xenophon nicht congruiren 
ihrem Wortlaute nach und nicht stimmen ihrer Beurtheilung 
nach. 

Wer würde auch glauben, dass Piaton den Agesilaos in 
erster Linie als einen Tyrannen (rvQawov i) ßaatXia) bezeichnen 
möchte, wenn er auf Xenophon^s Lobrede anspielen wollte! 
War denn Agesilaos ein Tyrann oder König in dem Sinne, 
wie Polykrates, Euagoras, Dionysios, Jason u. A.? Ich wüsste 
auch nicht, dass Agesilaos in Sparta hinter Mauern gelebt 
hätte?*) Ebensowenig wird uns Xenophon's Lobrede den Ein- 
druck machen, als habe er darin einen Binderhirten oder Sau- 
hirten {avßdttrpi) geschildert u. s. w. Kurz, ich wüsste nicht, 
wie man die Congruenz der beiden Stellen begreiflich machen 
könnte, wenn man auch dem Piaton noch so viel mehr sittliches 
Gefühl als dem Xenophon zuschreiben muss. 

Inzwischen ist auch eine Abhandlung von dem Rohde. 

feinen Kenner griechischer Literatur Erwin Bohde 
erschienen**), der unabhängig von Bergk mit ihm zu demselben 
Besultate, wenigstens was die Datirung betrifft, gelangt ist, ob- 
gleich Bohde viel vorsichtiger als Bergk die directe Beziehung 
Platon's auf Xenophon mir nicht auszusprechen und nicht zu 
fordern scheint. Als Gegner und Provodrende nennt er nur 
„Bedner^^ und lässt darum die nähere Untersuchung offen. 
Interessant ist aus seiner Abhandlung zu entnehmen, dass auch 
der Stammbaum des Philippos von Macedonien in 25 Gliedern 
bis zu Herakles geführt wurde. Aus einem zweiten Artikel 



raw aXktov fieyalav^ittis j ov nQOfrnoirjrcJSy aXXa r^ ovri ysXcJv. J)arauf 
kann sich Xenophon auch beziehen, wenn er sagt: r^dä ye /irjv xai 
xoivTj a^iov incuvsaai ri^v rs narglSa xai ro yivoe avrdv. 

*) Plat. Theät. 174 E arixov iv oq€i> ro reXxos TtegifiefiXrj/ieuov. 
♦♦) Jahrb. f. class. Philol. von Fleckeisen 1881, Si 321 und 1882, S. 81 
zweiter Artikel. 



330 

Rohde's, der gegen einen Angriff von Karl Köstlin gerichtet 
ist, erlaube ich mir drei treffende Bemerkungen (S. 88) aus- 
zuziehen, die den Charakter des Platonischen Excurses näher 
determiniren und für uns als Prooimion brauchbar sind: „7or 
Allem aber, das muss ja ein jeder Leser des Excurses fühlen 
(wie es schon Schleiermacher gefühlt hat), dass Piaton ant- 
worten wiU auf eine Provocation, von rednerischer Seite, und zwar 
auf eine solche Provocation, die er einer so schwerwiegenden 
Antwort für würdig hielt." Und zweitens S. 89: „Welche 
Platonische Schrift der Redner getadelt hatte, wäre wohl ver- 
messen bestimmt angeben zu wollen. Ich freilich habe mich nie 
dem Eindruck entziehen können, dass 176 e. 177 a Piaton selbst 
auf seine Bücher vom Staate hinweise." Und drittens: „Das 
aber wird wohl Jeder zugeben, der den tiefbewegten Klang des 
ganzen Excurses voll auf sich will wirken lassen, dass zu einer 
solchen Ergiessung seines innersten Gefühls Piaton nicht be- 
wogen sein kann, durch irgend eine beiläufig in eine Bede 
ganz anderen Inhalts eingelegte lobende Floskel, sondern eben 
durch ein iyxoifiiov eines Bedners, welches absichtlich dem 
philosophischen Ideal des eidai^oviaTovog ein Bild weltlicher 
Herrlichkeit in dem Preise eines Königs, entgegenstellen 
wollte, und zwar eines Königs, von dem nicht alte Sage 
unzuverlässig berichtete, sondern dessen evdacfiovia noch vor 
den Augen der Zeitgenossen sichtbar leuchtete." Es ist 
schade, dass Ehode durch diese vorzüglichen und tief in die 
Sache eindringenden Bemerkungen sich nicht vor dem Glauben 
an die eitle Versicherung des Isokrates, dass er zuerst eine 
solche Lobrede geschrieben habe, schützen konnte; denn seine 
Behauptung: „es sei unzweifelhaft, dass ein solches iyKwiiiov 
auf einen Zeitgenossen nicht vor 374 verfasst sein konnte", 
beruht doch nur auf dem Glauben an den unglaubwürdigen 
Isokrates.*) 

c. Neue Hypothese. 
Nachdem ich nun die neuesten Aeusserungen der Gelehrten, 
soweit sie mir bekannt geworden sind, angeführt habe, müssen 
wir unsere eigenen Wege verfolgen. Nach heuristischer Logik 



*) Isokrates mag Recht haben, wenn er blos die von ihm gewählte 
Form des Enkomiums in^s Auge fasst; sonst sind z. B. auch Xenophon^s 
Memorabilien und Symposion und Platon's Symposion und Fhaidon der 
Sache nach zu den Enkomien zu rechnen. 



331 

stellen wir erst die festen Beziehungspunkte vor Augen und 
schliessen daran immer die Frage nach dem jedesmal functionell 
coordinirten Beziehungspunkte. Also 1. Flaton antwortet auf 
eine Provocation. Das wird, so viel ich sehe, von Niemand be- 
stritten. Da nun Xenophon's Agesilaos in keiner Weise gegen 
Piaton provocirend geschrieben ist, so fragt sich, wer Piaton 
provocirt haben könne? Gewiss doch eine ihm feindlich gesinnte 
und bekannte Persönlichkeit, von der wir gehört haben müssen. 

2. Piaton handelt von Lobpreisungen der Tyrannen und Könige. 
Da nun Agesilaos kein Tyrann war, so kann natürlich Xenophon's 
Enkomium nicht in Frage kommen, und wir müssen vielmehr 
einen Tyrannen suchen, mit dem Piaton irgendwie Fühlung ge- 
habt hatte, um in solche Entrüstung gerathen zu können. 

3. Piaton bezieht sich auf einen noch lebenden Tyrannen. Da 
der Theaitetos vor Menon und daher vor dem Phaidros, also 
sicher einige Jahre vor 380 abgefasst ist, so muss der Tyrann 
in dieser Zeit geblüht haben. 4. Da der Tyrann als nach mensch- 
lichen Begriffen ungeheuer reich und als grosser Länderherr ge- 
schildert wird, so werden wir wohl für diese Zeit keinen Anderen 
zu nennen wissen, als den Dionysios von Syrakus. 

Wenn sich nun für diesen Beziehungspunkt die Coordination 
ungezwungen ergiebt, so convergiren nach dieser Bichtung auch 
die Linien von den übrigen Punkten; denn mit dem Dionysios 
hatte Piaton Fühlung gehabt und konnte mit Eecht über ihn 
entrüstet sein. Da nun eine Provocation von einer feindlichen 
Seite ausgegangen sein muss, so können wir nur auf den Kreis 
von Dionysios kommen und zwar doch wohl gleich auf den Ge- 
fährlichsten und für Piaton Feindseligsten. Nämlich auf wen 
anders, als auf Philistos? Alles kommt nun darauf an, ob 
dieser eine Lobrede auf Dionysios geschrieben und zu welcher 
Zeit? Wenn auch dieses zutreffen sollte, so wäre der Excurs 
im Theätet vollständig erklärt. 

Nun wissen wir aber, dass Philistos im Jahre 386 
des Landes verwiesen wurde, nach Adria oder nach E^nkomion'. 
Epirus ging*) und dort seine berühmte Geschichte 



*) Flutarch. de exilio 14 xal yaQ rols TtalmoXs ai Mcioaa^ ra tcdXhffra 
rcjv awrayfidjafv xal Soxifitorara, tpvyrjv kaßovircu aweqyoVf inereXsaav. 0ov- 

xvSiSrjs l^&rjvaios awkyQa^e rov noXefWv iv 0^axri negl rrjv ^xaTtrrp^ 

vXrjv, SBVOfonf iv ^tXlovvri rrjs^HXeias, ^iXiaroe iv^H7tei^(p, TY/kuos o Hivqo- 
/uveirrjs iv ^^d'rjvats. 



332 

Siciliens schrieb. Es wäre aber verkehrt, wenn man sich ein- 
bildete, dass dieser Mann eine rein ideale Aufgabe verfolgt hätte; ^ ^ 
nein, er hatte den bestimmten Zweck, die Gunst des Dionysios r. . 
wiederzugewinnen. Zu diesem Zweck legte er seine Schmeichelei 
und Verherrlichung des Dionysios möglichst prachtvoll an; denn 
wie wenig grossartig er die Verbannung trug, zeigt Plutarch, 
der seine Jeremiaden (über die, von der Herrlichkeit des tyraa- 
nischen Lebens zur Niedrigkeit herabgesunkenen Töchter des 
Leptinos) mit den Klageliedern eines nach Purpur und Gold 
verlangenden Weibes vergleicht.*) Plutarch hebt auch (I>^ 
malign. Herod.) hervor, dass Philistos alle Ungerechtigkeita«i 
des Dionysios weggelassen hätte. Und Pausanias**) zweifelt, alb 
er, wenn Philistos die Scheusslichkeiten aus dem Leben d^s 
Dionysios zudeckt, den Grund für genügend gelten lassen sollt 
dass Jener gern nach Syrakus habe zurückkehren woUei 
Cicero***) hat seinen besonderen Genuss an dem Werk do»^ 
Philistos über Dionysios, denn dieser wäre ein grosser Fuct 
gewesen und Philistos sein Intimus. 

Dass Philistos also in der Verbannung über Dionysios g( 
schrieben und zwar mit dem Zwecke, zurückgerufen zu werdei 
das wird von allen Seiten bezeugt. Daraus folgt aber von selbs' 
dass diese Schrift eine Art von Enkomium gewesen ist. !E5 ^ 
versteht sich ferner, dass er die Abkunft des Dionysios von de:^^ 
Göttern herleitete, auch wenn dies nicht überliefert wird; den«=^ 
dies ist nun einmal für die Ji(ytqeq)ieg Stil bei den Griechen vo^^ 
Homer an. Und da kann kein Zweifel sein, dass er auf des^ 
Herakles zurückging. Wenn Suidas nicht den Philiskos mit denC*^ 
Philistos vermischte, würde ich die dort angegebene Schrift^ 
yevealoyia mit hierherziehen. Hatte Philistos aber sein ersteh 
Buch ^egi 2i'KeXlag überschrieben und 386 angefangen zu schreiben. ^ 
so wird das zweite Buch negl Ji(m)aiov\) etwas später verfasst 



*) Plutarch. Timoleont. XV. Surre fiot — rac 4^tXi(rrov ftüvas, 

(palvecd'ai d'^i^avs yvratxoe — — noQ^^ae xai XQ^^^ Tto&ovaije, 

**) Pausanias (Facius 1 , 14 p. 49) et 8e xai ^iXiaros airlav dutaiav 
etXrjyev, hteXnCCfov r^v iv ^v^axovaais xd^oBov, anox^vrpaa&ou rav Jiowaiov 
ra avoauorara, 

***) Ciceron. Epist. ad Q. fr. 11, 13. Me magis de Dionysio delectat. 
ipse enim veterator magnus et perfamüiaris Philisto. De onCtore II, 57, 
Philistus Dionysii tyranni familiarissimus. 

•j-) Dionys. ad Cn. Pomp. 5. 



333 

Bein. Wie schnell sie aufeinander folgten, und ob Philistos nicht 

! noch vor Vollendung der Sikelischen Geschichte zu der panegy- 

i tischen und praktischeren Schrift; überging, das lässt sich 

nelleicht nicht genau bestimmen. Jedenfalls aber muss das Buch 

Aber Dionysios vor dem Theätet herausgekommen sein, weil der 

Aasfall Platon's auf dieses Enkomium damit in Coordination 

8teht. Da wir nun für die Verbannung das Jahr 386 haben 

Und der vor dem Menon (383) und nach dem Phaidon (384) 

^erfasste Theätet auch in das Jahr 384 fallen muss, so bleibt 

fä.r die Lobschrift auf den Tyrannen nur die Zeit yon 385 bis 

^84 übrig, und es ist auch höchst wahrscheinlich, dass er zwar 

^cht im ersten Jahre, wo der Zorn des Tyrannen noch glühte, aber 

loch möglichst bald darauf, ehe die früheren intimen Beziehungen 

lurch die Zeit weggewaschen wären, den Versuch gemacht habe, 

äurch grossartige Schmeichelei sich wieder in Gunst zu setzen. 

Biithin nehme ich als probabel an, dass die Schrift im Jahre 

384 erschien, nachdem Piaton den Phaidon hinter sich hatte 

"und während er an dem Theaitetos schrieb, weshalb er in dem 

Jixcurse sofort darauf reagirte. 

Platon's Entrüstung wird uns aber völlig begreiflich, '^enn 
wir an seine Erlebnisse in Syrakus und an seine genaue per- 
sönliche und unliebsame Bekanntschaft mit diesen beiden durch- 
triebenen Menschen (veterator magnus bei Cic^o) denken und 
damit das Urtheil der unbefangenen Kritiker vergleichen. Denn 
selbst der Halikamassier beschreibt den Charakter des Philistos als 
Schmeichlerisch, tyrannenfreundlich, gemein und ohne Grösse*), 
ind man möchte fast glauben, dass er bei dieser Charakteristik 
»ich Platon's Urtheil im Theaitetos zu eigen gemacht hätte. 

Wenn Piaton dann auf seine Erlebnisse am 
Hofe von Syrakus zurückblickt und sich im Ver- Philistos und 
gleich mit Philistos charakterisirt, so erhalten wir olonysiM.' 
ein so anschauliches Bild, dass ein Maler eine 
Scene bei Dionysios darnach ausführen könnte. Denn der 
pfiffige Philistos ist in allen Eechtshändeln wohlbewandert und 
versteht sich aufs Processmachen und das Mein und Dein, 
während Piaton dabei nicht aus und ein weiss und wie ein 
Eond Lachen erregt wegen seiner Unerfahrenheit. Dies stimmt 



*) Dionys. ibid. riS'og $i xolaxtxov %ai ^iXorvgawov ififaivei xai tanei,' i 

VW xai fux^Xoyov. Plat. Theaet. 175 D tov a/ux^ov ixeTpov rrjv ywxi^r. 



mit Diodor's Bericht^ der von Philistos SBgty dass er die aH' 
gesehensten Bürger planmässig verleumdet und angeklagt hätte*), 
um endlich durch Dionysios mit zur Macht zu kommen, und dass 
er der gewandteste und nützlichste und treueste Freund der 
Tyrannen gewesen sei. Denn ohne völlige Gewissenlosigkeit 
liess sich eine solche £,olle bei Dionysios nicht spielen. Wenn 
Piaton aber, wie er selbst erzählt, die Unterhaltung der Gesell- 
schaft von den Bechtshändeln, bei denen Dionysios als gerechter 
Bichter brillirte, auf ein philosophisches Thema abgelenkt und 
den Phi^stos gefragt hätte, was denn die Idee von Gerechtig- 
keit und Ungerechtigkeit sei und wodurch sie sich unter- 
einander und von allen Dingen sonst unterschieden, und worin 
in Wahrheit die Glückseligkeit eines Königs und eines jeden 
Menschen bestehe, worin die Unseligkeit, und wie die Natur 
eines Menschen beschaffen sein müsse, um jedes von beiden zu 
erwerben; dann wäre es der kleinen Seele des Philistos schwind- 
licht geworden und es wäre ihm nun umgekehrt wie Piaton er- 
gangen; denn nun sei er in Verlegenheit und Verwirrung 
gerathen und hätte unverständliches Zeug vorgebracht, zum 
Lachen für Alle, die nicht wie Sclaven erzogen wären.**) Man 



*) Diodor. 13, 19. avyxarrjyo^ijffe de xai lav aXXcav rc^ iTtiffrjfUh 
tdrofv nohtmv — <•- 92: Ttdvra Se TiQoe ttjv tcjv axovovrtüp TtQoaiQeatv xai 
rrjv tSiav iTtißovXrjv 8i]firiyogTJcae oh fiexgitos iS^^e xov ratv ixxXtiauttfivtfov 
&v{iav. 14. 16 TiXsiarae fiep xai fieyiatas ;|f^e/as Tta^eaxTjfievoe roXe xvqdvpots, 
niarararos de ratv (piXtav roXe dwdffxcus yeyopcae — 7t ^axrixcararov tow 
yiXaw. 

**) Piaton. Theaet. 175 C. orav Be yi riva (Phüistos) avrbg (Platon) 
iXxvarj avco xai i&eXrjaij rie (Flaton) avr^ (Philistos) ixßrjvcu ix rdv ri iym 
ce aStxcJ xai av i/ii\ eis axeipiv avrrjs (Idee) SixcuoffvvTje re xai äSixlag, ri je 
ixdreQOv avrcfiv xai ri raw Ttdvraw ^ aXXrjXaw But^eQetov ; § ix rov ei ßaair 
Aevs (mit Beziehung auf Dionysios) evSai/iofv xexrrjfiepoe TtoXv x^^iop, ßaair 
Xelas negi xrX. (Solche Fragen würden natürlich an, den meisten Höfen 
sehr wenig am Platze sein und einen komischen oder peinlichen Eindruck 
machen; bei Dionysios waren sie zwar möglich, führten aber wegen ihres 
prophetischen und religiösen Ernstes zum Bruch.) ne^ rovraw dndvraiv 
orav av Serj Xoyov SiBovoa tov CfiixQov ioceXvov (Philistos) rrjv y^v^r^v xai S^/wp 
xai Stxavixov, ndXiv av rd av%iaT(}0^a dnoSiSafaiv iXiyyiaw re dtp infnjXoif 
xgefiaa&eis xai ßXencov fierecoQos dvcod'ev (wegen der Allgemeinheit) vno 
drj&eiae dSrjfiavoJv re xai anoQcäv xai ßaqßaqCCjoiv xrX. Dionysios hatte den 
Platon zuerst mit den höchsten Ehren ausgezeichnet und seine Freimüthig- 
keit ertragen. Nachher stiess er sich an diesen hohen Begriffen von 
Glückseligkeit und Gerechtigkeit, wodurch gemessen er selbst klein werden 



3^6 

mttss nicht glauben, dass diese Beschreibung Platon's auf keine 
wirkliche Unterhaltung am Hofe eines Königs passe; denn es 
.ist freilich wahr, dass nicht alle Fürsten gebildet genug sind, 
um ein philosophisches Gespräch aufkommen zu lassen; und 
die meisten Hofleute heut zu Tage müssten wohl auch be- 
kennen, dass es ihnen dabei ähnlich wie dem Philistos gehen 
würde, und dass es überhaupt nicht Brauch sei bei Hof, 
über Anderes als über Persönlichkeiten und Thatsachen zu 
sprechen oder kurze Anekdoten zu erzählen. Immer aber 
hat es auch Fürsten von höherem Geiste gegeben, die wie 
Salomo Weisheit liebten oder der Keligion und der Kunst 
huldigten, und zu diesen gehörte nach Platon's ürtheil 
auch Dionysios, wenigstens seiner Anlage nach, wenn er auch 
durch seine Schicksale und Umgebung verdorben wurde. Dass 
er aber die Philosophie bevorzugte und Philosophen von allen 
Seiten heranzog und dass gerade an seinem Hofe philosophische 
Gespräche florirten, wenn auch nicht in dem streng dialektischen 
und prophetischen Stile Platon's, das wird von allen Bericht- 
erstattern bezeugt. Und diese Gespräche waren es gerade, wo- 
durch der Bruch zwischen Dionysios und Piaton erfolgte. 

Nun wollen wir auch noch den schon erwähnten plastischen 
oder malerischen Zug der Platonischen Beschreibung hinzunehmen. 
Er schildert uns den Philistos, wie er als ein gewandter Hof- 
marschall oder Adjutant den Beisesack des Dionysios bequem 
für den Herrn und flink zu packen versteht, indem er eine Rolle 
übernimmt, die bei Privatleuten dem Kammerdiener anvertraut 
wurde; wie er um alle Finessen der Kochkunst weiss und als 
Mundschenk für die Delicen des fürstlichen Herrn sorgt; und 
wie er die glatten Schmeicheleien dabei immer bereit auf der 
Zunge hat. Dagegen sieht man nun Piaton vor sich, wenn 
er sagt, Philistos verstehe es aber nicht, sich wie ein freier 
Mann bei solchen, für einen Diener passenden, unwürdigen Zu- 
muthungen stolz und ablehnend in seinen Mantel zu hüllen, um 
frei seines Weges zuziehen*), und erkenne nicht die sich ziemenden 

musste. Diodor. XV. 7. /lerane/ifpafievos yag rov avS^a rovrop {Illdrowa) 
TO fiev TtQonov a7to8o'xfis rjS^ov rr^g /leyiarrje» o^aw avrbv Tta^^rjaiar 
^Xorra a^iav ttjs (piXoffoyias ' vffre^ov 5* ix ttvcov Xoyiav 7t^o<rx6yfas avr^ nav' 

*) Die Ausleger haben gemeint, Flaton hätte wie ein Dandy Werth 
darauf gelegt, sein Ifidriov nach der Mode über die Schultern werfen zu 



336 

Worte, um im Gegensatz gegen die schmeichlerische Ver- 
herrlichung der unechten Glückseligkeit des Tyrannen das wahr- 
hafte Leben der Götter und glückseliger Menschen zu preisen.**) 
An diese Schilderung Platon's von seinen Erlebnissen und 
seinem Verhalten schliessen sich die Anekdoten willig an. Denn 
wie z. B. der bekannte Historiograph Gundling es sich gefallen 
liess, von den Höflingen an einem Seile aus dem Fenster herab- 
gelassen und in den Fluss getaucht zu werden, und wie selbst 
Leibnitz Gedichte auf die Hunde der Prinzessinnen machte, so 
mussten sich auch die an dem Tische des Tyrannen in Syrakus 
Sitzenden Vieles gefallen lassen, was Platon's Stolz nicht vertrug. 
Aristipp liess sich von dem Herrn anspucken und riss dann den 



können. So StaUbaum: philosophus seit pallium componere. Man kann 
den Chic im umwerfen des Mantels zwar noch jetzt in Spanien und Malta 
studiren, wo dieser Mantel allerdings einen schönen und stattlichen An- 
blick giebt; allein es wäre doch wohl recht lächerlich, wenn man glaubte, 
die Platonische Philosophie bestände in diesen beiden Stücken, in dem 
feinen Tragen des Mantels und in der richtigen Ansicht von menschlicher 
Glückseligkeit. Es ist klar, dass das Umlegen des Mantels, wodurch man 
die Arme verhüllt und unbrauchbar macht, Ablehnung bedeutet und zu- 
gleich ein Zeichen giebt, dass man sich zum Gehen fertig macht, dem- 
gemäss heisst iXßv&sQCDs nicht „nach modischer Art" oder „wie ein Senor"; 
sondern wie es einem Manne geziemt, der Sinn für Freiheit hat und sich 
nicht wegwerfen will. Modern ausgedrückt heisst darum „seinen Mant-el um- 
werfen" soviel als „nach seinem Wagen verlangen". Um dieses zu illustriren, 
erlaube ich mir eine moderne Anekdote zu erzählen, wo ähnliche Verhält- 
nisse wie am Hofe zu Syrakus vorkamen. Bei den Symposien des Prinzen 
George von England durften sich nämlich ähnlich wie bei Dionysius die 
eingeladenen geistreichen und witzigen Freunde desselben alle möglichen 
Freiheiten erlauben, wie uns Derartiges von Aristipp dem Tyrannen 
gegenüber erzählt wird. Einstmals ging aber ein Mr. Brown zu weit und 
rief dem Prinzen zu; George j ring the bell. Der Prinz sprang wirklich 
auf und klingelte, rief aber dem eintretenden Lakaien gleich zu: Mr. 
Brown wanVs his carriage. 

**) Plat. Theaet. 175 E ov 8r] fiXoaotpov xaXstg, ^ avefiiarirov ew^&et 
Soxeiv xoU ovSevl etvai, orav eis SovXixa ifiTtecri Butxovrifiara, olov (FXQfOfWXO- 
BeCfjLOv f4ff iTtiarafidpov avaxevdffaad'cu firjSe o^ov tjSvveu $ d'antas Xoyov€* o 
^ av ra fiav rotavra ndvra 8wa/iivov ro^as te xcd o^ecos ButxopeXv, mpa* 
ßdXXea&ai 8e ovx intara/ievov ktiSe^ia iXev&eQOfe ovSe y aqfioviav XoyafP 
Xaßovros o^d'cos vfivrjffeu d'Ba)v re xai avBqafv evSou/wvofV ßiov aXi^dij. Man 
könnte ja meinen, dass jene SovXuca Sioucov^fiara blos Gegenstände der 
Conversation bei Tisch gewesen wären, wie solche Topiks noch heute ebenso 
üblich sind; allein wer die gute Gesellschaft kennt, weiss wohl, dass 
dergleichen auch Alles wirklich ausgeführt wird. 



33f 

Witz, dass die Fischer sich, um G-ründliuge zu fangeü, toid 
Meer bespritzen liessen, und er sollte nicht die Bespritzung mit 
einer Mixtur aushalten, um einen Blennos zu fangen? Vom 
Dionysios bei Tafel aus seiner Nähe weggeschickt, um sich an 
die unteren Plätze zu setzen, gehorchte er mit dem Witze: ich 
sehe, Du willst jenen Plätzen durch mich Ansehen geben. Dass 
Philistos bei Ausflügen, welche der Hof machte, die Lagerpolster 
und das Tischservice eigenhändig für Dionysios packte, ist gar 
nicht unglaublich ; denn erstens sind Aemter, die sonst Diener aus- 
üben, bei fürstlichen Personen höchst ansehnlich und vornehm, 
und zweitens weiss man doch, dass darin eine ganz besondere 

. Schmeichelei liegt, wenn ein Höherer eine niedere Dienstleistung 
bei einem Fürsten freiwillig übernimmt. Und Dionysios scheint 
sehr weit in seinen Anforderungen bei den Symposien gegangen 
zu sein. So z. B. soll Aristippos, wie alle die übrigen Gäste, 
auf den Befehl des Tyrannen auch in purpurner Weiberkleidung 
getanzt haben, was Piaton allein ablehnte. Auch zu den Füssen 
des Fürsten warf sich Aristipp, um für einen Freund zu bitten, . 
und tröstete sich für diese Demüthigung in seiner Weise mit 
dem Witz : was kann ich dafür, wenn Dionysios seine Ohren an 

• den Füssen sitzen hat? Ist es nicht sehr verständlich, dass 
Flaton bei solchen Gelegenheiten sich in seinen Mantel hüllte 
und zum Gehen anschickte ! Und wenn der Tyrann ihm zurief: 
„Wer zum Tyrannen kommt, ist sein Sclav, auch wenn er als 
freier Mann {eXevd'eQog) gekommen ist^': so kann Piaton ganz in 
Uebereinstimmung mit seiner Aeusserung im Theätet wirklich 
geantwortet haben: „Sclav ist er nicht, wenn er als freier 
Mann {ilevd^eQog) davon zieht."*) So viel nun zur Erläuterung 
der früher räthselhaft gebliebenen Stelle. Im Besonderen bezieht 
sich diese Aeusserung Platon's aber auf Philistos, der nicht frei 
und würdevoll von selbst die knechtische Stellung bei Dionysios 
aufgegeben hatte, sondern von dem Tyrannen in die Verbannung 
geschickt war und dort sich, wie Plutarch erzählt, kläglich ge- 
berdete, weil er das königliche, herrliche Leben nicht mehr ge- 
niesfiAsn könne. Während Piaton, wie dies ja auch in seinem 
Sinne wirklich jedem wahren Philosophen zukommt und natür- 
lich ist, sich selbst als einen Gott oder wenigstens als einen 



*) Diese Anekdoten erzählt Diog. Laert. II, 67, 73, 78, 82. 

22 



8^8 

göttlichen und glückseligen Mann fühlte '^), so musste ihm das 
Enkomimn des Philistos auf Dionysios als Zeichen einer Lakaien- 
gesinnung erscheinen. 

Das Gesprach bei Hofe, dessen Inhalt Piaton hier kurz 
andeutet und das er gewiss in der Akademie den Jünglingen 
wiederzuerzählen zuweilen Gelegenheit nahm, findet man bei 
Olympiodor in dem Leben Platon's**) auf vier Fragen gebracht, 
wie sich dies wohl in der Schule so traditionell fortpflanzte. 
Die Fragen aber und die Antworten sind, an dem eigenen Bericht 
Platon's gemessen, sehr wahrscheinlich und passend. 
* ^ Wenn Bergk aber in der, dieser Schilderung 

thtM. vorhergehenden Stelle die allerdings sichtbare An- 

o«r chabriat- spielung Platon's auf einen wirklichen Vorgang, 

wobei er vor Gericht aufgetreten sei und sich 
lächerlich gemacht habe, auf die von Diogenes Laertios berichtete 
Fürsprache für Chabrias bezieht***): so spricht Alles und Jedes 
dagegen, und Bergk's Käsonnement ruht auch, wie bei der 
schlechtesten Methode, auf lauter Hypothesen. Denn diese 
Fürsprache Platon's ist ein blosser loyogf), von dem man 
nicht weiss, wer ihn vertritt. Ich will nun zwar nicht etwa 
diese immerhin erwünschte Nachricht verdächtigen, aber ich 
möchte doch nachdrücklich betonen, dass bei dieser Gelegenheit 
kein Wort darüber fallt, dass Piaton sich irgendwie lächerlich 
gemacht habe. Die Sache war vielmehr nach dem Bericht des 
Diogenes für Piaton sehr gefahrlich und da er, wie auch Bergk, 
S. 15 schreibt, „damals im höchsten Ansehen stand, nicht nur da- 
heim, sondern ebenso, wo nicht mehr in der Fremde", da femer 
Chabrias freigesprochen wurde : so ist es aus der Luft gegriffen, zu 
behaupten (S. 17), dass „der Misserfolg dem Philosophen Hohn 
und Spott in Fülle eingetragen habe". Nur auf dieser ganz 
unbegründeten Vermuthung beruht nun die zweite Vermuthung 



*) Vergl. Literar. ifehden 1, S. 135. Ich wandere mich^ dass Benn 
(1. 1., p. 222) an der Selbstapotheose Platon's einigen Anstoss nimmt Die 
grossen Philosophen, wie die religiösen Genies, haben sich aUe mit dem 
Göttlichen Eins gewusst, und eine Philosophie, die nicht zu diesem Ziele 
führt, ist nur für Gehorchende und Unfreie. 
**) Olympiodori Vit. Plat. IV. 
***) Bergk a. a. 0. S. 12. 
•f) Diog. L. HL 23 Xoyoe, ort xai Xaß^iq aweinero r^ atQattjfyi 
ftvyovri ^avarov, fn^Ssros twv nohfratp r<nno n^Sai flovXij&iffroe, 



33d 

Bei^k'Sy dass die Anspielung Platon's auf sein ungeschicktes 
Benehmen vor Gericht sich auf diese Fürsprache für Chabrias 
beziehe. Diese hypothetisch begründete Hypothese ergiebt dann 
die angebliche Datirung des Dialogs, der sich mit seinesa ganzen 
Inhalt dagegen sträubt, Yon einem Zweiundsiebenziger yer- 
fasst zu sein. 

Man kann aber nicht umhin, Bergk zuzustinmien, 
dass Flaton auf eigene Erlebnisse anspielt. Dies 
ist auch nach dem Kunstcharakter der Platonischen Dialoge, 
wie ich ihn definirt und wie ich diese Definition durch Betrachtung 
der einzelnen Anspielungen in den Dialogen bewiesen habe, gar 
nicht anders zu erwarten. Wenn demnach auf eine Gerichts- 
Verhandlung angespielt wird und Flaton, wie man erzählt, nur 
zweimal vor Grericht gestanden hat, einmal bei dem Chabrias- 
Process und das zweite Mal in Aigina: so muss man, da der 
Chabrias-Frocess die erwünschten Beziehungspunkte nicht liefert, 
an die Gerichtsverhandlung in Aigina denken. 

Diesen Vorgang in Aigina scheint Diogenes nach Phavorinos 
zu erzählen.*) Als Flaton in Aigina an's Land gesetzt war, 
wurde voq Charmandros, des Charmandrides Sohn, wider ihn 
auf Tod geklagt nach einem Gesetz, das die feindlichen Be. 
Ziehungen zu Athen dictirt hatten. Einige sollen nun erzählt 
haben, Flaton hätte vor Gericht kein Wort gesprochen, sondern 
Alles ruhig über sich ergehen lassen. Dass dieses Benehmen 
und der ganze Vorgang auf die sich mit Gerichtsverhandlungen 
übermässig gern beschäftigenden Zeitgenossen einen wunderlichen 
Eindruck machen musste, ist leicht begreiflich, und dass manches 
Komische mit unterlief, sehen wir aus der Erzählung, dass einer 
zum Spass (xora naidiav) gerufen haben soll, der Gelandete**) 
sei ja ein Philosoph. 

Wenn wir nun annehmen, dass Fhilistos in seinem enko- 
miastischen Buche über Dionysios auch Flaton erwähnt hat und 
zwar theils, um den Angriff gegen Dionysios im „Staat" zurück- 
zuweisen, theils, um des Tyrannen Verfahren gegen Flaton zu 



*) Diog. L. III. 19. Mvioi 8i q>aai naga^dt^PM ahrov (Flaton) eiff r^ 

**) Ibid. stnoPToa 9i T$yo^ aX^ 9cara neuduir, ftXotrofov eivtu r&p int^ 
ßavra, anäXvcop. ^Eitißavra auf die Bednerbühne bezogen, wäre efifectvoUer« 

22* 



ä40 

)^e<^ht£ertigeiiy so liegt nichts näher, als dass er auch Hohn untl 
Spott über diesen unpraktischen Weltweisen, der einen Staat 
ohne Gesetze und Gerichtshöfe auf die Idee begründen wollte, 
ergoss, und vielleicht auch sein Benehmen auf Aigina, wo er 
nicht einmal ein Wort zu seiner Yertheidigung zu reden wusste, 
als Hochmuth oder Albernheit geisselte.*) 

Hören wir jetzt Piaton. Wer zu unserem Chor gehört, 
sagt er"*""), kennt nicht einmal den Weg zum Gerichtshöfe; 
die Gesetze und Yolksbeschlüsse hat er nie gesehen oder gehört ; 
an Koterien, um zu Aemtern zu kommen, an Gastmähler und 
Lustbarkeiten mit Flötenspielerinnen denkt er nicht im Traum; 
ob einer gut oder übel angeschrieben ist in der Stadt und ob 
dessen Vorfahren männlicher oder weiblicher Seite einen schlimmen 
Buf gehabt haben, ist ihm ebenso verborgen, wie die Zahl der 
Tropfen im Meer, und er weiss nicht einmal, dass er dies 
Alles nicht weiss. Nur sein Leib weilt in der Stadt, sein Geist 
hält dies Alles für gering und für Nichts und misst, das All 
durchlaufend , die Tiefen der Erde aus und den ganzen Himmel 
und erforscht die ganze Natur. Wenn er deshalb vor Gericht 
oder sonstwo gezwungen wird, über Dinge, die vor seinen Füssen 
und vor Augen liegen, zu sprechen, so bringt er (wie Thaies) 
die Sclavinnen und den übrigen Pöbel zürn Lachen und fäUt 
aus ünerfahrenheit in allerlei Bathlosigkeit, so dass man ihn 
für albern hält; denn er versteht Niemand zu injuriiren und 
weiss kein Böses Ton Niemand, weil er nie an so etwas denkt. 
Darum erscheint er rathlos und lächerlich. 

Vieles in dieser Schilderung passt nun recht gut auf die 
Vorkommnisse in Syrakus, wie z. B. wenn er die Gastmäler 
und Lustbarkeiten***) erwähnt und die Koterien und wechselseitigen 

'*') Flaton (Theaet. 175 £) sagt von sich: iv anact 8fj ravrots o rotdv- 
ros (Piaton) wto röJv noXkaw xarayeXäxtUy ra fuv vneqrifdvms Sy^oav , m 
Soxei, ra ^iv Ttoalv ayvoatv rc aal SxdffToie a7C0Qa>v. — 0eo, — Jlavrdnam 
rd yiyvo fieva Xeysig, 

**) Plat. Theaet. 173 B. 

***) Die Anekdoten bei Diog. L. beziehen sich fast alle auf die Sym- 
posien bei Hofe. Zuweilen scheint sich auch Aristipp dabei in seiner 
Weise ziemlich anständig benommen zu haben. So wurden ihm z. B. von 
Dionysios drei Hetären zur Auswahl angeboten. Er nahm sie aber alle 
drei mit dem Witze, dass Paris sehr unartig gewesen wäre, einer den Vo^ 
zug zu geben; an der Schwelle des Palastes jedoch entliess er sie. Diog. 
L. II. 67. 



341 

Yerleomdangen ; Vieles passt auch auf die Vorgänge in Aigina, 
wo er rathlos und sprachlos Alles über sich ergehen liess. 
Es ist aber nicht zu leugnen, dass namentlich an den Stellen, 
die ich hier überging, mehreres vorkommt, das einen anderen 
Beziehungspunkt verlangt. 

Dass er hier im Theaitetos an Syrakus und 
die damalige Zeit dachte, wird mir besonders durch lo^JJheZeiciieB. 
ein^i Beziehungspunkt gewiss, der von den Früheren 
nicht mit in Bechnung gezogen werden konnte, weil sie den so- 
genannten Mythus imPhaidon nicht zu deuten wussten. Piaton 
sagt hier nämlich, der Geist des Philosophen durchschweife das 
All und messe, was unter und auf der Erde ist, wie auch den 
Himmel.*) Dies ist genau das, was er im Phaidon in seiner 
Physik der Erde im ümriss darlegte und womit er sich auf dem 
Wege von Syrakus auch beschäftigt haben wird, da ihm die 
Seereise von Neuem Gelegenheit bot, seine Wasser- und Tiefen- 
Theorie mit seinen Beobachtungen am Aetna und mit den 
meteorologischen Erscheinungen auszugleichen, und es stimmt 
damit die stolze Parallele, die er zwischen sich und Thaies zieht, 
da ihnen bei gleicher Veranlassung, bei astronomischen Nach- 
forschungen, solche kleine Menschlichkeiten begegneten, wie in 
den Brunnen zu fallen oder vor Gericht auf Tod angeklagt zu 
werden, worüber der Pöbel zu lachen pflegt. 

Ein zweites Indicium zur Chronologie bietet die Aeusse- 
rung, dass der Philosoph Gesetze und Volksbescblüsse niemals 
gesehen und gehört haben soll.'''*) Denn hierdurch wird schon 
mit völliger Sicherheit die von Bergk angenommene Zeit ausge- 
schlossen, weil Piaton in den Siebenzigen, wie der Politikos be- 
weist, doch schon den Werth der Gesetze erkannt hatte und viel- 
leicht schon anfing, an seinen „Gesetzen^ zu arbeiten. Die 
Missachtung der Gesetze gehört aber gerade in die Zeit des 
„Staates", wo er überall wegwerfend über Gerichte, Processe 
und alles gesetzliche Detail spricht und den Staat allein auf die 



*) Plat. Theaet. 173 E ^ 8e Stavout, rewra navra tjyrjffa/iavrj fffwc^ä Hai 
oivdiv, arifidffaüa nat^ax^ ^egercu xara Uiv^aQOv, rd rz yas VTtevsQd's tctd ra 
ininada yemfisTQQvaay oifQavdv rs VTteQ aarQOvofufvüay xäi jta<tav Ttavtt} qwffiv 
igewcDfiivri ratv ovrafv iicdarov oXov. 

**) Ibid. 173 D poftove Si not xjnifiiffiara Xeyofispa § ysy^afifiiva ovre 
o^ifiv OVTB axovovixtv. 



342 

wissenschaftliclie und moralische Ausbildung der Bürger stellen 
will.*) 

Ein drittes Zeichen sehe ich darin, dass Flaton sich aus- 
drücklich auf eine andere Gelegenheit (äXXave) beruft, wo er 
die Lächerlichkeit der wahren Philosophen, wenn sie vor Gericht 
treten müssen, erkannt habe. Dies kann eine Allusion auf sein 
Erlebniss in Aigina sein, kann sich aber auch auf die 
Gerichtssitzungen des Dionysios beziehen, denen er bei- 
gewohnt hat. Dionysios bildete sich ja nicht wenig ein auf seine 
Elugheit als Richter, und Piaton muss sich als Philosoph dabei 
ganz einfältig vorgekommen sein**), wie seine etwas hochinüthige 
Yergleichung des guten Richters mit einem Flickschneider be- 
weist. — Auch die folgende Stelle kann zwar ohne Weiteres 
metaphorisch interpretirt werden, indem man unter dem Herrti 
(deaTtdrfjg) die Volksrichter versteht; sie kann aber nebenbei auch 
auf Dionysios gehen.***) „Die Reden werden da immer über 
einen Mitsclaven gehalten vor dem Herrn, der da sitzt, in der 
Hand die Strafgewalt, und es handelt sich nie um etwas Ob- 
jectives, sondern immer über die Person. Häufig hat man auch 
Gefahr um Leben und Tod. Dadurch werden die Leute schlau 
und pfiffig und verstehen es, dem Herrn mit Worten, zu schmeicheln 
und mit Dienstleistimgen sich ihm angenehm zu machen, klein 
aber und nicht gerade ist ihre Seele ; denn Wachsthum und 
Geradheit und Freiheitssinn raubte ihnen die von Jugend auf 
erduldete Sclaverei, die sie zwang, krumme Wege einzuschlagen, 
und die zarten Seelen schon in grosse Gefahren imd Aengste 
verwickelte. Da sie nun nicht mit Recht und Wahrheit 
diesem entgeg^lareten konnten, wandten sie sich gleich zur 
Lüge und zu wechselseitigen Anklagen und wurden so verbogen 
und gebrochen, dass sie nichts Gesundes mehr in ihrer G^iil- 
nung haben, wenn sie aus Jünglingen Männer geworden sind. 



CfUM^OP 



*) VergL meine Literar. Fehd. I. S. 146. 

**) Olymp. Vit. Plat. IV. Dionysios fragt ihn: ri ow; ro oqd'ios Bnta^ 
^g^^,.^ap <roi SoxsX; SoSar ya^ dxev o Jio$nfüioe M r^ o^&oie BtMa^ßiv, Die 
Antwort Platon*s stimmt völlig mit dem Standpunkt in seinem „Staate": 
Cfuiaqov ftiv ow xcd /jti^ aax^'^ov' axeifrale ya(f iobcaifiv ol o^cäe dixdJ^/OPtsSt 
oirivss ra SuQqatyora l/idrui avvq>oUvovdv» 

***) Plat. Theaet. 172 £ ol Be loyci itü 7ta(fi bftoSavkav nQoe Stirnortiv 



343 

wobei sie sich aber für klug und weise halten.^ Dies passt ja 
auch vollkommen auf Athen, wenn man die Zustände mit Platon's 
Augen, also perspectivisch, betrachtet; dass es aber, wenigstens 
nach der Ansicht, die Historiker wie Grote und Steinhart über 
diese Zeit hegen, besser noch auf die Zustände unter Dionysios 
passen muss, liegt auf der Hand. 

Ich liess nun in dem Bisherigen einige Anspie- 
lungen weg, die jetzt nachzuholen sind. Da Piaton AwiJi?iIiH^ 
nämlich in Athen schrieb, so sind trotz der schnellen 
Verbreitung y die literarische Publicationen auch von auswärts 
fanden, doch zunächst immer die städtischen Verhältnisse in's 
Auge zu fassen, in denen Piaton lebte. Wenn der Dialog als 
Streitschrift gewissermassen auch an eine Schrift des Eukleides 
in Megara anknüpft, so ist er doch vor Allem gegen Antisthenes 
im Peiraieus gerichtet. Da dies allgemein angenommen und' 
nicht bestritten ist (obwohl es von Bergk, der a. a. O. S. 9 den 
Dialog OL 106, 1, also etwa 30 Jahre später, geschrieben sein 
lässt, hätte bestritten werden müssen), so erwähne ich nur, dass 
Piaton mit der zweimaligen (174 A 175 D) Anspielung auf die 
Thradsche Herkunft des Antisthenes offenbar diesen Philosophen, 
wie man auch schön allgemein bemerkt hat, uns vor Augen 
stellt. Es könnte nun befremden, dass er ihn eine zierliche 
(ififieXfjg) und liebenswürdige {xaqiug) Dienerin nennt. Die 
„Dienerin^ ist aber durch die Anekdote gegeben, und Piaton 
konnte den Begriff des Sclavischen darin gebrauchen, 
wenn er Antisthenes charakterisiren wollte, weil Antisthenes 
nach Platon's Meinung der höheren Bildung entbehrte. Denn 
da es sich gerade an dieser Stelle um Naturforschung, Physik 
der Erde, Mathematik und Astronomie handelt, Antisthenes 
aber von all diesem nichts wusste und nichts wissen wollte, so 
ist jene verächtliche Bezeichuung von Platon's Standpunkte aus, 
also perspectivisch betrachtet, vollkommen gerechtfertigt. Was 
aber befremden könnte» sind die Attribute, weil man sich den 
Vertreter der Arbeit {novog) und des Gynismus in der Regel 
ernst und finster denkt. Allein beide Attribute werden durch 
Zeitgenossen als charakteristisch für Antisthenes bestätigt. Denn 
zierlich {ifif4eXrjg) nennt auch Theopomp den Antisthenes*), und 



'*') Diog. L. VI. 14 xcU ^<n {OeoTtofmoe) Seivav re bIvoi xed 9t! hfuXias 
i/t/ttXovs vnayayetf&cu 7t dv^ ovrivwv. 



344 

die liebenswürdige; scherzende und witzige Seite dieses Philosophen 
hat besonders Xenophon im G-astmahl zur Anerkennung gebracht. 
Er sei der Liebenswürdigste (^'(Jirrrov) im Gespräch und sonst 
voller Selbstbeherrschung.*) Es unterliegt also keinem Zweifel, 
dass diese Charakterisirung des Antisthenes von Seiten Platon's 
passend und verständlich war. Diese Eigenschaften, die man 
noch deutlich aus dem von Blass edirten Ajax und Odysseus 
erkennt und aus den Homilien, welche Xenophon im Symposion 
excerpirt hat, konnten ihm auch Anerkennung von Seiten der 
Schule des Isokrates verschaffen, weshalb Theopomp ihn allein 
von allen Schülern des Sokrates lobte (Diog. L. VI. 14). Dass 
dem aristokratischen und feinfühlenden Piaton aber diese Art 
von Schick (eju/icAiJg) in der Bede als Zeichen eines unter- 
geordneten Geistes galt, ist nach dem Phaidros selbstverständlich, 
und dass ihm die Spässe {xaqiBig) des Antisthenes bäuerisch 
und bedientenhaft vorkommen mussten, ist leicht zu sehen, wenn 
man sich z. B. an die Art erinnert, wie Antisthenes im Gastmahl 
des Xenophon den Vortheil von seiner Genügsamkeit schildert; 
denn weil er sich solche Weibspersonen aussuche, die Niemand 
sonst möge, so würde er, sobald er Brunst habe, von ihnen mit 
Liebkosungen überhäuft.**) 

Da es nun doch wahrscheinlich ist, dass Antisthenes auf 
die Angriffe Platon's im Euthydem durch die Persifflage des 
2&&WV antwortete und zwar, da bald nach dem Euthydem die 
Abreise Platon's nach Syrakus erfolgt sein muss, doch erst nach 
der dortigen Katastrophe und nach Platon's Heimkehr nach 
Athen, so ist anzunehmen, dass Antisthenes, der Verächter des 
Reichthums, der Staatsverwaltung und der Tyrannen, sich auch 
über Platon's verunglückten Versuch, mit dem Tyrannen zu- 
sammen zu regieren, lustig gemacht habe und sehr persönlich 
geworden sei. Ich beziehe darauf die Bemerkung Platon's, dass 
derselbe Spott (axcSfifta), den die Sclavin über den am Himmel 
Forschenden und das vor seinen Füssen Liegende nicht sehenden 
Thaies vorbrachte, auch genügte flir Alle, die in der Forschung 
leben, womit er sich meint und den Spott des Antisthenes. Das 
Persönliche, das in dem Sdd'Ofv stark gewesen sein muss, weist 

*) Ibid. 15. ' O 8i Sevo^mf iq^ngrov ftev elvai Tie^ ras ofuXias fpffilv 
avTov, iyxqariffxaxov 8e neQi raXXa. 

**) Xen. Symp. IV. 38 Scre als av n^oaeld'aff vneqapndiiovrai /«, ^«« 
TO firjdiva aXkov avrats i&eXetv jt^oaievai. • 



345 

er Yomehm dadurch zurück, dass er sagt, er selber kümmere 
sich um seinen Nächsten so wenig, dass er nicht wisse, ob es 
ihm gut oder schlecht gehe, ja nicht einmal, ob es ein Mensch 
oder sonst ein Thier sei*); er fasse nur das Allgemeine in's 
Auge und erforsche, was der Mensch seinem Wesen nach im 
Unterschied von allen übrigen Wesen zu thun und zu leiden 
habe.**) Darum, sagt er ferner, würden die Thracischen Scla- 
yinnen (Antisthenes und sein Kreis) zwar nicht über den Philistos 
gelacht haben, als er auf Platon's Fragen nach der Idee der ' 
Gerechtigkeit und nach der Idee und dem Wesen des Menschen 
nicht hätte antworten können, sondern unverständliches Zeug 
geschwatzt habe. Jeder aber, wer nicht wie ein Sclave erzogen 
sei, hätte das lächerlich gefunden.***) Man wird sich über diese 
heftigen Ausfalle Platon's nicht wundem, wenn man die An- 
deutungen, die uns noch über den Charakter der Antistheneischen 
Polemik im Sdd-wv vorliegen, etwas genauer beachtet. Der 
Cyniker hatte mit dem Titel seiner Schrift Piaton als Knaben 
{aa9b}v) bezeichnet mit Anspielung auf das aidöiov ((Ta5ij)-|-), 
und selbst Theopomp, der doch sonst Antisthenes gegen Piaton 
bevorzugt, findet seine Darstellung unfläthig und gemein.ff) 
Man kann sich denken, in welcher Weise solch ein, durch keine 
Rücksicht auf die feinere Gesellschaft, gebundener Mensch, wie 
Antisthenes, zu spotten liebte, da er doch auch den Alkibiades, 
den Flaton vertheidigt hatte, beschuldigte, mit seiner eigenen 
Mutter, Schwester und Tochter sich verbunden zu haben, was 
er natürlich, wie Theopomp andeutet, nur aus seiner Annahme 
der Persersitten folgern konnte. Es ist mir darum sehr ver- 
ständlich, dass Piaton ihm gegenüber gerade den Ausdruck 
„Sclav" anwendete und den Mangel einer edlen Erziehung -J-j-f) 

*) Theaet. 174. 

**) Ibid. 175 D. Diese Anspielung bezieht* sich darauf, dass Antisthenes 
von den Ideen Platon's nichts wissen wollte. 

***) Ich sehe hierin eine Anspielung darauf, dass im ^&(ov davon ge- 
redet -war, wie es Piaton schlecht gegangen sei bei seiner hochmüthigen 
Unternehmung in Syrakus, und das d'QififAä deutet mir auch auf den 
Typhon hin, von dem ich oben S. 21 gesprochen habe. 

•|*) Aristophan. Lysistr. 1119 tjv firj 8iB^ rr^ X^^^> '''^s aa&^s ays- 
Hesychius : ffd&aw,^ vnoKoqiafia ini TtaiBitov a^qivatv^ ini rdv aiBoiov. 

•j-j*) Athenaeus V. 220 D ycai Jlkdratva di fieTOvofidüas ^^d'atva aavQ(0}i 
xal yoQTiiecJS tov ravrrjv k'xovrtt ttjv iinyQaqyrjv $tdXoyop i^idooxe x«t' «vtov. 
•|~j-|-) Theaet, 175 D ihs avBganoBois rgafeXciv. 



346 

■ ■ «r 

hervorhob. Dass dem Antisthenes auch die höhere speculative 
Begabung fehlte, sagt Piaton nicht, sondern erklärt ihn nur für 
ungebildet {aTtaidevriiJ); es lag aber nicht an seinen mangelnden 
Kenntnissen in der Mathematik. Astronomie u. s. w., sondern 
an dem Mangel an Geist, dass er Platon's Ideen nicht fassen 
konnte, wie denn der ganze, Flaton entgegenstehende Kreis, ein 
Euthydem, Lysias, Diogenes*) u. A., auf gleiche "Weise dem 
Idealismus unzugänglich war. 

Es scheint mir aber natürlich, dass Piaton, wenn er an den 
Eindruck denkt, den Philistos' Enkomium des Tyrannen oder 
Königs und die darin sicherlich eingestreuten, herabsetzenden 
und persifflirenden Bemerkungen über ihn (Piaton) hervorbringen 
mussten, nicht blos Antisthenes vor Augen haben konnte, son- 
dern dass auch die anderen Kreise von Hellas durch Ideenassocia- 
tion ihm vorschweben mussten. Darum mag es sein, dass er 
(p. 173 D) bei den deinva cvv avXtiVQlcL Xenophon's Sympo- 
sion streifte und bei Erwähnung der gemeinen Advocaten, 
die einem Angeklagten auch alles Böse, was etwa von Vorfahren 
väterlicher oder mütterlicher Seite einmal begangen ist, anzu- 
hängen suchen, an Lysias dachte, dessen Synegorien gegen Ald- 
biades er, wie wir oben gesehen haben, sicher gelesen hatte.**) 
Ebenso kann es wohl nicht fehlen, dass er Isokrates mit im 
Auge haben musste, wenn er sagt, dass man nach dem Geschwätz 
der alten Weiber die Schlechtigkeit fliehen und die Tugend suchen 
müsse, damit man nicht für schlecht und damit man für gut ge- 
halten werde.***) Denn das war ja das Einzige, was Isokrates 
zur Empfehlung der Tugend zu sagen wusste, deren inneren 
Werth er nicht begriff. 



*) Von Diogenes hat Diog. L. VI. 53 das "Wort aufbewahrt: t^cL 
netfiLV fiev xai xva&av oqoj * rQans^i&Tfjra de xal xva&oTf^a avda/uae, Vorauf 
Flaton: xara Xoyov' o^d'aXfiovi fiev yoQ k'xeis' (^ SeT^neZovfje xalicva&on^ 
ßXsTferai, vovv ovx i'xeis* 

**) Theaet. MS D i^ ri rt^ xaxov itsxw ix n^oyovetp yiyavoe § 7t^ 
avB^mv rj yvvaixwv. Lysias: In Alcibia.d. I. 24 xal rovs TtQoyovov^ avron^ 
noXkatv xaxmv airiovs yayevi^fjuvovi, 

***) Theaet. 176 B. Der Ausdrück „altes "Weib" passt vortrefflieh 
auf Isokrates, da ihm, wie er selbst klagt, der männliche Muth fehlte and 
da er beträchtlich älter als Flaton und durch Wohlleben verweiohlioht und 
weibisch es auch immer nur auf das Flaire wie die Weiber absah. 



347 



§ 5. Menon. 

Dem Menon musste ich in meinen „Liter. Kritik der 
Fehden^ die Stelle zwischen Theaitetos und Fhaidros ArguiMnte 
anweisen. Jetzt versucht aber Chiappelli (Le cwtppe»»'«- 
Ecdesiazuse di Aristofane e la Bepubblica di Piatone 1882, 
Torino, Loescher, p. 93) ihn yier Jahre früher anzusetzen. Dass 
dies unmöglich ist, sieht man schon einfach aus der dramatischen 
Form der Dialektik, die erst seit Theaitetos bei Piaton Stil 
wird. Prüft man nun Chiappelli's Gründe, so findet sich dem- 
entsprechend auch nichts Stichhaltiges. 

1. Der Pluto des Aristophanes soll v. 362 auf Platon's 
Phaidon p. 89 E anspielen. Nun war mir die Erwähnung des 
Namens Piaton beim Scholiasten zwar nicht entgangen; ich 
glaubte aber daraus keinen Nutzen ziehen zu können, weil 
der Scholiast die Stelle des Phaidon aus einem blos gram- 
matischen oder lexikologischen Interesse anzieht, um 
die Metapher vyiig zu erklären. Diese Metapher ist nicht un- 
wichtig und von mir (Neue Studien HI, p. 189) bei Piaton, 
Aristoteles und im neuen Testament verfolgt. Bei Aristophanes 
findet sich aber nur das gleichlautende Wort vyiig und sonst 
keine Spur von dem Inhalte des Bäsonnements im Phaidon. 
Also kann nicht füglich von einer Anspielung des Aristophanes 
auf diesen Dialog die Bede sein ; man dürfte sonst mit demselben 
Recht auch eine Anspielung des Apostels Paulus auf Aristophanes 
annehmen. 

2. Femer meint Chiappelli, dass im Menon p. 7 1 E die politische 
Mission der Frauen noch nicht erkannt wäre, sondern Piaton 
noch auf Sokratischem Standpunkte stände, weil es dort hiesse, 
die Tugend der Frau bestände darin, das Haus gut zu ver- 
walten und dem Manne gehorsam zu sein. Allein Chiappelli 
übersieht, dass Piaton blos den Menon persiffiirt, der es ganz 
leicht findet, das Wesen der Tugend zu definiren, und immer 
sagt: ov xaXeTtov duX^uVy oi %ci^7tov ÜTteiv, ^diov, ovn cLTtoqia 
dftävy indem er dabei die ganz ordinären Vorstellungen ableiert 
und Tugenden in Masse anbietet, so dass Sokrates diesen 
„Bienenschwarm^ {af^ijvog) von Tugenden abwehren muss und 
den Menon in wirkliche Verlegenheit bringt, da er ihn zum Ge- 
ständniss zwingt, dass er das Wesen der Tugend selbst nicht 
definiren kann. Es ist daher nicht daran zu denken, dass 



346 . 

Platon für die Behauptungen, die er einem satirisch behandelten 
Schüler des Gorgias in den Mund legt, selbst yerantwortlich 
gemacht werden dürfte. Man könnte höchstens umgekehrt, 
wenn man durchaus aus dieser Stelle etwas folgern will, 
schliessen, dass Platon einen Vertreter der herkömmlichen und 
seinem Ideal entgegengesetzten Auffassung lächerlich gemacht 
habe, indem er dessen Unfähigkeit, die wissenschaftliche Er- 
örterung dieser Fragen zu begreifen, darlegt. 

3. Was endlich den Ismenias betrifft, so scheint mir Chiap- 
pelli zu irren, wenn er die Erinnerung an dessen Bereicherung 
auf einen Moment beschränkt glaubt. So lange dieser Oligarch 
lebte und von seinem Gelde Gebrauch machte, so lange trifft 
auch die Anspielung darauf. Darum habe ich auf das Todes- 
jahr des Ismenias (383 a. Chr.) wohl Bedacht genommen bei der 
chronologischen Fixirung des Menon und sehe bis jetzt keinen 
Grund, um von der Datirung zurückzugehen. 

4. Nur die längst bemerkte Stelle im Phaidon, p. 72 E, 
bietet wirklich eine Schwierigkeit, da sie den Schein einer An- 
spielung hervorruft. Man darf sich aber in der Anerkennung 
eines solchen Fundes nicht übereilen; denn obwohl man sich 
immer darauf berufen hat, um die Priorität des Menon zu be- 
haupten, so giebt es doch Gründe genug, welche von der Auf- 
hebung dieses Schatzes zurückhalten. Es fallt mir zwar nicht 
ein, mit blossen Hypothesen zu operiren und, weil bei Aristoteles 
in grosser Menge Wechselcitate vorkommen und auch Platon, 
wie berichtet wird, im Alter noch an seinen früheren Schriften 
feilte, anzunehmen, dass bei einer späteren Ausgabe des Phaidon 
eine Beziehung auf den Menon eingeschaltet wäre, denn ich 
glaube vielmehr zeigen zu können, dass gar keine Anspielung 
auf den Menon vorliegt. Eine Citation müsste so individuell 
specialisirt sein, dass man an nichts Anderes als an den Menon 
denken könnte; wie z. B. der Farmenides in Erinnerung ge- 
bracht wird an der Stelle des Sophistes, wo Sokrates erzählt, 
wie er als junger Mann bei einem Gespräch des Parmenides 
zugegen gewesen sei. Bier im Phaidon wird aber blos auf 
ein Bäsonnement verwiesen, das Sokrates häufig vorzu- 
tragen pflege (72 E ov (Xoyov) av eYibd-ag S-apia Xiyuv). 
Mithin muss, da die Schule, nach meiner Datirung des Menon, 
schon etwa vier Jahre lang im Gange war, an häufig wieder- 
kehrende mündliche Vorträge gedacht werden. Ein solches 



349 

Räsonnement mit einem ausführlichen mathematischen Beispiel 
passte aber nicht in den Ton und die Stimmung des Phaidon, 
weshalb es Piaton sich vorbehalten konnte, darauf einmal zurück- 
zukommen. Eine passende Gelegenheit bot sich erst nach dem 
Theaitetos als Ergänzung fiir die dort aufgeworfene Frage nach 
dem Ursprünge unserer Erkenntniss. Endlich ist die Un- 
sterblichkeitslehre im Menon auch schon von der verhüllt per- 
sönlichen Form, die sie im Phaidon hat, ganz abgelöst, da es 
sich im Menon nur um die Wahrheit handelt > die. dem Wesen 
der Seele als solcher zukommt, abgesehen von ihrer Erscheinung 
in einem Menschen.*) Es ist also der Sinn der Unsterblichkeits- 
beweise des Phaidon hier im Menon klarer ausgesprochen, so 
dass selbst ein Panaitios daran keinen Anstoss nehmen konnte. 

Nachweis einer Anspielung auf den Theaitetos. 

Dies sind genügende Gründe, um an die Priorität des Menon 
vor dem Phaidon nicht zu glauben. Dazu kommt nun noch, 
dass auch eine Anspielung auf Demokrit im Menon vorzu- 
kommen scheint, um derentwillen man diesen Dialog erst nach 
dem Theaitetos**) ansetzen dürfte; denn die Definition der 
Farbe ist doch ganz nach Demokrit.***) Ich habe unter dem 
Text die vier Termini beispielsweise aus den Demokritischen 
Fragmenten belegt, und es kann Niemandem überhaupt, der 
sich mit Demokrit beschäftigt hat, zweifelhaft sein, dass diese 
Auffassung der Farbe in seinem Sinne und in seinen Ausdrücken 
abgegeben ist. Der Grund, welcher die Beziehung versteckt, 
liegt blos in Platon's Zurückführung der Definition auf Empe- 
dokles. Wenn Piaton die Definition aber theatralisch («rgay^x?;) 
nennt und man deshalb an die Epen des Empedokles zu denken 
geneigt war, so darf man doch nicht vergessen, dass Piaton 
überhaupt die Auffassung seiner Gegner immer auf 

*) Menon p. 86 A ovoccmv ovros yiifTxiv o XQovoe, ot^ ovxt]v av'd'^o>7t09\ 

NaC. Ovxdvv ei asi 17 aXi^d'sta ij/uv xatv oprcav iarlv iv tJ V^'^XV > 

a&dvaros av rj yrü^ri Birj. 
**) Theait. p. 166 A. 
***) Menon p. 76 D i'ffri ya^ Jf(>oa anoQQori a;|ff7/«aTöM' orpei avfifiergos xtd 
ata&rjxos. Fragm. Democrit. (Mullach p. 361 b.) 23. ov fir}v al^ manaq xai 
ra aXla, xtd ravra (sc, t« aia&rjrd) avarid^ai roU O'jfij/Mao'*«'. — to 8* eis 
fUM^ 8iaP8V8/irj/uvov avaiixd'ijrov slvcu, — p. 359 b. 13. aTtavrog yaQ ad 
yU'ead'al rtva ano^^oi^v. — p. 361 a. 19 ffv/i/isrgiog ixovffijs r^ff y^XV^ 
fiera xriv xivrjixiv, 363. b. 13. ro fuv ow Xevxov ix rotovrofv etvtu axtlpoixatv* 



360 

frühere Vorbilder und Lehrer zurückführt^ wie Anti- 
sthenes auf Protagoras und diesen auf Heraklit. Mit einer Er- 
klärung von Seiten des alten Empedokles konnte Sokrates auch 
kaum den grossen Beifall (agiatal) Menon's gewinnen; es muss 
sich daher, wie mir scheint, um etwas Neues handeln'*'), das 
aber von Piaton in die Gattung der Gorgianischen und 
Empedokleischen Naturauffasung (xcera Fo^lcfv, not 
^Ef^TtedoiiXiaj ycara awfi&eiav) eingereiht und als theatralisch 
oder poetisch seiner eigenen besseren Definitionsweise {äJiX 
ineivr^ ßelTiwv) untergeordnet wird.**) Neu war in dieser Zeit, 
wie es scheint, nur Demokrit, der begreiflicher "Weise in den 
Ejreisen, welche, wie Piaton sagt, in die Fussstapfen des Gorgias 
und Empedokles traten, als ein verwandter Geist besondere 
Anerkennung finden musste. 

Um dies nun noch weiter zu verfolgen, wollen wir einmal 
die an Menon gerichteten, seltsamen Worte des Sokrates über- 
legen, die von allen Erklärem, soviel ich sehe, übergangen sind: 
„Ich glaube, auch Dir würde es so scheinen, wenn Du nicht, 
wie Du gestern sagtest, vor den Mysterien hättest weggehen 
müssen, sondern geblieben und eingeweiht wärest."***) Da 
nämlich Menon als Gesprächsfigur sonst in keinem Dialoge vor- 
kommt, so kann sich auch natürlich bei Piaton keine Stelle fin- 
den, wo ein Menon dies gesagt hätte, und mithin muss uns diese 
Aeusserung des Sokrates in hohem Masse befremden; denn es 
wird durch solche Stilwidrigkeit Alles umgeworfen, was man 
früher über Platonische Kunst zum Besten gab. Von meinem 



*) Dies scheint auch Schleiermacher gemerkt zu haben, wenn er 
sagt (Anm. S. 524): „Dass die Erklärung übrigens den Principien des 
Empedokles gemäss ist, leidet keinen Zweifel; ebenso gewiss aber kann 
man aus der ganzen Art, wie Piaton sie aufstellt und einige Eitelkeit 
damit treibt, den Schluss machen, dass sie nicht sowohl wörtlich aus dem 
Empedokles genommen ist, als vielmehr das von ihm Gesagte er- 
gänzt und weiter verfolgt. Wie denn schulgerechte Er- 
klärungen überall nicht im Empedokles zu suchen sind.*' 

**) Wiefern Flaton, als er sechszehn Jahre etwa später den Timaeus 
schrieb, sich selbst genöthigt sah (p. 67. G ff.)> ^^^^ ähnliche Erklämng 
vorzutragen, das erfordert eine neue Untersuchung über seine ganze 
Physik. 

"***) Menon p. 76 E ol/iai 8e ovS* av aoi Bo^tu, ei fii^, aana^ x^is ^y^ 
avayxalop coi amepai tc^o rofv ftvarij^icov, oXSl §i jfe^fuivate va ntd 
fivrid'eirie. 



— - - 

Standpunkte aber nimmt sich die Sache anders aus. Weil 
nämlich die Worte des Sokrates auch mit dem G-ange der 
Argumentation nichts zu thun haben, so muss darin eine 
dem Kunstcharakter der Platonischen Dialoge*), wie ich ihn 
wenigstens bestimme, durchaus angemessene Farabase liegen, 
d. h. Piaton muss sich mit diesen Worten direct an den wirklichen 
und nicht fingirten jungen Thessalier wenden, an den der Dialog 
offenbar adressirt ist. Dieser muss gewissen Erörterungen, die 
Piaton in der Schule mündlich oder in einem seiner Dialoge ge- 
macht hatte, nicht beigewohnt haben.'*''*') Ich möchte es aber 
auch für stilwidrig halten, wenn Piaton in einer Schrift blos 
an mündliche Erörterungen erinnert hätte, die anderen Lesern 
nicht zugänglich wären; deshalb vermuthe ich eine Beziehung 
auf eine frühere Schrift. Da liegt nun nach meiner Anordnung 
der Theätet chronologisch am nächsten. Weiche Stelle aber kann 
gemeint sein? Offenbar die, wo Piaton die Demokriteer behan- 
delt. Also p. 156 ff. Denn hier wird ja diese ganze Demo- 
kriteische Art der Naturphilosophie deutlich charak- 
terisirt und als eine untergeordnete Erklärungsweise bezeichnet^ 
so dass Menon, wenn er dies gelesen hätte, die im Empedo- 



*) Man hat durch meine Definition dieses Kunstoharakters (welche 
überhaupt die erste Definition ^desselben ist, da man bisher wohl viel 
darüber geredet, aber nichts definirt hat) eine unerschöpfliche Quelle einer 
feineren historischen und individuellen Interpretation gewonnen. Ein Bei- 
spiel, das mir unter den vielen gerade einfällt, zurlllustrirung! Im Char- 
mides widerlegt Piaton die philosophisch unbehilfliche Meinung Xenophon's, 
als wenn keine Arbeit schimpflich sei (egyov $ov8sv elvat oveiSoe) und sagt 
p. 163' B Oiei ovv avTOV ov8svi atv ovei9og ydvcu elpcu axvToro/idtnni ^ 
T£r^«;if o^roiAov^T« ^ in oixi^fiaTOs xa&rifievqf. Mit diesem Louis im Bordell 
spielt er auf den unglücklichen Phaidon an, der aus einem edlen Geschlecht 
stammte, aber nach der Eroberung von Elis zu einer so schimpflichen 
Arbeit gezwungen wurde. C£ Diog. L. II. 105 r^vapcda'd'ri atrivai hi 
oixrjfiaros. Er wurde durch Platon's Freunde befreit 

**) Ich möchte hier eine Bemerkung von Bergk citiren, die zwar für 
das, was er dort im Sinne hat, völlig verfehlt ist (nämlich die Beziehung 
des Theätet auf den früheren Phaidrosj, allgemein genommen aber wohl 
zu beachten ist: (Fünf Abhandl. zur griech. Phil.j herausgb. v. G. Hinrichs, 
S. 22. A. 1.) „So viel ich sehe, bezieht sich Piaton in der E.egel auf münd- 
liche Verhandlungen mit den Schülern {awavciai). Man darf nicht ver- 
gessen, dass Platon's Dialoge zunächst für den Kreis der Schüler 
bestimmt waren. ** 



36a 

kleischen Stile gegebene Definition der Farbe nicht mehr be* 
wundert haben würde.*) 

Die sachliche Beziehung ist hierdurch also nachgewiesen. 
Aber vielleicht will die alte Gewöhnung an die Meinung, der 
Dialog sei womöglich schon im fünften Jahrhundert geschrieben, 
nicht recht weichen. Wenn aber noch ein Kleines hinzukäme 
zu der blos sachlichen Beziehung, die doch schon eine voll- 
kommene üebereinstimmung giebt, nämlich wenn noch durch die 
Form des Ausdrucks die Allusion in die Augen fiele: so 
würden wir dann wohl williger die aufgefundene Beziehuiig beider 
Dialoge gutheissen. Auch dies darf darum als Zugabe zum Beweise 
nicht verweigert werden. Aber woher könnten wir ein solches 
Zeichen entnehmen? Offenbar am Besten aus seltsamen und 
hier unverständlichen Ausdrücken. Dass hier im Menon aber die 
Ausdrücke „Mysterien" {tvqo rciv ixvatfjQiiov) und „Einweihung" 
(fivrjd^eirjg) unverständlich sind, liegt auf der Hand und wird 
noch durch den Verzweifelungscoup der Ausleger bezeugt, die 
in den Mysterien ein Bekenntniss Platon's über seine eigene 
Unklarheit sehen.**) Kaum aber haben* wir uns nun diesen 
Beziehungspunkt festgestellt, so findet sich schon die Coordinate 
im Theaitetos; denn dort sagt Sokrates ja p. 155 E: „schau 
nun sorgfältig nach allen Seiten, dass nicht ein Uneingeweihter 
(rtjv afjLvr^Twv tiq) zuhöre", und gleich darauf p. 156 : „ich will 
Dir von diesen feineren Leuten die Mysterien (ra (ivarriQioL) 
sagen." So giebt also Beides, die Form des Ausdrucks und 
der Inhalt des Gedankens, ein genügendes Zeichen, um die 
kurz vorher (x^^s) geschehene Publication des Theaitetos zu 
diagnosticiren ; denn, wäre Menon von Sokrates in die im 
Theaitetos ausgelegten Mysterien schon eingeweiht, so würde 



*) Menon p. 76 E; Sars aQiaxet trot. Theaet p. 157. C. aQ* riSia Boxet 
aoi elvai, xed yevoto av avrcöv eas aQBaxovroDv, 

**) Susemihl Piaton. Phüos. I. S. 82. »Nur auf die Methode bezieht 
sich zunächst der Ausdruck Mysterien; lassen wir daher den Schriftsteller 
selbst zu uns reden, so lesen wir darin andererseits wiederum das Be- 
kenntniss, das ihm selbst auch in dieser Beziehung keineswegs Alles klar, 
vielmehr auch in dieser Beziehung der Dialog nur vorbereitend und pro- 
pädeutisch ist." Susemihl setzt den Dialog in*8 Jahr 399. Wenn der 
Dialog aber „propädeutisch '^ sein sollte, so ist es etwas wunderlich, dass 
sein Verfasser die Leser für eine Erkenntniss vorbereitet, die ihm selbst 
noch keineswegs klar ist. 



353 

ihm die theatralische*) Definition der Farbe nicht mehr gefallen 
haben. Piaton will also sagen, dass wer seinen jüngst erschienenen 
Theaitetos gelesen hätte, die jetzt viel gerühmte Weisheit der 
Thessalischen Sophisten nicht mehr bewundern, sondern die viel 
strengere und bessere Methode seiner Schule vorziehen würde. 
Nun kennt man zwar das Todesjahr des Gorgias nicht, da 
er aber (nach ApoUodor) ein Alter von 109 Jahren erreicht haben 
soll, so kann er sehr wohl zur Zeit der Abfassung des Menon- 
dialogs noch in Larissa gelebt haben. Wäre es richtig, dass 
er auch den Gorgiasdialog noch gelesen hätte, so müsste er 
sogar im Jahre 375 noch am Leben gewesen sein, was denn 
auch freilich mit den chronologischen Berechnungen (Frei) über- 
einstimmt. Dies hat für uns eine gewisse Wichtigkeit, weil es 
sich dadurch erklärt, dass um den fast fürstlich lebenden Sophisten 
in Larissa sich eine ansehnliche Menge von Schülern und ab- 
hängigen Gelehrten sammelte, so dass Piaton zu der Aeusserung 
kommen konnte, es herrsche jetzt (im Jahre 383) gleichsam 
eine Zeit der Dürre {avxfiog tig trjg aocpiag) in Athen und die 
Weisheit sei nach Thessalien gewandert. Wenn Piaton dies 
auch in so fem gewiss nur ironisch meinte, weil er jene angeb- 
liche Weisheit nur als eine Scheinweisheit betrachtete und seine 
etwa vier Jahre vorher begründete Schule dadurch nur in Relief 
setzen wollte, dass er im Menon einen Schüler des Gorgias zum 
Bekenntniss des Nichtantwortenkönnens und Nichtwissens zwingt: 
so musste doch nach der allgemeinen Ansicht der Zeitgenossen 

*) Der Ausdruck r^ayucri bezieht sich darauf, dass bei Demokrit Alles 
dramatisch durch Bewegung erklärt, das ruhige Sein der Qualität 
aber übergangen wird. Denn wo Alles auf Stoss und Gegenstoss harter 
Körper {axXrj^ovs ye ks'yeig xai avrtrvTtovg av&^mtovg) zurückgeführt werden 
muss, da kann von Dialektik und also auch von einer Erklärung der 
„Figur", wie sie Piaton gab, nicht die Rede sein. Umgekehrt muss aber 
die Einsicht in die Mathematik und Dialektik die dramatischen Erklärungs- 
weisen der Atomisten als komisch erscheinen lassen. Von einem höheren 
Standpunkte als dem Platonischen wird man freilich die Sache wieder 
anders beurtheilen; denn sobald man eingesehen hat, dass Raum und Be- 
wegung überhaupt nur eine perspectivische Auffassung ist und dass unsere 
ganze Naturwissenschaft, welche durchaus ähnlich wie Demokrit Alles zu 
erklären sucht, nur eine Symbolik und Semiotik von der Sphäre des 
Gesichtssinnes aus enthält: so kann man ohne Beeinträchtigung der 
Wahrheit die Demokritische und moderne Naturforschung anerkennen und 
die nothwendige Einseitigkeit und Verlegenheit des Piatonismus zugestehen. 
(Vergl. dazu meine „Wirkl. und scheinbare Welt" S. 319 ff.) 

23 



354 

damals wirklich in Thessalien ein glänzendes literarisches Treiben 
stattfinden, und dies steht auch mit dem politischen Aufschwung 
Thessaliens unter Jason in natürlicher Uebereinstimmung. Wir 
brauchen uns deshalb nicht zu wundern, dass in dieser 
Zeit grade der Menon und später auch noch der Georgias gegen 
die Thessalische Weisheit gerichtet wurden, da ja noch ein paar 
Jahre nach der Abfassung des Gorgias der Thessalische Jason 
einen solchen Einfluss auf die Athenischen Richter übte, dass 
sie bei seinem persönlichen Erscheinen in Athen auf sein 
Zeugniss hin den Timotheus gleich freisprachen. Auch der 
Sophist Polykrates, von dem gleich die Rede sein wird, soll ja 
versucht haben, in Thessalien Fuss zu fassen, was ihm aber 
wegen der Uebermacht des Gorgias nicht gelang. 

Sehr interessant ist noch ein Zeichen. Piaton hatte sich 
nämlich in den früheren Dialogen ohne Weiteres als einen gött- 
lichen Mann (d-eXog) bezeichnet. Das musste Neid und Erbitte- 
rung hervorrufen und konnte ihm eine Klage wegen Gottlosigkeit 
zuziehen. Es scheint aber, als wenn man gerichtlich gegen ihn 
nicht vorgegangen sei, sondern nur mit solchen Schritten gedroht 
habe.*) Piaton findet nun für gut, seine Gegner zu persiffliren. 
Er zwingt den Menon durch Consequenzeu dazu, die xQ^fit^V^^^ 
und d^eofiavTsig und ebenso die Dichter alle und die Staatsmänner 
für göttliche Männer {d^eloi) zu erklären, obgleich sie nichts von 
dem wissen, was sie verkünden, und führt auch die Weiber 
und die Lakonier an, die jeden guten Mann göttlich {d-etog avriq) 
nennen. In dem begleitenden Nachweis ihrer Unwissenheit liegt 
die Ironie Platon's, und er lässt deshalb den Menon auch be- 
merken, dass sein Anytos ihm dies wieder sehr übel nehmen 
würde. Wer dieser Anytos, dieser Ankläger Platon's, war, ob 
Isokrates oder Polykrates oder noch ein anderer, lasse ich hier 
unerörtert. 

§ 6. Euthyphron. 

Auf die nähere Erforschung der äusseren Beziehungen dieses 
Dialogs zu bestimmten Erscheinungen in der Literatur und be- 
stimmten Ereignissen aus Platon's Leben gedenke ich bei einer 



*) Menon p. 94 E. iv alkri noXei ^q^iov iari aaxm noieiv av&^canovg ? 
ev, iv TTjSe (Athen) 8e xal ndw. 



355 

anderen Gelegenheit einzugehen; hier kann es uns genügen, seine 
Stelle in der Reihe der Dialoge anzugeben. 

Zuerst ist schon durch die in dem Dialog zu Tage tretende 
ausgebildete Logik klar, dass derselbe einer späteren Zeit 
angehört und die Praxis der Schule, also die ruhige Thätigkeit 
in der Akademie, voraussetzt. Dieses Zeichen liesse sich leicht 
durch Eingehen auf die einzelnen logischen Bestimmungen fest 
formuliren; doch ist für die Chronologie auf solche innere und 
daher nicht apodiktisch beweisende Zeichen kaum in erster Linie 
zu achten; aber sie sind gut zur Confirmation zu gebrauchen. 

Als äusseres Zeichen dient nun erstens die Anknüpfung 
des Dialogs an den Schluss des Theaitetos; denn durch die Be- 
ziehung auf die Anklage des Sokrates werden einige Dia- 
loge äusserlich aneinandergereiht in folgender Ordnung: Theaitetos, 
Menon, Euthyphron, Apologie.*) 

Dass der Dialog später als der Theaitetos geschrieben ist, 
versteht sich auch schon von selbst, sobald man nur die drama- 
tische Form der Dialektik beachtet, die erst seit dem Theai- 
tetos für Piaton Stilgesetz wird; dass er aber auch später als 
der Menon verfasst wurde, das brauchen wir nicht weiter zu 
suchen, da Steinhart ein genügendes äusseres Kriterium aufge- 
zeigt hat. Der Euthyphron spielt nämlich p. 11 C und 15 B 
auf das von Piaton im Menon p. 97 D wunderhübsch durch- 

*) Es ist nicht leicht, die Apologie chronologisch zu bestimmen; 
denn es giebt Zeichen, die bald hierhin, bald dahin deuten. Gleichwohl 
lässt sich eine ungefähre Coordination auffinden. Nachdem nämlich Poly- 
krates seine Kunst, jede beliebige Sache zu verdrehen, an den Tag gelegt 
und eine Anklage des Sokrates geschrieben hatte, wurde er von Isokrates 
im Busiris zurechtgewiesen. Diese Isokrateische Rede zeigte uns aber 
deutlich die Zeit, da sie auf den Staat des Piaton zurückblickt und das 
Symposion noch nicht kennt, also vor 385 a. Chr. verfasst sein muss. Es 
ist nun wahrscheinlich, dass Lysias aus diesen Verhandlungen den 
Anstoss empfing, um seine Vertheidigung des Sokrates zu schreiben oder 
zu veröffentlichen; es ist aber einleuchtend, dass die Auffassung des Lysias 
dem Piaton nicht blos unsympathisch sein, sondern als gemein erscheinen 
musste. Und wenn man bedenkt, dass es sich bei diesem Anlass immer 
indirect auch um die Akademie handelte, die dem Sokrates zur Auf- 
erstehung verhelfen hatte und den Eednern ein Dorn im Auge war, weil sie 
ihnen manchen Schüler entzog: so begreift sich, dass Pia ton eine Apologie 
in seinem Stile ihnen entgegensetzen wollte. — Die Zeit nun, wann er 
die Apologie geschrieben, will ich nicht bestimmen, doch scheint mir, dass 
die darauf im Voraus hinweisenden Dialoge früher verfasst sein müssen. 

23* 



356 

geführte Bild von den dädalischen Maschinen an^ wodurch 
Piaton den Unterschied zwischen Orthodoxie und Wissenschaft 
erläutert hatte. 

Leber die angeblich propädeutische Bedeutung des Dialogs, 
die man aus der mangelnden Auflösung des Problems ableitete, 
und über die anderen subjectiven Gesichtspunkte, nach denen 
man den Dialog zu den früheren Arbeiten rechnete, braucht 
man jetzt wohl kein Wort mehr zu verlieren. Der Dialog ist 
ja sichtlich eine Recension und kritisirt fremde Auffassungen 
der Religiosität, die als haltlos nachgewiesen werden. 

§ 7. Phaidros. 

Die Zeitbestimmung des Phaidros habe ich in meinen Litera- 
rischen Fehden I gegeben. Dagegen ist auch nicht ein nennens- 
werther Grund geltend gemacht; wohl aber wurde von den mit 
der Piatonforschung beschäftigten Gelehrten vielfache Zustimmung 
auch öffentlich an den Tag gelegt. So führe ich namentlich 
Tocco und Tanne ry*) an. Ebenso H. v. Kleist.**) Be- 
merkenswerth ist auch^ dass Dittenberger durch seine sprach- 
lichen Kriterien ungefähr zu demselben Resultate kam. Eine 
sehr erwünschte Zustimmung wurde mir erst während des Druckes 
dieser neuen Arbeit bekannt. Ich meine das Urtheil von Blass 
in dem Jahresbericht über die Attischen Redner.***) 

Die vielen weiteren Beweise, die ich in diesem Buche ge- 
geben, aufzuzählen erlasse ich mir. Wer die Indicien für jeden 
Dialog zusammenstellen will, findet durch den Index eine genügende 
und bequeme Handhabe. 



*) lieber Tocco vergl. oben S. 17 A. 1. Tannery in der Revue 
Philosoph. Janv. 1882, p. 92. 

♦*) Philos. Monatshefte von Ascherson und Schaarschmidt XX. 1, S. 48: 
„Vieles (ich hebe nur die Polemik gegen Üsener in Betreff der Abfaasungs- 
zeit des Phaedrus hervor) wird sich unfraglich auch vielseitiger unmittel- 
barer Zustimmung erfreuen." 

***) Jahresber. d. Alterthumswiss. (Bursian) Iw. Müller 1882, S. 234: 
„Das dritte Capitel handelt über den Phaidros, den Teichmüller nach 
Isokrates' Panegyrikos ansetzt, also in dieselbe Zeit wie Dittenberger, wie- 
wohl nicht aus denselben Gründen. Auch Referent (Blass) kann diese 
Auffassung sich aneignen, ebenso wie Teichmüller' sAnsetzung des „ Staats*' 
und Anderes." 



357 

§ 8. Gorgias, Timaios, Philebos. 

Den Gorgias habe ich oben S. 18 f. ungefähr um 375 v. Chr. 
angesetzt mit Beziehung auf den Nikokles des Isokrates. Die 
genauere Darlegung verspare ich mir für eine andere Gelegenheit. 

Dass der Timaios später als der Phaidros geschrieben ist, 
wird wohl nicht bezweifelt. Doch ist es gut, daran zu erinnern, 
dass Timaios 41 A, B und 46 D, E sich auf den Phaidros be- 
zieht. Der Timaios verlangt nach vielen Seiten eine neue 
Untersuchung. 

Ob der Philebos nicht schon in die dritte Periode gehört 
und in welches Jahr er zu setzen sei, will ich ein andermal ver- 
suchen zu bestimmen. Hier bemerke ich nur, dass er den Gorgias 
voraussetzt. Als Judicium führe ich vorläufig nur an: Gorgias 
494 C tpwQcjvra y.al y.vT]aiwvTa und Philebos 46 A ra Trjg xpojQag 
iaaeig t(^ tgißeiv y,at oaa TOLavra. Die Anspielungen auf die 
Autoren aber verfolge ich hier nicht mehr. 



Dritte Periode- 



Die Aristotelische Zeit. 

Da Aristoteles aller Wahrsclieinliclikeit nach schon als wohl- 
geschulter und frühreifer Mann in die Akademie eintrat, so 
müssen wir, seiner grossen und eigenartigen geistigen Begabung 
entsprechend, auch eine beträchtliche von ihm ausgehende Wirkung 
auf Piaton erwarten. Nun kennen wir aber durch die grosse 
Zahl der uns erhaltenen Werke seinen Charakter und seine 
wissenschaftlichen Eigenschaften auf das Genaueste; es kann 
daher nicht verwundem, dass uns eine Reihe von Platonischen 
Arbeiten in Coordination mit seinen Forderungen verfasst und so 
zu sagen Aristotelisch gefärbt erschienen. Er brachte in Piaton, 
möchte ich glauben, die dialektische Strenge und die systematische 
Richtung zum Uebergewicht.*) 

Das Nähere zu erörtern muss ich für eine andere Gelegenheit 
versparen. Ich erwähne nur, dass diese dritte Periode der Pla- 
tonischen Schriftstellerei auch durch den Tod des älteren Dio- 
nysios und das zur -Macht -kommen der Philosophie in Syrakus 
eingeleitet wurde. 

1. Parmenides, Sophlstes, Politikos. 

piaton'8 -"-^^ hshe oben zu zeigen versucht, dass Aris- 

studenten in toteles, als er in die Akademie eintrat, sehr gut 
Athen. sofort in Athen eine Rolle spielen konnte. Man 

braucht nur darauf zu achten, wie in unseren kleineren Universitäts- 
städten die Ankunft eines studirenden Prinzen oder eines von 



*) Viele sehr beachtenswerthe Bemerkungen Schaarschmidt's über 
diese spätesten Dialoge, die man früher in die Jugendzeit versetzte, würden 
durch diese neue Betrachtungsweise zu einem anderen Resultate als zar 
I^ptheusis führen^ 



369 

weither kommenden Ausländers sofort bemerkt wird und wie 
auch von der Bürgerschaft jeder gern den seltenen Gast gesehen 
haben will. Wenn wir nun annehmen, dass sich insgemein die 
Akademiker, d. h. die Studenten Platon's, auch äusserlich durch 
ihre Haltung vor den übrigen Bürgern auszeichneten, so wird 
um so eher ein so ausgezeichneter Fremder, wie Aristoteles, be- 
achtet sein können, vorzüglich wenn Piaton selbst ihm durch 
eine Schrift ein Relief gab. 

Dass die Akademiker aber auch eine solche äusserliche 
RoUe spielten, wie ich als natürlich annahm, wird uns überdies 
durch die gleichzeitige Komödie noch ausdrücklich kundgethan, 
und zwar ist es Ephippos, dessen Verse darüber glücklich er- 
halten sind.*) Er schildert uns einen unter Piaton studirenden, 
natürlich klugen {evoroxog) jungen Mann aus der Akademie, der 
durch Geldverlegenheit genöthigt gewesen sei, wie Bryson und 
Thrasymachus, Honorar für seinen Unterricht zu nehmen, wobei 
also zugleich angedeutet wird, dass dies bei den Akademikern 
eine Ausnahme war. Bei der Beschreibung geht der Komiker 
genau den ganzen Anzug durch, der das offenbare Widerspiel 
zu der vernachlässigten äusseren Haltung der cynischen Anhänger 
des Antisthenes bildet. Er trägt die Haare wohl vom Friseur 
beschnitten, den Bart voll und nicht zerfasert, die Sandalen mit 
coquetter Sorgfalt ebenmässig am Schienbein befestigt, die luxu- 
riöse Chlanis reichlich (ohne Knappheit des Stoffes) um die 
Brust geworfen, und steht in würdevoller Haltung auf den Stock 
gestützt, indem er immer nur wohlüberdachte Dinge vorbringen 
kann. — Wer möchte leugnen, dass der Komiker eine solche 
Beschreibung der Studenten oder Privatdocenten und Magister 
Platon's nicht machen durfte, wenn nicht jeder Zuschauer im 
Theater die Originale genau gekannt hätte und wenn nicht über- 
haupt die Aufmerksamkeit der Bürgerschaft auf die Akademie 
und ihre Angehörigen gerichtet gewesen wäre, deren feinen und 
aristokratischen Ton man genau von den Kreisen der übrigen 
öffentlichen Lehrer unterschied.**) 



*) Fragm. Comic. (Hunzicker), p. 494. 
**) Wenn diese Schilderung und demgemäss auch die Tracht der 
Schüler eine Copie von Platon's Tracht und Auftreten selbst gewesen sein 
sollte, so wäre darin für die Archaiologen ein Indicium für die Kritik der 
Platonischen Büsten gegeben. Bei dem arofiov des Bartes denke ich an 
die Büste Piaton -Dionysos. 



360 

Ueber die Datirung des Parmenides habe ich schon oben 
S. 23 ff. gesprochen. Ich erwähne hier noch, dass der Timaios, 
wie ich schon in meiner Metaphysik S. 234 bemerkte, bei der 
Erörterung des Begriffs der Zeit eine spätere Untersuchung ver- 
spricht (38 B), die wir im Parmenides (151 E bis 157 B) 
vorfinden. Es folgt daraus von selbst die Priorität des 
Timaios. 

Dass der Sophistes dem Parmenides nachfolgt, habe ich 
oben S. 23 auch schon flüchtig angedeutet, und dass der 
Politikos wiederum auf den Sophistes folgt, scheint unbestritten. 
Die nähere chronologische Bestimmung des Politikos ist von dem 
grössten Interesse, weil sie uns mitten in die Ereignisse von 
Syrakus und Platon's Stellung dazu hineinführt; denn nicht nur 
seine neue Ansicht von dem persönlichen Regiment und den Ge- 
setzen, sondern auch seine wunderbare Lehre von den periodischen 
Rückschlägen in der Weltentwickelung müssen durch seine persön- 
lichen Erlebnisse erklärt werden. Doch von all diesem möchte 
ich ein andermal genauer meine Auffassung darlegen. 

piatonerkittrung ^^^ richtige Verständniss dieser Dialoge, in 

der denen die Platonische Dialektik meistens ohne Be- 

Hinkenden. nutzung dcs mythischen Ausdrucks vorgetragen 
wird, hat dadurch viel Hinderniss gelitten, weil man seit langer 
Zeit schon das Princip der Platonischen Philosophie in die 
Ideen setzte. Piaton selbst aber bezeichnet an mehreren Stellen 
eine solche Erklärung der Welt als ein Hinken; denn da die 
Welt überall, wo wir sie im Einzelnen oder im Ganzen auffassen, 
ein bewegliches und ein feststehendes Element zeigt, welche in 
Eins zusammengewachsen sind : so muss auf einem Beine hüpfen, 
wer blos mit dem feststehenden Elemente der Ideen auszukommen 
gedenkt. Da ich dies schon in meinen Studien z. Gesch. d. 
Begr., in der Platon-Frage und an anderen Stellen hinlänglich 
erörtert habe, so will ich hier nur darauf aufmerksam machen, 
dass auch hervorragende Piatonforscher meinen eindringlichen 
Worten ihr Ohr noch nicht geliehen haben und deshalb, blos 
mit dem starren Ideenelement ausgerüstet, nothwendig in der 
beweglichen Platonischen Welt recht häufig anstossen müssen. 
Um dies zu exemplificiren, führe ich an, dass selbst Ditten- 
berger sich durch die traditionelle zu grosse Beachtung der 
ganz unphilosophischen Zeller'schen Darstellung Platon's zu der 
Aeusserung verleiten liess; dass „die iiörj den Grundstein und 



361 

Mittelpunkt des ganzen philosophischen Systems Platon's aus- 
machten". *) Bei einer solchen bildlichen Ausdrucksweise bleibt 
freilich immer die Möglichkeit, die übrigen principiellen Elemente 
hinzuzunehmen; denn ein Grundstein ist doch recht wenig 
und für den Begriff der Ideen jedenfalls zu wenig; da man 
nicht einmal den Bauriss und die ganze Form des Gebäudes 
aus dem blossen Grundstein erklären kann, geschweige dass 
dadurch das übrige Material zur Aufführung eines wirklich 
brauchbaren Gebäudes geliefert würde. Und die Welt ist doch 
wohl ein solches bewohnbares und brauchbares Gebäude, dessen 
Architektur der Philosoph analysiren soll. Ein Mittelpunkt ist 
vielleicht noch weniger, da es sowohl für ein Dreieck als für 
einen Kreis einen Mittelpunkt giebt, und mithin durch den blossen 
Mittelpunkt über die bestimmte Form oder gar über die mate- 
rielle und wirkliche Beschaffenheit des Gegenstandes nichts aus- 
gemacht wird. Aber wenn man auch die Kruste der Metapher 
zerbricht und blos auf das tertium comparationis achtet, so 
gewinnt man doch nichts Tröstliches ; denn auf den Ideen allein 
ruht die Welt nicht, da nur ihre formale Seite dahin tendirt. 
Wenn die materielle, bewegliche und die Vielheit bedingende Seite 
nicht auch einen Stützpunkt findet, so bürge ich nicht dafür, 
dass die Welt nicht, wenn man sie blos auf die Ideen stüzt, 
umschlägt und in kreisender Bewegung herabstürzt. Eben so wenig 
nützt der Mittelpunkt; denn der einheitliche Beziehungs- 
punkt wird nicht durch das Heer der Ideen, sondern nur 
durch die Eine Idee des Guten geboten, und da es dem Guten 
an nichts gebricht, so darf darin das Princip der Bewegung 
nicht fehlen. Man sieht also wohl, dass auch Dittenberger viele 
Schwierigkeiten finden würde, wenn er mit dem angenommenen 
Platonischen Princip die Platonische Welt erklären wollte. Ich 
erlaube mir darum, meine Interpretation Platon's in Erinnerung 
zu bringen, um das verbreitete Uebel, welches Piaton das 



*) Dittenberger, Chronolog. d. Piaton. Dialoge, Hermes 1881, 
S. 343: „Selbst aber einmal zugegeben, ausser Pia ton hätten auch die 
Megariker eXdri angenommen, ^äre es dann nicht erst recht seltsam, wenn 
Piaton dieselben ohne Weiteres als „die Ideenfreunde", d. h. „die Anhänger 
der Ideenlehre" bezeichnet hätte, als ob das charakteristische Kennzeichen 
gerade dieser Schule die Ideenlehre wäre, während bei ihm selbst doch die 
eXBri den Grundstein und Mittelpunkt seines ganzen philosophischen Systems 
ausmachten?" 



362 

Hinken in der Philosophie nennt, zu curiren. Die Megariker 
vertreten doch die Richtung des Parmenides, wie allgemein 
überliefert wird. Parmenides aber leugnete die Bewegung, als 
das Nichtseiende und immer Wechselnde und Veränderliche. 
So behielt er nur das Eine, sich immer Gleiche, das Stehende. 
Er bildete mit den Megarikern die araaiakai rov olov. Piaton 
aber wollte mit diesen Einseitigen nicht hinken, sondern forderte 
von Anfang an in der q)vaig beide Elemente, Einheit und Vielheit, 
Sein und Nichtsein, Festigkeit und Bewegung, Identität und 
Veränderung. *) 

Ein anderes Beispiel nehme ich aus einer Aeusserung 
Rohde's**): „Piaton sage mit befremdlichem Ausdruck, dass 
die TtaQaduynata ev rip ovri earaaiv.^ Dieser Ausdruck ist 
nur befremdlich, wenn man die Ideen selbst zum ganzen ov macht, 
was eben nicht die Platonische Lehre ist. Vielleicht hat sich 
Rohde aber an etwas anderem, was ich im Augenblick nicht 
sehe, bei diesem Ausdruck gestossen. Das ganze Sein (6V) ist die 
Natur {cpvoig) oder die Seele der Welt (xpvxfj). und in diesem 
Ganzen stehen ewig fest die Urbilder der Ideen, auf welche 
hinblickend der Philosoph, wenn er sich recht erinnert, zu fester 
Erkenntniss und Wissenschaft kommt.***) In dem Ganzen aber 
ist auch das Element des Unbegrenzten, des Beweglichen und 
im gewissen Sinne Nichtseienden gegeben, ohne welches die 
Ideen todte Schablonen für die ihnen entschlüpften wirklichen 
Dinge wären. Die Ideen werden mit der Vernunft erkannt und 
stehen fest und identisch im Sein; die beweglichen Dinge nehmen 
wir mit der Sinnlichkeit wahr, und das beständig fliessende 
Werden ist ihr Sein als Anderssein. Deshalb sind sie die Ab- 
bilder jener Urbilder. Der Philosoph hat die Ideen in seiner 
Seele, nicht als wenn sie accidentelles Eigentbum der individuellen 
Seele wären, sondern weil sie in der Natur ((pvaiQ) stehen und 



*) Wenn Aristoteles sagt, Piaton hätte die Ideen aufgebracht, so ist 
nichts dagegen einzuwenden; denn derselbe Aristoteles sagt auch, dass 
Piaton den vavs nicht von der Bewegung der Materie getrennt und seiner 
Weltseele also das Schicksal Ixion's zubereitet hätte. 

**) Abfassungsz. d. Theät. N. Jahrb. (Fleckeisen) 1882, S. 89.^ 
♦**) Plat. Staat 484 C ? ov*/ Soxwal zi rvfXwv diafiqeiv oi r^ ovri rov 
ovrog exdffTOv iffrsQTjfievoi rrjs yvtoasmSj xai /itjSev ivagyh iv rfi "^"^XXi 
k'^ovrag naQaBsiy fia^ urjd'i Swdfisvoi äcnsQ y^atpeXe sie to aXr^d'effTarov 
aTtoßXinovreg xtX, 



363 

die individuelle Seele die Parusie der intelligiblen und sensiblen 
Seite der Natur oder des Seins ist. Darum musste Piaton die 
Sinnlichkeit unzertrennlich mit dem Leibe verbinden, 
was die materialistische Seite seines Systems bildet*), und 
darum war das reine Denken ein Sterben als Abtrennung des 
rein Intelligiblen vom Sinnlich -Leiblichen. Wenn man meine 
Interpretation Platon's freundlich beachten wollte, so würde 
vieles bisher Befremdliche in einen schönen Accord aufgehen. 



§ 2. Die Gesetze. 

Es ist erfreulich, dass selbst Diejenigen, welche bisher aus 
den alten Auffassungsweisen nicht herauskommen konnten, ein- 
zusehen anfangen, welches neue Licht der Forschung über Piaton 
und Aristoteles zu Gute kommt, wenn man die Stellen, an denen 
sie sich einander recensiren, genauer untersucht. So sagt Heitz, 
nachdem er frühere Versuche zur Datirung der „Gesetze" be- 
sprochen, in Beziehung auf meine Literar. Fehden**) : „Unendlich 
viel wichtiger wäre es, wenn sich mit Sicherheit feststellen Hesse, 
ob einzelne in den Gesetzen sich findende polemische Auslassungen 
gegen Aristoteles gerichtet waren. Damit wäre nicht nur ein 
sicherer Anhaltspunkt für die Bestimmung der Entstehungszeit 
dieses Werkes gewonnen, sondern es fiele zugleich ein erwünschtes 
Licht auf das Verhältniss, in welchem zu gewisser Zeit Pläton 
zu dem Begabtesten unter seinen Schülern gestanden hat." Man 
wird, wenn man auch nur die gewöhnlichste Menschenkenntniss 
hat, von vornherein erwarten, dass ein so begabter Mann, wie 
Aristoteles, der in allen seinen uns bekannten Schriften sich in 
einen so offenkundigen Gegensatz zu Piaton stellt, auch während 
seines zwanzigjährigen Zusammenlebens mit ihm schon zu 
einer selbständigen Haltung durch Kritik des Platonischen 
Systems übergegangen sei. Da er aber frühzeitig als Schrift- 
steller auftrat und bald die Periode der Dialoge, in denen er 
Piaton nachahmte, aufgegeben haben wird, weil sein Talent ihn 
zum Systematischen trieb: so müssen wir die rhetorischen und 



*) Die Weltseele hat nach der sensiblen Seite ebenfalls Materie und 
bildet deshalb ein ^ov. 

**) K. 0. Müller's Gesch. d. Griech. Literatur, fortges. v. Heitz II. 2. 
1884, S. 216. 



364 

ethischen zusammenfassenden Werke für seine frühesten Arbeiten 
dieser Art halten. Der Charakter dieser Schriften ist schon wie 
bei den modernen Handbüchern so zu bestimmen, dass ihr Werth 
hauptsächlich in der Ordnung des Stoffes und gelegentlicher 
Kritik liegt, während der Gedankenstoff selbst wie Baumaterial 
compilirt ist. Es war zu erwarten, dass Aristoteles, der durch 
seine Geburt und Beziehungen nach einer ausländischen Partei 
gravitiren musste, und der durch sein Naturell und seine be- 
schränktere Begabung weltförmiger als Piaton war, auch mit 
dem „göttlichen" Manne, der während seines ganzen Lebens 
jede von der idealen Höhe ablenkende Gesinnung und Auffassung 
ironisch und mit dialektischem Uebermuth niedergekämpft hatte, 
nicht zu lange in schülerhafter Abhängigkeit und Genirtheit 
leben mochte. Daher ist der durch die Anekdote bezeugte, so- 
genannte Abfall des Aristoteles während Platon's Lebzeiten sehr 
natürlich und würde auch ohne solche Nachrichten vorauszusetzen 
sein. Da die reiferen Schüler Platon's schon längst wieder eigene 
Curse mit jungen Leuten abhielten, so war für Aristoteles der 
Unterricht, den er in der Rhetorik gab, ganz von selbst eine 
Veranlassung, um sich von Platon's Principien immer stärker 
abzuwenden. Denn die Rhetorik entlehnt ihre Principien aus 
der Ethik und Politik und Psychologie; sollte die Ethik aber 
für praktische Redner brauchbar werden, so durfte man die 
Freiheit nicht leugnen, welche von allen Gesetzgebern voraus- 
gesetzt wurde und dem gemeinen Bewusstsein der Menschen 
entsprach. Eben so wenig durfte der Begriff des Guten die 
speculative Behandlung der letzten metaphysischen Principien 
erfordern, wenn damit für die praktischen Bedürfnisse des Lebens 
ein handlicher Gebrauch gemacht werden sollte. Es ist daher 
ganz natürlich, dass Aristoteles gleich in der Ethik mit dem 
Begriff der Freiheit und des Guten gegen Piaton Front machte. 
Da er für seinen rhetorischen Beschäftigungskreis aber auch 
noth wendig das Studium der Gesetze brauchte und diese von 
Piaton noch nicht speculativ abgeleitet oder wenigstens noch 
nicht schriftlich abgefasst und an den Schulkreis mitgetheilt 
waren, so wird es nicht verwundern, dass Aristoteles im Be- 
wusstsein, davon etwas mehr als Piaton zu wissen, auch eine 
ironische Bemerkung am Schluss seiner Nikomachien nicht unter- 
drücken konnte. 



365 

Wie nun Piaton gegen diese Kritik seines früheren Schülers 
reagirte, das habe ich im ersten Bande der Literar. Fehden 
dargelegt. Auf das Nähere aber einzugehen und auch die 
Schriften von Ivo Bruns und Bergk zu beurtheilen, muss ich 
mir diesmal versagen. Ich möchte nur hervorheben, dass Bergk 
ganz in Uebereinstimmung mit mir das alte Vorurtheil aufgiebt, 
als wenn sich die alten Schriftsteller untereinander niemals sollten 
bekämpft haben, was Böckh in einer wunderlichen Jugendschrift 
aufgebracht hatte und Heitz z. B. noch in seiner jüngsten Griech. 
Literaturgesch. festhält.*) Ebenso hat Bergk in seinem „Theätet" 
viele Bemerkungen gemacht, die meinen Resultaten im ersten 
Bande der Literar. Fehden in Beziehung auf die Polemik des 
Panathenaikus sehr nahe kommen Sobald man das mehr geniale 
als methodische Rathen Bergk's corrigirte, würde die Richtung 
seiner Gedanken nach meinen Resultaten hinzielen. 

Zum Schluss kann ich nur auffordern, die 
einzelnen Persönlichkeiten, deren Erinnerung er- 
halten ist, möglichst genau nach ihrem sittlichen Charakter, 
ihren politischen Beziehungen und ihrer philosophischen Richtung 
zu studiren, wie z. B. einen Namen wie Bryson, über den man 
noch fast nichts erforscht hat: dann werden sich überall die 
Coordinationen der gesellschaftlichen und literarischen Be- 
ziehungen zeigen und eine unerschöpfliche Menge von bisher 
ungeahnten Beziehungspunkten in den Werken Platon's hervor- 
treten, die zur chronologischen Festlegung der Dialoge und der 
coordinirten Schriften seiner Freunde und Feinde dienen und 
die das Lebensbild des Philosophen und den Charakter der 
höheren Gesellschaft seiner Zeit zu einer überraschenden An- 
schaulichkeit bringen. Denn was man so die Zeit nennt, das 



*) Heitz Gr. Literat. II. 2, S. 106: „Bin offenbarer Irrweg war es, 
der zu der Annahme eines schroffen, zwischen Piaton und Xenophon 
bestehenden Gegensatzes und der angeblichen Absicht Platon's geführt 
hat, an Xenophon's Werk eine mehr oder minder böswillige Kritik zu 
üben. Zu vergleichen ist darüber die Abhandl. Böckh's de simultate vet." 
Heitz hat aber auch ebendas. S. 193 die Entdeckung gemacht, dass „der 
G-orgias erst nach Sokrates Tode geschrieben worden sein kann". Warum 
beweist er nicht auch noch, dass Sokrates nicht vor seinem Tode ge- 
storben sei? 

Diejenigen, welche sich fruchtbaren Studien widmen wollen, werden 
gut thun, die Beziehungen Platon's zu Thessalien und Macedonien genauer 
zu erforschen, wo seine Schüler eine funeste Rolle spielten. 



366 

ist zwar ein buntes Gewebe aus vielen und vielverschlungenen 
Fäden; die Oulturgeschichte aber wird sich in einen gewissen 
Abstand von diesem Gegenstande stellen müssen, um ein er- 
kennbares Bild des Ganzen zu erhalten. In diesem Ganzen 
treten dann nur die grossen Züge der leitenden Persönlichkeiten 
hervor, um welche sich das Andere gruppirt. Die Oulturgeschichte 
hört eigentlich nur die mächtigen präludirenden Stimmen dieser 
geistigen Grössen; alles Andere ist Chorgesang oder Echo. 



Sach- und Namen -VerzeichDiss. 



Aocidens 27, definirt 318 f. 

Achemsischer See 288, Acheron 
296. 

AchilleuB 224 Topos der Mnemo- 
nik 279. 

Adeimantos 49. 

aSvvarov 306. 
aSvvaros 238. 
Aegypten 17, 41, 93, 194, 209, 

233. Mythol. 294, LV. 
Aerzte 29, 228. 

Aeschines 130, 93, 95, ßüchertitel 99. 
arjd'eia 41. 
Aether 289. 
Aetius 293. 
Aetna 289, 293, 341. 
Agathon 279 Charakteristik, 280 

Definition des eixog. 
Agesilaos 101, 329, 331. 
ayQoXxog 21. 
Ajax 185. 
aiSoXov 345. 
ai8(oe 65. 
Aigina 257, 339. 
aiviyfia 70. 
ai(bqa 294, Piaton ist Urheber der 

Gravitations - Vorstellungen. 
cuaxQov 207. 
Aischylos 83, 213. 
Akademie 270 Programm, 278 Musen- 

heiligthum, Studenten 359. 
aXijd'es 216, aXi^&eia 349. 
äkrjd'ivos 186 idealisch. 
Alexandrien 236. 
Alexis, ülympiodor nach 384 ver- 

fasst 201. 



Alkibiades bei Piaton und Iso- 
krates 60, angeblich im „Staat" 
250, im Symposion 265, 308, bei 
Lysias 266 £f., bei Antisthenes 
345. 

Alkidamas 121. 

Alkmäon 213. 

Allusion 16, 106. 

aX/jLVQOL axOTJ 275. 

Amphibolie 56. 

Amyntas 19. 

a/jLvri ro£ 352. 

avaßdXXead'ai i/uMriov 336. 

Anachronismus 15 f. 

Anakreon 35. 

Analogie 121. 

Analytisch 11, 13, 169. 

avafid^rjTOi 74. 

dvayvawaiv 296. 

Anarchie 20. 

Anaxagoras 11, Anaxagoreer 220. 

Anaxandrides Komiker 200. 

Anaximandros 137, 289, 304. 

Anaximenes 137. 

ava^coTtvQetad'ai 31. 

Andalusien 199. 

Anderssein 170. 

dvS^coSrjs 255. 

Anekdoten 16, 24 f., 82, Wesen 
und Beurtheilung 131, 336, 249, 
VI. 

Antalkid. Frieden 269. 

dvTiXeyeLV 216. 

dvxiXoyla 116. 

avrios Xoyog 213. 

dvri^^ais 114. 

Antisthenes 21, 346 charakterisirt 



368 



von Platon und Aristoteles; 344 
von Theopomp und Xenophon als 
ififieXris und ;^a^^£s 343 ; bäuerische 
Spässe 344; Thracier 343; ^d&cov 
344; A. und Lysias 22; Feind 
Platon^s 51 ; Aletheia 67 ; Verh. zu 
Plat. 78, 80, 84; Simon gehörte zu 
seiner Clique 107, 115 f.; Briefe 
107; kleine Schriften 121; l99, 
238, 240, 247, 260, 285. 

^AvTiad'speioi ol 129. 

avriTvnos 353. 

Anytos 354. 

aTtaiSsvTOg 346. 

aTtad'avari^iv 30. 

a7tad'6S 11. 

Aphrodite 263, 282. 

Apollo in Delos 181. 

Apollonios Rhod. 275. 

Aporie 115. 

änread'ai 291. 

Archäologie 359. 

aqx^^oi 249. 

Archelaos 19. 

Archestratides 270. 

Archilochus 17, 211. 

Archytas 100, 244. 

Ares 224 Topos der Mnemonik. 

Arete, Tochter Dionys. I, 256. 

Aristippos, der Aleuade, 83. 

„ der Philosoph, 51, 78, 

80, 95, Büchertitel 99, Briefe 
107, gegen Simon 108, 219, und 
120, A. und Aeschines 130, Buch 
dem Dionys. gewidmet 131, über 
Platon 200, bei Dionysios 247, 
249, 336 f., 340, XII. 

Aristomache 256, Schwester Dion*s. 

Ariston 49. 

Aristophanes Ekkles. 39— 42^ 
234, 239, Pluto 347, Frösche 199» 
in Plat. Symp. 308, Verkehr mit 
Platon 316, 328, Humor 284. 

Aristophon, Komiker, ÄOl. 

Aristoteles Stil 196, 213. Dialoge 
302, Rhetor. und Ethik 300 f., 
Topik 314, Poetik 280; bei Hegel 



139, perspect. Auffass. 9, 172, Ein- 
fluss auf Platon 260 f., 358; frühe 
Berühmtheit 299, im Parmenides- 
dialog 23 f.; Kritik über Platon 
304, 306, xatvoro/Lior 41, erklärt 
ihn für melancholisch 302, ver- 
misst das Individuelle 177 ; schätzt 
den Dichter Agathon 279, über 
Antisthenes und Simon 129, über 
Milo 184; über das Meer 307, 
Meteorolog. 292, gegen Plat. Me- 
teorol. 305, Gravitation 305, Diät 
196 f., Ethik und Lebensalter 308, 
Unsterblichk. 173; von Platon 
kritisirt 128, Stellung zu Platon 
364, XVIII, 362, Logik VII. 

Aristoxenos 184. 

aqros 195. 

Ascherson F. 82. 

aaxeXv 185. 

Asketismus 179. 

Asklepios 142. 

Ast 128, 180. 

aarqareias 266. 

affvQat£ 345. 

Athen 343. 

Athenäus ungünstig über Platon 
16, 19, 65, 82, Erdichtung der 
Dialoge 20, orpov 195, Unsterblichk. 
148, Anachronismen 263, aX/iv^ 
ax. 275, perspect. Auff. 283. 

Athleten 183. 

Atome 178. 

arofAOVi Bart 359. 

Attractionskraft 305. 

avxfios TTjg aoyias 353. 

Aufmerksamkeit 224 definirt. 

Auftrieb 292. 

avov 201. 

Autokratoren 58. 



Bake 324. 

Bahr über Kritias 59. 
Bart 359 (Archäologie). 
B e n n 135 ; über Platon's un- 
sterblichk. 145 ff., über Platon als 



369 



Naturforscher 291, Chronolog. der 
Nikom. Eth. 300 f., Aristot. literar. 
Etiquette 302 f. , über Zeller ILL 

Benseler 186. 

Berge als Schwämme 306. 

BergkPlat.schrift8t. Th.als Spiel 31, 
31, SiaXe'Ssis 99, Name des Verf. 
117, AbfaBSUDgsz. 120 und 126, 
Aufenthaltsort 122, dor. Dial. 130; 
über Theätet 323 ff., 338, 343, 351 ; 
über Euthydem 326; über den 
Glaukos im Phaidon 298; Bergk's 
Methode u. wissensch. Charakter 
204, 328, stimmt mit mir über- 
ein 365. 

Bergmann 136. 

Bertram 135. 

Betrügen 212. 

Bettler 207. 

Bewegung 353. 

ßXaßeQov 71. 

Bibelforschung 2. 

Bildung 343. 

Blass 317; über Lysias Erotik. 20. 
272, 274; über die ^mJU'&^g 97 ff., 
222, Namen 117, Dialekt 129; zu 
streng gegen Agathon; Edition 
des Antisthen. 121, 344; Hippias 
Plathane 43; über Lysias Syne- 
gorien 266, 269; über Lys. Oharakt. 
272; über sprachl. Kriterien 318, 
320, Phaidros 356. 

Blennos 337. 

Boeckh Platon's Kunstchar. 15, 
43 f., 46, über Verh. v. Plat. u. 
Xenoph. 78, 82, 89 f., 281 f., 283, 
366; Encycl. 130, 132, 203; über 
den Minos YIII. 

Bohnen 186 bei Piaton. 

Bohnenbrei 199. 

ßofißos 51. 

B o n g h i principieller Standp. d. 
Interpret. 141, 166; über Un- 
sterblichk. bei Piaton 153 ff., Prä- 
existenz 185; passim 136, 138. 

Bothe 199. 

Boutroux III. 



Brachylogie 172. 
Brandis 303. 
Briefe 107, XV. 
Bruns, Ivo 365. 
Bryson 359, 365. 
Büchertitel 110. 
Büchner IV. 
Buckle 90. 
Bunsen 38. 
Buttje 298. 



Caballero 233. 

Caligula 100. 

Campbell, Lewis 382. 

Cantor Gesch. d. Mathem. V. 

Carnivorisch 182, 190, 199. 

Oausalität, perspect. Auffass. 10. 

Centaur 15, 206, 287. 

Celsus 16. 

Cervantes 284. 

Chabrias 122, 338. 

Xf^^QB 73. 

Charakter 16. 

Charikles 58. 

Charmandros 339. 

Charmides 16, 33 f., 60, 62. 

Chemie 160. 

Chiappelli Preisschr. 8; Ekklesiaz. 
u. Staat 40, 50; XJnsterblichkeits- 
lehre 137 f., 141; Persönlichkeits- 
begriff 161; Sokrat. Vortrags- 
weise 62, 313; Theätetkriterium 
311; Chronolog. des Menon 347. 

Chic 242. 

Chier 275. 

Chios 3*26. 

Chlanis 359. 

xUfi Kraut 190. 

Christenthum 1 ff., 163 f., 175. 

Chronologie 20. 

Chrysippos 81. 

Cicero über Philistos 332, Plat. 
Reisen 235, über Panätius 141. 

Cirkelerklärung 72, 2l5. 

Clemens Alex. 235. 

Clinton 50, 275. 

24 



370 



CnoBsus 17. 
Codex Cizensis 97. 
Gombinationen 23. 
Compilation 80. 
Comte A. I. 

Gonfirmation 27, 235, 304. 
Consecutiv 27. 
Constitutiv 27. 
Contingenz 276. 
Goordination 10, 319. 
Gurtius E. 57, 63, 130, 254. 
Cynismus 243, Tracht 359. 
Cypern 217. 



DaedaluB 72, Maschine 356. 

Därme 189. 

Dandy 335. 

Danton 64. 

Darwinistische Züchtung 185. 

SeaiQelv 210. 

Delphi 73, 100, 213. 

Demagogie 221 f. 

Demeter 191, 201. 

Demokratie 219. 

Demokrit 349 E, 353. 

Säovra 71. 
* SeanoTrjs 342. 

Diät 159, 192, gem. 193, vegetar. 194. 

Diagnose 74. 

Stai^slv 210. 

Dialektik 155, 159, 312, 314, XIII. 

StdkeSie 95, 97 f. 

Dialog 113. 

Siavoovfievoe 252. 

SiarQißi] 32 f. 

Didaskalien 279. 

Diegematisch 316. 

Diels 293, 294. 

Dilemma 219. 

Diodor 24. 

Diogenes 247 ff., XU. 

Dion Chrysostom. 248. 

Dion Platou's Choregie 276, 278; 
Platon's Hoffnung 258; Zeit der 
ersten Eeise 256, 316 ; pa8sim40, 249. 

Dionysios I als guter Hichter 334, 
342; D. u. Simon 108, D. u. Phi- 



listos 253 ff., 331, 339, Charakter 
. 130 f., Gespräche am Hofe 335, 

Eifersucht auf Piaton 256, Geld 

an Piaton 277, Motiv des Bruches 

234 f., Platon's Absicht 17, 46, 

227, 244, 246, XVI. 
Dionysios II, 38, 251. 
Dionysios von Halikam. 332 f. 
Dionysos 199, 201, 263 f., D. und 

Ariadne 286. 
Dionysodor 22, 216, 275. 
Diotima 280. 

Disputation HO, 172, 312, 314. 
disputatiuncula 121. 
8iaaoi Xoyoi 113. 
Dittenberger, sprachl. Kriterien 

25, 130, 317, m, VII, Phaidros 

356, Ideenlehre 360. 
Dogmatik 154. 
Dorier 39. 

Dor. Dialekt 129, 132. 
Dropides 35. 
8vva/Ais 74, 76 f., 238. 



Ebbe und Eluth 292, 294. 

äX^^oi 50. 

fj8is 89. 

TjSvafiaTu 183. 

Ehe 286. 

et8fi 360. 

iXev&e^os 137. 

iXev&s^ofs 336. 

eXXavi^iv 102. 

flfneisQOV 295. 

Empedokles 246, 302, 315, 349 f. 

ivdqyeia 115. 

Svexd rov 238. 

Engelhardt v. 135. 137 f., 164 f. 

Enkomium 338. 

Entelechie 9 (Endelechie). 

Entzündung 186. 

kiaqyefwe 217. 

Epeios 224 Topos der Mnemonik. 

Ephippos Komöd. 359. 

Epicharmus 275, 3l5 f. 

Epikur 284. 

Epilepsie 302. 



371 



hufMLqrvQfiiHi 116. 

inifUJiBUf, ynf]^s 29f 33. 

iniüxrifxri 162, 222. 

iytoTtrtied 280. 

inmBrj 30. 

£rde, Kugel 239, Wärme im Innern 
306. 

Erdmann 136, 138. 

iqyd^a&tu 72 f. 

Eristik 33, 99, 118, 240. 

Erlösungslehre 7. 

Eros 270. 

Erotidien 271. 

i^tarrjfft^ 316. 

Ethik 302. 

irvog 199. 

Etymologie 133. 

Euagoras 103. 

wBoufioveXv 267. 

Eudoxus 200, 302. 

wri&rii 70, 220, 21. 

Eukleides zu Platon's Freundes- 
kreis 51, Memoire für den Theätet 
94, Büchertitel 99, gegen Simon 
120, dramat. Disputation 313 ff., 
im Theätet 343. 

svTt^sTteui 241 f. 

ev^fut 42. 

Euripides bei Piaton ungünstig be- 
urtheilt 83, über orphische Diät 
192, 263; bei Aristoph. 199, 211. 

evaroxos 359. 

Euthydem als Schmied 118, Rela- 
tivität des Seins 216, Gegner Pla- 
ton's 238, 240, 275. 

Exclusionsmethode 99. 



Fouillee 128. 

Frei Chronolog. Gorgias 863. 

Freunde betrügen 212. 

Frugivor 189. 

Furcht 239. 



Fabel 240. 

Fabricius 97. 

Farbe definirt 349, 353. 

Fasten 179. 

Feigen 200. 

Feinde, Wehethaten 208, 212. 

Fichte 170. 

Figur defin. 363. 

Fleischnahrung 186, 191. 

Florenz 8. 

Floret 311. 



Gänse 199, Vegetarier. 

Gedächtniss 224. 

yeveaXoyia 332. 

Genie 177. 

Geologie 296. 

George, Prinz 336. 

German. Völker 199. 

Geschichte 131, 145. 

Gesetz 224. 

Gesichtspunkt 26. 

Gewissheit, Stufen 276. 

Gibraltar 236. 

Gladiatoren 186. 

Glauben 153. 

Glaukon 46, 48 f., Büchertitel 99, 197. 

Glaukos 297 f. 

Goethe 263. 

Gorgias 83, 100, 223, 360, Todesjahr 

353. 
Gott Diätordnung 190, Gottesfurcht 

210, Trug 213. 
Gottesstaat 7. 

Grayitationsgesetz 291, 306. 
Grosshändler 206. 
Grote 90, 140, 259 Lebensalter 

Dion. II. 
Gruppe 100. 
Gundling 336. 
Gyges Ring 48, 232. 
Gymnasium 208. 



Haarröhrchenkraft 292. 
Haliartus 269. 

Handwerker 185, Stellung zur Heil- 
kunst. 
Hardy 137. 

Heber, zweischenklig 291. 
'Hdvxa^s 198. 
Hegel I, Platoniker3, 12; Polemik 

24* 



372 



79; über Piaton und Arist. 139; 
uuphilologisch 171; Princ. des 
Widerspr. 168. 

Hegelianer 136, 145. 

Hegesandros Wichtigkeit 16, 62, 
80, 90; Platon's Versuch, an die 
Spitze der Sokratiker zu kommen 
37, 45, 85; Piaton als Stiefmutter 
51; Piaton als Ki^e 84; Aristipp 
bei Dionys. I, 131; PL Unsterblich. 
148. 

Heilkunst 185. 

Heindorf 106. 

Heinze 135, seine Gesch. der Phil 

ni. 

Heitz 824, 363, 365. 

Hellenen 209. 

Hephaistos Topos der Mnemonik 224. 

Herakles 199, 328, Säulen des 289. 

Heraklit 11, 128, 137, 315, IV. 

Hercher 92, 95, 125. 

Hermann K. Fr. Methode 3, 235. 

Hermodor 236. 

Herodikus 229. 

Herodot 232. 

Heroen 49. 

Hesiodus 72 f. 

Hetären 340. 

Heuristik 312, divide et imp. 313, 
Methode VII. 

Hinrichs 31, 99, 299. 

Hinken 229, 360. 

Hippias 43. 

Hippokrates 123, 197, 229, 230. 

Hippolytos 263. 

Hirzel 142. 

Hörnerfrage 218. 

Homer 32 bei Isokrates gegen Piaton 
ausgespielt; 83 bei Piaton; 148 
Unsterblichkeitsidee; 183 Diät der 
Heroen; 197 Kreophylos; H. und 
Agathon 279. 

Homilien 344. 

Honig 181. 

Horaz 51, 161, 186, 312. 

Hug 281 f., 284. 

Humor 15, 262, 287 f., 289, XI f. 



Hungercur 200. 

Hunziker 199, 859. 

Hydroposien 264. 

Hylczoismus 8. 

Hymettos 181. 

Hypothesen 22, Werth 23, 315. 
Methode 100; hypothetische Hypo- 
thesen 339. 



Jagd 198. 

Jamblichus 183. 

Jason, Thessal. 354. 

tar^os 248. 

Idäische Grotte 17. 

Ideal {alrj&ivoe) 186. 

Idealismus 346. 

Ideen 4, 360. 

Ideenassociation 76, 346. 

Identitätsfigur VIII. 

Identitätsprincip 168. 

i8£q 218 f. 

Idiotismen 318. 

18 ^ov = <w5P«^/Mfl>Tarov 154. 

ie^oavXeXv 2l3. 

Jesuitismus 152, 174. 

Ilion 206. 

ifidtiov 268, 335. 

Imperativ, hypothet. 70, 78. 

impertinent 311. 

Indication 230. 

indisch IV. 

Individuelle Principien 138. 

Induction 102. 

Int erp retatio n, wann für unfertig 

zu erklären 170; Aristoteles zu 
benutzen 172, Hilfe durch um- 
fassendere Sachkenntniss, miathem. 
13, philos. 11, 171; allg. Voraus- 
setzung über den Verstand des 
Autors 103; individuelle 203, 171, 
217, 220, 309; generische 171; 
Feinheit 275 ; Deutung d.mythi8ohen 
Darstellung 159, 290, 296 f., 235. 

Jonier 208. 

Jowett 382. 

Ironie 354. 



378 



IsmeniaB 83, 348. 

Isokrates Antidosis 18, 83, 99; 
Helena 23, 245, 248; Sophisten 29 f., 
33, 238 ; nsqi gev/ove 267 Chronol. ; 
Panegyr. 52, 326 , Piaton und Iso- 
krates 17, 18, 36, 198, 364; erklärt 
Piaton für schädlich 267; dritten 
Ranges 240 f., 243; Specialist der 
Redekunst 229; als altes Weib 
(Piaire als Princip) 346; Schick 
284, Schein 48, Empfindlichkeit 
62, 67, 83; I. u. Lysias 20, LPlat. 
und Simon 118; für Hippias 43; 
für Alcibiades 60; Cypern 103; 
Abkunft 36, 38; I. Piaton u. Arist. 
301; gegen Plat. Mythen 151; 
Enkomien 330; Nikokles 357; Bu- 
siris 355. 

iaoad'dveta 114. 

iaxvi 55. 

Italien, Platoniker in 3, 252. 

jus primae noctis 186. 

Ixion 362. 



Kcuvorofiov 41. 

Kallas K. 202. 

Kallippos 302. 

Kalokagathie 34. 

xakov 207. 

Kant 3, 178, 179, I, XIV. 

xd^a 190. 

Karthager 254. 

Ttaiaaoßaqsvead'ai 247, 

7ta^ iKaarov ro 177. 

xa&oXov 177. 

Kebes 51, 92, 95,98, Büchertitel 99, 

194, 294 f., Localdialekt 321. 
HevodTtovBia 248. 
Kephalos 118. 
iteüiQsvi 199. 
Ketzerei 154. 

iUvriCK 9. 

Kirchenväter 164. 

Kleist V. 9, 136, Phaidros 356. 

Kleobuline 213. 

Knabenliebe 207, 285. 



Koehler U. 279. 

Köstlin, Karl 330. 

9toiv(ovia 4. 

Komödie, ältere 328. 

Konstantinopel 236. 

Kora 191. 

aoQcovfi 84. 

Krankheit 228. 

Kratinos 213. 

xQeavofUa 200. 

Kreophylos 197. 

Kreta 233. 

Kreter 17. 

Kreuzigung 11. 

Krieg Ursache 186, nicht verwerflich 

187. 

Kriterium 216. 

Kritia s 33 - 35, Charakter 67, ägypt. 
Myth. 59, von Xenoph. benutzt 
67, 82, 238, bei Piaton 126, 161. 

Kritik 14. 

Kriton 99. 

Krohn 136, 177. "^ 

Krokodilsschluss 283. 

Kronos 188. 

künstlerisch 69. 

Kunstwerk 35. 

Kvße^t^rii 248. 

HvviMoi 249. 

Kypros 99, 101, 103, 122. 

Kyrene 236. 



Lacedaemon 208, 211. 
Lange 177. 
Lapithen 206. 
Larissa 83, 353. 
Leben, ewiges, 8. 
Leibnitz 24, 174, 336. 
Leichnam 164. 
XeiTtOTO^iov 266, 
Liebe, platonische, 7, 286. 
Libyen 122, 217. 
Lingen M. v. 113. 
lociren 224 
Locke 3. 
Locomotive 4. 



374 



Logik, Beispiel 283, heuristisch 
330, Fehler VII. 

Xoyos 338. 

Xoycjv Ttoirjr, 241. 

lotSo^ia 276. 

lotophagisch 187. 

Lotze 136, 161. 

Lttcian 16. 

Lügen 212. 

Luther 208, 284. 

Lyder 209. 

Lysias Erotikos 286, 20, 22, 207, 
ernst gemeint 274, bezeichnet 
Flaton's Richtung als krankhaft 
273; Synegorien 266 ff., 346; Ab- 
kunft 36; Diabolie 270; sittl. 
Charakter 272, nicht humoristisch 
274, Processmacher 276, Matrosen- 
gemeinheit 274 ff. ; L. u. Xenophon 
287, L. u. Antisth. 220; Dionysodor 
30, 275; von Piaton beurtheilt 5, 
7, 18, 83, 302, 267; kleine Reden 
121, Apologie des Sokrat. 355. 



liacaulay 90. 
Macedonien 24, 208. 
Mago 254. 
Majorität 245. 
/laxd^ios 36. 
Makrologie 126. 
Malerei 213. 
Mantik 32, 248. 
Martin, Th. H. 310. 
Massageten 129, 209. 
Mathematik 160. 
Matrosen 274 f. 
Mechanismus psychol. 318. 
Medicin 228. 
fisyaXo^QCDv 255. 
fieyaXofQoavvri 278. 
fuyaXoTiQineuL 255. 
Megara 49, 94, 314, 321. 
Megariker 361 f. 
Meineid 212. 

Meineke, Hedychares 199. 
/leXayxoXtHoi 3Q2. 
Melier 275. 



fieXXovra 31 f. 

Memoiren 61. 

Menon 82, 347 ff. 

/i^iTov 292. 

metaphorisch 290. 

fiexaipQevov als Epigtistrium 230. 

Metaphysik 136. 

Metapont 271. 

/le&e^is 6. 

Methode Theorie der 9 ff.; heu- 
ristisch 276; Palpation 109; phi- 
los. 169; Bezeichnung der Gattung 
105; Geschichtsauffassung 145; 
schlechte 338, Beispiele 99, 100, 
105, specielle VI, universelle VII. 

/itjr^is bei den Kretern 233. 

Mettemich 64. 

Michelis 3. 

/ux^oXoyia 29. 

Mikropsychie 36. 

Milon 184, 197. 

Miltas 99, 104, 130. 

Mimas 97. 

Minos 72. 

Missionär 38. 

Mitleiden 10. 

Mnemotechnik 224. 

Moleschott IV. 

Moltke, Graf v. 187. 

Monadologie 174. 

Mönchsorden 179. 

fiovaeXov 271. 

Mullach 98, 114, 120, 203, 212. 

MiUler K. O. 824. 

Musen 271, 278. 

Myste 172. 

Mysterien 350, 352. 

Mythen 138, 158, 290, Ursprung 

xin. 

fiv&oXoyrjfut 21. 



Napoleon III, 131. 
Naturgesetze 291, 305. 
Naturphilosophie 292. 
Naturwissenschaft XV, I, 353. 
Nauck 280. 



375 



Naukratis 286. 

Nil 293. 

North 97, 100, 204, Vm. 

vovi 346. 

Nov. Test. 347. 



Obstgenuss 193. 

Odysseus 72. 

Oelbaum 191. 

Ohoe J. 202. 

Okeanos 127, 292, 296. 

OUven 200. 

Olympia 100, 213. 

Olympiodor 316, 338. 

oiLxicn 238. 

ov 216 ff., 361 f. 

hvofjutra opp. nQciyfi, 224. 

Oppositionsfigur, VIIl. 

oxpoTtotrjriKrj 195, oyjov\ Opsophagie. 

OreUi 107, 220. 

Orestes 213. 

Orphiker 191 f., 198. 

Orthagoras 123. 

Orthodoxie 12, 153, 174, 356. 

ov &/£xa 238. 

ovala 12, 25. 



Pädagog 38 f. 
nouBia 339. 
nat8acd 22. 
naOgfiw 31. 
Palamedes 72. 
Palpation 68, 109, 310. 
Panätius 140, 168, 349. 
ndvSij/we igafs 272. 
panegyrisch 36. 
Pantheismus 7, 8. 
Parabasen XI. 
Paris 181, unartig 340. 
Parmenides 362. 
Parusie 4. 
Pascal XIII. 
Patripassianismus 10. 



Patroklos 148. 

Pausanias 272 f., und Agathon 

279, seine Rede 282. 
Pearson 92. 

Peiraieus 21, 22, 283, 240, 269, 275- 
Ttinetü fiai 295. 
Perikles 83, 108, 123, 132. 
Tts^mrdffsis 216. 
TteQirrov 94. 

Perser 209, 221, m^ci^iv 102. 
Perserkönig 207. 
Persifflage 344. 
Persönlichkeit 131, 161 ff. 
perspectivisch 9 f., 19, 81 f., 145 

281, 288, 343, IIL 
Pflegen 189. 
Phaidon befreundet mit Piaton 

51, 95, 98, Büchertitel 99, schrieb 

vielleicht gegen Simon 120, 133; 

im Bordell 351. 
fpaivsxai 277. 
PhanokritoB 200. 
Phasis 289. 
Phavorinos 339, 314. 
Philippos V. Maced. 329. 
Philippides 201. 
PhiUskos 332. 
Philistos 249, 253, 257, 331 ff., 337, 

345. 

Philolaos 294 f. 

Philosophie 289, höhere als Piaton 
163, als Baserei 268, Stellung T 
tpdoixvxos 200. 

tpXsyfiaivovoa (jroA*«) 186. 
Phönicier 233. 
tpOQa 9. 
tpo^tatati 345. 
f^arrjais 146, 163, 165. 
fvyri 248. 

Physik der Erde 287, 290. 
fvaii 231, 244, 362. 
Pindar 83, 341. 
Piaire 346. 
Planetensystem 305. 



Piaton. 

Charakter. Weltliche Nüchternheit und Klugheit 174, Jesuitismus 
151, 174, 157, angebliche Arroganz 237, 33, hochmüthig und albern 340 



376 

neidisch, schmähsüchtig, eifersüchtig 52, als krächzende Krähe 84, als 
Archilochus 240, Uebermuth 76, 77, 79, rvfog 21, Undankbarkeit 85, Spötter 
und Disputax 284, als Antäus 157, spielt Katze und Maus mit seinen 
Gegnern 53, gegen alle ürtheile der öffentlichen Meinung 82 f., als Com- 
pilator 80, Plagiator am Epicharm 315, 53, Nachahmer des Sophron 315, 
Grund der Feindschaft gegen ihn 79, von der Komödie verspottet 339 
199, aristokratischer und komischer Ton 119, Melancholiker 302. 

Selbstbewusstsein 287, 298, als d-eiog 45, 87, 246, als Heros 262, als 
der zu erwartende grosse Mann 86, 125, 237, als Solon 240, als Thaies 
341, Macht seiner Persönlichkeit 256, ne^irrov von Xenophon anerkannt 
94, sein Humor Selbstzeugniss 309, 15 f., 35, 289 f., 296, mit Shakespeare 
verglichen XI, Welterfahrung 234, als Jemand 296, als Staatsmann 37, 
152, 303, 58, als Seher (fidvTis) 248, Auffassung der Majorität 176, 58, be- 
trachtet Richter als Flickschneider 342, spöttisch über Gesetze und 
Gerichte 340 f., demgemäss seine Stellung gefährdet 83, 354, Glanz seiner 
Familie 36, 41, 58, Rathgeber des Sokrates 45, seine Brüder 45, 149, sein 
Chor 340, seine Büste (Dionysos) 359, Theorie und Leben im Einklang 
182, belegt aus Minos XXII, seine orphische Diät 198, 186, spöttisch über 
Kreophylos 197, nur Eine Mahlzeit 201, Liebhaberei für Feigen und 
OUven 200. 

Lebensereignisse: Im Allgemeinen XVII, entzieht sich der 
praktischen Politik 37, will die Führung der Sokratiker übernehmen 85, 
vielleicht Aufenthalt in Megara 235, Reisen nach Thracien 235, Kreta und 
Aegypten 17, 231, 41, wahrscheinlich nicht in Kyrene 235 f.. Reise zu den 
Pythagoreem und nach Syrakus 244, 94, 130, als Schulhaupt vor der 
Gründung der Akademie 36 f., als Pythagoreer 201, Stiftung der Akademie, 
37, 278, Choregie 276 ff.. Schule 348, Schülerinnen 39. 

Verhältniss zu Agathon 279; zu Antisthenes 21, 344, siehe Antisth.; 
zu Aristophanes 239, 316; zu Aristoteles 363 f.; zu Isokrates 243, 245; zu 
Lysias 51, 274, der Piaton für pietistisch und krankhaft gestimmt hält 
273; zu Sokrates 98, 65, nicht mehr in der Maske des S. 85. Stiefmutter 
51, Grenze des Sokratismus 86, 250; zu Xenophon 44, 365, angebl. Eifer- 
sucht auf ihn 78, gegen seine Moral 49 f., 85, 208, beurtheilt ihn 48, 74 f., 
Staat gegen Memorab. 87 f., widerlegt seine Amphibol. 56 und Paralogismen 
53, behandelt ihn ironisch als Gompilator des Kritias 86, im Sympos. 
gegen ihn 282, 284 f. 

Schriftstellerei: Zwei Stilperioden 309 ff., Theätetkriterium 324; 
die früher herrschende romantische Einbildung, als wären seine Dialoge 
Kunstwerke dichterischer Art 89, 53, 67, 80; Definition des Kunstcharakters 
der Dialoge 15, 20, 35; Schriftstellerei ein Spiel 31; Motive und Zweck 
der Schriftstellerei, praktischer Einfluss 67, durch Recension 356, 322, 
350 f. Platon's Schriftstellerei ist deshalb ganz persönlich 235, 339; die 
Streitschrift soll die Fehlgeburt des Gegners abthun 78, 107; daher Para- 
basen 351, Einmischung der Persönlichkeit und persönlicher Erlebnisse 
16, 293, 339, als ris 296, keine historische Treue, wie in Memorabilien 
280, daher Anachronismen 15, Allusionen 16, auf Zeitereignisse 196, daher 
Vorwurf der Fiction 20. Daher freies Spiel des Humors 15, 287, 297. 



377 

Daher als Frincip der Interpretation die Beziehung auf die zu bekämpfenden 
Gegner und ihre Schriften 81, 26, 44; da Flaton seine Gegner gewöhnlich 
nicht nennt, sondern statt ihrer die grossen Meister bekämpft, von denen 
sie abhängig sind, so müssen die Beziehungspunkte für die gegnerischen 
Zeitgenossen herausgesucht werden 128, ebenso die Anspielungeik auf sich 
selbst 232, 296. Zweck in dem Gebrauch des Mythos 151, 173. Charakter 
der drei Perioden seiner Schriften 227, 260, 358. • 

Schriften. 

Apologie, auf Flaton zu beziehen 83, Unsterblichkeitslehre 177, 
chronolog. 355, 29, 122, 124.. Briefe 58 Stellung zur Politik, VU, 38, 252. 
Charmides 92> nach den Memorab. 76, 122, 124, 86, 126, enthält schon 
alle Probleme 237, Datirung 237, der grosse Mann 163, Platon's medicin. 
Bildung 228, 235, Beziehung auf Xenophon u. Phaidon 351, 29, 35, y^/^s 
ini/iäXeia 29, 33. Eu thydem 240 ff., 344, 22. Euthyhron 354. Gorgias 
83, oipoTtoÜK^ 195, 321, 353, 357, 365, Datirung 18. Leges 128, 166, 191, 
238, 321, 341. Kriton 83, 323. Menon 83. Minos VIII und XXII A. 
Farmen id es 77, 85, 348 vor Sophist., 360 nach Timaeus, 11, Datirung 
23, 24 f., 366, 26. Phaidon 87, 142, 176, 198, Anspielung Theopomp 's 199, 
287, nach Sympos. 307 ff., Theät. und Phaidon 340 f., Epicharm's Spuren 
317, 348. Phaidros 177, 207, 229, 273, 286, 356, 20, 26. Politikos 
341, 360. Protagoras 218, 238, 92, 122, 124, 33, 39. Sophistes nach 
Farmenid. 360, 348, Datirung 23. Staat erste Hälfte 92, 257, V 240, 
176, 356, VI 258, 339, 33, 41. Symposion 199, 207, 239, 262 ff., 292, 14. 
Theaitetos Eukl. Memoiren 94, AUus. auf Simon 105, 118, auf Antisth. 
107, auf Xenoph. Sympos. 346, 309 ff., 321, 323 ffl, 331, 337, 26. Timaios 
194, medic. Bildung 227, 292, 350, 41. 

Lehre. 

1. Methode. Disputation 157, Methode des Auskleidens 156, Stellung 
zur Mythologie 159, 290, 296, 297, Wissen und Meinen 167, 141, Rhetorik 
und Myth. 150, Conversio per acc. 55, Frincip des Widerspr. 168, Ortho- 
doxie 147, Dogmatik 153 f. 

2. Metaphysik: nicht blos Ideenlehre 360, Charakteristik des Systems 
durch Stellung zu den Hauptbegr. 136 Anm., Entwicklung der Lehre 
noch nicht nachgewiesen 176, Hylozoismus 7, Seele und Leib 230, Welt- 
seele 362 f., Seele und Vernunft 25, 170 f., Subject-Object 77, ov 362, 
Ideen opp. Antisth. 345, die Höhle XIII, Anderssein 170, Psychologie 188, 
ohne Begriff der Persönlichkeit 161 ff., sein Gottesbewusstsein 337 f., Un- 
sterblichkeit 164, 177, 349, 145 f., 154, Wiedererinnerung 147 f., nichts 
Persönliches 149, Seelenwanderung 147, 198. 

3. Physik: Flaton als empir. Naturforscher 294 f., 304, medicinische 
Studien 227, Naturgesetze 291, Physik der Erde 287 ff., das fiäaov 292, die 
Idee der Gravitation geht auf Flaton zurück aicoQa 294, 805, das Meer 307, 
Quellentheorie 306, Sinnlichkeit und Materie 363, Leichnam 165, Metem- 
psychose 198. 



378 



4. Ethik und Politik: Die neue Moral Flaton's ohne Bücksicht 
auf Lohn und Strafe 49, 16T f., 149, Lohn und Strafe pädagogisch 150, 
153; Lebenszweck 146, Tradition der sittl. Gesinnung im Fackellauf 39, 
150. Orthodoxie 144, 153, 174, Beligion 157, Jesuitismus 151, 174, viel 
Lüge und Betrug erlaubt als Medicin 151 f., Accomodation 150 fiP., Liebe 
23, 271, Liebesgenüsse 152, Frauenfrage 347, Bausch und Symposion 263 ff. 
Jagd 193, Pöbel 193, cexpqoavvri 31. 



Plebejisch L 

Plinius 183. 

Plotin 9. 

nXovaioi 247. 

Plutarch 40, 256, 337. 

P Ollis 257. 

Polydamas 196. 

Polykleitos 220. 

Polykrates Soph. 103, 267, 354 f. 

Ttopoi 21, 343. 

Foros Begr. 286. 

Forphyrios 16. 

Porson 209. 

TC^i ya^ ov; 321. 

Posidonius 275. 

PositiTismus 3, I. 

Postulat 12. 

norifioe Xoyoe 275. 

Präexistenz 162. 

Tt^ayfiara opp. hvofMvta 224. 

pragmatisch 145. 

Prestidigitateur 162. 

Prinsterer, Groen van 59. 

Probabüität 27. 

Problem 170. 

Prodikos 51, 133. 

yiQoyovoi 346. 

Prolegomena zu Piaton 180. 

Proportion 290. 

Proprium 21, 27. 

Prosopopoiie = ijd'oTtoud 320. 

Protagoras polit. Gedanken 41 f., 
u. Antisthenes 119, Makrologie 126, 
bei Piaton und Simon 218, 223. 

Protarchos 16. 

y^XV 25, 29. 

7f ra>xos 248. 

Puritaner (Namengebungen) 256. 

Pyrilampes 35, 225. 

Pyriphlegethon 296. 



Pythagoreer, Frauen 39, Piaton be- 
freundet 39 , JutXeSeie 97 , 129, bei 
Simon 124, 220, Ethik 161, Har- 
monie 146, Diät 183, 194 f., 197, 
180, Metempsychose 198, aXsinrtjs 
183, Einfluss auf Piaton 244, 
fMvaeXov 271, Aus- und Einathmen, 
Physik 292 ff., Seelenwanderung 
und Principien IV. 



QuaUtät 353. 



JEladowitz 38. 
Bafael 59. 
Eanke 131. 
Kationalismus 178. 
Rausch 263 ff. 
Redekunst 30, 43. 
Regel und Ausnahme 280. 
Reiske 248. 
Reizmittel 183. 
Religion 157 f. 
Rhetorik 195. 
Rindfleisch 196. 

Rohde E. Didaskalien 279, Epi- 
charm 317 , Theätet 329, nBri 362. 
Romantik 67, 89. 



üd&ri 345. 

^d'tov 344 f. 

Sauppe H., Hippias 43. 

Sauppe G. 92. 

Schaarschmidt über Theätet-Kri- 

terium 311 , Aristotel. Dialoge 

Platon's 358. 
Schanz über Spielmann 135,Theatet- 
Kriterium 310 f., y^utUSeie XXIIL 



379 



Schaukel 292. 

Schelling 3, 139, 168, 170 f., 176 f. 

Schick 242, 344. 

Schiller 105. 

Schlaf 264. 

Schleiermacher, Allgemeines 3 f. 
44, Platon'B Charakter 35, Char- 
mides 64, Euthyphron und Echt- 
heitsfrage 67, Theätetkriterium 78, 
311 f., von Hegel getadelt 79, Menon 
83, 350, Gorgias 83, 91, Unsterb- 
lichkeit 138, 168, 176, flsyiiair 
vovaa ialsch übersetzt 186, Ueber- 
setzungsprincip 203, falsch An- 
spielung auf Alkibiad. angenommen 
250, Lebensalter als Verfasser 
seiner ethischen Werke 303. 

Schlussfiguren VII. 

Schön 210. 

axo^ 201. 

Schopenhauer 303* 

Schroeder, L. von IV. 

Schusterdialoge 203. 

Schweinefleisch, verboten 186. 

Scillus 50, 317. 

Sclav 212, glückseUg 257, 345. 

Seele Pr. d. Bew. 238, 171. 

Seelenwanderung IV f. 

Seewasser 275. 

Sein 216 ff. 

Selbstzweck 73. 

Semiotisch 253. 

Sextus Emp. 97, 109, 114 f., Stil 213 . 

Shakespeare XI f., 284. 

Sicilien 208, 254. 

Siebeck 135, 138. 

Simmias mit Piaton befreundet 51, 
194, Xenophon und Simmias 92, 
95 , bei Blass 97 f. , urtheilt über 
Platon's Originalität 294 f. 

Simon und Xenophon 95, Dialoge 
97 ff., Siaaoi X6yo$ 113, Sicdä^ete 
113, alterthümlich 114, aoevrixoC 
115, in Athen 205, lehrend 219, 
S. u. Piaton 220, S. u. Antisthenes 
238, 107, llöff., bei Boeckh VIII. 

cvtonoua 196. 



-Skalp 209. 

Skepsis 203, 81, 114. 

üKm/ifia 344. 

Skythen 129, 209, 235. 

axvrueol BiaXoyoi 115. 

Schmeichelei 195. 

HfMjvoi 347. 

üfimqa tpv<m 250. 

Sokrates, von Charmides bezaubert 
31, seine Selbsterkenntniss von 
Piaton recensirt 33, verherrlicht 
Platon's Familie 35, Piaton sein 
Rathgeber 45, Vortragsweise 61 f. 
313 ff., Methode 129, von Piaton 
nicht verschont 81 ff., 280, Feinden 
Böses thun bei Simon, Xenoph. 
u. S. 208, der alte und der neue 
S. 262, Melier 275, seine Lehre 
84 f., wusch sich im Lykeion 208. 

Sokrates fAauvoftepoi 248. 

Sokratiker 97, 116. 

Selon 34, 35, 37, 41. 

Sophistik 100. 

Sophron 315 f. 

acufQoavvri 31, 33, 35, 237. 

2(OfQoavvfi 256. 

Sotion 248. 

Spanier 233. 

Spartaner 254. 

Spaventa 135 f. 

Spencer I. 

Speusippos 19. 

Spielmann, Alois 8, 53, 135. 

Spinoza 303. 

Sprachliche Elriterien 323. 

Stahl 38. 

Stallbaum, Parmenid. u. Soph. 
23, Alkib. im Staat 250, aX/Av^a 
oLTcor} Phaidr. 275, pallium compo- 
nere Theätet 336. 

araaucnat 362. 

Statistik 25 f., 319, VII. 

Stehlen 214. 

Stein, Heinrich von, Auffassung 
von Platon*s Charakter 34, Un- 
sterblichkeitslehre 164 ff., Platon's 
Diät ignorirt 180 f. 



380 



Steinhart kritiklos über das Ver- 
hält niss von Piaton und Xenoph. 
46, 64, 78, setzt die Dialoge zu 
früh 91, über Simon 107, 118, 
über Panaitios 144, Vegetarismus 
180, 200, 202, Quellen der Bio- 
graphie 235, fand das Indicium 
zur chronolog. Best, von Menon 
und Euthyphron 355. 

Stephanus 109, 113, 129. 

Stil 323. 

Strauss, David Aufklärerei 105, 
albern 158. 

Streitschrift 107. 

Studenten Platon's 358. 

Styx 288, 296. 

Susemihl Methode 3, Charmides, 
über Xenophon und Piaton 33, 
Ekkles. 40, setzt die Dialoge zu 
früh 91, Platon's Reisen 236, Al- 
kibiad. im Staat 250, tadelt Platon's 
Kunst 263, Phaidros 273. Platon's 
Unklarheit im Menon 352. 

Syllogismus investigatorius VIII. 

Synthetisches Element 169. 

Syrakus 40, 98, 130, 251, 340. 

Syrianos 142. 



TacituB 16. 

Tact, Methode 227. 

tätowiren 209. 

Tannery, über Platon's ünsterb- 
lichkeitslehre 135, über Heraklit 
137, Theätet- Kriterium 311, So- 
krates Vortragsweise 312, Staat 
vor Phaidon und Timaios gesetzt 
307, Phaidros 356. 

Tärent 244. 

Tartaros 306, 293 

rexfii^QHW 154. 

reXea 280. 

Teles 249. 

Teleutias 269. 

Testam. vet. 202. 

r^vai 126. 

Thaies 137, Piaton u. Th. 341, 344. 



Theages 16 mit Piaton befreundet. 

Theaitetos 16. 

Theben 97. 

d'elos 7, 194, 354. 

Themistokles 8:^. 

Theodektes 302. 

Theodoros über Milon 184. 

Theodoros, der Mathem., in Athen 236. 

Theologen in Deutschland 154. 

Theopomp, Lustspiel dichter 198. 

Theopomp, Schüler des Isokr. 
Wichtigkeit seiner feindseligen 
Nachrichten 16, urtheilt perspec- 
tivisch richtig 52, Piaton als Com- 
pilator80, Fleischvertheilungen 200, 
über Antisthenes 343 f., 345. 

Thesis ix tcJ Xoya) 215« 

Thespiae 271. 

Thessalier 83, 99, 208, 321. 

Thetis 127. 

Thracier 29, 208, 235, 343. 

Thrasymachos 196, 359. 

d'QBflflOL 345. 

Thurii 327. 

Thyrsosträger 172. 

ri fitiv'y 321. 

Timoleon 40. 

Timon über Eukleides 314. 

Tocco, Feiice Urtheil über die 
Methode zur Chronolog. der Plat. 
Dial. 17, argumentum e silentio 
22, Parmenidesdialog 23, Plato- 
nische Lehre 135, Phaidros 356. 

Topik 224. 

xqayuciq 353. 

Tragödiendichtung 213. 

Trendelenburg 135 

Triptolemos 191. 

XQOfri 189. 

TQvyaufa TtoXis 186. 

Tugend lehrbar 218 f. 

rvfoe 248, 2 1. 

Tyrannen 329. 



Unfehlbarkeit 74. 
Unger G. F. 183. 
Unsterblichkeit 30, 136, 



381 



Unterweltsmythos 287 ff. 
Usener 17, 37, 261 ff., 356. 
Utilitarismus 72. 



Valckenaer 92, 210. 

Vegetarismus 189, 190, 191, 199. 
Den antiken Gegensatz dazu bildet, 
wie ich glaube, die Opsophagie. 

Vegetative Natur 189, 190. 

Vera 135 ff. 

Vernunft 156, 170. 

Verwunderung 288. 

Vulkane 306, 296. 



Waage 292. 

Wahnsinnige 216 f., 302. 

Wahrheit, und Glauben 155, ohne 
poetische Verhüllung 159, un- 
widerleglich 13, gemeinsames Gnt 
75, eifersüchtig 78 f., Kriterium 
bei Simon 214 f. 

Wallace, Edwin Arist. Psycho!. III. 

Waschen 207 f. 

Weber Sanskritolog. V. 

Weiber 210. 

Weinbau 264. 

Welt 7. 

Westermann 43, 92. 

Widerspruch Princ. d. 168. 

Wilamowitz-Moellendorff, v., 
über Menon u. Gorgias 83, über 
Teles 248. f., Begründung der Aka- 
demie 261 ff., Symposium 265, 280, 
Literarhistoriker 317. 

Wissen, Alles 223. 

Witzschel 316. 

Wohb-ab 106. 

Wolf 92. 

Wollust 286. 



SsvÜCßiv 41. 

Xenophon, Agesilaos 325 ; 
Sympos. 344, 346, 281 ff.; Me- 
morabilien 20, Verhältniss zum 
Charmides Platon's 33 f., von 



Isokrates angegriffen 43 f., Zeit 
und Zweck 50, Quellen (Kritias 
Homilien) 61, 86, vor dem Char- 
mides erschienen 76, von Piaton 
beurtheilt 75; angebliche Briefe 
90 ff., hellenische Geschichte 
269; — Piaton und Xenophon 
285, 280, kennt Platon's Bedeutung 
45, macht Platon's Familie schlecht 
47, 49, 65, lobt die Feinde Pla- 
ton's 95, 125; feindlich über die 
Freunde Platon's, Agathon und 
Pausanias 285, Kritias 60, lobt 
Antisthenes 344, greift Lysias 
nicht an 287; — Philosophie, 
Unfähigkeit 51, Methode 315, 
Seichtigkeit 64, falsches Bild von 
Sokrates 260, Feinden Böses thun 
208, utilitarismus 89, keine Arbeit 
schimpflich, von Piaton durch 
das Beispiel des Phaidon im 
Bordell widerlegt 351; — Cha- 
rakteristik, 286, Stil 213, Aehn- 
lichkeit mit Simon 116, 213, durch 
Platon's Kritik vorsichtig ge- 
worden 328 — hat Epicharm ge- 
lesen 317. 



v/««e 347. 

v'Ctcov 60. 

vno/ivrjfiara 114. 

vtprjXos metaphor. für das AUg. 255. 



Zalmoxis 29 f. 

Zeichen 27, 91. 

Zeit, Begr. d. 145. 

Zeller Methode III, 5, 154, Pla- 
ton's Hylozoismus 8, Staat und 
Ekkles. 40, Dialoge zu früh an- 
gesetzt 91, hält Simon für eine 
erdichtete Figur 106, 108, schickt 
mit Recht Aristipp zu dem älteren 
Dionysios 131, über Vera 136, 
übersah die philosophischen Vor- 
gänger in der richtigen Auffassung 



383 



der Unsterblichkeitslehre 138, über 
Panaetius 138, 142, von Benn be- 
urtheilt 145, seine Vermischung 
von Orthodoxie und Speculation 
148 ff., 167, Platon's Frugalität 
180, Fräexistenz 185, Biographie 
Platon's 235, übersieht das wissen- 
schaftliche Element im Mythus 



des Phaidon 296, Aristoteles 303, 

Ideenlehre 360. 
^tjlanmia 281. 
SiTT^^Ms 114. 
Sö^of 7. 
Zorn 302. 
Zwingli 142. 



Anmerkung. Ich bedauere sehr, dass mir die Platon-Uebersetzung 
von Jowett und die Piaton -Ausgaben von Lewis Campbell hier nicht 
zugänglich waren. 

Nachträglich führe ich noch eine Gonfirmation an, die uns Plutarch 
(De sanitate tuenda p. 383 Hütten) für die Thesis der vegetarischen Diät 
Platon's liefert. Er schreibt: Kai Ti/iod'eov etneiv t§ nQoregaic^ SeSsiTtvri- 
%6ra iv axaBt]/uq na^a ühdrafvi fiovaixov xed Xtxov deinrov, tbg ol no^a 
nldrafvi BsiTtvtjaavrsg «al avgiov rjS^oiQ yrovrcu. Dass der sogenannte 
„Kater'' am anderen Tage wegblieb, ist ein Zeichen, dass die Opsophagie 
(Fleisch, Fisch und schwerverdauliche Leckereien) mit dem dazu gehörigen 
übermässigen Trinken zu der von Piaton sogenannten Bewirthung mit 
Beden {jiovütHov) nicht passten und der vegetarischen Einfachheit {hxov) 
weichen mussten. 



Index locorum. 



(Dieses Verzeichniss ist auf meinen Wunsch von einem jüngeren Freunde, 
Herrn Arved Jürgensohn, angefertigt, dem ich auch für die Correctur zu 

Dank verpflichtet bin.) 



AeschyluB. 
Agamemnon. 
V. 507 . ' 213 

Aetius. 
Flacita. 
III, 16 

Diels, Doxographi 282 . 293 
17 (Diels 383, 12) . . 294 

Agathon. 
Nauck,Trag. Graec. frg. 595 f. 280 

Aristippus. 

Brief an Simon (Mullach 
frg. II, 415) 133 

Aristophanes. 

Frösche v. 60 ff. . . . . 199 
Lysistrata 1119 . . • • 345 

Aristoteles. 

De coelo n 295 ß, 11 . . 304 

295, 20 ff. . . 305 

Eth. Nicom. I 1 303 

II 5 197 

IV 4 278 

Metaphys. 1043 B, 23 . . . 129 

Meteorolog. I 349 A 12 . . 305 

^ll\ ■ ^ 

29) 
II 355 A 32 ff. . 304 



U 356 A 14 . . 306 

22 . . 307 

Foet. IX 1451 B 21 ) 079 

XV 1454 B 14) * • 

Frobl. ^ XVI 953 A 27 .302 

» 

Athenaeus. 
Deipnosophistae. 

I" 121 f ) 275 

121 C) 

V 187 E 65 

220 D . 345 

VII 276 f. 0^ 

(200 

308 A 199 

X 412 E 184 

XI 112 . . ■ 281 

116 84 

504 E 281 

506 20 

145 
52 
79 
51 

"^"^ [u 

507 E u. F .... 148 

508 80 

XII 532 D 200 



384 



544 C 131 

552 E 201 

Cicero. 

Epist. ad Q. fr. II 13 . . 332 

De oratore II 57 .... 332 

Tuscul. I 79 141 

DemocrituB. 

Mallachi frg. 

359 B 13 . . \ 

361 A 19 . . (34g 

B 23 . . ( 

363 B 13 . . / 
Diodorus. 

Bibliotheca bist. 

XIII 19 334 

91 253 

XIV 100 254 

XV 7 335 

76 (2^ 

• • (299 

Diogenes Laertius. 

De vitis philos. 

II 52 50 

57 78 

61 131 

^^ (337 

^^ (249 

70 249 

73 337 

78 (337 

(250 

«<>)..: 247 

8I3 

82 P» 

(337 

83 132 

105 020 

(351 

'^) 314 

107) 

122 110 

123 0^ 

(119 

in 3 278 



18 249 

19 339 

21 277 

23 338 

24 315 

26 200 

28 201 

VI 7 21 

8 116 

14 (3^3 

(344 

344 

248 

25 (2^ 

(247 

49 248 

53 346 

80 248 

VUI 12 183 

15 271 

20 184 

IX 53 216 

Dio GhrysostomuB. 
XIU. Rede. 

(ßeiske) .... -^24,35) 249 




Dionysius Halicarn. 
ad Ca. Pompejum 5 



426,5 ) 



192 



. . .(332 
(333 

Ephippus. 
(Frag. Comic. Hunzicker) 494 359 

Euripides. 

Hippolytus V. 953 

Isocrates. 

'jEkevfjs iyxcifuov 5 

6 

7 , 

Or. 9. EvayoQOJS 47 ) 

60 ) 

51 

74 
77 



245 



103 



104 



385 



xara rufv aoqiarojt 1 



( 38 
2 . . . 32 
4 . . . 30 ' 
7 . . . 33 



Charmides 



8 . . .(2Ö 
( ^^ 

280 

TTfio* Tov tjBvyovs 10 tf. . . . 2Ö7 
ngoi NixoxXe'a 4 19 



] 



18 



Lysias. 

xara 'AhcißidSov Or. 14 . . j; 



Olympiodorus. 
Vita Plat. IV . 



15,12 \\ 

\ 



267 
268 
269 
270 



338 
342 



Pausanias. 

Eacius I 14 p. 49 ... . 332 

Plato. 

Apologia 34 A . . . . ( ^^ 

( 45 

38 B (35 

( 45 

Charmides 

154 .. . 



154 E) 

155 ) 

156 D 
E 

157 B 



] 



D . 

158 C 
JD 

160 E 

161 D 
163 ) 
163 B) 
163 B 



((156) 
(157 

34 

30 

229 
( 35 
( 66 

65 
66 
65 
70 

73 
351 



Convivium 



163 C) 

164 C) 

164 C ... . 
I) . . . 

165 . . . . 

165 B . . . 

166 C) 

167 C (bis 168 B) 

168 B . . 
B bis E 

169 . . 

169 A . 
C . 

170 E . 

171 D . 

172 D . 

173 C) 

174 C ) ' 

175 D . 
250 . . 

134 . . 

173 D . 

175 D . 

176 D . 

181 E . 

182 . . 

182 . 
D . 

183 E . 

184 C . 
210 . . 

218 A . 

B . 

219 B . 
221 E . 
223 B . 

D . 



Epistulae 
VII 324 A 



70 

71 

69 

73 

(75 

(161 

75 

238 
77 

238 
86 
77 

238 

76 

(74 

( 76 

74 

32 

77 
87 

273 
346 
291 
265 
272 
285 
272 
273 
272 
273 
280 
268 
263 
268 
273 
268 
106 
263 
208 

244 



25 



386 



D . . . . • . 58 

326 A 252 

B 201 

D 252 

327 D 251 

Euthydemus 

288 B .... 276 
Euthydemus 

305 B ) _ 241 
E ) 

30Ö ^ ) . . . 243 

306 C ) 

Euthyphron 

^^ ^ ) 355 

15 B ) • • • ^^^ 

Gorgias. 

6 A 

7 B 

8 A 

S> ''' 

9 E 
88 D 
95 D^ 

471 C 19 

472 157 

473 B 13 

"S\ - 

494 C 357 

505 E 315 

525 157 

525 D ff. .... 19 

Leges 

641 D 321 

650 A 

Z'^ » 

674 A 
C 
679 A 191 

^>] ■» 

838 (bis 840 0) 

839 J . . 158 

840 B 



Leges 

841 (bis 842) ... 152 
861 128 

Meno 

'^^ ^ ) 347 

75 D 83 

76 D 349 

E ...... 350 

86 A 349 

94 E ( ^ 

(354 

95 A 83 

97 D ...... 355 

^^ ^ ) 83 

100 B) ^^ 

Minos 

320 B xxn 

Parmenides 

133 E ... . 77 

'''S) . . . 25 
E) 

151 E bis 157 B 360 

Phaedo 

59 B 35 

61 D 295 

62 A ...... 321 

72 E 348 

78 287 

108 C (^^^ 

(298 

1295 
297 
298 
E 295 

110 B 288 

111 E 293 

112 B 292 

D (291 

(293 

E 292 

113 B 296 

114 D . . . . • i[f^ 

(288 

Phaedrus 

228 ) ... . 20 

229 C ) 



387 



Fhaedrus 



Philebus 
Politicus 



229^) .... 21 
E) 

231 A 
D 

232 B ^ .... 273 
233 
234 

242 248 

243 C 274 

D 275 

253 A f. . . . . 161 

267 B 52 

270 C 330 

46 A 357 



Proiagoras 



. 188 

. 150 

. 52 

. 123 

. 125 

. 279 

. 51 

. 60 

. 124 

. 123 

. 125 

. 123 

. 218 

. 123 

. 106 

. 126 

. 124 



. . . 125 



... 157 

... 125 
351 B) 52 



Protagoras 



349 E 

350 . 

350 A 

B 
C 

V 

E 

351 . 

352 A 
360 . 



Respublica 



17 B . 
59 D . 

176 E) 

177 A) 
338 C . 
347 . . 

347 B . 

350 (bis 
359 . 

361 E . 

362 . . 

362 B . 
D . 

363 . . 



362) 




404 C . 

434 A . 
436 A . 
443 G . 
452 B) 

C . 



( 54 

( 55 

54 

55 

( 54 

( 55 

55 

56 

57 

55 

230 

53 

41 
52 

330 

196 

47 
(47 

( ^® 
48 

232 

49 

48 

149 

47 

( *® 
(150 

149 
49 

186 
187 
186 
127 
(182 
(185 
127 
233 
127 

239 
232 



388 



Respublica 



452 D 
457 B 



458 . . 

459 C . 
468 B) 

473 D 

477 . . 
477 C . 

484 C . 

485 A . 
487 E . 



489 B 



239 

(239 

(240 

154 

151 

185 



252 
155 

77 
362 
244 
245 
245 
247 

45 
244 



l 



246 

253 
255 
253 
254 

255 

250 
118 
119 
118 
258 
259 

155 

77 



89 



244 
295 

155 

233 
244 



Respublica 

600 B . 
612 B . 
667 C) 
782 ) 
824 

842 (' ff. 
844 D ff. 
849 D 



197 
149 



Sophistes 



217 C 



Theaetetns 



Timaeus 



143 B 
152 D 

156 A 

157 
169 

172 E 

173 B 

D 

E 
174 

174 A 
D 
E 

175 B 
C 

D 

E 

176 B 
180 D 
210 C 




. . 192 



. . 193 



23 



. 314 
. 315 
. 349 
. 352 
. 157 
. 342 
. 340 
(341 
• (346 
. 341 
. 345 
. 343 
. 328 
. 329 
. 340 
. 334 
333 
343 
345 
336 
346 
105 
107 

41 

7 

360 

357 

350 

188 



389 



Timaeus 



72 E . . 

77 A . . 

A bis C 

80 E . . 



85 B 
92 B 

Plutarchus. 
De exilio 
XIV . . 



189 
190 
189 
190 
186 
7 



331 



De malign. Herod 332 

De San. tuenda (Hütten p. 383) 382 
Dion 



IV 


. 255 


V 


(256 


T .......1 


(257 


Timoleon 




XV 


. 332 


Scholia 




in Aristot. 




576 a 39 (Brandis) . . 


. 143 


Sextus Empiricus 




Adversus mathematicos 




II 31 


. 191 


VII 60 ff.) 

64 ) • • • • 




. 216 


414. 211 ff. . . . 


. 115 


458 § 446) 
VIII 459, 1 ) • • * 


1 1 ji 


114 


519, 323 f . . . . 


. 115 


IX 15 (Mullach I 174 a] 


1 191 


548 


. 114 


223 § 35 ) 

224 § 41 ) • • • 


. 114 


Pyrrhon. Hypotypos. 




I 7~11 


115 


in init 


. 114 


Simon, Disputation es {JiaXeZ 


Big) 


I 544a (Mullach)» 
545 ) . 
ILl 547 b 1 




. 116 




Epist. ad Aristipp. 




(ed. Orelli p. 18) . . . 


. 108 


Socratis (et Pythagorae) 




Epistulae 16 (ed Orelli) . . 


107 


(Mullach 11 415) 





Te stamentum Vetus 
Genesis I l,29l 

I 9,2 / . . . 202 
Deuteron. XXIII 25' 

Xenophon 
Agesilaus 

13 328 

Convivium 

IV 38 344 

Vni 285 

• ^I «) 282 

32) 

Epistulae 
(Ed. Hercher p. 623) . . 125 
ad Aeschinem ) 
ad amicos Socratis) 

j 92 
ad Oebetem et Simmian : 94 

I 95 

Hellenica 

n 4 19 63 

V 1 22 -269 

Memorabilia 

I 2 12 58 

2 19; 21 ... . 116 

2 29 285 

(60 

30 Jei 

48 44 

50; 52 .... 71 
56; 57 . ... 72 

3 14 50 

116 10^ 56 

39 48 

7 8 ff. 73 

™«^ U' 

2 

^i 47 

4i 

18 
9 69 

^n 63 

3) 



390 



Memorabilia 

ni 7 5 . . . ( ö5 

(66 

Vy » 

9 69 

9 4 34 

5 55 

") 71 

29 ) 

IV 1 4 73 

2 8 61 

24 69 

69 

25 1 70 

' 76 
25 ff. 74 



Memorabilia 

26 C^^ 

( 76 

30 ff. 

32 ( .... 72 

33 ' 

3 89 

3 2 61 

67 70 

10 (54 

( 55 

11 55 

7 2 ff. ) 

4 ) «^ 

9) '70 



Druckfehler. 

In Band I. 

S. 201, Z. 3 von unten lies: ausgezeichnet. 

- 228, - 2 - oben und 230, Z. 3 von unten lies: Rose statt Bonitz. 



In Band II. 



3. 2, Z. 


13 von 


unten ] 


Lies: eben statt aber. 


- 47, - 


2 


- 


- 


Xenophonteischen. 


- 55, - 


5 


- 


- 


dass. 


- 65, - 


3 


- 


oben 


dem statt den. 


- 79, - 


9 


- 


unten 


rücksichtslose. 


- 97, - 


1 


- 


oben 


Viertes statt Drittes. 


- 13G, - 


19 


- 


unten 


Schaarschmidt. 


- 149, - 


4 


- 


• 


irdischen und himmlischen 


- 200, - 


7 


- 


- 


ü>i statt toate. 


- 202, - 


8 


- 


- 


Xo^ov. 


- 300, - 


8 


- 


- 


two. 


- 303, - 


14 


- 


oben 


Tractatus. 



Von demselben Verfasser sind erschienen: 

Die Aristotelische Eintheilung der Verfassungsformen 1859. 
Die Einheit der Aristotelischen Eudämonie. Im Bulletin der kaiserl. 
Akademie d. AVissenscli. St. Petersb. 1859. 

Beiträge zur Erklärung der PoStik des Aristoteles 1867. 
Aristoteles' Philosophie der Kunst 1869. 
Geschichte des Begriffs der Parusie 1873. 

Letztere drei Bände unter dem Gesammttitel „Aristotelische 
Forscliungen" (bei E. Barthel, Halle). 

Studien zur Geschichte der Begriffe, 667/ IX, S. 1874 (Baer, 

Franklui't a. M.). l. Anaximander. 2. Anaximenes. 3. Xenophanes. 
4. Platon's Unsterblichkeitslehre. 5. Platon und Aristoteles. 

Ungedruckte Briefe von Kant und Fichte. (Zeitschr. für Philos. 

Ficbte-Ulrici 1875.) 
Die Platonische Frage. Eine Streitschrift gegen Zeller. (Fr. A. 

Perthes, Gotha) 1876. 
Neue Studien zur Geschichte der Begriffe. Drei Bände (Perthes^ 

Grotha). 

I. Herakleitos 1876. 

11. Pseudohippokrates de diaeta — Herakleitos als Theolog, oder 
über den Einfluss der ägyptischen Theologie auf die griechische 
Philosophie. 1878. 
III. Die praktische Vernunft bei Aristoteles 1879. 

Frauenemancipation (Köhler, Leipzig) 1877. 
Darwinismus und Philosophie (Köhler, Leipzig) 1877. 
Wahrheitsgetreuer Bericht über meine Reise in den Himmel. Von 

Immanuel Kant. (Perthes, Gotha) 1877. 
Charakteristik der Araber. Eine völkerpsychologische Skizze. 

Baltische Monatsschr. Bd. XXVI, Heft 1. 
Unsterblichkeit der Seele. Zweite Aufl. 1879 (DunckerA Humblot). 
Das Wesen der Liebe. 1880 (Duncker & Humblot). 
Pädagogisches. 1881. Zur Revision des Lehrplans unserer 

Gymnasien. (Köhler, Leipzig.) 
Die Reihenfolge der Platonischen Dialoge (Leipzig, K. ¥. Köhler) 1879. 
Literarische Fehden im vierten Jahrhuudei-t vor Chr. (Erster 

Band) 1881 (Koebner, Breslau). 

Chronologie der Platonischen Dialoge der ersten }'eriode, Platon 
antwortet in den Gesetzen auf die Angrifl'e des Aristoteles. 
Der Panathenaikus des Isokrates. 

Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der 
Metaphysik. 1882 (Koebner, Breslau). 



Hirachberg. „Bote aas dem Bieaengdbirge* 



->m 





->iE|. 



Philosophischer Veilug von Wilhelm Koebner in Breslau. 

Faickenberg, Richard, Giundzüge der Philosophie des 
Nicolaus Cusanus. Preis 4 Mk. — Pf. 

Frege, G., Die (Jlruiidhigen der Arithmetik. Eine logisch 
matlieniatischc Untersuchung über den Begriff der 

Zahl. Preis 2 ^Ik. 80 Pf. 



Glogau, Gustav, AI)riss der philosophischen Grundwissen- 
schaften, l. Theil: Die Form und die Bewegungs- 
gesetze dos Geistes. Preis 9 Mk. — Pf. 

— — Grundriss der Psycliologie. Preis 4 Mk. — Pf. 

Koeber, R., Das philosophische System Eduard von Hart- 
mann's. J'reis 9 Mk. — Pf. 

Leclair, Anion von, Beiträge zu einer monistischen Er- 
kenntnisstheorie. Preis l Mk. 50 Pf. 

Münz, Wilhelm, Die Grundhigen der Kant'schen Erkenntniss- 
theorie. Preis 1 Mk. 60 Pf. 

Schuppe. Wilhelm, Grundzüge der Ethik und Keclits- 
philosopliie. Preis 9 Mk. — Pf. 

J)as metaphysische Motiv und die Geschichte der 

IMiilosophie im rmrisse. Preis 1 Mk. — Pf. 

Steckelmacher, Moritz, Die formale Logik Kant's. 

Preis 1 Mk. 50 Pf. 

Telchmilller, Gustav, Literarische Fehden im vierten Jalir- 
hundert v. ( -hr. Erster Band. (Chronologie der Plato- 
nisclieii Dialoge der ersten Periode.) Preis 8 Mk. — Vi'. 

J)ie wirklitrlie und die scheinbare Welt. Neue 

(Ji'undlegung der Metapliysik. Preis 9 Mk. — Pf. 

Uphues, K., Grundlelireu der Logik. Nach Kichard Shute's 
Discourse on trutli bearbeitet. ]Veis 7 Mk. 20 JM". 



nirHflihcrji, Bote a. <l. Hioseugebirgo. 



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